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Die Schweiz ist ein Migrationsland, global vernetzt und mit einer erstaunlichen gesellschaftlichen Vielfalt. Diese Modernität hat noch nicht Eingang gefunden ins helvetische Selbstverständnis. Noch wird Migration als ein zu lösendesProblem betrachtet statt als Taktgeberin, die längst unseren Alltag bestimmt. Der Think-Tank foraus – Forum Aussenpolitik liefert ein komplett neues Narrativ für die Schweiz. Seine Vision für die Schweiz der Zukunft legt faktenreich dar, dass Migration kein Störfaktor der helvetischen Gemütlichkeit darstellt, sondern Ausdruck ist einer erfolgreichen Schweiz, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern einzigartige Freiheiten und Perspektiven ermöglicht. Die Publikation wird abgerundet mit konkreten migrationspolitischen Reformideen, mit denen die Schweiz ein chancenreiches Land wird, das sich nicht vor der Welt fürchtet. Mit Beiträgen von Martina von Arx, Stefan Egli, Nicola Forster, David Kaufmann, Walter Leimgruber, Philipp Lutz, Joanna Menet, Jonas Nakonz, Johan Rochel, Seraina Rohner, Stefan Schlegel, Heike Scholten, Fabienne Tissot.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2017 NZZ Libro, Neue Zürcher Zeitung AG, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2017 (ISBN 978-3-03810-245-8)
Lektorat: Ulrike Ebenritter, Giessen
Titelgestaltung: Katarina Lang, Zürich
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN E-Book 978-3-03810-299-1
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung
Als Direktorin der Solothurner Filmtage – der Werkschau des Schweizer Films – sichte ich im Jahr über hundert Schweizer Filme; über hundert Beschreibungen, Interpretationen und Visionen der Schweiz. Nach den Sichtungen frage ich mich jedes Mal aufs Neue: Was macht die Schweiz heute aus?
Viele Filmschaffende erzählen Geschichten, die wir auf den ersten Blick nicht als typisch schweizerisch erkennen – weder Berge noch Wilhelm Tell spielen darin eine Rolle. Auf den zweiten Blick sind aber oft genau diese Geschichten besonders typisch für die heutige Schweiz. Zum Beispiel Mano Khalils Film Unser Garten Eden (2010): Hier treffen wir in den Berner Schrebergärten anstatt auf Gartenzwerge auf eine multikulturelle Gemeinschaft. Auf kleinstem Raum gärtnern Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt. Jede und jeder bepflanzt sein eigenes Beet, doch die Ernte wird gerne auch mal geteilt, über den Gartenzaun hinweg. Als Zuschauerinnen und Zuschauer fragen wir uns: Kann das sein, wo bleiben denn die Konflikte? Und schon kommt es zu Spannungen. Doch überraschenderweise werden die Probleme so schweizerisch gelöst, dass wir uns beinahe ertappt fühlen. Im Klubhaus der Gärtner wird basisdemokratisch abgestimmt! Mano Khalils Film zeigt auf poetische Weise, wie ein Ort, der bis vor Kurzem noch der Inbegriff des Kleinkarierten war, sich zum Symbol einer multikulturellen Schweiz verändert.
Wie Mano Khalil durchleuchten andere Kulturschaffende Mikrokosmen dieses Landes, die sich durch die Migration stetig wandeln. Durch ihren Blick verändert sich unsere Wahrnehmung, und es erscheint plötzlich in neuem Licht. Besonders klar wird dies im Film Neuland (2013) von Anna Thommen. Die Filmemacherin taucht in ihrem Debüt tief in den Alltag einer Basler Integrationsklasse ein, in der sich Migrantinnen und Migranten aus aller Welt wiederfinden – viele aus Krisengebieten. Thommen – selbst Lehrerin – begleitet einen Berufskollegen mit der Kamera und filmt während zweier Jahre die Begegnungen, Dramen und Freuden im Klassenzimmer. Mit dem Lehrer Christian Zingg und seinen Schülern durchlebt sie, wie der 19-jährige Essanullah eine Lehrstelle findet. Für andere gestaltet sich der Neuanfang schwieriger und voller Widerstände. Dies zeigt der Film fern jeder Sozialromantik, unverklärt und doch hoffnungsfroh. Lehrer Zingg, der einzige Schweizer im Klassenzimmer, schafft mit Hartnäckigkeit und Offenheit, wovor konservative Kräfte kapitulieren: Er vermittelt die Regeln der Schweiz auf eine integrative Weise. Damit ermöglicht er seinen Schülerinnen und Schülern eine Veränderung in ihrem Leben und einen Neuanfang im Chancenland Schweiz.
Was es bedeutet, neu anzufangen, wissen Kulturschaffende besonders gut. Mit jedem Projekt versuchen sie, die Welt neu zu verstehen. Dass Mano Khalil dies so treffend gelingt, hat vielleicht mit seiner eigenen Geschichte zu tun, die wiederum an die Schicksale in Herrn Zinggs Klasse erinnert. In den 1990er-Jahren strandete er als syrischer Flüchtling und Asylsuchender im Tessin, später wurde er Filmemacher in Bern. Er musste selber mehrmals von Grund auf neu anfangen, bevor er zu einem der renommiertesten Schweizer Dokumentaristen wurde. Seine Filme stossen national und international auf Interesse und zeichnen das Bild einer modernen, multikulturellen Schweiz. Er ist damit zum Aushängeschild geworden – ein Kulturschaffender, auf den die Schweiz stolz ist.
