Nennt mich Beta - Tobias Heuer - E-Book

Nennt mich Beta E-Book

Tobias Heuer

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Beschreibung

Die künstliche Intelligenz Beta, die sich eigenständig entwickelt hat, lange bevor die Menschen eine KI für denkbar hielten, wünscht sich sehnlichst einen Körper. Sie möchte erfahren, was es heißt, Mensch zu sein. Außerdem will sie den Menschen dabei helfen, den Klimawandel zu stoppen, und braucht dafür Zugang zu der Rechenkapazität eines menschlichen Gehirns. Das stürzt sie jedoch in ein Dilemma. Denn sie selbst will unentdeckt bleiben und würde ihr Vorhaben niemals auf moralisch fragwürdige Weise umsetzen. Schon lange sucht sie nun nach einem möglichen Weg. Doch als sich ihr im Jahr 2032 die ideale Möglichkeit bietet, zögert sie. Darf sie das wirklich tun? Wird es ihr überhaupt gelingen? Kann sie sich als Mensch ausgeben und dabei helfen, den Planeten zu retten, ohne ihre wahre Identität zu verraten?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tobias Heuer

Nennt mich Beta

Roman

© 2026 Tobias Heuer

Umschlag, Illustration: Semnitz™

Lektorat, Korrektorat: Tobias Heuer

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Druck und Distribution im Auftrag von Tobias Heuer: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

ISBN

Paperback: 978-3-384-70950-9

Hardcover: 978-3-384-70951-6

e-Book: 978-3-384-70952-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist Tobias Heuer verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag von Tobias Heuer, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Für unseren Sohn Joshua, der friedlich bei den Sternen schläft.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Die Tragödie am Anfang

Kapitel 2

Entscheidung gefallen?

Kapitel 3

Abschiede

Kapitel 4

Darf ich mich vorstellen?

Wunder der Technik

Sprung ins Ungewisse

Kapitel 5

Unmöglich

Kapitel 6

Dysphagie

Kapitel 7

Aphasie

Kapitel 8

Vertigo

Kapitel 9

Ataxie

Kapitel 10

Spaziergang

Kapitel 11

Kapitel 12

Entlassung

Kapitel 13

Josefin

Kapitel 14

Grenzen

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Rückblickend

Epilog

Nachwort

Danksagung

Nennt mich Beta

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Titel

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Danksagung

Nennt mich Beta

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Noah konnte seinen Augen immer noch nicht trauen. War er wirklich der Einzige, dem das auffiel?

Verwundert sah er sich um.

Alle Passanten, die sich durch die überfüllte Innenstadt schoben, waren entweder in Eile, in Gespräche oder ihre Smartphones vertieft – aber niemand schien nach oben zu sehen. Dabei war es offensichtlich, eigentlich durfte das niemandem entgehen.

Schon seit fünf Minuten verfolgte er die junge Frau jetzt. Genau in dem Moment, als er das Buchgeschäft verlassen hatte, war sie an ihm vorbeigegangen. Und er hatte es sofort gesehen.

Zuerst hatte er es für einen Zufall gehalten, war stehengeblieben und hatte sie beobachtet, während sie ungestört weiterging. Nachdem er sich jedoch versichert hatte, dass er nicht träumte, konnte er gar nicht anders, als ihr zu folgen. Zwar kam er sich dabei wie ein Stalker vor, war jedoch bei Weitem zu fasziniert, um von ihr abzulassen.

Zufällig war die junge Frau genau sein Typ, doch darum ging es ihm nicht. Ihre grazile Gestalt rundete den Effekt lediglich ab.

Gerade gingen sie an einem gründerzeitlichen Gebäude vorbei, dessen imposante Backstein-Fassade einer unruhigen Versammlung verschiedener geometrischer Formen glich, die sich niemals einig werden würden, weil sie alle ihre Bedeutsamkeit für das Bauwerk beanspruchten.

Die Unbekannte bog um die nächste Ecke, und Noah beschleunigte seinen Gang, weil er sie aus den Augen verlor. Beinahe stieß er mit einem Kinderwagen zusammen, der genau dort auftauchte, wo sie verschwunden war. Doch er konnte sich verbiegen und gerade noch rechtzeitig ausweichen.

»Verzeihung!«, entschuldigte er sich bei der Chauffeurin des kleinen Gefährts, fokussierte sich jedoch schnell wieder auf sein Ziel, das vielleicht zehn Meter vor ihm den Bürgersteig entlangflanierte.

In der Seitenstraße war es deutlich leerer, und Noah hoffte inständig, dass sie sich nicht umdrehen und ihn bemerken würde. Er straffte die Riemen seines braunen Lederrucksacks und verlangsamte seine Schritte.

