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Wenn Wissen tödlich wird … Am frühen Morgen macht ein Student im Arkadenhof der Wiener Rudolphina-Universität eine grausige Entdeckung: Eine der Büsten wurde entfernt – an seiner Stelle der abgetrennte Kopf von Professor Vitus Novak. Wer hatte einen derartigen Hass auf den Archäologen? Schon bald fällt der Verdacht auf Leander Lorentz, einen Freund von Chefinspektor Otto Morell und Erzrivale des Toten. Um seine Unschuld zu beweisen, beginnt Morell zu ermitteln. Hinweise führen ihn zu einer lang zurückliegenden Ausgrabung in Syrien, an der Novak beteiligt war und von der einer der Teilnehmer nie zurückkehrte. Gibt es eine Verbindung zu dem Mord? Morell forscht weiter – und stößt schon bald auf ein Netz aus Gier, alten Geheimnissen und tödlicher Rache … »Ein vorzüglich abgerundetes Krimi-Menü.« Ostthüringer Zeitung Band 2 der fesselnden österreichischen Krimireihe rund um Chefinspektor Otto Morell – für alle Fans von Beate Maxian und Felix Leibrock. Zu Band 3, »Neumond«: Als im Skiort St. Gröben eine Leiche auftaucht, muss Morell erneut ermitteln … Alle Bände der Reihe: Band 1: Die Zahl Band 2: Zu Grabe Band 3: Neumond Band 4: Teures Schweigen Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Am frühen Morgen macht ein Student im Arkadenhof der Wiener Rudolphina-Universität eine grausige Entdeckung: Eine der Büsten wurde entfernt – an seiner Stelle der abgetrennte Kopf von Professor Vitus Novak. Wer hatte einen derartigen Hass auf den Archäologen? Schon bald fällt der Verdacht auf Leander Lorentz, einen Freund von Chefinspektor Otto Morell und Erzrivale des Toten. Um seine Unschuld zu beweisen, beginnt Morell zu ermitteln. Hinweise führen ihn zu einer lang zurückliegenden Ausgrabung in Syrien, an der Novak beteiligt war und von der einer der Teilnehmer nie zurückkehrte. Gibt es eine Verbindung zu dem Mord? Morell forscht weiter – und stößt schon bald auf ein Netz aus Gier, alten Geheimnissen und tödlicher Rache …
eBook-Neuausgabe Februar 2026
Dies ist eine Neuausgabe des bereits im Fischer Taschenbuch Verlag erschienenen Titels »Zu Grabe«.
Copyright © der Originalausgabe 2011 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Stefan Hilden, hildendesign.de; © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com und Midjourney
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-706-4
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Daniela Larcher
Kriminalroman | Ein Fall für Morell 3
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Der Tod, das muss ein Wiener sein ...
Georg Kreisler, Wienerlied
»Großer Männer Grab ist die ganze Erde.«
Perikles
Der Sommer ging zu Ende. Langsam, aber sicher zog er sich zurück, um das Feld für den Herbst zu räumen, der bereits vor der Tür stand und ungeduldig auf seinen Einsatz wartete. Schon jetzt wurden die Tage stetig kürzer und die Röcke der Mädchen immer länger. Bald würden die Blätter von den Bäumen fallen, beißend kalter Wind durch jede noch so kleine Ritze kriechen und dichter Nebel sich Tag für Tag auf die Menschen senken.
Überall sonst in der Welt würde nun die trostloseste Zeit des Jahres anbrechen, aber das galt nicht für Wien – im Gegenteil: Die Donaumetropole brauchte das trübe Wetter und den Verfall der Natur, um ihren ganzen Charme voll zur Geltung zu bringen und in der erhabenen Morbidität zu erstrahlen, für die sie so bekannt war. Keine andere Stadt konnte so wunderbar trübsinnig und so herrlich melancholisch sein, an keinem anderen Ort hatte der Tod so viele Namen, und nirgends sonst wurde dem Sterben so sehr gehuldigt wie hier in der alten Kaiserresidenz.
