Neonrisse - Adrian Schultz - E-Book

Neonrisse E-Book

Adrian Schultz

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Beschreibung

Neonrisse – Ein Cyberpunk-Thriller aus dem Berlin der Zukunft Berlin, 2095: Neonlicht durchflutet die nächtlichen Straßen, virtuelle Realität bestimmt den Alltag, und Mega-Konzerne kontrollieren das Leben der Menschen bis ins kleinste Detail. Lena Reiser, eine begabte Hackerin und AR-Künstlerin, lebt im Untergrund und kämpft für die Wahrheit. Als sie versehentlich auf eine gefährliche Verschwörung des mächtigen Konzerns BioNexus stößt, gerät sie zwischen die Fronten eines erbitterten Konflikts. Die geheimnisvollen Machenschaften von BioNexus reichen tief. Lena entdeckt erschütternde Experimente. Entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, schließt sie sich einer Widerstandsgruppe an und beginnt eine gefährliche Mission. Doch der Preis für die Wahrheit ist hoch. Während sie durch Neon-getränkte Straßen flüchtet, virtuelle Netzwerke infiltriert und lebensgefährliche Intrigen aufdeckt, muss Lena sich mit Täuschung, Verrat und ihren eigenen Ängsten auseinandersetzen. Wird es ihr gelingen, die Menschheit vor BioNexus' finsteren Plänen zu retten? "Neonrisse" verbindet atemberaubende Action mit tiefgründigen Themen wie Menschlichkeit, Freiheit und der fragilen Grenze zwischen Realität und virtueller Welt. Tauchen Sie ein in eine mitreißende Geschichte über Widerstand, Freundschaft und die Kraft der Wahrheit in einer düsteren, pulsierenden Cyberpunk-Welt!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

 

Neonrisse

© 2025 Adrian Schultz

Alle Rechte vorbehalten.

 

Adrian Schultz  

Oberste Gasse 16

34117 Kassel

 

[email protected]

 

ISBN: 9783689956219

NEONRISSE

 

 

 

Kapitel 1: Neonlichter

 

Der Regen fiel wie flüssiges Neon auf die Straßen Berlins. Lena Reiser blinzelte, als die Tropfen auf ihre AR-Kontaktlinsen trafen und die digitalen Overlays für einen Moment verzerrten. Die Stadt um sie herum war ein Meer aus Licht und Bewegung – ein pulsierender Organismus aus Fleisch und Technologie, der niemals schlief.

 

Sie stand auf dem Dach eines verlassenen Altbaus im Bezirk Kreuzberg, einer der wenigen Strukturen, die den massiven Umbauprojekten der letzten Jahrzehnte entgangen waren. Von hier oben hatte sie einen perfekten Blick auf die kolossale BioNexus-Zentrale, deren pyramidenförmige Silhouette den Horizont dominierte. Das Gebäude ragte wie ein technologischer Monolith über die Stadt, seine Fassade ein ständig wechselndes Mosaik aus Licht und Information.

 

Lena atmete tief durch und aktivierte ihr Implantat mit einem Gedankenbefehl. Sofort flammten Datenströme in ihrem Sichtfeld auf, Zahlen und Codes, die nur für sie sichtbar waren. Ihre Finger tanzten durch die Luft, manipulierten virtuelle Schaltflächen und Regler mit der Präzision einer Konzertpianistin.

 

"Bist du sicher, dass du das durchziehen willst?" Die Stimme ihrer Freundin Iris drang durch das Implantat in ihr Ohr. "BioNexus hat ihre Sicherheitsprotokolle verschärft. Wenn sie dich erwischen—"

 

"Werden sie nicht", unterbrach Lena. Ihre Stimme klang härter als beabsichtigt. Sie milderte ihren Ton. "Tut mir leid, Iris. Aber das ist wichtig. Die Menschen müssen sehen, was hinter der glänzenden Fassade steckt."

 

Sie justierte die letzten Parameter ihrer AR-Installation. Was sie vorhatte, war mehr als nur Kunst – es war ein Akt des Widerstands. Seit Jahren verkaufte BioNexus der Öffentlichkeit das Bild eines wohltätigen Konzerns, der die Menschheit in eine bessere Zukunft führte. Aber Lena kannte die Wahrheit. Oder zumindest einen Teil davon.

 

Mit einer letzten Geste schloss sie die Programmierung ab. "Es ist soweit. Aktiviere den Stream."

 

"Stream läuft", bestätigte Iris. "Du hast dreißig Sekunden, bevor die Sicherheitssysteme dich lokalisieren können."

 

Lena nickte, obwohl Iris sie nicht sehen konnte. Dann drückte sie den virtuellen Auslöser.

 

Für einen Moment geschah nichts. Dann, wie eine Welle, die vom Epizentrum eines Erdbebens ausging, begann sich die Realität zu verändern. Die massive Werbefläche an der BioNexus-Zentrale, die gerade noch das lächelnde Gesicht von CEO Viktor Krell zeigte, flackerte und verzerrte sich. An seine Stelle trat ein anderes Bild: dasselbe Gesicht, aber nun verzerrt, halb menschlich, halb maschinell, mit kalten, berechnenden Augen und einem grausamen Lächeln. Darunter erschienen Worte in blutroter Schrift: "EVOLUTION DURCH KONTROLLE".

 

Um das zentrale Bild herum entfalteten sich weitere Szenen: Aufnahmen von geheimen Laboren, von Menschen mit experimentellen Implantaten, deren Gesichter vor Schmerz verzerrt waren. Dazwischen flackerten Dokumente auf, zu schnell, um sie zu lesen, aber lange genug, um den Eindruck von Verschwörung und Vertuschung zu vermitteln.

 

Die AR-Installation breitete sich aus, sprang von Display zu Display, infizierte die Werbeflächen und öffentlichen Bildschirme in einem immer größer werdenden Radius. Überall in der Umgebung blieben Menschen stehen und starrten nach oben, ihre Gesichter in das unnatürliche Licht getaucht.

 

Lena erlaubte sich ein kleines Lächeln. Dies war ihr bisher größtes Werk – eine perfekte Mischung aus Kunst, Hacking und politischer Botschaft. Sie hatte monatelang daran gearbeitet, hatte Sicherheitssysteme umgangen und verschlüsselte Daten gesammelt. Nicht alles, was sie zeigte, war bewiesen, aber es war genug Wahrheit darin, um die Saat des Zweifels zu pflanzen.

 

"Lena, du musst da weg!" Iris' Stimme klang panisch. "Ich registriere erhöhte Aktivität in den Sicherheitsnetzwerken. Sie haben dich schneller gefunden als erwartet."

 

Lena fluchte leise. Sie hatte gehofft, die Installation länger laufen lassen zu können, aber sie hatte immer gewusst, dass es riskant war. "Verstanden. Ich packe zusammen."

 

Sie begann, ihre virtuelle Workstation zu schließen, als ein grelles Licht sie blendete. Ein Suchscheinwerfer, der vom Dach des BioNexus-Gebäudes kam und nun direkt auf sie gerichtet war.

 

"Scheiße", murmelte sie.

 

"Was ist los?" fragte Iris.

 

"Sie haben mich im Visier. Ich muss verschwinden." Lena packte ihren physischen Rucksack, in dem sich ihr Backup-Equipment befand. Die AR-Installation würde weiterlaufen, auch wenn sie nicht mehr da war – zumindest für eine Weile.

