Nebenbei Antiquar - Hans Oskar Peter Utaipan - E-Book

Nebenbei Antiquar E-Book

Hans Oskar Peter Utaipan

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Beschreibung

Markus (33), in Altertumswissenschaften studiert, betreibt in Darmstadt mit seinem Vater einen internationalen Kunst- und Antiquitätenhandel. Im Februar 2000, auf der Autofahrt von Bad Homburg nach Hamburg zu einer Kundin, überdenkt er Teile seines ungewöhnlichen Lebens. Dessen Mittelpunkt sind Kunst, Antiquitäten, seine Familie, Freunde und Liebschaften zu Frauen. So begegnet er der hermaphroditisch schönen Melanie. Aber diese ist bereits mit einer bekannten Berliner Modedesignerin liiert. Dennoch kommt es zu einer für beide unvergesslichen Liebesepisode, welche aber Melanie trotzdem beendet - man bleibt aber in Freundschaft verbunden. Irrungen und Wirrungen, ein krimineller Akt, die Kanareninsel La Palma, erotische Liebeleien, großartige Kunst- und Antiquitäten, aber auch persönliche Verluste und Niederlagen füllen sein wahrlich ereignisreiches Leben in einer rasanten Zeit bundesdeutscher Wirklichkeit. In seinem zweiten Roman lässt der Autor seinen Hauptprotagonisten Markus Scheithofer oft selbst erzählen. Er gibt diesem aber keine Personenbeschreibung mit, sondern fordert die Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser heraus. Damit haben diese die Chance sich die Hauptfigur des Markus nach eigenen Vorlieben vorzustellen bzw. zu imaginieren. Nur die anderen Protagonisten lässt der Autor etwas über die Personalität der Hauptfigur aussagen.

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EPUB
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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Hans Oskar Peter Utaipan

Nebenbei Antiquar

Antikenhandel ist seine Profession – eine hermaphroditisch schöne Frau seine große Liebe.

© 2019 Hans Oskar Peter Utaipan

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-5006-1

Hardcover:

978-3-7497-5007-8

e-Book:

978-3-7497-5008-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Nebenbei Antiquar

Antikenhandel ist seine Profession – eine hermaphroditisch schöne Frau seine große Liebe.

Für Arunee

Diesem Roman liegen wahre Begebenheiten zu Grunde. Die Namen der im Roman handelten Personen, deren Handlungen sowie Lebensumstände sind frei erfunden.

Wie ein Roman auch sein mag, er ist stets

schöner als das Leben.

Frei nach Jules Renard (1864-1910)

französischer Romanautor

Das erste Kapitel

Ereignisreiche Autobahnfahrt in Geschäften nach Hamburg.

>Düdel- Lüdel- Lüt, Düdel-Lüdel-Lüt, Düdel-Lüd …< und dann hatte ich dem Radiowecker den Garaus gemacht. Dessen Display zeigt 22. Feb. 2000 und 02:30 an diesem Morgen. Rasieren, Duschbad, Körperpflege und dazwischen die Espressomaschine mit Kaffeepulver gefüttert und den Schalter auf das Symbol >kleine Tasse< gestellt. Das rabenschwarze Gebräu aus einer exquisiten Kaffeesorte verströmte für mich dann auch schon den Duft mit Aufwacheffekt. Einkleiden mit weißem Hemd, Krefelder Seidenschlips mit klassisch- dunkelbraunem Fantasiemuster auf bordeauxrotem Grund. Dieser mit Windsor-Knoten in der Länge knapp oberhalb des Gürtels aus schwarzem Exoten-Leder gebracht. Schwarze Socken übergestreift. Mit Andacht von dem Espresso Genuss genommen, in die passend zum Gürtel ebenfalls schwarzen Schuhe geschlüpft. Die Siebensachen vom Schreibtisch in meinen bereits vorbereiteten Aktenkoffer gestopft, mein Laptop unter den Arm geklemmt. Durch das kurze Flurstück meines Apartments zum Ausgang gehastet. Hinter mir abgeschlossen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl den Autoschlüssel gegriffen und nochmal in den Aktenkoffer geblickt, ob ich auch das oft nerviges Nokia 9000 dabeihabe. Dann in der Tiefgarage angekommen. Das zur oberen Mittelklasse gehörende Fahrzeug einer Nobelmarke hatte ich mir ausgeliehen. Denn der Besuch bei einem sehr wichtigen Kunden bzw. Kundin stand an und da war mein acht Jahre alter Kleinbus aus fernöstlicher Produktion wohl nicht das richtige Fahrzeug um bei Millionärs vorstellig zu werden. Dort ein hochwertiges Sammelobjekt >Kunst auf Papier< zu besichtigen, taxieren und ggf. anzukaufen. Dieses aber wahlweise auch als Einlieferung an das englische Auktionshaus zu vermitteln, für welches ich zeitweise auch Expertisen für Bibliophiles, Handschriften, aber auch Numismatik erstelle. Dies waren meine Pluspunkte gegenüber weiteren Interessenten und das englische Auktionshaus war ohnehin allererste Wahl für solch ein Objekt, welches ja im Detail aufgearbeitet werden musste. In Deutschland gab es für dieses durchaus Konkurrenz, aber ich hatte nur Respekt vor der immer kurz entschlossenen und kapitalstarken aus der Schweiz. Fuhr dann von der Aumühlen Straße über die Homburger Landstraße aus Oberursel in Richtung Bad Homburg zu der dort erreichbaren Auffahrt zur Autobahn A661 bis zum Autobahnkreuz Bad Homburg. Dann auf die A5 in Richtung Kassel um in deren Verlauf auf die A7 zu kommen mit dem Ziel Hamburg. Aktuell war es 03:15 Uhr als ich auf die A5 gewechselt. Schaltete den Verkehrsfunk an, denn es war doch reger LKW Verkehr, jedenfalls auf diesem Streckenabschnitt. Blick auch auf die Außentemperaturanzeige + 5.1° Celsius. Die Nacht war recht klar und so fuhr ich wohl ab der Rastanlage Wetterau doch teils mit 140 km/h. bei der guten Sicht und hier auch fast keinem PKW-Verkehr, nur einige Lastkraftwagen zu diesem Zeitpunkt.

Wollte zuerst meinen Vater mitnehmen, denn wir Scheithofer sind eine Familie von Kunst- und Antiquitätenhändlern. Großvater und Vater waren Inhaber eines Antiquariats in Frankfurt am Main, auf der Sachsenhäuser Mainseite, Gemarkung Museumsufer. Beide waren studiert in Altertumswissenschaften, der Großvater war international beachteter Experte für Ostasiatika und pflegte Geschäftskontakte bis in die USA. Während der Bombennacht am 22. März 1944, ging Frankfurt in nicht einmal einer Stunde mit seiner Altstadt in einem Feuersturm unter. Die Bomber der Royal Airforce und alliierter Verbände warfen weit mehr als 1000 Sprengbomben und über 1 Mio. Stabbrandbomben über der Mainmetropole ab. Auch am gegenüberliegenden Mainufer fielen Bomben, trafen auch den Gebäudekomplex des großelterlichen Antiquariats nebst den Lagerräumen. Alles ging in Schutt und Asche unter. Nach dem II. Weltkrieg baute man zunächst ein zweigeschossiges Gebäude mit Flachdach. Parterre Verkaufsraum, Lager, Werkstatt für Restaurierungen und Fotostudio mit Labor. Im ersten Stock die Privatwohnung und Büro. Doch das Provisorium war nicht auf Dauer ausgelegt. Da die Nachbargrundstücke repräsentative Bauten aufwiesen, hat das doch wohl alles recht provisorisch ausgesehen. Aber für eine ordentliche Neubebauung im Stil zu den anderen Grundstücken war kein Geld vorhanden. Daher verkaufte die Großmutter das Anwesen nach dem Tod des Großvaters, welcher 1963 an den Folgen einer Kriegsverletzung verstorben war. Aus dem Erlös erwarb sie Grundbesitz mit großzügigem Anwesen in Darmstadt auf der Mathildenhöhe. Nach dem Tod ihres Mannes kränkelte die Großmutter, ihr Lebensmut war dahin. Einer Lungenentzündung standen keine Kräfte mehr entgegen und so entschlief sie fast genau ein Jahr später im Vaterländischen Krankenhaus Frankfurt.

Jetzt, aus den Erinnerungen durch ein Fahrzeug aufgeschreckt, welches mit allem was an Scheinwerfern vorhanden aufgeblendet, im wahrsten Sinne des Wortes auf der linken Fahrbahnseite vorbeiraste. Der Silhouette nach, ein schwarzer Porsche, dessen rotes Licht der Rückleuchten in Sekundenschnelle von dem Dunkel der Nacht aufgezehrt wurde. 04:00 Uhr noch weniger Verkehr. Eine Rastanlage passierend, fast voll besetzt mit Lastkraftwagen, deren Fahrer ihre Ruhezeiten einzuhalten hatten.

