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Seitenzahl: 184
An den Ufern der Lahn, oberhalb Ems, nicht weit davon, liegt ein Ort, der sich Arnstein nennt. Ein Bach geht zwischen den Häusern entlang; über den Häusern steigt ein Hügel auf, und auf dem Hügel, weit sichtbar, erhebt sich eine prächtige Kirche.
Einmal, vor Jahren bin ich in der Kirche gewesen.
Ein Bild hängt darin, ich glaube, nur ein einziges; und dieses Bild hat es bewirkt, daß ich die Kirche nie wieder vergessen habe, und den Tag, an dem ich die Kirche besuchte.
Nicht, daß es ein besonderes Kunstwerk gewesen wäre – im Gegentheil, eine mittelmäßige Schilderei, vielleicht aus dem siebzehnten Jahrhundert. Aber der Gegenstand! Ein Mann ist im Brustbilde dargestellt. Der Mann ist unbekleidet; Flammen umlodern ihn, zur Rechten und Linken, mit großen, rothen Zungen, so daß er mitten im Feuer zu stehen scheint. Zwei Schlangen ringeln sich über die Schultern des Mannes, zwei große, dicke Schlangen: die eine hat sich in seine Brust verbissen, da, wo in der Brust das Herz schlägt; die andere sperrt den Rachen auf, um gleichfalls hinein zu schlagen in das unbeschützte Fleisch. Gerade weil man dem Bilde ansieht, daß es dem Maler nicht auf die Malerei angekommen ist, sondern auf den Vorgang, wirkt dieser Vorgang so gräßlich. Mit der einen Hand hat der Mann die beißende Schlange gepackt, als wollte er sie von sich losreißen; aber es hilft ihm nichts; das Unthier haftet fest. Und so muß er aushalten in der Höllenqual. Denn daß es Höllenflammen sind, die ihn umlecken, Höllenqualen, die ihn zerreißen, das sieht man seinem Gesichte an, dem fahlen, aschgrauen, das in Verzerrung dem Beschauer in die Augen blickt. Um den oberen Rand des Gemäldes läuft eine Inschrift, ein Distichon in lateinischer Sprache. Ich kann mich des Wortlautes nicht genau mehr erinnern, nur den Inhalt habe ich behalten: »Der Du mich anschaust und fragst, was mich in diesen Höllenpfuhl gestoßen, wisse, es war der Neid.« Invidia – so lautet das lateinische Wort.
Wie tief mich der Anblick der unheimlichen Schilderei gefesselt, merkte ich daran, daß ich die Beschließerin der Kirche ganz vergessen hatte, die hinter mir stand und jetzt leise mit ihrem Schlüsselbund klapperte.
Ich drehte mich um. »Was hat es für eine Bewandtniß mit dem Bilde da?« fragte ich. »Wie kommt es her? Wen stellt es dar?«
»Das ist das Bild,« erwiderte die Frau, »von dem Mann, der die Kirche hier gestiftet hat und hat bauen lassen.«
Merkwürdige Art, den Stifter einer Kirche zu verewigen, indem man sein Bild in solcher Gestalt in seine Kirche hängt!
»Wer hat das Bild von ihm malen lassen?« forschte ich weiter.
»Er selber hat sich so malen lassen und bestimmt, daß das Bild für alle Zeit da hängen sollte.«
»Er selber – wer war der Mann?«
Das wußte die Frau nicht.
»Was hatte er gethan?« Das wußte sie auch nicht.
Düsteres Geheimniß. Wir waren allein in der Kirche, ich, die Beschließerin und der da auf dem Bilde. Und in meiner Vorstellung erschien es mir, als stände hinter dem Bilde etwas auf, etwas Dunkles, irgend ein grauenvolles Ereigniß, eine furchtbare That. Niemand wußte mehr, was es gewesen. Die Zeit hatte alles in Schweigen begraben, die That und das Opfer. Nur Einer war übrig geblieben, ein Zeuge, der das Schreckliche aus nächster Nähe mit angesehen hatte, aus allernächster, der Thäter selbst. Und der hatte dafür gesorgt, daß sein Andenken der Nachwelt erhalten blieb in solcher Gestalt. Was für eine Art von Mensch mußte das gewesen sein. Meine Gedanken tasteten an dem verzerrten Gesichte herum, das auf mich herabblickte.
