Neue Nachrichten aus dem Regenbogenland - Frank Moritz - E-Book

Neue Nachrichten aus dem Regenbogenland E-Book

Frank Moritz

0,0

Beschreibung

Vor Urzeiten wurde das Regenbogenland von Bastet, der Göttin aller Katzen, aus dem letzten Sonnenstrahl eines Tages erschaffen und den Katzen zum Geschenk gemacht. Der Kater Alex, dessen Leben am Nikolaustag des Jahres 2005 endete, wanderte damals über die Regenbogenbrücke in dieses fantastische Land. Nachdem er entdeckt hatte, wie er auf dem PC seiner früheren Dosis Botschaften hinterlassen kann, schickt er auf diese Weise immer wieder neue Nachrichten aus dem Regenbogenland. In vier Erzählungen nehmen wir an der Wanderschaft einer spanischen Katzendame teil und werden Zeuge der Odyssee zweier kleiner Kater durch Tierheime und Pflegestellen. Wer dann noch erfahren will, wie ihnen von einem kleinen Mäuserich das Leben gerettet wird, der ist bei diesem Buch genau richtig.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Frank Moritz

Geboren 1962 in Wolfsburg verlebte der Autor seine ersten 40 Lebensjahre im kleinen Harzstädtchen Goslar. Bereits während der Schulzeit widmete er sich intensiv dem Schreiben, verfasste zunächst Kurzgeschichten, Erzählungen und Drehbücher. Letztere verfilmte er teilweise auch selbst als Autorenfilmer. Für seine Arbeiten erhielt er 1987 den Förderpreis der Stadt Goslar.

Bisherige Veröffentlichungen:

Nachrichten aus dem Regenbogenland

Neue und erweiterte Auflage

2015 - TB - 88 Seiten

Und die Zeit wird kommen

Erzählung

Neuauflage 2010 - Broschur – 140 Seiten

Grenzgänger – Irgendwo dazwischen!

Roman

Neuauflage 2016 – Broschur – 192 Seiten

Hallo, ich bin Alex! Abenteuer im Regenbogenland

Roman

Neuauflage 2016 – TB – 164 Seiten

Mehr Nachrichten aus dem Regenbogenland

Erzählungen

2017 - TB - 128 Seiten

Katzengarten und gesicherter Freigang

Gartentipps und Bauvorschläge von Salem & Floyd

2018 – Großformat - Farbe - 196 Seiten

Inhalt

Vorwort

Unter glühender Sonne

Zeit zu gehen

Don Quijote & Sancho Panza

Begegnung im Regenbogenland

Nachwort

Mehr Bücher von Frank Moritz

Vorwort

Und wieder sind die Jahre wie im Flug verstrichen, seitdem wir uns das letzte Mal über den Weg gelaufen sind. Sicher erinnert Ihr Euch noch an meine aufregenden Abenteuer mit den Ratten des geheimen Königreiches.1 Diese Ereignisse liegen nun schon einige Zeit zurück. Also höchste Eisenbahn für mich, Neues zu berichten.

Die Höflichkeit gebietet es jedoch, mich für all diejenigen, die bisher noch nichts von mir gehört haben, kurz vorzustellen. Mein Name ist Alex und ich bin ein Blendling2. Geboren wurde ich zwar mit meinem geheimen Katzennamen Nifé-en-Ankh, was Atem des Lebens bedeutet, aber Alex ist der Name, den ich mir in meinem dreizehn Jahre währenden Katzenleben verdient habe. Am Nikolaustag des Jahres 2005 endete schließlich mein Dasein in dieser Welt und ich wanderte über die schillernde Brücke in das Regenbogenland.3 Neben dem Wiedersehen mit meiner Familie, die ich seit Kätzchentagen nicht mehr gesehen hatte, freute ich mich festzustellen, dass zwar mein Leben geendet hatte, nicht aber die Geschichte – meine Geschichte. Ganz im Gegenteil. Für mich begann ein völlig neuer Abschnitt meiner Existenz und der stürzte mich in viele aufregende Abenteuer, von denen ich Euch heute ein weiteres Mal berichten möchte.

Obwohl ich das Regenbogenland bereits vor mehr als zwölf Jahren betreten habe, kommt es mir nicht so vor, schon so lange hier zu verweilen. Das mag daran liegen, dass die Zeit in diesem fantastischen Reich ganz anders abläuft, als Ihr es in Eurer Welt gewohnt seid. Außerdem gibt es hier dermaßen viel zu erforschen und entdecken, man merkt kaum, wie die Jahre vorüberfliegen. So war es mir bereits vergönnt, der großen Göttin aller Katzen, Bastet höchstselbst, zu begegnen, die vor Urzeiten das Regenbogenland aus dem letzten Lichtstrahl eines Tages erschaffen hatte und es den Katzen zum Geschenk machte. Ich war mit einer kleinen Gruppe guter Freunde losgezogen, um diese seltsame aber wunderbare Welt zu retten, die dem Untergang geweiht war.4

Zum Glück sind solch dramatische Ereignisse selbst hier, trotz aller Wunder, nicht an der Tagesordnung, aber Langeweile kommt beileibe dennoch nicht auf. Dafür sorgen unter anderem auch meine beiden Nachfolger, Salem und Floyd, die nach meinem Ableben bei meinen beiden Dosis5 eingezogen sind und dort immer wieder für Aufregung sorgen.

Eines Tages, nachdem ich bereits herausgefunden hatte, dass es mir als eine Art Geisterkatze möglich ist, das Reich der Lebenden zu besuchen, wenn mir danach ist, entdeckte ich – allerdings durch reinen Zufall –, wie ich auf dem Computer meiner Dosis versteckte Nachrichten hinterlassen kann. Seitdem mache ich mir einen Spaß daraus, hin und wieder von meinen Erlebnissen im Regenbogenland zu berichten. Wenn Ihr also Lust habt, mich ein kleines Stück zu begleiten, dann erzähle ich Euch gerne neue Nachrichten aus dem Regenbogenland.

1 Nachzulesen in dem Buch „Mehr Nachrichten aus dem Regenbogenland“, erschienen 2017.

2 Als Blendling bezeichnet man einen Mix aus einer Hauskatze (Felis silvestris catus) und einer Wildkatze (Felis silvestris), wobei im überwiegenden Fall ein Wildkater sich mit einer Hauskatze vergnügt und Nachkommen gezeugt hat. So war es letztlich auch bei Alex gewesen.

