Neue Technologien in der Sprachtherapie -  - E-Book

Neue Technologien in der Sprachtherapie E-Book

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Beschreibung

Wenn Alter, Krankheit oder Behinderung die Sprach- und Kommunikationsfähigkeit rauben, sind die Folgen für Betroffene einschneidend: Kommunikationsfähigkeit ist die Grundlage jeder sozialen Teilhabe.

Moderne Kommunikationstechnologie kann diese Patienten befähigen, sich aus sozialer Isolation zu befreien. Das Buch richtet sich an Sprachtherapeuten und Logopäden in Wissenschaft und Praxis, die Patienten durch unterstützte Kommunikation und assistive Technologien wieder zu Lebensqualität verhelfen möchten.

Fehlendes Sprechvermögen kompensieren und Sprach- und Kommunikationsfähigkeit im therapeutischen Prozess trainieren - zu diesen Zwecken setzt innovative Sprachtherapie auf Technologien und Applikationen. Die Autoren geben einen Überblick über verfügbare Anwendungen und deren Weiterentwicklung und vermitteln Grundlagen- wie auch Anwenderwissen.

Zugrundeliegende Wirkmechanismen und wissenschaftliche Evidenz: Psychologisch-pädagogische und linguistisch-sprachtherapeutische Grundlagen.

Von Teletherapie bis hin zu elektronischen Kommunikationshilfen: Anwendungspotenzial und Grenzen bei Applikationen für die Sprachtherapie. Handhabung in der Praxis: Rechtliche, soziale und ethische Rahmenbedingungen.

Jederzeit zugreifen: Der Inhalt des Buches steht Ihnen auch digital im Wissensportal eRef und in der eRef App zur Verfügung. Zugangscode im Buch.

Setzen Sie auf innovative Sprachtherapie - für Ihre Patienten.

Jederzeit zugreifen: Der Inhalt des Buches steht Ihnen ohne weitere Kosten digital in der Wissensplattform eRef zur Verfügung (Zugangscode im Buch). Mit der kostenlosen eRef App haben Sie zahlreiche Inhalte auch offline immer griffbereit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 465

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Neue Technologien in der Sprachtherapie

Herausgegeben von

Kerstin Bilda, Juliane Mühlhaus, Ute Ritterfeld

Unter Mitarbeit von

Stefan Böhm, Harald A. Euler, Hendrike Frieg, Stefan Goetze, Matthias R. Hastall, Florian Hönig, Petra Jaecks, Carina Lüke, Karoline Malchus, Karina Matthes, Niko Moritz, Martin Neumann, Elmar Noeth, Hellmuth Obrig, Bernhard Sehm, Anja Starke, Angelika Thöne-Otto, Michael Wahl, Jan Wellmann, Alexander Wolff von Gudenberg

41 Abbildungen

Geleitwort – Technology for today and tomorrow

The history of our speech therapy profession is remarkable for the pace of change. From our origins just over a century ago when the focus was predominantly on articulation of speech and voice production, we moved steadily into the realms of linguistics, psychology, education and medicine; rapidly establishing distinctive roles in specialist assessment and intervention with new patient populations and client groups. It is highly commendable that as a collective professional community we are noted for being so creative, flexible and swift to adopt innovative new ways of working that have the potential to benefit the individuals we work with. But it is not always easy to ascertain the optimal way forwards: Who are the role models? Where are the leading examples of good practice? And how confident can we be that these approaches are evidence-based and effective?

This new book seeks to address these questions by mapping out the landscape of significant technological applications in healthcare and education that are beginning to be adopted and adapted across our speech therapy professional scope of practice. These chapters provide a comprehensive overview of a breadth of technology applications already in widespread use, as well as horizon-scanning for the likely next developments. The editors have shone a spotlight on the exciting potential that technology offers our profession for today and for tomorrow. But this enthusiasm is balanced with a healthy measure of pragmatism for the constraints and considerations relevant to real-world practice.

The book opens with helpful definitions and advice to clarify terminology and orientate readers. The inclusion of commentary on specific technical requirements and resource implications is particularly valuable. There is a very practical “toolkit mentality”: an appropriate reminder that technologies should not be expected to deliver fool-proof solutions, but need to be used judiciously to complement our existing repertoire of case management approaches. We need an informed debate about how best to navigate the professional issues posed by using some of these technologies. And additionally there are serious considerations for our professional associations about how employing some of these technological advances may impact on future workforce planning.

Quite naturally across our international professional community there is some evident polarity in terms of the relative stages of adoption of some of these new technologies. Recently published exploratory studies with speech therapists have noted reported resistance in some groups towards changing traditional service models to incorporate the use of technology. Understanding these barriers – real and perceived – is crucial. These issues will inevitably encompass organisational readiness for change, as well as the knowledge, skills and confidence of individual practitioners. The chapters of this book will certainly speak to readers across this full spectrum: passionate converts and cautious novices alike. Read on to find exciting illustrative examples of best practice and experiences of using technology; to understand better how technology can enhance service delivery; and for support in identifying common challenges, practical solutions and strategies. Most of all, let us commit to ensure that whatever new technologies we employ, we must always plan ahead to document a systematic evaluation of the impact of our new ways of working: this is evidence-based practice.

Preston (UK), August 2016

Dr. Hazel Roddam

Vorwort

Innovation im Bereich der Technik ist ein wesentlicher Treiber für neue Anwendungen im Gesundheitswesen. Technologien in der Gesundheitsversorgung befinden sich in einem rasanten Wachstum. Die seit 2010 auf dem Markt befindlichen leicht zu bedienenden Tablets und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Gesundheits-Apps bieten Sprachtherapeuten vielfältige Möglichkeiten, Technologien in ihre klinisch-therapeutische Praxis bedarfsorientiert zu integrieren. Therapien über das Internet können den Zugang zu Therapien erleichtern sowie sprachtherapeutische fachliche Expertise wohnortunabhängig anbieten.

Moderne Technologien sind in unserem Lebensalltag ein unverzichtbarer Bestandteil geworden, dazu zählen z.B. die Kommunikation über E-Mail, Online-Banking und die Nutzung des Internets als weltumfassendes und frei zugängliches Informationsmedium. An dieser Entwicklung hat sich auch die Sprachtherapie/Logopädie zu beteiligen, wenn sie ihre Angebote kontinuierlich patientenorientiert, bedarfsorientiert und effizient gestalten will. Denn technische Innovationen können für Patienten und deren Familien zu einem Gewinn an Autonomie, zu verbesserter gesellschaftlicher Teilhabe und mehr Lebensqualität beitragen.

Ohne jeden Zweifel eröffnet der technologische Fortschritt neue Perspektiven und Erwartungen. Bei der Einführung von Technologien spielen aber nicht nur die technische Machbarkeit und die ökonomische Effizienz eine Rolle. Wichtig ist insbesondere auch die Akzeptanz vonseiten der verschiedenen Akteure, die nicht zuletzt durch deren kulturellen Hintergrund, durch rechtliche und ethische Aspekte sowie durch soziale und psychische Voraussetzungen beeinflusst wird. Auch werden im verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien die beteiligten Menschen mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert: Wie gehen wir mit den vielen ungefilterten Informationen im Internet um? Wie können wir neue assistive Systeme zum Wohle unserer Patienten einsetzen? Wie verändert sich unser berufliches Selbstverständnis in medienvermittelten therapeutischen Kontexten und wie gestalten wir in diesem Zusammenhang die Beziehungen zu unseren Patienten?

Mit diesen Fragen möchte sich das vorliegende Buch aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch auseinanderansetzen und Impulse für eine Diskussion über die Anwendung von Gesundheitstechnologien in der Sprachtherapie/Logopädie geben. Nachdem zunächst die Potenziale und Barrieren in der Sprachtherapie/Logopädie beim Einsatz von neuen Technologien reflektiert werden, folgt eine Einführung in das Thema anhand von 5 weiteren Grundlagenkapiteln. Für die neuen Technologien in der Sprachtherapie/Logopädie wird eine Taxonomie vorgestellt, anhand derer die verwendeten Begrifflichkeiten spezifiziert werden. In den folgenden Grundlagenkapiteln werden die psychologischen Prinzipien für die Wirksamkeit von technologiegestützten Maßnahmen analysiert, die technischen Grundlagen expliziert, die internationale Evidenz technikbasierter Diagnostik und Intervention am Beispiel der Neurorehabilitation zusammengefasst sowie ethische, rechtliche und soziale Implikationen im Umgang mit neuen Technologien diskutiert. Im zweiten Teil werden anhand von exemplarischen Beispielen aus Forschung und Praxis die Potenziale von Gesundheitstechnologien für die klinisch-therapeutische Praxis sowie für die Förderung des Selbstmanagements und der Teilhabe von Menschen mit Kommunikationsstörungen aufgezeigt. Das Buch schließt mit 4 Beiträgen, die einen Blick in die Zukunft der Technologieentwicklung wagen und visionäre Szenarien für die Gesundheitsversorgung von morgen aufzeigen.

Das Buch basiert auf dem Engagement vieler Autoren. Als Herausgeberinnen möchten wir herzlich für ihre Beiträge und ihre positive Haltung während der Bucherstellung danken. Wir danken Laura Tuschen für ihr Engagement bei der Manuskriptbearbeitung sowie Christian Urbanowicz und Nicole Witschel vom Thieme Verlag für ihre Unterstützung.

Für unsere Leser erhoffen wir uns, dass sie viele Anregungen und Ideen für einen sinnhaften Einsatz von Technologien erhalten und somit motiviert werden, neue Technologien in ihrem eigenen beruflichen Alltag auszuprobieren.

Bochum/Dortmund, im August 2016

Kerstin Bilda

Juliane Mühlhaus

Ute Ritterfeld

Information

Um einen guten Lesefluss zu gewährleisten, hat der Verlag die genderneutrale Manuskriptfassung der Herausgeberinnen den eigenen Vorgaben angepasst. Deshalb wird in diesem Buch bei geschlechtsspezifischen Begriffen die maskuline Form verwendet. Die maskuline Form versteht sich explizit als geschlechtsneutral. Gemeint sind selbstverständlich stets beide Geschlechter.

Abkürzungen

3D 

3-dimensional

3G 

dritte Generation (im Mobilfunksystem)

AAL 

Ambient Assisted Living

afgis 

Aktionsforum Gesundheitsinformationssysteme e.V.