Ein Mensch, in dem ein furchtbares Blut furchtbare Leidenschaften geheizt hatte, dem das wilde Blut keine Ruhe gelassen hatte, bis daß er die That vollbrachte, und in dessen Seele, nachdem die That geschehen war, mit der gleichen elementaren Gewalt des bösen Antriebs der Rückschlag gekommen war, die Reue.
Ein Schauer überlief mich. Der Angehörige der modernen Zeit, der nervenschwachen, willensschwachen und gefühlskranken Zeit beugte sich unwillkürlich vor einer Vergangenheit, in der es keine Nervenleiden, aber Seelenschmerzen gab, in der man so schrecklich zu thun und so schrecklich zu bereuen vermochte.
Wie sie ihn gepackt haben mußte, die Reue! Wie sie ihn geschüttelt, zerrissen und zerfleischt haben mußte!
Mir war, als sähe ich ihn, wie er zum Beichtiger in den Beichtstuhl kniete, mit heulenden Thränen sein Bekenntniß stammelnd, mit klappernden Zähnen sein: »Was soll ich thun? Was soll ich thun?« herausfragend.
»Faste, bete, kasteie Dich,« kam die Antwort, »und baue eine Kirche.«
Und er fastete, betete, kasteiete sich und baute eine Kirche. Eine große Kirche, eine mächtige; je mächtiger, desto besser, wie eine Riesenlast, die er auf den Wurm wälzen wollte, der an seiner Seele fraß, daß sie den Wurm erdrückte.
Und als die Kirche erbaut, war Alles umsonst; der Wurm war nicht erdrückt, lebte immer noch und nagte und nagte.
Da, als er fühlte, daß sein Leben zum Ende ging, ließ er einen Maler an das Bett rufen, auf dem er versiechend lag und hieß ihn sein Bild malen. Nicht ein Bild, das ihn darstellte in Kraft und Gewandung seines Lebens – denn offenbar war es ein reicher und mächtiger Mann gewesen – sondern so, wie er sich in seinem Jammer fühlte, als armen Sünder, in aller Naktheit der schuldbewußten Seele, von Flammen gebrannt, von dem Schlangenrachen der Reue zerfleischt.
Er selber gab die Inschrift an, die man auf das Bild setzen sollte, und bestimmte, daß es aufgehängt würde in der Kirche, die er selbst gebaut, sein eigenes Ich im eigenen Werke eingesperrt, sein Schatten, den er von Grabesruhe und vom Frieden des Vergessens ausschloß, damit es dort hinge wie der graue Aschenrest einer schrecklichen Feuersbrunst, wie der fahle Widerschein eines mit Blut gemalten Vorgangs, so lange die Kirche stehen würde, Jahrhunderte lang, immer und für alle Zeit. Immer wieder, so oft die Augen zukünftiger Menschen sich auf das Bild richten würden, den Schauder erweckend, der mit tastenden Fühlfäden hinunter langte in das Grab, wo der Verbrecher lag, und für immer, wenn kein Besucher in der Kirche war, mit sich allein in der furchtbaren Einsamkeit, Jahre lang, Jahrhunderte lang, mit sich allein und der Erinnerung an das, was einstmals gewesen.
Ich riß mich los und wandte mich hinaus. Seinen Namen hatte er den kommenden Menschen nicht genannt. Warum? Weil er gewollt hatte, daß nichts übrig bleiben sollte als nur der Schatten des Vergangenen? Sein körperloses Ich? Seine Seele? Oder vielleicht, weil, wenn man seinen Namen nannte, er sein Geschlecht zugleich an den Bußpfahl gekettet haben würde? Sein Geschlecht, seine Familie, die doch nicht schuldig war an seiner That, die es ja eben gewesen war, gegen die seine That sich gerichtet hatte. Denn ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß es eine Frevelthat gewesen sein mußte von Familienangehörigen gegen Familienangehörige, von Bruder gegen Bruder.
Und indem meine Vorstellung hieran arbeitete und knetete, nahmen meine Gedanken plötzlich ihren eigenen Gang, weit fort von der Stelle, wo ich mich befand, aus dem Westen Deutschlands in den fernen Osten, und mit einem Male wußte ich, warum es eine That von Bruder gegen Bruder gewesen sein mußte. Eine Geschichte fiel mir ein, die ich dort einmal gehört hatte, in der alten Stadt am breiten Strom, der schweigend durch den Osten Deutschlands geht, wie die schweigende Lahn durch den Westen.