Morgens war es mittlerweile so frisch, dass man etwas Warmes anziehen musste, um sich keine Erkältung einzufangen. Mirko Berger schnappte sich deshalb eine Jacke, als er in der Früh das Haus verließ und in Richtung Universität fuhr, wo er sich auf eine anstehende Prüfung vorbereiten wollte. Noch waren Ferien, und das majestätische Gebäude an der Wiener Ringstraße war deshalb so gut wie menschenleer – perfekt also, um dort ungestört zu lernen.
Er kaufte sich einen Becher heißen Kaffee und fuhr dann mit der ›Bim‹, wie die Wiener liebevoll die Straßenbahn nannten, zur Uni. Dort angelangt, durchschritt er das imposante Tor, das den Einlass in das Reich von Forschung und Lehre darstellte, und betrat die große Aula. Mirko schloss die Augen und atmete tief ein. Er mochte den Geruch der Universität. Hier roch es immer ein wenig nach Putzmitteln und, trotz des strikten Rauchverbots, nach Zigarettenqualm. Vor allem aber duftete es hier nach Büchern: Nach Druckerschwärze und Tausende Male umgeblättertem Papier. Das war der Geschmack von Wissen und jahrhundertealten Geheimnissen. Das herbe Aroma von Geschichte und verborgenen Schätzen.
Er setzte sich in den Arkadenhof, der von rund 150 Büsten berühmter Wissenschaftler gesäumt wurde, und holte seine Skripten aus dem Rucksack, als ihn eine plötzliche Unruhe überkam. Nur noch fünf Wochen bis zu seiner Prüfung über die Heldendichtung im deutschen Mittelalter. Er musste unbedingt bestehen.
Schuldbewusst schielte der junge Student auf den großen Bücherstapel neben sich, und sofort schossen ihm ein paar altbekannte Gedanken durch den Kopf: Hätte ich doch nur früher mit dem Lernen begonnen! Hätte ich doch nur im Seminar besser auf gepasst! Normalerweise hatte er keine Angst vor Klausuren, aber dieses Mal ließ allein der Gedanke daran seine Hände feucht werden.
Nach kurzer Überlegung beschloss Mirko, die Büste von Rudolf Much aufzusuchen. Ein paar seiner Kommilitonen hatten den Germanisten als eine Art Schutzheiligen auserwählt und es sich zur Angewohnheit gemacht, vor schwierigen Prüfungen dreimal über dessen Bart zu streichen. Mirko war nicht abergläubisch und glaubte nicht an einen solchen Quatsch, aber heute war definitiv so ein Tag, um es wenigstens einmal auszuprobieren.
Er ging also durch die Arkaden, vorbei an so illustren Größen wie Anton Bruckner und Sigmund Freud, als ihm plötzlich auffiel, dass hier irgendetwas anders war als sonst. Im hinteren Teil des Hofs hatte jemand eine der Büsten mit roter Farbe beschmiert. Aber welche? Er ließ die Reihe der Marmor-, Bronze- und Gusseisenköpfe vor seinem inneren Auge vorbeiziehen und kam zu dem Schluss, dass es sich um die Statue des Archäologen Otto Benndorf handeln musste.
Das war sicherlich wieder so eine Protestaktion gegen die Studiengebühren. Mirko konnte die Wut seiner Kommilitonen verstehen – er selbst fand die Haltung der Regierung auch nicht in Ordnung, aber musste man darauf mit Vandalismus reagieren? Und warum ausgerechnet in einem dunklen Winkel des Arkadenhofs? Und warum Otto Benndorf? Der war doch schon seit mehr als hundert Jahren tot – was hatte der also mit der aktuellen Lage zu tun? Mirko war neugierig geworden und beschleunigte seine Schritte.
›Komisch‹, dachte er, als er näher kam. Was für ein makabrer Scherz. Was sollte das denn bedeuten? Aber ... das konnte doch nicht sein! Mirko trat noch ein wenig näher heran. Das konnte ja wohl nur ein Scherz sein! Ein schlechter Scherz! O Gott ...! Das war kein Spaß! Das war echt! Und das Rot, das war gar keine Farbe ...
