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In diesem Band erzählen zehn Autorinnen und Autoren neue Märchen, die zu allen Zeiten spielen, in guten wie in schlechten, damals wie heute. Und nicht immer in einem fernen Land. Menschen gehen auf Wanderschaft, gute und weniger gute Zauberwesen erscheinen, Mädchen retten sich selbst und Jungen sich ebenfalls. Neue Märchen erzählen davon.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Andreas Gröhl: Der raffgierige König
Anke Marie Fischer: Das Blumenmädchen
Corinna Wiegers: Die drei Wünsche
Regina Thiele: Wie Assirai ihre Wünsche erfüllte
Mona Koliwer: NIEMAND
Ralf Ruhl: Der letzte Wackerstein
Claudia Hinze: Feenklatschen
Barbara Gruner: Der Blechdosenmann
Andreas Gröhl: Die Wunschwarzen
Gisela Matthies: Die Überfahrt
Regina Thiele: Der Gewitterstein
Barbara Gruner: Der rostige Ritter
Anke Marie Fischer: Der Luchs oder das Schicksal
Ralf Ruhl: Werwolfsmärchen
Ralf Ruhl: Das verdorrte Herz
Barbara Gruner: Die verwöhnte Prinzessin
Andreas Gröhl: Die Osterdeichmusikanten
Anke Marie Fischer: Das Waldhaus
Regina Thiele: Das Zauberfläschchen
Barbara Gruner: Alrik – der grüne Kobold
Andrea von Haacke: KRAFT und GEIST – der Kampf
Barbara Gruner: Rosa und der tollpatschige Drache
July Jochen Gramann: Schneewittchen – ein Wermädel
Wer auf altbekannte Heldinnen und Helden wie Schneewittchen, Rotkäppchen und Pinocchio hofft, dem sei gesagt: Die waren einmal!
Zwischen diesen Buchseiten tummeln sich ganz besondere Märchenwesen, von denen man glaubt, sie seien von Andersen, Hauff oder den Grimms. Doch die tumben Trolle, grantigen Zwerge und sprechenden Frösche sind Kreaturen, die nur hier ihr Unwesen treiben dürfen.
Die Märchen dieses Buches lassen eine neue Welt entstehen, in der die Lesenden mit anderen Heldinnen und Helden auf Reisen gehen, um Wackersteine im Bauch loszuwerden, einer verwöhnten Prinzessin den Blick in der Zauberspiegel zu gönnen oder um ihre Ängste in eine Flasche zu bannen.
Die Autorinnen und Autoren haben sie in alter und neuer Tradition aufgeschrieben und wünschen viel Vergnügen beim Lesen!
Es war einmal ein König, der hatte zwei wunderschöne Töchter.
Die Jahre gingen ins Land und die ältere Prinzessin kam ins heiratsfähige Alter. Der König war ein weiser Mann. Er liebte die Diplomatie und mied die Kriege, und so gelangte sein Volk zu erklecklichem Wohlstand. Allerdings fehlte dem König die Gelegenheit, sich an seinem Reichtum zu erfreuen, denn stets war er damit beschäftigt, ihn zu mehren. Damit zur Hochzeit seiner Tochter kein Firlefanz, sondern wertvolle Geschenke beschert würden, hatte der König die Idee, seine Tochter mit demjenigen zu vermählen, der ihm das wertvollste aller Geschenke übergeben würde.
„Aber Vater”, beschwerte sich die Prinzessin, „wie kannst du mir so etwas antun? Weshalb darf ich mir meinen Gemahl nicht selbst aussuchen? Stell dir vor, das wertvollste Geschenk bringt ein alter böser Mann. Du willst doch nicht, dass ich für den Rest meines Lebens unglücklich bin.”
Da lächelte der listige König und sagte: „Ach, mein Kind! Vergiss nicht: Ich bin der König und ich kann bestimmen, wie wertvoll jedes Geschenk ist.”
Da musste auch die Prinzessin lächeln, und schon bald verkündeten die Boten im ganzen Land und in den angrenzenden Königreichen, dass der Jüngling, der dem König bis zum dritten Vollmond das wertvollste Geschenk überreichen würde, die Prinzessin zur Gemahlin bekäme.