3 Die Lebensgeschichte von Alex wird in dem Kurzgeschichtenband „Nachrichten aus dem Regenbogenland“, erschienen 2015 in erweiterter Neuauflage, neben anderen Geschichten erzählt.

4 Diese spannende Geschichte wird in dem Roman „Hallo, ich bin Alex! Abenteuer im Regenbogenland“, erschienen 2016, erzählt.

5 „Dosi“ ist die liebevolle Abkürzung von Dosenöffner, denn im Gegensatz zu Hunden haben Katzen keine Herrchen, sondern vielmehr eine Dienerschaft. Und so spielt die Bezeichnung auf die Funktion des Menschen im gemeinschaftlichen Haushalt als Dosenöffner und Katzenklo-Reiniger an.

Andere Länder - andere Sitten. Dieser Ausspruch behält sogar im Verhältnis beider Seiten der Regenbogenbrücke seine Gültigkeit. Dieses Mal möchte ich jedoch von Ländereien berichten, in die ich zu Lebzeiten zwar niemals meine eigenen Pfoten gesetzt habe, über die ich jedoch hier im Regenbogenland zufällig gestolpert bin - nicht über die Landschaft, aber über die Geschichte, die ich jetzt zum Besten geben möchte. Und wie sich herausstellt, gestaltet sich das Leben auf der iberischen Halbinsel auch nicht unbedingt leichter als in unseren Breiten. Die Sonne brennt in Spanien halt besonders heiß vom Himmel, was für Geschöpfe, die es nicht so mit dem Trinken haben, durchaus problematisch sein kann.

Unter glühender Sonne

I

Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen derart heißen Sommer erlebt zu haben. Die Hitze legte sich mit geradezu beklemmender Wucht auf den Brustkorb und machte das Atmen schwer. Es fühlte sich an, als reiche der Sauerstoff in der Luft nicht mehr aus, um die Lungen vernünftig zu füllen, was das Marschieren nicht nur erschwerte, sondern jeden weiteren Schritt geradezu unerträglich gestaltete. Das war ihr in dieser Intensität bisher noch nicht untergekommen. Allerdings reichte ihr Gedächtnis auch nicht allzu weit zurück. Um es genau zu nehmen gerade einmal vier Jahre und damit konnte sie insgesamt drei vorangegangene Sommer Revue passieren lassen — wobei der erste nicht wirklich zählte, weil sie einfach noch zu jung gewesen war, um sich auf Einzelheiten zurückzubesinnen. Die Gedanken an diese Zeit verschwammen in einem undeutlichen Nebel, so sehr sie sich auch anstrengte, ihre Erinnerung zu bemühen. Mit dem zweiten Jahr ihres Lebens — dem zweiten Sommer — funktionierte das schon wesentlich besser. Da war sie bereits auf sich allein gestellt gewesen. Die zierliche, silbern und schwarz gestreifte Katzendame seufzte innerlich auf, als sie noch einmal den Moment durchlebte, an dem sie ihre Geschwister verlassen hatte. Oder war es womöglich doch anders herum gewesen? Ganz deutlich konnte sie sich das Bild nicht mehr vor Augen rufen, als sie inmitten einer Wiese plötzlich in unterschiedliche Richtungen davon sprangen. An jenem Morgen waren sie gemeinsam aufgebrochen, um die Welt zu erkunden, ohne sich jedoch bewusst gewesen zu sein, dass sie nicht wieder zurückkehren würden. Mama hatte ihnen in den letzten Wochen beigebracht, wie sie sich selbst versorgen konnten, und langsam begannen die Mäuse knapp zu werden, um ihrer aller Mägen ausreichend zu füllen. So war die Vorstellung nur folgerichtig, in die Welt hinauszuziehen, um sich einen Platz zu suchen, an dem genügend Nager zu finden waren, die ihren Hunger stillen konnten. Und natürlich stand es für die Geschwister ganz außer Frage, sich nicht gemeinsam auf den Weg zu machen. Der Ruf ihrer Mutter, sie sollten gut auf sich aufpassen, fühlte sich im Nachhinein sehr endgültig an. Im Gegensatz zu den drei Geschwistern hatte ihre Mutter genau gespürt, dass sie ihre Kinder nicht mehr würde wiedersehen. Als ihnen dieser Umstand bewusst geworden war, bereuten sie ihre abwiegelnden Worte.

»Ja, ja, Mutter, wir sind schon vorsichtig.«

»Sind wir doch immer.«

»Du kennst uns doch.«

Sie hatten sich nicht einmal nach ihr umgedreht und als sie dann doch einmal zurückschauten, waren sie schon viel zu weit gewandert. Eine Umkehr erschien ihnen jedoch ebenfalls ganz unmöglich. Dazu rief die Ferne und das Unbekannte in zu verlockenden Tönen. Und bis sie schließlich jene fast endlos erscheinende Wiese erreicht hatten, waren sie miteinander gewandert, hatten sich gegenseitig ermutigt, weiter und weiter die Fremde zu erforschen. Und dann, als sie rundherum von hohem Gras umgeben waren, hatten sie sich getrennt. Nicht, dass es abgesprochen gewesen war oder auf irgendeine Weise geplant. Nein. Einer war einfach nach rechts abgebogen, der zweite nach links und sie war geradeaus weiter gegangen, einem bunten Schmetterling hinterher gesprungen, der vor ihrer Nase einen wilden Flug mit solch akrobatischen Pirouetten aufgeführt hatte, dass es ihr in den Pfoten kribbelte. Plötzlich erschien es ihr als das Wichtigste auf der Welt, diesem Falter habhaft zu werden. Sie war schon immer eine geschickte Insektenfängerin gewesen, auch wenn ihr die im harten Panzer steckenden Flieger nicht sonderlich mundeten. Und die pudrigen Flügel der Schmetterlinge lösten in ihr sogar den leichten Anflug von Ekel herauf. Doch ihr Magen knurrte und selbst ein ungeliebter Schmetterling war besser als gar nichts zu fressen. Also nahm sie dessen Verfolgung auf und tobte durch das hohe Gras der Wiese. Auf diese Weise war ihr der genaue Moment ihres Auseinandergehens gar nicht wirklich bewusst geworden. Als sie schließlich bemerkt hatte, dass ihre Geschwister nicht mehr an ihrer Seite liefen, hatte sie sich im ersten Moment ein wenig irritiert gefühlt. Aber sehr schnell war ihr die Erkenntnis gekommen, in welchen Maßen sich ihre Futtersituation verbessert hatte, wenn nicht mehr durch drei Mäuler geteilt werden musste. Instinktiv spürte sie, dass es gut so war, so wie es war, auch wenn sie die nächsten Tage ein Gefühl von Einsamkeit empfand. Denn ihr ganzes bisheriges Leben waren sie immer beieinander gewesen — sie, ihre beiden Brüder und Mama. Und nun wanderte sie mit einem Male allein durch die Welt und ihr Leben. Obwohl die Umgebung erfüllt war von Geräuschen, breitete sich in ihr eine merkwürdige Stille aus, die sie zuvor nie registriert hatte. Ja, die sie nie hatte wahrnehmen können, denn immer war jemand bei ihr gewesen, der das Wort an sie gerichtet hatte – und sei es nur durch das Knuffen einer Tatze in die Seite gewesen. Doch jetzt war niemand mehr bei ihr.