Ach ja …Vater heiratete 1966 meine Mutter Gerda Brauer, so kam ich 1967 auf die Welt. Die Gene meines Vaters ließen mich nach Abitur ein Studium der Altertumswissenschaften beginnen. Wollte in Berlin an der FU studieren, aber das war finanziell nicht zu stemmen. Mutter hatte zwar BWL studiert, aber nur einen Halbtagsjob vor Ort gefunden. Vater bereiste mit einem Kleinlastwagen Trödel- und Antikmärkte, aber auch Auktionshäuser, wenn deren Schwerpunkt Kunst. Machte aber keinen großen Schnitt, weil er einfach zu viel dessen was er erwarb selbst sammelte, oder darauf warten wollte, dass er die erworbenen Gegenstände mit höheren Gewinnen verkaufen konnte. Es gab aber finanziell keinen Mangel bei den Scheithofers. Mutter quengelte auch nie, aber ein Studium fernab von Zuhause finanzieren, das ging dann aber auch gar nicht. Dann hatte Vater die brillante Idee doch einen ehemaligen Studienfreund aus Köln anzurufen. Der war sofort bereit zu helfen. Quartier und Verpflegung hatte der spontan angeboten und in Aussicht gestellt, dass ich in dessen Nachbarschaft sicher mit einem für Studenten zumutbaren Nebenjob rechnen könne, eben des Taschengeldes wegen. Konnte mich für die Fachrichtung Papyrologie, Epigraphik und Numismatik bei dem dortigen Institut für Geldgeschichte einschreiben. Bekam schon während meiner Studienzeit eine Hilfsanstellung bei einem Kölner Kunst-Auktionshaus, welches auf die Verwertung von Nachlässen spezialisiert war. Schnell war ich fasziniert von der Vielfalt dessen was man dort als Auktionsware zur Versteigerung angeboten bekommen konnte. Zuerst zögerlich, dann aber mit vollem Einsatz ging ich allen Gelegenheiten nach, wenn etwas von Wert und Alter anzukaufen war. Zuerst durch Kleinanzeigen in den Tageszeitungen bekam ich auch oft Konglomerate und kleine Nachlässe angeboten, in deren Bestand sich auch Briefmarken befanden. Ich wertete das nicht großartig, bis mein Vater einmal darauf hinwies, dass ich doch eine recht wertvolle Sammlung Briefmarken Saar-Saarland ungebraucht und gebraucht mitgebracht hatte. Danach kam mein Interesse auch auf die Philatelie, im Fachjargon für das Sammeln von Briefmarken und zu Briefmarken gehörende Gegenstände. Nachdem das Studium Ende März 1991 beendet, zog es mich wieder nach Darmstadt. Dort begegnete ich im Frühsommer Melanie, der ersten wichtigen Frau meines Lebens. Bis 1994 hatte ich mich in der Kunstbranche etabliert und betrieb unter Vaters Kunsthandel den Versand von kleineren Kunstgegenständen, Münzen und Briefmarken nach Verkaufslisten. Das lockte auch Kunstkenner dazu, Vorort in der Verkaufshalle des Vaters nach Gelegenheiten zu stöbern. Nun florierten unsere beiden Geschäfte. Mutter kündigte dann ihre Anstellung um den kaufmännischen Bereich unserer Aktivitäten zu organisieren. So hatte sich auf meinem Konto bald das Kapital angesammelt um auch größeren Geschäften nachgehen zu können.

Ein LKW mit Anhänger, welchen ich gerade überholden wollte, erforderte meine ganze Aufmerksamkeit, denn dessen Anhänger schlingerte in ungewöhnlicher Weise. War ich doch im Bereich der Kasseler Berge angekommen, wie man diesen Autobahnabschnitt bezeichnet. Im gleichen Augenblick piepste die Außentemperaturanzeige und auf dem Display musste ich – 3Grad° C. ablesen. Parallel auch noch der Verkehrsfunk mit der Warnung >Fahrbahnglätte im Bereich der Kasseler Berge und streckenweise in allen Höhenlagen<. Inzwischen hatte ich die Fahrgeschwindigkeit zu 100 km/h reduziert um den LKW sicher zu überholen. In Höhe des Anhängers angekommen, driftete dieser auf meine linke Fahrbahnseite-Überholspur zu. Blick in den Rückspiegel. Nur nicht abbremsen. Denn schnell wie ein gefräßiges Raubtier, schien ein Fahrzeug mit aufgeblendeten Scheinwerfern aus der Dunkelheit nahe zu kommen, nun Wechsellicht durch Lichthupe. Da musste es jemand ganz eilig haben. Der Anhänger kam bedenklich nahe auf meine Fahrbahnseite und ich entschied mich dennoch wegen der Fahrbahnglätte kein Gas zu geben, denn die Bremsleuchten des LKW signalisierten, dass dieser bereits seine Geschwindigkeit reduziert und ich dann auch haarscharf an der Zugmaschine vorbei, sanft nach rechts lenkend vor den LKW gekommen war. Wie ein Déjà-vu raste wiederum der schwarze Porsche vorbei. Schlingert plötzlich. Driftet seitwärts über die gesamte Fahrbahn. Dann dreht das Fahrzeug einige Kreise und schießt frontal auf die rechte Leitplanke der Fahrbahn zu. Autoteile fliegen durch die Luft als der Porsche wohl auftrifft. Das Heck stellt sich hoch und dann fliegt das Fahrzeug über die Leitplanke in das Nirgendwo. Als dann mit gemäßigter Geschwindigkeit die Unfallstelle passiert, bremse ich mein Fahrzeug erst auf dem Seitenstreifen gefühlvoll bis zum Ausrollen. Habe weiche Knie als ich aussteige. Es ist glatt! Rückwärts zu dem LKW blickend steht der quer zur Fahrbahn, doch bewegt sich dann langsam um wieder auf die äußere Fahrspur zu kommen. Dahinter werden einige PKW sichtbar, welche dann überholen. Die haben wohl nichts von dem Unfall des Porsches mitbekommen, denn die passieren in gemäßigtem Tempo die Unfallstelle, um sich dann etwas schneller werdend zu entfernen. Der Fahrer des LKW hat diesen mit eingeschalteter Warnblinklange auf dem Standstreifen zum Halt gebracht. Er ist ausgestiegen und kommt auf mich zu.

»Mensch haben sie Glück gehabt«, keucht dieser erregt, reicht mir die Hand und versucht auszuspähen wo der Porsche abgeblieben ist.

Der Händedruck erfolgt.

»Sie aber auch! Das war für sie mehr als knapp. Übrigens ich bin der Markus «, stellte ich mich vor.

»Bin der Ottmar und hole mal die große Batterieleuchte und den Verbandskasten. Sichere dann noch schnell die Unfallstelle mit Signalfackeln ab. Wir müssen zu dem Unfallwagen und erste Hilfe leisten, wenn es da noch etwas zu leisten gibt. Hoffentlich benachrichtig einer der Vorbeifahrenden die Autobahnpolizei«, ist dessen Sorge.

»Wenn ich hier Netzt habe, kann ich das mit meinem Mobiltelefon erledigen«, gab ich meiner Hoffnung Ausdruck.

Hatte dann zwar nur wenig Netz, doch der Notruf ging durch. Schilderte kurz die Situation welche sich kurz hinter der Autobahnauffahrt Hann. Münden in Richtung Göttingen ereignet hatte. Nicht ganz fünf Minuten später, folgte ich mit den Erste- Hilfeausrüstungen beider Fahrzeuge dem Ottmar mit seiner großen Batterieleuchte über die Leitplanke. Es ging die recht steile Böschung hinab zu einem Wiesenstück. Dort stand etwa 60 Meter weiter der verknautsche Porsche auf den Rädern. Die Frontscheibe war nicht mehr vorhanden und die der Tür zur Fahrerseite war zerborsten, die Airbags hatten ausgelöst. Im Lichtschein der Leuchte, saß eine Frau regungslos im Sicherheitsgurt auf dem Fahrersitz. Von außen ließen sich beide Türen nicht öffnen. Ottmar machte an der Fahrerseite einen weiteren Versuch, indem er zur Innenseite der Türe griff und es dann auch verstand deren Verriegelung zu lösen. Aber es bedurfte der gemeinsamen Kräfte die Türe dann durch heftiges Rucken fast ganz zu öffnen. Ottmar ertastete den Puls an der Halsschlagader der wie leblos Sitzenden.

»Sie lebt, der Puls ist gut fühlbar, hoffentlich nur eine Ohnmacht. Wir bewegen sie nicht, lockern nur ein wenig den Sicherheitsgurt, aber nur so weit, dass sie noch in der angetroffenen Position sitzen bleibt. Ich probiere nur einen Riechkapsel«, erklärt er mir, aber es klang so als spreche er zu sich selbst. Er brach die Ampulle auf, welche sich in dem Erste-Hilfe-Set befunden und wedelte damit unter ihrer Nase. Prompt schlug die Verunglückte ihre Augen auf. Unverständnis in ihrem kalkweißen Gesicht. Sie stöhnte auf, während sie sich etwas zu uns wendet.

»Bitte bleiben sie ganz ruhig sitzen. Es kommt gleich Hilfe. Sie sind von der Autobahn abgekommen, doch ihr Wagen steht noch auf den Rädern. Aber sie haben vielleicht einen Schock«, verniedlichte ich die ernste Situation und sah die Verunglückte mit gezwungenem Lächeln an, denn ich konnte diese, ihre Situation nicht einschätzen.

Aber Ottmar.

»Das haben sie noch gut hinbekommen«, begann er mit der Frau ein Gespräch und richtete den Schein der Batterieleuchte aus ihrem Gesicht etwas zu uns und auf die Umgebung.

»Das ist der Markus und ich bin der Ottmar. Bis weitere Hilfe eintrifft leisten wir ihnen Gesellschaft«, war sichtlich eine beruhigende Ansprache.

Erstaunt war ich, wie geschickt der Ottmar es verstand mit ihr nun in Konversation zu kommen, so dass sie entweder mit >Ja< oder >Nein< zu Antworten wusste. Es war recht kalt und wir froren. Ich sah mich in dem Porsche um und fand auf dem Rücksitzt ihren Mantel. Es gelang mir diesen zu greifen und sie damit in der Sitzposition vor der Kälte etwas zu schützen. Dann kam auch schon in direkter Reihenfolge Polizei und der Rettungswagen mit Arzt und zwei Sanitäter mit Bahre. Ottmar berichtete was wir getan und unterlassen hatten.