Bald darauf kamen die ersten Freier. Sie reisten von nah und fern an und brachten wertvolle Geschenke. Einige boten edle Rösser, andere kostbaren Schmuck und noch andere exotische Früchte oder teure Kleider. Der König ließ alles in seinem Thronsaal aufreihen. Für die Tiere, die natürlich im Stall unterkamen, wurden von den Hofmalern Bilder erstellt.
Am Abend vor dem dritten Vollmond fragte der König seine Tochter, ob sie ihre Wahl bereits getroffen habe.
„Ach Vater”, antwortete sie verzagt, „von den Freiern konnte keiner mein Herz erobern. Schaue sie dir doch an. Entweder sind sie hässlich wie die Nacht, dumm wie Brot oder alt wie Methusalem.”
„Was hältst du von dem Prinzen Heinrich?”, entgegnete ihr Vater, „Er ist zwar nicht der Hellste, aber dafür ist er jung und gut anzuschauen. Außerdem kenne ich seine Eltern. Ihr Land ist reich an Wäldern und fruchtbaren Wiesen, an Feuchtgebieten und Spargelfeldern.”
„Aber Vater! Hast du sein Geschenk nicht gesehen: Ein hölzerner Spargel, auf dem ein ausgestopfter Frosch sitzt. Was soll daran wertvoll sein?”
„Hast du ihn danach gefragt?”
„Ja, aber er grinste nur und hat nicht geantwortet.”
„Dann horche, was seine Mutter mir erzählt hat: Es ist ein Geschenk, das der Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater des Königs von einer guten Fee zu seiner Hochzeit bekommen hat. Es besitzt magische Kräfte und wird stets auf den Thronfolger vererbt. Das breite Grinsen des Frosches bewirkt, dass sein Besitzer immer ein glückliches Lächeln auf den Lippen trägt.”
„Und wofür steht der Spargel?” Sie schaute ihren Vater ratlos an.
„Wer weiß...”, antwortete er.
Die Turmuhr zeigte fünf Minuten vor Mitternacht. Die Freier standen im Halbkreis auf dem Schlossplatz und priesen ihre Geschenke an. Mit dem Glockenschlag würde der König das wertvollste Geschenk auswählen und dann die Verlobung seiner Tochter mit dem Prinzen Heinrich bekanntgeben.
Plötzlich zogen dunkle Wolken auf. Die Fackeln flackerten und schafften es kaum, den Schlossplatz auszuleuchten. Nachdem die Wolken den Mond wieder freigegeben und die Fackeln sich beruhigt hatten, stand ein hässlicher Zwerg vor dem König.
„Edler König”, sagte der Zwerg mit einer knarzigen Stimme, „ich bin Zwatte, der Zwergenkönig. Auch ich freie um die Hand deiner Tochter, und da ich das wertvollste Geschenk von allen habe, wirst du sie mir nicht verweigern können.” Der Zwergenkönig hielt ihm eine hölzerne Krone entgegen.
„Die und wertvoll?”, rief der König.
„Setzte sie auf und entscheide. Ich werde mich deinem Urteil beugen.”
Der König nahm belustigt die Krone und setzte sie auf sein Haupt. Ein Blitz schoss durch seinen Kopf. Das fehlende Flackern der Fackeln war das Erste, was er bemerkte. Die Flammen waren zu einem festen und unbeweglichen Licht geworden. In ihrem ungewöhnlichen Schein sah er, dass seine Untertanen erstarrt waren. Selbst die Kegel, mit denen der Hofnarr jonglierte, klebten in der Luft. Der König bestaunte das starre Treiben und konnte sich daran gar nicht sattsehen. Es dauerte eine Weile, bis er die Krone wieder von seinem Haupt nahm, und sofort kehrte alles Leben zurück.
„Na, habe ich dir zu viel versprochen?”, fragte der Zwerg. „Wer diese Krone aufsetzt, der kann die Zeit anhalten.”