AGIP 

Arbeitsgruppe Innovative Projekte

Akku 

Akkumulator

ALS 

amyotrophe Lateralsklerose

ANELT 

Amsterdam-Nijmegen Everyday Language Test

AOK 

Allgemeine Ortskrankenkasse

App 

Applikation

ASHA 

American Speech-Language-Hearing Association

ASS 

Autismus-Spektrum-Störung

ASSIST 

automatische Sprachanalyse für ein Assistenzsystem zur systematischen Steigerung der kontextuellen und Interaktionsanforderungen bei der Stottertherapie

ASV 

automatische Sprachverarbeitung

AT 

assistive Technologien

BEK 

Barmer Ersatzkasse

BMBF 

Bundesministerium für Bildung und Forschung

bps 

Bit pro Sekunde

CD 

Compact Disc

CI 

Cochlea-Implantat

CI 

Colliculus inferior

cm

2

Quadratzentimeter

CMC 

Computer mediated Communication, computermediierte Kommunikation

ComParE 

Computational Paralinguistics Challenge

CU 

Content Unit

dB 

Dezibel

DEL 

Delete

EEG 

Elektroenzephalografie

EER 

Equal Error Rate

E-Health 

Electronic Health

E-Mail 

Electronic Mail

EST 

E-Learning-Sprachtherapie

EU 

Europäische Union

fMRT 

funktionelle Magnetresonanztomografie

F-Score 

False Score

GKV 

Gesetzliche Krankenversicherung

GMM 

Gauß-Mixtur-Modell

GPS 

Global Positioning System

HDMI 

High Definition Multimedia Interface

HMM 

Hidden-Markov-Modelle

HNR 

Harmonics-to-Noise Ratio

Hz 

Hertz

ICASSP 

International Conference on Acoustics, Speech and Signal Processing

ICD 

International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems

ICF 

International Classification of Functioning, Disability and Health

ICP 

infantile Zerebralparese

ICT 

Information and Communication Technology

IFG 

Gyrus frontalis inferior

IKT 

Informations- und Kommunikationstechnologien

INS 

Insert

IPA 

Internationales Phonetisches Alphabet

IT 

Informationstechnik

kbit/s 

Kilobit pro Sekunde

KST 

Kasseler Stottertherapie

LAN 

Local Area Network

LED 

Leuchtdiode

LMS 

Learning Management System

LRS 

Lese-Rechtschreib-Schwäche

LSVT 

Lee-Silverman-Voice-Treatment

Mittelwert

m

2

Quadratmeter

max 

maximal

MBO-Ä 

Musterberufsordnung für Ärzte

MBO-PP/KJP 

Musterberufsordnung für Psychologische Psychotherapeuten

MDS-UPDRS 

Movement Disorder Society Unified Parkinson’s Disease Rating Scale

MEESTAR 

Modell zur ethischen Evaluation soziotechnischer Arrangements

MFCC 

Mel Frequency Cepstral Coefficients

mHealth 

Mobile Health

min 

minimal

MIT 

Massachusetts Institute of Technology

MIT 

Melodische Intonationstherapie

MS 

multiple Sklerose

NN 

neuronales Netz

NORTHSTAR 

Non-invasive repeated therapeutic Stimulation for Aphasia Recovery

OASES 

Overall Assessment of the Speaker’s Experience with Stuttering

OLP 

Ortho-Logo-Paedia

PC 

Personal Computer

PD 

Parkinson Disease, Morbus Parkinson

PLTT 

Post-Laryngektomierten-Telefon-Test

Reha 

Rehabilitation

ROC 

Receiver Operator Characteristic

RST 

Robotik für die Sprachtherapie

RWTH Aachen 

Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

SAD 

Voice and Speech Activity Detection

SAR 

Sozial assistive Robotik

SD-Karte 

Secure Digital Memory Card

SES 

Sprachentwicklungsstörung

SEV 

Sprachentwicklungsverzögerung, veraltet für Sprachentwicklungsstörung

SGB 

Sozialgesetzbuch

sh 

stimmhaft

SHT 

Schädel-Hirn-Trauma

SIM 

Subscriber Identity Module

sl 

stimmlos

SMS 

Short Message Service

SNR 

Signal-to-Noise Ratio, Signal-Rausch-Verhältnis

SSD 

Solid State Drive

STG 

Gyrus temporalis superior

SUB 

Substitution

TAP 

Television Assisted Prompting

tDCS 

Transcranial direct current Stimulation

TK 

Techniker Krankenkasse

TMS 

transkranielle Magnetstimulation

UK 

Unterstützte Kommunikation

USA 

United States of America

USB 

Universal Serial Bus

USES 

umschriebene Sprachentwicklungsstörung

VLSI 

Very large Scale Integration

Webapp 

webbasierte App

WER 

Word Error Rate

WHO 

World Health Organization / Weltgesundheitsorganisation

WLAN 

Wireless Local Area Network

XPs 

Experience Points

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort – Technology for today and tomorrow

