Neue Heimaten -  - E-Book

Neue Heimaten E-Book

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Beschreibung

Migration ist in aller Munde. Doch, was heißt das für die Südoststeiermark konkret? Woher kommen die Menschen, die hier leben? Warum sind viele gegangen? Wer und was ist geblieben? Ab wann fühlt man sich heimisch, und was ist überhaupt „Heimat“? Wer sind „die“? Und, geht es nicht um „uns“? Im Begleitband zur Sonderausstellung des „Museums im Tabor“ 2013 widmen sich Forscher, in der Integrationsarbeit Tätige und Köche Fragen der Migration und des Kulturtransfers im ländlichen Raum: Von Wanderungsbewegungen ab dem Zeitalter der Eisenbahn bis hin zu den Auswirkungen des „globalen Dorfes“ im www. Dreh- und Angelpunkt ist dabei, ab wann wir über „Heimat“ sprechen können.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Cover

Titel

Bgm Kurt Deutschmann – Vorwort

Im Jahr 2011 hat die Stadtgemeinde Feldbach zwei wichtige Personalentscheidungen getroffen. Einerseits haben wir unser Integrationsreferat eingerichtet, das von Frau Andrea Keinrath äußerst engagiert und erfolgreich geführt wird, andererseits haben wir das Dauerprojekt „Museum Neu“ ins Leben gerufen und Herrn Dr. Wolfram Dornik, ein sehr profunder und anerkannter Zeithistoriker der jüngeren Generation, mit der wissenschaftlichen Leitung unseres Museums im Tabor (Heimatmuseum) betraut. Somit war die Zeit und der Weg zu unserer heurigen Sonderausstellung „Neue Heimaten. Kommen, bleiben und gehen in der Südoststeiermark“ de facto vorgegeben und ein Herzenswunsch von mir erfüllt.

Was bedeutet eigentlich Heimat? Es ist darunter nicht nur der jeweilige ­Geburtsort zu verstehen, Heimat kann viel sein: eine Stadt, eine Region, ein bestimmter Landstrich, Freunde und Familie, ein Fluss, ein Buch, eine bestimmte Jahreszeit. Oder auch, wie sie Virginia Woolf definiert hat: „… meine Heimat ist die Welt“.

Für mich hat der Begriff Heimat weniger mit Verstand und Vernunft zu tun, vielmehr mit Fühlen, Spüren und Empfinden. Für ein sinngebendes Leben jedes einzelnen Menschen ist das Wahrnehmen einer Heimat oder mehrerer Heimaten unverzichtbar, und Heimat ist nicht nur mit etwas Statischem gleichzusetzen, sondern ist auch in Bewegung, verändert sich also. In jedem Fall ist dem großen steirischen Kulturpolitiker Hanns Koren zuzustimmen, der gesagt hat: „Heimat ist Tiefe, nicht Enge“!

Um eine qualitätsvolle und umfangreiche Sonderausstellung wie die heurige präsentieren zu können, sind gleichermaßen spezifische wissenschaftliche Kenntnisse, viele fleißige Hände, große Freude, Einsatzbereitschaft und Teamgeist Grundvoraussetzung. Mein großer Dank gilt unserem wissenschaftlichen Leiter Dr. Wolfram Dornik und dem Obmann des Südoststeirischen Vereines für Heimatkunde Dr. Rudolf Grasmug, die für die gesamte Konzeption der Ausstellung Verantwortung übernommen haben und diese auch kuratieren. Ein aufrichtiges Dankeschön entbiete ich unserer Integrationsbeauftragten Andrea Keinrath und unserem motivierten Team der Stadtgemeinde, allen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Autorinnen und Autoren, den Interviewpartnerinnen und -partnern, den Schülern des BORG Feldbach, allen Sponsoren und Leihgebern, kurzum allen, die unsere Sonderausstellung „Neue Heimaten. Kommen, bleiben und gehen in der Südoststeiermark“ mitgestaltet haben.