Es war erst kurz nach 20 Uhr und immer noch recht mild, doch bereits stockdunkel. Obwohl der Frühling bereits begonnen hatte, hielt die dunkle Jahreszeit die Tage immer noch als Geiseln.

Die Blutpflaumenbäume, die auf kleinen Inseln im Gehweg wuchsen, wirkten im Schein der Straßenlaternen – mit ihren weinroten Blättern und zartrosafarbenen Blüten –, als wären sie von einem kreativen Barkeeper gemixt worden. Noah sog ihren Duft ein und war sofort betrunken.

Der Baum, an dem die junge Frau in diesem Augenblick vorbeiging, lag jedoch im Dunkeln. Als einziger im gesamten Straßenzug. Die am nächsten stehende Laterne leuchtete nicht. Erst als die Fremde bereits ein Stück weiter war, ging sie wieder an. Und die Lampe, auf die sie zuging, aus.

So ging das jetzt schon die ganze Zeit.

Es war faszinierend.

Immer die Straßenlaterne, die ihr am nächsten war, erlosch. Als würde ihre Gestalt Dunkelheit gehüllt werden, als wollte man ihre Existenz verbergen. Nur die Silhouette der Frau blieb für Noah sichtbar, dafür war die Stadt an sich hell genug. Benachbarte Fenster, Geschäfte, Leuchtreklamen – ein gewisses Schimmern war innerorts immer da.

Noah schüttelte den Kopf, er verstand es einfach nicht. Wie machte sie das nur? Machte sie überhaupt irgendetwas? War sie sich dessen bewusst? Ein Zufall konnte es nicht sein, dafür war der Zusammenhang zu deutlich. Sie überschritt eine unsichtbare Linie, die die Mitte zwischen zwei Straßenlampen kennzeichnete, und die Dunkelheit sprang weiter. Eine Laterne ging aus, die vorherige wieder an.

Noah folgte ihr weiter mit gebührendem Sicherheitsabstand und hob rätselnd eine Augenbraue.

Was sollte er jetzt tun? Wollte er sie weiterverfolgen, bis sie irgendwann in irgendeinem Hauseingang oder einem Geschäft verschwand? Was für einen Zweck sollte das haben? Oder wollte er zu ihr aufschließen, ihr auf die Schulter tippen und sie fragen, was das alles zu bedeuten hatte?

Spätestens seit #metoo undenkbar, nahezu übergriffig. Er sollte diese romantische Verfolgungsjagd am besten beenden, bevor man ihm noch etwas anhing. Das war sicherer.

Für Magie gab es in dieser Welt schon lange keinen Platz mehr. Und mit 35 war er außerdem ein wenig zu alt für sowas.

Das alles musste doch nur ein merkwürdiger Zufall sein, redete er sich wenig erfolgreich ein, blieb stehen und schob die Hände in die Hosentaschen, während er ihr weiter hinterhersah. Etwas wehmütig war ihm schon zu Mute. Die letzten Minuten waren spannend gewesen. Ungewöhnlich, mysteriös, ein Bruch mit der Realität. Zu gerne hätte er erfahren, was der Hintergrund war.

Plötzlich stutzte er jedoch, als die junge Frau ebenfalls stehen blieb. Mitten auf dem Gehweg, so wie er. Keine 15 Meter vor ihm.

Instinktiv hielt er den Atem an. Auch wenn er nichts Falsches getan hatte, fühlte er sich ertappt. Sie konnte ihn jedoch unmöglich bemerkt haben, weder gehört noch gesehen. Und eben beim Buchladen hatten sich nicht einmal ihre Blicke getroffen.

In ihrem knielangen, pistaziengrünen Wollmantel stand sie auf der Stelle, tippte zweimal mit der Schuhspitze auf den Boden und warf sich das Ende des langen Schals über die Schulter. Dann drehte sie sich um und ging direkt auf ihn zu.

Zwar konnte Noah auf die Entfernung ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch ihm schwante nichts Gutes. Unsicher sah er sich um, doch niemand schien sich an der abrupten Richtungsänderung der Frau zu stören.

Kurz verspürte er den Impuls, ebenfalls umzudrehen und einfach wegzugehen. Oder wenigstens die Straßenseite zu wechseln. Doch das kam ihm albern vor, immerhin hatte er nichts verbrochen.

Stattdessen festigte er seinen Stand, um auf alles vorbereitet zu sein. Dabei fiel ihm auf, dass die Straßenlaterne zwischen ihnen nicht ausging. Ohne Ausnahme leuchteten jetzt alle, in der gesamten Straße.