Mirko Berger fiel kreidebleich auf die Knie, und sämtliche Würdenträger der Universität Wien schauten ihm mit starren Blicken und ungerührten Mienen dabei zu. Alle, bis auf Otto Benndorf – dessen Büste war nämlich verschwunden und durch das Haupt von Professor Vitus Novak ersetzt worden. Leider war Novaks Kopf aber nicht aus Marmor oder Gusseisen, sondern aus Fleisch und Blut.
Es dauerte einige Zeit, bis Mirko es schaffte, mit zitternden Händen sein Telefon aus dem Rucksack zu zerren und die Polizei zu alarmieren.
Der diensthabende Beamte hielt den Anruf für einen schlechten Scherz. »Verdammtes Pack«, murmelte er. »Dieses arbeitsscheue Gesindel sollte lieber weniger saufen und sich stattdessen nützlich machen.« Studenten hatten in seinen Augen einfach nicht genügend zu tun. Wenn sie mehr arbeiten oder lernen würden, dann hätten sie nicht so viel Zeit, irgendwelchen Unfug auszuhecken. Ständig machten diese neunmalklugen Typen Ärger: demonstrierten gegen dieses, boykottierten jenes oder waren auf irgendeine andere Art und Weise eine Plage. Und jetzt dachten diese Klugscheißer auch noch, sie könnten ihn verarschen! Von wegen menschliche Köpfe im Arkadenhof!
Der Inspektor nahm einen Schluck Kaffee, gähnte ausgiebig und griff dann erst nach dem Funkgerät. »Ist irgendwer von euch in der Nähe vom Dr.-Karl-Lueger-Ring?«, fragte er. »Die G’fraster von der Uni haben wieder irgendwas angestellt.«
Die Polizisten ließen sich Zeit, und so dauerte es geschlagene zwanzig Minuten, bis sie im Arkadenhof eintrafen. Der Schock über die Erkenntnis, dass es sich diesmal um keinen Scherz oder einen simplen Fall von Sachbeschädigung handelte, war daher umso größer. Die Beamten versuchten ihren Schnitzer wiedergutzumachen, indem sie sich mit Feuereifer in die Arbeit stürzten, und deshalb vergingen nur wenige Stunden, bis der erste Verdächtige gefunden war.
»Wenn die Hoffnung uns verlässt, geht sie, unser Grab zu graben.«
Carmen Sylva
»Grüß Gott, Frau Horsky.« Leander Lorentz, ein drahtiger Archäologe, der noch immer braungebrannt von seiner letzten Ausgrabung war, musterte seine Nachbarin. Sie war eine reiche, aufgetakelte Witwe und so alt, dass sie Kaiserin Maria-Theresia wahrscheinlich noch persönlich gekannt hatte.
»Gestern war es sehr laut bei Ihnen«, sagte sie und kniff ihre runzligen Lippen zusammen. »Ich bin eine alte Frau und brauche dringend meine Ruhe. Seit Sie diese Wohnung gemietet haben, Herr Dr. Lorentz, sind Sie mir schon einige Male negativ aufgefallen. Dies ist ein seriöses Haus. Haben Sie das verstanden? Hier herrschen Ruhe und Ordnung!«
Lorentz war erst vor kurzem in die Wohnung neben Frau Horsky gezogen. Davor hatte er in einer kleinen, billigen Studentenbude gehaust, und das, obwohl er mit seinen 34 Jahren schon lange nicht mehr studierte, sondern als Dozent an der Universität arbeitete. Vor ein paar Wochen hatte er beschlossen, dass es an der Zeit sei, das Lotterleben hinter sich zu lassen, und seine Freundin, die in Innsbruck lebte, gebeten zu ihm nach Wien zu ziehen. Sie waren nach relativ kurzer Suche auf eine Altbauwohnung im 19. Bezirk gestoßen und sofort davon begeistert gewesen. Die hellen Räume, der stilvolle alte Fischgrätparkett und die großen Doppelflügeltüren waren einfach wunderschön. Auch die Umgebung, die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel und die Höhe der Miete waren perfekt. Sie hätten sich eigentlich denken können, dass dieses tolle Schnäppchen einen Haken hatte.