Ich schließe mein Vorwort mit einem treffenden Zitat von F. M. Dostojewski, dem nichts hinzuzufügen ist: „Ohne Heimat sein heißt leiden.“

Bgm. Kurt Deutschmann

Bettina Vollath – Vorwort

Heimat ist etwas ganz Besonderes. Auch wenn es spannenderweise das Wort „Heimat“ in seiner für uns selbstverständlichen Bedeutung nur in der deutschen Sprache gibt. Wo und was ist Heimat? „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“, hat der deutsche Philosoph Johann Gottfried Herder schon vor mehr als zwei Jahrhunderten formuliert. Heimat kann sich daher verändern – und verändert sich auch ständig. Menschen verlieren dadurch ihre Heimat – und auch immer wieder neue Heimaten finden.

Die Ausstellung „Neue Heimaten. Kommen, bleiben und gehen in der Südoststeiermark“ thematisiert genau dieses Unstete, die Veränderung von Heimat. Für mich als steirische Integrationslandesrätin ist das ein besonders wichtiges Thema, denn zu lange wurde Heimat vor allem in einem exklusiven und ausschließenden Kontext diskutiert.

Heimat heißt, sich zugehörig zu fühlen. Sei’s in einer Region, in der Gesellschaft, in einem Verein, am Arbeitsplatz, in einer neuen Clique oder in der Familie. In Zeiten des Umbruchs, wo Sicherheiten verloren gehen, wird Heimat wieder zu einem wichtigen Thema, weil sich Menschen wo anhalten wollen. Besonders bedeutend wird der Begriff Heimat im Zusammenhang mit historischen und aktuellen Migrationsbewegungen. Ein Thema, das gerade uns ÖsterreicherInnen bewegt – wahrscheinlich, weil unser Land schon immer ein Einwanderungsland war, so wie es auch ein Auswanderungsland war und ist. Migration ist eine historische Tatsache und eine aktuelle Realität. Wir ÖsterreicherInnen sind eine besonders „feine Mischung“, wie STS in ihrem Lied „I bin aus Österreich“ singen. In unseren individuellen Biografien haben wir alle Vorfahren aus vielen Teilen der Donaumonarchie und darüber hinaus. Chicago ist auch heute noch die größte burgenländische Stadt. All das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so.

Unser Ziel in der steirischen Integrationspolitik ist es, nüchtern und lösungsorientiert auf die Herausforderungen der heutigen Migrationsgesellschaft zuzugehen. Die Stadtgemeinde Feldbach ist dabei eine wertvolle Partnerin des Integrationsressorts, weil sich die Stadt im Rahmen unserer Gemeindepartnerschaft bereit erklärt hat, ­offensiv auf das Thema Integration zuzugehen. Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für das Zustandekommen dieser Ausstellung.

Herzlichst,

Bettina Vollath

Landesrätin für Finanzen, Frauen und Integration

Wolfram Dornik, Rudolf Grasmug – Einleitung

Migration ist eine Konstante menschlicher Geschichte: Ob als gesellschaftliche Kulturform (Nomadismus), aus wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Gründen, aus Spaß und Abenteuerlust sowie als Folge von physischer Gewalt oder wirtschaftlichem Druck – Migration fand und findet immer statt. Was sich aber verändert, sind die Wege und Transportmittel, die Geschwindigkeiten, die Gründe und insbesondere die Quantitäten.

Die gesellschaftlichen – demografischer Übergang – und technologischen Entwicklungen – von der Dampfmaschine zum Massenflugwesen – haben es erleichtert, sich global auch physisch zu bewegen, nicht nur mit dem Finger auf der Landkarten, in Reise-Romanen, TV-Dokumentationen oder sozialen Netzwerken im Internet. Wir haben versucht, dies in der Sonderausstellung des „Museums im Tabor“ im Jahr 2012 unter dem Titel „Möglichkeiten / Abhängigkeiten – Die Südoststeiermark im Wandel“ darzustellen.1 Eng verknüpft mit der räumlichen Mobilität ist auch die Frage nach Identität und Heimat. Schon im Rahmen dieser Sonderausstellung waren wir immer wieder mit Fragen danach konfrontiert, wie die regionalen Folgen dieses beschleunigten und intensivierten Austausches konkret aussehen. Der Entschluss, Migration und Kulturtransfer eine eigene Ausstellung zu widmen, war deshalb schnell gefasst – worin wir ausdrücklich von Bürgermeister Kurt Deutschmann unterstützt wurden.