Mit der Zeit begannen die Bilder in ihrem Kopf zu verblassen. Die Zwänge des Alltags, die Suche nach Nahrung und einem Unterschlupf für die Nächte beanspruchten sie zunehmend. Und bald fiel es ihr schwer, sich an die Zeichnung des Fells ihrer Geschwister zu erinnern.

Manchmal, wenn ihr Artgenossen über den Weg liefen, dachte sie schon, ihre Brüder wieder vor sich zu sehen, doch erwiesen sich diese Begegnungen ein ums andere Mal als Irrtum. Allein der Geruch passte bereits nicht, wenn sie sich aus der Ferne näherten. Und schnell lernte sie, solch ein Aufeinandertreffen zu vermeiden. Die Kater in dieser Region schienen nicht besonders umgänglich zu sein. Das galt insbesondere für jene Exemplare ihrer Gattung, die ihr Revier mit ausreichend Duftmarken bereits gekennzeichnet hatten. Solchen Katern mit einem ausgeprägten territorialen Anspruch ging man besser aus dem Weg. Der ein oder andere gestattete womöglich noch mit Argusaugen ein Durchqueren seines Reviers, die meisten aber nicht einmal das. Deshalb, so wusste die Katzendame inzwischen, sollte man schleunigst die Pfoten bemühen, wenn man frische Markierungen passierte. Auf den letzten Kilometern hatte sie nichts Derartiges gerochen - immerhin. Aber für einen Spurt fehlte ihr sowieso der Elan. Wie schon erwähnt, erdrückte die Hitze alles was kreuchte und fleuchte. Außerdem knurrte der Katze der Magen. Es war schon eine ganze Weile her, dass sie etwas zwischen die Zähne bekommen hatte. Ein kleiner Singvogel mit gebrochenem Flügel hatte sich dem grausamen Schicksal ergeben und ihr als ausgesprochen frugale Mahlzeit gedient. Unter den Federn und Bergen von Flaum war kaum noch etwas Genießbares für sie verblieben. Auch der Vogel hatte längere Zeit nichts mehr zu fressen gehabt und wäre in Kürze sowieso verhungert. So hatte sein Tod wenigstens noch Sinn gehabt. Auch wenn die Mahlzeit praktisch nur aus Federn und Knochen bestanden hatte. Mäuse waren in der letzten Zeit leider sehr rar geworden. Dabei musste sie doch gerade jetzt regelmäßig Nahrung zu sich nehmen, wenn sie ihren Nachwuchs zur Welt bringen wollte.

Im letzten Sommer, ein gutes Jahr nachdem sie und ihre Geschwister getrennte Wege gegangen waren, hatte sie das erste Mal gespürt, dass in ihr Leben heranzuwachsen begann. Es gab niemanden, der ihr die Zusammenhänge erklären konnte, aber sie ahnte auch ohnedies den Grund ihrer anderen Umstände: das kurze, aber überraschend emotionsgeladene Aufeinandertreffen mit jenem gestromten Kater. Er hatte sie nicht an ihre beiden Brüder erinnert, aber auf unerklärliche Weise etwas in ihr erweckt, das bislang geschlafen hatte. Sie hatten eine stürmische Affäre miteinander durchlebt, die ein paar Tage angehalten hatte. Dann war der Fremde wieder seines Weges gezogen, war er doch wie sie selbst nicht jenem Ort angestammt, sondern sprichwörtlich auf der Durchreise. Ohne jeglichen Kommentar oder Worte des Abschieds war er plötzlich wieder aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Aber sie hatte im Nachhinein dem Kater auch keine Träne hinterher geweint. Nicht wirklich.

Nach zwei Monaten hatte sie dann vier Junge auf die Welt gebracht. Es war eine schwere Geburt gewesen, die sich über die ganze Nacht hingezogen hatte. Und erst in den frühen Morgenstunden, die Sonne war bereits deutlich über den Horizont gewandert, fühlte sie sich sicher genug, um behaupten zu können, dass es vorüber gewesen war. Leider hatten sich die Kleinen als zu schwach erwiesen und keiner von ihnen hatte die Strapazen der Geburt lebend überstanden. Vergeblich hatte sie gehofft, doch noch einen Maunzer vernehmen zu können, nachdem sie den halben Tag lang abwartend neben den kleinen Körpern liegen geblieben war. Doch da wollte sich einfach nichts regen. Also verscharrte sie die Kleinen notdürftig im staubigen Sand, zu viel mehr reichte ihre Kraft nicht mehr und machte sich dann auf, etwas Fressbares zu finden. Sie fühlte sich bereits derart entkräftet, da fehlte nicht mehr viel und sie hätte sich zu den Kleinen in die Erde legen können.

II

Eine Maus, die unvorsichtig aus ihrem Bau stürzte, ohne sich zuvor nach allen Seiten umgesehen zu haben, rettete ihr das Leben und bezahlte dafür mit dem ihren. So ging die Lebenskraft des kleinen Nagers auf die Katze über, die ihre Wanderschaft auf diese Weise wieder für ein kurzes Stück fortsetzen konnte.