 

Der Scheinwerfer wurde von einem zweiten und dritten begleitet, die alle auf ihr Versteck gerichtet waren. In der Ferne hörte sie das charakteristische Summen von Sicherheitsdrohnen.

 

"Lena, ich sehe mindestens zwei Sicherheitsteams, die sich deiner Position nähern", informierte Iris sie. "Eines kommt über die Hauptstraße, das andere über die Dächer von Osten."

 

Lena scannte ihre Umgebung. Nach Westen führte eine Reihe von niedrigeren Dächern, die sie nutzen konnte. "Ich gehe nach Westen. Kannst du mir einen sicheren Weg durch den Bezirk zeigen?"

 

"Arbeite daran", antwortete Iris. Ein Moment später erschien eine leuchtend blaue Linie in Lenas Sichtfeld, die ihren Fluchtweg markierte.

 

Ohne zu zögern sprang Lena auf die Brüstung und dann hinüber zum nächsten Dach. Der Abstand war nicht groß, aber der Regen machte den Untergrund rutschig. Sie landete hart, rollte sich ab und kam wieder auf die Füße.

 

Hinter ihr ertönte eine mechanisch verzerrte Stimme: "HALT! SICHERHEITSDIENST BIONEXUS! SIE SIND WEGEN UNBEFUGTEN EINDRINGENS UND CYBERTERRORISMUS VERHAFTET!"

 

Lena warf einen Blick über die Schulter. Auf dem Dach, das sie gerade verlassen hatte, waren zwei Sicherheitsbeamte in schwarzen Uniformen erschienen. Ihre Gesichter waren hinter taktischen Visieren verborgen, und sie trugen schwere Exoskelette, die ihre Bewegungen verstärkten.

 

Sie rannte los, folgte der blauen Linie, die Iris für sie projizierte. Die Sicherheitsbeamten nahmen die Verfolgung auf, ihre verstärkten Beine ermöglichten ihnen Sprünge, die für einen normalen Menschen unmöglich wären.

 

"Sie sind schnell", keuchte Lena, während sie über eine schmale Lücke zwischen zwei Gebäuden sprang.

 

"Du musst schneller sein", erwiderte Iris. "Ich versuche, sie abzulenken."

 

Lena wusste, was das bedeutete. Iris würde versuchen, in die AR-Systeme der Sicherheitsbeamten einzudringen und ihre Sicht zu stören. Es war riskant – wenn BioNexus sie erwischte, würde sie genauso in Schwierigkeiten stecken wie Lena.

 

Sie erreichte das Ende der Dachreihe. Vor ihr lag ein breiterer Abgrund, zu weit, um ihn zu überspringen. Die blaue Linie führte nach unten, zu einer Feuerleiter an der Seite des Gebäudes.

 

Lena schwang sich über die Kante und kletterte so schnell sie konnte hinunter. Die Metallsprossen waren nass und kalt unter ihren Händen. Über ihr hörte sie das Klirren von Stiefeln auf dem Dach – die Sicherheitsbeamten hatten sie eingeholt.

 

Sie war etwa auf halber Höhe der Feuerleiter, als ein Schuss die Nacht durchschnitt. Ein Betäubungspfeil schlug neben ihrem Kopf in die Wand ein.

 

"Sie schießen auf mich!", rief sie.

 

"Fast unten", ermutigte Iris sie. "Dann nach links in die Gasse."

 

Lena ließ die letzten Meter der Leiter aus und sprang auf den Boden. Der Aufprall sandte einen Schmerz durch ihre Knöchel, aber sie ignorierte ihn und rannte los. Die Gasse war eng und dunkel, gesäumt von Müllcontainern und den Überresten längst vergessener Graffiti.

 

Sie bog um eine Ecke und fand sich plötzlich auf einer belebten Straße wieder. Hier pulsierte das Nachtleben Berlins in all seiner neonbeleuchteten Pracht. Holografische Werbetafeln warben für die neuesten Implantate und virtuellen Erlebnisse. Menschen mit leuchtenden Tätowierungen und modifizierten Körpern drängten sich auf den Bürgersteigen.

 

Lena verlangsamte ihren Schritt und mischte sich unter die Menge. Sie deaktivierte ihre auffälligeren AR-Overlays und zog die Kapuze ihrer Jacke tiefer ins Gesicht.

 

"Ich glaube, ich habe sie abgehängt", murmelte sie.

 

"Noch nicht", warnte Iris. "BioNexus hat Zugriff auf das öffentliche Überwachungsnetzwerk. Sie werden die Kameras nach dir scannen."

 

Lena nickte unmerklich. "Ich brauche eine Tarnung."

 

Sie scannte die Straße und entdeckte einen Straßenhändler, der AR-Masken verkaufte – digitale Overlays, die das Erscheinungsbild des Trägers in der augmentierten Realität veränderten. Sie ging hinüber und kaufte eine mit einem schnellen Scan ihres Implantats.

 

"Billige Ware", kommentierte sie, als sie die Maske aktivierte. Sofort legte sich ein digitales Overlay über ihr Gesicht, das ihre Züge in die einer älteren Frau mit silbernem Haar verwandelte. Für jeden, der sie durch AR-Linsen oder Implantate betrachtete – was praktisch jeder in diesem Teil der Stadt tat – würde sie nun völlig anders aussehen.

 

"Es muss nur lange genug halten", sagte Iris. "Die Sicherheitsbeamten haben sich aufgeteilt. Sie durchkämmen die Gegend systematisch."

 

Lena bewegte sich weiter durch die Menge, bemüht, natürlich zu wirken. Ihre Installation lief noch immer, verbreitete sich wie ein digitales Lauffeuer durch die AR-Netzwerke der Stadt. Auf den großen Displays um sie herum flackerten immer wieder Fragmente davon auf, bevor die Sicherheitsprotokolle sie unterdrücken konnten.

 

Sie erlaubte sich einen Moment der Zufriedenheit. Selbst wenn sie sie fangen würden, hatte sie erreicht, was sie wollte. Die Menschen sahen, stellten Fragen, teilten Aufnahmen in ihren sozialen Netzwerken. Der Samen des Zweifels war gesät.

 

"Lena, Vorsicht!" Iris' Warnung kam im selben Moment, als Lena ihn sah – einen Mann in ziviler Kleidung, aber mit der unnachgiebigen Haltung eines Sicherheitsbeamten. Er stand am Rand der Straße, sein Blick systematisch die Menge scannend. An seinem Handgelenk trug er ein Gerät, das Lena als Implantat-Scanner identifizierte.

 

Sie wandte sich ab und beschleunigte ihre Schritte, drängte sich tiefer in die Menge. Aber es war zu spät. Der Scanner hatte ihr Implantat erfasst, trotz der AR-Maske.

 

"Zielperson identifiziert!" Die Stimme des Mannes schnitt durch den Lärm der Straße. "Sektor 7, bewegend sich nach Süden!"

 

Lena rannte los, stieß Menschen beiseite. Die AR-Maske flackerte und verschwand, als sie ihre Energie auf ihre Beine konzentrierte.

 

"Iris, ich brauche einen anderen Weg raus!"

 

"Arbeite daran", kam die angespannte Antwort. "Die U-Bahn-Station ist zweihundert Meter voraus. Wenn du es dorthin schaffst—"

 

Ein Körper rammte Lena von der Seite, warf sie zu Boden. Sie rollte sich instinktiv ab und kam wieder auf die Füße, bereit zum Kampf. Vor ihr stand ein weiterer Sicherheitsbeamter, diesmal in voller Montur, sein Gesicht hinter einem taktischen Visier verborgen.