Der König setzte sie erneut auf und wieder war die Welt erstarrt. Jetzt war er mutiger geworden. Er ging zu seinem Hofnarren, griff sich einen in die Luft geworfenen Kegel und platzierte ihn über dessen Kopf. Zurück auf seinem Thron nahm er die Krone ab und sah belustigt zu, wie der hölzerne Kegel dem armen Tropf auf den Kopf fiel.
Gleich darauf wollte er sich die Krone erneut aufsetzen, doch da sprang der Zwerg in die Höhe und riss sie ihm aus den Händen.
„Warte”, rief der Wicht. „Wenn du die Krone noch einmal aufsetzt, dann zeigst du damit, dass sie dir das wertvollste Geschenk von allen ist. Setzt du also die Krone noch einmal auf, dann muss deine Tochter mich heiraten.”
„Vater, nein!”, schrie die Prinzessin, denn der Zwerg war alt und hässlich, und jeder wusste, dass sich sein Reich tief im Inneren der Berge befand, wohin sich niemals ein Sonnenstrahl verirrte.
Doch die Schwarze Magie der Krone war zu stark. Längst hatte sie den König in ihren Bann gezogen.
„Lass mich die Krone noch einmal aufsetzen”, forderte er. „Schließlich bin ich der König und wie wertvoll die Geschenke sind, das bestimme ich!”
„Es ist deine Entscheidung”, sagte der Zwerg und hielt sie ihm entgegen. Die Magie hatte den König derart verblendet, dass er das Flehen seiner Tochter überhörte. Ungestüm setzte er die Krone auf, und wieder stand die Zeit still. Fasziniert von den Möglichkeiten, die sich ihm eröffneten, ging er zu seiner Frau, trank ihr das Weinglas leer und füllte es mit Brunnenwasser. Dann tauschte er bei dem feistesten der Freier das Fleisch in der Hand mit einem Stück Holz aus. Auf dem Weg zurück zu seinem Thron kam er auch an seiner Tochter vorbei und nahm erst jetzt ihren entsetzten Gesichtsausdruck wahr. Was habe ich getan?, fragte er sich und erschrak über seine Gier nach der Macht über die Zeit. Nachdenklich nahm er die Krone von seinem Haupt, um sie dem Zwerg zurückzugeben.
Da schlug die Turmuhr Mitternacht. Wieder verdunkelten schwarze Wolken den Mond und die Fackeln flackerten, dass die Hand vor den Augen nicht mehr zu sehen war.
Pünktlich mit dem letzten Glockenschlag war der Spuk vorbei – und nun war es der König, der erstarrte, wenn auch nur vor Schreck, denn der Zwerg war mit der Prinzessin verschwunden.
Da nahm die Königin ihrem Mann die unselige Krone weg und schalt mit ihm. Einen raffgierigen Geizkragen nannte sie ihn, einen unverbesserlichen Tollpatsch und einen habsüchtigen Nimmersatt. Der König schaute betroffen auf den Boden und wagte nicht zu widersprechen, denn wie es bei den meisten Königshäusern so üblich ist, hatte seine Frau die Hosen an.
„Was habe ich nur getan?”, zeterte er mit sich selbst. „Wie konnte ich nur für diesen einen Moment die Kontrolle verlieren?”
Da hüpfte der Frosch vom Spargel und begann zu quaken: „König, ich weiß, dass deine Tochter für meinen Herren bestimmt war. Bei ihm hätte sie ein angenehmes Leben als Königin führen können. Stattdessen muss sie nun ein tristes Leben im Zwergenreich tief unter der Erde fristen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Um sie zu retten, musst du sie vor ihrer Hochzeit aus den Fängen des Zwergs befreien. Das Zwergenreich ist jedoch nicht einfach zu finden. Bedenke, dass es eine lange und einsame Suche sein wird, denn währenddessen darfst du die Krone nicht absetzen. Nur so kannst du der Hochzeit zuvorkommen.” Der Frosch quakte noch einmal erbärmlich und hüpfte wieder auf seinen Spargel, auf dem er leblos verharrte.