Lange hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, was bei ihrer ersten Mutterschaft schiefgelaufen sein mochte. War sie zu viel gelaufen? Hatte sie zu wenig gefressen? Oder war sie einfach selbst noch zu jung gewesen, um lebenden Nachwuchs hervorzubringen? Sie wusste die Antwort nicht und es gab niemanden, den sie hätte danach fragen können. Sie war ganz allein auf sich selbst gestellt. Also hatte sie sich in diesem Sommer vorgenommen, weniger zu gehen und mehr zu fressen, damit die Kleinen in ihr gut heranwachsen könnten. Inwieweit die Hitze ihre Nachkommenschaft beeinträchtigen würde, konnte sie aus Mangel an Erfahrung weder beurteilen noch spürte sie im Moment, wie sich die Kleinen in ihr rührten. Aber so, wie sie selbst eine zunehmende Erschöpfung registrierte, hatte sie auch ein Abnehmen der Bewegungen in ihrem Bauch bemerkt. Ihr Vorhaben, tagsüber im Schatten zu ruhen und nur noch in der Nacht zu wandern und auf Mäusejagd zu gehen, um der größten Hitze zu entkommen, konnte sie bereits seit geraumer Zeit nicht mehr umsetzen. Zu spärlich waren die Nager in der Umgebung gesät. Wollte sie genügend Nahrung für sich und die Kleinen zu sich nehmen, musste sie diese Gegend schleunigst verlassen und ergiebigere Gefilde aufsuchen. Die Frage stellte sich nur, welche Himmelsrichtung die richtige wäre. Doch es gab niemanden, der ihr hätte eine Antwort geben können - jedenfalls nicht in dieser Welt und eine andere kannte sie nicht. Als ihr schließlich in einer Nacht, in der sie vor Hunger kaum schlafen konnte, die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation bewusst wurde, blickte sie hinauf in den schimmernden Sternenhimmel über ihr und hörte zum ersten Mal eine Stimme, die von der großen, fahlen Scheibe zu kommen schien.

III

»Das Mondtelefon!«, erscholl es gemeinschaftlich aus vielen Kehlen.

Ich nickte bedächtig und bestätigend. »Das Mondtelefon, so war es tatsächlich.«

Und dann begannen alle plötzlich wild durcheinander zu reden.

»Hat es wirklich zu ihr gesprochen?«

»Wer war es, der Kontakt mit ihr aufgenommen hatte?«

»Konnte ihr geholfen werden?«

»Hat sie den richtigen Weg gefunden?« »Sind ihre Jungen gesund zur Welt gekommen?«

»Spann uns doch nicht so lange auf die Folter!«

»Nun komm schon, Onkel Alex. Wie ist die Geschichte weiter gegangen?«

Ich seufzte einmal laut und vernehmlich. »Ihr lasst mich ja nicht ausreden«, meinte ich mit ruhiger Stimme, und blickte in das halbe Dutzend Augenpaare. Natürlich war ich nicht der leibliche Onkel jener kleinen Kätzchen, die sich um mich herum in vertrauter Runde gesellt hatten, auch wenn sie mich so nannten. Märchenonkel wäre als Bezeichnung schon besser gewesen; auch wenn es keine Märchen waren, die ich in dieser Runde des Öfteren zum Besten gab. Nein, ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, diesen Kätzchen dann und wann von der anderen Welt zu berichten, von der sie zu ihren Lebzeiten nicht allzu viel zu Gesicht bekommen hatten, weil das Schicksal, die Umstände oder auch eigenes Unvermögen sie bereits frühzeitig über die Regenbogenbrücke hatte gehen lassen. Es waren auch nicht immer dieselben Kätzchen, die meinen Geschichten lauschten, und auch nicht immer nur sechs an der Zahl, sondern gelegentlich sogar bedeutend mehr - viel mehr. Mehr, als ich überhaupt wahrnehmen konnte. Das Regenbogenland besaß nicht nur einen höchst eigenwilligen Zeitverlauf, der nicht mit dem auf der realen Welt übereinstimmte, es warf auch in seiner Struktur manchmal merkwürdige Falten. So konnten auf einer Wiese unzählige Katzen versammelt sein, doch deutlich sehen konnte man nur jeweils diejenigen, die sich in der Nähe aufhielten. Die übrigen wurden sozusagen von den Falten verdeckt. Auf diese Weise ist es uns auch möglich, Versammlungen abzuhalten, an denen alle Bewohner des Regenbogenlands teilnehmen können. Und das sind - wie man sich vorstellen kann - wirklich verdammt viele. Da es jedoch einiges an organisatorischen Vorbereitungen bedarf, hielten wir bisher nur selten solche Großversammlungen ab.

»Das Mondtelefon«, setzte ich meine Geschichte schließlich fort, »nahm also in einer Nacht mit jener Dame Verbindung auf, als sie so dringend Zuspruch nötig hatte.« Die Rasselbande um mich herum hatte ihre Zwischenrufe eingestellt und spitzte wieder begierig ihre Ohren, die jetzt steil aufgerichtet waren.

IV

Es gibt Katzen, die trauen der Stimme aus dem Mond anfänglich nicht und dann gilt es zunächst, ihr Zutrauen zu gewinnen. Andere zeigen sich zwar überrascht, haben aber von Beginn an keine Scheu, sich mit der hellen Scheibe am Nachthimmel zu unterhalten. Meist empfinden diese die Stimme als eine göttliche Zuwendung, was zwar nicht im Detail so stimmte, aber immerhin war der Mond durch den altägyptischen Gott Thot höchstselbst zur Kommunikation zwischen dem Jenseits und dem Diesseits bestimmt worden, nachdem Bastet, die Göttin aller Katzen, das Regenbogenland erschaffen hatte. Somit liegt der Eindruck von Göttlichkeit gar nicht mal so fern.

Unsere Katzendame gehörte zu jener Gruppe von Artgenossen, die vor der Stimme aus dem Mond keine Angst hatte. Deshalb war es nicht schwer, ihr mit Zuspruch und Trost die richtigen Gedanken einzuflüstern.