 

"Lena Reiser", sagte er, seine Stimme durch den Helm verzerrt. "Sie sind verhaftet wegen Cyberterrorismus und Sabotage von Konzerneigentum."

 

Lena wich zurück, suchte nach einem Fluchtweg. Die Menge um sie herum hatte sich zurückgezogen und bildete einen Kreis aus neugierigen Zuschauern. Einige filmten die Szene mit ihren Implantaten.

 

Der Sicherheitsbeamte machte einen Schritt auf sie zu, seine Hand an der Waffe an seiner Hüfte. "Kommen Sie friedlich mit, oder wir werden Gewalt anwenden müssen."

 

Lena wusste, dass sie im direkten Kampf keine Chance hatte. Der Mann war größer, stärker und hatte sein Exoskelett. Aber sie hatte andere Waffen.

 

Mit einer schnellen Geste aktivierte sie ein Notfallprotokoll in ihrem Implantat. Sofort flackerten alle AR-Displays in der Umgebung und sendeten einen intensiven Lichtblitz aus, der jeden blendete, der AR-Linsen oder Implantate trug – was praktisch jeder tat, einschließlich des Sicherheitsbeamten.

 

Er taumelte zurück, vorübergehend desorientiert. Lena nutzte den Moment und rannte los, drängte sich durch die ebenfalls verwirrte Menge.

 

"Beeindruckend", kommentierte Iris. "Aber das wird sie nur wütender machen."

 

"Solange es mich aus ihrer Reichweite bringt", keuchte Lena.

 

Sie erreichte die U-Bahn-Station und stürmte die Treppen hinunter. Die Station war ein Gewirr aus Menschen, Licht und Bewegung. Holografische Fahrpläne schwebten in der Luft, und die Wände waren mit interaktiven Werbeflächen bedeckt.

 

"Der nächste Zug kommt in einer Minute", informierte Iris sie. "Gleis 3."

 

Lena bahnte sich ihren Weg durch die Menge zum richtigen Gleis. Hinter sich hörte sie Rufe und das Geräusch schwerer Stiefel auf Beton – die Sicherheitsbeamten hatten die Station erreicht.

 

Der Zug glitt lautlos in die Station ein, eine stromlinienförmige Kapsel aus Glas und Metall. Die Türen öffneten sich mit einem sanften Zischen.

 

Lena sprang hinein, drängte sich zwischen die Passagiere. Die Türen begannen sich zu schließen, als sie die Sicherheitsbeamten am Ende des Bahnsteigs sah. Einer von ihnen hob seine Waffe.

 

Die Türen schlossen sich vollständig, und der Zug beschleunigte. Lena atmete erleichtert aus und ließ sich gegen die Wand sinken.

 

"Das war knapp", sagte sie leise.

 

"Zu knapp", stimmte Iris zu. "Sie werden die Kameras im Zug überwachen. Du musst beim nächsten Halt aussteigen und untertauchen."

 

Lena nickte müde. Es war nicht das erste Mal, dass sie vor BioNexus fliehen musste, und es würde sicher nicht das letzte Mal sein. Aber heute hatte sie einen kleinen Sieg errungen. Für einen kurzen Moment hatte sie den Menschen gezeigt, was hinter der glänzenden Fassade des mächtigsten Konzerns der Stadt lauerte.

 

Sie blickte durch die Fenster des Zuges nach draußen, wo Berlin in all seiner neonbeleuchteten Pracht vorbeizog. Die Stadt war ein Dschungel aus Licht und Schatten, aus Technologie und Menschlichkeit, aus Macht und Widerstand. Und irgendwo in diesem Dschungel würde sie einen sicheren Ort finden – zumindest für heute Nacht.

 

Morgen würde der Kampf weitergehen. Denn in einer Welt, die von Konzernen beherrscht wurde, war die Wahrheit die mächtigste Waffe. Und Lena Reiser hatte gerade erst begonnen, sie einzusetzen.

 

 

 

 

 

Kapitel 2: Verborgene Codes

 

Die Nacht hatte Lena verschluckt. Nach ihrer knappen Flucht vor den BioNexus-Sicherheitskräften war sie in eines ihrer Notquartiere untergetaucht – ein winziges Apartment im 23. Stock eines heruntergekommenen Wohnblocks in Neukölln. Die Gegend war ein Paradox: umgeben von den glitzernden Hochhäusern der Konzernelite, aber selbst ein Relikt aus einer vergangenen Ära, als Wohnraum noch für Menschen und nicht für Profit gebaut wurde.

 

Lena stand am Fenster und blickte auf die Stadt hinaus. Ihre AR-Installation hatte mehr Aufmerksamkeit erregt, als sie erwartet hatte. Auf allen Kanälen wurde darüber berichtet – natürlich als "terroristischer Angriff auf die öffentliche Ordnung" bezeichnet. BioNexus hatte schnell reagiert, die Bilder als "manipulierte Fälschungen einer radikalen Anti-Tech-Gruppe" abgetan. Aber die Saat des Zweifels war gesät.

 

Ihr Implantat vibrierte sanft. Eine Nachricht von Iris.

 

"Bist du wach? Musst du sehen. Großes AR-Festival heute Abend. BioNexus ist Hauptsponsor."

 

Lena rieb sich die müden Augen. Sie hatte kaum geschlafen, die Adrenalinreste der Verfolgungsjagd hatten sie wach gehalten. Aber Iris würde sie nicht kontaktieren, wenn es nicht wichtig wäre.

 

"Bin wach. Was gibt's?"

 

"Sie versuchen, den Schaden zu begrenzen. Krell selbst wird eine Rede halten. Über 'die Zukunft der Mensch-Technologie-Symbiose'. Perfekte Gelegenheit, um zu sehen, was sie wirklich planen."

 

Lena zögerte. Nach der Aktion gestern Abend wäre es riskant, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, besonders bei einer Veranstaltung, die von BioNexus gesponsert wurde. Andererseits... solche Festivals waren Massenveranstaltungen. Tausende von Menschen mit AR-Implantaten und -Brillen, alle vernetzt in einem gigantischen digitalen Ökosystem. Die perfekte Tarnung.

 

"Wo und wann?"

 

"Tempelhofer Feld. Beginnt bei Sonnenuntergang. Ich schicke dir eine sichere ID."

 

Lena nickte, obwohl Iris sie nicht sehen konnte. Das Tempelhofer Feld, einst ein Flughafen, dann ein Park, war mittlerweile das größte AR-Erlebniszentrum Europas. Ein riesiges offenes Gelände, auf dem die physische Realität nur als Leinwand für die endlosen digitalen Überlagerungen diente.

 

"Ich bin dabei. Aber ich brauche eine bessere Tarnung als gestern."

 

"Schon dabei. Treffen wir uns bei der alten Werkstatt. 17 Uhr."

 

Die Verbindung wurde unterbrochen. Lena wandte sich vom Fenster ab und begann, sich vorzubereiten. Sie brauchte Ruhe, Nahrung und einen Plan.

 

 

Die "alte Werkstatt" war ein unauffälliges Gebäude in einem Industriegebiet am Stadtrand. Früher wurden hier Autoteile hergestellt, heute diente es als eines der vielen versteckten Studios, in denen Iris ihre AR-Kunst erschuf. Als Lena eintrat, wurde sie von einem Kaleidoskop aus Licht und Form begrüßt. Iris testete offensichtlich neue Projektionen.