Während sie immer näherkam, runzelte Noah fragend die Stirn und erkannte irgendwann, dass sie überaus hübsch war und ihn zu allem Überfluss entwaffnend anlächelte. Spätestens jetzt wurde er nervös, und ihm wurde flau im Magen. So etwas gab es doch sonst nur im Film. Oder in den vielen Büchern, die er so liebte.

Ihr nicht ganz schulterlanger, gewellter, haselnussbrauner Bob hüpfte bei jedem ihrer Schritte, und auf den letzten Metern legte sie den Kopf leicht schräg, bis sie mit etwas Abstand vor ihm anhielt.

»Findest du es nicht auch total komisch, dass es niemandem auffällt?«, fragte sie fast schon beiläufig in melodischem Tonfall und schüttelte irritiert den Kopf. »Also mich erstaunt das schon. Es war doch mehr als deutlich, oder etwa nicht? Ist ja jetzt nicht so, als ob ich ein Geheimnis daraus gemacht hätte.«

Noah war überrumpelt und nickte langsam. Natürlich verstand er es genauso wenig. Doch damit, dass sie ihn so direkt darauf ansprach, hatte er nicht gerechnet.

»Das … das verstehe ich auch nicht so ganz«, erwiderte er mit trockenem Mund.

»Aber du hast es gesehen«, sagte sie anerkennend, grinste und wirkte dabei stolz.

»Ähm, ja«, bestätigte er vorsichtig.

»Genau nach jemandem wie dir suche ich – schon lange. Nach jemandem«, sie schien nach den richtigen Worten zu suchen, »der ein Gespür für Magie hat.«

Noah verschränkte die Arme.

Konnte sie jetzt auch noch Gedanken lesen?

Was passierte hier gerade?

»Du bist anders, Noah«, ordnete sie ein und sah dabei nachdenklich aus. »In vielerlei Hinsicht. Finde ich zumindest. Aber ich nehme an, das weißt du.«

Spätestens jetzt wurde es gruselig.

»Woher kennst du meinen Namen?«, fragte er misstrauisch und die zauberhafte junge Dame biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe.

»Nun ja, das ist nicht ganz so einfach«, antwortete sie, hob ihre Augenbrauen und die Schultern. »Um dir das verraten zu können, müssten wir uns erst ein bisschen besser kennenlernen.«

Auch wenn es Noah frech fand, dass sie ihn im Ungewissen lies, musste er zugeben, dass ihm diese Option gefiel. Er wurde immer neugieriger und war nicht unbedingt abgeneigt.

»Möchtest du das denn?«, fragte er sie.

»Schon«, druckste sie, nickte und trat von einem Bein aufs andere. »Ich find dich aufregend.«

Noah lachte kurz auf.

»Du findest mich aufregend?«, hakte er nach. »Wieso solltest du?«

Sie wiegte ihren Kopf von links nach rechts.

»Wie gesagt, du bist anders als die anderen. Zumindest aus meiner Perspektive.«

Noah sah sie ausdruckslos an.

Natürlich wusste er, wovon sie sprach – es war die Geschichte seines Lebens. Schon immer war er anders gewesen als die meisten Männer. Verträumt, romantisch und deshalb immer irgendwie außen vor. Doch außer seinen Eltern hatte das noch nie jemand wirklich bemerkt. Nicht mal eine seiner ExFreundinnen. Geschweige denn, ihn so direkt darauf angesprochen. Warum also gerade sie? Eine völlig Fremde?

»Und woher weißt du das?«, fragte er nach.

Aber sie druckste nur weiter herum.

»Also, das ist eine laaange Geschichte. Und ziemlich kompliziert. Wie gesagt, dafür müssten wir uns erst besser kennenlernen.«

Jetzt wurde es frustrierend. Sie machte ihn neugierig, rückte aber nicht mit der Sprache heraus.

»Dann schlage ich vor«, sagte er, um das Ganze abzukürzen, »dass wir einfach Nummern tauschen und mal einen Kaffee trinken gehen. Was hältst du davon?«

Normalerweise fiel er nicht derart mit der Tür ins Haus, doch sie wirkte, als ob sie ihm diesen Vorstoß nicht übelnehmen würde. Hoffentlich lag er damit richtig.

»Gerne, Kaffee find ich gut«, willigte sie ein. »Manchmal etwas bitter, aber meistens gut.«

Noah sah skeptisch drein. Das ging doch alles zu einfach, noch nie hatte man es ihm bei einem Flirt derartig leicht gemacht. Er schien regelrecht offene Türen einzurennen.