»Sie haben alles richtig gemacht. Geben sie der Polizei einen Bericht und ihre Personalien, wir kümmern uns um die Verunglückte«, wurden wir von dem Arzt weggeschickt. Bis alles erledigt war zeigte die Uhr 05:15 als ich in den Wagen stieg zur Weiterfahrt nach Hamburg, nicht ohne mit Ottmar die Adressen und Rufnummern ausgetauscht zu haben. Der fuhr täglich Speditionsgut von Frankfurt nach Hamburg. Inzwischen waren auch zwei Streufahrzeuge vom Winterdienst der Autobahnmeisterei an uns vorbeigefahren. Im Polizeifunk hörte ich von weiteren Unfällen kurz vor Göttingen. Die verlorene Zeit wollte ich nach dem Zwischenfall nicht mehr aufholen, sondern folgte dem fließenden Verkehr nach Hamburg, welcher sich mehr und mehr vor meinem Ziel verdichtete. Es war dann schon lichter Morgen, als ich gegen 08:30 in den Elbtunnel einfuhr. Seltsam, die verunglückte Frau beschäftigte meine Sinne. Nahm mir für den Rückweg vor, mich über den Ausgang des Unfalls bei der Polizeidienststelle Hann. Münden zu informieren. Schon kurz hinter dem Elbtunnel kam die Autobahnabfahrt Hamburg-Othmarschen. Reihte mich in den Verkehr nach Othmarschen ein und orientierte mich dann Richtung Elbchaussee, für die Adresse zu welcher ich angereist war. Es waren wenige Minuten nach 09:00 Uhr, als ich auf der Elbchaussee nähe Jenischpark nur wenige Meter von meinem Fahrziel den Wagen auf dem schmalen Randstreifen und halb Trottoir einparkte. Das Anwesen, wie mir beschrieben, lag auf der anderen Straßenseite. Hohe Hecken verwehrten den Einblick. Die Zufahrt gesichert durch ein schmiedeeisernes Tor, welches ich als antikes Original einordnen konnte. Meine Ankunft war für 10:00 avisiert und so verbrachte ich die Zeit mit warten und rekapitulierte den Zeitabschnitt ab meiner ersten Begegnung mit Melanie.

Das zweite Kapitel

Einsichten in Liebesrealitäten.

Wie schon zuvor meine Gedanken an Melanie, lernte ich diese an einem herrlichen Frühsommertag 1991 kennen. Es war Nachmittag, welchen ich mit zwei meiner besten Freunde nach einer Radtour im Biergarten der Grohe Brauerei vor Ort verbrachte. Diese Darmstädter Institution war auch angesagter Treff für meist jüngeres Publikum. Dieses bestand aus Studenten und allen weiteren Gästen, welche die Vorzüge der Schankwirtschaft mit Biergarten in rustikalem Ambiente zu schätzen wussten. Man sitzt dort an üblichen, brauereieigenen Klapptischen auf dazu gehörigen Sitzbänken. Genug Komfort um eine Maß Bier zu genießen, wie dies in mehreren Sorten im Angebot ist. Dazu bürgerliche Kost. Angefangen von großen Scheiben Steinofenbrot mit Zwiebelschmalz bis über Wurstgerichte hin zum Rippchen mit Sauerkraut. Mit meinen besten Freunden Dieter Reisch und Heiko Küster, alles Nachbarsjungen, hatte ich bereits die Schulzeit bis zum Gymnasium verbracht. Der blonde Dieter mit sportlich gestählter Figur war schon im Gymnasium Schwarm der Mädels. Aktuell ist er als Filialleiter einer Großbank beliebter Ansprechpartner bei der Damenwelt. Heiko, welchen wir den >Katholischen< nennen, weil er keinen sonntäglichen Kirchgang versäumte, ist der Feinsinnigste unter uns und den schönen Künsten zugeneigt. Er spielte schon seit seinem fünften Lebensjahr Klavier und studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik in Frankfurt. Hatte dort vom ersten Tag an eine obsessive Liaison mit einer zu ihm älteren Cellistin, welche bereits mehrere Jahre kinderlos verheiratet war. Doch dann guter Hoffnung, nachdem beide in einem Quartett mit Kammermusik auf Tournee waren. Das war der Stand der Dinge, als wir beim ersten Bier und um uns herum die Tische schon fast alle besetzt waren. Zwei junge Damen betraten die Szene. Deren feine Garderobe passte eigentlich nicht in das rustikale Ambiente eines Biergartens. Man schien zunächst unentschlossen bei der Platzwahl. Da unser Tisch nur von uns besetzt war, kamen die Damen beherzt auf uns zu. Ab dem ersten Moment von deren Wahrnehmung war ich in direktem Blickkontakt zu der Brünetten mit Kurzhaarfrisur. Diese war modisch als Franzen geschnitten, bedeckte partiell deren Ohren und die Stirn, wobei einige vorwitzige Haarfranzen bis über die Augenbrauenbogen reichten. Die Augen mit den nahezu schwarzbraunen Iriden blickten aus einer Mischung von Neugier und Sinnlichkeit, hielten meinen Blicken stand. Bei Annäherung zu unserem Tisch ging ein Anflug von Freude über das in der Gesamtheit als mädchenhaft schön zu beschreibendem Gesicht. Doch ihre frauliche Reife unterstrich das perfekte Augenmakeup. Passend zu dem Farbton ihrer Haare und den Augen, ließ es diese gewollt größer erscheinen. Das gab ihren feinen Gesichtszügen die Faszination, welche die ästhetische Form ihrer Nase unterstrich. Ihr Mund sinnlich geschwungen, wobei das aufgetragene, himbeerfarbene Rot ihrer Lippen diese dezent betonten und die gesamte Makeup-Kreation als Kunstwerk vollendeten. Jedenfalls für mich!

»Hallo die Herren – sind die Plätze an diesem Tisch noch frei und wenn, ist Ihnen dann unsere Gesellschaft angenehm?«

Die Brünette blickte bei dieser Frage direkt zu mir, Antwort erwartend. Doch ehe ich mich dazu sammeln konnte, kam mir Dieter zuvor. Doch der hatte die blonde Begleiterin der Brünetten im Blick und bemühte sich diese direkt anzusprechen, indem er sie für meine Empfindungen zu auffällig fixierte. Doch der schien das angenehm.

»Hallo die Damen, bitte nehmen sie doch Platz. Wir freuen uns ohnehin mehr über Damengesellschaft, als wie die der oft lauten Studenten oder den besinnlichen älteren Herrschaften«, bot er stellvertretend für uns die freien Plätze an.

Beide trugen leichte Sommermäntel und es kam ein belustigendes grienen von Heiko, weil wir beide zeitgleich aufgesprungen, um den Damen aus der eleganten Garderobe zu helfen. Heiko hatte sich inzwischen auch von seinem Platz erhoben.

» Möchte uns vorstellen. Wir sind Freunde und rasten hier nach einer Radtour auf der frühlingshaften Bergstraße. Die Komposition von Vivaldis Frühling, aus dem Zyklus >Die vier Jahreszeiten< könnte nicht besser deren Frühlingsschönheit lobpreisen. Also … der sportliche Blonde ist der Dieter. Der schlanke mit Sonnenbrille ist der Markus und mein Name ist Heiko.«

Die Mäntel und Handtaschen auf die zu uns gegenüberliegende Sitzbank gelegt, deutete die Blonde auf ihre Freundin, welche sich anschickte, mir gegenüber Platz zu nehmen.

»Das ist Melanie und ich bin die Sabrina. Wir kommen mit dem Wagen aus dem Spessart, genauer von Mespelbrunn und wollen hier eine Pause einlegen, bevor wir nach Frankfurt zurückfahren. Man hat uns die Einkehr in diesen Biergarten empfohlen, obwohl wir ja nur eine Erfrischung ohne Alkohol nehmen können«, erklärte sie und schaute uns prüfend und den Heiko wohlwollend an.

Sie blickte dann auf ihre Freundin.

»Wir können es doch gerne bei den Vornamen belassen, nicht wahr Melanie?«

»Ja … ja, bestätigt diese und blickt ebenfalls interessiert auf Heiko.

»Es ist mir eine Ehre Herr Küster sie mit dem Vornamen ansprechen zu dürfen und natürlich auch die anderen Herren«, klingt melodisch ihre helle Stimme und es erfreut sie sichtlich, dass wir ihrer Ansprache nicht folgen können, denn woher kannte sie den Familiennamen von Heiko.

»Für mich ist Herr Küster einer der begnadeten Pianisten«, begann sie als Erklärung.

»Jedenfalls nachdem ich ihn in einem seiner Kammerkonzerte in Düsseldorf mit den Sonaten von Brahms op. 120/1 und 120/2 in der Besetzung mit Viola, zwei Violoncello und Piano Forte erstmals gehört habe. Dann im Frankfurter Opernhaus mit einem Werk von Beethoven, welches ich nicht kannte, aber Rachmaninows >Trio elegiaque<. Sein Pianospiel war die erzählenden Stimmungen zu dieser Komposition«, lobte sie Heiko mit abschließender Erklärung. Dieser wurde doch tatsächlich verlegen, so erfreute war er über die positive Kritik von Melanie.

Doch damit blickt diese auch schon ganz explizit auf mich. So klar wie von ihr, war für mich nie zuvor das Erlebnis Augenflirt. Obwohl dies doch wirklich nur wenige Augenblicke lang, genügte dies sie begehrlich zu finden. Ich verstand das zuerst nicht, denn eigentlich war sie nicht der Frauentyp, welcher sinnliche Regungen bei mir auslösten. Viel zu schlank schien mir ihre Figur in dem weißen, elegant geschnittenen Jersey Kleid. Doch zugegeben, dessen Oberteil zeichnete kess und eindrucksvoll ihre Weiblichkeit ab. Als sie vor uns stand, war zudem meine Wahrnehmung, dass sie meine Körpergröße von eins achtundsiebzig fast um eine Handbreite überragen würde. Solche Größenunterschiede zu den Mädels, waren schon für mich in der Tanzschule störend und älter geworden blieb diese Phobie erhalten. Doch das alles an meinen Vorbehalten zählte wohl nicht mehr von dem Augenblick an als wir Blickkontakt hatten. Die Getränke waren gekommen. Den Damen mundete die von der Brauerei hergestellte Fassbrause und wir nahmen noch je eine Maß Märzen. Es wurden dann zwei sehr vergnügliche Stunden. Die Konversation blieb unterhaltend. Die blonde Sabrina mit der Figur alla Samantha Fox, nur mit größerer Oberweite, entpuppte sich als Inhaberin mehrerer Boutiquen mit eigenem Modelabel. Unterhielt sich mit Heiko und Dieter. Auch in dessen Eigenschaft als Bänker. Auch ich gab mir Mühe, nicht zu einseitig leichte Konversation mit Melanie zu machen. Doch nachdem klar wurde, dass sie eine Rechtsanwältin für Wirtschaftsrecht in einer Frankfurter Kanzlei, verlegte ich das Gespräch auf diese Schiene. Wir tauschen daraufhin die privaten Visitenkarten aus und damit war klar, dass wir diese Bekanntschaft fortsetzen, wenn nicht vertiefen wollten. Beide Damen verabschiedeten sich so gegen 18:00 Uhr mit dem gegenseitigen Versprechen, sich bei erster Gelegenheit wieder zu treffen. Na, wenn ich schon einmal früh zu Bett gegangen, weil der darauffolgende Tag dicht mit Geschäftsterminen besetzt, klingelte um Mitternacht das Telefon neben meinem Bett. Mürrische nahm ich den Hörer ab.