Der Haken hatte sich direkt am ersten Tag vorgestellt: Frau Agathe Horsky. Die alte Hexe war alles andere als erfreut darüber, dass nebenan jetzt ein junges Paar lebte – noch dazu ein unverheiratetes –, und ließ keine Gelegenheit verstreichen, den beiden das Leben schwerzumachen. Sie schien gegen jegliche vernünftige Argumentation gefeit zu sein, und sogar der so oft erprobte Charme des attraktiven Lorentz versagte bei ihr vollends.
»Ich war gestern nicht laut. Vielleicht haben Sie ja jemand anderen gehört.« Lorentz gähnte und schob eine Strähne seines dunkelbraunen Haars aus der Stirn. Er musste dringend wieder einmal zum Friseur.
»Sie hatten doch Besuch«, entgegnete Frau Horsky und zeigte mit einem faltigen Finger auf ihren Nachbarn. »So wie Sie aussehen, haben Sie die ganze Nacht durchgefeiert und getrunken.«
Lorentz kratze sich am Kinn, das ein Dreitagebart zierte. »Ich habe nicht gefeiert und auch nicht getrunken. Zwei Freunde haben mir lediglich dabei geholfen, ein Sofa und ein paar Umzugskisten in die Wohnung zu tragen. Das hat weder die ganze Nacht gedauert, noch haben wir dabei viel Lärm gemacht.«
»Kommen Sie mir nicht so, junger Mann.« Frau Horsky stemmte ihre Hände in die Hüften. »Sie haben mit Ihrem Sofa und Ihren Kisten so viel Krach gemacht, dass ich schon befürchtet habe, irgendjemand würde das Haus abreißen.«
Lorentz kniff die Augen zusammen und fixierte seine Nachbarin. Vermutlich hatte die alte Schachtel ihr Hörgerät auf die höchste Stufe geschaltet und dann das Ohr ganz fest an die Wand gepresst. Noch wahrscheinlicher war es aber, dass sie seine Freunde und die Umzugskartons nur gesehen und sich sofort Krach eingebildet hatte – psychosomatische Lärmbelästigung sozusagen. Der Alten war alles recht, wenn sie nur herumnörgeln konnte.
»Nehmen Sie ab sofort mehr Rücksicht auf Ihre Mitmenschen, Herr Lorentz. Dies ist ein anständiges Haus, und dabei soll es auch bleiben!«
So langsam war Lorentz das Geschimpfe leid, und er dachte kurz daran, dem lästigen Störenfried einfach die Tür vor der Nase zuzuschlagen – doch dann kamen ihm die Worte seiner Freundin, Nina Capelli, wieder in den Sinn: »Sie sieht nicht gerade sehr gesund aus«, hatte diese nach der ersten Begegnung mit Frau Horsky festgestellt. »Wahrscheinlich wird sie bald sterben, also reiß dich ein bisschen zusammen. Wenn sie tot ist, wird dir jedes böse Wort leidtun.« Da Nina als Gerichtsmedizinerin arbeitete, hatte Lorentz auf ihre Meinung vertraut, und als er seine Nachbarin letzte Woche drei Tage lang nicht zu Gesicht bekommen hatte, hatte er sogar heimlich schon an deren Tür geschnuppert. Der leicht süßliche Geruch, den er voll Freude wahrgenommen hatte, stammte aber anscheinend nur vom Holzlack, denn das Zankeisen weilte ja ganz offensichtlich immer noch unter den Lebenden. Es waren immer die netten Omas, die zu früh das Zeitliche segneten. Die bösen Keifen schienen ewig zu leben.
Lorentz schaltete sein Hirn auf Durchzug und nickte. »Ja«, sagte er alle paar Sekunden. »Natürlich. Sie haben völlig recht. Verzeihung.« Das machte er so lange, bis sie aufhörte zu reden.
