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Die Vereinigung STADTBILD DEUTSCHLAND e.V. möchte in der deutschen Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür stärken, dass in deutschen Städten, die durch Kriegszerstörungen und fehlgeleiteten Wiederaufbau ihr historisch geprägtes Erscheinungsbild verloren haben, die Wiederherstellung einstmals stadtbildprägender Bauwerke, Straßen- und Platzräume dringend geboten ist. Darüberhinaus verweist STADTBILD DEUTSCHLAND auf Architekten und Architekturkonzepte, die das derzeitige Baugeschehen in Deutschland aus der Sackgasse eines trivialen und die Identität des Ortes ignorierenden Allerwelts-Rationalismus führen können.
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
Annegret Hübner Der Wiederaufbau des Dresdner Schlosses
Harald Streck Was heutige Architektur vermag - Eindrücke von einer Studienfahrt in die Niederlande
Stephan Riedel Wegmarken zu einer zukunftsgerechten Stadtarchitektur - eine Fotogalerie aus München
Harald Streck Die Architekturmoderne und das Ausdrucksstreben
Georg Winter Die „neue Geborgenheit“ – ein Wohngebäude als seelische Heimat
Jacob Siemonsen Erster Passivhaus-Neubau im Stil der Gründerzeit - das Haus Winter
Bildnachweis
Es war ein Phänomen, das der Sächsischen Zeitung am 26.6. d.J. einen Artikel wert war, das in unserem Architekturforum eine hitzige, zumeist heftig zustimmende Diskussion auslöste, das auch von der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden in der Juni-Ausgabe ihres Newsletters als sensationell eingestuft wurde: Ein Architekturstudent der Technischen Universität Dresden – seinen Namen wird man sich wohl noch merken müssen: Fabian Jäckel - entwickelte in einer Diplomarbeit über die Pirnaische Vorstadt in Dresden eine Stadtbauvision, die alles auf den Kopf stellt, was in annähernd hundert Jahren als alleingültiges zeitgemäßes Stadtbauprinzip propagiert wurde. Hochachtung verdient nicht nur der Mut dieses Studenten, Hochachtung verdient auch die Bereitschaft seines Professors, für diese unerhört eigenständige Leistung eine herausragende Bewertung zu vergeben.
Jäckels Arbeit liegt die Idee zugrunde, die historisch geprägte Struktur des neuaufgebauten Neumarktquartiers nach Osten hin zu erweitern und so wenigstens in dieser Richtung wieder Innenstadt entstehen zu lassen. Der Entwurf sieht in Anlehnung an die vor der Zerstörung vorhandene Stadtstruktur städtische Räume vor, Straßen, Plätze und eine neue Elbfront. Er basiert auf der Parzelle als Ordnungselement und unterteilt die Straßenfronten in individuell gestaltete Fassaden, deren stilistische Ausprägung, obgleich den Maßverhältnissen der historischen Stadt verpflichtet, natürlich der Einzelentscheidung künftiger Bauherren überlassen bleibt. Kurzum, was man in Deutschland siebzig Nachkriegsjahre lang als indiskutabel verabscheut hat, wird hier als selbstverständliches Leitbild zugrundegelegt, die Struktur der europäischen Stadt, wie sie in ganz Europa ausnahmslos als Voraussetzung für Stadtleben und Stadterleben in attraktiver, urbaner Ausformung erfahren wird.
Die Frage, wie realistisch sich eine solche Planung angesichts bewohnter und sogar sanierter Plattenbauten in diesem Bereich ausnimmt, tritt zurück hinter der grundsätzlicheren, ob sich mit diesem Entwurf und seiner Resonanz womöglich ein Paradigmenwechsel im deutschen Städtebau ankündigt. Wohlgemerkt im deutschen Städtebau, denn das außerdeutsche Baugeschehen pflegt schon lange den Pluralismus in Architektur und Städtebau, der in diesem Jahrbuch an einigen Beispielen dokumentiert wird. Warum die deutsche Baupraxis, von einigen bemühten Hopsern abgesehen, seit Jahrzehnten im wesentlichen auf der Stelle tritt, und zwar in beiden Disziplinen, ist schwer zu verstehen. In erster Linie ist dafür ein verengter Begriff von Moderne verantwortlich zu machen, der sich in der einen Disziplin auf den minimalistisch ausgeformten Kubus eingeschworen hat, in der anderen über funktionale Überlegungen zur Verkehrserschließung, Flächenverteilung und Baukörpergruppierung nicht wesentlich hinausgreift. Visuelle Qualitäten, die im Erleben vielfältig durchgestalteter städtischer Räume gipfeln, sind für den deutschen Stadtgestalter weithin kein Thema.