»Hei … ich kann nicht einschlafen, denn ich denke an dich, mehr noch ich vermisse dich«, elektrisierte mich die Stimme von Melanie und alle meine Sinne waren sofort angespannt.

»Mir geht es ähnlich Melanie, obwohl ich ausgeruht sein müsste, habe morgen einen stressigen Tag, aber den versüßt du mir ja gerade mit deinem Anruf. Auch ich vermisse dich «, ging ich sofort und jetzt hellwach auf ihren Anruf ein.

»Danke dir für das Kompliment Markus. Können wir uns nicht schon morgen irgendwo sehen, vielleicht zum Abendessen, nur wir beide?«

»Bin bis zum späten Nachmittag geschäftlich zuerst in Mainz und danach in Wiesbaden. Können wir uns dort treffen um zu entscheiden wo wir dinieren wollen. Vieleicht erst einmal im Café Maldaner, wenn du das kennst«, kam von mir der Vorschlag.

»Das passt gut Markus, so gegen 18:00 Uhr?«

»Ja …18:00 Uhr ist eine gute Zeit, freue mich schon sehr dich zu sehen«, gab ich meiner Freude Ausdruck.

»Freue mich auch Markus, nun kann ich ja hoffentlich einschlafen«, klang ihre Stimme bereits vertraut und voller Zufriedenheit.

Dann hatte sie auch schon aufgelegt, obwohl ich im Ergebnis noch auf weitere, auch vertraulichere Konversation gehofft hatte. Natürlich war ich in Liebesdingen nicht unbedarft, aber es blieben bis auf eine Ausnahme nur kurze Affären. Meine unkalkulierbaren Arbeitszeiten, die Einkaufsreisen zu Kunden und wichtige, andere Private Dinge waren zumeist der Grund. Zweimal versetzt, hatte die damalige Damenwelt nicht im Programm – die war verärgert und kündigte die Beziehung auf.

Nun also ein erneuter Anlauf mit der reizenden Melanie. Dabei fühlte ich mich unsicher wie beim ersten Rendezvous und verstand nicht meine Begehrlichkeit an ihr, wo diese doch überhaupt nicht zu meinen bisherigen Vorlieben bei der Weiblichkeit korrespondierte. Freute mich dann aber, weil ich die Geschäftstermine doch sehr zeitig hinter mich bringen konnte. Nahe dem Treffpunkt auch noch einen Parkplatz gefunden und nun fünfzehn Minuten vor der Zeit die Drehtür in das Café ansteuerte. Mich umsehend erblickte ich einen freien Tisch an der Stirnwand gegenüber dem Kuchenbüffet. Die Bedienung kam sofort, grüßte freundlich und fragte nach meinem Begehren.

»Bitte zunächst nur ein Mineralwasser, denn ich erwarte in den nächsten Minuten noch einen Gast. Dazu bitte ich, dass sie mir 500 g. ihrer Hausempfehlung an Schokotrüffel in eine Geschenkbox verpacken lassen. Sie haben da so goldfarbige Behältnisse. Erinnerlich ist mir, dass sie dazu auch ein weißes Spitzengeschenkband mit Schleife anbieten können«, artikulierte ich meinen Wunsch.

Die ältere Bedienung lächelte verstehend. Ich sah, dass meine Bestellung sofort ausgeführt wurde. Was mir nur Minuten später die Bedienung neben meinem Mineralwasser noch brachte, war genau das Präsent, welches ich mir für Melanie vorgestellt habe. Man zahlte so etwas extra, weil aus der Verkaufstheke, das erledigte ich prompt. Rundete den geforderten Betrag als Trinkgeld verschwenderisch ab, was am Büffet wohlwollend registriert wurde. Das Café war um diese Zeit sehr gut besucht, dennoch brauchte ich den bei mir noch freien Sitzplatz nicht zu verteidigen. Denn kaum Genuss von dem Mineralwasser genommen, kreiste die Drehtür und schon stand Melanie vor mir, wobei ich von meinem Stuhl aufgestanden bin. Elegant gekleidet, zog sie nicht nur die Blicke der Männer auf sich. Das dunkelblaue Kostüm mit diskretem Nadelstreifen war Maßgeschneidert, denn es betonte perfekt ihre weibliche Silhouette. Farbtupfer war, wie ich später erkennen konnte, das Halstuch vom Hermès/Paris mit Pfingstrosenmotiven in Rosé- und Rottönen. Ihr Platinschmuck, bestehend aus Ohrclips, Collier und breitem Spangenarmband in welches eine Uhr eingearbeitet, war bekanntes dänisches Design, nicht zu übersehen, aber unaufdringlich. Ihr Makeup wiederum perfekt um ihre ohnehin schönen Augen noch sinnlicher und größer erscheinen zu lassen. Ihre Stimme fröhlich.

»Hi … Markus schön, dass wir uns so schnell treffen konnten. Musste nur erst einen Parkplatz finden.«

Dabei reichte sie mir die Hand, welche ich ergriff und schon das alleine war ein schönes Gefühl.

»Ich freue mich sehr Melanie. Du siehst noch bezaubernder aus als gestern. Doch setzen wir uns doch«, forderte ich sie auf, kam um den Tisch herum um ihr den Stuhl anzubieten, vor welchem auf dem Tisch mein Präsent für sie platziert war.

Ihr Parfüm umschmeichelte sie und gab mir eine Idee von Honig und Wildblüten und diese Kombination weckte mein Begehren sie zumindest zu küssen.

Sie beäugte neugierig die Faltschachtel in Goldfarbe und mit dem weißen Geschenkband im Spitzenmuster.

»Nur etwas zum Naschen, denn ich konnte mich im Blumenladen nicht entscheiden«, war meine Notlüge. Denn von Blumen, ausgenommen Rosen, verstand ich gar nichts, wohl aber von dem was man aus feinster Schokolade herstellen kann.

Die Bedienung kam und sie bestellte ebenfalls ein Mineralwasser.

»Habe in einem zu hier nahe gelegenen Restaurant Plätze dort reserviert, wo man sich ungestört unterhalten kann – wenn dies denn mit deinen Erwartungen einher geht«, lächelt sie.

»Ja, natürlich, hier ist es irgendwie nicht mehr so bequem, zu viele Gäste vielleicht«, gab ich mein Einverständnis.

Sie nimmt ihr Schokoladengeschenk auf und wiegt es demonstrativ auf der Hand.

»Das sind sicherlich Schokokalorien und ruinieren hoffentlich nicht meine Figur, denn mein Chef hasst füllige Angestellte. Also musst du mir dabei helfen diese zu vertilgen«, witzelt sie und kramt in ihrer recht kleinen Handtasche, weil die Bedienung gerade ihr Mineralwasser an den Tisch gebracht.

Sie gibt dieser einen Geldschein noch ehe ich einschreiten kann.

»Wir haben es eilig, der Rest ist für sie«, ist ihre Erklärung und das freut die Bedienung.

Dann nimmt sie hastig einen Schluck Mineralwasser und sieht mich an.

»Komm Markus, sonst ist unser Tisch weg. Wir können das kurze Stück laufen«, fordert sie mich auf und ich fühle mich von ihr an die Hand genommen und regelrecht aus dem Café hinausgezogen.

Noch vor dem Café dreht sie sich frontal zu mir und dann fühle ich zuerst ihre Lippen auf den meinen. Damit beginne ich mich mit atemberaubender Intensität ihren Lippen zu versichern. Noch nie so lange geküsst und so intim. Das Kosen ihres Mundes, das kurze Berühren unserer Zungen. Für mich wie die mit einer Himbeere, inspiriert wohl durch ihr Lippenrot, wobei ich nicht wusste, dass diesem Lippenrot der Geschmack von Himbeeren von den Designern mitgegeben. Wir suchten immer öfters diese Berührungen. Mich erregte nicht nur dies, sondern vielleicht mehr, wie sich Melanie so eng an mich gedrückt, damit ich die Wärme ihres Körpers fühlen konnte, anstatt ich sie dazu in die Arme zu nehmen. Hatte ich schon viel geküsst, war dies mit Melanie eine ganz andere Erfahrung. Glückshormone wurden wohl ausgeschüttet denn ich kam in eine Euphorie in welcher auch sie zu schwelgen schien. Doch das musste enden, denn zu viele Personen gingen vorüber, passierten uns an diesem Platz. Doch nur zaghaft ließen wir beide voneinander. Sie liest in meinen Augen, was auch ich in ihren Augen lese. Wir lieben uns.

Eingehängt wie ein sehr vertrautes Paar, führte uns die Langgasse das kurze Stück zum Kranzplatz, dort wo sich der berühmte Kochbrunnen befindet. Im Restaurant des Nobelhotels >Schwarzer Bock< hatte Melanie einen Tisch reserviert. Von dem Portier wurde sie so begrüßt als sei sie hier bekannt. War sie, denn im Restaurant wurden wir ohne weitere Fragen zu dem reservierten Tisch geführt, welcher durchaus geeignet platziert um vertrauliche Gespräche führen zu können. Sie sah mein erstauntes Gesicht.

»Die Anwaltskanzlei bevorzugt dieses Restaurant, wenn unsere Klientel ein neutrales, privates Ambiente für Verhandlungen vorzieht, was wir als Arbeitsessen abrechnen«, erklärte sie mir lächelnd während ich den von ihr angesteuerten Stuhl zum bequemen Sitzen gerichtet habe. Unsere Sitzposition erlaubte es verhaltende Gespräche zu führen, während wir den Aperitif und die Vorspeisen-Auswahl sichtlich genossen. Dabei entstand eine Vertrautheit, wie ich das nach so kurzer Bekanntschaft noch nie erlebt habe. Lustiges Geplänkel mit lieben Worten und Schmeicheleien, doch dann wurde sie ernster und schaute mich dabei verliebt, aber auch irgendwie forschend an, studierte meine Physiognomie.