Vorwort

Abkürzungen

Teil I Grundlagen

1 Potenziale und Barrieren

1.1 Einführung

1.2 Wandel der Logopädie/Sprachtherapie

1.3 Langzeitversorgung und Selbstmanagement

1.4 Anwendung von Technologien in der Logopädie/Sprachtherapie

1.4.1 Kindliche Sprech- und Sprachstörungen

1.4.2 Stimmstörungen

1.4.3 Hörstörungen

1.5 Potenziale technikbasierter Interventionen und Telerehabilitation

1.6 Telerehabilitation

1.7 Barrieren für technologiebasierte Interventionen und Telerehabilitation

1.7.1 Barrieren vonseiten des Gesundheitssystems

1.7.2 Barrieren vonseiten der Technologie

1.7.3 Barrieren vonseiten der Sprachtherapeuten

1.8 Zukünftige Entwicklungen

1.9 Literatur

1.10 Internetquellen

2 Begrifflichkeiten, Systematik, Akzeptanzfaktoren und Innovationen

2.1 Übersicht

2.2 Sprachtherapie als Teil der Rehabilitationswissenschaften

2.3 Was sind Technologien?

2.3.1 Funktionstypen

2.3.2 Mögliche Eigenschaften neuer Technologien

2.4 Technikakzeptanz und Diffusion technischer Innovationen

2.5 Spezifischer Einsatz von neuen Technologien in der Sprachtherapie

2.6 E-Health und Teletherapie

2.7 Neue Technologien in der Forschung

2.8 Literatur

2.9 Internetquellen

3 Psychologische Grundlagen

3.1 Einführung

3.2 Psychologische Bedeutung von neuen Technologien in der Sprachtherapie

3.3 Psychologische Bedingungen der Techniknutzung

3.3.1 Selektion

3.3.2 Persistenz und Immersion

3.4 Psychologische Mechanismen von Wirksamkeit

3.4.1 Self Determination Theory

3.4.2 Lern-Quartett

3.5 Ausblick

3.6 Literatur

4 Technische Grundlagen

4.1 Übersicht

4.2 Technische Erweiterungen für klassische Computer in der Sprachtherapie

4.3 Elektronische Kommunikationshilfen

4.4 Tablet-Computer

4.4.1 Aufbau von Tablet-Computern

4.5 Telemedizin

4.5.1 Einführung

4.5.2 Technische Voraussetzungen

4.6 Fazit

4.7 Literatur

5 Evidenz neuer Technologien in der Behandlung neurogener Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen

5.1 Übersicht

5.2 Einführung

5.3 Aphasie

5.3.1 Diagnostik

5.3.2 Therapie

5.4 Dysarthrophonie

5.4.1 Diagnostik

5.4.2 Therapie

5.5 Sprechapraxie

5.5.1 Diagnostik

5.5.2 Therapie

5.6 Dysphagie

5.6.1 Diagnostik

5.6.2 Therapie

5.7 Fazit

5.8 Literatur

6 Ethische, rechtliche und soziale Implikation technikbasierter Anwendungen

6.1 Übersicht

6.2 Grundlegende Überlegungen

6.3 Ethische Implikation

6.4 Rechtliche Implikation

6.5 Soziale und ökonomische Implikation

6.6 Fazit

6.7 Literatur

Teil II Anwendungsbeispiele

7 Teletherapie bei Aphasie: Ein videogestütztes Sprachtraining mit integriertem Videokonferenzsystem

7.1 Einführung

7.2 Theoretischer Hintergrund

7.2.1 Videogestütztes Sprachtraining DiaTrain

7.2.2 Internetbasiertes Sprachtraining mit integriertem Videokonferenzsystem

7.3 Fazit und Ausblick für die Praxis

7.4 Literatur

8 Telemedizinische Internetplattform in der Stottertherapie

8.1 Theoretischer und empirischer Hintergrund

8.2 Weg zur Online-Therapie des Stotterns

8.2.1 Anfänge der Kasseler Stottertherapie

8.2.2 Entwicklung einer Plattform für Online-Therapie von Sprache und Sprechen

8.2.3 Datenschutz

8.2.4 Einbezug der Krankenkassen in Vergleichsstudien

8.3 Technik und Innovation

8.3.1 Stand der Technik

8.3.2 Anwendungsmöglichkeiten

8.3.3 Therapieaufbau KST online in Deutschland im Rahmen der Krankenkassenverträge

8.3.4 Beispiel einer typischen Einzelbehandlung

8.3.5 Indikation für eine Online-Behandlung

8.4 Kommunikativer Nutzen

8.5 Für und Wider

8.6 Fazit für die Praxis und Ausblick

8.7 Literatur

9 Entwicklung von spezifischen Applikationen für die Sprachtherapie

9.1 Vom Impuls zur Anwendung

9.1.1 Impuls

9.1.2 Konzeptionelle Entwicklung

9.1.3 Designentwicklung und Übungsformate

9.1.4 Pilotierung

9.1.5 Anpassungen

9.1.6 Datensicherheit

9.1.7 App-Angebot

9.1.8 Erweiterung

9.1.9 Erfahrungen

9.2 Typen von spezifischen Apps für die Sprachtherapie

9.2.1 Aphasie-App

9.2.2 LRS-App

9.2.3 Moveapp

9.2.4 SEV-App

9.2.5 Bildkarten-App

9.3 Active Table als neue Einsatzmöglichkeit

9.4 Zukünftige Einsatzmöglichkeiten sprachtherapeutischer Apps

9.5 Fazit für die Praxis

10 Evidenzanspruch in der Anwendung von Applikationen in der Sprachtherapie

10.1 Bedeutung von Applikationen im Gesundheitsbereich

10.2 Applikationen in der Sprachtherapie

10.2.1 Zielgerichteter Einsatz von Applikationen

10.2.2 Richtlinien für die Auswahl von Applikationen

10.3 Fazit für die Praxis

10.4 Literatur

10.5 Internetquellen

11 Nutzung des Internets in der neuropsychologischen Behandlung von Patienten mit Aphasie

11.1 Übersicht

11.2 Webbasierte kognitive Funktionstherapie

11.2.1 Theoretischer und empirischer Hintergrund

11.2.2 Motivation

11.2.3 Stand der Technik und Innovation

11.2.4 Kommunikativer Nutzen

11.2.5 Für und Wider

11.2.6 Fazit für die Praxis

11.3 Webbasierte psychotherapeutische Behandlungsangebote für Patienten und Angehörige

11.3.1 Theoretischer Hintergrund und Evidenz

11.3.2 Motivation

11.3.3 Stand der Technik und Innovation

11.3.4 Kommunikativer Nutzen

11.3.5 Für und Wider

11.3.6 Fazit für die Praxis

11.4 Rolle des Internets in der Selbsthilfe

11.4.1 Theoretischer Hintergrund und Evidenz

11.4.2 Motivation

11.4.3 Stand der Technik und Innovation

11.4.4 Kommunikativer Nutzen

11.4.5 Für und Wider

11.4.6 Fazit für die Praxis

11.5 Weiterführende Links

11.6 Trainingsanbieter

11.7 Literatur

11.8 Internetquellen

12 Nutzung elektronischer Kommunikationshilfen in der Sprachtherapie

12.1 Verwendung von Methoden der Unterstützten Kommunikation in der Sprachtherapie

12.2 Einsatz elektronischer Kommunikationshilfen als Methode der Unterstützten Kommunikation

12.3 Kommunikativer Nutzen und Effektivität des Einsatzes elektronischer Kommunikationshilfen

12.4 Auswahl einer elektronischen Kommunikationshilfe und Kostenübernahme

12.5 Modellierung als wichtigste Vermittlungsstrategie

12.6 Fazit für die Praxis

12.7 Literatur

13 Einsatz von Spracherkennung zur Förderung der kindlichen Kommunikation

13.1 Interview

Teil III Zukunftsperspektiven

14 Neue Technologien im Kommunikationsbereich am Beispiel Demenz

14.1 Übersicht

14.2 Demenz und Demenzpflege

14.2.1 Pflege bei Demenzerkrankungen

14.2.2 Überlegungen zur Gestaltung von Interventionen

14.3 Beispiele für moderne Unterstützungstechnologien bei Demenz

14.3.1 Vernetzung, Kommunikation und Information

14.3.2 Unterhaltung, Beschäftigung und Training

14.3.3 Entspannung und Empowerment

14.4 Der nächste Schritt: Umgebungsunterstützte Assistenzsysteme

14.5 Akzeptanz von Technologien

14.6 Ausblick

14.7 Literatur

14.8 Internetquellen

15 Transkranielle Gleichstromstimulation zur Unterstützung der Sprachtherapie – wissenschaftliche Evidenz und klinische Perspektiven

15.1 Übersicht und Motivation

15.2 Technische und physiologische Grundlagen der tDCS

15.3 Modellbasierte Konzepte zur Unterstützung der funktionsorientierten Plastizität im Sprachnetzwerk

15.4 Übersicht über die seit 2008 bei Patienten mit Aphasie durchgeführten tDCS-Studien

15.4.1 Stimulation der betroffenen linken Hemisphäre

15.4.2 Stimulation der rechten, kontraläsionalen Hemisphäre

15.4.3 Individualisierte und bilaterale Stimulation

15.4.4 Differenzierung der sprachtherapeutischen Zielgröße

15.4.5 Perspektiven einer bildgebend gestützten, individualisierten tDCS bei Aphasie

15.5 Zusammenfassung und Ausblick

15.6 Literatur

16 Robotergestützte Sprachtherapie

16.1 Übersicht und Motivation

16.1.1 Definition

16.2 Anforderungen und Erwartungen an einen Roboter in der Sprachtherapie

16.3 Stand der Technik und Innovation

16.3.1 Kaspar

16.3.2 CosmoBot

16.3.3 Nao

16.3.4 iCat und uBot-5

16.3.5 Flobi

16.3.6 Fazit

16.4 Kommunikativer Nutzen

16.5 Möglichkeiten und Grenzen

16.6 Fazit für die Praxis

16.7 Literatur

17 Automatische Sprachverarbeitung in der Sprachtherapie

17.1 Übersicht und Motivation

17.1.1 Screening

17.1.2 Diagnose

17.1.3 Therapiekontrolle

17.1.4 Computerunterstützte Therapie

17.1.5 Vergleich von Therapiemethoden

17.2 Sprachdaten

17.3 ASV-Methoden

17.3.1 Merkmalberechnung

17.3.2 Klassifikation

17.3.3 Regression

17.3.4 Hidden-Markov-Modelle

17.4 Evaluierung

17.5 Experimentelle Beispiele

17.5.1 Screening

17.5.2 Diagnose

17.5.3 Computerunterstützte Therapie

17.6 Fazit und Ausblick

17.7 Literatur

18 Lautbasierte Steuerung von Sicherheits- und Gebäudetechnik

18.1 Übersicht und Motivation

18.2 Stand der Technik und Innovation

18.2.1 Allgemeiner Aufbau eines Spracherkennungssystems

18.2.2 Kriterien zur Bewertung der Funktion eines Spracherkennungssystems

18.2.3 Spracherkennung bei gestörter Sprache

18.2.4 Strategien zur Erkennung gestörter Sprache

18.2.5 Integration

18.3 Kommunikativer Nutzen

18.4 Für und Wider

18.5 Fazit für die Praxis

18.6 Literatur

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I Grundlagen

1 Potenziale und Barrieren

2 Begrifflichkeiten, Systematik, Akzeptanzfaktoren und Innovationen

3 Psychologische Grundlagen

4 Technische Grundlagen

5 Evidenz neuer Technologien in der Behandlung neurogener Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen

6 Ethische, rechtliche und soziale Implikation technikbasierter Anwendungen

1 Potenziale und Barrieren

Kerstin Bilda

1.1 Einführung

Die Digitalisierung der Gesellschaft, d.h die Veränderung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche und der sozialen Interaktionsmuster aufgrund des Einsatzes moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verändert nachhaltig alle unsere Lebensbereiche ▶ [39]. 45,6 Mio. Menschen in Deutschland besitzen im Jahr 2015 ein Smartphone ▶ [45]. Experten gehen davon aus, dass jeder Fünfte bereits heute Gesundheits-Applikationen (Apps) benutzt. Das digitale Zeitalter beeinflusst nachhaltig die persönlichen und sozialen Lebensbereiche, die Arbeitswelt, die Freizeit und Mobilität. Im Internet als ein weltumfassendes Kommunikationsnetzwerk stehen alle digitalisierten Medien in Echtzeit und global für eine unbegrenzte Zahl von Nutzern jederzeit zur Verfügung.

Große Hoffnungen und Erwartungen werden in Technologien in der Gesundheitsversorgung gesetzt. Sie sollen dazu beitragen, unser Gesundheitssystem effizienter und patientenorientierter zu gestalten. Versorgung soll besser auf die individuellen Bedarfe der Menschen zugeschnitten werden. Die Nutzer sollen intensiver in die Prozesse der Versorgung eingebunden werden, indem sie besser über ihre Daten und ihre Gesundheit informiert sind und aktuelle Forschungsergebnisse kennen ▶ [17]. Mit der technischen Entwicklung der digitalen Technologien entsteht ein neues Bewusstsein, eine neue Denkweise und Verpflichtung für ein vernetztes und globales Denken, das die Gesundheitsversorgung lokal, regional und weltweit verbessern will.

Auch wenn eine flächendeckende Vernetzung in Deutschland noch nicht realisiert ist, finden sich jedoch in weiten Teilen Anwendungen digitaler Technologien in der Gesundheitsversorgung. Ein Beispiel ist die elektronische Gesundheitskarte, die seit Anfang 2015 die alte Versichertenkarte endgültig ersetzt hat. Darüber hinaus werden digitale Technologien eingesetzt, um sektorenübergreifend Daten und Briefe der Patienten zu nutzen, Informationen zwischen Krankenhäusern, Rehabilitationszentren und Ärzten auszutauschen und räumlich entfernte Experten hinzuziehen. Europäische Förderprogramme, die Digitale Agenda der Bundesregierung, das geplante E-Health-Gesetz▶ [6] beleben die seit Jahren eher stagnierende Diskussion über Telemedizin und E-Health in Deutschland.

Das Internet bietet über Online-Gesundheitsportale schnelle und jederzeit verfügbare Informationen über Krankheiten, Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten an. Es existiert ein großes Spektrum an internetbasierten therapeutischen Interventionen, wobei die Einsatzmöglichkeiten sehr vielfältig sind ▶ [25]. Mediengestützte Interventionen können mit konventionellen Face-to-Face-Angeboten verknüpft werden, sie können aber auch begleitend zu einer konventionellen Therapie eingesetzt oder vollständig ohne Face-to-Face-Kontakt durchgeführt werden.