»Dann sind wir uns ja einig«, stellte Frau Horsky fest.
»Aber natürlich«, antwortete Lorentz, ohne die geringste Ahnung zu haben, worüber die alte Frau in den letzten paar Minuten geredet hatte. »Ich muss mich jetzt wieder an die Arbeit machen. Bitte entschuldigen Sie mich.« Er schloss die Tür und schüttelte den Kopf. Von wegen, sie wird bald sterben – dieses fürchterliche Weib würde mit ziemlicher Sicherheit auch noch den nächsten Jahrhundertwechsel erleben.
Lorentz sah sich um und seufzte. Morgen würde Nina zurückkommen. Sie war die beiden letzten Wochen in Innsbruck gewesen, um ihre Wohnung aufzulösen und ihren Nachfolger einzuarbeiten. Leander hatte versprochen, dass bis zu ihrer Rückkehr alles halbwegs bewohnbar sein würde, doch davon war er noch meilenweit entfernt.
Er krempelte gerade die Hemdsärmel hoch, als es schon wieder an der Tür klingelte. Was war denn jetzt schon wieder? Hatte Frau Horsky ihn heute nicht schon genug gequält? Musste er sich jetzt noch einem weiteren Anfall von Altersbosheit aussetzen?
Es läutete ein zweites Mal. Lorentz holte tief Luft und war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er es schaffen würde, Ruhe zu bewahren.
»Ja?!« Er riss die Tür auf.
Anstatt in das altersfleckige Gesicht der Furunkel-Furie blickte Lorentz in die Visagen von zwei fremden Männern. Der eine hatte volles, blondes Haar, trug eine moderne, ziemlich teuer wirkende Lederjacke und roch nach Aftershave. Der andere war etwas größer als sein Kollege, weniger gepflegt und nicht so kostspielig gekleidet.
»Dr. Leander Lorentz?«
Lorentz nickte.
»Ich bin Chefinspektor Roman Weber, und das ist mein Kollege Theodor Wojnar.« Der Kleinere von den beiden hielt Lorentz seine Marke vor die Nase.
So war das also, dachte Lorentz und schielte zur Tür von Frau Horsky. Die alte Hexe fuhr also jetzt die großen Geschütze auf. Das würde er ihr heimzahlen! Mit dieser Aktion hatte sie den Greisenbonus verspielt.
»Wir sind ...«, setzte Weber an.
»Wir waren nicht laut. Ich habe Zeugen«, unterbrach Lorentz ihn.
Die beiden Polizisten schauten sich gegenseitig an und blickten dann wieder zu Lorentz.
»Wir sind gekommen ...«, versuchte Weber es erneut.
»Ich habe gestern gemeinsam mit zwei Freunden ein Sofa und ein paar Kartons hochgetragen. Kann sein, dass es ein bisschen gerumpelt hat, aber das ist doch normal, wenn man umzieht.« Lorentz trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf ein Chaos bestehend aus Kisten, Koffern, Plastiktüten und Werkzeugen frei.
Die Beamten schauten immer noch etwas irritiert. »Wie lange haben Sie und Ihre Freunde denn herumgerumpelt?«, wollte Wojnar wissen.
Lorentz überlegte. »Ich weiß nicht genau. Ich schätze mal bis zehn.«
»Und danach?«
»Danach bin ich kurz in die Uni gefahren, habe dort ein paar Unterlagen geholt und bin dann ins Bett gegangen. Ruhiger geht es also kaum.«
»Gibt es jemanden, der Ihre Angaben bestätigen kann?«
Lorentz kam die Situation langsam ein wenig spanisch vor. »So ein Drama wegen ein paar Umzugsgeräuschen?«
»Ich habe keinen blassen Schimmer, wovon Sie reden, Herr Lorentz«, sagte Weber. »Wir sind hier, weil Professor Vitus Novak gestern Nacht ermordet wurde.«
Lorentz riss die Augen auf und rang nach Luft. »Novak?«, fragte er ungläubig, als er sich wieder etwas gefangen hatte. »Ermordet?! Aber das kann doch nicht sein!«
»Doch, es kann.«
Langsam fiel bei Lorentz der Groschen. »Aber ... Sie denken doch wohl nicht, dass ich etwas damit zu tun habe?«
»O doch, das tun wir. Es gibt Zeugen, die sagen, dass Sie und das Opfer in letzter Zeit ziemlich viele Unstimmigkeiten hatten. Außerdem sind Sie dabei beobachtet worden, wie Sie gestern Nacht den Tatort verlassen und dabei etwas mit sich geschleppt haben. Das ist schon sehr verdächtig – oder wollen Sie mir erzählen, dass Sie sich öfters mitten in der Nacht schwer bepackt im Archäologischen Institut herumtreiben?« Weber fixierte den jungen Archäologen, ohne dabei eine Miene zu verziehen.