Die Bürger erwarteten immerzu von der Architektur Bildqualitäten, so hieß es kürzlich aus scheinbar berufenem Munde, dabei sei Architektur Raum, Nutzung, Geruch, Gehör. Man brauchte dem mit diesen Worten konstruierten Antagonismus keine Beachtung zu schenken, würde nicht eine solche Phraseologie offensichtlich an den Hochschulen den Architekturadepten eingeimpft. Die visuelle oder Bildqualität, die durch die Jahrtausende hin die Architekturentwicklung dominiert hat, in Zeiten wie dem Barock sogar alle anderen Aspekte weit überstrahlte, soll in der Moderne gewissermaßen anrüchig, zum Paria geworden sein? Geruchssinn und Gehörsinn sollen eher durch Architektur angesprochen werden als die Seherwartungen des Menschen? Wir haben es hier mit nichts weiter zu tun als mit einer Doktrin, harmloser formuliert, mit einer selbstreferenziellen Denkmode, in der sich Hochschullehrer, praktizierende Architekten und Feuilletonisten ihrer Verbundenheit mit einer vorgeblichen, reichlich angestaubten Avantgarde vergewissern, die sich nun mal in der Distanzierung von den Erwartungen der Bevölkerung gefällt.
Allerdings drängt sich dem Beobachter der deutschen Architektur- und Stadtbauszenerie auch immer wieder der Argwohn auf, dass solche Maximen nichts weiter sind als eine schwächliche Rationalisierung, hinter der sich vor allem Unlust und Unvermögen verschanzen. Welch ein nur schwer beherrschbarer Aufwand ist mit der Aufgabenstellung verbunden, ein Bauwerk oder gar ein Ensemble zu gestalten, das mit markanter Baukörperkontur, sensibler Fassadengliederung, gut beherrschten Proportionen und einladenden Raumbildungen (wie einst in den zwanziger Jahren) der Stadtbevölkerung ein lustvoll erlebtes Hinschauen beschert! Mit einem Bruchteil dieses – finanziellen, zeitlichen, emotionalen – Aufwands lässt sich die abertausendste Bauhaus-Kiste am Rechner generieren, und niemand wird es wagen, an den Qualitäten eines solchen Entwurfs herumzukritteln. Dies verdankt die Architektenschaft der jahrzehntelang betriebenen Überhöhung der Bauhaus-Moderne ins Sakrosankte!
Es kann gar nicht genug daran getan werden, den Blick über den deutschen Tellerrand zu richten und Architektur- wie Stadtbauschöpfungen aus anderen Ländern vorzuführen, in denen entfaltete schöpferische Gestaltungskräfte um zukunftsweisende Konzepte ringen für einen Stadt- und Siedlungsbau, der keiner Doktrin folgt, der auf maximale Akzeptanz durch die Bevölkerung abzielt, der auch keine Berührungsängste erkennen lässt mit der europäischen Stadtbautradition, der die Moderne eben bislang nichts Ebenbürtiges zur Seite zu stellen wusste. So wie Herrmann Muthesius zu Beginn des 20 Jahrhunderts das Architekturkonzept des englischen Landhauses in Deutschland publik machte, wie andere namhafte Architekten zur gleichen Zeit die englische Gartenstadtidee in Deutschland aufleben ließen, so braucht es heutzutage Gestalter, die aus Holland, aus England, aus Amerika und manchen anderen Ländern erneuernde Impulse nach Deutschland verpflanzen. Das vorliegende Jahrbuch widmet sich neben anderen Themen auch diesem Anliegen.
Murrhardt, im Juli 2014
Harald Streck
Vorschlag von Fabian Jäckel für den Umbau der Pirnaischen Vorstadt in Dresden
(im Vordergrund die neuerbaute Synagoge)
In der Bombennacht des 13./14. Februar 1945 zerstört, wird das Dresdner Residenzschloss seit nunmehr fast 30 Jahren wieder aufgebaut. Dass seine ziegelroten Dächer, Turmhauben und imposanten Giebel heute wieder zum Stadtbild gehören, ist keine Selbstverständlichkeit. Bis in die 1960er Jahre war die ausgebrannte Ruine durch immer wieder aufkommende Abrisspläne gefährdet. So gab es zum Beispiel im Jahr 1949 Überlegungen der Stadtverwaltung, den Theaterplatz zu einem Aufmarschgelände für die werktätigen Massen auszubauen. Die Umsetzung dieses Vorhabens hätte den Abriss der Gemäldegalerie, der Altstädter Wache von Schinkel, der Semperoper und der westlichen, zum Theaterplatz gelegenen Teile des Schlosses bedeutet. Große Bereiche der kriegszerstörten Altstadt waren zu diesem Zeitpunkt bereits flächenhaft abgeräumt worden. Es ist vor allem dem engagierten Kampf der Dresdner Denkmalpfleger um Hans Nadler, aber auch der Widerspenstigkeit der Dresdner Bürger zu verdanken, dass die wichtigsten kulturhistorischen Bauten der Stadt vor dem Abriss bewahrt werden konnten.