»Du bist der erste Mann, welcher all meine Sinne berührt und das beim ersten Augenblick als ich dich gesehen habe. Hatte bislang wenig Interesse an Männern, sondern fühlte mich zu Frauen hingezogen. Mit Sabrina verbindet mich eine überaus glückliche Liebesbeziehung, denn sie hat meine Liebe zu Frauen erweckt und liebt mich so, wie ich bin. Sabrina verliebt sich aber sporadisch auch in Männer. Das selten und es sind meist kurze Liebschaften gewesen, welche unsere Beziehungen bislang noch nie gestört haben. Im Gegenteil. Nach solchen Affären fühle ich mich noch enger mit ihr verbunden. Sie hat mich oft ermuntert, mal mit den tollen Männertypen, welche wir immer mal kennen lernen, doch eine Liebschaft auszuprobieren. Einen >one night stand< nannte sie das. Habe einige Anläufe genommen, mich dann aber nie entschieden. Anders ist das nun mit dir und es drängt mich zu einer Liebschaft, selbst wenn es nicht die große Liebe sein sollte. Doch zuvor, bevor wir ein Liebespaar werden, muss ich mit dir über die mir eigene Besonderheit ernsthaft sprechen, bevor wir in unserer Beziehung fortfahren sollten«, erklärte Melanie mit ernsthafter Traurigkeit. Doch gerade jetzt wurden wir abgelenkt, denn der Hauptgang wurde serviert. Doch ich ließ keine weitere Traurigkeit aufkommen, sondern es gelang mir den Anflug von Melancholie aus ihrem Verhalten zu vertreiben. Zudem war das Zürcher Geschnetzelte mit Butterrösti und Feldsalatgarnitur eine Gaumenfreude, welche ein exzellenter Rheingauriesling abrunden konnte. Das Dessert Créme au chocolat war so üppig, dass eigentlich ein Digestiv angebracht war, aber wir verzichteten, denn wir hatten ja noch zu fahren.

Die Bedienung erfragte weitere Wünsche, doch Melanie gab zu verstehen, dass sie einen Espresso in der Bar nehmen wollte. Die Bar war ein Schmuckstück und in ihrem gesamten Interieur eindrucksvoll. Es gab da auch wenige Tische und dort bediente eine bildschöne Afrodeutsche und schon stand je ein Espresso vor uns. Melanie trank aus und machte dann ein energisches Gesicht. Dabei runzelte sie ihre Stirn und ich fand ihren Gesichtsausdruck allerliebst, weil sie sichtlich nach einem Anfang suchte für die wohl wichtige Offenbarung. Sie beugte sich über den Tisch zu mir und erfasste meine Hände. Das schien mir wie eine verschwörerische Geste und ich musste lächeln, denn was konnte sie schon von großer Tragweite eröffnen.

»Ach Markus … du verstehst sicher den Begriff >hermaphroditisch<. Ich bin eine vollwertige Frau aber dennoch eine intergeschlechtliche Person wie man das auch im Kulturdeutsch bezeichnet. Denn ich habe bei meinem fraulichen Geschlecht auch etwas Männliches. Dennoch haben die Eltern entschieden, dieses nicht chirurgisch korrigieren zu lassen. Und erwachsen geworden, hatte ich Angst vor den physischen und psychischen Folgen eines solchen Eingriffs, denn ich habe viel darüber gelesen und musste lernen, dass sehr viele Betroffene danach erst richtig leiden. Für mich habe ich dieses Merkmal akzeptiert, auch Sabrina liebt mich so wie ich bin. Nun habe ich die Frage an dich Markus, akzeptierst du mich wie ich bin als Frau und versuchst du es mit einer Liebschaft? Doch ich bin nicht enttäuscht, wenn du mich nicht lieben kannst, aber mich dennoch als Frau akzeptierst, denn ich kann durchaus Kinder bekommen«, beendete sie die für sie nicht leichte Eröffnung zu dem Aspekt einer Liebschaft zwischen uns. Zugegeben, ich war schon einen Augenblick im Zweifel ob das meine Neigung zu Melanie ändern würde. Aber so, wie sie jetzt mir nahe und von entwaffnender Ehrlichkeit und mich nicht früher oder später vor vollendete Tatsachen stellen wollte, war mir klar, dass sie mich liebte und ich nicht mehr ohne sie sein wollte. Sie, welche eine sehr attraktive Frau, nach welcher sich die Männer umdrehten, hatte mich soeben mehr beeindruckt als alle Frauen vor ihr.

»Ich verstehe genau was du mir eröffnet hast. Aber warum machst du dir Sorgen? Ich sehe dich nur als eine begehrenswerte Frau und nicht als Mann. Wenn du mir eröffnet hättest das du in Wahrheit ein Mann, wäre ich wohl eher schwul geworden als nicht mehr dir nahe zu sein. Ich vertraue dir, liebe dich bereits von Angesicht und es wird noch viel mehr kommen, wenn wir unsere Liebe teilen.«

Damit hatte ich sichtbar die richtigen Worte gefunden, denn schiere Freude auf ihrem Gesicht und dann rollten doch einige Freudentränen über ihre jetzt vor Aufregung geröteten Wangen. Sie hielt nun so kräftig meine Hände gefasst, als wolle sie diese nicht mehr loslassen. Dem kräftigen Händedruck nach könnte sie auch ein Mann sein, waren dabei meine blöden Gedanken. Doch wischte ich diese weg. Melanie und ihre Intimfreundin (oder sollte man diese >Geliebte< nennen) waren sportlich. Das kam ja schon bei unserem ersten Treffen im Biergarten zu Sprache. Beide joggten, aber darüber hinaus besuchte Melanie zweimal in der Woche ein Fitnessstudio zum Krafttraining und einmal im Monat reiste sie nach Berlin um sich in dem dortigen Taekwondo-Frauenverein für die Prüfung zum fünften Dan vorzubereiten. Der Tisch für zwei Sitzplätze zwischen uns war ähnlich denen in einem traditionellen Wiener Caféhaus. Die runde Marmorplatte auf einem Metallgestell ließ es zu, dass sich Melanie vom Stuhl etwas erhoben, um sich soweit über diesen gebeugt, dass sie mich küssen konnte. Und da war sie wieder, die Süße ihrer Lippen, der verlangende Druck zum intensiven Kuss, welcher mir Wollust Schauer vom Nacken aus über das Rückgrat bis zum Steiß laufen ließen. Als sie abließ und mich mit ihren faszinierenden Augen anblickte wurde mir ganz wuschelig. Solch eine intensive, sinnliche Regung kannte ich vom alleinigen küssen noch nicht. Dann spielte der Pianist auch noch mit sehr viel Hingabe, wohl durch unsere Intimitäten inspiriert, die Melodie zum ehemaligen Werbespot einer großen, deutschen Weinbrandmarke aus der hiesigen Gegend.

Wenn eine Frau dich zärtlich küsst

Du dabei die ganze Welt vergisst

Wenn dir also so viel Gutes wiederfährt

Dann ist das schon einen Asbach Uralt wert

Denn im Asbach Uralt ist der Geist des Weines.

Nicht dieser Originaltext, sondern eine im Text zotige Singversion der Männerstammtischrunden, wenn man bis zum Weinbrand gekommen ist. Da die Bedienung gerade in unsere Richtung blickte, gab ich ihr ein Handzeichen, dass wir ihrer Dienste bedurften. Bestellte zwei Glas Champagner und für den Pianisten ein Getränk seiner Wahl.

»Bin jetzt durstig und Wasser ist nach deinen Küssen zu fad. Denke es ist nicht zu viel Alkohol um fahruntüchtig zu sein«, argumentierte ich und wir lachten uns an.

»Ja, habe jetzt auch Durst, Champagner ist lecker aber ich trinke kaum Alkohol. Doch vielleicht fährst du mich ja auf deinem Nachhauseweg über Frankfurt Innenstadt. Habe ein Apartment in der Berliner Straße, im selben Bürohaus wie die Anwaltskanzlei für welche ich tätig bin. Mein Wagen bleibt hier stehen und fahre morgen hier nach Dienst mit einem Kollegen vorbei, welcher in Rüdesheim wohnt«, erklärte sie mir irgendwie erwartungsvoll und mit Augenflirt.

Die Bedienung bringt mit der Bestellung eine Schale mit verschiedenen Nüssen, Kernen und Salzgebäck. Dann bringt sie das Glas Weinbrand oder was auch immer so aussah dem Pianisten. Der bedankte sich artig zu uns gerichtet, trinkt er uns zu als er sieht, dass wir die Champagnergläser aufgenommen haben um zu trinken.

»Natürlich fahre ich dich. Sicher hast du auch die bewusste Tasse Kaffee, welche mich fahrtüchtig hält«, witzelte ich.

»Nein, nur weiteren Champagner, damit du dann fahruntüchtig und nicht weiter bis nach Hause fährst. Ich möchte mit dir frühstücken«, war ihre Antwort mit einem Tremolo in ihrer Stimme. Es war dann um 22:00 Uhr als wir in Frankfurt vor dem Gebäudekomplex angekommen in welchem sich neben Büroeinheiten auch die Anwaltskanzlei Dr. Flaxner und Kollegen etabliert. Schon ein Zufall, denn Dr. Flaxner und Kollegen waren auch die Anlaufstelle von Vater, wenn wir Scheithofers Rechtsbeistand benötigten. So ein Zufall musste doch etwas bedeuten, aber ich wollte nicht auf diesen eingehen! Vor die Einfahrt der Tiefgarage gefahren, gab Melanie einen Code an dem Eingangspfosten ein um das Rolltor zu öffnen, denn die Fernbedienung hierzu war ja in ihrem Wagen verblieben. Fahrstuhl zum vierten Stock zu ihrem Apartment neben weiteren auf dem gleichen Flur. Eingetreten eröffnete sich der großzügige Wohnbereich mit Zugang zur Küche, wobei ein Raumteiler diese versteckt.