 

"Da bist du ja." Iris materialisierte sich aus einem Wirbel aus Farben. Im Gegensatz zu Lenas zurückhaltender Erscheinung war Iris ein wandelndes Kunstwerk. Ihr Körper war mit biolumineszierenden Tätowierungen bedeckt, die mit ihren Emotionen pulsierten. Ihr Haar, heute in einem leuchtenden Violett, schimmerte mit eingewebten Lichtfasern.

 

"Nette Show", kommentierte Lena und deutete auf die schwebenden Formen.

 

"Nur ein Nebenprojekt." Iris winkte ab und die Projektionen verschwanden. "Komm mit, ich habe etwas für dich vorbereitet."

 

Sie führte Lena in einen Nebenraum, der als improvisiertes Labor eingerichtet war. Auf einem Tisch lag eine Reihe von Geräten, die Lena als hochwertige AR-Ausrüstung erkannte.

 

"Das ist mehr als nur eine Maske", erklärte Iris und hob ein schlankes Gerät auf, das wie ein modisches Halsband aussah. "Es ist ein vollständiger Identitätswechsler. Verändert nicht nur dein AR-Erscheinungsbild, sondern sendet auch gefälschte Implantat-Signaturen. Selbst wenn sie nach dir scannen, werden sie jemand anderen sehen."

 

Lena nahm das Gerät und untersuchte es. "Woher hast du das? Das ist militärische Technologie."

 

Iris grinste. "Ich habe Freunde. Freunde, die der Meinung sind, dass deine Arbeit wichtig ist."

 

Lena wollte nicht weiter nachfragen. Je weniger sie über Iris' Kontakte wusste, desto besser für alle Beteiligten. Sie legte das Halsband an und spürte, wie es sich an ihre Haut anpasste.

 

"Wie sehe ich aus?"

 

Iris aktivierte einen Spiegel, der sowohl das physische als auch das AR-Erscheinungsbild zeigte. Lena blickte in das Gesicht einer Fremden – eine Frau mit asiatischen Zügen, langen schwarzen Haaren und subtilen Gesichtsimplantaten, die für wohlhabende Konzernmitarbeiter typisch waren.

 

"Beeindruckend", murmelte Lena.

 

"Das ist noch nicht alles." Iris reichte ihr eine schlanke Brille. "Spezialanfertigung. Gibt dir Zugriff auf Sicherheitsebenen, die normalerweise nur für BioNexus-Personal zugänglich sind. Nicht genug, um in ihre Hauptsysteme einzudringen, aber genug, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen."

 

Lena setzte die Brille auf und sofort erweiterte sich ihr Sichtfeld mit neuen Datenströmen. "Wie hast du das—"

 

"Besser, wenn du das nicht weißt", unterbrach Iris sie. "Lass uns sagen, jemand bei BioNexus ist nicht ganz so loyal, wie sie denken."

 

Lena nickte langsam. Die Implikationen waren beunruhigend, aber auch vielversprechend. Ein Insider bei BioNexus könnte der Schlüssel sein, um endlich herauszufinden, was der Konzern wirklich plante.

 

"Also, was ist der Plan?" fragte sie.

 

Iris projizierte eine dreidimensionale Karte des Tempelhofer Feldes in die Luft. "Das Festival ist in verschiedene Zonen unterteilt. Hier" – sie deutete auf einen abgegrenzten Bereich in der Mitte – "ist die Hauptbühne, wo Krell seine Rede halten wird. Drumherum sind verschiedene Erlebnisbereiche, in denen BioNexus ihre neuesten AR-Technologien präsentiert."

 

"Und hier" – sie zoomte auf einen kleineren Bereich am Rand – "ist der VIP-Bereich. Nur für geladene Gäste und hochrangige Konzernmitarbeiter. Deine neue Identität sollte dir Zugang verschaffen."

 

Lena studierte die Karte. "Was genau suchen wir?"

 

"Ich bin mir nicht sicher", gab Iris zu. "Aber meine Quelle sagt, dass Krell etwas Großes plant. Das Festival ist nur die Fassade für ein Treffen mit wichtigen Investoren und Regierungsvertretern. Es geht um ein Projekt namens 'Nexus Prime'."

 

Lena erstarrte. "Nexus Prime? Bist du sicher?"

 

Iris nickte. "Sagt dir das etwas?"

 

"Vielleicht." Lena dachte an Fragmente von Daten, die sie bei früheren Hacks gefunden hatte. Codeschnipsel und kryptische Verweise auf ein Projekt mit diesem Namen. "Es könnte mit den Experimenten zusammenhängen, die ich in meiner Installation gezeigt habe. Aber ich hatte nie genug Beweise, um sicher zu sein."

 

"Nun, heute Abend ist deine Chance, mehr herauszufinden." Iris deaktivierte die Projektion. "Wir sollten uns beeilen. Das Festival beginnt in zwei Stunden."

 

*

 

Das Tempelhofer Feld war in ein Meer aus Licht und Illusion verwandelt worden. Wo einst Flugzeuge starteten und landeten, schwebten nun gigantische holografische Strukturen in der Luft. Die physische Welt diente nur noch als Grundlage für die AR-Überlagerungen, die für jeden sichtbar waren, der die entsprechende Technologie trug – was praktisch jeder tat.

 

Lena bewegte sich durch die Menge, ihre neue Identität wie ein Schutzschild um sie herum. Die Brille, die Iris ihr gegeben hatte, enthüllte Datenschichten, die für normale Festivalbesucher unsichtbar waren. Sie konnte Sicherheitsprotokolle sehen, Kommunikationskanäle, sogar die persönlichen Profile einiger BioNexus-Mitarbeiter.

 

"Ich bin drin", murmelte sie, wissend, dass Iris sie über ihr Implantat hören konnte. "Der VIP-Bereich ist am nordöstlichen Ende."

 

"Sei vorsichtig", antwortete Iris. "Ich überwache die Sicherheitskanäle, aber es wimmelt von BioNexus-Personal."

 

Lena bahnte sich ihren Weg durch die Menschenmassen. Das Festival war ein Angriff auf die Sinne – überall blitzten und flimmerten AR-Installationen, Musik pulsierte aus unsichtbaren Quellen, und die Luft war erfüllt vom Geruch synthetischer Aromen, die durch atmosphärische Projektoren verbreitet wurden.

 

Sie erreichte den VIP-Bereich, der durch eine schimmernde Barriere gekennzeichnet war – unsichtbar für normale Besucher, aber deutlich sichtbar durch ihre Spezialbrille. Ein Sicherheitsbeamter stand am Eingang, sein Blick durch ein AR-Interface verstärkt, das jeden Besucher scannte.

 

Lena trat selbstbewusst vor. Ihre gefälschte Identität sollte allen Überprüfungen standhalten, aber ihr Herz schlug dennoch schneller.

 

Der Sicherheitsbeamte nickte ihr zu, nachdem sein Scan ihre "Identität" bestätigt hatte. "Willkommen, Ms. Chen. Genießen Sie den Abend."

 

Lena lächelte kühl und trat durch die Barriere. Der VIP-Bereich war eine Oase der Ruhe inmitten des Festivalchaos. Hier waren die AR-Überlagerungen subtiler, eleganter. Die Gäste – hochrangige Konzernmitarbeiter, Politiker und Prominente – unterhielten sich in kleinen Gruppen, während Serviceroboter lautlos Getränke und Häppchen servierten.

