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Der Tatzelwurm geht um … Im abgelegenen St. Gröben erzählt man sich seit Jahrhunderten die Legende des furchterregenden Tatzelwurms, der in der Dunkelheit durch die Berge streift. Doch nach einer schwarzen Neumondnacht ist es kein Fabelmonster, das in der nahegelegenen »Selbstmörderschlucht« gefunden wird – sondern eine Leiche. Chefinspektor Otto Morell, der eigentlich zum Skifahren nach St. Gröben gekommen ist, nimmt sich des Falles an. Als kurz darauf ein Skelett in einer Höhle gefunden wird, beginnt er zu ahnen, dass er es hier mit einem Verbrechen zu tun hat, dessen Anfang schon viele Jahre zurückliegt. Und mit einem Täter, der zu allem bereit ist, um alle Mitwissenden zum Schweigen zu bringen … »Herrlicher Lesespaß.« Lübecker Nachrichten Band 3 der abgründigen österreichischen Krimireihe von Bestsellerautorin Daniela Larcher, besser bekannt als Alex Beer. Zu Band 4, »Teures Schweigen«: Ein toter Antiquitätenhändler und ein rätselhafter Teppich führen Morell auf die Spuren alter Sünden in den Wiener Adelskreisen. Alle Bände der Reihe: Band 1: Die Zahl Band 2: Zu Grabe Band 3: Neumond Band 3: Teures Schweigen Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Im abgelegenen St. Gröben erzählt man sich seit Jahrhunderten die Legende des furchterregenden Tatzelwurms, der in der Dunkelheit durch die Berge streift. Doch nach einer schwarzen Neumondnacht ist es kein Fabelmonster, das in der nahegelegenen »Selbstmörderschlucht« gefunden wird – sondern eine Leiche. Chefinspektor Otto Morell, der eigentlich zum Skifahren nach St. Gröben gekommen ist, nimmt sich des Falles an. Als kurz darauf ein Skelett in einer Höhle gefunden wird, beginnt er zu ahnen, dass er es hier mit einem Verbrechen zu tun hat, dessen Anfang schon viele Jahre zurückliegt. Und mit einem Täter, der zu allem bereit ist, um alle Mitwissenden zum Schweigen zu bringen …
eBook-Neuausgabe Dezember 2025
Dies ist eine Neuausgabe des bereits im Fischer Taschenbuch Verlag erschienenen Titels Neumond.
Copyright © der Originalausgabe, 2014 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Kai Gathemann GbR, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Stefan Hilden, hildendesign.de © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-660-9
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Daniela Larcher
Kriminalroman
»Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst.«
Hans Christian Andersen
Seit Stunden lag der elfjährige Patrick Oberhausner nun schon mit geschlossenen Augen in seinem Bett und versuchte, die vielen wirren Gedanken, die wie verschreckte Insekten in seinem Kopf herumflatterten, zu beruhigen. Es war wie verhext: Obwohl sich sein Körper bereits unendlich schlaff und schwer anfühlte, konnte er nicht einschlafen. Sein Hirn war einfach nicht in der Lage abzuschalten, dafür war er viel zu angespannt. Denn heute war eine Neumondnacht. Sprich eine ganz besondere Nacht – eine gefährliche Nacht.
Er betrachtete die vielen bunten Sagen- und Märchenbücher, die sich neben seinem Bett türmten, und ließ seine Fingerspitzen sanft über deren Rücken gleiten. Sofort durchströmte ihn eine Welle der Beruhigung. Solange er seine Bücher hatte, konnte ihm nichts geschehen – darin stand alles geschrieben, was er wissen musste, um heil durch eine bedrohliche Zeit wie diese zu kommen. Denn bei Neumond war es so finster, dass die Gestalten, die im Wald hinter dem Haus lebten, unbemerkt aus ihren Verstecken schlüpfen und nach Opfern suchen konnten. Heute war es zudem auch noch furchtbar stürmisch, und das Sausen und Brausen des Windes, der durch die dunklen Tannen peitschte, übertönte jedes andere Geräusch.
So konnten die bösen Zauberer, Trolle und Hexen ohne Probleme herumschleichen und ihren gemeinen Schabernack treiben. Es war darum sehr wichtig, in einer Nacht wie heute genau aufzupassen, was man sagte, tat oder gar dachte. Ein zu lautes Wort konnte die Wesen anlocken, und meist reichte eine hastige Bewegung oder auch nur ein falscher Gedanke, um sie zu verärgern. Dann verfluchten und verwünschten sie einen oder taten einem sogar noch Schlimmeres an.
»Die verlorenen Seelen sind nicht gut auf uns zu sprechen. Manch einer, der ins Gehölz hineingegangen ist, ist nicht mehr herausgekommen«, hatte seine Großmutter, eine weise alte Frau, oft gesagt.
Sollte er es trotzdem wagen, einen flüchtigen Blick aus dem Fenster zu werfen? »Nein«, sagte er, raufte sein störrisches blondes Haar und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Zu gefährlich.« Er schlug noch einmal zu und noch einmal und noch einmal – das tat er immer, wenn er nervös war. Das gleichmäßige Klatschen und der kribbelnde Schmerz beruhigten ihn und halfen ihm, sich zu fokussieren. »Zu gefährlich, zu gefährlich, zu gefährlich«, wiederholte er im Rhythmus der Schläge.
Dabei hätte er doch so gerne kurz hinausgeschaut und einen Blick auf den Wald riskiert. Es gab schließlich auch ein paar gute Geister, und wenn man einen von ihnen sah, durfte man sich etwas wünschen.
Der Gedanke daran zauberte ein Glitzern in seine großen, braunen Kinderaugen. Es gab so vieles, das er gerne hätte: zum Beispiel Feenstaub, eine Tarnkappe, Siebenmeilenstiefel, einen Zauberstab, einen fliegenden Teppich und eine Wunderlampe.
Patrick nahm all seinen Mut zusammen, schälte sich aus seiner Decke, richtete sich langsam auf und schaute nach draußen in die Dunkelheit.
Chefinspektor Otto Morell saß in der Polizeiinspektion des kleinen Tiroler Örtchens Landau, zog ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und kaute unmotiviert auf einem Croissant herum, als sein Assistent Robert Bender den Raum betrat.
»Was ist denn mit Ihnen los?«, fragte Bender, als er die Leidensmiene seines Chefs bemerkte.
»Urlaub«, sagte Morell kurz und knapp.
»Auwei. Ist etwas dazwischengekommen?«
»Nein.« Morell legte das angebissene Croissant auf einen Teller, der vor ihm auf dem Schreibtisch stand, und wischte sich ein paar Brösel vom Hemd. »Eben nicht.«
Bender verstand nur Bahnhof. »Also wenn ich in wenigen Stunden nach St. Gröben fahren würde, wo gut präparierte Skipisten, wunderschöne Langlaufloipen und tolle Après-Ski Bars warten, dann wäre ich jetzt um einiges besser drauf als Sie. Wo liegt also das Problem?«
»Wo das Problem liegt?« Morell schob den Teller mit einer ausladenden Handbewegung von sich weg. »Diese Frage hast du dir eben selbst beantwortet: Skipisten, Langlaufloipen und Après-Ski Bars. Etwas Schlimmeres gibt es nicht.« Er verschränkte die Arme vor seinem massigen Bauch und holte tief Luft.
Bender starrte das halb aufgegessene Croissant an und verstand die Welt nicht mehr. Normalerweise hatten Süßspeisen eine geschätzte Lebensdauer von weniger als einer Minute, wenn sie es wagten, auch nur in die Nähe seines Chefs zu kommen. Das musste eine riesige Laus gewesen sein, die Morell da über die Leber gelaufen war.