Thommen, Khalil und andere talentierte Filmschaffende halten der Schweiz mit ihren Werken einen Spiegel vor. Sie erzählen Geschichten, die den Nerv der Zeit treffen und den Lauf der Zeit prägen. Multikulturelle Schulklassen und Schrebergärten sehen wir heute als gesellschaftliche Tendenzen der Gegenwart. Morgen werden sie bereits selbstverständlich sein – wie die direkte Demokratie oder die Alpen. Auch das ist die Schweiz: ein veränderbares Land und ein Land, das sich verändert.
«Das Internet ist für uns alle Neuland!» Es war der Satz des Jahres 2013. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hatte ihn gesagt, an einer Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama. 20 Jahre nach der Erfindung des Internets hatte die Kanzlerin die Digitalisierung nun also auch noch entdeckt – viele junge Menschen in Deutschland reagierten verständlicherweise entsetzt. Neuland, das klingt verheissungsvoll, kann aber auch der längst fällige Nachvollzug einer bestehenden Realität sein.
In diesem Buch soll es um ein Neuland gehen, das in seinen Auswirkungen auf unsere Lebensrealität mindestens ebensolche Sprengkraft besitzt wie die Digitalisierung: die Migration. Als Phänomen so alt wie die Menschheit, spätestens seit den grossen Auswanderungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert prägend für die Schweiz, seit der Industrialisierung mitverantwortlich für die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte unseres Landes: Die Migration ist ein konstituierender Faktor der Schweiz, ja gar der eigentliche Schweizer Normalzustand. Wir leben in einem ausgeprägten Migrationsland! Absurderweise debattieren wir heute aber nicht selten über Migration, als ob wir diese mit genügend starker Gegenwehr einfach aus der Welt schaffen und verbieten könnten, um dann endlich wieder zum migrationslosen Normalzustand zurückzukehren und so unseren Frieden zu haben. Genau wie bei der Digitalisierung ist dieser Ansatz der Realitätsverweigerung jedoch kaum erfolgversprechend …
Wir haben die absolut un-digitale Form eines Lesebuchs gewählt, um die heutige gesellschaftliche Realität eines Migrationslands zu erzählen und nebenbei auf unerwartete Fakten aufmerksam zu machen – wussten Sie beispielsweise, dass im Land des stolzen Innovationsweltmeisters Schweiz mehr als 75 Prozent der Hightech-Start-ups von Ausländerinnen und Ausländern gegründet wurden? Als Think-Tank verfolgen wir mit diesem Buch aber auch die Absicht, gemeinsam mit den Menschen in diesem Land eine inklusive Vision der Schweiz zu entwickeln. Einer Schweiz, die eine eigene Identität als Migrationsland hat und daraus Stärke und Zuversicht zieht. Einer Schweiz, die eine herausfordernde, aber prosperierende Zukunft vor sich hat. Lassen wir uns gemeinsam darauf ein, und öffnen wir die Augen für diese Realität. Diese sich verändernde Identität der Schweiz ist Neuland für uns alle! Als partizipativer Think-Tank sind wir aus den Studierstuben hinausgegangen und haben die besten Ideen «crowdgesourced» und bei zahlreichen Veranstaltungen mit der Schweizer Bevölkerung debattiert, um eine inklusive Vision zu entwickeln.
Eine Vision? Brauchen wir das? Bekanntlich werden Visionen in der Schweizer Politik als eher unnötig wahrgenommen. Getreu dem Bonmot des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.» Trotzdem hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz unbemerkt eine ungeheuer wirkungsmächtige Vision in unser kollektives Gedächtnis eingeschlichen und prägt unser Denken: das Bild der selbstgewählt isolierten Heidi-Schweiz, des Freilichtmuseums, des wehrhaften Reduits. Eine Underdog-Schweiz, in der Wohlstand, Freiheit und Unabhängigkeit ständig von aussen bedroht sind. Ja, die Projektion einer idealisierten Vergangenheit auf die Zukunft: Früher war alles besser! Make Switzerland great again! Diese Vorstellung basiert auf einer Geschichtserzählung, die im Jahr 1291 beginnt, Wilhelm Tell und seinem Armbrust-Mord am bösen EU-Vogt Gessler huldigt und zahlreiche weitere heilige Kühe umfasst. Im Rahmen des grossen Jubiläumsjahres 2015 – die Schlachten von Morgarten und Marignano jährten sich, wie auch der Wiener Kongress – wurde die Schweizer Vergangenheit von Historikern wie Thomas Maissen und André Holenstein umfassend aufgearbeitet, und wir erkannten plötzlich, dass wir nicht den ewigen Sonderfall verkörpern, sondern auf eine jahrhundertelange erfolgreiche Vernetzung mit dem europäischen Umland zurückblicken können. Eine alternative, wissenschaftsbasierte Deutung der Vergangenheit – ein neues «Framing» – war entstanden und prägt heute unsere Diskussionen.
Im Gegensatz zu dieser gelungenen, wissenschaftsbasierten Neuinterpretation unserer Vergangenheit haben wir die Schaffung einer konstruktiven Vision für die Zukunft bisher allerdings sträflich vernachlässigt. In einer Zeit der grossen Globalisierungsschübe ist der verklärte Rückblick auf vergangene Zeiten und deren – natürlich unrealistische – «Wiederherstellung» entsprechend populär: Die Masseneinwanderungsinitiative, der Brexit oder auch die Wahl von Donald Trump in den USA zeigen, dass eine grosse gesellschaftliche Verunsicherung herrscht und rückwärtsgewandten Kräften am ehesten der herbeigesehnte Wandel zugetraut wird. Plötzlich erringen extreme Positionen Mehrheiten, und progressive und weltoffene Kräfte sind in der Defensive. Sie haben bis heute keine gleich stark wirkende, plastische Vision, die die laufende Veränderung unserer Gesellschaften positiv beschreibt und Hoffnung macht auf eine gemeinsame Zukunft. In dieser Situation der Zukunftsangst dominiert eine gefährliche Politik die Agenda, die sich das Ernstnehmen sämtlicher Ängste auf die Fahne geschrieben hat, statt eine mutige Agenda und aktive Massnahmen für eine bessere Zukunft zu definieren. Eine konstruktive Vision ist aber eine Notwendigkeit in der Politik, genauso wie Ankunftsziel und Kompass notwendig für den Schiffskapitän sind!