»Mache es dir bequem«, forderte sie mich nach einem Willkommenskuss auf und wuselte einige Minuten in der Küche umher, während ich mich neugierig orientierte.

Alles war geschmackvoll, modern eingerichtet und man sah schon, dass dies das Refugium einer Frau mit Anspruch. Neugier trieb mich die weitere Tür im Wohnraum zu öffnen. Es war die zum Schlafgemach, in dessen Mittelpunkt auf dunkelrosa gefliesten Boden ein Rundbett in typischem, skandinavischem Design. Minimalistisch auf Chromstahlrahmen mit sechs Füßen und schwarzer Bettausstattung einschließlich Matratze und Spannbetttuch, während sich die quadratische Steppdecke in abwechselnd dunkelgrau-schwarzen geometrischen Mustern unter mehreren Kissen verschiedener Größe präsentierte. Rundherum weiße Schleiflack-Einbauschränke mit Schiebetüren, welche gleichzeitig Spiegel. Man würde sich also auf dem Bett von allen Seiten gleichzeitig sehen können! Man musste schon sehr genau hinsehen um darin eine weiter Tür zu erkennen. Diese führte in den Wellnessbereich mit erlesenem, sanitärem Klimbim. Dann hinter den Schiebetüren die Garderobe, wobei ein Segment mit Schminktisch und Sitzgelegenheit für den Schönheitskomfort bestimmt war.

»Ah … Markus, du hast ja den Ort des Geschehens schon inspiziert. Aber komm doch erst für ein Glas Jahrgangs-Rieslingsekt«, lockte sie mich lachend zurück in den Wohnraum.

»Du hast einen ausgefallenen Geschmack Melanie, aber das gefällt mir, schon weil das alles im Ambiente so herrlich sündig ist«, gestand ich ihr zwischen süßen Küssen, einem guten Glas Sekt und meinen Anstalten ihre Bluse zu öffnen.

Sie schaute vergnüglich, erwiderte zärtlich meine Küsse und koste mich ebenfalls, knöpfte mein Hemd auf um auch mir optisch näher zu kommen.

»Das hat Sabrina so eingerichtet. Das Pendant an Bett steht in ihrem Bungalow oben am Schwalbenschwanz auf der Sachsenhäuser Seite. Wir schlafen beide nicht gerne alleine und wenn es bei mir spät wird in der Kanzlei, kommt sie und kocht, macht es uns gemütlich und wir verbringen dann auch gemeinsam die Nacht. Aber das ist seltener geworden, weil sie ständig zwischen ihren Boutiquen unterwegs sein muss. Da bleiben uns meist nur kurze Wochenenden und ganz ohne Business geht das für uns beide auch nicht«, erklärt sie und dann werden unsere Zärtlichkeiten intimer. Über den Wellnessbereich hinaus landen wir dann irgendwann auf dem Wahnsinnsbett. Denn dies konnte man partiell durch Elektroantrieb für die Liegeposition verändern. Doch hatte ich nur Augen für den optischen Reiz ihres schlanken, fast muskulösen Körpers in seinem Alabasterweiß, welcher makellos und verführerisch durch die Ästhetik ihres Busens, ihrer schlanken Taille und dem weiblich betonten Gesäß. Sie presste sich geschmeidig wie schlangengleich an mich, wenn ich sie zu forsch mit Küssen und intimen Neckereien überhäufe. Dabei konnte ich ihre intimste Weiblichkeit nur erahnen, denn sie trug immer noch das zartrosa Gebilde aus Spitzen, ähnlich einer Boxershorts, was für mich ihren Liebreiz noch verstärkte. Dann war ja auch noch ihr Parfüm, welches wie ich später lernen sollte, der Duft von >Hiris<. Dieser war eine perfekte Symbiose mit den Pheromonen ihres Körpers eingegangen, welche sich nach jedem Kuss und Kosen zu verändern schienen, um völlig neu erlebt zu werden. Sie gab mir das alles an Zärtlichkeiten in gleichem Maße zurück. Die Pheromone unserer Körper vermischten sich. Unter leidenschaftlichen Küssen suchten wir immer engeren Körperkontakt und irgendwann waren wir dann vereint. Danach schien das Bett für sie die Trainingsmatte für ihre Kampfsportkünste geworden, welche sie zu Liebesrangeleien neu zu interpretieren wusste. Ich konnte mir vorstellen, dass sie die Dominante in der Liebesbeziehung zu Sabrina, ihrer Intimfreundin. Spielerich entzog sie sich mir. Ihre erotischen Rangeleien lösten bei mir nie gekannte Gefühlsstürme aus. Immer wieder wollte ich sie packen. Doch sie konnte stets entweichen. Fühlte mich dennoch nicht als ihr erotisches Spielzeug, sondern genoss das ich von ihr physisch dominiert wurde und sie mich benutzte ihr die Art Liebe zu geben, welche sie sich von einem Mann abfordern wollte. Geschmeidig wie eine Schlange (selbst ihre Haut blieb trocken, sie transpirierte nicht wie andere Partnerinnen zuvor) war sie physisch und psychisch in jeder Beziehung in Hochform. Irgendwann ist unsere körperliche Vereinigung intensiver geworden und plötzlich ist sie >Schmusekatze< und sie bewegt sich neben mir, unter mir und schließlich so erotisch und Wollust treibend auf mir, wie ich dies nie für möglich gehalten habe. Hatte ich bislang nicht viel von ihrer intimsten Weiblichkeit gesehen, so fühlte ich diese umso mehr. Ein arabischer Poet hat vor hunderten von Jahren eine >Liebesreise in den Garten der Lüste< beschrieben. Im >Gabinetto segreto des Museo Egizio Turin< durfte ich neben den erotischen Papyri auch dieses erotische Original sehen und auch die um 1910 verfasste Übersetzung eines englischen Schrift- und sprachkundigen Wissenschaftlers lesen. Melanie musste in anspruchsvoller, erotischer Literatur belesen sein oder konnte eigene Inspirationen kreieren. Es machte ihr diebische Freude mich unterlegen zu sehen, Verzückung in ihrem Gesicht. Ich hob meinen Kopf an um auch das zu sehen, was ich fühlte. Doch dann griff sie das Spitzendessous, welches zuvor ihre weibliche Scham so schmückend bedeckt und wohl bei den Liebesrangeleien wie von selbst an ihren Beinen hinuntergeglitten und nun neben uns lag. Sie warf mir dieses über das Gesicht. Aufsitzend geblieben beugte sie sich über mich um mich durch dieses zarte Spitzengewebe zu küssen. Da war also ein Mehr als nur ihre weiblichen Attribute, doch dies zu offenbaren schien sie noch nicht bereit und das schien mir so selbstverständlich, dass ich dies nicht weiter beachtete. Wie sollte ich auch! Denn sie unterbrach nun das Kosen meiner Hände an ihrem Körper, indem sie mich an den Handgelenken umfasste, um meine Arme auf das Bett zu pressen, welches Liebeslager geworden war. Sie richtet sich auf. Triumphierend wie eine Amazone auf einem Besiegten sitzt sie dann auf, nimmt von mir Besitz. Ihre Bewegungen erhitzen allmählich. Sie beugt sich dabei erneut über mich, um nun in meinem Gesicht das zu lesen, was sie sicherlich auch fühlen musste. Es war da mehr als nur die sexuelle Vereinigung, denn diese passierte nicht nur dort wo diese stattfindet, sondern auch in meinem ganzen Körper. Melanie schien mit jeder weiteren ihrer Bewegungen intensiver mit mir zu verschmelzen. Es war das ineinander aufgehen nicht nur im Soma (physisch-körperlich), sondern auch im Orgon (psychisch, Lebensenergetisch). Dann bebte ihr Körper, sie warf ihren Kopf zurück, ihr Atem jetzt stoßweise und dann katapultierte sie und mich wohl auch in die gleiche psychedelische Welt von knalligen Farben, Wellen wie von Wasser welche uns scheinbar tragen, wir aber nicht in diese versinken, sondern in unsere liegenden Körper. Ich setzte erregte Küsse auf ihren Körper, welcher sich nun atemlos bewegt, von ihrem Busen hinab bis dort, wo die körperliche Vereinigung stattgefunden und nun dem gewahr wurde, was sie in die Kategorie >drittes Geschlecht< einordnet, wie man dies auch auf Neudeutsch formuliert. Der Blick von Melani war fragend als ich sie danach ansah.

»Ich liebe dich Melanie.«

Ein Jauchzer kam über ihre Lippen und sie überhäufte mich mit solch zärtlichen Küssen, wie mir zuvor noch keine Frau gegeben hatte. Dann vereint geblieben bis ein melodisches Lied aus dem Radiowecker unser Erwachen eingeleitet und ein friedfertiger, beglückender Tag begann. Denn gefühlt hatte ich nur eine liebende Frau und so werde ich Melanie auch immer sehen.

»Guten Morgen Liebste«, war mein Gruß und dann biss ich ihr sanft in den Nacken und meine Zunge streichelte ihr Ohr (hatte ich bei ihr als erotisierende Stelle entdeckt), bis sie sich aus dem Laken schälte um in das Duschbad zu eilen.

»Guten Morgen Liebster«, quietschte sie vor Freude und kicherte auf dem Weg dahin, weil ich sie nicht mehr fassen konnte um sie wieder auf unser Liebeslager zurück zu holen.

Dann rauschte das Wasser im Duschbad. Erst sie, dann war ich an der Reihe. Während von mir die zweite aufgefundene Zahnbürste malträtiert wurde, weil die so klein und wohl ein Werbegeschenk, roch ich schon Kaffee. Als ich dann wenig später moderat gekleidet an die Küchentheke gekommen, welche der Raumteiler zum Wohnbereich war, hatte sie bereits Jogurt, Fruchtsalat, Müsli und andere Cerealien aufgefahren und der hungrig machende Geruch von aufgebackenen Croissants ließ meinen Mund wässrig werden. Obwohl … vielleicht war es doch Melanie in ihrem fast durchsichtigen Morgenmantel, welche in Begriff uns frisch gebrühten Kaffee in zwei Tassen zu bringen.