 

"Ich bin im VIP-Bereich", informierte sie Iris. "Krell schon zu sehen?"

 

"Noch nicht. Seine Rede ist für 21 Uhr angesetzt. Du hast noch eine Stunde."

 

Lena nahm sich ein Glas Champagner von einem vorbeigleitenden Roboter und begann, den Raum zu erkunden. Mit ihrer Spezialbrille konnte sie Datenfragmente sehen, die zwischen den Gästen hin und her flossen – private Nachrichten, Geschäftsvereinbarungen, persönliche Daten. Es war wie ein unsichtbares Netzwerk, das alle verband.

 

Sie konzentrierte sich auf Gespräche, die Hinweise auf "Nexus Prime" enthalten könnten. Die meisten Unterhaltungen waren belanglos – Konzernklatsch, Börsenspekulationen, die neuesten Implantate. Aber dann fing sie ein Fragment einer Unterhaltung auf.

 

"...die Testphase ist abgeschlossen. Krell wird heute Abend die nächste Stufe ankündigen."

 

Lena drehte sich langsam um. Die Stimme gehörte zu einer eleganten Frau mittleren Alters, die sich mit einem älteren Mann in einem maßgeschneiderten Anzug unterhielt. Lena aktivierte die Erkennungsfunktion ihrer Brille und scannte die beiden.

 

Dr. Eliza Chen, Forschungsleiterin bei BioNexus. Senator Heinrich Weber, Vorsitzender des Ausschusses für technologische Innovation.

 

Interessant. Lena bewegte sich näher, vorgebend, die AR-Kunstinstallation neben ihnen zu bewundern.

 

"Ist es sicher?" fragte der Senator leise. "Nach dem Fiasko mit Testsubjekt 23?"

 

Dr. Chen zuckte leicht zusammen. "Das war ein bedauerlicher Zwischenfall. Aber wir haben die Probleme behoben. Die neuen Protokolle sind stabil."

 

"Und die Öffentlichkeit? Diese... Störung gestern Abend hat unangenehme Fragen aufgeworfen."

 

"Ein unbedeutender Hack von Techno-Terroristen", wiegelte Dr. Chen ab. "Unsere PR-Abteilung hat die Situation unter Kontrolle. Nach der heutigen Ankündigung wird niemand mehr daran zweifeln, dass BioNexus die Zukunft der Menschheit sichert."

 

Der Senator nickte, nicht vollständig überzeugt. "Ich hoffe, Sie haben Recht. Meine Kollegen werden nicht erfreut sein, wenn dieses Projekt scheitert. Zu viel steht auf dem Spiel."

 

"Vertrauen Sie Viktor", sagte Dr. Chen mit einem Lächeln, das nicht ihre Augen erreichte. "Er hat uns noch nie enttäuscht."

 

Die beiden bewegten sich weiter, und Lena blieb zurück, ihr Gehirn verarbeitete die Informationen. Testsubjekt 23. Neue Protokolle. Die Zukunft der Menschheit. Es klang genau nach dem, was sie vermutet hatte – BioNexus experimentierte mit Menschen.

 

"Iris", flüsterte sie. "Ich brauche alles, was du über ein 'Testsubjekt 23' finden kannst."

 

"Suche läuft", antwortete Iris. "Aber Lena, du solltest wissen, dass die Sicherheit verstärkt wurde. Agent Kato ist hier."

 

Lena erstarrte. Kato, der Sicherheitsbeamte, der sie gestern verfolgt hatte. Wenn er hier war, bedeutete das, dass BioNexus die Sicherheit auf die höchste Stufe gesetzt hatte.

 

"Wo ist er?"

 

"Haupteingang des VIP-Bereichs. Er überprüft persönlich jeden Gast."

 

Lena fluchte innerlich. Ihre Tarnung war gut, aber Kato war für seine fast übernatürliche Fähigkeit bekannt, Täuschungen zu durchschauen. Sie musste einen anderen Weg finden.

 

"Gibt es einen Hintereingang?"

 

"Nordseite. Führt zu den technischen Bereichen."

 

Lena setzte ihr Glas ab und bewegte sich unauffällig in Richtung Norden. Sie musste mehr Informationen finden, bevor Krells Rede begann.

 

Der technische Bereich war deutlich weniger glamourös als der VIP-Bereich. Hier arbeiteten Techniker an den Systemen, die das Festival am Laufen hielten. AR-Projektoren, Atmosphärenregulatoren, Sicherheitsprotokolle – alles wurde von hier aus gesteuert.

 

Lena aktivierte einen speziellen Modus ihrer Brille, der ihr zeigte, welche Systeme mit dem BioNexus-Hauptnetzwerk verbunden waren. Ein Terminal in der Ecke leuchtete auf – eine direkte Verbindung zum Konzernnetzwerk, wahrscheinlich für die technischen Aspekte von Krells Präsentation.

 

Sie blickte sich um. Die Techniker waren beschäftigt, niemand achtete auf sie. Mit selbstbewusstem Schritt ging sie zum Terminal und legte ihre Hand auf die Oberfläche. Ihr Implantat, verstärkt durch die Spezialbrille, begann sofort, sich in das System einzuklinken.

 

"Was tun Sie da?"

 

Lena erstarrte. Die Stimme kam von hinter ihr. Sie drehte sich langsam um und sah einen jungen Techniker, der sie misstrauisch anstarrte.

 

"Systemcheck", sagte sie glatt. "Dr. Chen hat mich geschickt, um sicherzustellen, dass alles für Krells Präsentation bereit ist."

 

Der Techniker runzelte die Stirn. "Ich wurde nicht über einen Systemcheck informiert."

 

"Es war eine Last-Minute-Entscheidung." Lena lächelte kühl. "Nach dem Sicherheitsvorfall gestern will Dr. Chen kein Risiko eingehen."

 

Die Erwähnung von Dr. Chen und dem "Sicherheitsvorfall" zeigte Wirkung. Der Techniker entspannte sich leicht. "Verstehe. Aber Sie sollten das nächste Mal Bescheid geben."

 

"Natürlich." Lena nickte professionell. "Es wird nicht lange dauern."

 

Der Techniker zögerte noch einen Moment, dann wandte er sich ab, um zu seinen Kollegen zurückzukehren. Lena atmete erleichtert aus und konzentrierte sich wieder auf das Terminal.

 

Ihr Implantat hatte bereits Zugang zu einigen Dateien erlangt. Sie begann, durch die Daten zu scrollen, auf der Suche nach allem, was mit "Nexus Prime" oder "Testsubjekt 23" zu tun hatte.

 

Plötzlich stieß sie auf etwas – eine verschlüsselte Datei mit dem Titel "NP_Präsentation_Final". Sie begann, die Verschlüsselung zu knacken, ihre Finger tanzten unsichtbar durch die Luft, manipulierten virtuelle Codes und Schlüssel.

 

Die Datei öffnete sich, und Lena starrte auf eine Reihe von Bildern und Texten. Es war Krells Präsentation für heute Abend. Sie scrollte schnell durch, nahm so viel wie möglich auf.

 

Was sie sah, ließ ihr Blut gefrieren.