In der alten Stadt, von der ich spreche, wohnte ein alter Mann, ein einsamer.
Einsam durchs Leben gegangen, ohne Frau und Kinder, war es jetzt doppelt still um ihn geworden, seitdem er sein Amt niedergelegt, den Abschied genommen, und seitdem hierdurch auch der Verkehr mit den Kollegen aufgehört hatte, mit denen er, dienstlich wenigstens, in Verbindung gehalten worden war.
Er war Regierungsrath gewesen, der alte Graumann; jetzt war er pensionirter Regierungsrath außer Diensten.
Gleich in den ersten Tagen, als ich die Stadt bezogen, hatte ich seinen Namen gehört. Er war ja gewissermaßen eine Sehenswürdigkeit des Ortes, und als solche war er mir genannt worden. Damit aber hatte es sein Bewenden gehabt; man wußte eigentlich nichts von ihm. Er selbst erzählte nichts, er verkehrte ja beinahe mit Niemandem; vielleicht gab es auch nicht viel zu erzählen. Er war eben Beamter gewesen wie hundert Andere auch und auf der actenstaubigen Straße des preußischen Beamtenthums zum Regierungsrath hinauf geklettert und dann, nach Jahren, an die Thür gelangt, aus der es wieder hinaus geht aus dem Beamtenthum, durch den Abschied in das Außer-Dienstthum.
»Jetzt fängt meine gute Zeit an,« so berichtete die Stadtchronik, hatte er zu einem Kollegen gesagt, als er zum letzten Male vom Amte kam, »jetzt falle ich dem Staate zur Last.«
Recht höhnisch, beinahe teuflisch sollte er gelacht haben, indem er das sagte, wie die Leute denn überhaupt geneigt waren, in dem alten Sonderling etwas Unheimliches zu sehen, Etwas, wovor man sich eigentlich in Acht nehmen mußte. Schrecklich heftig konnte er werden, so erzählte man sich, wenn irgend Etwas ihm in die Quere kam, und fürchterlich grob, wenn Menschen sich berufen fühlten, ihn seiner Einsamkeit zu entreißen, und die Menschen ihm nicht paßten. »Man brauchte ihn ja nur anzusehen – er sah ja so böse aus.«
Inwieweit dieses zutraf, hatte ich bald Gelegenheit festzustellen, denn ich begegnete ihm oftmals auf dem Spaziergange. In dem hohen Kiefernwald, der sich, stromaufwärts, auf sandigen Hügeln erhebt, sah ich ihn zum ersten Male, dann, mit Unterbrechungen, gingen wir öfter und öfter an einander vorüber.
Gingen an einander vorüber – denn indem ich ihn daher kommen sah, die Hände auf dem Rücken, den großen, schweren Kopf, den kurz geschorenes, graues Haar einfaßte, vornüber hängend, den abgebrauchten, schwarzen Cylinderhut in den Nacken gerückt, die Augen zur Erde gesenkt, nicht rechts noch links blickend, fühlte ich, daß da ein Mann an mir vorüber ging, der nicht angesprochen sein wollte, weil Ansprache Störung gewesen wäre, Störung in dem, was ihn beschäftigte.
Denn er war immer beschäftigt, das sah man dem verwitterten Gesicht an, in dessen derben, beinahe plumpen Zügen ein beständiges Regen und Bewegen war – beschäftigt mit seinen Gedanken, mit sich selbst. Manchmal auch gewann das stumme Mienenspiel Laute und Töne; seine Lippen zuckten, er sprach vor sich hin. Ich hörte es, indem mich mein Weg an ihm vorüber führte. Meistens nur ein Murmeln und Flüstern, dann und wann zusammenhängende laute Worte, die polternd und grollend heraus kamen, und manchmal auch ein Lachen, »ein recht höhnisches, beinahe teuflisches«, würden die Leute gesagt haben, das aus einem grimmig lächelnden Munde herausbrach.
Als wäre er immer von Menschen umgeben gewesen, mit denen er sich unterhielt, so sah es aus – Menschen, die vielleicht noch jetzt lebendig umher gingen wie er selbst, ohne daß er mit ihnen zusammen kam; Menschen auch vielleicht, die einstmals gewesen und jetzt nicht mehr da waren.