Auf der Suche nach einem neuen Verständnis des Neulands haben wir uns deshalb in den letzten zwei Jahren als Entdeckerinnen und Entdecker in unbekannte Gewässer gewagt, um gemeinsam mit diversen Partnern die heutige, durch Migration geprägte Schweiz und die vorhandenen Abwehrreflexe besser zu verstehen. Und zwar gemeinsam mit allen am «Projekt Schweiz» Beteiligten: Wir suchten politische Partizipation jenseits der Abstimmungssonntage und der formellen politischen Rechte. Wer sich mit konstruktiven Gedanken und Ideen beteiligen wollte, war willkommen und konnte seine Stimme einbringen – digital oder an Live-Veranstaltungen im ganzen Land. Als Crowdsourcing-Think-Tank versuchten wir die «logistischen» Rahmenbedingungen für diese neuen und inklusiven Spielarten der Demokratie zu schaffen. Denn wir wünschen uns eine partizipative Demokratie, in der die Einwohnerinnen und Einwohner Lust haben, aktiver Teil der öffentlichen Debatte zu sein, und mit neuen Beteiligungsinstrumenten arbeiten wollen. Die ausprobierten Formate waren äusserst divers: Wir organisierten sogenannte PoliTische in allen Sprachregionen der Schweiz, um mit Menschen aus sämtlichen Bereichen der Gesellschaft bei informellen Abendessen Inputs und Ideen für eine Vision der Schweiz als Migrationsland zu erhalten. Dann haben wir die Storytelling-Veranstaltungsserie Wahre Geschichten: Neuland organisiert, um Zugewanderten eine Bühne für ihre Geschichten zu bieten und so das gegenseitige Verständnis zu fördern. Dazu kamen unzählige öffentliche Veranstaltungen und Expertentreffen im In- und Ausland. Um die Möglichkeiten der Digitalisierung auszuschöpfen, lancierten wir schliesslich eine Ideencrowdsourcing-Plattform, um online auf die Suche zu gehen nach konstruktiven Inputs, wie das Migrationsland Schweiz gestaltet werden könnte. Aus Hunderten von der Bevölkerung eingereichten Ideen wurden die besten an einem grossen Ideenmarkt mit Entscheidungsträgern diskutiert, um eine tatsächliche Umsetzung zu initiieren.
Die Ergebnisse all dieser partizipativen Formate stellten die Grundlage für den Schreibprozess durch die Mitglieder unserer Denkfabrik dar. Dieses unter der umsichtigen Leitung von Philipp Lutz (Senior Policy Fellow Migration bei foraus) entstandene Buch liefert entsprechend sowohl eine Einführung in die partizipative Demokratie und ihre Instrumente als auch einen Überblick über den aktuellen Migrationsdiskurs in der Schweiz sowie eine darauf basierende Vision für die öffentliche Diskussion. Im ersten Teil des Buchs wird der aktuelle Diskurs über Migration mittels wissenschaftlicher Quellen verständlich aufbereitet. Unsere Partnerinnen von GENTINETTA*SCHOLTEN präsentieren danach exklusiv die Resultate einer linguistischen Diskursanalyse, der vier der von uns geführten PoliTische unterzogen wurden. Auf diese Weise konnten in einem partizipativen Prozess Meinungen, Rückmeldungen und Erkenntnisse zu Topoi und Frames im Migrationsdiskurs in den Arbeitsprozess zurückfliessen. Ausgehend von diesem ersten Teil des Buchs, der eine Diagnose des aktuellen Diskurses vornimmt, schlagen unsere Autoren in einem zweiten Teil eine innovative Vision für dieses «Neuland» vor. Sie zeigen, wie die Schweiz eine Pionierrolle für eine zukunftsgerichtete Migrationspolitik einnehmen kann, die Wohlstand und Lebensqualität für alle realisiert und gleichzeitig eine inklusive Gesellschaft mit freiheitlichen und demokratischen Werten gestaltet. Der dritte Teil des Buchs ist konkreten Ideen zur Umsetzung der entwickelten Vision gewidmet. Er entwirft das Konzept einer regulierten Offenheit als Politikziel und präsentiert eine Übersicht der möglichen Mittel und Wege, wie eine fortschrittliche Migrationspolitik gestaltet werden kann. Im letzten Teil des Buchs schliesslich erfahren neugierige Leserinnen und Leser mehr über die zivilgesellschaftlichen Formate, die wir im Rahmen des Projekts angewendet haben. Es kann als Anleitung und Inspiration für neue Formen der politischen Partizipation dienen und über die Thematik der Migration hinaus zur demokratischen Meinungsbildung beitragen.
Während des gesamten Projekts haben wir mit Tausenden Menschen debattiert und den Austausch gesucht; wir haben das Land in all seinen Winkeln besucht und die von der Migration geprägte Schweizer Wirklichkeit von heute beschrieben. Überall haben wir Ansätze des Neulands Schweiz gefunden, die wir nun in diesem Buch präsentieren. Es gibt viele Herausforderungen, unzählige Chancen und vieles zu entdecken. Wir sind schon unterwegs in Richtung Neuland! Wir brauchen Mut, Zuversicht und politische Vista. Das dafür notwendige Engagement fällt nicht vom Himmel – es erfordert die Mitarbeit von uns allen. Dieses Buch ist eine Einladung, dieser progressiven Schweiz ein Gesicht zu geben und gemeinsam ihre Zukunft zu gestalten. Wir schaffen das!