»Du musst innerhalb von zehn Tagen das ASYL erreichen«, gab ihr die Stimme schließlich ein. »Dort wirst du Hilfe finden.«

»Aber wenn ich durchgehend marschiere, kann ich nicht genug Nahrung finden, die meine Kleinen zum Wachsen benötigen. Und darüber hinaus verbrauche ich die mir verbleibende Kraft für mich allein.«

»Es ist aber wichtig, dass du das ASYL erreichst”, fuhr die Stimme fort. »Denn die Geburt wird sich nicht leichter entwickeln als die im letzten Jahr und ohne Hilfe werden deine Kleinen auch dieses Mal sterben.«

»Und im ASYL werden meine Kleinen am Leben bleiben?« Zum ersten Mal keimte ein wenig Hoffnung in der Katzendame auf.

»Einem aus deinem Wurf, dem Stärksten unter ihnen, du wirst ihn Harvey nennen, soll ein großes Schicksal beschert sein. Doch nur wenn du dafür Sorge trägst, dass er auch lebend zur Welt kommt.«

»Und dafür wird man im ASYL sorgen?«

»Nun, nichts steht für immer geschrieben und der große Plan ist nicht immer klar zu durchschauen, aber die Chancen stehen für deinen Harvey an jenem Ort am besten.«

»Aber wie soll ich jenes ASYL finden? Ich habe noch nie davon gehört. In welche Richtung muss ich marschieren?«

»Folge dem Mond. Wenn du tagsüber ruhst und in den Nächten wanderst, dann schließe dich seiner Bahn an. Zwar kannst du den Mond niemals erreichen, aber das ASYL kreuzt seinen Lauf.«

Und die treue Seele vertraute dem Rat des Mondes und folgte seiner Bahn. In der Hitze des Tages ruhte sie an schattigen Plätzen, wann immer sich ihr solche darboten. Dann schmiegte sie sich in ein Erdloch oder zwängte sich hinter einen kleinen Felsen. Manchmal fand sie auch ein paar kümmerliche Bäume, die ein wenig Schatten spendeten. Sobald aber die glühende Scheibe der Sonne rot leuchtend hinter dem Horizont versank und ihren Platz mit dem Mond tauschte, machte sich die Katzendame wieder auf den Weg. Da sie ja wusste, wie lang der Weg war, der vor ihr lag, preschte sie nicht wild darauf los, sondern marschierte in einem Tempo, welches sie hoffte, auch auf Dauer bewältigen zu können. Auf diese Weise durchstreifte sie die Landschaft und legte Kilometer um Kilometer zurück, um sich einem Ziel zu nähern, von dem sie nicht einmal wusste, wie es aussah.

Manchmal traf sie auf eine Mäusefährte und wenn sie frisch war, versuchte sie abzuwägen, ob sich ihr Hunger tatsächlich stark genug anfühlte, um eine Unterbrechung ihrer Wanderschaft zu rechtfertigen.

»Wenn ich vor Hunger sterbe, werde ich das ASYL niemals erreichen«, murmelte sie dann vor sich hin und jagte dem Mäusegeruch hinterher.

In den frühen Morgenstunden, kurz bevor die Sonne wieder aus ihrem nächtlichen Versteck empor stieg und sich die Katzendame niederlegte um auszuruhen, fragte sie den Mond, ob sie noch auf dem richtigen Weg sei und die Zeit noch reichen würde. Und der Mond antwortete ihr jedes Mal wieder, dass sie ihr Ziel bald erreichen und alles gut werden würde. Nun, das war allerdings nur die halbe Wahrheit.

V

»Hat der Mond die Katze belogen?«, fragte eines der Kätzchen und blickte mich mit großen Augen, die voller Vertrauen waren, an.

»Ich würde nicht sagen, dass es sich um eine vorsätzliche Lüge handelte”, versuchte ich mich aus der etwas unangenehmen Situation herauszuwinden. »Manchmal, wenn es die Situation erfordert, etwas zum Guten zu wenden, ist es wohl erforderlich, einige Details nicht auszusprechen, sie sozusagen unter den Tisch fallen zu lassen. Manche würden dies vielleicht als eine Art Notlüge bezeichnen.«

»Und das ist dann keine richtige Lüge? Obwohl es nicht der Wahrheit entspricht?«

»Es ist schon die Wahrheit, nur nicht unbedingt die ganze und vollständige.« Ich hielt kurz inne, um mir ein Beispiel zu überlegen, das als Analogie bemüht werden konnte. »Stellt euch vor, ein Kätzchen wäre mit einer sehr sonderbaren Fellzeichnung im Gesicht verunstaltet und es fragt seine Mutter, ob es wirklich so hässlich sei, wie einige Kameraden behaupten würden. Was sollte seine Mutter anderes antworten, als dass es ein ganz besonderes Kätzchen und das schönste auf der ganzen Welt sei? Also hat die Mutter ihren Sprössling belogen?«

Meine Zuhörer schwiegen einen Moment. Dann kam ein Zwischenruf aus den Reihen: »Hat sie nicht. Denn in den Augen einer Mutter ist das eigene Kätzchen natürlich immer das schönste.«

»Genau das wollte ich sagen«, fuhr ich fort. »Die Mutter hat lediglich die kleine Einschränkung außen vor gelassen, dass jemand anderes womöglich zu einer anderen Einschätzung gekommen wäre. Und auf ebensolche Weise hatte die Stimme aus dem Mond nicht die Unwahrheit gesagt, als sie behauptete, dass alles gut werden würde. Welche Mutter hätte wahrhaft widersprochen, wenn sie gewusst hätte, dass ihr Junges nicht nur leben, sondern eine bemerkenswerte Zukunft vor sich hätte?« Ich legte eine kurze Pause ein, um meine Worte auf die Zuhörer wirken zu lassen. »Und so stellte sie die Prophezeiung des Mondes nicht weiter infrage, sondern wanderte im nächsten Abendrot tapfer weiter, um das ASYL zu erreichen.

VI

Das Schild, das hoch oben am Maschendrahtzaun aufgehängt worden war, bot sich dem Anblick der Katzendame bereits reichlich ramponiert dar. Genauer betrachtet war es schon stark beschädigt und die ersten Buchstaben konnten kaum mehr entziffert werden. Mal ganz davon abgesehen, dass unsere Katze des Lesens überhaupt nicht mächtig gewesen war und der Zustand des Zeichens somit gar nichts zur Sache beigetragen hatte, wusste sie instinktiv, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Viel weiter wäre sie auch nicht mehr gekommen, denn ihre Kräfte waren bereits mächtig geschwunden.