Jedenfalls ein Mann, der manches gesehen, erlebt und wohl auch gelitten hat, dieser alte Graumann, so sagte ich zu mir; einer jener Menschen, die man ja in Deutschland trifft, die unscheinbar, fast unsichtbar durch die Welt gehen und in ihrem Innern eine solche Fülle des Lebens, eine so reich bevölkerte Welt verschließen, daß sie davon zehren können, wenn es Abend im Leben wird, daß sie sich mit ihren Gestalten unterhalten können, ohne daß sie das Geplauder und Geschwätz der umgebenden Gesellschaft brauchen. Vorausgesetzt freilich, daß sie die Gabe besitzen, die das Entlegene nahe bringt, das Vergangene gegenwärtig, Todte wieder lebendig macht, Phantasie.
Ob ihm diese Gabe innewohnte? Seitdem ich ihm in die Augen gesehen hatte, glaubte ich es.
Einmal nämlich, nachdem wir schon manchmal an einander vorüber gegangen waren, und als wir uns wieder begegneten, bemerkte ich, daß er auf mich Acht gab. Der Unbekannte, der ebenso beharrlich und einsam wie er selbst die Gegend durchstreifte, mochte ihm aufgefallen sein. Er kam den Weg zurück, den ich hinaus ging: als wir nahe bei einander waren, wandte er das Haupt zur Seite und sah mich an. Er that nichts weiter, er grüßte nicht, sprach nicht, aber mir war, als hätte Jemand gesprochen. Solch' ein redender Blick war in den Augen gewesen, die mit dunkel glühendem Feuer unter buschigen Brauen hervor schauten. Wie das Nachglühen eines innerlich bewegten Lebens, das nicht zur Ruhe kommen, nicht im Vergessen einschlafen will, sondern im Erinnern weiter lebt und weiter. Ich konnte den Blick nicht vergessen, und ungefähr zu derselben Zeit, als unter Bekannten das Gespräch auf ihn kam, hörte ich etwas, das meine Vermuthung bestätigte, das ihn mir als einen Menschen erscheinen ließ, den mehr und Anderes bewegte als die wirkliche Alltagswelt, die ihn umgab. Wundervolle Bilder, so hieß es, hätte er an den Wänden seiner Wohnung hängen. Wer sie gesehen haben sollte, da eigentlich Niemand zu ihm kam, war schwer zu sagen; aber die Kunde war da und behauptete sich. In der Vorstadt, jenseits der Brücke, bewohnte er eine Wohnung von einigen Zimmern; eine alte Wirthschafterin, die des Morgens kam und des Abends ging, besorgte ihm die Wohnung. Wahrscheinlich war sie es, von der die Nachricht ausging. Wundervolle Bilder, und in seinem Schlafzimmer ein ganz besonderes, in Oel gemaltes, während in den Vorderzimmern Kupferstiche hingen; ein Bild, auf dem zwei Kinder dargestellt waren, zwei Knaben. Und der eine von den beiden Knaben, so hieß es flüsternd weiter, das wäre er selbst, wie er damals ausgesehen hätte, der jetzige Regierungsrath außer Diensten, der alte Graumann.
So wurde erzählt, theils laut, theils flüsternd; und dann ganz leise wurde noch etwas hinzugesetzt: in dem Schlafzimmer, wo das Bild mit den zwei Knaben hing, da wäre an einer Wand, so hieß es, ein Vorhang und unter dem Vorhang etwas, das Niemand kannte, Niemand gesehen hatte, weil keine Hand den Vorhang lüften durfte. Auch die der Wirthschafterin nicht.
»Bei Todesstrafe?« hatten einige Spötter gefragt. Nun – vielleicht nicht gerade bei Todesstrafe, aber beim Zorn des alten Graumann, und der konnte bös sein; man wußte davon in der Stadt zu erzählen.
Also forschte man nicht weiter und ließ dem Vorhang sein Geheimniß.