Webbasierte Selbsthilfeprogramme oder psychoedukative Webseiten nutzen das Internet als Informationsübermittlung ohne therapeutische Interaktion. Die entsprechenden Anwendungen werden multimedial mit Text-, Audio- und Videodateien aufbereitet. Etliche Portale für Selbsthilfegruppen bieten Foren für Erfahrungsaustausch. Lifestyle, Fitness und Gesundheits-Apps sind mit mobilen Geräten wie dem Smartphone, Uhren oder Armbändern vernetzt und gewinnen immer mehr an Bedeutung. Mini-Programme für mobile Smartphones und Tablets bieten Privatnutzern Angebote zur Kontrolle und Erhaltung der eigenen Gesundheit sowie zur Überwachung der eigenen Krankheit. Die Bandbreite der Angebote reicht von Ernährungsberatung und Erinnerung an Medikamenteneinnahme bis zur digitalen Erfassung von Körperwerten wie Blutdruck, Blutzucker und Wohlbefinden (z.B. Schmerz). Diabetiker können ihren Blutzuckerspiegel über ihr eigenes Handy kontrollieren und verarbeiten, das ihnen Empfehlungen zur Therapie gibt. Das Smartphone wird zwar in den kommenden Jahren Ärzte nicht ersetzen, aber es übernimmt immer mehr die Rolle einer medizinischen Assistenz. Patienten entwickeln sich zu Experten und Partnern ihrer eigenen Krankheit, sind sehr gut informiert und zunehmend anspruchsvoller. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte Centre for Health Solutions ▶ [11] wird die digitalisierte Medizin das Verhältnis zwischen Arzt und Patient neu definieren und die Gesundheitsversorgung vollständig und grundlegend verändern.

1.2 Wandel der Logopädie/Sprachtherapie

Auch wenn die hohe Bedeutung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien für unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem unstrittig ist, werden die Potenziale für die Logopädie/Sprachtherapie noch zu wenig erkannt und genutzt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Erwartung, Informationen jederzeit und schnell im Internet abrufen und nutzen zu können, für die nächsten Generationen rapide ansteigen wird. Während die sog. „Babyboomer“-Generation, Jahrgänge von 1955 bis 1969, mit neuen Technologien nicht aufgewachsen ist, integriert die nachwachsende Generation ganz selbstverständlich Technologien in alle Lebensbereiche und wird mit diesen Erwartungen und Ansprüchen sicher entscheidend zu Veränderungen in der logopädischen Praxis beitragen ▶ [35].

Ebenso werden die zunehmenden Ausgaben und Nachfragen nach Gesundheitsleistungen, der soziale und demografische Wandel der Gesellschaft sowie große Fortschritte in den Neurowissenschaften logopädische Interventionen nachhaltig beeinflussen ▶ [52]. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes steigen die Ausgaben für das Gesundheitswesen in den nächsten Jahren kontinuierlich an ▶ [49]. Die angemessene und effiziente Verteilung von Ressourcen des Gesundheitssektors ist dringend erforderlich, um ein wirtschaftlich leistungsfähiges Gesundheitssystem zu bewahren. Dies ist angesichts der vielfältigen Herausforderungen, denen sich unser Gesundheitssystem in den nächsten Jahren stellen muss, keine leichte Aufgabe und wird mit Sicherheit zu mehr Konkurrenz innerhalb der Gesundheitsanbietenden um knapper werdende Ressourcen führen.

Der Anstieg chronischer Erkrankungen in einer immer älter werdenden Gesellschaft bedeutet für die Logopädie/Sprachtherapie, dass wir uns auf eine große Nachfrage an therapeutischen Leistungen bei neurologischen Krankheitsbildern einstellen müssen. Für viele dieser Menschen ist der Besuch einer logopädischen Einzeltherapie mit einem hohen Aufwand an Energie, Zeit und Organisation verbunden. Die Teilnahme an externen Therapien ist aufgrund von Mobilitätseinschränkungen oft nur mit Begleitung und einem speziellen Transport möglich. Der soziale und demografische Wandel führt dazu, dass zunehmend mehr ältere Menschen alleine zu Hause leben und Technologien benötigen, um ihren eigenständigen Lebensstil aufrechterhalten zu können ▶ [22]. Familiäre Unterstützungsstrukturen sind häufig gar nicht bzw. nicht am Wohnort vorhanden. Der Bereich der häuslichen Versorgung und Pflege wird immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Vermutlich haben die Erkenntnisse und Fortschritte der Neurowissenschaften in den letzten Jahrzehnten den größten Einfluss auf Veränderungen in der logopädischen Praxis gehabt. Die Forschungsergebnisse haben unser Wissen und Verständnis über die Funktionen des gesunden Gehirns sowie über das Wiedererlernen von kognitiven Funktionen nach einer Hirnschädigung erheblich erweitert ▶ [26]. Die Forschung konzentrierte sich dabei auf die funktionellen und strukturellen sowie adaptiven Veränderungen im Bereich des zentralen Nervensystems, die aus veränderten physiologischen Anforderungen oder Schädigungen mit Einschränkung der Funktion bestimmter Hirnareale resultieren. Neuroplastizität ist die Grundlage für neue Lernvorgänge und das Wiedererlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten ▶ [26]. 10 zentrale neurowissenschaftliche Prinzipien ( ▶ Tab. 1.1) wurden aus den bisherigen Erkenntnissen abgeleitet und definiert, die einen wissenschaftlich basierten Orientierungsrahmen für logopädische Therapien bieten, um das Lernen und die Rehabilitation optimal für Patienten zu gestalten.

Tab. 1.1

 Prinzipien der Neuroplastizität (in Anlehnung an Kleim und Jones

▶ [26]

).

Prinzip

Bedeutung

Use it or lose it

Fähigkeiten gehen verloren, wenn sie nicht fortlaufend angewandt werden

Use it and improve it

Anwendung von Fähigkeiten/Fertigkeiten ist Voraussetzung für deren Verbesserung

Spezifität

gezielte Übungen erhöhen den Lernerfolg

Repetition

viele identische Wiederholungen von Lerninhalten

Intensität

viele Lerndurchgänge innerhalb einer dichten Zeitspanne

Zeitfaktor

Salience

hervorspringende Faktoren

Alter

erfahrungsabhängige Plastizität

Interference

2 der neurowissenschaftlich begründeten Lernprinzipien sind in der Diskussion um den Einsatz von Technologien in der Sprachtherapie besonders hervorzuheben. Das neurowissenschaftliche Lernprinzip, welches besagt, dass kognitive Fähigkeiten verloren gehen, wenn sie nicht kontinuierlich intensiv und strukturiert geübt werden, unterstreicht die Potenziale von technologiegestützten ergänzenden logopädischen Trainingsverfahren. Technikbasierte Trainingsprogramme bieten die Möglichkeit für lang andauerndes Üben, können direktes Feedback geben und tragen zur Steigerung des Selbstvertrauens und der Selbstständigkeit bei ( ▶ [28]; vgl. Kap. ▶ 3). Das Prinzip der erfahrungsabhängigen Neuroplastizität hebt hervor, dass Lerninhalte langfristig am besten gespeichert und transferiert werden, wenn sie in einer vertrauten bzw. einer kontextspezifischen Umgebung erlernt werden ▶ [32], ▶ [58]. Diese Annahme unterstreicht die Wichtigkeit einer wohnortnahen Versorgung sowie einer Versorgung in einem kontextspezifischen Umfeld wie Kindergarten, Schule, Arbeitsplatz und Pflegeeinrichtung. Therapien über das Internet (Telerehabilitation) ermöglichen wohnortnahe und wirtschaftlich tragbare Versorgungsansätze in der Logopädie ▶ [4]▶ [52].

1.3 Langzeitversorgung und Selbstmanagement

Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus der neurowissenschaftlichen Forschung und der zunehmenden Zahl von Patienten mit chronischen Erkrankungen sollten unsere Versorgungsmodelle für Patienten mit chronischen Kommunikationsstörungen überdacht werden. Basierend auf den beiden wesentlichen Prinzipien „use it or loose it“ und „use it and improve it“ sind die zentralen Ziele einer Therapie bei Menschen mit chronischen Kommunikationsstörungen eine lebenslange Unterstützung und eine optimale Förderung der Selbsthilfe und des Selbstmanagements. Der Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben trotz einer Beeinträchtigung oder Behinderung führen zu können, ist erklärtes Ziel der meisten Menschen.

Im Bereich der Aphasie sind in den letzten Jahren eine größere Anzahl von computer- und internetbasierten Therapien entwickelt worden (s. Kap. ▶ 5 und Kap. ▶ 7), die einen nachweisbaren Beitrag zur Verbesserung der funktionalen Kommunikation und eine Steigerung der Fähigkeit zum Selbstmanagement zeigen konnten. Internationale Studien zum Einsatz von iPads in Sprachtherapien konnten nachweisen, dass die Nutzung von Technologien zu einem Anstieg des Selbstvertrauens und der Partizipation in verschiedenen Lebensbereichen der Betroffenen führte ▶ [19]. Vergleichbare medienbasierte Interventionen, die auf das eigenständige Lernen und eine Verbesserung des Selbstmanagements abzielen, werden sicher in den nächsten Jahren für eine Vielzahl von weiteren Kommunikationsstörungen entwickelt werden ▶ [52].

In der kontrovers geführten Diskussion über die Potenziale und Barrieren von Technologien in der Sprachtherapie/Logopädie ist eine sorgfältige Differenzierung zwischen Therapie- und Trainingsverfahren wichtig (s. Kap. ▶ 2). Eine therapeutische Intervention wird als unmittelbare Interaktion in Echtzeit verstanden, die auf einer persönlichen Beziehung zwischen Therapeut und Klient basiert, wobei die Interaktion über Face-to-Face-Angebote und auch über Videokonferenzen stattfinden kann (s. Kap. ▶ 7 und Kap. ▶ 8). Die therapeutische Beziehung bleibt bei einer medienvermittelten Intervention bestehen, sie wird nur für den medienvermittelten Gebrauch angepasst. Der wichtigste Unterschied zu einer konventionellen logopädischen Therapie besteht darin, dass der Kontakt zwischen Therapeut und Patient nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern medienvermittelt abläuft ▶ [27]. Die spezifischen Rahmenbedingungen des Internets prägen dabei sehr stark den Kontakt ▶ [25].Trainingsverfahren eignen sich besonders gut für ein systematisches und supervidiertes Eigentraining zu Hause und unterstützen den Transfer von Übungen in das alltägliche Leben.

1.4 Anwendung von Technologien in der Logopädie/Sprachtherapie

Technologien ermöglichen eine objektive und valide logopädische Diagnostik und sind aus diesem Grund ein wichtiger Baustein der evidenzbasierten klinisch-therapeutischen Praxis. Anhand einiger logopädischer Störungsbilder werden exemplarisch Beispiele für die Anwendung von Technologien in der Sprachtherapie/Logopädie veranschaulicht.