Der König wusste, dass der Eingang ins Zwergenreich irgendwo beim höchsten Berg des Diamantgebirges lag. Nur widerwillig setzte sich er sich die Krone auf, denn er ahnte, dass das, was ihn anfangs zu Späßen animiert hatte, der Beginn einer grausamen Einsamkeit war. Gleich am nächsten Morgen würde er sich auf die Suche machen, und während sein Hofstaat bewegungslos herumstand, legte er sich schlafen, damit er am nächsten Morgen früh aufbrechen konnte. Die Krone behielt er natürlich auf.
Als er aufwachte, war die Nacht noch nicht vorüber, denn seine Krone hatte ja die Zeit angehalten. Also nahm er sie ab und bereitete alles für die große Suche vor, ließ sein Lieblingspferd satteln und versorgte sich mit Proviant. Es war ein schöner Sommertag, an dem es früh hell wurde. Der König verabschiedete sich von seiner Königin und versprach, alles zu tun, um ihre Tochter aus den Fängen des bösen Zwergenkönigs zu retten. Dann setzte er die magische Krone auf. Doch er konnte nicht losreiten, da die Zeit auch für das Pferd stillstand. Also musste der König seine Suche zu Fuß vornehmen.
Sieben Jahre später zog ein Königssohn aus. Sein Vater trug ihm auf, eine Gemahlin zu finden, doch er war nur auf der Suche nach Abenteuern. Bereits seit Monaten ritt der holde Jüngling durch die angrenzenden Königreiche und war froh, dass deren Prinzessinnen entweder bereits vergeben oder nicht schön anzusehen waren.
Eines Tages kam er an einem Hügel vorbei, auf dem eine Windmühle stand. Ihre Flügel drehten sich geschwind, und das Klappern und Rappeln kündete von einem geschäftigen Gewerk.
Der Prinz ritt bis zur großen Eingangstür und rief ins Dunkel der Mühle: „Sprich Müller! Weiß Er, welches Königreich sich hinter dem großen Gebirge befindet?”
Der Müller schaute von seiner Galerie herab. Noch nie hatte er einen leibhaftigen Prinzen gesehen und war erfreut über den hohen Besuch. Sofort wies er seinen Gesellen an, die Flügel aus dem Wind zu drehen. Das Klappern und Rappeln erstarb und der Müller kam unter tiefen Verbeugungen heraus.
„Mein Prinz, ich muss euch warnen”, sagte der Müller und verbeugte sich so tief, dass seine Nase fast den Boden berührte. „Auf dem Königreich hinter dem Gebirge lastet ein Fluch. Keiner, der über das Gebirge geritten war, wurde je wieder gesehen.”
„Was für ein Fluch? Erzähle Er, Müller!” Für den Prinzen hörte es sich an, als sei er auf der Suche nach seinem Abenteuer endlich fündig geworden.
„Man erzählt sich, dass dort alles Leben erstarrt sei, denn der König wolle verhindern, dass seine Tochter den Zwergenkönig heirate.”
„Ist die Prinzessin hübsch?”
„So sagt man”, bejahte der Müller.
„Dann werde ich sie befreien und heiraten. Schließlich hat mir mein Vater aufgetragen, eine Frau zu finden. Außerdem liebe ich das Abenteuer!”
„Ihr werdet sie nicht heiraten können, oh, edler Prinz”, widersprach der Müller, „denn man erzählt sich, dass die Prinzessin schon dem Prinzen aus dem Königreich der Feuchtgebiete und Spargelfelder versprochen ist. Aber sie hat eine jüngere Schwester, die sei ebenfalls sehr hübsch.”
„Ach”, staunte der Prinz, „dann heirate ich halt die.”
„Aber der Fluch”, warnte der Müller. „Ihr könnt die Prinzessin nicht heiraten, solange dort die Zeit stillsteht.”
„Ich liebe die Herausforderung! Auf ins Abenteuer!”, rief der Prinz und wollte losreiten.
„Warte!”, rief der Müller und griff ihm in die Zügel. „Vor vielen Jahren ist meine Frau in das verwunschene Königreich gereist. Sie wollte ihre Schwester besuchen, die dort wohnt. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört und vermisse sie so, denn nachdem meine alte Mutter gestorben ist, habe ich nun niemanden mehr, der mir den Haushalt führt. Wenn jemand so tapfer ist, wie Ihr es seid, dann macht mir dies Hoffnung. Ich würde meine Frau so gerne wiederhaben, und deshalb gebe ich Euch das Wertvollste, das ich habe.”