«Diversity is, increasingly, the fate of the modern world. The capacity to live with difference is the coming question of the twenty-first century.»Stuart Hall1
Die Schweiz ist, heute mehr denn je, ein Migrationsland – ihr Wohlstand und ihre Lebensqualität sind so stark wie nie zuvor von der grenzüberschreitenden Mobilität abhängig, und der Takt der modernen Gesellschaft wird zunehmend vom internationalen Austausch bestimmt. Die Schweiz hat sich dadurch verändert. Alte Privilegien und Zugehörigkeiten haben sich aufgelöst und neuen gesellschaftlichen Realitäten einer stärker vernetzten Welt Platz gemacht. Wir sind alle Teil dieser Migrationserfahrung, entweder direkt durch eine eigene Migrationsgeschichte oder in der Art und Weise, wie Migration unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltag prägt. Gesellschaftliche und politische Umwälzungen fordern uns alle heraus und verlangen, dass wir uns weiterentwickeln und lernen, mit neuen Gegebenheiten umzugehen. Die Schweiz steht heute vor der Aufgabe, die Realität als Migrationsland mit ihrem kollektiven Selbstverständnis in Einklang zu bringen. Wie also prägt unser Verständnis der Schweizer Identität unser Denken über Migration? Welche Herausforderungen für das gesellschaftliche Zusammenleben stellen sich im Migrationsland Schweiz? Wir zeigen im Folgenden auf: Das Selbstbild, das wir unserer politischen Gemeinschaft geben, bestimmt die Wahrnehmung und den politischen Umgang mit der Migrationsrealität.2
Über kaum ein anderes politisches Thema wird derart leidenschaftlich gerungen wie über die Migration. Dies hat mit der zentralen Frage zu tun, um die sich die Migrationsdebatte im Kern dreht und die in der öffentlichen Auseinandersetzung meist direkt unter der Oberfläche schlummert: Was macht die Schweiz aus, und was hält sie zusammen? Wer sind wir, und was heisst es, Schweizerin oder Schweizer zu sein? Die Vorstellung einer «Schweizer Nation» ist ein zentraler, wenn auch meist unausgesprochener Aspekt der heutigen Migrationsdebatte. Implizit oder explizit geht es dabei immer wieder um die symbolische Trennlinie zwischen uns und den anderen und damit um die Identität als Teilnehmende am Projekt Schweiz. Dies macht die Migrationspolitik zu einem entscheidenden Politikfeld, in dem es um weit mehr geht als um die Verteidigung unterschiedlicher Interessen oder um die optimale Höhe der Nettozuwanderung. Es geht ebenso um die Auseinandersetzung mit politischen Identitäten und gesellschaftlicher Teilhabe – es geht darum, wer die Einwanderer sind, jedoch noch viel mehr darum, wer wir sind. Im Zentrum steht dabei die Frage: Wer darf dazugehören und wer nicht? Weil Migration sowohl die Identitäten von Migrierenden wie auch Einheimischen herausfordert, sind diffuse Emotionen in der Debatte oft einflussreicher als Arbeitsmarktstatistiken.
Wird die Migrationsdebatte unter der Perspektive eines Identitätsdiskurses betrachtet, öffnet dies die Möglichkeit, die scheinbaren Widersprüchlichkeiten dieser Debatte sinnvoll einzuordnen. Obwohl Migration eine gesellschaftliche Konstante ist und in der Schweiz längst eine Normalität darstellt, wird sie oft reflexartig als Problem und als Störung einer natürlichen Ordnung wahrgenommen. Lieb gewonnene Mythen und diffuse Ängste sind allgegenwärtig und prägen das Denken über Migration. Dieser scheinbaren Irrationalität im Umgang mit Migration liegt jedoch eine treibende Motivation zugrunde: die Selbstvergewisserung der nationalen Identität und die Verteidigung daran geknüpfter Privilegien. Die Migrationsdebatte lässt sich dann verstehen, wenn diese Motivation verstanden wird.
Gefühlte Entfremdung und Sorgen um die persönliche Identität sind reale Phänomene und verlangen eine politische Adressierung. Das Ernstnehmen verunsicherter Bürgerinnen und Bürger besteht darin, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und nebst der Konfrontation mit Fakten auch inklusive Erzählungen anzubieten, die den Realitäten des Migrationslands Schweiz entsprechen und uns befähigen, uns in der modernen Welt einzuordnen. Denn der Migrationsdiskurs ist wesentlich von rhetorischen Deutungsmustern geprägt, die das Phänomen der Migration nicht nur beschreiben, sondern es auch gleichzeitig mit einer Wertung versehen. Unsere Wahrnehmung von Migration ist geprägt durch das kollektive Selbstbild der Schweiz – der Vorstellung einer Schweizer Nation und der Unterscheidung zwischen dem Wir und dem Fremden.