1.4.1 Kindliche Sprech- und Sprachstörungen

Computergestützte Biofeedbackverfahren ▶ [14] werden in der logopädischen Therapie bei neurogenen und kindlichen Sprechstörungen eingesetzt. Ansprechende grafische Darstellungen dienen zur Veranschaulichung von motorischen Sprechabläufen und können insbesondere Kinder zur besseren Mitarbeit von Übungen motivieren. Bislang liegen nur wenige Studien vor, die die Wirksamkeit von Teletherapie bei Kindern mit unterschiedlichen Formen von Kommunikationsstörungen untersuchten ▶ [16]▶ [33]▶ [40]. Alle Studien konnten positive Effekte für die betroffenen Familien nach teletherapeutischen Interventionen nachweisen. McCullough ▶ [33] untersuchte in einer Studie mit 5 Vorschulkindern die Effekte einer Teletherapie bei den Kindern, ihren Eltern und Logopäden. Eltern gaben an, dass sie insgesamt sehr zufrieden mit der Teletherapie waren. Sie fühlten sich gut in die Therapie eingebunden, ihr Wissen über die Sprachentwicklung ihres Kindes wurde erweitert und sie konnten sehr gute Fortschritte in der Sprachentwicklung ihres Kindes beobachten. Die Therapeuten konnten eine messbare Verbesserung des expressiven und rezeptiven Wortschatzes der Kinder feststellen und insgesamt einen Anstieg der Sprechfreude beobachten.

1.4.2 Stimmstörungen

Für die apparative akustische Diagnostik von Stimmstörungen hat sich die quantitative Messung des Lautstärken- und Tonhöhenumfanges einer Stimme im europäischen und US-amerikanischen Raum als Teil des empfohlenen Untersuchungsprotokolls etabliert ▶ [10]▶ [36]▶ [37]. Bei der Stimmfeldmessung wird der gesamte Bereich von minimal bis zu maximal möglicher Tonhöhe in Hz und Stimmintensität in dB(A) einer Stimme computergestützt aufgezeichnet. Damit werden der Ton- und Dynamikumfang und somit das individuelle Leistungsprofil einer Stimme erfasst und grafisch dargestellt. Die Stimmfeldmessung liefert sowohl für die Diagnostik als auch für die Ableitung von therapeutischen Zielen und Inhalten relevante Informationen und ist Baustein einer evidenzbasierte Stimmtherapie ▶ [46]▶ [48]. Wird die Stimmfeldmessung als kontinuierliche diagnostische Dokumentation eingesetzt, bietet sie die Möglichkeit, den Patienten positive Entwicklungen zu demonstrieren (z.B. Verbesserung im Stimmumfangsprofil). Darüber hinaus liefern die Resultate einen Wirksamkeitsnachweis (Evidence-based Practice) für Patient und Therapeut.

In der Therapie von Stimmstörungen können neue computerbasierte Programme Sprachmelodie, Sprechtonhöhe, Geschwindigkeit, Lautstärke und Klangfarbe der Stimme anschaulich sichtbar machen. Die Kombination von körpereigenen Techniken auf der Basis von Körperspannungen sowie eigener Hörwahrnehmung und externem Feedback (auditives und visuelles Feedback durch den Rechner) bilden eine ideale Kombination für moderne und evidenzbasierte sprachtherapeutische Interventionen ▶ [50]. Ähnlich wie bei anderen Erkrankungen ist der Erfolg einer Stimmtherapie entscheidend davon abhängig, wie oft und intensiv ein Patient die Stimmübungen zu Hause übt und im kommunikativen Alltag und Beruf einsetzt.

Tragbare digitale Medienplayer, mit denen Patienten eigenständig zu Hause anhand von Lernvideos üben können, führen zu einer erhöhten Motivation, Therapietreue und einem besseren Selbstmanagement der Patienten ▶ [57]. Insbesondere der Einsatz von Videos motiviert Patienten mehr als schriftliche oder bildliche Übungen, da sie hilfreiche Modelle für die Selbstwahrnehmung und Eigenkorrektur darstellen ▶ [9]▶ [56]. Die hohe Akzeptanz von Lernvideos lässt sich auch dadurch erklären, dass Fernsehen und Videos für viele Menschen unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens sind, sodass videobasierte Trainingsübungen ohne Anpassungsschwierigkeiten in die normalen Lebensgewohnheiten integriert werden können ▶ [30].

1.4.3 Hörstörungen

Die Rehabilitation von Hörstörungen stützt sich bereits seit Jahren auf Computertrainingsprogramme, die motivierende Übungen für ein Eigentraining bei Kindern und Erwachsenen enthalten. Sie bieten eine sehr gute Ergänzung und Unterstützung in der konventionellen Hörtherapie an ▶ [34]. Ein Überblick über internationale und nationale medienbasierte Hörtrainingsverfahren findet sich in ▶ Tab. 1.2.

Tab. 1.2

 Apps und PC-Software für das Eigentraining bei Hörstörungen (Quelle:

▶ [42]

).

Name

Inhalt

Internet-Link

Deutschland (Training-CDs und Apps)

Renova Hörtraining

Basistraining (2 Wochen) bei Anpassung des Hörgeräts

danach Heimtraining (CD + Übungsheft), 14 Tage

Übungen zum Wortverstehen und akustischen Gedächtnis

Training ca. 1 Stunde/Tag

Termine beim Hörtrainer zur Messung und Dokumentation der Hörleistung und Anpassung des Geräts und der Übungen an den Trainingsgrad

http://www.renova-hoertraining.de/

Benaudira-Training der zentralen Hörverarbeitung

CDs mit Musik, Sprache, Gesang und Geräuschen

auch für Training in der unversorgten Situation

CDs werden individuell für jeden Teilnehmer kreiert

mehrmals/Woche 10–20 min CD-Training über handelsübliche Kopfhörer

6–12 Wochen lang

danach Kontrolltermin beim Therapeuten → Anpassung der CD an Lernfortschritt

pro Teilnehmer 3–5 Durchläufe

http://www.benaudira.de/

CI-App Deutsches Hörzentrum der MHH

kostenloses Hörtraining für Android-Geräte

Vokal- und Konsonantentraining

1-, 2- und 3-silber

Trainingslautstärke vom Nutzer bestimmbar

lokales Speichern der Trainingsergebnisse auf dem jeweiligen Gerät → Protokoll inklusive Grafik

http://www.mh-hannover.de/46.html?&tx_ttnews[tt_news]=3305&cHash=ddc89e8d5a25ae1269993d932d7cf0d0

http://play.google.com/store/apps/details?id=de.dhz_hannover.hoertest

http://www.schnecke-online.de/aktuell/aktuell-detail/archive/2014/january/article/hoertrainings-app-des-dhz-hannover.html

Terzo

Übungen zum Wortverstehen und akustischen Gedächtnis

http://www.kampmann-hoersysteme.de/terzo.html

http://www.terzo-zentrum.de/

Heidelberger CI-Trainings-CD

Trainings-CD (64 min)

Wort- und Satzlisten, Gedichte, Kurzgeschichten

verschiedene Sprechgeschwindigkeiten (3 Stufen) → Übungen zum Sprachverständnis

http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/1-Heidelberger-CI-Trainings-CD.116307.0.html

AuditoryVoIP

kein Hörtraining, aber App zur persönlichen Einstellung des Smartphones entsprechend des Hörverlustes

Einstellung der Lautheit, des Frequenzganges und des Klangs entsprechend der Hörpräferenz

Verbesserung insbesondere für Menschen mit altersbedingter Hörminderung

http://www.auditory-voip.de/

FonoForte-Hörtrainer

ausleihbares elektrisches Handgerät mit Kopfhörern

pro Aufgabe 20 min/Tag

Tonhöhen- und Lautstärkenunterscheidung, Lückenerkennung und Zeitordnung

Protokoll nach Abschluss jeder Einheit

nach Beendigung des kompletten Trainings erfolgt eine wissenschaftliche Auswertung mit dem Hörtrainer

http://www.fonoforte.de

Starkey HearCoach

Für iOS und Android

erhältlich auf Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch

Hörspiele zum Training der kognitiven und auditiven Fähigkeiten

Training in Levels, die gelöst werden müssen, um die nächste Trainingsstufe freischalten zu können

Simulation verschiedener Hörsituationen mittels verschiedener Hintergrundgeräusche

variabler Schwierigkeitsgrad

http://www.starkeypro.de/starkeyapps/hearcoach

Amerika1 und englischsprachige Länder (Apps)2

i-Angel Sound

iOS-Software

Übungen zur Diskrimination und Identifikation

variabler Schwierigkeitsgrad

mehrere Tausend Geräusche und Bezeichnungen (Umweltgeräusche, Einsilber, Namen …)

Protokoll inklusive Grafik

http://www.appshopper.com/education/i-angel-sound

Digits in Noise

iOS-Software

Nummernfolgen im Störgeräusch hören

http://ios.appcolt.com/a/digits-in-noise-test.html

LACE

Software als Download (Home Edition), Web-basiertes Training (App) oder Trainings-DVD

Übungen zur Verbesserung der Hör- und Kommunikationsfähigkeit, Vermittlung von Kompensationsstrategien

20 min/Tag, 11 Sitzungen

z.B. Sprachverstehen im Störschall, Zielwörter hören

Protokoll

http://www.lacelistening.com/

Sound explorer

iOS-Software

App zum Erkennen von Alltagsgeräuschen

Training der Hörwahrnehmung

http://ios.appcolt.com/a/sound-explorer.html

Melodic Contour Identification

iOS-Software

Erkennung von Tonhöhenunterschieden

Melodieführung erkennen, Tonleitern

http://itunes.apple.com/us/app/melodic-contour-identification/id849121240?mt=8

Nucleus – Hear we go

Workbook als PC-Training für Teenager mit CI (und Erwachsene)

24 altersentsprechende Themen, nach Interesse auswählbar

3 Level: 1. auditive Aufmerksamkeit, Geräusch-Diskrimination und -identifikation, 2. Sprachdiskrimination, 3. Konversationstraining

http://hope.cochlearamericas.com/node/1340

Soundscape (MedEl)

Online verfügbare Höraufgaben und -spiele für CI-Träger aller Altersgruppen

Analyse und Synthese, Sprachverständnis

beispielsweise Einkauf, Hörgeschichten, Satzverständnis …

http://www.medel.com/us/soundscape/

The listening room (CLIX) (Advanced bionics)