»Du weißt, wie sehr ich jegliche Form von Gewalt verabscheue. Und du weißt auch, wie sehr ich Fleisch hasse, oder?«, unterbrach Morell die Gedanken seines Assistenten, wuchtete sich aus dem Sessel und fing an, die vielen seltenen Pflanzen zu gießen, mit denen sein Büro vollgestellt war.
Bender nickte – jeder im Dorf wusste, dass der strikte Vegetarier und Hobbygärtner Morell sich vor einigen Jahren extra aus Wien in das kleine, verschlafene Landau hatte versetzen lassen, damit er sich nicht mehr mit Kapitalverbrechen beschäftigen musste.
»Ich verrate dir ein Geheimnis. Es gibt da eine Sache, die mir noch mehr zuwider ist, als beides zusammen.«
Bender starrte seinen Chef mit offenem Mund an. »Schlimmer als Mord und tote Tiere? Da bin ich jetzt aber gespannt!«
Um den dramatischen Effekt noch etwas zu steigern, ließ Morell seinen Assistenten ein paar Augenblicke zappeln, bis er theatralisch verkündete: »Wintersport.«
»Wintersport?« Bender, der mit irgendwelchen spektakulären Abscheulichkeiten gerechnet hatte, war noch verwirrter als vorher.
»Ja genau. Wintersport.« Morell verzog das Gesicht und schüttelte sich. »Was finden Menschen nur so toll daran, sich bei Minusgraden irgendwelche Berghänge hinunterzuquälen? Das ist einfach nur anstrengend, gefährlich und kalt. Und weißt du, was mindestens genauso schlimm ist, wie der ganze Sportkram selbst?« Er wartete die Antwort seines Assistenten gar nicht erst ab, sondern schimpfte direkt weiter. Dabei gestikulierte er so wild, dass er einen der Pokale, die er beim jährlichen Wettbewerb des Gartenbauvereins gewonnen hatte, vom Fensterbrett fegte, so dass er scheppernd zu Boden fiel. »Das ganze Drumherum: Überfüllte Parkplätze, Pistenrowdys, Stürze, eingefrorene Finger und last but not least all diese pseudo-urigen Skihütten, in denen unappetitliches, überteuertes Essen verkauft wird – dort tanzen bereits am Mittag besoffene Touristen auf den Tischen, grölen schmutzige Lieder und kotzen anschließend in den Schnee.«
»Aber ...«, setzte Bender an, der selbst äußerst sportlich war und jede freie Minute auf der Piste verbrachte.
»Kein aber!« Morell, der sich gerade so richtig in Rage geredet hatte, bedeutete ihm zu schweigen. »Ich würde mich liebend gern mit einem blutigen Mord beschäftigen oder sogar eine Leberkässemmel runterwürgen, wenn mir dadurch die kommende Woche erspart bliebe.«
»Warum fahren Sie denn überhaupt nach St. Gröben, wenn es Sie so sehr davor graust?« Bender, der seinen ansonsten so ausgeglichenen Vorgesetzten nur selten so ungehalten erlebt hatte, sah Morell fragend an.
»Leander Lorentz und Nina Capelli haben mich und Valerie eingeladen – sozusagen als Dankeschön, weil ich ihnen im Herbst aus der Patsche geholfen habe. Du weißt schon – der Fall des ermordeten Archäologie-Professors.« Morell verdrehte die Augen und stellte die goldene Gartenbau-Trophäe, die die Form eines Blumenkohls hatte, zurück auf ihren Platz. »Valerie war so begeistert von der Idee, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe, sie zu enttäuschen.« Er ließ sich mit einem lauten Seufzer in seinen Sessel fallen und umgab sich mit einer Aura der Resignation. »Und jetzt hab’ ich den Salat.«
Bender, der wusste, dass Morell seiner Freundin keinen Wunsch abschlagen konnte, kratzte sich am Kopf. »Tja«, sagte er, nachdem ihm auch keine Lösung für das Dilemma seines Chefs einfallen wollte. »Was man sich für Frauen nicht alles antut.«
Am späten Nachmittag stieg ein total entnervter Morell gemeinsam mit einer völlig aufgekratzten Valerie in St. Gröben aus dem Auto. Die ganze Fahrt über hatte sie pausenlos darüber geredet, wie sehr sie sich auf das Skifahren, Rodeln und Eislaufen freue, und davon geschwärmt, dass die Pension, in der sie wohnten, wahrscheinlich einen Pool besaß. Bei der Vorstellung, seinen übergewichtigen Körper in eine Badehose quetschen zu müssen, war Morell beinahe das Käsebrot, das er gerade gegessen hatte, im Hals stecken geblieben.
»Otto, sieh nur!« Valerie klatschte in die Hände und schob sich eine Strähne ihres dunkelblonden Haares hinters Ohr. »Ist die Pension nicht entzückend?«
Das mittelgroße, zweistöckige Haus mit den hübschen roten Fensterläden, das den Namen ›Enzianhof‹ trug, war tatsächlich bezaubernd – das musste Morell, ungern aber doch, zugeben. Es lag etwas abseits vom hektischen, touristenüberfluteten Ortskern und war auf eine unaufdringliche Art und Weise in die malerische Umgebung, die aus einem verschneiten Wald und majestätischen Gipfeln bestand, eingebettet. Dank eines großen Schilds neben dem Eingang, das die Existenz eines Pools ankündigte, und aufgrund der vielen Skilifte, die auf den umhegenden Bergen zu sehen waren, hielt sich Morells Freude über das pittoreske Erscheinungsbild seiner Unterkunft jedoch schwer in Grenzen.
Noch bevor Valerie sich über den mangelnden Enthusiasmus ihres Freundes wundern konnte, kam Leander Lorentz mit offenen Armen aus der Pension gelaufen. »Da seid ihr ja endlich! «, rief der fesche, wie immer braungebrannte Archäologe und begrüßte die beiden Ankömmlinge. »Ich dachte schon, ihr kommt heute gar nicht mehr an.«
»Otto hat getrödelt.« Valerie warf Morell einen kritteligen Blick zu.
»Jetzt sind wir ja da, und alles ist gut«, sagte dieser schnell. Die nächste Woche würde so oder so schon schlimm genug für ihn werden, da wollte er sie nicht auch noch mit einem Streit beginnen.
»Ja, das ist es.« Valerie strahlte wieder von einem Ohr zum anderen, gab Morell einen Kuss auf die Wange und wandte sich dann an Leander. »Du hast eine wirklich tolle Wahl getroffen. Der Urlaub wird sicher klasse!«
»Schön, dass es euch gefällt.« Leander setzte das für ihn typische Grinsen auf und zeigte auf eine Bergkette. »Das da drüben ist die Mutteralp, da gibt es eine tolle Abfahrt und daneben ... «
»Genießt ihr ruhig noch ein bisschen die Landschaft«, unterbrach Morell die Ausführungen seines Freundes. »Ich geh derweil schon mal einchecken.« Er schnappte sich die Koffer und stapfte in Richtung Eingangstür.
»Die Pisten sind übrigens perfekt präpariert, der Schnee ist fantastisch, und ich habe uns coole Carvingskier organisiert«, rief Leander ihm nach.
»Super!«, schrie Morell zurück, wandte sich dann wieder nach vorn und grummelte leise vor sich hin. Seine Laune sank gerade ins Bodenlose. »Herr«, murmelte er. »Wenn du es irgendwie schaffst, diesen Kelch an mir vorübergehen zu lassen, dann verspreche ich, dass ich die kommende Fastenzeit wirklich einhalten werde.« Er schielte auf seinen Bauch, dachte an die vielen gescheiterten Diäten, die er bereits hinter sich hatte, und nickte: Vierzig Tage lang zu fasten war wirklich ein großes Opfer und somit ein fairer Einsatz.