Theaterplatz im September 1955
links: Katholische Hofkirche, Mitte: Residenzschloss und Altstädter Wache (das kleinere Gebäude im Bildvordergrund), rechts: im Wiederaufbau befindliche Sempergalerie
Ein neues und gewichtiges Argument dafür, die Schlossruine zum Wiederaufbau vorzuhalten, ergab sich im Zusammenhang mit der Rückkehr der Dresdner Kunstschätze, die die Rote Armee 1945 als so genannte Beutekunst in die Sowjetunion verbracht hatte. Es sei daran erinnert, dass nur Stunden nach der offiziellen Verlautbarung in Moskau über die Rückgabe der Dresdner Gemäldesammlung (31. März 1955) von der DDR-Regierung der Wiederaufbau der Sempergalerie, der Heimstätte der Bilder, beschlossen wurde. Im Ergebnis bilateraler Verhandlungen kam es dann ab September 1958 zu weiteren Restitutionen von Kunstgütern, die – so die offizielle Sprachgebung - zeitweilig auf dem Gebiet der Sowjetunion verwahrt worden waren. Insgesamt wurden in den anschließenden Monaten mehr als anderthalb Millionen Objekte in die DDR zurückgeführt, darunter über 600.000 nach Dresden.
Bei aller Begeisterung über die Heimkehr der schon verloren geglaubten Exponate des Grünen Gewölbes, der Rüstkammer, des Kupferstich-Kabinetts, des Münzkabinetts, der Porzellansammlung, der Skulpturensammlung – die zuständigen Dresdner Institutionen standen nunmehr vor einem großen Problem: Es gab in der immer noch schwer vom Krieg gezeichneten Stadt keine aufnahmebereiten Ausstellungsgebäude. Und hier setzte nun die Argumentation der Schloss-Verteidiger an. Mit geschickter Rhetorik breiteten sie vor den Stadtoberen ihre Vision eines Museumskomplexes im ehemaligen Residenzschloss aus. Die Rückgabe der Kunstschätze sei als ein in der Geschichte beispielsloses Ereignis zu würdigen und verlange eine angemessene und zentrale Präsentation an einem exponierten Standort. Die Überzeugungsarbeit zeigte schließlich Erfolg. In einer Stadtverordnetenversammlung im Juni 1961 wurde der Generaldirektor der SKD (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) darüber informiert, dass das Schloss als Domizil mehrerer Kunstmuseen wiederaufgebaut werden solle. Ein baldiges Startsignal für die Bauarbeiten verhieß diese erste Absichtserklärung freilich nicht, oblag doch die endgültige Entscheidung über derartige Großbauvorhaben dem SED-Politbüro in Berlin. Unter den Bedingungen der chronisch schwächelnden Planwirtschaft setzte man dort allerdings noch sehr lange andere Prioritäten. Auf den Beginn des Wiederaufbaus mussten die Dresdner jedenfalls noch bis 1986 warten.
Über weitere zweieinhalb Jahrzehnte galt es nun, den natürlichen Verfall der Ruine aufzuhalten – eine Zeitdauer, die 1961 selbst bei pessimistischer Einstellung nicht abzusehen war. Umso mehr nötigt das hierbei eingebrachte Engagement der vor Ort tätigen Denkmalpfleger und Fachleute anderer Institutionen größten Respekt ab, nicht zuletzt im Rückblick auf die bescheidenen materiellen Mittel, die ihnen zur Verfügung standen. Nach den Worten eines Zeitzeugen, des späteren Landeskonservators von Sachsen, konnte das Schloss aber auch deshalb über die Jahre gebracht werden, weil viele Dresdner an ihrem jeweiligen Platz das ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade Mögliche taten und sich schützend vor den gebrechlichen Bau stellten[1]. Nur ein Beispiel. Im Winter 1962/63 gefährdeten Schneelasten die noch intakten Deckengewölbe im Erdgeschoss des Westflügels und damit auch die kostbare Renaissance-Stuckdecke im Pretiosensaal, einem Raum des Grünen Gewölbes. Mitarbeiter der Zwingerbauhütte (ein Polier, ein Maurer und ein Hilfsarbeiter) sahen dringenden Handlungsbedarf und schaufelten die Schneemassen weg, obwohl das ihre vorher angefragte Betriebsleitung – wohl mit Blick auf die Arbeitssicherheit – ausdrücklich verboten hatte.