Als Heimatmuseum mit einem klaren regionalkulturellen Auftrag steht für uns aber eine Frage im Mittelpunkt: Was bedeutet Migration für das Zusammenleben in unserem Bezugsfeld? Welche Auswirkungen hat dies auf die „Heimat“, die wir in unserem Museum versuchen zu fassen? Um sich dieser Fragen anzunähern, müssen wir noch einige Schritte zurückgehen: Woher sind wir beziehungsweise unsere Vorfahren in unsere Region gekommen, und wie sind sie hier angekommen? Was bedeutet überhaupt „Heimat“, und woher kommt der Begriff? Wo können wir „Heimat“ finden? Wann und wie entstehen Traditionen der Namensgebung, Musik, Kleidung und des Essens? Warum diskutieren alle über das Kopftuch muslimischer Frauen, und niemand über das Kopftuch als Element der steirischen Trachten? Und was hat das alles mit unserer Identität zu tun? Es mangelt also nicht an brennenden Fragen, die sich aus der eigentlich simplen Feststellung über die Kontinuität von Migration im Laufe der Geschichte ergeben.

Frauen beim „Brecheln“ von Flachs bei Pertlstein, 1919/20 (Rudolf Grasmug)

Heimaten neu denken

Grundlage des gesamten Ausstellungsprojektes ist, dass wir vom Konzept der „neuen Heimaten“ ausgehen und dieses der „alten Heimat“ gegenüberstellen. Gemeint ist damit, dass das „Heimat“-Konzept dem bürgerlichen Diskurs des deutschen Biedermeier zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstammt – die Konstruktion einer gedachten Herkunft („Heimat“) wurde hier insbesondere in politischen Diskursen auf eine homogene Mehrheits-Kultur zugeschnitten. So wurde „Heimat“ mit dem einförmigen Nationsbildungsdiskurs als Subeinheit klar festgeschrieben, die zwar gewisse Abwandlungen von der Nationalkultur zuließ, aber trotzdem Teil dessen blieb. Dies ist auch der Grund, warum „Heimat“ nur schwer in eine andere Sprache übersetzt werden kann. Einer der Gründe dafür ist, dass im deutschen Nationswerdungsprozess des 19. Jahrhunderts regionale Zugehörigkeit lange eine weitaus größere Rolle spielte, als die Zugehörigkeit zu einer Sprach- oder Bekenntnisnation. Bis heute haben wir dies noch in den ausgeprägten Bundesländer- und Regionsidentitäten der deutschsprachigen Länder, aber auch innerhalb der Steiermark („Stoasteirisch“, Oststeirisch, Obersteirisch, Weststeirisch etc.); um bei unserer Umgebung zu bleiben, genüge ein Blick in Reinhard P. Grubers satirische Einteilung der Hödlmoser’schen Steiermark in „Feldsteirer“, „Waldsteirer“, „Flußsteirer“, „Bachsteirer“, „Bergsteirer“, „Gebirgssteirer“ und „Alpensteirer“.2

Heimat hat aber bis heute eine hohe Bedeutung, wie die unzähligen Heimatmuseen, Heimatkundevereine, Heimatfilme, Heimatwerke oder der Trachentboom zeigen; gerade im Marketing wird derzeit intensiv versucht regionale Bezüge herzustellen. Insbesondere im politischen Diskurs spielt Heimat aktuell noch immer eine zentrale Rolle. Dabei wurde der Begriff in der jüngeren Vergangenheit und wird immer wieder in Geiselhaft genommen und dient der Exklusion von gesellschaftlichen Gruppen. – „Das“ oder „jener“ gehört nicht „hierher“!

Seit den 1970er Jahren wurde Heimat aber einer Neubewertung unterzogen: „Der neue Heimatbegriff muss voluntaristisch verstanden werden, also Heimat muss wähl- und wechselbar sein. Er muss ferner konfliktorientiert sein, muss also die zentralen Konflikte im Kleinraum widerspiegeln, muss sie sogar hier verständlicher, anschaulicher machen können. Der Heimatbegriff darf nicht ausgrenzen, darf nicht zu Fremdenhass führen. Und der neue Heimatbegriff darf Heimat nicht statisch, museal sehen, sondern muss auf die Dynamik, die Veränderung und die Veränderbarkeit abezielen.“3 – Wie der Grazer Zeithistoriker Helmut Konrad es bereits 1988 gefordert hat. Wir können also davon ausgehen, dass gerade unter den Bedingungen der Globalisierung der Postmoderne Heimaten – analog zu Identitäten – im Plural gedacht werden müssen.