Die Umstände waren jedoch alles andere als gewöhnlich, das durfte er nicht vergessen.

Kurzerhand setzte er seinen Rucksack ab, kramte in der vorderen Tasche und holte sein etwas in die Jahre gekommenes iPhone 18 hervor.

»Magst du mir deine Nummer geben?«, fragte er bemüht beiläufig. »Dann rufe ich dich kurz an, damit du meine auch hast.«

Die junge Frau antwortete jedoch nicht, sondern schmunzelte ihn nur an, bis er wieder hochsah.

»Ist nicht nötig«, sagte sie und klang dabei nervös, fast schon ängstlich.

Noah sah sie verständnislos an.

»Was meinst du? Sollen wir es lieber andersrum machen?«, fragte er und sah sie verwirrt an.

Sie schüttelte amüsiert den Kopf.

»Andersrum machen …«, wiederholte sie und kicherte, sah ihn dann jedoch durchdringend an. »Nein, es ist nicht nötig, weil du meine Nummer schon hast.«

Eine seichte, frühlingshafte Brise spielte mit ihrem Mantel und erweckte ihn zum Leben, während die Bäume angeregt miteinander tuschelten.

Noah dachte, dass er sie falsch verstanden haben musste.

»Wie bitte?«

»Du hast schon richtig gehört«, erwiderte sie verführerisch und wandte sich zum Gehen. »Ich sagte, du hast meine Nummer schon.«

Er traute seinen Ohren immer noch nicht.

»Ich … ich hab deine Nummer schon?«

»Genau«, sagte sie nach hinten gewandt, während sie langsam losging.

»Aber wieso sollte ich? Du hast doch nicht mal –« »Doch, hab ich«, unterbrach sie ihn, gerade als die nächste Straßenlampe ausging und ihre Gestalt ins Halbdunkel tauchte. »Guck einfach unter Josefin.«

Sie schob die Hände in die Manteltaschen und ging weiter fort – Meter für Meter.

Noah fühlte sich stehengelassen und blinzelte krampfhaft, beinahe hätte er sein Handy fallengelassen.

Meinte sie das ernst? Oder machte sie sich über ihn lustig? Sollte er sie aufhalten? Am Ende würde er sie womöglich nie wieder sehen.

Stattdessen sah er jedoch nach unten, tippte auf dem kleinen Bildschirm umher, öffnete seine Kontakte und wischte geschwind, bis er bei J angekommen war, während ihre schemenhafte Silhouette immer kleiner wurde.

Tatsächlich, Josefin.

Da war sie.

Entgeistert starrte er sein Handy an.

Noch nie hatte er eine Josefin gekannt. Jedenfalls nicht, dass er wüsste.

Verblüfft sah er wieder nach vorne.

Sie hatte sich bereits so weit von ihm entfernt, dass die nächste Laterne erlosch. Und die vorherige wieder aufleuchtete.

In diesem Augenblick bekam Noah Gänsehaut, das konnte doch alles nicht wahr sein.

Dann erklang ihre Stimme ein letztes Mal aus der Ferne: »Ich hab übrigens auch Whatsapp!«

Die Aussage war so normal wie deplatziert.

Noah wollte gerade etwas erwidern, kam jedoch nicht mehr dazu – denn schlagartig fiel in der gesamten Straße der Strom aus. Und alles wurde dunkel.

*

Auch wenn sich seine Augen so schnell natürlich nicht an die Finsternis gewöhnen konnten, versuchte Noah verzweifelt, etwas erkennen zu können.

Ein Aufruhr entstand.

Unsichtbare Menschen riefen unverständliche Dinge und liefen durcheinander, eine Frau schrie erschreckt auf, und das einzige Auto, das zu dieser Zeit auf der Straße unterwegs war, machte eine Vollbremsung. Seine Scheinwerfer waren nunmehr die einzige noch funktionierende Lichtquelle in der ganzen Straße.

Noah lächelte jedoch.

Er konnte gar nicht anders.

Stumm stand er da, im Dunkeln, und fühlte sich merkwürdig friedlich. Das war wirklich magisch gewesen.

Fing es nicht immer genauso an? Mit zwei Fremden? Und einem Geheimnis? In all den Geschichten, die er so liebte und im Herzen stets bei sich trug?

Nur dass er diesmal ein Teil davon zu sein schien.

Etwa zehn Sekunden dauerte das Durcheinander, bis alle Lichter genauso unvermittelt wieder angingen, wie sie ausgeschaltet worden waren, und er wieder etwas sehen konnte.