 

Bilder von Menschen mit fortschrittlichen neuralen Implantaten. Diagramme, die zeigten, wie menschliches Bewusstsein mit künstlicher Intelligenz verschmolzen wurde. Statistiken über "Erfolgsraten" und "Integrationsniveaus". Und dann ein Bild, das sie fast physisch zurückweichen ließ – ein Mann, dessen Schädel geöffnet war, mit einem komplexen Netzwerk aus Technologie, die direkt mit seinem Gehirn verbunden war. Die Bildunterschrift lautete: "Testsubjekt 23 – Fehlgeschlagen aufgrund unzureichender neuronaler Kompatibilität."

 

"Mein Gott", flüsterte sie.

 

"Lena", Iris' Stimme klang dringend in ihrem Ohr. "Du musst da raus. Kato bewegt sich in deine Richtung."

 

Lena riss sich von den schockierenden Bildern los. Sie kopierte so viele Daten wie möglich auf ihr Implantat und trennte dann die Verbindung zum Terminal.

 

"Wie viel Zeit habe ich?"

 

"Sekunden. Er hat gerade den technischen Bereich betreten."

 

Lena sah sich hektisch um. Der Raum hatte nur einen Eingang, den sie benutzt hatte. Keine offensichtlichen Fluchtwege.

 

Dann sah sie es – ein Wartungsluke in der Decke. Wahrscheinlich für den Zugang zu den AR-Projektoren.

 

Mit einer fließenden Bewegung sprang sie auf einen nahegelegenen Tisch und stieß die Luke auf. Sie zog sich hoch, gerade als die Tür zum technischen Bereich sich öffnete und Agent Kato eintrat.

 

Von ihrem Versteck in der Decke aus konnte Lena sehen, wie Kato den Raum scannte. Er war ein beeindruckender Mann, groß und muskulös, mit sichtbaren militärischen Implantaten. Sein Gesicht war eine Maske aus Entschlossenheit und Kälte.

 

"Hat jemand eine Frau gesehen? Asiatische Züge, schwarzes Haar?" fragte er den Techniker, der Lena zuvor angesprochen hatte.

 

Der Techniker nickte. "Ja, sie sagte, sie sei für einen Systemcheck hier. Von Dr. Chen geschickt."

 

Katos Augen verengten sich. "Dr. Chen hat niemanden geschickt."

 

Der Techniker erbleichte. "Sie war an diesem Terminal."

 

Kato ging zum Terminal und legte seine Hand darauf. Seine Augen flackerten, als seine Implantate die letzten Aktivitäten analysierten.

 

"Sicherheitsverletzung", knurrte er. "Sie hat auf die Präsentationsdateien zugegriffen." Er aktivierte sein Kommunikationsimplantat. "Alle Einheiten, Eindringling im technischen Bereich Sektor 7. Wahrscheinlich dieselbe Hackerin von gestern. Sperrt den Bereich ab."

 

Lena wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. Sie kroch durch den engen Wartungsschacht, der über dem technischen Bereich verlief. Ihre Spezialbrille zeigte ihr den Weg durch das Labyrinth aus Kabeln und Leitungen.

 

"Iris, ich brauche einen Ausweg", flüsterte sie.

 

"Der Wartungsschacht sollte zum Hauptversorgungstunnel führen. Von dort kannst du zum östlichen Ausgang gelangen."

 

Lena bewegte sich so schnell und leise wie möglich. Unter ihr konnte sie hören, wie Sicherheitspersonal den technischen Bereich durchsuchte. Kato bellte Befehle, seine Stimme hart und unnachgiebig.

 

Sie erreichte den Hauptversorgungstunnel, einen breiteren Gang, in dem sie aufrecht stehen konnte. Hier verliefen die Hauptstromleitungen und Datenkabel, die das gesamte Festival versorgten.

 

"Ich bin im Haupttunnel", informierte sie Iris. "Wie weit zum Ausgang?"

 

"Zweihundert Meter geradeaus, dann links. Aber Lena, sie haben den östlichen Ausgang bereits gesperrt. Du musst einen anderen Weg finden."

 

Lena fluchte leise. Sie war gefangen in einem Netz aus Tunneln, während über ihr BioNexus-Sicherheitskräfte jeden Ausgang bewachten.

 

Dann kam ihr eine Idee. "Die Präsentation. Wann beginnt sie?"

 

"In fünfzehn Minuten. Warum?"

 

"Wenn alle Augen auf Krell gerichtet sind, könnte ich eine Chance haben, unbemerkt zu entkommen." Sie dachte nach. "Ich brauche eine Ablenkung."

 

"Was hast du vor?"

 

Lena lächelte grimmig. "Etwas, das ich gut kann. Die Wahrheit enthüllen."

 

Sie setzte sich im Tunnel und begann, mit ihrem Implantat zu arbeiten. Die Daten, die sie vom Terminal kopiert hatte, enthielten nicht nur Krells Präsentation, sondern auch Zugangsschlüssel zum Festivalnetzwerk. Mit diesen konnte sie die AR-Systeme manipulieren – nicht so umfassend wie bei ihrer Installation gestern, aber genug für eine wirkungsvolle Störung.

 

"Ich werde Teile von Krells tatsächlicher Präsentation in seine öffentliche Rede einfügen", erklärte sie. "Die Bilder von den Experimenten, die Daten über die fehlgeschlagenen Tests. Lass die Welt sehen, was BioNexus wirklich plant."

 

"Das ist riskant", warnte Iris. "Wenn sie dich erwischen..."

 

"Werden sie nicht", sagte Lena entschlossen. "Sobald das Chaos ausbricht, kann ich im Tumult entkommen."

 

Sie arbeitete schnell, programmierte eine Subroutine, die sich in Krells Präsentation einhacken würde. Es war kompliziert – die Sicherheitsprotokolle waren stark, und sie hatte nur begrenzten Zugriff. Aber sie hatte einen Vorteil: Niemand erwartete einen Angriff von innerhalb des Systems.

 

"Fertig", sagte sie schließlich. "Die Subroutine wird aktiviert, sobald Krell seine Präsentation startet. Es wird aussehen, als kämen die Bilder von seinem eigenen System."

 

"Die Präsentation beginnt in zwei Minuten", informierte Iris sie. "Du solltest dich in Position bringen."

 

Lena stand auf und bewegte sich durch den Tunnel zum nächsten Ausgang. Dieser führte zu einem Servicebereich nahe der Hauptbühne. Von dort könnte sie sich unter die Menge mischen, sobald die Verwirrung begann.

 

Sie erreichte den Ausgang und wartete. Über ihr konnte sie das dumpfe Dröhnen der Menge hören, die sich für Krells Auftritt versammelt hatte. Dann ertönte eine verstärkte Stimme – glatt, charismatisch, selbstsicher. Viktor Krell.

 

"Meine Freunde, willkommen zum größten AR-Festival Europas!"

 

Applaus brandete auf. Lena aktivierte ihre Spezialbrille, die ihr eine Ansicht der Hauptbühne zeigte, obwohl sie sich unter ihr befand. Krell stand im Zentrum, ein hochgewachsener, distinguierter Mann mit grauen Schläfen und dem selbstbewussten Auftreten eines Visionärs. Um ihn herum schwebten holografische Displays, bereit für seine Präsentation.

 

"Heute Abend", fuhr Krell fort, "stehe ich vor Ihnen, um nicht weniger als die nächste Stufe der menschlichen Evolution anzukündigen."

 

Die Menge murmelte aufgeregt. Krell lächelte, offensichtlich in seinem Element.