Der Müller gab ihm einen prall gefüllten Mehlsack. Der Prinz nahm ihn entgegen und wunderte sich, dass er so leicht war wie eine Feder.
„Einer meiner Vorfahren hat einem Zwerg das Leben gerettet und zum Dank diesen Sack erhalten”, erklärte der Müller. „Darin sind weder Mehl noch Korn, sondern der beständig blasende Westwind, der mir schon bei so mancher Flaute meine Mühle angetrieben hat.
Vielleicht kann er Euch bei der Suche hilfreich sein.”
Der Prinz band den Sack an seinen Sattel, versprach sein Bestes zu geben und ritt dem verwunschenen Königreich entgegen.
Er dauerte nicht lange und er kam bei einem Edelsteinschleifer vorbei. Auch der Edelsteinschleifer warnte ihn vor der Weiterreise, denn auch er wusste von dem Fluch.
„Früher”, jammerte er, „da brachten mir die Zwerge ungeschliffene Edelsteine. Es war ein gutes Geschäft, denn nachdem ich sie durch das Schleifen zum Funkeln gebracht habe, konnte ich sie für ein Vielfaches von dem verkaufen, was die Zwerge dafür verlangt hatten. Aber nun habe ich fast alle Steine verkauft, und wenn die Zwerge nicht bald Nachschub bringen, dann weiß ich nicht, wovon ich demnächst leben soll.”
„Ich werde den Fluch besiegen, und dann werden die Zwerge dir wieder neue Edelsteine bringen”, sagte der Prinz.
„Das haben schon viele gesagt, und dann habe ich nie wieder etwas von ihnen gehört.”
„Aber ich liebe die Herausforderung! Auf ins Abenteuer!”
Frohen Mutes wollte der Prinz losreiten.
„Warte!”, rief der Edelsteinschleifer und griff ihm in die Zügel.
„Wenn jemand so tapfer ist, wie du es bist, dann macht mir dies Hoffnung! Ich habe für dich einen ganz besonderen Edelstein, der dir bei deinem Abenteuer helfen wird.” Er gab ihm einen grauen Stein, der in der Form eines Stundenglases geschliffen war. „Wenn du ihn vor dein Auge hältst, dann kannst du durch Dinge hindurchschauen.”
Der Prinz zögerte.
„Nimm ihn. Der Stein stammt vom Diamantberg. Von den Steinen habe ich noch einige, sodass ich mir jederzeit einen neuen schleifen kann. Aber behalte das Geheimnis für dich!”
Der Prinz hielt sich den Stein vors Auge und schaute gegen die Wand des Hauses. Die Mauer wurde durchsichtig und gaben den Blick auf die Möbel frei. Selbst die Ziege im Stall hinter dem Haus konnte er erkennen. Er bedankte sich für das Geschenk und versprach, es weise einzusetzen. Dann ritt er weiter.
Die ersten Berghänge erhoben sich zu beiden Seiten seines Weges.
Weinstöcke in zahllosen Reihen wuchsen auf ihnen. Unten im Tal stand das Haus des Winzers. Der Winzer war ein alter Mann mit einer von Äderchen durchfurchten Nase und einem trüben Blick.
„Du solltest nicht weiterreiten.” Der Winzer hatte eine unklare Aussprache, weshalb er mit Händen und Füßen gestikulierte. „Auf der anderen Seite des Flusses beginnt das verfluchte Königreich. Keiner, der es betrat, ist je zurückgekehrt.”
„Doch, ich werde weiter reiten”, widersprach der Prinz. „Ich werde den Fluch brechen und die stehende Zeit wieder in Gang setzen.”
„Das haben schon viele gesagt und sie sind alle gescheitert.”
„Ich werde zurückkommen, denn ich liebe die Herausforderung!
Auf ins Abenteuer!”, rief der Prinz und wollte losreiten.
„Warte!”, rief der Winzer und griff ihm in die Zügel. „Trinke mit mir vom Wein der Erkenntnis, und du wirst sehen, wie gefährlich und unsinnig dein Vorhaben ist. Danach wirst du freiwillig umkehren!”