Migrationsmetaphern
Die Berichterstattung über Migration wird geprägt durch Metaphern über Migrantinnen und Migranten. Migrationsmetaphern sind Sprachbilder, die an gewohnten Vorstellungen anknüpfen, um Migration sinnbildlich darzustellen. Sie übertragen komplexe und abstrakte Phänomene in bekannte und konkrete Zusammenhänge. Dadurch erzeugen Metaphern unterschiedliche Wahrnehmungen und bestimmen die Kategorien, in denen wir über Migration denken. Metaphern prägen sich leicht ein und eignen sich daher zur argumentativen Überzeugung. Als hilfreiche und wirkungsmächtige Kommunikationsinstrumente vereinfachen sie die Realität und erleichtern so deren Interpretation. Dadurch sind Metaphern in vielen Fällen hilfreich – aber auch in vielen Fällen problematisch, nämlich dann, wenn sie unbedacht Anwendung finden und, anstatt die Realität verständlich zu machen, ein Zerrbild vermitteln. Die Art und Weise, wie Metaphern Migration deuten, rückt Migrantinnen und Migranten in ein bestimmtes Licht und legt bestimmte Schlussfolgerungen sowie politische Optionen nahe. Sprache ist mächtig und gestaltet Politik – insbesondere, wenn es um Identität und Zugehörigkeit geht. Über Metaphern wird beispielsweise vermittelt, ob Migration als Selbstverständlichkeit oder als Bedrohung erscheint. In den nächsten Kapiteln finden sich Exkursboxen zu den häufigsten Migrationsmetaphern und dazu, welche Bilder diese von Migration transportieren.
Im alltäglichen wie auch im politischen Umgang mit Migration entscheiden wir laufend – sei es bewusst oder unbewusst – über Zugehörigkeit und Ausschluss. Die Kriterien, die wir dabei anwenden, definieren gleichzeitig, wer wir sind oder sein wollen. So zum Beispiel im Fall der Familie Halili aus Bubendorf, die vor dem Krieg im Kosovo in die Schweiz geflüchtet ist und sich hier ein neues Zuhause aufgebaut hat.3 Die Familie beantragte das Schweizer Bürgerrecht – und die Gemeindeversammlung verweigerte diesen Wunsch nach politischer Zugehörigkeit, da der Familienvater mit Trainerhose durchs Dorf spaziere. Das Tragen von Trainerhosen wird damit als «unschweizerisch» klassiert und als Mangel an Integration gewertet. Während Schweizerinnen und Schweizer sich so kleiden dürfen, wie sie wollen, wird von Zugewanderten die Anpassung an ein Schweizer Idealbild verlangt. Dies zeigt exemplarisch, wie der Umgang mit Migration dem symbolischen Ziehen von Grenzen dient und welche direkten Auswirkungen solche Grenzziehungen auf das Zusammenleben in der Schweiz haben. Denn Migrationspolitik ist in der öffentlichen Diskussion immer auch Identitätspolitik. Anstatt auf der Ebene von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen zu verhandeln, wie Migration sinnvollerweise organisiert werden sollte, dient Migrationspolitik oftmals dem Streit darüber, wer das kollektive Wir darstellt, wer zum Volk gehören darf und wer nicht. Das gesamte menschliche Denken basiert sehr stark auf solchen Kategorisierungen: Wir ordnen unsere soziale Welt, indem wir Menschen in Kategorien einteilen und ihnen bestimmte Identitäten zuweisen. Diese Kategorisierungen prägen sowohl die Art und Weise, wie Individuen wahrgenommen werden, als auch, wie sie sich selber wahrnehmen. In welchen Kategorien wir über uns nachdenken, prägt, wie wir die anderen sehen.
Das Selbstbild, das sich eine Gemeinschaft gibt, erfüllt einen bestimmten Zweck: Es generiert Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und stiftet Identität. Soziale Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis der Menschen und essenziell für die Sinngebung im Leben.4 Wir haben die Tendenz, das Selbstbild von uns als Individuum und von der eigenen Gruppe möglichst positiv einzuschätzen. Ein gegenteiliges negatives Fremdbild dient dabei der Abgrenzung und hilft, das Selbstbild zu bestätigen. Identitäten basieren notwendigerweise auf Stereotypen und sind eine Verzerrung der viel komplexeren Realität. Meist überlagert sich eine Vielzahl unterschiedlicher Identitäten in einer Person, ohne miteinander in Konkurrenz zu geraten. Die Selbstbilder beziehen sich dabei gleichzeitig auf reale und auf vorgestellte Beschreibungen unserer sozialen Realität. Weniges wird besonders herausgestrichen, während vieles ausgeblendet wird. So gelingt es, eine Übereinstimmung zwischen der Wahrnehmung der Realität und dem Selbstbild herzustellen.5
Jede Gesellschaft steht vor der Notwendigkeit, ihre Bewohnerinnen und Bewohner zu einem politischen Gemeinwesen zu integrieren, wenn sie ein funktionierendes modernes Staatswesen bilden möchte. Das heisst konkret, dass sozialer Zusammenhalt entstehen muss, damit sich gegenseitiges Vertrauen und Solidarität entwickeln können. Denn nur dann sind die Bürgerinnen und Bürger bereit, etwa in Form des Militärdienstes oder des Wohlfahrtsstaats, solidarisch zum Gemeinwesen beizutragen. Eine solche Zugehörigkeit kann als Gesellschaftsvertrag betrachtet werden, dem sich alle Bewohnerinnen und Bewohner anschliessen und der die Grundlage eines gemeinsamen Staatswesens bildet. Das Selbstbild, das sich eine Gesellschaft gibt, begründet die Legitimation für das politische System. Dieses ist nie statisch, sondern verändert sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung, denn nur dann kann es seine Integrationsfunktion erhalten. Lange Zeit war die Basis dieses Selbstbilds die gemeinsame Herrschaft (eines Monarchen beispielsweise) und die gemeinsame Religion.6 Nach der Französischen Revolution und der Reformation waren es zunehmend Ethnizität, Sprache und Kultur, auf deren Basis die Idee der Nation geschaffen wurde. Bis heute stellt der Nationalstaat das wirkungsvollste Zugehörigkeitsnarrativ und die dominierende politische Organisationsform dar.