Er schleppte das Gepäck zur Rezeption, ließ es schwungvoll auf den Boden fallen und schaute sich um. Der Enzianhof wirkte von innen genauso nett wie von außen. Kuschelige Teppiche und urige Holzvertäfelungen schafften eine heimelige Atmosphäre, und ein offener Kamin in der Empfangshalle sorgte für knisternde Wärme. Doch nicht einmal die behagliche Temperatur und die liebevoll ausgewählte Einrichtung schafften es, Morells Übellaunigkeit zu bessern. Da weit und breit kein Personal zu sehen war, rief er laut: »Hallo«, und fing dann an, ungeduldig auf die Tresenklingel zu drücken. »Hallo? Kümmert sich hier denn keiner um die Gäste?«
Es dauerte nicht lange, bis eine etwa 40-jährige Frau in einem rosaroten Dirndl herangeeilt kam. »Bitte entschuldigen Sie«, sagte sie und hastete hinter die Rezeption.
Morell musterte die Frau und bereute sofort sein ruppiges Auftreten. Frau ›A. Oberhausner‹, wie sie laut ihrem Namensschild hieß, hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen, und es war ziemlich offensichtlich, dass sie geweint hatte. »Tut mir leid«, sagte er. »Ich wollte nicht unfreundlich sein.«
»Schon in Ordnung.« Frau Oberhausner rang sich ein schwaches Lächeln ab und schaute in ihr Reservierungsbuch. »Sie sind sicher Herr Otto Morell.«
»Genau. Meine Begleitung, Frau Valerie Gasser, kommt auch gleich.«
Frau Oberhausner machte ein kleines Häkchen neben die beiden Namen und holte einen Schlüssel aus einer Schublade. »Bitte sehr. Sie haben Zimmer Nummer 29. Das befindet sich im zweiten Stock.«
Morell nahm den Schlüssel entgegen, schnappte das Gepäck und versuchte gerade vergeblich, einen Aufzug auszumachen, als ein kleiner Mann mit einem kahlen, hochroten Kopf an ihm vorbeistapfte und direkt auf Frau Oberhausner zusteuerte.
»Ich verstehe, dass Ihr Sohn aufgebracht ist, aber das elende Geschrei muss jetzt ein Ende haben, sonst werden meine Frau und ich uns eine andere Bleibe suchen!«, schimpfte der Glatzkopf so laut, dass Morell zum unfreiwilligen Zuhörer wurde.
Frau Oberhausner rang offensichtlich mit den Tränen. »Es tut mir so unendlich leid«, sagte sie. »Seit Patrick mitbekommen hat, was heute Nacht geschehen ist, will er sich einfach nicht mehr beruhigen. Ich weiß auch nicht, was ich noch tun soll.« Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und zuckte mit den Schultern.
»Sie dürfen nicht glauben, dass ich Ihren Sohn diskriminiere – ich bringe durchaus Verständnis für seine Behinderung auf. Trotzdem geht er meines Erachtens langsam zu weit.« Der Mann stemmte seine Hände in die Hüften.
Frau Oberhausner zückte ein Taschentuch und schnäuzte sich. »Natürlich«, sagte sie. »Ich werde versuchen, eine Lösung zu finden.«
Der Glatzkopf nickte stumm, drehte sich um und marschierte zurück. »Hier gibt es keinen Aufzug«, sagte er, als er an Morell vorbeikam, so als hätte er dessen Gedanken gelesen. »Sie müssen die Stiege nehmen.«
Morell starrte auf Valeries Taschen, die so vollgepackt waren, als würde sie eine mehrmonatige Weltreise antreten wollen, und unterdrückte ein Fluchen. Das fing ja gut an: eine völlig aufgelöste Wirtin, ein grantiger Mitgast und kein Aufzug.
Er begann damit, das Gepäck hochzuschleppen und fragte sich, was die kommende Woche wohl sonst noch so alles für ihn in petto hatte.
Inspektor Danzer, der Chef der St. Gröbner Polizei, beschloss zu kapitulieren.
Seit einer geschlagenen Viertelstunde redete Frau Jäger nun schon auf ihn ein, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen – das reichte. Er schaltete sein Hirn auf Durchzug und blendete ihr nervtötendes Geschwafel einfach aus. Während sie weiterschwadronierte, schielte er einfach auf die rechte Seite seines Schreibtisches, wo die heutige Tageszeitung lag, und studierte unauffällig die Schlagzeilen: Haiangriff in Florida, drei Tote bei einem Lawinenabgang in Vorarlberg, und ein ranghoher Politiker hatte Bestechungsgelder angenommen.
Die Ereignisse der heutigen Nacht hatten ihren Weg in die aktuelle Ausgabe noch nicht gefunden. Über sie würde erst morgen berichtet werden – sehr wahrscheinlich nicht auf dem Titelblatt, sondern nur im Lokalteil. Immerhin handelte es sich ja auch nur um einen simplen Suizid und nicht um einen geschickt vertuschten Mord, wie Frau Jäger ihm auf ihre ziemlich lebhafte und laute Art weismachen wollte.
Inspektor Danzer musterte sein Gegenüber: Hübsch war die junge Friseurin ja. Mit ihren grünen Katzenaugen und dem langen, schwarzen Haar hatte sie schon so manch einem St. Gröbner den Kopf verdreht. Aber dieses Temperament ... Er wandte sich wieder seiner Zeitung zu. Nein, eine Frau wie sie würde er keinen einzigen Tag lang aushalten. Da war ihm seine ruhige, bodenständige Rita tausend Mal lieber.
»Die Überlebenschance bei Lawinenunfällen ist viel geringer als bisher angenommen – kaum 40 Prozent«, las Danzer gerade, als Frau Jäger endlich aufhörte zu reden. Wie es schien, hatte sie ihr ganzes Pulver verschossen – das war seine Chance, sie zur Vernunft zu bringen.
»Also«, setzte er so langsam und ruhig an, als würde er auf eine kranke Kuh einreden. »Der Tod ihrer Freundin ist tragisch, keine Frage, und ich bringe auch vollstes Verständnis dafür auf, dass Sie sehr aufgewühlt sind. Ich kann Ihnen aber definitiv versichern, dass Frau Weigl sich selbst umgebracht hat. Erstens gibt es keine Hinweise auf Fremdverschulden und zweitens haben wir das hier bei ihr gefunden.« Er legte ein Blatt Papier auf den Tisch.
Frau Jäger griff danach und überflog das Geschriebene: »Meine Lieben! Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Bitte verzeiht mir, aber ich kann so nicht weitermachen«, las sie laut vor und legte das Papier anschließend mit zitternden Händen zurück auf den Schreibtisch. »Nie und nimmer hat Sabine das geschrieben! Sie war jung und glücklich! Ich weiß das – immerhin bin ich ... ich meine war ich ... ihre beste Freundin.«
Danzer nahm den Abschiedsbrief und schob ihn zurück in die Akte. »Viele Menschen verstecken ihre wahren Gefühle jahrelang. Nach außen wirken sie fröhlich und unbeschwert, aber in ihrem Inneren gibt es tiefe, dunkle Abgründe. Sie würden sich wundern, wie wenig wir über unsere Mitmenschen oft wissen.« Er lehnte sich zurück, strich über seinen buschigen Schnurrbart und hoffte, dass Frau Jäger endlich zur Vernunft kam. »Vertrauen Sie auf meine Erfahrung – ich habe immerhin mehr als 20 Dienstjahre auf dem Buckel«, versuchte er, sie weiter von der Richtigkeit seiner Worte zu überzeugen. Dabei verschwieg er, dass er in seiner ganzen Laufbahn weder mit Mord noch Selbstmord konfrontiert worden war. Die St. Gröbner Bevölkerung hatte es bisher glücklicherweise vorgezogen, durch Altersschwäche, Krankheiten oder Unfälle zu sterben – doch das musste Frau Jäger ja nicht wissen.
»Aber ...«, setzte Jäger zu einem erneuten Wortschwall an.