Die Pforte stand nicht sperrangelweit offen, aber der schmale Spalt reichte der Katzendame völlig aus, um unter dem verwitterten Schild mit den nur schwer lesbaren Buchstaben hindurchzuschlüpfen. Die ersten waren kaum mehr zu erkennen. Nur ein aufmerksames Auge hätte das Wort TIER richtig ausmachen können. Lediglich die Hälfte prangte noch in dunklen, gut lesbaren Lettern: ASYL.

Anders als es dem äußeren Anschein nach zu erwarten gewesen wäre - das Gebäude innerhalb der Umzäunung wies keinen wesentlich besseren Zustand als das Schild am Eingang auf und legte daher den Schluss nahe, verlassen zu sein - kümmerte man sich um die Katze, kaum dass sie ihre Pfoten auf die hölzerne Veranda gesetzt hatte.

»Na, meine Kleine, wo kommst du denn her?«, fragte die Frau, die aus dem Haus auf die Veranda heraus gekommen war. Sie trug einen großen Behälter mit Abfall auf den Armen und sah nicht danach aus, als hätte sie mit einem Besuch gerechnet. Doch als sie die Katzendame erblickte, stellte sie die Tonne sogleich neben sich ab und hockte sich zu ihr herunter. Erst wollte die Katze vor der Hand, die sich ihr entgegenstreckte, zurückweichen, doch ihre Kräfte reichten einfach nicht mehr dafür aus. Die wackeligen Beine versagten ihren Dienst und ließen den ausgezehrten Katzenkörper einfach zur Seite kippen. Erst in diesem Moment stellte die Katzendame zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass sie wohl keinen Meter mehr weiter hätte marschieren können. Aber so wie es aussah, brauchte sie das nun auch nicht mehr.

Die Frau aus dem Gebäude stellte sehr schnell fest, dass unsere Katzendame nicht nur völlig erschöpft gewesen war, sondern sich zudem in anderen Umständen befunden hatte.

»Nimm es mir nicht übel«, meinte die Frau, »aber du siehst wirklich nicht sehr gut aus. Ich glaube, es wird Zeit, dass wir etwas für dich tun.«

Mit diesen Worten strich die Frau ihr ein paar Male über den Kopf. Dann schnappte sie sich die Katzendame, die keinerlei Anstalten machte, sich dagegen zu sträuben und transportierte sie ins Innere des Asyls. Das Schälchen Milch, das ihr gereicht wurde, schleckte sie nach anfänglichem Misstrauen mit Heißhunger auf. Es fühlte sich so gut an, endlich wieder etwas in den Magen zu bekommen. Später vertilgte sie mit noch viel größerem Appetit den dargebotenen Napf mit Katzenfutter, ließ sich jedoch in der Zwischenzeit bereitwillig von der fremden Frau - die ihr bereits jetzt gar nicht mehr so fremd vorkam - untersuchen, von einigen der lästigen Zecken befreien und ein wenig das Fell kämmen. Kurz gesagt, der Mond hatte ihr offensichtlich nicht zu viel versprochen. Nach der zweiten Mahlzeit legte sie sich in ein ihr angebotenes Körbchen und angesichts der hinter ihr liegenden Strapazen dauerte es auch gar nicht lange, dass sie von der angenehmen Mattigkeit des Schlafes übermannt wurde.

Noch in dieser Nacht setzten die Wehen ein und wie angekündigt, spürte die Katzendame, dass es tatsächlich keine einfache Geburt werden würde. Aber angesichts der Prophezeiung des Mondes, sie würde einen kleinen Kater mit Namen Harvey auf die Welt bringen, lieferte sie sich bereitwillig den vor ihr liegenden Strapazen aus. Und so kam es schließlich, dass Harvey das Angesicht dieser Welt erblickte, und zwar genau in der Mitte zwischen seinen beiden Geschwistern, denen nicht so viel Glück beschieden war wie ihm.

Zunächst war die Frau, die in den frühen Morgenstunden nach der Katzendame geschaut hatte und damit mitten in den sich hinziehenden Geburtsvorgang hinein platzte, von drei Totgeburten ausgegangen, da sich keiner der kleinen Körper auch nur im Mindesten regen wollte.

»Es tut mir so leid”, flüsterte die Frau der Katzendame zu. »Da hast du so tapfer die ganzen Anstrengungen auf dich genommen und nun war doch alles umsonst.«

Sie wandte sich den drei kleinen Fellbündeln zu, um sie zu entsorgen. Als sie jedoch nach dem Mittleren griff, meinte sie ein leises Quieken zu hören. Und wenn sie es recht besah, fühlte sich der winzige Körper tatsächlich auch ein wenig wärmer an als die beiden anderen. Schnell zog sie ein zerknülltes Zellstofftuch aus ihrer Hosentasche und reinigte das verklebte Gesicht des Kätzchens, besonders um die kaum sichtbaren Nasenlöcher herum. Dann rieb sie mit dem Tuch über den Rücken und über die Flanken, nicht nur um das Fell etwas zu säubern, sondern um den Metabolismus des Neugeborenen ein wenig anzuregen, welches tatsächlich begann, seine Tatzen zu bewegen.

»Na, sieh doch mal einer an. Da hat es doch tatsächlich noch einer geschafft.«

Der Winzling stieß einen weiteren Quieker aus, diesmal ein wenig lauter. So laut, dass ihn auch seine Mutter vernahm und verwundert und aufgeregt die Augen aufriss. Die Frau nahm den kleinen Körper und hielt ihn der vor Erschöpfung weiterhin auf der Seite liegenden Katze vor das Gesicht.

»Schau mal, das ist dein Kleines.« Dann prüfte sie mit geübtem Blick das Geschlecht des Jungen. »Ein kleines Katerchen hast du bekommen. Siehst du es? Jetzt hast du doch nicht vergeblich gekämpft.«

Die Katzendame erblickte ihr Junges, dass die Frau jetzt vor ihr auf den Boden setzte. Es hatte nicht die silbergrauen Tigerstreifen von ihr geerbt, sondern trug breite, dunkle Linien und Tupfen auf einem eher braunen Untergrund und ähnelte daher mehr seinem Vater, auch wenn sie sich nur noch bruchstückhaft an jenen Kater erinnern konnte. Aber in ihren Augen war es natürlich das schönste, neugeborene Katerchen auf der ganzen Welt.