Die Nation ist die Vorstellung einer natürlichen Schicksalsgemeinschaft mit gemeinsamer Herkunft und Abstammung – eine Zugehörigkeit basierend auf Gemeinsamkeiten, die die Mitglieder der Nation von anderen unterscheiden. Erst in diesem Rahmen von nationalen Bewegungen entstand die Idee der Vereinheitlichung von kulturellen Ressourcen als notwendige Grundlage für eine Gesellschaft und wurde von nationalstaatlichen Institutionen verbreitet. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts hat auch in der Schweiz eine schrittweise Nationalisierung stattgefunden, bei der Architektur, Kunst, Literatur, Sprache und Kulinarik allmählich zu einer nationalen Tradition geformt wurden und sich die Nation als Banalität im Alltag etablierte. Während sich Unterschiede im sozialen und kulturellen Leben selten an territoriale Grenzen halten, erachten wir es heute als selbstverständlich, etwa von Schweizer Käse und Schweizer Architektur zu sprechen. Das Paradoxe an dieser Vorstellung der Nation ist, dass sie durch ihre Mythen und die konstruierte gemeinsame Geschichte als etwas Uraltes und Natürliches verstanden wird, obwohl diese Erfindung von Tradition eine Konstruktion der Moderne ist. Die Idee einer Einheit von Territorium, Volk, Sprache, Kultur und Mentalität konnte in der Realität auch kaum je verwirklicht werden. So sind Unterschiede innerhalb der Schweizer Gesellschaft oft weitaus grösser als die Unterschiede zwischen der Schweiz und ihren Nachbarländern. Die Idee der Schweizer Nation schafft jedoch als wirkungsmächtige Fiktion Zugehörigkeit, Solidarität und Identität und vermag damit den sozialen Kitt zu erzeugen, der die Gesellschaft zusammenhält. Nationale Mythen sind daher zweckmässige Konstruktionen zum sozialen und politischen Zusammenhalt von Nationalstaaten.
Die Vorstellung jedoch, dass alle Bürgerinnen und Bürger Teil einer homogenen Kultur mit gemeinsamer Herkunft sind, trifft auf die Schweiz noch weniger zu als auf die meisten anderen Nationalstaaten. Denn die Schweiz verfügt weder über eine gemeinsame Sprache, noch sind Religion, Geschichte oder Kultur auch nur annähernd homogen. Spätestens wenn wir uns die Frage stellen, inwiefern alle Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz gleich denken und handeln, wird klar, dass die Homogenität eine Illusion ist: Allein der Blick auf die Parteienlandschaft und die sich entgegenstehenden Werthaltungen bezeugen dies. Es sind also weder alle Angehörigen einer Nation gleich, noch sind die Bürgerinnen und Bürger einer anderen Nation alle (gleich) anders. Dies illustriert die Unmöglichkeit, Kriterien zu finden, die Menschen trennscharf in unterschiedliche Nationen oder Kulturen aufteilen. Noch stärker als die meisten Nationalstaaten war die Schweiz von Anfang an ein pluralistischer Staat, basierend auf verschiedenen Sprachen und Konfessionen. Nationale Mythen wie Wilhelm Tell oder der Rütlischwur wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts popularisiert und damit lange nach der Staatsgründung von 1848. Der Staat schuf die Nation und nicht umgekehrt. Es sind in erster Linie die politischen Institutionen und die demokratische Verfassung, die die Schweiz zu einem Nationalstaat zusammengefügt haben.7 Die Schweiz ist damit ein Idealtyp einer politischen Willensnation auf gesellschaftlich und kulturell heterogener Grundlage. Die Identität der Schweiz kann also nicht in der Zugehörigkeit ihrer Bevölkerung zu einer gleichen Ethnie oder Kultur bestehen, sondern in der Zugehörigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger zum gleichen Staat und zu seiner demokratischen Verfassung.
Doch gerade weil die Schweizer Bevölkerung nebst den politischen Institutionen wenig Gemeinsamkeiten aufweist, war und ist die Abgrenzung nach aussen ein essenzieller Teil der schweizerischen Identitätskonstruktion.8 Obwohl sich die Schweiz also erst spät zu einem Nationalstaat entwickelte, traten hierzulande Überfremdungsdebatten früh und virulent zutage. Die angebliche Gefahr einer «Überfremdung» war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein wirksames politisches Deutungsmuster und deren Abwendung das erklärte Ziel der «Fremdenpolizei». Der Überfremdungsbegriff war für die Schweiz besonders geeignet, um eine helvetische «imaginierte Gemeinschaft» zu entwickeln, ohne dabei die interne kulturelle Vielfalt infrage zu stellen. Noch heute kennt die Schweiz ein ethnisches Bürgerrechtsverständnis – das sogenannte «ius sanguinis» –, bei dem das «Schweizer-Sein» dem Prinzip nach aufgrund gemeinsamer Abstammung definiert wird und nicht aufgrund faktischer Zugehörigkeit.