Seitdem Migration nicht mehr bedeutet, dass aus finanziellen Gründen Rückkehr nur schwer möglich ist, ist das Leben in mehreren Heimaten zum Alltag geworden. Hinzu kommt, dass Heimat auch zunehmend nicht mehr nur an einen geografischen Raum gebunden wird, sondern auch als etwas Vorgestelltes, als ein Gefühl gedacht wird – auch das trägt zu dieser Öffnung des Heimat-Konzeptes bei. Dies stellt natürlich klassische Modelle von Zugehörigkeit in Frage und kann in unsicheren Identitäts-Gemeinschaften zu Konflikten führen, denn Homogenität ist für eine gesellschaftliche Gruppe nur schwer zu erreichen. Gleichzeitig erschwert das Leben von Migrierenden in mehreren Identitäten und Heimaten aber sowohl das Verabschieden als auch das Ankommen, und stellt Individuen folgender Generationen vor große Herausforderungen.4

Wobei, auch wenn man die Arbeiten von Moritz Csáky zur Identitätskonstruktion im 19. Jahrhundert liest, muss hinterfragt werden, ob dieses monolithische Identitäts-Konzept jemals Gültigkeit hatte. Denn es baut auf eine uniforme Identität auf, die nicht vereinbar war mit anderen Identitäten. Wie Csáky etwa zu den zentraleuropäischen Städten nachgewiesen hat, spiegelten diese monokulturellen Identitäten – und daraus folgt auch eine monokulturelle Heimat – niemals die Realität wider.5 Sie waren ein Konstrukt eines gesellschaftspolitischen Eliten-Diskurses, der eng mit den Nationsbildungsprozessen der Zeit zusammenhing. Csáky hat nachgezeichnet, dass die kulturellen Gegebenheiten Zentraleuropas immer im Plural zu denken sind, dass sie auf gegenseitigen Austausch zurückzuführen sind, dass sie das Ergebnis hybrider Kulturen sind. Wenn auch die Südoststeiermark nicht unbedingt als urbaner Raum zu bezeichnen ist, so liegt sie doch mitten in diesem Zentral­europa. Pluralität ist eben nicht nur anhand urbaner, sondern auch anhand ländlicher Räume beobachtbar, waren diese, wenn auch weniger intensiv, so doch auch von Austauschprozessen ­betroffen.6 Wir wenden also das Konzept der multiplen Identitäten und Heimaten auch auf die Situation der Südoststeiermark an und wollen in unserer Ausstellung das monokausale Konzept von Heimat neu bewerten.

Postkarte aus New York von Poldi Thaller an ihre Eltern, 1933 (Günther Thaller)

Migration im Museum

Die Auseinandersetzung mit Migration und Museum boomt seit geraumer Zeit – Ausstellungen und ganze Museen sind entstanden, wie das Deutsche Auswanderermuseum Bremerhaven.7 Parallel dazu hat sich innerhalb der Heimatmuseen die Bewegung der Neuen Heimatmuseen etabliert, die auch Fragestellungen der Kulturanthropologie aufnehmen.8 Wir sehen unsere Ausstellung sowohl im Rahmen dieses Trends; wir knüpfen mit unserem Ausstellungsprojekt aber auch an das 2009 durchgeführte, gleichnamige Projekt von CLIO und ISOP im Rahmen der Regionale an.9 Dass wir das Fragezeichen bewusst entfernen, soll untermauern, dass auf Ausschluss abzielende Konzepte, in einem vereinten Europa und in einer immer vernetzteren Welt keine gangbaren Wege mehr darstellen. Wir sehen diese Sonderausstellung auch als Teil des Neukonzeptions-Prozesses unseres Museums und wollen Heimat auch im Sinne eines offenen Diskurses weiterführen und den Tabor als zentralen Raum dafür öffnen.