 

"BioNexus hat seit seiner Gründung ein Ziel verfolgt: die Grenzen zwischen Mensch und Technologie zu überwinden. Unsere Implantate, unsere AR-Systeme, unsere neuronalen Schnittstellen – all das waren Schritte auf einem größeren Weg."

 

Er machte eine theatralische Pause und hob die Hand. Über ihm erschien ein holografisches Bild des menschlichen Gehirns, durchzogen mit leuchtenden Linien, die neurale Pfade darstellten.

 

"Heute präsentiere ich Ihnen Projekt Nexus Prime – die vollständige Integration von menschlichem Bewusstsein und künstlicher Intelligenz."

 

Genau in diesem Moment aktivierte sich Lenas Subroutine. Das holografische Gehirn flackerte und wurde ersetzt durch das Bild, das sie im Terminal gefunden hatte – Testsubjekt 23, der Mann mit dem geöffneten Schädel und den grausamen Implantaten. Daneben erschienen Daten über "Fehlgeschlagene Integration" und "Terminierung des Subjekts".

 

Ein kollektives Keuchen ging durch die Menge. Krell erstarrte, sein selbstsicheres Lächeln für einen Moment erschüttert.

 

"Ein technisches Problem", sagte er schnell. "Bitte entschuldigen Sie—"

 

Aber die Bilder wechselten weiter, zeigten nun andere "Testsubjekte", Diagramme von Schmerzreaktionen, klinische Berichte über "Psychosen als Nebeneffekt der Verschmelzung". All die dunklen Wahrheiten, die hinter Krells glänzender Vision lauerten.

 

Die Menge wurde unruhig. Einige Menschen schrien, andere filmten mit ihren Implantaten. Sicherheitspersonal stürmte die Bühne, versuchte verzweifelt, die Projektionen zu stoppen.

 

Lena nutzte den Moment. Sie öffnete die Serviceluke und glitt hinaus in die chaotische Menge. Ihr Tarngerät funktionierte noch immer, aber in der Verwirrung achtete ohnehin niemand auf sie. Alle Augen waren auf die schockierenden Bilder gerichtet, die über der Bühne schwebten.

 

Sie bahnte sich ihren Weg zum Rand des Festivalgeländes, bewegte sich stetig, aber nicht so schnell, dass sie Aufmerksamkeit erregen würde. In ihrem Ohr hörte sie Iris' aufgeregte Stimme.

 

"Es funktioniert! Es ist überall – nicht nur auf dem Festival. Die Feeds werden live gestreamt, die Netze explodieren mit den Bildern. BioNexus kann es nicht mehr vertuschen!"

 

Lena erlaubte sich ein kleines Lächeln. Es war ein Risiko gewesen, aber es hatte sich gelohnt. Die Wahrheit war nun da draußen, für alle sichtbar.

 

Sie erreichte den Rand des Geländes und schlüpfte durch einen Seitenausgang. Die Straßen jenseits des Festivals waren ruhiger, obwohl sie bereits Nachrichten über den "Vorfall" auf den öffentlichen Displays sehen konnte.

 

"Wo treffen wir uns?" fragte sie Iris.

 

"Nicht über diesen Kanal", warnte Iris. "Sie werden alle Kommunikation überwachen. Geh zum Treffpunkt Omega. Ich sehe dich dort in einer Stunde."

 

Die Verbindung wurde unterbrochen. Lena wusste, dass Iris recht hatte – es war zu riskant, weiter zu kommunizieren. Treffpunkt Omega war ein verlassenes U-Bahn-Depot, eines ihrer sichersten Verstecke.

 

Sie bewegte sich durch die nächtlichen Straßen Berlins, ihr Geist verarbeitete noch immer, was sie entdeckt hatte. BioNexus experimentierte mit der Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein und KI. Die Implikationen waren erschreckend. Wenn sie Erfolg hätten, könnten sie eine neue Art von Wesen erschaffen – weder vollständig menschlich noch vollständig künstlich. Und Viktor Krell würde die Kontrolle darüber haben, wer diese Transformation durchlaufen würde und wer nicht.

 

Es war mehr als nur Konzernmacht oder Profitgier. Es war der Versuch, die menschliche Evolution selbst zu kontrollieren.

 

Während sie durch die neonbeleuchteten Straßen ging, wusste Lena, dass sie gerade erst an der Oberfläche gekratzt hatte. Die verborgenen Codes in BioNexus' Systemen enthielten noch viel mehr dunkle Geheimnisse. Und sie war entschlossen, sie alle ans Licht zu bringen – egal, welchen Preis sie dafür zahlen musste.

 

 

 

Kapitel 3: Schatten der Konzerne

 

Die Morgendämmerung kroch langsam über den Horizont Berlins, als Lena in ihrer provisorischen Unterkunft erwachte. Nach dem Chaos beim AR-Festival hatte sie die Nacht in einem von Iris' Verstecken verbracht – einem umgebauten Lagerraum über einer längst geschlossenen Buchhandlung in Friedrichshain. Die Wände waren mit Abschirmmaterial ausgekleidet, das digitale Signaturen blockierte. Ein analoger Zufluchtsort in einer durchdigitalisierten Welt.

 

Lena setzte sich auf und rieb sich die müden Augen. Ihr Implantat vibrierte sanft, ein Hinweis auf wartende Nachrichten, aber sie ignorierte es vorerst. Stattdessen ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen, wo Iris auf einem abgenutzten Sofa schlief, ihr biolumineszierendes Haar ein gedämpftes Blau in der Dunkelheit.

 

Die Ereignisse des Vorabends hatten mehr bewirkt, als Lena zu hoffen gewagt hatte. Die geleakten Bilder von BioNexus' Experimenten waren viral gegangen, hatten sich durch die Netze verbreitet wie ein digitaler Flächenbrand. Selbst die konzernkontrollierten Medien konnten die Geschichte nicht vollständig unterdrücken. Zu viele Menschen hatten die Bilder gesehen, zu viele Fragen wurden gestellt.

 

Lena aktivierte ein kleines Handterminal – altmodisch, aber sicher. Die Nachrichtenfeeds überschlugen sich mit Berichten über den "terroristischen Angriff" auf das Festival. BioNexus hatte schnell reagiert, die Bilder als "manipulierte Fälschungen" abgetan und eine "gründliche Untersuchung" versprochen. Viktor Krell selbst hatte eine Erklärung abgegeben, in der er die Verantwortlichen als "Feinde des Fortschritts" bezeichnete.

 

Aber es gab Risse in der Fassade. Einige unabhängige Journalisten stellten unbequeme Fragen. Aktivisten organisierten Proteste. Und in den dunkleren Ecken des Netzes wurden die geleakten Daten analysiert, verglichen, verifiziert.

 

"Morgen." Iris' verschlafene Stimme riss Lena aus ihren Gedanken. Ihre Freundin setzte sich auf, ihr Haar wechselte zu einem wachen Orange. "Wie spät ist es?"

 

"Kurz nach sechs", antwortete Lena. "Früh genug, um noch unbemerkt zu verschwinden."

 

Iris nickte und stand auf, streckte sich wie eine Katze. "Wohin jetzt?"

 

Eine gute Frage. Nach zwei direkten Angriffen auf BioNexus würde der Konzern alle Ressourcen mobilisieren, um sie zu finden. Ihre üblichen Verstecke waren nicht mehr sicher.

 

"Wir sollten uns trennen", sagte Lena schließlich. "Zumindest für ein paar Tage. Du hast schon zu viel riskiert, um mir zu helfen."