»Na, da hatten wir wohl ein kleines Tête-à-Tête mit einem hübschen Bengalen, meine Liebe«, bemerkte die Frau und kraulte die Katzendame vorsichtig hinter den Ohren. »Wollen wir uns für den Kleinen mal einen Namen überlegen?«

Das brauchte die Katzendame natürlich gar nicht, denn sie wusste ja bereits, wie der Kater heißen würde. So war es für sie keine Überraschung, als die Frau nach kurzem Überlegen den Namen Harvey in den Raum warf. Vielleicht war er ihr gerade eben eingefallen, womöglich lag ihr noch der Jimmy Steward Film im Gedächtnis, den sie vor ein paar Tagen mal wieder im Fernsehen angeschaut hatte. Zwar besaß der kleine Kater nun wirklich keine Ähnlichkeiten mit einem Zwei-Meter-Hasen, aber die Frau fand den Namen niedlich.

»Was meinst du, würde dir Harvey gefallen?«, fragte sie die Katzendame. Und zu ihrem eigenen Erstaunen meinte sie tatsächlich ein angedeutetes Nicken erkennen zu können. Der frisch getaufte Kater scherte sich noch nicht um dergleichen, sondern krabbelte mit großer Anstrengung an die Seite seiner Mutter. Noch mit verschlossenen Augen und somit blind, vernahm er aber sehr wohl das sanfte Schnurren der Katze, was ihm somit die Richtung wies.

Ein Gefühl von tiefer Erleichterung durchzog den Körper der Katzenmutter, als sich das kleine Neugeborene dicht an sie schmiegte. Ihr war bewusst: Jetzt hatte sie es geschafft. Ihr Junges war auf der Welt und würde leben. Ganz, wie es der Mond ihr versprochen hatte.

VII

»Aber woher konnte der Mond bereits wissen, was geschehen würde?«, fragte einer meiner kleinen Zuhörer.

»Dummkopf«, antwortete ein anderer. »Die Stimme aus dem Mond war doch eine Katze aus dem Regenbogenland, die mit der Katzendame gesprochen hat.«

»Und woher wusste es dann die Katze?« Eine dritte Stimme hatte sich ins Gespräch gemischt. »Wir Katzen können im Regenbogenland ja vieles, aber in die Zukunft schauen bisher noch nicht.«

Ein Punkt für dieses schlaue Kätzchen. Und weil sich die übrigen Zuhörer seiner Auffassung anschlossen, richteten sich nun alle Blicke wieder auf mich. Man erwartete einhellig eine Erklärung von mir.

»Als ich seinerzeit wegen eines Straßenkaters den Dosi-Suchdienst aufsuchen durfte, konnte ich dem Archivar der Verzeichnisse von Katzen und ihren Dosis, dem alten Rasputin, über die Schulter schauen. Dabei entdeckte ich eine Notiz über einen kleinen, neugeborenen Kater in Spanien, der zukünftig irgendetwas mit meinen beiden Dosis zu tun haben würde, sollte ihm beschieden sein, das Licht dieser Welt zu erblicken. Bevor ich allerdings genaueres hatte erspähen können, hatte Rasputin bereits weiter geblättert auf der Suche nach dem Streuner, der ...«, ich hielt kurz inne und räusperte mich einmal. »Aber das ist eine andere Geschichte. Später erinnerte ich mich an das, was ich in jenem alten Folianten gelesen hatte. Vielleicht war es ja kein Zufall, dass mir diese Zeilen zu Gesicht gekommen waren. Wie ihr wisst, geht der Große Plan manchmal seltsame Wege. Aus diesem Grund bemühte ich mich schließlich um eine Kontaktaufnahme mit der Mutter des zukünftigen Katers.«

»Also warst du die Stimme, die aus dem Mond gesprochen hat?«

»Schnellmerker. Das war doch bereits von vornherein klar.«

»Du spinnst ja. Wie hätte man das denn vorher wissen sollen? Du gibst doch bloß an!«

»Ich hau dir gleich auf die Nase, wenn du mich weiter als Lügner bezichtigst ...«

Und schon war wieder der schönste Tumult im Gange. Ich überlegte kurz, ob ich dem beginnenden Tohuwabohu Einhalt gebieten sollte oder der Einfachheit halber einfach abwarten, bis sich die Hitzköpfe wieder von selbst abgeregt hätten. Da ich aber keine Lust verspürte, ewig abzuwarten, um zum Ende meiner Geschichte zu kommen, entschloss ich mich für die erste Variante.

»Wenn ihr nicht weiter zuhören wollt, dann behalte ich den Ausgang der Ereignisse eben für mich.« Mit diesen Worten erhob ich mich und drehte meiner an Aufmerksamkeit mangelnden Zuhörerschaft den Schwanz zu. Ein kurzer Schlenker mit diesem zum Abschied und ich machte mich daran, davonzustiefeln.

»Nein, Alex!”, erscholl es lautstark von allen Seiten. »Bitte erzähl uns zu Ende. Wir werden auch ruhig sein und aufmerksam weiter deiner Geschichte lauschen.«

Ich gab mich ein wenig zögerlich, konnte mir aber ein kaum merkliches Lächeln nicht verkneifen.

»Also gut, das Ende der Geschichte«, sagte ich und ließ mich wieder vor meiner Zuhörerschaft auf den Boden nieder.

VIII

Vier Wochen waren der Katzendame gegeben, die sie gemeinsam mit ihrem jungen Kater verbringen und ihn aufwachsen sehen konnte. Dann forderten die zurückliegenden Strapazen, von denen sie sich nie richtig hatte erholen können, ihren Tribut. Irgendwann in der tiefen Nacht hörte ihr Herz einfach auf zu schlagen. Sie hatte zuvor noch ein letztes Mal ihre Stimme an den Mond gewandt, als sie spürte, dass sie die Kräfte verließen. Ihrem Dank für Rettung ihres kleinen Harvey fügte sie noch die Bitte an, dem Katerchen noch solange Schutz und Beistand zu gewähren, bis er groß genug geworden sein würde, um sein Schicksal selbst in die Pfoten zu nehmen. Ihr letzter Blick fiel auf den Kleinen, der sich eng an ihre Flanke gekuschelt hatte. Dann schloss sie die Augen und starb.