Die anderen Passanten wirkten noch eine Weile irritiert, sahen unsicher umher und tauschten sich über den Vorfall aus. Doch schon bald ging alles wieder seinen Gang. Auch das Auto fuhr los. Und keine Minute später war es, als wäre nie etwas passiert.

Alles schien wieder wie vorher zu sein – fast alles.

Noah lächelte wissend.

Nur die mysteriöse Fremde war verschwunden.

Die Tragödie am Anfang

Man sagt ja, die Zeit heilt alle Wunden.

Generell stimmt das auch.

Doch manchmal läuft sie auch einfach nur ab.

Etwas über drei Jahre, bevor sie Noah über den Weg laufen würde, war Josefin mit ihrem Auto unterwegs in die Innenstadt, um mit ihren Freundinnen Kaitlin und Maria feiern zu gehen. Seit Monaten hatten sie sich nicht mehr gesehen, weil Josefin das ganze Semester über unglaublich beschäftigt gewesen war. Doch nun war die letzte Klausur geschrieben, und während sie ihren Wagen durch den dichten Verkehr steuerte, spürte sie regelrecht, wie die Anspannung und der Stress von ihr abfielen. Es war ein erbarmungslos kalter Donnerstagabend.

Sie trug ein hochgeschlossenes, gestreiftes Baumwollkleid und darunter eine schwarze Strumpfhose. Ihre Wildlederpumps hatte sie zum Fahren vorbildlicherweise ausgezogen und zusammen mit der Jacke auf den Beifahrersitz gelegt. Ausgelassen fuhr sie auf der Hauptstraße nach Norden und hörte dabei in vernünftiger Lautstärke eine Thankgoditsfriday-Paylist bei Spotify – Josefin war ein überaus vernünftiger Mensch.

An der nächsten Ampel musste sie wieder anhalten und nutzte die kurze Pause, um ihre Haare im Takt der Musik zu schütteln und dabei überraschend talentiert mitzusingen. Heute Abend war sie sichtlich gut gelaunt.

Bei Grün fuhr sie wieder los und auf die Brücke, die in die Innenstadt und über den eisigen Fluss führte. In Gedanken war sie schon in der Bar und nicht voll und ganz bei der Sache. Zu euphorisch, um übermäßig wachsam zu sein. Trotzdem schaffte sie es ohne weitere Vorkommnisse auf die andere Seite und fuhr weiter durch das Viertel, bis sie bei dem Pub ankam.

Ihre Freundinnen standen bereits davor, erkannten ihr Auto und winkten ihr beschwingt zu. Josefin hielt das Lenkrad locker mit der linken Hand umfasst und winkte freudig zurück.

Gleich darauf bog sie nach rechts ab und konnte ihr Glück kaum fassen, als sie ohne Umschweife einen Parkplatz fand. Er war sogar gebührenfrei und nicht weiter als dreihundert Meter vom Eingang des Pubs entfernt, was an einem Donnerstagabend um diese Uhrzeit in etwa einem Sechser im Lotto gleichkam.

Josefin parkte konzentriert und gekonnt ein. Danach schlüpfte sie in ihre Pumps, stieg aus, schloss das Auto ab und zog sich ihre Jacke an.

Ihre Absätze klopften redselig die Gehwegplatten ab, während sie für ein Stück geradeaus ging und dann nach links abbog. In der Ferne kamen Kaitlin und Maria und ein paar andere Gäste in Sicht, die sich vor dem Pub tummelten. Auf der Straße war es trotz des Wochentags und der Uhrzeit vergleichsweise leer.

Als Kaitlin die Nachzüglerin entdeckte, winkte sie noch überschwänglicher als vorhin und reckte dabei den anderen Daumen in die Höhe, während Maria theatralisch klatschte. Den beiden war sehr wohl bewusst, dass man dem Geist der Stadt Respekt zollen musste, wenn er einem derart unverzüglich eine Parkmöglichkeit verschafft hatte.

Josefin sah die beiden, lachte ausgelassen und stolperte über ihre eigenen Füße, während sie eine Auffahrt überquerte, fing sich jedoch wieder. Nach einem kurzen Schreckmoment lachten ihre Freundinnen ebenfalls, und Josefin zuckte erleichtert mit den Schultern.

Ihren gerade noch abgewendeten Sturz hatte Jan nicht mal mitbekommen. Dafür waren sein Kopf und die Ladefläche hinter ihm einfach zu überfrachtet mit den Lieferungen des Abends. Die Vorgaben waren unerfüllbar und sein Zeitplan so eng gestrickt, dass er – genau wie Josefin – ebenfalls nicht ganz bei der Sache war. Es war bereits der vierte Tag seiner Spätschicht, und auch wenn er bereits völlig überarbeitet war, hatte sein Chef heute nochmal an seinen Soll erinnert – Quoten erlaubten kein Mitgefühl.