 

Iris schnaubte. "Vergiss es. Wir stecken da zusammen drin." Sie ging zu einem versteckten Panel in der Wand und holte zwei Tassen synthetischen Kaffee. "Außerdem hast du gesehen, was sie vorhaben. Nexus Prime. Das betrifft uns alle."

 

Lena nahm die angebotene Tasse dankbar an. Der Kaffee war bitter, aber heiß. "Genau deshalb müssen wir vorsichtig sein. Was wir gestern gesehen haben... das war nur die Spitze des Eisbergs."

 

"Umso mehr ein Grund, weiterzumachen." Iris setzte sich neben Lena. "Was ist der Plan?"

 

Bevor Lena antworten konnte, vibrierte ihr Implantat erneut, diesmal dringlicher. Sie seufzte und aktivierte es schließlich. Sofort fluteten Dutzende von Benachrichtigungen ihr Sichtfeld – die meisten Warnungen vor erhöhter Sicherheitsaktivität in verschiedenen Stadtteilen. BioNexus hatte seine privaten Sicherheitskräfte mobilisiert, unterstützt von der konzernfreundlichen Stadtpolizei.

 

Aber eine Nachricht stach heraus. Anonym, über einen verschlüsselten Kanal, den nur wenige Menschen kannten.

 

"Deine Wohnung ist kompromittiert. Kato führt persönlich den Einsatz. Verschwinde."

 

Lena erstarrte. Ihre Wohnung – ihr eigentliches Zuhause, nicht eines ihrer temporären Verstecke – war ihr letzter sicherer Hafen. Dort bewahrte sie ihre wichtigsten Daten auf, ihre Ausrüstung, ihre Erinnerungen.

 

"Was ist los?" fragte Iris, alarmiert durch Lenas plötzliche Anspannung.

 

"BioNexus ist in meiner Wohnung." Lena stand abrupt auf. "Ich muss dorthin."

 

"Bist du wahnsinnig? Das ist genau das, was sie wollen!"

 

"Du verstehst nicht." Lena begann bereits, ihre wenigen Sachen zusammenzupacken. "Ich habe Daten dort, die sie nicht finden dürfen. Und..." Sie zögerte. "Persönliche Dinge. Von meinen Eltern."

 

Iris' Ausdruck wurde weicher. Sie wusste, wie selten Lena über ihre Eltern sprach – Wissenschaftler, die bei einem "Laborunfall" ums Leben gekommen waren, als Lena noch studierte. Ein Unfall, den sie nie vollständig akzeptiert hatte.

 

"Es ist zu riskant", sagte Iris sanfter. "Kato ist kein gewöhnlicher Sicherheitsbeamter. Er ist ein Jäger."

 

"Ich weiß." Lena schloss ihren Rucksack. "Deshalb gehe ich allein. Ich kann mich besser verstecken, wenn ich nur für mich selbst verantwortlich bin."

 

Iris wollte protestieren, aber der entschlossene Blick in Lenas Augen ließ sie verstummen. Stattdessen stand sie auf und holte etwas aus einem versteckten Fach.

 

"Hier." Sie reichte Lena ein kleines, unscheinbares Gerät. "Ein physischer Schlüssel für das Notfallversteck im alten Wasserwerk. Komplett offline, nicht einmal BioNexus weiß davon. Wenn etwas schiefgeht, triff mich dort."

 

Lena nahm den Schlüssel und steckte ihn in ihre Tasche. "Danke. Ich melde mich, sobald ich kann."

 

Die beiden Frauen umarmten sich kurz, dann war Lena verschwunden, glitt durch eine versteckte Tür in den frühen Morgen hinaus.

 

*

 

Die Straßen Berlins erwachten langsam zum Leben. Arbeiter mit müden Gesichtern strömten zu den U-Bahn-Stationen, während Reinigungsdrohnen die Überreste der nächtlichen Aktivitäten beseitigten. Über allem schwebten die allgegenwärtigen AR-Overlays – Werbung, Wegweiser, soziale Feeds – sichtbar für jeden mit Implantaten oder Brillen.

 

Lena hatte ihre AR-Systeme deaktiviert. Zu riskant. Stattdessen bewegte sie sich wie ein Geist durch die Stadt, nutzte alte Schleichwege und vergessene Passagen, die sie über Jahre hinweg kartiert hatte. Berlin war eine Stadt der Schichten – moderne Strukturen über alten Fundamenten, digitale Netzwerke über physischen Straßen. Wer beide Ebenen kannte, konnte nahezu unsichtbar werden.

 

Ihre Wohnung befand sich in einem renovierten Altbau in Prenzlauer Berg – einst ein Arbeiterviertel, dann ein Künstlerviertel, jetzt ein seltsamer Mix aus Konzernmitarbeitern und digitalen Nomaden. Sie näherte sich vorsichtig, nutzte die Schatten der umliegenden Gebäude als Deckung.

 

Schon aus der Entfernung konnte sie sehen, dass etwas nicht stimmte. Vor dem Gebäude parkten zwei schwarze Fahrzeuge mit getönten Scheiben – keine offiziellen Polizeifahrzeuge, sondern die diskreteren Transportmittel von BioNexus' Sicherheitsdienst. Ein uniformierter Beamter stand am Haupteingang, während zwei weitere das Gebäude umrundeten.

 

Lena zog sich in den Schatten eines verlassenen Ladenlokals zurück und aktivierte kurz ihr Implantat, nur lange genug für einen schnellen Scan. Die Signaturen von mindestens sechs Sicherheitsbeamten waren im Gebäude, konzentriert um ihre Wohnung im vierten Stock. Und eine weitere Signatur, stärker und komplexer – Agent Kato.

 

Sie deaktivierte ihr Implantat wieder und dachte nach. Der Haupteingang war keine Option. Die Feuerleiter an der Rückseite würde wahrscheinlich überwacht. Blieb nur...

 

Lena blickte zum Nachbargebäude. Es war etwas niedriger als ihres, aber die Dächer waren nur wenige Meter voneinander entfernt. Ein riskanter Sprung, aber machbar.

 

Mit einem tiefen Atemzug machte sie sich auf den Weg. Sie nutzte den Lieferanteneingang des Nachbargebäudes, dessen elektronisches Schloss für ihre Hacker-Fähigkeiten kein Hindernis darstellte. Im Inneren nahm sie die Treppe zum Dach, bewegte sich leise und zielstrebig.

 

Das Dach bot einen beeindruckenden Blick über Berlin, aber Lena hatte keine Zeit, die Aussicht zu genießen. Sie ging zum Rand, der ihrem Wohngebäude am nächsten war, und schätzte die Distanz ab. Etwa vier Meter – ein weiter Sprung, aber sie hatte keine Wahl.

 

Sie trat einige Schritte zurück, holte tief Luft und rannte los. Am Rand des Daches stieß sie sich mit aller Kraft ab und flog für einen Moment durch die Luft, bevor sie hart auf dem Dach ihres Wohngebäudes landete. Sie rollte sich ab, um den Aufprall zu dämpfen, und blieb einen Moment liegen, um zu lauschen, ob jemand den Lärm gehört hatte.

 

Nichts. Sie stand auf und bewegte sich zur Dachklappe. Diese war verschlossen, aber Lena hatte vor langer Zeit einen Ersatzschlüssel hier versteckt, für genau solche Situationen. Sie holte ihn aus seinem Versteck unter einer losen Dachplatte und öffnete die Klappe.