Übungswebsite für CI-Träger aller Altersgruppen

Analyse und Synthese

Wort- und Satzübungen

Diskrimination und Identifikation

Telefon- und Musikhörtraining

Übung nach Planung des Hörtrainers

http://www.thelisteningroom.com/

CI: Cochlea-Implantat1 Artikel der American Speech-Language-Hearing Association zum Thema: http://www.asha.org/aud/articles/auditory-training-adults-cochlear-implants/2http://www.hearinglossdv.org/apps/3/#rehab

Im Bereich der teletherapeutischen Hörversorgung sind insbesondere Australien und die USA führend. Dort werden seit mehr als 10 Jahren Teletherapien flächendeckend als Ergänzung zur konventionellen Sprachtherapie eingesetzt. Constantinescu, Waite, Dornan und Kollegen ▶ [7] untersuchten in einer australischen Studie die Wirksamkeit teletherapeutischer Intervention für Kinder mit Hörstörungen im Vergleich zur Präsenztherapie. Es wurden keine signifikanten Ergebnisunterschiede zwischen beiden Methoden festgestellt. Eltern und Kinder gaben jedoch eine vergleichbar hohe Zufriedenheit mit Teletherapie und Präsenztherapie an und bestätigten damit das Ergebnis einer früheren Studie ▶ [8]. Die Eltern der hörgeschädigten Kinder gaben an, durch die teletherapeutische Intervention keine Einschränkungen oder Hindernisse in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient wahrgenommen zu haben.

Houston, Behl und Walters ▶ [20] entwickelten ein teletherapeutisches Therapieprogramm für eine logopädische Frühtherapie von Kindern mit Hörstörungen. Im Mittelpunkt dieses Programmes steht die familienzentrierte Beratung, wobei Eltern und Logopäden dieselben Therapiematerialien vor dem Bildschirm benutzen. Die Eltern werden als Ko-Therapeuten von dem Logopäden geschult. Den Kindern wird auf diese Weise ein Hör- und Sprachtraining mit ihren Kommunikationspartnern in ihrer alltäglichen und vertrauten Umgebung ermöglicht. Die gezeigten Übungen können zudem nach der Videokonferenz beliebig oft und mit verschiedenen Kommunikationspartnern wiederholt und geübt werden. Auf diese Weise erhalten sie einen hochfrequenten und effektiven sprachlichen Input ▶ [20]. Der Einbezug der Eltern kann jedoch eine Barriere für den Therapierfolg darstellen, da die Eltern in der Lage sein müssen, eine aktive und zielführende Rolle in der Therapie zu übernehmen ▶ [21]. Wenn sie diesen aktiven Part nicht angemessen übernehmen können, lässt sich der Erfolg des Therapieprogramms nicht messen.

1.5 Potenziale technikbasierter Interventionen und Telerehabilitation

Technologien werden zu neuen Modellen in der logopädischen Versorgung führen, denn sowohl die Diagnostik und Therapie als auch der Transfer von Therapieübungen in den kommunikativen Alltag lassen sich mittels Technologien anders gestalten. Medienbasierte Diagnostikinstrumente ermöglichen eine objektive Verlaufskontrolle der Therapien und können zu einer Steigerung der Motivation und damit der Therapietreue beitragen. Diese beiden Faktoren sind für den nachhaltigen Erfolg logopädischer Therapien entscheidend. Tablets bieten beispielsweise die Möglichkeiten, Therapieübungen so oft wie gewünscht zu wiederholen oder aber auch über Sprachaufnahmen ein unmittelbares Feedback geben zu können. Moderne Kommunikationstechnologien wie Smartphones und Tablets bieten ansprechende und motivierende Möglichkeiten der auditiven und visuellen Rückkoppelung des eigenen Sprechverhaltens, indem der direkte Abgleich des individuellen Sprech-, Sprach- und Stimmverhaltens mit einem Audio-Video- und/oder Sprachmodell ermöglicht wird. Gesundheits-Apps, die mit mobilen Geräten wie Smartphones vernetzt sind, bieten direkte und unauffällige Unterstützung und Hilfe im Alltag. Beispielsweise können Patienten mit Stimm- und Sprechstörungen über das Smartphone individuell ihr Sprechtempo, ihre Sprechhöhe und Sprechverständlichkeit überprüfen und sich somit in ihrer Verständlichkeit stetig verbessern. Die Eigenwahrnehmung des Patienten wird geschult und der Transfer der in der Therapiesituation gelernten Übungen in den kommunikativen Alltag des Patienten wird systematisch unterstützt ▶ [57].

1.6 Telerehabilitation

Definition

Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin definiert Telemedizin als die Erbringung konkreter medizinischer Dienstleistungen in Überwindung räumlicher Entfernungen mittels moderner Informations- und Kommunikationstechnologien ▶ [5].

Der amerikanische Berufsverband (ASHA) hat in seinen berufspolitischen Positionspapieren, Telepraxis oder TeleHealth als angemessenes Versorgungsmodell für Sprachtherapeuten eingestuft ▶ [1]▶ [2]. Der Berufsverband sieht das Potenzial der TeleHealth für die Sprachtherapie darin, dass Hindernisse zum Zugang zur Sprachtherapie überwunden werden können. Hierzu zählen in erster Linie eingeschränkte Mobilität und nicht vor Ort verfügbare Experten. Die logopädische Versorgung über das Internet wird mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten verbunden. Eine mittlerweile national und international gängige Bezeichnung ist Telerehabilitation und/oder Teletherapie▶ [47].

Die Logopädie hat früh technologische Entwicklungen zur Bereitstellung von Dienstleistungen für Kinder und Erwachsene mit Kommunikationsstörungen genutzt. Bereits 1976 schickte Vaughn seinen Patienten postalische sprachtherapeutische Materialien zu und leitete sie über das Telefon bei der Anwendung an ▶ [53]. Seit diesen ersten teletherapeutischen Interventionen wurde für eine Vielzahl von logopädischen Störungsbildern die Umsetzbarkeit, Reliabilität und Validität von Teletherapie in der Sprachtherapieforschung untersucht ▶ [53]. Von besonderem Interesse ist die Qualität der Teletherapie im Vergleich zu konventioneller Therapie, die vor allem am Therapie-Outcome und der Beziehung zwischen Patient und Logopäde gemessen wird ▶ [53].

Der unstrittige Vorteil der Telerehabilitation liegt darin, dass eine Therapie in einer vertrauten Umgebung des Kindes oder Erwachsenen angeboten werden kann ▶ [41]. Als Umgebung zählen das eigene Zuhause, Schule, Kindergarten, Arbeitsplatz, Pflegeeinrichtung. Starke Evidenzen belegen, dass Interventionen, die in einer vertrauten Umgebung eines Menschen oder in einem spezifischen Kontext (Arbeitsplatz, Schule) eingebettet sind, effektiver sind als in einem klinisch-therapeutischen Setting ▶ [32]. Die positiven Effekte zeigten sich in einer Generalisierung geübter Therapieinhalte, Verbesserung des funktionellen Outcomes, der Zufriedenheit der Patienten und des Selbstmanagements. Die Ergebnisse wurden bei unterschiedlichen Krankheitsbildern wie Schlaganfall, schwere Hirnschädigungen und Parkinson gemessen ▶ [29]▶ [58]▶ [60]. Darüber hinaus entspricht eine wohnortnahe therapeutische Versorgung den Zielen der Weltgesundheitsorganisation ▶ [59], die einen besonderen Fokus auf die Fähigkeit des Individuums legt, in seiner alltäglichen Umgebung optimal interagieren zu können.

Insbesondere in der neurologischen Rehabilitation sind neue Versorgungsmodelle gefragt, die Patienten mit chronischen Erkrankungen unter therapeutischer Anleitung ein Sprach- und Kommunikationstraining über einen möglichst langen Zeitraum ermöglichen. Hier bietet die Teletherapie eine wirtschaftlich darstellbare und patientenorientierte Alternative zur traditionellen Face-to-Face-Therapie ( ▶ [54] und s. Kap. ▶ 5 und Kap. ▶ 7). In den letzten Jahren ist ein deutlicher Zuwachs an Wirksamkeitsstudien internetbasierter Therapieverfahren zu verzeichnen, wobei ein Schwerpunkt auf den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen liegt (s. Kap. ▶ 11).

1.7 Barrieren für technologiebasierte Interventionen und Telerehabilitation

1.7.1 Barrieren vonseiten des Gesundheitssystems

Das größte Hindernis für den Einsatz technologiebasierter Interventionen stellt die bislang ungeklärte Finanzierung dar. Auch im internationalen Kontext werden im Bereich der Telerehabilitation vorwiegend Anwendungen über Forschungsstudien finanziert und eine Implementierung in die Regelversorgung findet nur in Ausnahmefällen statt ( ▶ [23]; s. aber Kap. ▶ 8).

Die Einführung in die Regelversorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung ist gesetzlich geregelt (§ 135 Abs. 1 des Sozialgesetzbuchs V) und wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss vorgenommen. Dieser muss neue Leistungen hinsichtlich dreier Kriterien prüfen:

Hat die Innovation einen für Patienten nachweisbaren Nutzen?

Liegt eine medizinische/therapeutische Notwendigkeit für den Einsatz der Innovation – auch im Vergleich zu anderen bereits in der Versorgung etablierten Methoden – vor?

Ist die Innovation als wirtschaftlich anzusehen?

Der Nachweis des Nutzens kann nur über wissenschaftliche Studien erfolgen, die nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin durchgeführt werden sollten. Hieraus folgt im Allgemeinen, dass Vergleichsstudien zu erstellen sind, in denen beispielsweise die teletherapeutische Betreuung einer Patientengruppe mit einer konventionellen Patientengruppe als Kontrollgruppe verglichen wird.

Diese strengen methodischen Ansprüche zu erfüllen, ist für derartige Wirksamkeitsstudien in der Logopädie sehr schwierig bzw. bei vielen Störungsbildern nicht zu erreichen. Einige internationale Studien belegen zwar bereits die Wirksamkeit von technologiebasierten sprachtherapeutischen Interventionen ( ▶ [16]▶ [24]; s. auch Kap. ▶ 5), jedoch lassen sich die Ergebnisse nicht so ohne Weiteres auf den deutschsprachigen Raum übertragen, da sich die Gesundheitssysteme voneinander unterscheiden.