Im Projekt „Neue Heimaten“ des Museums im Tabor haben wir uns deshalb entschieden Migration als langfristiges Phänomen anzusehen, das Vielfalt und Diversität einbezieht. Deshalb soll nicht ausschließlich eine Gruppe von Migrantinnen und Migranten oder etwa nur die aktuelle Migration herausgegriffen, sondern vielmehr die verschiedenen langfristigen Aspekte in Bezug auf die Südoststeiermark aufgezeigt werden. Wir möchten auch über unsere Region hinausreichende Prozesse einbeziehen.

Die grundlegende Schwierigkeit bei der Behandlung dieses Themas ist aber, dass im aktuellen veröffentlichten Diskurs Migration meist negativ konnotiert wird: Asylwerber werden als Kriminelle und potenzielle Gefahr für „unseren“ Wohlstand dargestellt; „andere“ Kulturen – ob als Religionen, Kleidung, Sprachen oder Essen – werden als Bedrohung für „unsere“ Kultur gesehen; die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen oder in mehreren Kulturen zu Hause zu sein, wird nur einseitig als wirtschaftliche Chance, sonst aber durchwegs misstrauisch beäugt. Wir haben deshalb versucht, das Thema an konkreten Biografien festzumachen und so Pauschalverurteilungen zu umgehen. Als Unterstützung konnten wir eine Reihe von Menschen aus der Region für unsere Sache gewinnen, die ihre eigene Geschichte und die Umstände ihrer spezifischen Situation erzählen. Den Ausgangspunkt bildet die Begründerin unseres Museums, Leopoldine („Poldi“) Thaller. Sie wurde in New York am 14. Jänner 1915 geboren; sie war ein Kind von Eltern, die aus Österreich vor dem Ersten Weltkrieg in die USA – dem damaligen Primärziel vieler Millionen Migrantinnen und Migranten aus der gesamten Welt – ausgewandert waren. Als sie Jugendliche war, wanderten die Eltern in den 1930er Jahren wieder zurück nach Österreich, und kamen in die Nähe von Feldbach. Leicht war es nicht für sie, sie musste ihre Freunde, ihre gewohnte Umgebung, ihre Heimat zurücklassen. Es dauerte einige Jahre, bis sie den Gedanken einer permanenten Übersiedlung in die Südoststeiermark akzeptiert hatte, und war nun auf der Suche nach ihrer neuen Heimat, ihrer neuen Identität, der Kultur und Geschichte der Region. Aus dieser Suche heraus entstand das Sammeln von Dingen, die damals für viele nur noch zum Wegwerfen bestimmt waren. Sie legte eine Sammlung von bäuerlichen Arbeitsgeräten an und fand in Anni Gammerith eine Partnerin. Gemeinsam gehörten sie zu den Gründerinnen des Museums im Tabor im Jahr 1952. Wir danken Günther Thaller für seine Unterstützung bei den Recherchen zur Biografie seiner Mutter herzlichst.

Die Geschichte von Poldi Thaller soll hier an dieser Stelle pars pro toto stehen, für die vielen anderen Lebensgeschichten, die wir in unserer Ausstellung in Form von Interviews zeigen können. Sie handeln von Menschen in Feldbach, oder von hier kommend, die als Folge etwa der Ungarn-Krise 1956, der Jugoslawien-Kriege in den 1990er Jahren oder anderer aktueller Konfliktfelder in die Südoststeiermark gekommen sind – natürlich bilden sie keinen repräsentativen Querschnitt, doch soll ihre Auswahl eine möglichst große Bandbreite darstellen. In den Gesprächen bildete „Heimat“ immer wieder den Dreh- und Angelpunkt. Diese Interviews stellen deshalb auch den Mittelpunkt der Ausstellung dar und werden als Download auch auf der Homepage des Museums langfristig gesichert. Die Gespräche wurden von einer Gruppe Studierender der Universität Graz durchgeführt, wir danken Dr. Johann Verhovsek vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz für seine Unterstützung.