»Nein!« Langsam reichte es Danzer. Was musste er denn noch tun, um dieses Weibsbild von ihren Wahnvorstellungen abzubringen? »Wer hätte die Frau Weigl denn umbringen sollen?«, fragte er. »Sie war doch so eine Nette, mit der alle gut klargekommen sind. Oder fällt Ihnen irgendjemand ein, der einen Grund gehabt haben könnte, ihr etwas anzutun?«
Diese neue Argumentation schien anscheinend zu fruchten. Frau Jäger sagte nämlich nichts mehr, sondern starrte nur stumm ein Loch in die Luft.
»Na also. Sehen Sie.« Danzer stand auf, ging um seinen Schreibtisch herum und reichte der jungen Frau ihre Jacke. »Gehen Sie jetzt nach Hause, und gönnen Sie sich eine feine Tasse Tee.« Er öffnete die Tür.
Frau Jäger hatte dieses eindeutige Zeichen verstanden, erhob sich und bedachte den Inspektor mit einem trotzigen Blick. »Ich kann es trotzdem nicht glauben«, sagte sie und schüttelte den Kopf, so dass ihr dichtes schwarzes Haar hin und her schwang.
»Versuchen Sie ein bisschen zu schlafen. Etwas Ruhe wird Ihnen gut tun.« Danzer hatte denselben sanften, sonoren Tonfall drauf, mit dem er auch seine Frau bedachte, wenn sie ihre Tage hatte.
»Es kann nicht sein, dass Sabine sich umgebracht hat«, murmelte Frau Jäger, als sie den Raum verließ. »Es kann einfach nicht sein.«
»Leider doch«, murmelte Danzer, schnappte sich die Zeitung und schlug den Sportteil auf.
Nachdem Morell und Valerie in Ruhe ihre Sachen ausgepackt hatten, trafen sie sich mit Leander auf der Terrasse des Enzianhofs, um dort die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen.
Morell ließ seinen Blick über das wunderschöne Alpenpanorama gleiten und atmete das herbe Aroma von Tannennadeln und den klirrenden Geruch von frischem Schnee ein. Es roch angenehm, und doch schien noch irgendetwas anderes in der Luft zu liegen – eine knisternde Energie, die nur darauf wartete, sich zu entladen. Unwillkürlich musste er an das angespannte Gespräch zwischen der Wirtin und dem Gast denken, und ein nervöses Kribbeln machte sich in seinem Magen breit.
»Wo ist denn Nina?«, fragte er schnell, um sich von diesem unangenehmen Gefühl abzulenken, und ließ sich auf einen weichen, gepolsterten Stuhl fallen. Hatte die junge Gerichtsmedizinerin etwa geschafft, was er nicht hinbekommen hatte – nämlich sich unter einem guten Vorwand vor dem Skizirkus zu drücken? Er betrachtete wieder die Landschaft und spürte, wie das dunkle Gefühl erneut in ihm hochstieg: Irgendetwas stimmte hier nicht. Sein Bauch vermeldete eine düstere Bedrohung, so als würde in dem umliegenden Wald etwas Böses lauern. Morell blinzelte und schüttelte den Kopf, als könne er damit die schlechten Gedanken vertreiben. ›Reiß dich zusammen!‹, sagte er sich im Stillen. ›Vor lauter Pool-Panik und Sport-Aversion bist du schon ganz hysterisch. Das einzig Böse, das es hier gibt, sind Skilifte, Schneebars und lauwarmes Chlorwasser.‹
»Nina hat kurzfristig noch zwei Leichen auf den Tisch gekriegt – sie kommt morgen Mittag nach«, riss Leander Morell aus seinen Überlegungen. »Ich habe vorhin mit ihr telefoniert – sie kann es gar nicht erwarten, die Pisten unsicher zu machen.« Bei der Erwähnung des Wortes ›Piste‹ bekam Leander einen verklärten Gesichtsausdruck.
Morell zauberte ein falsches Lächeln, das jedem Politiker zur Ehre gereicht hätte, auf seine Lippen und zog seine Mütze zurecht. Ab morgen hatte er es also mit drei Sportskanonen zu tun. »Herrgott hilf«, murmelte er leise.
»Was hast du gesagt, Schatz?« Valerie schaute Morell über den Rand ihrer Sonnenbrille fragend an.
»Ich ... ähm ... Was ist denn mit der Wirtin los?«, rettete er sich geschickt und wechselte gleichzeitig das Thema. »Sie wirkte vorhin so verheult. Außerdem habe ich ein Gespräch mitbekommen, in dem es um ihren Sohn ging ... darüber, dass heute Nacht irgendetwas geschehen sein soll.«
»Ja.« Leander nestelte am Reißverschluss seines Anoraks herum. »Eine unangenehme Sache – ich wollte sie euch nicht sofort auf die Nase binden, um euch nicht den Spaß zu verderben.«
›Welchen Spaß denn?‹, dachte Morell, verkniff sich aber den Zynismus.
»Erzähl!« Valerie nahm ihre Sonnenbrille ab und beugte sich nach vorn.
»Ja, erzähl! « Morell, der zwar absolut keine Lust auf irgendwelche Horrorstories hatte, war froh über jedes Gesprächsthema, bei dem es nicht um Pistenspaß und Hüttengaudi ging.
»Eine Frau aus dem Ort hat sich heute Nacht umgebracht. Sie ist anscheinend in den Wald da hinten spaziert«, Leander drehte sich um und deutete auf den Wald, der nur wenige Meter von ihnen entfernt begann, »und hat sich in eine Schlucht gestürzt.«
»Wie tragisch.« Valerie legte eine Hand aufs Herz. »Weiß man, warum sie es getan hat?«
»Keine Ahnung.« Leander schüttelte den Kopf.
»Es war sicher Liebeskummer«, nickte Valerie wissend und lächelte Morell an. »Wie gut, dass ich so einen lieben Mann wie dich habe.«
Leander, der im Laufe seines Lebens schon mehr als nur ein Frauenherz gebrochen hatte, schielte verschämt zur Seite. »Vielleicht war auch einfach nur ihr Job zu deprimierend. Ich habe gehört, dass sie als Krankenschwester oben im Sanatorium gearbeitet hat.« Er zeigte auf ein großes, herrschaftliches Gebäude, das hinter ihnen an einem Berghang thronte. »Aber jetzt genug davon.« Er klatschte in die Hände. »Wir sind hier, um uns zu amüsieren. Habt ihr schon mitbekommen, dass unsere Pension einen Pool hat? Wir könnten ...«
»Was ist denn mit dem Sohn der Wirtin?«, lenkte Morell das Gespräch schnell wieder zurück auf ein sport- und badehosenfreies Thema.
Leander zuckte mit den Schultern. »Angeblich hat er irgendeine spezielle Form von Autismus oder so. Wie auch immer – jedenfalls hat der Kleine mitgekriegt, dass die Krankenschwester heute Nacht gestorben ist und behauptet, dass es ein Tatzelwurm war.«
»Ein was?« Morell verstand nur Bahnhof.
»Du kennst den Tatzelwurm nicht?« Valerie zwickte ihn neckisch in den Oberarm. »Was bist du denn für ein Tiroler?«
»Ein gestandener.« Morell schnappte sich ihre Hand und hielt sie fest. »Dann schließ mal meine Bildungslücke.«
»Tatzelwürmer sind drachenartige alpenländische Fabeltiere.
Man sagt, dass sie in Wäldern und Höhlen leben und schon so manchen Wanderer gefressen haben.«
Morell streichelte Valeries Hand. »Der arme Junge behauptet also, dass ein Tatzelwurm die Krankenschwester umgebracht hat.«
Leander lachte auf. »Und wie er es behauptet. Heute früh hat er angefangen ›Es war der Tatzelwurm‹ zu schreien und seitdem kaum noch damit aufgehört. Alle Gäste, die in der Nähe seines Zimmers wohnen, kriegen schon die Krise, wenn sie nur das Wort ›Tatzelwurm‹ hören.«
»Kein Wunder, dass die arme Frau Oberhausner so fertig war.« Morell drehte den Kopf und ließ seinen Blick über die dunklen Tannen schweifen. Erst eine völlig aufgelöste Wirtin, ein grantiger Mitgast und kein Aufzug, und jetzt auch noch eine tote Krankenschwester, ein hysterischer Autist und ein mörderisches Fabeltier. Wo sollte das nur alles hinführen?