Am nächsten Morgen fand die Frau, die das Asyl leitete und jeden Tag zu Beginn ihrer Arbeit bei Harvey und seiner Mutter nach dem Rechten sah, den kleinen Kater noch immer an der Seite seiner toten Mutter liegen. Sie seufzte einmal leise auf. Die Frau hatte angesichts des angegriffenen Zustands der Katzendame bereits damit gerechnet, sie eines Tages tot aufzufinden und dieser Tag war nun heute gekommen. Sie schnappte sich Harvey und drückte sich das Fellbündel an die Brust.

»Sei nicht traurig, kleiner Kater. Du kannst stolz auf deine Mutter sein. Sie war eine tapfere Katze mit einem Kämpferherz und hat alles dafür gegeben, dich auf diese Welt zu bringen.« Sie wuschelte mit der Hand durch das Fell auf dem Kopf des Katerchens. »Und nun wollen wir doch einmal schauen, ob wir für dich so etwas wie einen neuen Familienanschluss finden. Ich hab da so eine Idee, die womöglich funktionieren könnte. Der Bursche, den ich da im Sinn habe, ist zwar schon ein paar Wochen älter als du, aber seine Mutti lässt dich bestimmt mit unterkommen.«

Mit diesen Worten trug die Frau Harvey von seiner toten Mutter fort in einen anderen Raum des Asyls. Dort standen einige Körbchen aus Weidengeflecht an der Wand gegenüber einem Fenster aufgereiht. Und in einer dieser Katzenunterkünfte, ganz rechts in der Ecke des Raumes, lag eine Mutter mit ihrem Jungen. Die Katze schlief noch - oder aber döste vor sich hin, so genau ließ sich das nicht sagen - wogegen der kleine, cremefarbene Kater mit den leuchtend blauen Augen sich neugierig aufrichtete.

»Schau mal, Bailey«, meinte die Frau und setze den Waisen mit in das Körbchen hinein. »Dieser kleine Kater hat gerade seine Mutter verloren. Was meinst du? Willst du dich ein wenig um den kleinen Kerl kümmern?«

Das cremefarbene Kätzchen, ebenfalls ein kleiner Kater, beschnupperte den Neuankömmling und maunzte ihn leise an, was wohl so etwas wie: »Wie heißt du denn?«, bedeuten sollte.

»Harvey«, bekam er die etwas verschüchterte Antwort. »So hat mich meine Mutter genannt.«

Bei dem Gedanken an seine Mutter durchzuckte ein schmerzender Stich sein Herz und er schaute den Kater mit Namen Bailey traurig an. Der legte ihm eine Tatze auf die Schulter, als wollte er den Neuankömmling trösten.

»Willst du mein Freund sein?«, fragte er Harvey. »Ich habe nämlich keine Geschwister. Und hier im Asyl ist auch niemand in meinem Alter, mit dem ich spielen kann. Dabei möchte ich so gerne mit jemandem rangeln. Magst du rangeln?«

»Ich weiß nicht«, gab Harvey etwas zögerlich zur Antwort.

»Na, dann probieren wir es doch einfach mal aus.« Und schon stürzte sich Bailey auf den Neuen und versuchte ihn von den Pfoten zu reißen. Harvey kippte auf die Seite, allerdings nicht ohne seinerseits Bailey mit den Pfoten zu umklammern und ihn damit ebenfalls aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und schon war die schönste Rauferei im Gange.

»Ich sehe schon«, meinte die Frau mit einem Lächeln auf den Lippen, »ihr werdet euch bestens verstehen.«

Und so sollte es dann auch wirklich kommen.

ENDE

Über den seltsamen Verlauf der Zeit im Regenbogenland habe ich ja bereits verschiedentlich berichtet. Aber auch in der Welt der Lebenden, auf dieser Seite des Regenbogens, möchte man der Zeit des Öfteren fast schon magische Eigenschaften zusprechen. Manchmal scheint sie nur langsam zu kriechen und die Sekunden, Minuten oder gar Stunden wollen einfach nicht vorüberziehen. Dann wieder rast sie nur so dahin, dass man kaum eine Möglichkeit sieht, mit ihr mitzuhalten. Ehe man sich versieht, sind mit einem Male zehn Jahre ins Land gegangen, ein ganzes Leben verstrichen, sodass man sich fragt: Wo ist die Zeit nur geblieben?

Die nachfolgenden Zeilen sind mir von Salem, dem Main-Coon-Mix und mein Nachfolger im Heim meiner beiden Dosis, zugetragen worden. Und aus seiner Warte aus betrachtet, eröffnet sich uns eine ganz eigene Sichtweise auf den Lauf der Dinge.

Zeit zu gehen

I

»Also, wenn du mich fragst«, begann Dosi Nummer Zwei mit einem prüfenden Blick auf meine Wenigkeit, »gefällt mir der Zustand von Salem gar nicht.«

»Da sagst du mir nichts Neues«, dachte ich für mich, denn ich fühlte mich seit geraumer Zeit nicht besonders. Und wenn eine Katze sagt, nicht besonders, dann handelt es sich meist um einen Zustand, in dem man wahrlich nicht für längere Zeit verweilen möchte. Und ich durchlebte diese Phase bereits lange genug.

Dosi Nummer Eins gab sich etwas begriffsstutzig. »Meinst du? Ich finde, er sieht aus wie immer. Oder ist dir etwas Besonderes aufgefallen?«

»Also zum einen ist er für mein Dafürhalten ein wenig zu oft am Kotzen.«

»Das kommt vom langen Fell. Er wechselt mal wieder aufs Winterfell und bekommt deshalb vielleicht etwas viel Haare beim Putzen in die Kehle.«

»Gar nicht mal schlecht beobachtet«, dachte ich, »aber trotzdem liegt Dosi daneben.« Ich wusste zwar nicht, woher meine anhaltende Übelkeit stammte, sie lag aber eindeutig nicht in verschluckten Haaren begründet.