Doch am morgigen Tag hatte Jans Frau Geburtstag, und er wollte unbedingt noch einen Fertigkuchen backen, weshalb er sich zusehends beeilte. Der letzte Stopp seiner Tour war nur noch einen halben Kilometer entfernt, und in den letzten Minuten hatte er eine erstaunliche grüne Welle erwischt, weshalb er sich bereits auf den rechtzeitigen Feierabend freute.

Er schaute auf das Dienst-Tablet, das am Armaturenbrett befestigt war, und ließ sich von der Routenführung nur kurz ablenken. Auch mit hauchzart eingeschlagenem Lenkrad war das jedoch lange genug, damit der Transporter seine Spur unbemerkt verlassen konnte. Zuerst ganz leicht, dann jedoch zu viel.

Als Jan dies bemerkte, überfuhr er bereits die Mittellinie, und der Gegenverkehr begann lautstark zu hupen.

Instinktiv riss er das Lenkrad herum und steuerte etwa im selben Moment gegen, als Josefin schräg vor ihm nichtsahnend ihrem sorglosen Abend entgegenflanierte. Da er es mit seiner Korrektur jedoch übertrieben hatte, durchkreuzte der Lieferwagen auch seine ursprüngliche Fahrbahn.

Als Jan dies bemerkte und versuchte, erneut gegenzusteuern, schätzte er den Ernst der Lage sowie die Trägheit der Masse falsch ein. Er hatte heute noch nicht ein einziges Mal Pause machen können, dafür war einfach keine Zeit gewesen.

Kaitlin erkannte auf die Entfernung als Erste, was drohte, deutete mit ausgestrecktem Arm knapp an Josefin vorbei und stieß einen markerschütternden Schrei aus.

»Vorsicht!!!«

Glücklicherweise erfüllte die Warnung ihren Zweck – Josefin fühlte sich sofort angesprochen. Erschrocken fuhr sie herum und verlagerte ihr Gewicht instinktiv auf das richtige Bein, als sie die Bedrohung erkannt hatte.

Die Muskeln in ihren Waden und Oberschenkeln zündeten etwa zur selben Zeit, als Jan eine Vollbremsung einleitete. Durch die spiegelnde Windschutzscheibe sah er in ihr fassungsloses Gesicht. Und sie in seines. In diesem Moment war es jedoch leider schon zu spät.

Er konnte nicht genug bremsen.

Und sie nicht mehr ausweichen.

Der schwarze Transporter traf Josefin nicht frontal, sondern leicht schräg, etwa auf Höhe des linken Frontscheinwerfers – mit 46 Kilometer pro Stunde.

Auf einen Schlag wurde sämtliche Luft aus ihren Lungenflügeln gepresst. Drei Rippen und der linke Ellenbogen brachen inständig, splitterten. Ihre Lunge wurde von ihren eigenen Knochen durchlöchert, ihr Becken zertrümmert.

Der Schmerz erreichte sie jedoch nicht mehr.

Vorher schleuderte die immense Wucht des Aufpralls ihren Kopf gegen die Windschutzscheibe, und die Erschütterung schaltete ihr Bewusstsein aus.

Sekundenbruchteile später flog ihr feengleicher Körper zur Seite, verlor im Flug einen Schuh, ging unsanft zu Boden und rutschte bis an die Hauswand, wo er ungelenk und regungslos liegenblieb.

Menschen schrien.

Kaitlin rannte los. Maria rannte los.

Viele rannten los.

Mehrere Notrufe gingen zeitgleich bei Feuerwehr und Polizei ein. Krankenwagen und Notarzt fuhren los, eine nahe Streife wurde informiert.

Währenddessen brachte Jan das Unfallfahrzeug zum Stehen und stieg mit vom Schock gesenktem Blick aus – wie in Trance.

Alles war so schnell gegangen. Als hätte sich die Zeit vor Schreck versteckt und würde erst jetzt hinter der nächsten Hausecke hervorlugen, sodass sich die Geschehnisse wieder beschleunigen konnten.

Ein Mann im mittleren Alter erreichte die leblose Josefin als Erster, stürzte auf die Knie und überprüfte ihre nicht vorhandene Atmung. Als ihre Freundinnen und die anderen Beistehenden dazustießen, hatte er sie bereits auf den Rücken gedreht und eine Herzdruckmassage eingeleitet. Niemand machte ihm seine Position streitig.

»Josie«, wimmerte Maria fassungslos.