Valerie hatte die ganze Nacht mit einem seligen Lächeln auf den Lippen vor sich hingeschlummert. Morell hingegen hatte kaum ein Auge zugetan – zu sehr waren seine Gedanken um klamme Finger, blaue Flecken und noch schlimmere Dinge, die man sich beim Wintersport holen konnte, gekreist.
Es hatte fast schon gedämmert, als er endlich eingeschlafen war, und so kam es, dass ein äußerst müder Morell sich am nächsten Morgen zum Frühstück im Hotelrestaurant einfand. Er rieb sich die Augen, gähnte, hielt inne und schaute auf die Uhr: Es war gerade mal acht, und trotzdem herrschte hier drinnen bereits die vibrierende, wuselige Aufbruchstimmung, die man normalerweise von Ameisenhaufen kannte. Der ganze Raum schien in Bewegung zu sein. Menschen gingen zum Buffet, zum Fenster, auf die Toilette und wieder zurück, und auch jene, die an den Tischen saßen, schienen nicht stillhalten zu können – sie gestikulierten, lachten oder demonstrierten auf irgendeine andere Art und Weise, wie fit, agil und gut drauf sie bereits in aller Herrgottsfrüh waren.
Hatten die Menschen in unserer schnelllebigen Zeit denn gar keine Wertschätzung mehr für Ruhe und einen gewissen Grad an Langsamkeit? Warum mussten die Ameisen-Leute ständig in Bewegung sein? Jeder Augenblick galt ihnen nur dann als wertvoll, wenn er zu etwas nütze war und ihrer Karriere, Fitness oder Schönheit diente. Dabei gab es doch nichts Angenehmeres als einfach mal nichts zu tun.
Morell gähnte wieder und seufzte. Er wollte in seinem Urlaub nicht den Druck verspüren, ständig etwas erreichen zu müssen, sondern lieber genauso leben wie sein dicker Kater Fred es das ganze Jahr über machte. Fred war ein Meister in der hohen Kunst des süßen Nichtstuns, ein Experte im Entschleunigen. Morell wollte Katzenurlaub, keinen Ameisenurlaub!
Gemächlich ging er zu Valerie und Leander hinüber, die bereits fröhlich plaudernd an einem der Tische saßen, Kaffee tranken und über einer Landkarte Pläne für den bevorstehenden Tag schmiedeten.
»Wir könnten mit der Sesselbahn bis zur Mutteralm fahren und dann die Abfahrt zur Sonnenhütte nehmen«, schlug Leander gerade vor.
»Genau«, stimmte Valerie begeistert zu. »Von dort aus können wir dann mit dem Schlepplift zum Alpjoch hoch.«
Morell, der eine völlig neue Bedeutung des Begriffs ›Morgengrauen‹ für sich entdeckt hatte, schnappte sich wortlos einen Teller und schlenderte zum Frühstücksbuffet. »Henkersmahlzeit«, murmelte er und lud sich frische Semmeln, Käse, Marmelade, gekochte Eier und Heidelbeer-Pfannkuchen auf den Teller. Er würde viele Fettpolster brauchen, um all die schweren Stürze abzufedern, die ihm bevorstanden.
Gerade als er zurück zu den beiden Skifanaten gehen wollte, fiel sein Blick in die Lobby, wo eine große, dunkelhaarige Frau wild gestikulierend auf die um einen Kopf kleinere Frau Oberhausner einredete. Hatte der autistische Junge diese Nacht etwa wieder das halbe Hotel mit seinem Tatzelwurm-Geschrei wachgehalten?
Morell steckte sich ein Stück Käse in den Mund und beobachtete die Szene: Frau Oberhausner hatte die Schultern hochgezogen, schüttelte vehement den Kopf und hob abwehrend die Hände in die Höhe. Ob sie Hilfe brauchte? Er nahm einen Bissen von seinem Heidelbeer-Pfannkuchen und nickte anerkennend – wer auch immer den gemacht hatte, verstand sein Handwerk. Nach einem weiteren Bissen wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Szene in der Lobby zu, in die gerade Bewegung gekommen war: Die schwarzhaarige Frau stapfte in Richtung einer Tür, auf der ›Privat‹ stand, doch Frau Oberhausner packte sie am Arm und zog sie zurück. Die beiden würden doch wohl keine Rangelei anfangen?! Morell überlegte. Sollte er eingreifen? Wenn er der Wirtin zu Hilfe eilte, würde er sich in etwas einmischen, das ihn nichts anging – andererseits könnte er damit vielleicht wieder gutmachen, dass er gestern so unfreundlich zu ihr gewesen war. Er kratzte sich am Kopf, drehte sich kurz um und schaute zu Valerie und Leander. Die beiden waren noch immer so vertieft in ihre Tagesplanung, dass sie seine Abwesenheit gar nicht zu bemerken schienen. Er stellte seinen vollgefüllten Teller auf einem freien Tisch ab, machte ein paar leise Schritte auf die Rezeption zu und tat so, als würde er in einer der Tourismus-Broschüren lesen, die dort herumlagen.
»Ich lasse Sie nicht zu ihm. Bitte gehen Sie jetzt«, bat Frau Oberhausner eindringlich. Als sie Morells Anwesenheit bemerkte, senkte sie ihre Stimme. »Er hat sicher nichts gesehen. Er lebt in seiner ganz eigenen Welt – das verstehen Sie nicht! «
Die andere Frau schien sich nicht um Morells Anwesenheit zu scheren. Sie antwortete völlig unbeirrt in einem lauten, entschlossenen Tonfall: »Nein, Sie verstehen nicht! Ihr Sohn ist meine letzte Chance. Er ist der Einzige, der vielleicht bestätigen kann, dass ich recht habe. Bitte! Ich werde auch ganz ruhig und freundlich sein und nur ganz kurz mit ihm sprechen.« Sie versuchte erneut, zu der Privat-Tür zu gehen.
»Nein!« Frau Oberhausner stellte sich ihr in den Weg. »Sie lassen uns jetzt in Ruhe, sonst muss ich die Polizei rufen.«
Morell entschied, dass das sein Stichwort war. Er ging zur Wirtin und stellte sich neben sie. »Alles in Ordnung hier?«, fragte er. »Brauchen Sie Hilfe?«
»Nein, nein«, meinte sie peinlich berührt und wischte nervös die Hände an ihrer Schürze ab. »Machen Sie sich bitte keine Mühe. Genießen Sie lieber Ihr Frühstück.«
Morell musterte die schwarzhaarige Frau: Sie hatte grüne Katzenaugen, unter denen tiefe, dunkle Schatten lagen. Wie es schien, war er nicht der einzige, der in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen hatte. Er drehte sich wieder zu Frau Oberhausner. »Tut mir leid, ich wollte mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen. Aber ich habe gehört, dass Sie die Polizei rufen wollten, und da ich selbst Polizist bin, dachte ich ...«
»Sie sind Polizist?« Die Frau mit den Katzenaugen sah ihn erwartungsvoll an.
»Zwar in zivil, aber ja, ich bin Polizist.« Morell wandte sich wieder an Frau Oberhausner. »Lassen Sie mich wissen, falls ich irgendwas für Sie tun kann.«
»Danke.« Frau Oberhausner nahm Morells Hand in die ihre, drückte sie und verabschiedete sich.
Morell sah ihr nach, wie sie durch die Privat-Tür verschwand und wollte wieder zurück in den Frühstücksraum gehen.