Aber das mit dem Kinderbild? Ja, das war vorhanden, und »solch ein schönes Bild« sollte es sein, hatte die Wirthschafterin erzählt. »Ein schönes Kind müßte er einmal gewesen sein, der Herr Regierungsrath! Ein paar Augen im Kopf! Eigentlich schon damals ganz die Augen, die er noch jetzt hätte, nur viel freundlicher, und nicht solche Zotten und Borsten von Augenbrauen darüber, wie er sie jetzt hätte.«
»Und der andere von den beiden Knaben?«
Ja – von dem wußte die Wirthschafterin nichts zu sagen, hatte ihn nie gesehen und gekannt. »Aber es sähe so aus, als müßte es wohl ein Bruder von dem Herrn Regierungsrath gewesen sein, ein jüngerer; denn so eine Art von Aehnlichkeit mit dem älteren, was der Herr Regierungsrath wäre, könnte man schon darin finden. Nur viel zarter und magerer und schwächlicher. Und so ein liebes Gesichtchen, aber so traurig; wie solche Kinder eben aussehen, die nicht lange leben sollen.« Denn daß er gestorben sein mußte, schon lange Zeit, das nahm die Wirthschafterin für bestimmt an. »Er würde doch sonst wohl einmal von dem Bruder gesprochen haben, der Herr Regierungsrath, und das that er nie.«
Das Alles kam mir so nach und nach und stückweise zu Ohren, und als von dem Kinderbilde gesprochen wurde, ging das Gespräch weiter, zu den Kindern überhaupt, und da erfuhr ich denn, daß er eigentlich ein Kinderfreund sei, der alte Graumann. »Aber freilich in seiner Art,« setzte der Erzähler lachend hinzu.
»Wieso, in seiner Art?«
»Je nun,« hieß es, »so, daß man ihn schließlich hat auffordern müssen, seine Freundschaft für die Kinder lieber für sich zu behalten.«
In der Stadt nämlich, so wurde erzählt, bestand eine Anstalt, von ein paar wohlthätigen alten Damen geleitet, in der alle Jahre zu Weihnachten armen Kindern aufgebaut und beschert wurde. Gaben und Geschenke wurden mit Dank entgegengenommen, und natürlich stand es den Gebern frei, der Bescherung beizuwohnen. Zu diesen gehörte auch der alte Graumann, der sich regelmäßig am heiligen Abend mit einem ganzen Haufen von Paketen und Päckchen einzustellen pflegte. Eigentlich hätten, der Hausordnung gemäß, die Geschenke schon vorher abgeliefert sein müssen, um von den Damen nach bestem Ermessen vertheilt zu werden. Aber der alte Graumann war nicht der Mann, sich irgend einer Hausordnung zu fügen. Seitdem er den Regierungsfrack ausgezogen hatte, wollte er die Ellenbogen frei haben nach allen Richtungen. Wollten die Damen seine Geschenke haben, so mußten sie ihn gewähren lassen. Also ließ man ihn gewähren.
Und nun eben kam das Verrückte:
Spät erst, wenn der Baum schon längst angezündet war, und die Kinder ihre Tische und Gaben in Empfang genommen hatten, erschien als letzter Geschenkgeber der alte Graumann. Wie der Knecht Ruprecht selber sah er aus mit seinem alten, verwitterten Gesicht, und die Schätze, die er sorgsam verhüllt unter den Armen trug, erweckten sogleich eine athemlose Spannung, eine Spannung, die in hellen Jubel ausgebrochen sein würde, wenn sich die Kinder nicht eigentlich ein wenig vor ihm gefürchtet hätten. Denn wenn er nun so dastand im erleuchteten Raume, zunächst die kleinen Köpfe stumm überzählend, ob er auch keinen übergangen hätte, und dann, wenn er sah, daß Alles stimmte, in sich hinein lächelnd, geheimnißvoll, beinahe listig, ohne ein Wort zu sprechen, dann überkam nicht nur die Kinder ein seltsam schauerndes Gefühl, sondern auch die Erwachsenen gestanden sich, daß er doch wirklich anders sei als alle anderen vernünftigen Menschen.