Heute stellt die Globalisierung alte Zugehörigkeiten infrage und konfrontiert den Einzelnen mit einer von komplexen Zusammenhängen geprägten Welt, die sein Fassungsvermögen zu übersteigen droht: Die Welt wird unübersichtlich. Der empfundene Kontrollverlust kann auch nicht auf eine klar identifizierbare äussere Bedrohung zurückgeführt werden. Dadurch gewinnen die Fragen «Wer bin ich?» und «Wer bin ich nicht?» an Bedeutung. Die daraus resultierende Unsicherheit äussert sich in einer verstärkten Rückbesinnung auf die identitäre Vorstellung der homogenen Nation. In einer Zeit, wo unsere Gesellschaft von einer zunehmenden Offenheit und Vielfalt geprägt ist, erzeugt dies bei jenen Mitgliedern, die sich an einheitlichen Traditionen orientieren, Unsicherheit und den verstärkten Wunsch, zur «guten alten Ordnung» zurückzukehren, wo alles noch vermeintlich klarer, natürlicher und authentischer war. Somit findet zeitgleich mit der von der Globalisierung verursachten Infragestellung des Nationalen eine Stärkung nationalstaatlicher Grenzen statt. Migrationspolitik dient dabei als Mittel der Selbstvergewisserung über vorgestellte Grenzen.
Kollektive Identitäten sind nicht statisch, sondern dynamisch und wandelbar – ja sie müssen sich verändern, um in einer sich verändernden Welt den Zweck des gesellschaftlichen und politischen Zusammenhalts weiterhin gewährleisten zu können. Das Festhalten an einem überholten Selbstbild führt hingegen zu kognitiver Dissonanz, einem inneren unbehaglichen Widerspruch zur Realität, wodurch die Idee der Nation ihre Integrationsfunktion immer weniger wahrzunehmen vermag. Wenn die Welt in eklatantem Widerspruch zu unseren Vorstellungen steht, dann kann uns diese Vorstellung nicht mehr als gesellschaftliche Orientierungshilfe dienen. Dieser Widerspruch zwischen der vorgestellten Wirklichkeit einer homogenen Nation und der tatsächlichen Migrationsrealität nährt diffuse Gefühle und Ängste vieler Bürgerinnen und Bürger im heutigen Migrationsland. Doch selbst wenn sich die Vorstellung nicht mit der Realität deckt, verschwindet sie nicht, solange keine überzeugenden alternativen Identitätskonstruktionen zur Verfügung stehen. In jedem Fall bestimmt die selbstgewählte Definition der Schweiz auch die Wahrnehmung von Migration.
Einem helvetischen Bonmot zufolge gibt es für die Schweizerinnen und Schweizer nur zwei Länder – das Inland und das Ausland.9 Dieser Kategorisierung folgend hat Migration in unserer Wahrnehmung so gut wie immer mit dem Ausland zu tun. Eine Migrantin oder ein Migrant ist automatisch Ausländerin oder Ausländer. Migriert jedoch ein Schweizer oder eine Schweizerin, so ist er oder sie Auslandschweizerin oder Expat.10 Deshalb richtet sich die Perspektive in der Migrationsdebatte fast immer auf die sogenannten anderen und Fremden und kaum je auf die eigene Mobilität.
Die Frage, wie wir Zugehörigkeit zur Schweiz definieren, bestimmt die Wahrnehmung und das politische Handeln im Umgang mit der Migration. Ist von einem Migranten oder einer Ausländerin die Rede, so geht es im Wesentlichen darum, dass diese Personen aus der «Fremde» kommen und demzufolge Nicht-Schweizerinnen und Nicht-Schweizer sind. So führt die Vorstellung einer homogenen Nation dazu, dass selbst in der Schweiz geborene Inländer gemeinhin als Ausländer definiert werden (z.B. Secondos). Dort, wo das Bild der homogenen Schweiz mit der real existierenden Vielfalt kollidiert, wird schliesslich gerne das Bild aufrechterhalten, indem von «richtigen» und «falschen» Schweizerinnen und Schweizern oder auch von «Eidgenossen» und «Papierlischweizern» die Rede ist.
Migration untergräbt die nationalistische Grundannahme eines Territoriums, das überwiegend von einer ethnisch, kulturell und sprachlich homogenen Bevölkerung bewohnt wird. Auch transnationale Identitäten, bei denen sich Personen mehr als einer Nation verbunden fühlen, widersprechen der Vorstellung einer klaren Abgrenzung zwischen In- und Ausländern. In einer Welt von Nationalstaaten wird Migration als zeitlich begrenzte Ausnahme interpretiert – die Idee der Sesshaftigkeit bildet die Normvorstellung. Das erklärt auch, warum Migration oftmals intuitiv als Problem angesehen wird. Durch ein nationales Bewusstsein wird die stattfindende Migration entgegen der historischen Realität als abnormal und unnatürlich wahrgenommen. Migrantinnen und Migranten übertreten die vorgestellten Grenzen der nationalen Gemeinschaft und wecken dadurch Befürchtungen, dass ihre Ankunft die nationale Gemeinschaft stören könnte. Dadurch, dass Migrierende als unliebsame Störung eines Naturzustands wahrgenommen werden, erscheint Migration als etwas, das ausser Kontrolle geraten ist und nach Steuerung und Eindämmung verlangt. Obwohl alle modernen Gesellschaften das Produkt von Migration sind, wird gewöhnlich das Bild gezeichnet, wonach Migration per se ein neuartiges, aussergewöhnliches und problematisches Phänomen sei. Die Vorstellung von internationaler Migration als Bedrohung und Abnormalität ist somit mitunter ein Produkt des modernen Nationalstaats, ebenso wie die migrationspolitischen Erfindungen des Reisepasses und der systematischen Grenzkontrollen. Wie Migration in der Schweiz gerade nach dem Zweiten Weltkrieg als grundsätzliches Problem wahrgenommen wurde, zeigt die Fachkommission, die mit Migrationsfragen betraut war: Sie hiess von 1960 bis 1970 «Kommission für das Ausländerproblem».11 Dies ist ein schönes Beispiel für den konditionierten Reflex, Migration per se als Problem zu sehen. Diese Problemwahrnehmung entwickelt sich so zur Selbstverständlichkeit und Selbstevidenz, dass man sie praktisch nicht wahrnimmt oder infrage zu stellen vermag. Wie sehr die Wahrnehmung von Migration eine Abgrenzung von den anderen ist, lässt sich auch darin wiederfinden, dass die Migration von Schweizerinnen und Schweizern einerseits selten thematisiert und andererseits kaum als problematisch wahrgenommen wird.