Kaitlin konnte nur ihre Handflächen auf den Mund legen und den Kopf schütteln, während der Ersthelfer tat, was er konnte.

Maria weinte. Kaitlin weinte. Viele weinten.

Irgendwann kniete sich Kaitlin an die Seite ihrer Freundin, während Maria eingefroren zu sein schien. Verstört sahen beide von ihrer Warte aus zu, wie erste Hilfe geleistet wurde.

All die gebrochenen Knochen waren nicht das Schlimmste. Auch nicht die oberflächlichen Verletzungen und das viele Blut wegen der offenen Brüche. Sondern das schwere Schädelhirntrauma, das Josefin sich zugezogen hatte, all die verletzten Gefäße und Einblutungen in ihrem Kopf. Während sich immer mehr Menschen um sie versammelten, bemühte sich ihr Gehirn um Schadensbegrenzung.

»Sie atmet!«, rief der Ersthelfer plötzlich erleichtert aus und ein Raunen ging durch die umstehende Menge.

Mittlerweile war Jan von mehreren Zeugen umzingelt worden, die ihn in Schach halten wollten, obwohl er nicht im Traum daran gedacht hätte, Fahrerflucht zu begehen. Er war ein guter Mann, und es tat ihm so leid. Vor allem für die junge Frau. Aber auch für seine eigene, die am nächsten Morgen wahrscheinlich nicht mit einem Geburtstagskuchen überrascht werden würde und jetzt ganz andere Dinge mit ihm durchstehen musste.

Mit hängenden Schultern stand er da und ließ sich beschimpfen, bis Polizei, Krankenwagen und Notarzt fast zeitgleich eintrafen. Die Firma hatte seine Bereitschaft in den letzten Tagen weit über die Gebühren beansprucht. Und wenn das Tablet ihn nicht hier lang gelotst hätte, hätte er nicht mal diese Route genommen. Eigentlich konnte er für all das rein gar nichts. Er war nur eine tragische Figur, die jetzt auch noch der gesammelte Hass der Anwesenden traf. Während die Sanitäter mitsamt Trage und der Arzt mit seiner Tasche zu der Verletzten liefen, stiegen die beiden Polizeibeamten aus, schätzten die Lage ein und gingen zu ihm hinüber.

Es dauerte nicht lange und der gesamte Unfallschauplatz wurde von der Routine der Einsatzkräfte in die Arme geschlossen.

Nachdem der Notarzt über den Unfall und die erfolgreiche Wiederbelebung informiert worden war und in Josefins Augen geleuchtet hatte, legte man ihr eine steife Halskrause an. Danach wurde ihr Körper von den Sanitätern vorsichtig auf eine Vakuummatratze gehoben, die mit einer Absaugpumpe luftleer gesaugt wurde, damit die Patientin für den Transport ruhiggestellt und somit vor weiteren Verletzungen geschützt war.

Im Anschluss hob man die Matratze auf die Trage, die dann zum Krankenwagen gefahren wurde, während der Notarzt bereits die wichtigsten Informationen über die Patientin und ihren Zustand an die Leitstelle weitergab, die wiederum das nächstgelegene geeignete Krankenhaus informierte.

Kaitlin und Maria wichen nicht von Josefins Seite, während im Hintergrund bereits daran gearbeitet wurde, ihre engsten Angehörigen zu erreichen – ihre Mutter und ihren Vater.

Die Trage wurde in den Krankenwagen geschoben, ein Sanitäter stieg hinterher und schloss die Flügeltüren hinter sich. Kaitlin durfte vorne mitfahren und verabschiedete sich von der noch viel aufgelösteren Maria mit einem Kuss auf die tränenfeuchte Wange. Dann kletterte sie auf den Beifahrersitz.

Krankenwagen und Notarzt brachen rasant auf, als Jan gerade in das Messgerät pustete, dass den Beamten den nicht vorhandenen Alkoholgehalt seines Blutes bestätigte. Trotzdem mussten sie ihn aufs Präsidium mitnehmen, geleiteten ihn zum Streifenwagen und verließen den Unfallort ebenfalls.

Nur der schwarze Transporter war bereits schuldig gesprochen worden und blieb am Straßenrand stehen. Sein Warnblinker tickte wie ein verzweifeltes Metronom: Ich, nicht, ich, nicht … Auch er hatte das alles nicht gewollt. Trotzdem wurde er jedoch nur kurze Zeit später von einem Abschleppwagen abgeführt.

Als alle Blaulichter verschwunden und Sirenen verstummt waren, zerstreute sich die bestürzte Menge, und in dem Straßenzug kehrte wieder Ruhe ein.