»Sie könnten vielleicht etwas für mich tun.« Morell blickte direkt in ein Paar grüner Katzenaugen. »Kennen Sie sich mit Mord aus?«
Der Chefinspektor nickte und wartete gespannt, worauf die Frau hinauswollte.
»Beate Jäger«, stellte sie sich vor und streckte ihm ihre Hand entgegen. »Haben Sie kurz Zeit? Können wir uns vielleicht setzen?« Sie deutete auf eine beige Sitzgruppe, die gegenüber der Rezeption stand.
»Nun ja ...« Morell schielte in das Restaurant. Valerie und Leander schienen ihn noch immer nicht zu vermissen. »Von mir aus.
Dann lassen Sie mal hören, was Sie auf dem Herzen haben.« Er ging zu der Sitzgruppe und ließ sich in die weichen Polster fallen.
»Es geht um meine beste Freundin, Sabine Weigl«, fing Frau Jäger an zu erzählen. »Sie wurde vorgestern Nacht ermordet. Aber keiner will mir das glauben. Alle behaupten, sie habe Selbstmord begangen.«
»Sie reden von der Krankenschwester, die sich in die Schlucht gestürzt hat?«
»Genau von der. Sie haben also schon davon gehört?«
»Ja, und der Sohn von Frau Oberhausner denkt, es sei ein Tatzelwurm gewesen.«
»Stimmt. Die Sache mit Patrick und seinem Tatzelwurm-Geschrei hat im ganzen Dorf die Runde gemacht. Natürlich glauben alle, dass er spinnt, aber vielleicht hat er ja tatsächlich etwas beobachtet.«
»Sie glauben also nicht an einen Selbstmord.«
»Nein.« Beate Jäger schüttelte den Kopf so heftig, dass ihre Haare in alle Richtungen flogen. »Sabine war jung und fröhlich und hatte keinen Grund, sich umzubringen.«
»Den meisten Menschen merkt man ihre Gründe nicht an.«
»Das hat Inspektor Danzer auch schon gesagt, aber ich bin mir trotzdem ganz sicher. Ich weiß es hier«, sie tippte an ihren Kopf, »und hier«, sie griff sich an ihren Bauch. »Glauben Sie mir – mein Bauch lügt nie.«
Morell, der dasselbe von seinem eigenen Bauch behauptete, gab ein zustimmendes »Mhm« von sich. »Und was soll ich Ihrer Meinung nach jetzt tun? Anscheinend waren Sie ja eh schon bei der Polizei.«
»Ja, aber auch dort will mir niemand glauben. Könnten Sie sich den Fall vielleicht ansehen und mit dem Inspektor sprechen?« Sie sah ihn mit großen, flehenden Augen an. »Bitte.«
Morell dachte kurz nach. Er konnte den Tag entweder damit verbringen, sich in beißender Kälte eine halsbrecherische Piste hinunterzuquälen, oder er konnte in einer gut beheizten, kleinen Polizeiinspektion mit einem Kollegen plaudern. Die Entscheidung fiel ihm nicht schwer. »Ich sage nur kurz meinen Freunden Bescheid. Bin gleich wieder da.«
Er stand auf und ging in den Frühstücksraum.
»Da bist du ja! « Valerie nahm den Ortsplan von St. Gröben und Umgebung und drehte ihn so, dass Morell all die bunt eingezeichneten Lifte, Pisten und Skihütten sehen konnte. »Was meinst du? Leander und ich haben uns überlegt, dass wir erst mit der Gondelbahn zum Alpjoch und dann ...«
»Es tut mir unheimlich leid«, unterbrach Morell sie, »aber ich werde heute leider nicht zum Skifahren mitkommen können.« Das ›unheimlich leid‹ und das ›leider‹ waren heillos gelogen, und Morell, der noch nie ein guter Lügner gewesen war, spürte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. »Dieser Vorfall, von dem wir gestern gesprochen haben, ihr wisst schon, die tote Krankenschwester – es gibt da anscheinend einige Ungereimtheiten, und ich wurde um Hilfe gebeten.«
»Aber Schatz, wir sind doch im Urlaub«, warf Valerie ein.
»Ja natürlich, aber da draußen«, Morell deutete mit dem Kopf in Richtung Lobby, »da sitzt eine wirklich traurige Frau, die dringend Hilfe braucht.«
»Aber ...« Valerie machte einen Schmollmund und schaute Morell mit ihren großen, rehbraunen Augen eindringlich an.
»Es ist wirklich wichtig. Und Skifahren zu dritt ist sowieso nicht optimal«, redete Morell schnell weiter, bevor er schwach wurde. »Die meisten Lifte sind doch für zwei Personen gemacht. Einer von uns müsste also ständig alleine fahren. Ihr habt zu zweit sicher viel mehr Spaß.«
»Aber ...«
Morell küsste Valerie den Rest des Satzes von den Lippen. »Sei mir nicht böse, aber ich werde hier wirklich gebraucht. Ich wünsche euch einen tollen Tag. Hals- und Beinbruch«, rief er im Gehen und schnappte sich auf dem Weg zurück in die Lobby noch einen Heidelbeer-Pfannkuchen.
Als sie Morell sah, sprang Beate Jäger sofort auf und eilte auf ihn zu. »Ich bin mit dem Auto hier. Am besten, ich fahre Sie gleich zu Herrn Danzer in die Inspektion, dort können Sie alles mit ihm bereden.«
»Passt!« Morell steckte sich den Rest des Pfannkuchens in den Mund und grinste. Er hatte es also tatsächlich geschafft, sich heute vor dem Skifahren zu drücken – blieben also nur mehr sechs weitere Tage, die es zu überstehen galt.
Die Fahrt in die Polizeiinspektion dauerte knapp zehn Minuten und führte durch ein Meer von Hotels, Restaurants, Skiverleihen und Sportgeschäften. Es war offensichtlich, dass der gesamte Ort St. Gröben hauptsächlich vom Wintertourismus lebte.
»Wie furchtbar«, murmelte Morell, als er eine Gruppe von Skifahrern sah, die dick vermummt mit ihren schweren Schuhen in Richtung eines Bus-Shuttles stapften und dabei von fallenden Schneeflocken angezuckert wurden.
»Ja das ist es«, stimmte Frau Jäger zu. »Sabine war ein so toller Mensch.« Sie seufzte traurig und stellte den Wagen auf einem freien Parkplatz am Straßenrand ab. »Da drüben ist es.« Sie deutete auf ein kleines, weißgetünchtes Haus, an dessen Fassade der rot-blaue Schriftzug der österreichischen Polizei zu sehen war.
Morell stieg aus und zog instinktiv die Schultern hoch, als ein eisiger Windstoß ihn erfasste. »Brrrrr« schüttelte er sich und beschleunigte seine Schritte. Als er die Tür zur Inspektion öffnete, kam ihm ein Schwall warmer Luft entgegen, in dem eindeutig der Duft von Kuchen und frisch aufgebrühtem Kaffee hing. Der Chefinspektor gratulierte sich innerlich zu seinem Entschluss, Frau Jägers Bitte nachzukommen, hielt ihr die Tür auf und wandte sich dann an einen jungen, pickeligen Polizisten, der am Empfang saß. »Wir hätten gerne mit Herrn Inspektor Danzer gesprochen«, sagte er.