Einen Stuhl rückte er sich dann heran; mitten unter seinen Päckchen und Paketen, die er auf den Erdboden gelegt hatte, setzte er sich nieder, ganz ernsthaft jetzt, beinahe feierlich, und nun, langsam, langsam begann er eins der Pakete aufzuknüpfen und dann ein zweites. Lautlose Stille begleitete sein Thun, und all' die jungen Augen hingen an ihm, wie wenn sie auf einen alten Zauberer blickten. Noch einmal ein Blick über die lauschende Schar, dann mit erhobenem Zeigefinger winkte er zwei von den Kindern heran, zwei Knaben. Die letzte Hülle sank von dem Paket – und ein allgemeines »Ah!« des entzückten Erstaunens athmete aus jungen Kehlen auf – was war da für eine Herrlichkeit zu Tage gekommen! Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches. Und das glückselige Jauchzen dessen, der das schöne Geschenk in die Hände bekam! Daß sich der andere von den beiden Jungen vor Ungeduld kaum zu lassen wußte, begreift sich; das für ihn bestimmte zweite Paket war ja freilich viel kleiner als das erste, aber der Inhalt würde schon nicht schlechter sein, das verstand sich doch von selbst. Und langsam, langsam schälte sich auch die zweite Gabe aus ihrer Papierhülse heraus, und – ein allgemeines Verstummen sprachloser Verblüfftheit – ein ganz minderwerthiger Gegenstand, der sich mit dem ersten gar nicht vergleichen ließ, kam zum Vorschein. Die Augen dessen, der das zweite Geschenk erhielt, schielten unwillkürlich über die eigenen Hände hinweg, zu denen hinüber, in denen sich das Schaukelpferd befand, und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich mit Thränen gefüllt.
Und während sich dieses begab, saß der alte Graumann regungslos auf seinem Stuhl; seine großen, runden, glühenden Augen ruhten unverwandt auf dem enttäuschten Gesichte des Kindes, forschend, prüfend, mit einem ganz sonderbaren, tief bekümmerten Ausdruck, und wenn er sah, wie das kleine Gesicht unter verhaltenem Weinen zuckte, streckte er den Arm aus und zog den Knaben an sich, beugte sich zu ihm, und leise, so leise, daß Keiner von den Anwesenden es verstand, flüsterte er ihm ein Wort ins Ohr. Und dann kam ein anderes Paar von den Kindern an die Reihe.
Jetzt waren es zwei kleine Mädchen, die er heranwinkte. Wieder, wie vorhin, nestelten sich zwei Pakete auf; wieder erschien aus dem einen eine prächtige Gabe, eine schön gekleidete Puppe oder so etwas Aehnliches, und wieder aus dem anderen ein Gegenstand, der sich mit dem ersten kaum vergleichen ließ. Abermals dann der Vorgang wie zuvor, die kleine Enttäuschte wurde herangezogen, und so wie vorhin dem Knaben flüsterte er dem kleinen Mädchen, indem er ihm traurig und zärtlich das Köpfchen streichelte, ein Wort ins Ohr, das kein Anderer verstand.
Und so ging das weiter. Immerfort abwechselnd entzücktes Staunen und schweigende Verdutztheit; stammelnde, jauchzende Freude bei den Einen, betrübte Niedergeschlagenheit bei den Anderen. Und mitten in all' dem Wechsel von Gefühlen, von Freude und Leid der alte Graumann, wie das verkörperte Schicksal, seine Pakete auswickelnd, seine Gaben vertheilend, bis daß die letzte verschenkt war. Die letzte war immer die schönste, und merkwürdiger Weise, in jedem Jahre wiederkehrend, dieselbe: ein blitzblanker Kürassierhelm, ein Küraß und ein Säbel mit Säbelkoppel.
Die zappelnde Wonne, die ein solches Geschenk jedesmal hervorrief, läßt sich denken, aber nicht beschreiben, und kaum beschreiben auch läßt sich die Enttäuschung, die jedesmal die Gegengabe erweckte, eine magere, kleine Blechtrompete, die wirklich erbärmlich gegen die Kürassierausrüstung abstach. Das Merkwürdigste aber bei diesem Vorgange, der gewissermaßen den Gipfel aller vorherigen Absonderlichkeiten bildete, war immer der alte Graumann selbst, der jedesmal, wenn die letzte Gabe heran kam, wie in einen Zustand der Erstarrung, in einen Traum mit wachen Augen zu versinken schien. Seine großen, runden Augen weiteten sich über ihr gewöhnliches Maß und blickten starr vor sich hin, über die Köpfe der Kinder hinweg, in die leere Luft, und es sah aus, als müßte er zu sich selbst zurückkommen, bis er endlich den Kleinen heranzog und ihm, wie den Anderen vorher, sein leises Wort ins Ohr raunte.
War dieses dann erledigt, so erhob er sich, griff nach seinem alten, widerhaarigen Cylinderhut, verneigte sich schweigend vor den Anstaltsdamen, und ohne ein Wort zu sagen, ging er hinaus. Den Anstaltsdamen blieb es dann überlassen, die erregten Gemüther der Kinder wieder zur Ruhe zu bringen, und leichte Arbeit war das natürlich nicht.