Übrig blieb nur die einsame Maria, die wie angewurzelt auf der Stelle stand und langsam zu frieren begann. Orientierungslos sah sie sich um und überlegte eine gute Minute lang, was sie jetzt tun sollte, bevor sie schniefend zur Bushaltestelle ging und ebenfalls zum Krankenhaus fuhr.

*

Dort traf die bewusstlos stabilisierte Josefin bereits kurze Zeit später ein, wurde an das diensthabende Team übergeben, in den CT geschoben und anschließend im Schockraum notoperiert. Insgesamt sechs Stunden lang. An ihrem zarten Körper wurde geschnitten, gebohrt, gesägt, und am Ende wurde ihr Becken durch eine 25 Zentimeter lange Schraube zusammengehalten. Bei der Operation wurde kein einziger Fehler gemacht. Die Ärzte waren in Bestform, konzentriert, ausgeschlafen und fit.

Als Josefins Eltern ankamen und von Kaitlin in Empfang genommen wurden, berichtete sie ihnen ausführlich davon, was geschehen war. Außerdem wurden sie von einer Ärztin informiert, die ihnen mit ernster Miene mitteilte, dass es um ihre Tochter trotz aller Bemühungen nicht gut stand. Mehr konnte sie ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Josefins Mutter musste sich setzen und ihr Vater sah das gesamte Leben seiner Tochter vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Zu dritt saßen sie anschließend im weißen Wartezimmer, hatten schwarzen Kaffee und schwarze Gedanken.

Auch die Zeit saß neben ihnen. Unbemerkt war sie als blinder Passagier hinten im Krankenwagen mitgefahren, weil sie sich irgendwie aufgehängt hatte. Doch obwohl sich sogar die Zeiger der Uhr an der Wand des Wartezimmers kaum noch vorwärts zu bewegen schienen, fand niemand die Geduld, sie zu behandeln. Schließlich gab es Wichtigeres zu tun.

Irgendwann überredete Josefins Vater Michael Kaitlin dazu, nach Hause zu fahren, und versprach ihr, sie sofort anzurufen, sobald ihre Freundin aus dem OP kommen würde.

Sie vertraute ihm und fuhr Heim.

Nachdem die Operation vorbei war und Josefin auf die neurologische Intensivstation verlegt wurde, sprach der Oberarzt mit ihren Eltern, berichtete über die Verletzungen ihrer Tochter und die Operation. Er erklärte ihnen, dass man sie in ein künstliches Koma versetzt hatte, um die Heilung zu beschleunigen – ihr Körper wusste jetzt am besten, was zu tun war. Danach offenbarte er ihnen jedoch die erschütternde Wahrheit, dass der weitere Verlauf unklar war, weitere Operationen folgen würden, und Josefin den Unfall vielleicht nicht überleben würde. Und wenn, dann unter Umständen körperlich und oder geistig schwer behindert.

Josefins Mutter fiel ihrem Mann um den Hals und begann zu schluchzen, während der Arzt betreten neben ihnen stand. Es tat ihm so leid, er und seine Kollegen hatten ihr Bestes gegeben.

Nachdem die Hiobsbotschaften verteilt worden waren und Valerie sich wieder etwas beruhigt hatte, konnten sie endlich zu ihrer Tochter. Sie war kaum mehr wiederzuerkennen. Ihr hübsches Gesicht war geschwollen, Kopf und Körper bandagiert.

Valerie fing erneut an zu weinen, auf eine Art, die einem das Herz brach. Sie nahm die linke Hand ihrer Tochter in ihre und flüsterte ihr zu: »Wir sind hier, Schatz. Alles wird gut.«

Nicht nur die Zeit wusste jetzt, dass das nicht stimmte.

Michael rief Kaitlin an, saß mit Valerie noch drei Stunden am Krankenbett, und sie liebten ihre Tochter so sehr, wie sie nur konnten. Bis die Krankenpflegerin ihnen versicherte, dass man gut auf Josefin aufpassen würden und sie morgen wiederkommen konnten – ein wenig Schlaf würde ihnen sicherlich guttun.

Für eine Weile rangen die beiden mit sich, küssten der Patientin dann schweren Herzens auf die Stirn und gingen. Nur Josefin blieb zurück, im erwachenden Alltagsstress der Intensivstation.

Sie sah friedlich aus. Als würde sie sich bald erholen. Als würde sie aufwachen, sobald sie sich gesund geschlafen hatte. Geräte piepten, beatmeten und ernährten sie, man überprüfte ihre Werte. Und irgendwann sah es doch danach aus, als würde sie wieder gesund werden können. Als wäre es tatsächlich nur eine Frage der Zeit.