»Und wen soll ich melden?«
Morell zog seine Dienstmarke hervor und zeigte sie dem Polizisten. »Mein Name ist Otto Morell – es geht sozusagen um ein Gespräch unter Kollegen.«
Der junge Mann starrte den Chefinspektor mit großen Augen an, nickte stumm und griff zum Telefon. Nach einem kurzen Gespräch stand er auf. »Ein echter Chefinspektor, na das ist ja mal was. Darf ich fragen, was Sie zu uns führt? Und werden Sie länger in St. Gröben bleiben? Und wenn ja, haben Sie schon eine Unterkunft? Weil wenn nicht, dann könnte ich Ihnen einige Hotels empfehlen. Und werden Sie zum berühmten Nachtrodeln hier sein? Wenn Sie wollen, dann kann ich ... « Er wurde durch das Läuten des Telefons unterbrochen. »Ja ... Tschuldigung ...«, sagte er kleinlaut und zeigte dann auf eine Tür. »Sie sollen bitte reinkommen.«
»Oliver ist und bleibt eine unverbesserliche Plaudertasche. Ich hoffe, er hat Sie nicht zu sehr in Beschlag genommen.« Inspektor Danzer erhob sich, als die Tür aufging und streckte Morell lächelnd seine Hand entgegen. Als er jedoch sah, dass der massige Chefinspektor Beate Jäger im Schlepptau hatte, verdüsterte sich seine Miene. Er ließ die Hand sinken und setzte sich wieder hin. »Frau Jäger«, sagte er und lehnte sich zurück. »Wir haben das doch alles bereits besprochen.«
»Ja, schon, ich dachte nur vier Augen sehen mehr als zwei und darum ...«
»Und darum schleppen Sie mir einen wildfremden Kollegen an, der in meinem Fall herumschnüffeln und meine Autorität untergraben soll?«, unterbrach Danzer sie harsch.
Morell hob beschwichtigend die Hände in die Höhe und wandte sich an Frau Jäger. »Warum lassen Sie uns nicht kurz allein?«, schlug er vor. »Ich mach das schon«, fügte er leise hinzu, als er ihren irritierten Blick sah. »Am besten, Sie fahren nach Hause, und ich melde mich dann später bei Ihnen.« Sanft schob er sie in den Flur und schloss die Tür.
»Bitte«, sagte er, als er sich wieder zu Danzer umdrehte. »Sie dürfen keinen falschen Eindruck kriegen – ich bin nicht hier, um meine Nase in Sachen zu stecken, die mich nichts angehen und schon gar nicht, um Ihre Kompetenz anzuzweifeln.«
»Sondern?« Danzer deutete auf einen Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.
Morell setzte sich und ließ seinen Blick durch den Raum wandern. Er mochte, was er sah, denn das Büro war gemütlich eingerichtet und versprühte eine lauschige Atmosphäre: Es gab zwei große, gepflegte Topfpflanzen, bunte Bilder an den Wänden, und auf Danzers Schreibtisch stand eine ganze Reihe von Familienfotos. Zudem war es heimelig warm und roch gut nach Kaffee und Kuchen. »Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein – der Fall Sabine Weigl interessiert mich absolut nicht. Ich bin froh, wenn ich nichts mit toten Menschen zu tun haben muss.«
Die Freundlichkeit kehrte zurück ins Danzers Gesicht. Er lehnte sich zurück, strich über seinen Schnurrbart und musterte seinen Landauer Kollegen. »Da sind wir dann schon zwei. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee oder einen Tee?«
»Tee wäre fein.«
»Dazu ein Stück Kuchen?«
»Da sage ich nicht Nein.« Morell lächelte zufrieden in sich hinein – hier ließ es sich aushalten.
Danzer nahm das Telefon und drückte auf eine Kurzwahltaste. »Oliver, sei so gut und bring unserem Gast eine Tasse Tee und einen Teller. Ich hätte gerne noch einen Kaffee.« Er legte auf. »Was führt Sie dann zu mir?«
»Um ehrlich zu sein, wollte ich mich einfach nur vor dem Skifahren drücken. Meine Freunde sind total begeistert davon und haben mir einen Urlaub hier in St. Gröben spendiert, aber ich kann Wintersport leider absolut nichts abgewinnen – da kam mir Frau Jägers Anliegen natürlich ganz gelegen, und ich konnte nicht widerstehen.«
Danzer brach in schallendes Gelächter aus. »Na, Sie sind mir ja einer.« Er tätschelte seinen Bauch, der sich kugelförmig unter seinem Hemd abzeichnete, und grinste. »Ich persönlich kann mit diesem ganzen Sport- und Fitnesskram auch nichts anfangen. Ich bin eher der gemütliche Typ, den man mit einem guten Essen und einer Flasche Wein glücklich machen kann – a pro pos ...« Er schnappte sich das Telefon und drückte auf eine Kurzwahltaste. »Oliver, wo bleibt denn nur der Kaffee? Mahlst du etwa wieder jede Bohne einzeln?« Er wandte sich an Morell. »Der Junge ist manchmal nicht wirklich der allerschnellste – aber er ist das Patenkind meiner Frau, ich kann ihn also nicht ersetzen.« Er zuckte mit den Schultern.
Kurze Zeit später kam Oliver mit dem Gewünschten herein. Als er wieder draußen war, griff Danzer unter seinen Schreibtisch, zog eine Platte mit Kuchen, hervor und hievte ein Stück davon auf Morells Teller. »Marillen-Streusel-Kuchen.«
Morell griff nach einer Gabel und ließ sich ein Stück des Kuchens auf der Zunge zergehen. »Mmm«, ließ er anerkennend verlauten. »Der ist ja lecker.«
»Den hat meine Frau selbstgemacht. Ich gestehe, ich kann nicht genug davon kriegen.« Er tätschelte seinen Medizinballbauch. »Bald werde ich meine Uniform sprengen.«
Morell deutete auf seinen eigenen Bauch, um Danzer zu zeigen, dass er genau wusste, wovon dieser sprach. »Willkommen im Club.« Er nahm einen Schluck Tee und lehnte sich zurück.
»Oliver hat gemeint, Sie seien Chefinspektor?«
Morell bejahte.
Danzer pfiff durch die Zähne. »Nicht schlecht. Und in welcher Stadt sind Sie tätig?«
Morell verschränkte die Arme vor seinem Körper. »Ich war erst bei der Kripo in Wien und habe mir eingebildet, ich müsse Karriere machen. Irgendwann hatte ich dann aber die ganze Gewalt satt und bin zurück in meinen Heimatort Landau gezogen.« Er schob sich ein weiteres Stück Kuchen in den Mund. »Ich bin ganz happy mit all den gestohlenen Blumentöpfen und entlaufenen Hunden, um die ich mich kümmern muss.«
»Bei mir sind’s gestohlene Skier und betrunkene Randalierer – ich sag nur Après-Ski.«
Morell nickte wissend. »Ich weiß, was Sie meinen, gibt’s bei uns auch. Warum kennen nur so viele Leute beim Trinken ihre Grenzen nicht? Mir graust es jedes Jahr aufs Neue vor dem Dorffest.«
Danzer nahm einen Schluck Kaffee, öffnete eine Schublade und holte eine Akte heraus. »Hier! « Er legte die Papiere vor Morell auf den Tisch.
»Sabine Weigl?«
»Genau. Sie sollten sich vielleicht einen kurzen Überblick verschaffen, damit Sie nachher Frau Jäger und Ihren Freunden Rede und Antwort stehen können, falls die wissen wollen, was wir zwei so besprochen haben. Ich wette, dass die nämlich nicht gerne hören werden, dass wir bei Kaffee und Kuchen ein feines Pläuschchen gehalten haben. Lernen Sie also wenigstens die Eckdaten auswendig, damit Sie was zu erzählen haben.«
Morell schmunzelte. »Gute Idee.« Er öffnete die Mappe und überflog deren Inhalt: Ein paar Fotos vom Fundort, ein Bericht des Leichenbeschauarztes, der Totenschein, eine Kopie des Abschiedsbriefs und die Aussagen von Familie und Kollegen.