»Oh Markus; ich verschütte noch den Kaffee, wenn du mich so hungrig anblickst. Da steht doch genügend Süßes. Probiere mal besser den Heidehonig als Süße im Jogurt mit Cerealien oder auf den warmen Buttercroissant«, hänselte sie mich.

Ihrer Empfehlung gefolgt war es dann ein schweigsames Frühstück, denn wir beide schienen sehr hungrig und zu diesem Zeitpunkt nur gierig auf Kaffee. Während unserem andauernden Blickkontakt wollte ich gerade wieder Süßholz raspeln, als zweimal kurz an der Eingangstüre geklingelt wurde. Melanie schaute auf ihre Armbanduhr und wurde sofort hektisch.

»Oh nein … es ist ja bereits acht Uhr. Das war meine Kollegin. Jetzt muss ich mich sputen denn wir haben Termine. Du kannst weiter Frühstücken, doch bitte sei sicher, dass du die Eingangstüre zugezogen hast, wenn du gehst.«

Damit verschwand sie aus meinem Blickfeld. Doch nicht einmal zehn Minuten später hauchte sie mir einen Kuss auf den Mund. Ich war perplex. So schnell konnte sich also Frau perfekt einkleiden, Makeup auftragen, Frisur richten! Jedenfalls Melanie, welche komplett gestylt, frisch duftend wie ein Frühlingsmorgen und dabei nur ein wenig hektisch.

»Ich liebe dich …wir telefonieren später«, war ihr schneller Abschied. Überdachte ich doch dann den ganzen Tag alles zu dem Komplex >Zweigeschlechtlich<, kam aber zu keiner Erklärung. Dagegen sprühte ich vor Schaffenskraft und Ideenreichtum, die Liebesbeziehung schien für uns beide wie eine Droge. Wir waren beide süchtig.

Das dritte Kapitel

Die Geschäftsverhandlung und eine unglaubliche Begegnung.

Aus den Erinnerungen in die Realität. Auf die Uhr geschaut, war es Zeit etwas weiter über die Straße in die Einfahrt abzubiegen, welche zu dem Anwesen gehörte, welches mein Ziel. Das Tor war geöffnet, denn dies hatten in den letzten zehn Minuten einige Fahrzeuge passiert. Doch mich blockierte dennoch ein Schlagbaum. Aus dem kleinen Pförtnerhäuschen trat ein livrierter, älterer Mann auf meinen Wagen zu, dessen Seitenfenster ich bereits heruntergelassen hatte. Im Hamburger Dialekt wurde ich freundlich von diesem angesprochen.

»Guten Morgen der Herr, was kann ich für sie tun?«

»Mein Name ist Scheithofer, Markus Scheithofer und bei Frau Aletta K. durch die Anwaltssozietät Dr. Hubertus Flaxner und Partner aus Frankfurt für 10:00 Uhr angemeldet.«

»Ah … ja, der Herr Scheithofer. Hoffe sie hatten eine gute Fahrt. Es gab ja wohl Unfälle auf der A7. Sie fahren geradeaus vor die Villa. Dort stellen sie bitte ihr Fahrzeug mit dem Schlüssel ab. Dieses wird von einem Wächter in einer der Garagen geparkt, denn wir erwarten schlechtes Wetter. Ein Bediensteter erwarte sie am Eingang und führt sie in den Salon.«

So geschehen.

Die großbürgerliche Villa, erstellt auf mannshohem Sockelbau aus hellen, rechteckigen Sandsteinen zeigt sich in der Architektur der Gründerzeit. An beiden Seiten im gleichen Stil niedere Anbauten, welche halbkreisähnlich angeordnet der gesamten Baulichkeit das repräsentative Ambiente vermittelten. Aktuell wurden diese Anbauten auch als Garagen für die dort eingestellten, noblen Fahrzeuge genutzt. Der ganz in weißem Marmor gehaltene Treppenaufgang war mittig zu dem Wohngebäude angelegt. Führte zunächst mit seinem Aufstieg gerade auf den turmartigen Vorbau zu, bis auf dessen marmorgeflieste Terrasse. Von dort führte rechts und links ein weiterer Treppenaufgang mit wenigen Stufen vor das eindrucksvolle Eingangsportal mit massiver, zum Baustil angepasster Flügeltüre. Diese war neuzeitlich gefertigt aus Metall und Glaselementen. Eine dieser Türhälften wurde mir durch den angekündigten, livrierten Bediensteten geöffnet. Natürlich hatte ich erahnt, dass man sich hier standesgemäß anzumelden hat. Daher legte ich meine Geschäftskarte auf das Silbertablett, welches wohl 100 Jahre älter als der, welcher mir nun voran ging um mir in dem Salon wohl einen Sitzplatz anzubieten.

»Gerrit, führen sie doch bitte den Herren Scheithofer direkt in die Bibliothek. Es dauert nur noch einige Minuten mit dem Gärtner«, hörte ich eine sympathische, weibliche Stimme diese Anweisungen geben.

Die Bibliothek war schon ein Hingucker, wie deren volle Regalwände alle Seiten des Raumes eingenommen haben. Das, obwohl da nichts protzig wirkte, sondern eher sortiert und organsiert wie in akademischen Bibliotheken der Fall. Ein historischer Schreibtisch mit wohl drei auf zwei Meter großer Arbeitsfläche, dominiert mit einigen Sitzgelegenheiten die Einrichtung. Weiterhin vorhanden eine bequeme Ledergarnitur mit dazu in der Höhe passendem Tisch. Kaum dort hingesetzt, kam eine Bedienstete, begrüßte mich mit unverhohlener Neugier. Stellte mit distinguierten Gesten ein Tablett mit Tee- und Kaffeekanne und dem weiteren, dazugehörigen Geschirr, einschließlich einer Gebäckschale mit verlockendem Inhalt dorthin auf den Tisch, wo ich Platz genommen um dann später ggf. meine Utensilien aus der Aktentasche ausbreiten zu können.

»Bitte bedienen Sie sich! Frau Direktorin wird in wenigen Minuten Zeit für sie haben«, war Aufforderung und Information zugleich.

Doch nahm ich mir zuerst die Muse, das anzusehen was sich als Bücherbestand hier präsentierte. Da stand schon in langen Reihen teils kostbare, ledergebundene, auch optisch antike Literatur, auch in Großformaten. Deren Titel auch in Englisch, Französisch und Lateinisch. Viele davon schienen mir aber auch Sachbücher mit technischen wie historischen Bezügen zum Schiffsbau und der Seefahrt. Na ja … ich befand mich ja auch wohl im Allerheiligsten einer alteigesessenen Reeder- Dynastie. Irgendwie hatte ich Hunger und vor allem Durst. Hatte vergessen eine Flasche Wasser auf den Weg mitzunehmen, wollte aber wegen der Verzögerung durch das Unfallgeschehen keine Raststätte mehr anfahren. Zugegeben, ich war aber zu genant um mich wie aufgefordert zu bedienen.

Ja … hatte mich doch Melanie vor einigen Tagen überraschend aus der Anwaltskanzlei von Dr. Flaxner angerufen um diesen Termin für mich auszumachen. Längst wissend, dass wir Scheithofer zu der Klientel gehörten, welcher Dr. Flaxner selbst betreut. Doch in seiner Eigenschaft als Notar war Flaxner auch für Nachlassangelegenheiten zuständig. Dabei immer Vater und mich als beste Empfehlung seiner Klientel benannt, wenn in Nachlässen Kunst und Antiquitäten zu realisieren waren. So auch bei der Reederei in Hamburg, deren Erblasser nicht nur ein guter Kunde bei meinem Vater gewesen war, sondern diesen auch als Berater geschätzt, wenn er sich bei einem Kunstankauf eine zweite Meinung einholen wollte. Ansonsten konsultierte die Reederei die Kanzlei Dr. Flaxner in Sachen Internationales Handelsrecht, wobei dieses auch ein Arbeitsbereich von Melanie war.

Die soeben in den Raum Eingetretene nahm sofort meine Sinne in Anspruch. War diese doch eine der Frauen, welche mit ihrer Erscheinung der Aufmerksamkeit jedweder Zahl von Anwesenden in einem Raume sicher sein konnte. Gut informiert hatte ich eine Sechzigerin erwartet, war sie auch, doch nicht nur ich hätte sie bei Fremdbegegnung als Mittvierzigerin eingeschätzt, so auch in ihrer Körpersprache als sie auf mich zu ging. Das Schwarz ihrer wohl Haute Couture Trauerkleidung gab ihr die elegante Note, welche man durchaus auch im täglichen Geschäft der Direktionsebene eines Konzerns erwarten konnte. Schlank und sehr feminin in ihrer Körperlichkeit und weil doch irgendwie burschikos, kategorisierte ich sie in die Klasse der Frauen, welche durch sportliche Aktivitäten ihre Jungendfrische zu verlängern wussten. Sie reichte mir die Hand.

»Guten Morgen Herr Scheithofer. Freue mich sie in meinem Haus begrüßen zu können und hoffe, dass ihre Anfahrt bei dem schlechten Wetter dennoch nicht strapaziös war. Wie geht es denn den Eltern, ihrem Herrn Vater, welchen mein verstorbener Mann nicht nur als Experte geschätzt hat?«

Ihre Hand angenommen und irgendwie dazu veranlasst auch einen Handkuss anzudeuten. Das brachte ein erhellendes Lächeln auf ihr eigentlich ernstes Gesicht, welches mich berührte, weil ich dieses als sorgenvoll interpretierte.

»Danke der Nachfrage, sehr verehrte Frau Direktorin. Die Eltern sind wohlauf, Vater musste im Kundenauftrag zu einer Kunstauktion reisen und lässt sich entschuldigen«, brachte ich diese Artigkeit heraus und sah sie dabei direkt und wohl mit Bewunderung an, was sie sichtlich amüsierte.