Wir versuchten das Thema aber auch an Exponaten des Museums festzumachen. Gemeinsam mit einer Wahlpflichtfach-Gruppe „Geschichte“ des BORG Feldbach haben wir uns deshalb Exponate des Museums genauer angesehen und ihren Hintergrund recherchiert. Dabei konnten dingliche Geschichten des Kulturtransfers gefunden werden, die wir mit Fotos und den von ihnen verfassten Exponatbeschreibungen auch in den vorliegenden Begleitband aufgenommen haben. Eines der zentralen Symbole der Region, der Mais oder „Türkischer Woaz“, erfährt eine besondere Würdigung – Magdalena Siegl und Josefa Dornik sei herzlich für die Rezepte gedankt. Er stellt heute eines der wichtigsten Elemente südoststeirischer Alltagskultur dar. Als Polenta oder (Frühstücks-)Sterz hat er Einzug in die traditionelle Küche gehalten, die charakteristischen Felder sind landschaftsprägend für die Region geworden. Wir haben deshalb auch eine kurze Kulturgeschichte des Mais und einige ausgewählte Polenta-Rezepte in einem Beitrag zusammengefasst.

Zum Beitragsband

Erklärte Absicht unserer Beitragsbände ist es, die Sonderausstellungen des Museums im Tabor langfristig zu dokumentieren. Die Bände bieten dabei die Möglichkeit, die in der Vorbereitung zur Ausstellung gemachten Überlegungen niederzuschreiben und gemeinsam mit den Eindrücken und Erfahrungen anderer Kolleginnen und Kollegen zusammen einem breiten Publikum zur Verfügung zu stellen. Dabei wollen wir auch Hintergrundinformationen von Expertinnen und Experten anbieten und den Besuchern und Lesern eine Reflexion zu spezifischen Fragestellungen ermöglichen. Wir möchten uns bei den Autorinnen und Autoren dieses Bandes herzlich bedanken: Elisabeth Arlt, Dieter Bacher, Karin Bischof, Edda Engelke, Peter Fritz, Rita Garstenauer, Andrea Keinrath, Michael Mehsner, Robert Reithofer, Dieter Schindlauer, Magdalena Siegl, Peter Teibenbacher, Johann Verhovsek und Anne Unterwurzacher. Sie alle haben mit ihren unterschiedlichen Perspektiven einen wertvollen Beitrag zum vielfältigen und differenzierten Blick ermöglicht.

Nachdem die Herausgeber und die Integrationsbeauftragte der Stadtgemeinde Feldbach, Andrea Keinrath, einen Überblick über die Grundlinien der Ausstellungskonzeption geben, haben wir die restlichen Beiträge in drei Abschnitten geteilt: Im Abschnitt „Historische Aspekte von Migration“ werden Einblicke in die historischen Dimension von Migration in der Südoststeiermark durch Texte gegeben; die Beiträge erlauben einen Überblick über Formen der Migration im ländlichen Raum generell (Garstenauer/Unterwurzacher), die statistischen und historischen Eckdaten von Bevölkerungsbewegungen in der Steiermark und der Südoststeiermark selbst (Teibenbacher, Grasmug), sowie zu Migrations- und Zwangsmigrations-Bewegungen im Laufe des 20. Jahrhunderts in der Region. Dazu zählen die Zwangsarbeiter des Dritten Reiches und ihr Schicksal nach 1945 (Bacher), die Flüchtlinge aus Ungarn und Jugoslawien im Kalten Krieg (Engelke) oder die jüngere Emigration von Feldbacherinnen und Feldbachern in die „weite“ oder „nähere“ Welt (Mehsner).

Der zweite Teil, unter dem Titel „Migration als Herausforderung der Glokalisierung“, versucht theoretische Konzepte und alltägliche Erfahrung mit Migration zusammenzuführen. Dabei wird Migration unter dem Aspekt von theoretischen Modellen (Verhovsek) und sicherheitspolitischen Überlegungen (Fritz) betrachtet; darauf aufbauend, bieten drei Beiträge Perspektiven auf mögliche Wege im Umgang mit Migration im Alltag – von der Rolle autochthoner Minderheiten (Arlt), als Mittler in einer Gesellschaft der Vielfalt, bis hin zu Anregungen zu Perspektivenänderungen im Denken über Migration und Integration (Bischof/Schindlauer, Reithofer).

Abgerundet wird der Band durch einen dritten, dokumentarischen Teil, in dem die angesprochenen Rezepte und die Geschichten um die Exponate des Kulturtransfers Raum finden.