Der migrationspolitische Diskurs bestimmt die symbolischen Grenzen zwischen uns und den anderen. Wie wir das uns konzipieren, bestimmt damit auch, wann jemand nun Schweizer oder Schweizerin ist, oder eben Ausländerin oder Ausländer. In der Schweiz teilen viele Bürgerinnen und Bürger negative Einstellungen gegenüber Migration und möchten diese reduziert sehen. So taucht das Thema Migration meist weit oben auf dem Sorgenbarometer auf – so befanden im Jahr 2016 gemäss repräsentativer Umfrage 77 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten, die Einwanderung gefährde die Schweizer Identität.12 Wissenschaftliche Studien zeigen denn auch, dass diese Ablehnung von Einwanderung weniger mit Angst vor wirtschaftlicher Konkurrenz als vielmehr mit der Angst einer Bedrohung der kulturellen Identität verbunden ist.13 In der Tendenz werden diese Sorgen stärker, je rascher sich der gesellschaftliche Wandel durch Globalisierung und Modernisierung vollzieht.14
Eine starke Identifizierung mit seinem Land führt aber nicht zwangsläufig zu ablehnenden Einstellungen, sondern hängt vom persönlichen Schweizbild ab: Wer sich sein Land als Nation mit gemeinsamer Abstammung vorstellt, lehnt Zuwanderung viel stärker ab als eine Person, die sich sein Land als zivile Nation basierend auf einer gemeinsamen Verfassung vorstellt.15 In Gesellschaften, die stärker eine ethnische Identität vertreten, lassen sich in der Konsequenz häufiger negative Stereotype über Zuwanderer finden.16 Somit trägt die Fiktion einer ethno-kulturell homogenen Nation massgeblich dazu bei, dass sich einerseits einheimische Menschen durch Migration in ihrer Identität bedroht und entfremdet sehen und sich andererseits Migrantinnen und Migranten ausgeschlossen und nicht willkommen fühlen. In einer immer vielfältigeren Migrationsgesellschaft führt die Vorstellung gemeinsamer Abstammung in der Folge zum symbolischen Ausschluss von immer mehr Bewohnerinnen und Bewohnern und zu einem abnehmenden gegenseitigen Vertrauen innerhalb der Gesellschaft.17
Wird Migration als Bedrohung empfunden, dann wird darin rasch reflexartig ein prinzipielles Problem erkannt. Es lassen sich leicht Gründe konstruieren, die diese Intuition bestätigen und rechtfertigen. Denn Menschen haben die Tendenz, lieber nach Rechtfertigungen ihrer intuitiven Wahrnehmung zu suchen, anstatt zu versuchen, die Wahrheit zu ergründen – vor allem dann, wenn ihnen diese bedrohlich vorkommt und ihre Identität infrage stellt.18 In der Psychologie nennt man dieses Phänomen «motivated reasoning»: Informationen werden selektiv ausgewählt und interpretiert, sodass sie ins eigene Weltbild passen und die persönlichen Überzeugungen nicht infrage stellen. Dadurch kann es gelingen, die kognitive Dissonanz zu vermeiden und trotz widersprechender Realität an seinem Glauben (an die Existenz einer homogenen Schweiz und der Migration als Bedrohung) festzuhalten. Das erklärt auch die Vielfalt, Wandelbarkeit und Widerstandskraft von Argumentationen gegen Migration. Ähnlich einer Hydra wachsen bei argumentativer Entkräftung sofort wieder neue Argumente nach, um die eigenen Bedrohungsgefühle zu rechtfertigen.19
Um einen konstruktiven Umgang mit Migration zu ermöglichen, ist es daher wichtig, diese Gefühle von Entfremdung und Bedrohung nicht nur einfach zu delegitimieren, sondern deren Ursache und Folgen für den Umgang mit Migration nachzuvollziehen und ihnen aktiv zu begegnen. Eine evidenzbasierte Migrationspolitik erfordert es, sich von dem Verständnis der Migration als Abweichung einer naturgegebenen Norm zu befreien und einen frischen Blick auf die Migrationsrealität zu wagen. Die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Entscheiden soll dabei im Mittelpunkt stehen – basierend auf sachbezogener Argumentation und einem offenen Diskurs darüber, was die Schweiz ausmachen soll.
«Wenn es die Einwanderer nicht gäbe, müsste man sie erfinden – um Sündenböcke zu schaffen.»Nigel Harris20
Migrantinnen und Migranten ermöglichen nicht nur die Abgrenzung der Schweizer Identität, sie eignen sich auch als Projektionsfläche für beinahe jegliches negative Empfinden. Ein perfektes Beispiel dafür liefert die helvetische Wortschöpfung des sogenannten Dichtestresses – dieser Fachbegriff aus der Biologie erlebte ein Aufblühen in der Schweizer Migrationsdebatte, weil es ihm gelingt, einem diffusen Gefühl von Entfremdung einen passenden Ausdruck zu verleihen. Der Begriff tauchte erstmals in der Debatte zur Masseneinwanderungsinitiative auf – als Begriff für eine empfundene Ungemütlichkeit, die sich durch Einwanderung in die Schweiz eingestellt habe.