„Wein der Erkenntnis?” Der Prinz wollte mehr wissen.
„Wer davon trinkt, dem bleibt die Wahrheit nicht verborgen und die Zusammenhänge werden klar, sodass er frei von seinen Gefühlen entscheiden kann”, erklärte der Winzer.
„Und hilft es dir?”, fragte der Prinz.
„Nein”, gestand der Winzer. „Ich komme immer nur zu der Erkenntnis, dass es besser gewesen wäre, nicht davon getrunken zu haben.”
Der Prinz staunte, dass der Winzer jetzt trotzdem die Flasche öffnen wollte.
„Winzer”, sagte er und nahm ihm die Flasche weg. „Wenn du am Ende zu dieser Einsicht kommst, dann kennst du sie bereits vorher und brauchst gar nicht vom Wein der Erkenntnis zu trinken.”
Der Winzer starrte ihn an.
„Wie weise du redest!”, sagte er. „Du hast mir geholfen, dass ich endlich ganz ohne Wein zu meiner Erkenntnis gekommen bin. Wie soll ich dir danken?”
„Lass mich einfach weiterziehen!”
„Nein, das wäre dein Tod. Trinke von dem Wein und du wirst dich anders entscheiden.”
„Genau deshalb werde ich nicht davon trinken. Ich will das Abenteuer erleben!”
„Dann nimm wenigstens diese Flasche mit.” Der Winzer steckte sie in die Satteltasche des Prinzen. „Sollten dich Zweifel befallen, dann kannst du jederzeit davon trinken.”
„Ich danke dir”, sagte der Prinz und ritt den steilen Pass hinauf.
Quälende Einsamkeit plagte den König auf der Suche nach seiner Tochter. In der Hoffnung, der Frosch möge noch einmal zu ihm sprechen, hatte er den Spargel mit dem ausgestopften Tier mitgenommen. Aber der Frosch blieb stumm. In der ersten Woche seiner Suche war der König noch bei Kräften und hatte das Gebirge zügig durchquert. So sehr er auch suchte, den Eingang zum Zwergenreich konnte er nicht finden. Nie wagte er es, die Krone abzunehmen, denn er wusste, dass mit jeder Minute, in der er sie nicht auf seinem Haupt trug, die Hochzeit unweigerlich näher rückte. Nachdem er das Gebirge durchquert hatte, gelangte er in einen dunklen Wald.
Auf einer Lichtung stand ein altes Mütterchen mit einer Kiepe auf dem Rücken. Sie war beim Brennholz klauben, was verboten war, in einer gebückten Stellung erstarrt.
Der König ging zu ihr und nahm die Krone ab. „Nicht erschrecken, Mütterchen.” Doch sie fuhr zusammen, da der König aus dem Nichts kommend so plötzlich vor ihr stand. „Sorge dich nicht”, sagte der König, „ich erlaube dir, so viel Brennholz zu sammeln, wie du möchtest.”
Froh darüber, endlich einem lebendigen Menschen begegnet zu sein, erzählte er der Alten von seinem Unglück. Dabei sammelte er fleißig Brennholz und steckte es in ihre Kiepe.
„Hier endet mein Königreich”, erklärte er, als sie den Waldrand erreichten. „Geh und berichte der Welt von meinem Unglück. Sage allen, dass ich es verboten habe, mein Reich zu betreten. Alle die es dennoch tun, werden erstarren, denn ich werde diese Krone erst wieder absetzen, wenn ich meine Tochter gefunden und befreit habe.”
Die Alte verbeugte sich tief, bekräftigte, dass sie allen von seinem Unglück berichten würde, und lief so schnell es ihre alten Knochen erlaubten von dannen.
Der König aber irrte sieben Jahre lang durch das Gebirge. Er schämte sich, dass er sich wie ein schäbiger Dieb verhalten musste. Um zu überleben, entwendete er das Brot seiner Untertanen. Sogar deren Kleider musste er stehlen, da die seinen in all den Jahren verschlissen waren. Die Krone aber hatte er nur das eine Mal für das alte Mütterchen abgenommen.