Ganz bewusst haben wir unsere Ausstellung nicht nur als museales Projekt angelegt, sondern auch eine Reihe von Begleitmaßnahmen aufgenommen. Die Veranstaltungen sollen gerade den Aspekt der Vielfalt betonen und umfassen deshalb auch unterschiedlichste Zugänge. So wollen wir einen möglichen Weg zum Zusammenleben in Vielfalt in der Südoststeiermark im Rahmen unseres Programms aufzeigen. Die Sonderausstellung stellt hier nur einen Schritt in der Reihe vieler bereits erfolgter und noch folgender auch für unser Museum dar.

Am Ende möchten wir noch allen Mitwirkenden an der Ausstellung einen herzlichen Dank aussprechen – auch beim Durchführen eines solchen Projektes ist Pluralität ein großer Vorteil, ohne die mannigfaltigen Unterstützungen oft gar nicht möglich. Besonderer Dank gilt Herbert Maitz für die visuelle Umsetzung des gesamten Projektes. Ausdrücklicher Dank sei auch den Sponsoren und Förderern der Sonderausstellung ausgesprochen – siehe Impressum-Seite –, insbesondere Landesrätin Dr.in Bettina Vollath und Landeshauptmann Mag. Franz Voves, sowie der Abteilung Kultur/Volkskultur des Landes.

Anmerkungen

1 Siehe dazu den Beitragsband: Wolfram Dornik, Rudolf Grasmug (Hg.), Möglichkeiten / Abhängigkeiten. Die Südoststeiermark im Wandel, Graz – Feldbach 2012.

2 Reinhard Peter Gruber, Aus dem Leben Hödelmosers: Ein Steirischer Roman mit Regie, St. Pölten – Salzburg 2006.

3 Helmut Konrad, Heimaten, in: Heimat-Sterz, 39/1988, 19.

4 Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin 1998; Eric Hobsbawm, Terence Ranger, The Invention of Tradition, Cambridge 1992; Helmut Konrad, Heimaten, in: Heimat-Sterz, 39/1988; Museumsakademie Joanneum, Gottfried Fliedl (Hg.), Heimat als Wunsch, Phantasie, Konstruktion. Reader zum Workshop der Museumsakademie 9.–10. März 2009, Schruns-Tschagguns, [Graz 2009]; Saskia Sassen, Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter, Frankfurt/Main 2008; etc.

5 Moritz Csáky, Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen – Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa, Köln – Wien – Weimar 2010.

6 Siehe insbesondere den Beitrag von Garstenauer/Unterwurzacher in diesem Band.

7http://www.dah-bremerhaven.de/; siehe etwa auch die Publikation: Regina Wonisch, Thomas Hübel (Hg.), Museum und Migration. Konzepte – Kontexte – Kontroversen, Bielefeld 2012.

8 Etwa: Verbund Oberösterreichischer Museen (Hg.), (Heimat-)Museen neu denken! Berichtsband des 9. Oberösterreichischen Museumstags 2010, Leonding 2011; etc.

9 Maruša Krese, Meta Krese, Robert Reithofer (Hg.), Neue Heimaten? Ein Versuch, Graz 2010.

Andrea Keinrath Vom „wir und die anderen“ zu „wir FeldbacherInnen“. Auf dem Weg zu gelebter Vielfalt

Dem Bürgermeister der Stadt Feldbach, Kurt Deutschmann, ist es schon lange ein wichtiges Anliegen, das Zusammenleben aller in Feldbach lebenden Menschen zu fördern und „neue FeldbacherInnen“ aktiv in das gesellschaftliche Leben der Stadt einzubinden. In dem Wissen, dass gelingendes Miteinander Unterstützung bedarf, wurde 2011 durch seine Initiative das Integrationsbüro der Stadtgemeinde eingerichtet. Klarer Auftrag ist es, das Zusammenleben aller FeldbacherInnen durch Initiativen, Maßnahmen und Projekte zu fördern.

Wer aber sind „alle“ FeldbacherInnen? Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Mütter und Väter, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, SeniorInnen, Menschen, die seit ihrer Geburt hier leben, jene, die nach Feldbach gezogen sind, Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Glaubensrichtungen, sexuellen Orientierungen, Hautfarben um nur einige der vielen, unterschiedlichen FeldbacherInnen zu nennen.

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