»Lassen sie doch bitte die >Direktorin< weg, Frau Aletta genügt vollkommen. Doch lassen sie uns zunächst Platz nehmen, denn ich muss mit einer für sie vielleicht schlechten Nachricht die Verkaufsverhandlungen für den ihnen bereits geschilderten Sammlungsteil Kunst beginnen«, eröffnete sie das Gespräch.

Dabei ganz genau meine Reaktion abschätzte, dafür hatte ich ein Gespür. Ließ mir das aber nicht anmerken und konnte wohl neugierig lächeln. Danach zusehend, wie sie mir ganz selbstverständlich eine Tasse Kaffee und sich Tee eingeschenkt und auffordernd mir die Schale mit Gebäck und Kuchen zugeschoben.

»Die Hausjuristin und meine Tochter als die Erbin, sollten die Verkaufsverhandlungen mit Ihnen führen. Wiewohl der Verkauf mit mir abgesprochen ist, denn wir wollen damit ein soziales Engagement fördern. Doch leider verzögert sich ihre Ankunft, wie ich erst am frühen Morgen erfahren habe und das könnte wohl um zwei Tage sein. So hoffe ich, dass sie genügend Zeit mitgebracht haben, denn die Sichtung und Bewertung des Objektes wird wohl auch einen solchen Zeitraum benötigen und ich habe bereits veranlasst, dass Sie hier im Hause untergebracht werden, sei es denn sie ziehen eines des besten Hotels am Platze vor. Sie sind natürlich unser Gast und eingeladen«, erklärte sie mit fester Stimme.

Dennoch war da das von mir schon zuvor erahnte Sorgenvolle, wiederum von ihrem Gesicht abzulesen.

»Bitte verstehen Sie, dass ich bereits ein Hotel gebucht habe. Das auch, weil ich mit Vater am Abend noch einige der Kundenaufträge durchsprechen will, welche den zweiten Versteigerungstag der Auktion betreffen, zu welcher er im Kundenauftrag dorthin angereist ist. Aber ich danke für das Angebot, welches ich sonst sehr gerne angenommen hätte. Natürlich habe ich jedwede Zeit für das Objekt eingeplant um ihnen ein ausführliches und erklärendes Kauf- oder Versteigerungsangebot zu unterbreiten«, argumentierte ich.

Sie sah mich nur kurz an und es verunsicherte mich total, dass sie dazu nichts entgegnete. Dafür wurde sie sehr geschäftlich.

»Fairerweise will ich ihnen mitteilen, dass uns bereits zwei verschiedene Angebote für den direkten Ankauf und alternativ für die Versteigerung des Gesamtobjektes vorliegen. Dies von ersten Adressen der Branche. Doch werden wir uns erst entscheiden wer den Zuschlag bekommt, wenn meine Tochter und die Juristin auch ihre Angebote geprüft haben. Persönlich verstehe ich von diesem Sammlungsteil nur sehr wenig, aber ich führe sie zu dem Objekt, welches meine Tochter hat aufbereiten lassen und sie können in Ruhe sich mit dessen Bewertung beschäftigen. Mich müssen sie weitgehend entschuldigen, aber Gerrit der Butler wird für ihr leibliches Wohl und Komfort sorgen«, erklärte sie und zog an dem breiten Stoffband mit Quaste, welches seitlich hinter ihr an der Wand herabhing.

Damit trat nur Sekunden später der Butler Gerrit in die Szene. Nicht so pompös wie die Bibliothek war der Raum ausgestattet, in welchen man mich führte. Dennoch erwies dieser sich als ideal, weil mit sehr großen Tischen und damit einer großen Arbeitsfläche und moderner Beleuchtung ausgestattet war. In Regalen mit Sachbezeichnungen befanden sich die Kunstobjekte, welche zum Verkauf selektiert waren. Es dauerte einige Zeit bis ich mich eingerichtet hatte, meinen Laptop zur Funktion gebracht und dann legte ich los. Das dies das Lebenswerk eines reichen und sachverständigen Sammers war, wurde mir schon in den ersten Stunden bewusst. Sicher, der Verblichene war auch unser Kunde, aber er hatte so breit Malkunst und Graphik gesammelt, dass wir keine Ahnung hatten, welcher Umfang einige seiner Sammlungsschwerpunkte haben konnte.

Doch komme ich zur Sache, wobei Gerrit und eine der Bediensteten mich mit allem versorgte, was meinen Aufenthalt komfortabel machte und ich ärgerte mich schon darüber, solchen Komfort zugunsten eines Hotels ausgeschlagen zu haben, zumal das die Hausherrin sichtlich verstimmt hatte. Also ein Affront, wusste ich doch nichts um die hanseatische Gastlichkeit, deren Tradition man gerade in dieser noblen Familie pflegte.

Auf meinem Laptop aktivierte ich natürlich ein cleveres Programm, mit welchem ich eine sachliche Auflistung in alphabetischer Ordnung oder aber auch nach anderen Gesichtspunkten erstellen konnte. Zum anderen hatte ich eine Auktionsbibliothek auf der Festplatte, welche mir, wenn vorhanden, Auktionsergebnisse anzeigten zu den Werken der Mal- und Graphikkünstler, wenn ich deren Name in einer Position der Auflistung eingetippt habe. Das war sehr zeitsparendes arbeiten und man konnte sich damit intensiver mit der Qualität der Arbeiten und deren Erhaltungszustand beschäftigen. Als Bonbon für die Liebhaber von Mal- und Graphikkunst kam da z.B. im höheren Preissegment leicht ein siebenstelliger Geldbetrag zusammen.

Zu Kunst auf Papier zählten in dieser Sammlung u.a. illustrierte Bücher, Einzelblattdrucke ab 15. Jh., Graphiken, Radierungen, Zeichnungen, Lithographien, Holz- und Linolschnitte in den Positionen:

Karl Maximilian Arnold 1883 - 1953, Zeichner und u.a. Karikaturist des Simplicissimus. 1936 für den Ullstein-Verlag, zu welchem die > Berliner Illustrierte Zeitung< gehörte, als Pressezeichner auf der Weltausstellung in Paris.

Marc Chagall, u.a. Radierzyklus in Lafontaine-Farben.

Chagall, Miro und Picasso. Unberührte Sammlung Lithographien >Erste Ecole de Paris aus den Fünfzigern. <

Wolfgang Grässe 1930 -2008, Radierungen, phantastischer Realismus in seinen Bildwerken. Gehörte 1958 zu der internationalen Künstlergruppe gegen den Atomkrieg. Beteiligt an der Demo-Ausstellung zu diesem Thema.

Erich Heckel, Aquarelle und Holzschnitte um 1910.

Jean Auguste-Dominique Ingres 1780 -1867. Sammlung seiner Skizzenentwürfe zu seinen Malwerken im Klassizismus mit Vorgriff auf die Moderne. Sammlung von Kupferstichen, welche von Achille Revill 1851 herausgegeben. (z.B. >Türkisches Bad<).

Horst Janssen 1929 – 1995, Radierungen patethischer Impressionen.

Gustav Klimt, Sammlung seiner erotischen Zeichnungen als Aktstudien, Holzschnitte, Auswahl seiner >Eine Linie-Zeichnungen<.

Nicht wenige dieser Blätter von Klimt konnte ich als von Großvater oder Vater verkauft erkennen. Denn ein Teil davon trug die Spuren meiner Jugendsünden. Als Sechsjähriger fielen mir einige dieser Blätter in die Hände. Dachte ich doch, dass diese unwichtige Zeichnungsentwürfe von Großvater oder Vater waren, Kritzeleien also. Dachte, dass ich solches doch auch schon zustande bringen konnte. Nahm ein Blatt als Vorlage und wiederholte diese dann mit Zeichenstift auf der Rückseite eines weiteren Blattes. Brauchte dann nur wenige Versuche, um den Duktus der Zeichnungen nachzuempfinden. Dann kamen mir doch Zweifel auf ob das Vater gut finden würde und daher sortierte ich die Blätter wieder dort ein, wo ich diese entnommen hatte. Nun fand ich hier sieben solcher Eigenprodukte auf der Rückseite von Klimts >Eine Linie-Zeichnungen< in der Sammelmappe und eine Seite weiter mehrere Expertisen zu genau diesen sieben Graphikblättern. Nach der Expertenmeinung wurden diese als originäre >Vorproben< des Künstlers erkannt und als besondere Seltenheiten bewertet!

Oskar Kokoschka, expressionistische Aquarelle und handsignierte Chromolithographien.

Käthe Kollwitz 1867 – 1945. Zählt zu den bekanntesten Deutschen Künstlerinnen. Ihre Lithographien, Holzschnitte, Radierungen und Kupferstiche waren ernsten Charakters und von sozialkritischer Natur, angelehnt an den Expressionismus und Naturalismus. 1893 als Beispiel ihr Zyklus zum Schauspiel >Die Weber< von Gerhard Hauptmann.

Alfred Kupin, Graphiker und Buchillustrator, 1877-1961 (Österr.), handsignierte Federzeichnungen, Radierungen und Lithographien. Darunter >Fabelwesen< Aquarelle auf Katasterpapier und weitere surrealistische Traumwelten.

Von Privat erworbene, unberührte Sammlung Deutsche Expressionisten u.a. von:

Ernst Ludwig Kirchner, Radierungen Holzschnitte, Farbholzschnitte und Lithographien.

Max Liebermann 1847 – 1935, Skizzen zu seinen frühen Malwerken, Litho-Selbstportrait um 1917.

Otto Mueller 1874 – 1930, Mitglied der Künstlergemeinschaft >Brücke<. Lithographien und Aquarelle zum Thema Mensch und Natur, Aktdarstellungen wie aus seinem >Zigeuner-Zyklus. <

Oskar Laske 1874-1951 (Österr. Wien), Aquarelle, Graphiken und von ihm illustrierte Bücher. Richard Müller 1874-1954, Sammlung Radierungen und Graphiken Tier- und erotische Motive, (auch Künstlerkarten) Akte. Von 1900-1935 lehrte er als Professor an der Dresdener Akademie. 1896 Träger des großen Rompreises der Preußischen Akademie der Künste (6000 Goldmark) für seine Radierung >Adam & Eva<. 1939 Bleistiftzeichnung vom Geburtshaus Adolf Hitlers.