Unter den 8 weltweit wichtigsten Ländern mit Telemedizinanwendung belegen – nach der umfangreichen Analyse von Häcker, Reichwein und Turad ▶ [18] – die USA den ersten Platz, gefolgt von den nordeuropäischen Staaten Finnland und Schweden. Im Bereich der Telemedizin ist z.B. Skandinavien in Europa federführend.Hier spielt die niedrige Bevölkerungs- und Dichte der Ärzte eine große Rolle. Deutschland befindet sich im Ranking der 8 wichtigsten Länder im unteren Mittelfeld, weil das deutsche Gesundheitssystem in vieler Hinsicht noch nicht für Telemedizin/Telerehabilitation geeignet ist und die Dichte der Ärzte im internationalen Vergleich sehr hoch ist. Neben der demografischen Situation ist aber auch ein staatlich finanziertes Gesundheitssystem für telemedizinische Anwendungen förderlich, wie es in Schweden anzutreffen ist. In Schweden finanzieren und planen die einzelnen Provinzen die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und sind für die Mittelverteilung zuständig; unter ihrer Verantwortung sind Krankenhäuser und Gesundheitszentren. In Norwegen und Schweden ermöglichen bereits geschlossene Netze eine flächendeckende Telemedizinanwendung, die elektronische Kommunikation und Interaktion im Gesundheitssektor. Dort ist auch die elektronische Datenerfassung längst zum Standard geworden. Dazu zählt vor allem die elektronische Patientenakte – eine Sammlung von Befunddaten, Diagnosen und Behandlungsverläufen, auf die Ärzte zurückgreifen können ▶ [18].

1.7.2 Barrieren vonseiten der Technologie

Für die Akzeptanz neuer Technologien ist eine einfache, möglichst störfreie und leicht zugängliche Bedienung sehr wichtig (s. Kap. ▶ 4). Hier sind für den Bereich der Teletherapie ausreichende und sichere Internetverbindungen sowie gut funktionierende Videokonferenzsysteme wichtige Voraussetzungen. Ausreichende und zugängliche Breitbandverbindungen sind oft eine sehr große Herausforderung, und insbesondere in Krankenhäusern, Hochschulen und Pflegeeinrichtungen ist es ratsam, vorab mit der IT-Abteilung die gegebenen Bedingungen zu analysieren und eventuell anzupassen ▶ [21].

Für Videokonferenzen eignen sich die bekannten sozialen Teleplattformen (z.B. Skype, Google Hangouts, FaceTime) eher nicht, denn diese sind nur für den sozialen kommunikativen Austausch entwickelt worden. Für therapeutische Zwecke sind Plattformen besser geeignet, die für den Bildungs- oder Wirtschaftssektor als Zielgruppen entwickelt wurden. Der Zugang zu den Plattformen ist gesichert, womit auch das sensible Thema des Datenschutzes besser geregelt ist (s. Kap. ▶ 6). Die Plattformen ermöglichen neben der virtuellen Kommunikation auch das Teilen von Dokumenten, haben Whiteboards und weitere Software-Applikationen integriert. Vor dem Hintergrund der rasanten technischen Entwicklungen sind professionelle Videokonferenzen in ihren Aufwandskosten angemessen und werden zukünftig immer mehr Leistungen integrieren. Trotz relativ einfacher Handhabung und überschaubarer Kosten muss anfänglich Zeit und Energie in eine Auseinandersetzung mit und Anwendung von Videokonferenzsystemen investiert werden, um eigene Videokonferenzen in der Therapie und Beratung einzusetzen. Ist der Umgang mit der Technologie eingeübt, sind die Anwendungen allerdings unkompliziert und nicht mit zeitlichem Mehraufwand verbunden.

1.7.3 Barrieren vonseiten der Sprachtherapeuten

Für viele Logopäden und Sprachtherapeuten ist die konventionelle Einzeltherapie der Goldstandard in der klinisch-therapeutischen Versorgung und kann durch keine Technologie ersetzt werden. Im Allgemeinen trauen sie ihren Patienten, Kindern wie auch Erwachsenen und ihren Angehörigen, oft wenige Kompetenzen im Umgang mit neuen Technologien zu und bezweifeln, dass ihre Klienten Technologien in der Therapie akzeptieren bzw. einen Zugang zu neuen Technologien haben (vgl. Kap. ▶ 3). Vermutlich spiegelt diese Haltung die eigene Unsicherheit im Umgang mit neuen Technologien wider ▶ [31] und stellt eine große Barriere für die Implementierung neuer Technologien in die Praxis der Sprachtherapie dar.

In einer australischen Studie ▶ [13] wurden die Einstellungen und Haltung von Sprachtherapeuten mit den Einstellungen und Haltungen von Patienten zum Einsatz von Technologien in sprachtherapeutischen Interventionen verglichen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Zugang und Interesse an der Nutzung von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien aufseiten der Patienten deutlich höher war als erwartet, wobei aufseiten der Sprachtherapeuten entgegen der Erwartung deutlich weniger Therapeuten einen Zugang zu modernen Technologien an ihrem Arbeitsplatz hatten. Nicht überraschend wurde eine hohe Übereinstimmung zwischen dem Zugang zu Technologien und eigener Sicherheit im Umgang mit Technologien gefunden.

Da bislang wenig nationale Studien zu Wirksamkeit und Nutzen von technikbasierten Interventionen in der Logopädie/Sprachtherapie vorliegen, sind Sprachtherapeuten oft unsicher, welche Technologie sinnvoll für definierte Patientengruppen anzuwenden ist. Eine Unterstützung wären evidenzbasierte Therapiemanuale für den Einsatz von Technologien in Diagnostik und Therapie in der Logopädie und Schulungen zum Umgang und Einsatz von Technologien in der Sprachtherapie ▶ [21].

Hilfreich für die klinisch-therapeutische Praxis sind ebenfalls Übersichten, in denen transparente und leicht zugängliche Qualitätskriterien von aktuellen Technologien für definierte logopädische Störungsbilder enthalten sind. Unsere Kollegen im internationalen Raum erhalten beispielweise bei der Auswahl geeigneter Programme im Bereich Aphasie mit dem Aphasia Software Finder (http://www.aphasiasoftwarefinder.org/aphasia-software) eine gelungene Unterstützung. Auf dieser Seite werden englische Aphasie-Software-Programme und Apps vorgesellt und nach transparenten inhaltlichen und technischen Qualitätskriterien (z.B. Theoriebasierung, Support, Zugriff, Handhabung) verglichen. Diese Art von Projekten, wie sie im internationalen Raum im Bereich Aphasie bestehen, wäre auch für den deutschsprachigen Raum wünschenswert.

Insgesamt stehen Sprachtherapeuten dem Einsatz von Technologien in der logopädischen Praxis eher kritisch gegenüber. Sie finden, dass Aufwand und Nutzen nicht in einem angemessenen Verhältnis stehen, und empfinden den Einsatz weder für ihre eigene Arbeit noch für ihre Patienten lohnenswert ▶ [21]▶ [55].

Die grundsätzliche Unsicherheit im Umgang mit neuen Technologien ist verständlich, da gerade in der noch jungen Disziplin Logopädie/Sprachtherapie für viele Interventionsmethoden aussagekräftige Wirksamkeitsnachweise fehlen. Für eine wissenschaftlich fundierte sprachtherapeutische Praxis bedeutet dies in vielen Fällen, in einem Raum von Unsicherheitstoleranz zu agieren und die Auswirkungen des eigenen sprachtherapeutischen Handelns sorgfältig und kritisch zu beobachten. Mit kritisch ist gemeint, dass Hinweise auf Nichtwirksamkeit eines Verfahrens genauso Beachtung finden müssen wie Hinweise auf eine Wirksamkeit. Es ist zwar menschlich nachvollziehbar, wenn eine höhere Aufmerksamkeit für Anzeichen der Wirksamkeit von therapeutischem Handeln besteht als für Hinweise von Nichtwirksamkeit, doch erfordert ein reflektierter Umgang eine kritische Distanz, um vorliegende Informationen sachlich zu verarbeiten. Hinweise auf Nichtwirksamkeit sind dann nicht als Misserfolg, sondern als Hinweise zu interpretieren, die auf einen anderen Interventionsweg hindeuten.

Im Konzept der evidenzbasierten Praxis stellen externe wissenschaftliche Evidenz, klinische Expertise der Therapeuten sowie die Wünsche und Bedürfnisse der Patienten 3 gleichwertige Prinzipien dar ▶ [12]. Patienten sollen demnach in die Therapieziele, in die Auswahl der Therapiemethode und bei der Evaluation der Therapieergebnisse systematisch mit eingebunden werden ▶ [38]. Eine Therapie ist effektiver, wenn die Ziele von Therapeut und Patient übereinstimmen ▶ [3]. Besonders im Themenfeld der neuen Technologien scheint eine individuelle evidenzbasierte Beratung und Information an Bedeutung zu gewinnen, da sich immer mehr Patienten eigenständig über neue Therapien und Technologien informieren und mit entsprechenden Erwartungen und Wünschen an die Therapeuten herantreten. Hier gilt es, die individuellen Bedarfe des Patienten mit den vorhandenen Technologien abzugleichen und kontinuierlich aus der Perspektive der Nutzer zu evaluieren. Die Erfahrungen aus der Praxis sind von immenser Bedeutung für die Generierung wissenschaftlicher Evidenz. Aus diesem Grund wäre es außerordentlich wünschenswert, wenn klinisch-therapeutisch tätige Kollegen an einer Weiterentwicklung der Sprachtherapie mitarbeiten, indem sie wissenschaftliche Belege mit überzeugenden Wirksamkeitsnachweisen für die sprachtherapeutische Praxis dokumentieren und die erhobenen Daten in Kooperation mit einer Hochschule auswerten und systematisieren. Über diese Form der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis könnten Evidenzen für störungsspezifische Diagnostik- und Therapiemethoden erhoben werden. Nur über die Bündelung von externen wissenschaftlichen Evidenzen, der Expertise des Therapeuten und der Wünsche/Bedürfnisse des Patienten kann ein qualitätsgesicherter und sinnhafter Einsatz von Technologien in der Sprachtherapie langfristig realisiert werden ( ▶ Tab. 1.3).