»Und? Schaut das in Ihren Augen etwa nach einem Mord aus?« Danzer gab noch eine Runde Kuchen aus. »Rita kocht nicht besonders gut, aber backen kann sie wie ein Weltmeister.«
»Der Abschiedsbrief ist vielleicht etwas kurz und unpersönlich, und es wundert mich ein bisschen, dass diese Weigl sich in eine Schlucht gestürzt hat – sie hatte als Krankenschwester doch Zugriff auf Medikamente. Warum hat sie denn nicht einfach eine Überdosis genommen? Das wäre doch viel typischer für eine Frau.« Morell machte sich über das neue Kuchenstück her.
»Frau Weigl wird schon ihre Gründe gehabt haben. Dem Arzt ist jedenfalls nichts aufgefallen, das auf Fremdverschulden hinweist.«
Morell wusste, dass unerfahrene Ärzte einen Toten meist nicht sehr genau untersuchten, wenn die Todesursache offensichtlich erschien – zu gut erinnerte er sich an den Fall eines 85jährigen herzkranken Mannes, dessen Hausarzt im Totenschein einen natürlichen Tod durch Herzversagen eingetragen hatte. Der Bestatter, der den Leichnam waschen wollte, war daher ziemlich überrascht, als er im Rücken mehrere Stichwunden fand ... Morell beschloss, nichts darüber zu sagen – Danzer schien ein anständiger Kerl zu sein, der schon wusste, was er tat. Zudem sprach nichts gegen einen Selbstmord. Zugegeben – es gab da ein paar klitzekleine offene Fragen, aber es war nichts da, das laut MORD schrie.
Die beiden Polizisten plauderten noch eine Weile über den Umgang mit Betrunkenen, Kuchen und Zimmerpflanzen, als Danzer plötzlich mitten im Satz innehielt. »Mir ist da gerade etwas eingefallen«, sagte er und fuchtelte mit dem Zeigefinger in der Luft herum. »Ich habe seit ein paar Wochen ein kleines Problem – vielleicht können Sie mir damit weiterhelfen, wenn Sie schon mal hier sind.« Er stand auf, verließ den Raum und kam kurz darauf mit einem Karton wieder zurück.
»Da bin ich ja mal gespannt.« Morell kratzte die letzten Brösel auf seinem Teller zusammen, schob sie sich in den Mund und räumte dann den Teller samt Tasse beiseite.
Danzer stellte die Kiste auf dem Schreibtisch ab und hob den Deckel. Morell beugte sich vor, schaute hinein und schreckte zurück. Aus dem Inneren des Kartons starrte ihn ein augenloser, dreckig-brauner Schädel an, der auf ein paar zerschlissenen, alten Knochen lag.
»Was ist das ?!«
»Ein menschliches Skelett«, stellte Danzer so unaufgeregt fest, als wäre es das normalste der Welt, Kisten voller Knochen herumstehen zu haben.
»Das ist schon klar, aber von wem? Und warum liegt es in dieser Bananen-Kiste?«
»Wir hatten gerade nichts anderes zur Hand – die einzige Alternative wäre ein Wurstkarton gewesen. Und von wem? Das ist ja das Problem – ich weiß es nicht. Ein paar Teenager haben unseren Freund hier vor ein paar Tagen in einem alten, vergessenen Bunker im Wald gefunden.« Danzer lachte kurz auf. »Die drei neunmalklugen Typen dachten, sie wären superschlau und hätten das perfekte Versteck zum Kiffen gefunden – ich hätte zu gern ihre Gesichter gesehen, als sie merkten, dass sie nicht ganz allein dort unten sind.«
Morell schob den Karton sachte von sich weg – Tote, egal ob mit oder ohne Fleisch daran, verschafften ihm eine Gänsehaut.
»Die Knochen stammen sicher von irgendeinem Wehrmachtsoldaten, der in dem Bunker gestorben ist.« Danzer, der Morells Unbehagen bemerkt hatte, packte den Deckel zurück auf die Kiste und stellte sie auf den Fußboden. »Ich weiß nicht, wem ich den Fund melden soll. Der Staatsanwaltschaft? Oder der Gerichtsmedizin? Und wie wird das mit einer Bestattung gehandhabt?«
»Sie haben also in den letzten Tagen noch gar nichts unternommen?«
»Ich war total mit gestohlenen Skiern und einem Autounfall beschäftigt und bin darum noch nicht dazu gekommen, mich um Mr Chiquita zu kümmern.« Danzer juckte sich an der Nase. »Und außerdem ist der Typ seit mehr als 60 Jahren tot, da machen ein paar Tage mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Wenn da ...« Er beendete den Satz nicht, sondern durchsuchte einen Stapel mit Papieren.
»Wenn da ...?«, fragte Morell.
»Wenn da nicht die Presse wäre.« Danzer reichte Morell die aktuelle Ausgabe des St. Gröbner Kuriers. »Die haben irgendwie Wind von dem Fund bekommen – wahrscheinlich von den Teenagern – und heute einen Artikel darüber gebracht. Jetzt wollen sie unbedingt eine Stellungnahme, und ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll.«
Morell gab ihm die Zeitung wieder zurück. »Mit Skelettfunden aus dem Krieg habe ich leider keine Erfahrung, aber eine liebe Freundin von mir ist Gerichtsmedizinerin in Wien – vielleicht kann sie uns weiterhelfen.« Morell holte sein Handy aus der Jackentasche und wählte Ninas Nummer.
»Hallo Otto«, meldete sie sich. »Ich sitze noch im Auto, bin aber gleich da. Was gibt’s denn?«
»Hast du zufällig eine Ahnung, was man mit Knochen aus dem Zweiten Weltkrieg anstellt?«
»Mit Knochen? Aus dem Zweiten Weltkrieg? Was um alles in der Welt tust du gerade? Ich dachte, ihr seid Skifahren.«
»Nicht ganz. Leander und Valerie fahren Ski, aber ich sitze gerade mit einem netten Kollegen und einer Kiste voller Knochen in der St. Gröbner Polizeiinspektion und rätsle, was damit zu tun ist.«
»Also, ich frage jetzt mal lieber nicht weiter nach, warum du nicht auf der Piste bist – die sterblichen Überreste eures Soldaten gehören jedenfalls in die Gerichtsmedizin.«
»Aha. Was will man dort denn noch feststellen? Na, egal, du bist die Expertin. Kannst du mir die Nummer deiner Kollegen in Innsbruck geben?«
»Die habe ich leider nicht im Kopf, aber weißt du was? Ich bin in einer halben Stunde in St. Gröben, dann kümmere ich mich selbst darum. Ich gehe mal davon aus, dass die Polizeiinspektion nicht schwer zu finden sein wird.«
Morell bedankte und verabschiedete sich und wandte sich dann an Danzer. »Sie kommt in ungefähr einer halben Stunde her und wird sich darum kümmern.«
»Wunderbar«, strahlte Danzer. »Dann habe ich ja jetzt eine Sorge weniger.« Er tätschelte die Kiste und griff zum Telefon. »Oliver? Wir hätten gerne noch etwas zu trinken.«
Knapp dreißig Minuten später stand Nina Capelli in der St. Gröbner Polizeiinspektion. »Wo sind denn nun die Knochen?«, fragte sie, nachdem sie die beiden Polizisten begrüßt und ihren dicken Anorak ausgezogen hatte. Sie strubbelte sich ein paar Schneeflocken aus ihrem brünetten Pagenkopf und nahm ihre Hornbrille ab, die sich durch die Wärme in der Inspektion beschlagen hatte. »Da habt ihr aber gut eingeheizt«, stellte sie fest und wischte die Brillengläser mit dem Ärmel ihres Pullovers ab.
»Unser Freund ist gleich hier. Können Sie die Untersuchung jetzt sofort durchführen?« Danzer griff nach der Schachtel und stellte sie wieder auf den Tisch.
»Nein, das leider nicht – die Knochen gehören nach Innsbruck in die Gerichtsmedizin, wo sich dann einer meiner Kollegen darum kümmern wird. Ich bin einfach nur neugierig. Darf ich?« Nina deutete auf den Karton.