Tab. 1.3

 Förderliche Aspekte zur Implementierung evidenzbasierten Arbeitens mit neuen Technologien in der Sprachtherapie (modifiziert nach Roddam und Skeat

▶ [43]

).

Sprachtherapeut

Institution

Ausbildung

Konzeption und Angebot von Lehrmodulen

Fort- und Weiterbildung

Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen

Angebot von Fort- und Weiterbildungen

finanzielle und organisatorische Unterstützung für Fort- und Weiterbildungen

Fachlicher Austausch

fachlicher Austausch mit Kollegen in Netzwerken und Arbeitsgruppen

Unterstützung des fachlich kollegialen Austauschs, z.B. durch Gründung von Arbeitsgruppen und Netzwerken

Ernennung einer Schlüsselperson als Ansprechpartner

Forschung

eigene Forschungsaktivität, Teilnahme an Forschungsprojekten und -kooperationen

Empfehlungen für den sprachtherapeutischen Alltag basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen

Unterstützung von Forschung und Entwicklung

Unterstützung bei Veröffentlichungen (Poster, Vorträge, Artikel)

Einbindung der Nutzer

Einbeziehen der Perspektive der Nutzer (Patienten, Angehörige)

Angebot der evidenzbasierten Information für Patienten

Beteiligung der Nutzer an den Therapieergebnissen

Ressourcen

Nutzen existierender struktureller Ressourcen (Datenbanken, Internetzugang, Hochschulbibliotheken, Fachzeitschriften)

Zeit zur kritischen Reflexion

Bereitstellung struktureller und zeitlicher Ressourcen

Zusammenfassend sind die Barrieren vonseiten der Sprachtherapeuten eine fehlenden Bereitschaft und Akzeptanz, moderne Informationstechnologien in die logopädische Versorgung zu integrieren, die ungeklärte Frage der Finanzierung und die grundsätzliche Haltung von Sprachtherapeuten, dass Telerehabilitation bzw. Technologie auf keinen Fall die Face-to-Face-Therapie ersetzen kann ▶ [13]▶ [21].

1.8 Zukünftige Entwicklungen

Eine der wichtigsten Herausforderungen im Umgang mit neuen Technologien ist die Frage, wie es uns gelingen kann, Technologien sinnhaft und zum Wohle unserer Patienten in sprachtherapeutische Interventionen einzubinden. Da sich die Kommunikationstechnologien in den nächsten Jahren kontinuierlich weiterentwickeln werden, ist mit einer Erweiterung von Infrastrukturen und neuen Software-Lösungen zu rechnen ▶ [54]. In der Medizin werden das Verhältnis von Arzt und Patient sowie ihre Kommunikation, insbesondere der Umgang mit einer stetig wachsenden Zahl von Medizin-Apps, intensiv diskutiert. Es wird angenommen, dass sich die berufliche Rolle des Arztes zukünftig als Begleiter seiner Patienten definiert, der die digital aufgezeichneten Daten analysiert und gemeinsam mit dem Patient einen individuellen Behandlungsplan aufstellt ▶ [15]. Nach einer neuen E-Health-Studie aus der Reihe „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ der Stiftung Gesundheit (2015) erwarten 43,8% der Ärzte in Deutschland, dass therapieunterstützende Apps innerhalb der nächsten 10 Jahre in die Leitlinien aufgenommen werden ▶ [51]. Das größte Potenzial sehen sie in der Versorgung in einem größeren räumlichen Radius, Verbesserung der Sicherheit der Patienten sowie in der Anwendung von Apps im Rahmen der Behandlung und der Selbstkontrolle. Positive Effekte auf den Arbeitsalltag und die Zufriedenheit von Ärzten und Patienten versprechen sie sich von neuen technischen Möglichkeiten jedoch nicht. Diese Studie belegt, dass die Einstellung der Ärzte zum Einsatz von digitalen Technologien deutlich positiv einzuschätzen ist und die anfänglichen Berührungsängste im Umgang mit neuen Medien und Möglichkeiten offenbar ablegt wurden.

Zunehmend investieren auch Kostenträger in therapieunterstützende Apps und telemedizinische Anwendungen. Sie übernehmen die Diagnostik und die Kosten für Medizin-Apps (z.B. Übernahme der Kosten für eine Hördiagnostik inklusive einer Hörtrainings-App für Menschen mit Tinnituserkrankungen) und beteiligen sich an telemedizinischen Versorgungsprogrammen für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Die Nürnberger Firma EvoCare, eine Genossenschaft von Telemedizin-Anbietern, bietet IT-Lösungen, personelle und technische Unterstützung für ambulante Rehabilitation nach orthopädischen Eingriffen, Schlaganfall sowie bei kardiologischen und psychosomatischen Erkrankungen an. Nach über 20 Jahren Entwicklungsarbeit und Evaluationsstudien, die von Kassen als Pilotprojekt finanziert wurden, übernehmen die Kassen seit 2013 Telerehabilitation für Gelenkersatz. Die Patienten werden vor ihrer Klinikentlassung gut geschult und beim Heimtraining weiterhin durch das vertraute Klinik-Team angeleitet. Am Ende der stationären Rehabilitation erhält der Patient nach Einführung ein Leihgerät, an das der Physiotherapeut individuelle Übungsanweisungen übermittelt. Als Übungsvorlagen dienen auch Videos. Eine in das Gerät integrierte Kamera übermittelt dem Therapeuten Bilder des Patienten, die von ihm überprüft werden können. Die Datenübertragung erfolgt online; ein Internetanschluss des Patienten ist nicht erforderlich. Das Sparpotenzial im Bereich der Personalkosten für Kostenträger ist groß, da ein Physiotherapeut mehrere Patienten gleichzeitig betreuen kann ▶ [44]. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der Rolle, der in einer selbstständigen Praxis tätigen Physiotherapeuten. Zukünftig werden sicher die Schnittstellen zwischen Rehabilitationseinrichtungen und ambulanter Versorgung neu geordnet werden müssen, um eine effektive, wirtschaftliche und patientenorientierte Langzeitversorgung gewährleisten zu können.

Die Diskussion über Potenziale und Risiken von Gesundheitstechnologien sind von Fragen der Ethik, der noch offenen Finanzierung, des unsicheren Datenschutzes und fehlender Evidenzbasierung geprägt (s. Kap. ▶ 6). Einigkeit besteht darüber, dass Forschung für die Definition von Qualitätsstandards und Leitlinien notwendig ist, um die evidenzbasierte Anwendung von Technologien in Diagnostik und Therapie zu unterstützen. Therapeuten und Patienten brauchen Wegweiser, um sich für das passende Angebot entscheiden zu können (s. Kap. ▶ 10). Sehr wünschenswert sind klinisch-erprobte Therapiemanuale, in denen wichtige Rahmenbedingungen für einen wirksamen Einsatz von Technik definiert sind. Im Bereich der Telerehabilitation ist z.B. eine wichtige Forschungsfrage: Welche technischen Mindeststandards müssen eingehalten werden, um eine wirksame und kostenangemessene Therapie über das Internet anbieten zu können ▶ [21]?

Entscheidend für einen hochwertigen und sinnhaften Einsatz von technologiebasierten Produkten ist, dass sich die Logopädie/Sprachtherapie aktiv an deren Entwicklung und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um den Nutzen und die Wirksamkeit beteiligt. Möglichkeiten eröffnen sich beispielsweise über Modell- oder Pilotprojekte, die mit individuellen Krankenkassen durchgeführt werden. Beispiele aus anderen Gesundheitsdisziplinen können hierfür Mut machen und als Vorbild dienen. Die Barmer Ersatzkasse (BEK) beteiligt sich an einer webbasierten Stimulationstherapie für Kinder mit Amblyopie (funktionelle Sehschwäche). Aber auch methodisch gut konzipierte Einzelfallstudien (s. Kap. ▶ 12) sind hervorragende Argumentationshilfen in den Diskussionen mit Krankenkassen und anderen Leistungsträgern über den Mehrwert und Nutzen von neuen Technologien in der Logopädie/Sprachtherapie.

In der Ausbildung/dem Studium der Logopädie/Sprachtherapie sollte das Thema „Technologien in Diagnostik und Therapie“ ein unverzichtbarer Bestandteil des Curriculums sein, um zukünftige Generationen auf die Herausforderungen gut vorzubereiten. Technologien werden in allen Gesundheitsbereichen wesentlicher Bestandteil der Serviceleistungen werden. Schulungen und Unterstützung für die in der Praxis tätigen Logopäden sollten bei der technischen Anwendung von modernen Informationstechnologien breit angeboten werden, um die Barrieren schrittweise abzubauen. In den USA unterstützt die Telerehabilitation Special Interest Group praktisch tätige Sprachtherapeuten durch Leitlinien und definierte Qualitätsstandards, um den Einsatz von Teletherapie in der Praxis weiter zu verbreiten. Die Arbeitsgruppe möchte auch durch ihre Dokumente dazu beitragen, dass die Versorgung im Bereich der Telerehabilitation auf evidenzbasierten Erkenntnissen, dem neuesten Stand der Technologien und den Bedürfnissen der Patienten basiert ▶ [21].

Ohne aktive Beteiligung der Logopädie in der beruflichen Praxis, in der Ausbildung und Forschung besteht die Gefahr, dass unzählige Therapie- und Trainingsprodukte aus primär marktwirtschaftlich motivierten Gründen entwickelt und auf dem freien Markt angeboten werden, ohne dass der individuelle Nutzen und die Bedarfe vorab ermittelt wurden sowie eine objektive Wirksamkeit für Patienten mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- und Hörstörungen nachgewiesen wurde. Insofern sollte unsere gemeinsame Anstrengung darauf abzielen, eine am Bedarf von Menschen orientierte Technologie zu entwickeln, die die Kommunikationsfähigkeit, Teilhabe und Partizipation und somit die gesundheitsbezogene Lebensqualität unserer Patienten verbessert. Die Entwicklung neuer Technologien schreitet mit großer Geschwindigkeit voran; wichtig ist, dass wir nicht von ihr überrollt werden, sondern diese Entwicklung für die Logopädie aktiv mitgestalten.

1.9 Literatur

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