»Schei...« Lorentz biss sich auf die Unterlippe und betrachtete seine Hände. »Ja, es stimmt – ich war gestern Nacht dort. Professor Novak hatte mir nämlich einige meiner Aufzeichnungen und wichtige Proben gestohlen. Ich bin nur in sein Büro gegangen, um sie mir wiederzuholen. Mit dem Mord habe ich nichts zu tun.«
»Mehrere Personen haben ausgesagt, dass Sie und der Professor letzte Woche einen heftigen Streit hatten. Ich habe außerdem gehört, dass Herr Novak Ihre Forschungsgelder einfrieren ließ und auch sonst ein ziemliches Hindernis für Ihre Karriere darstellte.«
»Das stimmt schon, aber deswegen würde ich ihn doch nicht umbringen.«
Wojnar kratzte sich am Kopf. »Also, wenn das kein Motiv ist. Es gibt Menschen, die würden schon wegen weitaus geringerer Dinge töten.«
»Andere Menschen vielleicht ...«
»Das wird sich ja noch herausstellen.« Weber schien relativ unbeeindruckt von Lorentz’ Erklärungen zu sein. »Herr Lorentz, Sie sind vorläufig festgenommen. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Sie haben außerdem das Recht, die Aussage zu verweigern. Wenn Sie uns nun bitte begleiten würden.«
Lorentz schluckte. »Aber das können Sie doch nicht machen ... «
»Kommen Sie jetzt bitte! «
»Aber ...« Lorentz sah sich bereits in Handschellen durchs Treppenhaus geführt. Frau Horsky würde wahrscheinlich zur Feier des Tages eine Flasche Champagner aufmachen. »Ich möchte vorher meinen Anwalt anrufen.«
Weber überlegte kurz. »Na gut, aber beeilen Sie sich.«
Lorentz zögerte. Noch nie war er mit dem Gesetz in Konflikt geraten und kannte gar keinen Anwalt.
Schließlich nahm er den Hörer und wählte.
»Leben heißt kämpfen. Ruhe wirst du im Grab haben.«
Lucius Annaeus Seneca
Nina Capelli ließ ihren Blick noch einmal durch die Wohnung wandern, aus der sie in weniger als 24 Stunden ausziehen würde. Sie hatte bereits gestern ihre gesamte Habe zusammengepackt und ihr komplettes Zuhause in ein mannshohes Labyrinth aus penibel zugeklebten, braunen Kartons verwandelt. Morgen früh würde der Umzugswagen kommen und ihr sorgfältig verstautes Leben nach Wien bringen.
Es war erstaunlich, wie riesig die 50-Quadratmeter-Garçonnière ohne Inventar plötzlich wirkte und wie viele längst verloren geglaubte Dinge beim Abbauen der Schränke und Bücherregale wieder aufgetaucht waren: die Bedienungsanleitung für den DVD-Player, ihr Reisepass, den sie schon seit Ewigkeiten suchte, und ein Strass-Ohrring, dessen einsamen Partner sie längst weggeworfen hatte.
Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, nicht wehmütig zu werden, spürte Capelli bei dem Gedanken an ihren bevorstehenden Umzug ein leichtes Stechen im Herzen. »Jetzt nur nicht schon wieder gefühlsduselig werden«, sagte sie leise zu sich selbst und ärgerte sich, dass das Medikamentenschränkchen bereits weggepackt war. Gestern Abend hatte sie nämlich im großen Stil Abschied gefeiert und sich dabei ein paar bunte Drinks zu viel genehmigt – sie brauchte dringend ein Aspirin.
Sie fasste sich an ihren schmerzenden Schädel und seufzte. Es war ein großer Schritt, Innsbruck und ihre Freunde zurückzulassen, und auch was den Job anbelangte, plagten sie noch Zweifel. Sie hatte zwar Glück gehabt und eine Anstellung als Assistenzärztin am Department für Gerichtsmedizin in Wien bekommen, war sich aber nicht sicher, ob das Betriebsklima und die Kollegen dort genauso toll waren wie hier. Sie streichelte über die Fotocollage, die ihre beste Freundin als Andenken gebastelt hatte, und spürte Tränen aufsteigen.
»Aus jetzt!« Capelli beschloss, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Im Grunde freute sie sich sehr auf das, was vor ihr lag. Wien war eine tolle Stadt und Leander ein toller Kerl. Er war nicht nur attraktiv und intelligent, sondern hatte auch überhaupt kein Problem mit ihrer Arbeit. Die wenigsten Männer konnten sich vorstellen, eine romantische Beziehung mit einer Frau zu unterhalten, die hauptberuflich tote Menschen aufschnitt. Capelli hatte bereits befürchtet, für immer Single bleiben zu müssen, doch dann war Lorentz in ihr Leben getreten. Der fesche Archäologe hatte keinerlei Scheu vor ihrem Beruf – ganz im Gegenteil: Er nahm die Tatsache, dass seine Freundin regelmäßig in den Innereien von Leichen herumwühlte, mit Humor. Vor ein paar Wochen erst hatte er ihr einen Anhänger in Form eines Gehirns geschenkt, da sie ständig ihren Autoschlüssel verlegte. Apropos Autoschlüssel – wo war der denn schon wieder? Capelli stand auf, kramte in ihrer Tasche herum und schaute auf der Fensterbank nach – nichts. Wann hatte sie ihn denn das letzte Mal in der Hand gehabt? Das musste gestern Mittag gewesen sein. Sie suchte weiter. In ihrer Jacke war er nicht, und auf der Ablage neben der Garderobe lag nur ihr Handy. Sie kratzte sich am Kopf und sah sich noch einmal um, als plötzlich eine böse Ahnung in ihr verkatertes Hirn sickerte. Er war doch nicht versehentlich in eine der Kisten gerutscht?
Capelli starrte auf die Unmengen von braunen Kartons und fluchte. So wie es aussah, musste sie die Arbeit des gestrigen Tags zerstören und sich durch unendlich viele Schichten Klebeband und Tonnen von Bläschenfolie kämpfen, um es herauszufinden. Sie seufzte, griff nach einer Schere und machte sich daran, den ersten Karton zu öffnen, als ihr Handy klingelte.
»Hallo, Leander«, sagte sie, nachdem sie auf das Display geschaut hatte. »Du kannst dir nicht vorstellen, was mir schon wieder passiert ist. Es ist sooo ärgerlich! Jetzt hast du mir extra den Anhänger für meinen Autoschlüssel geschenkt, und nun habe ich trotzdem ...«
»Entschuldige, Nina, aber ich habe jetzt leider überhaupt keine Zeit für deinen Schlüssel. Die Polizei ist hier, und ich fürchte, dass ich bis zum Hals in Schwierigkeiten stecke.« Lorentz’ Stimme klang belegt und zitterte.
»O Gott, Schatz, was hast du denn bloß angestellt?« Capelli ließ die Schere sinken und setzte sich auf eine der Kisten.
»Die denken, dass ich jemanden umgebracht habe, und ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Nina schnappte nach Luft.
»Nina? Bist du noch dran?«
»Die denken, dass du jemanden umgebracht hast?!« Die Stimme der Gerichtsmedizinerin war gerade um eine Oktave höher geworden. »Aber um Himmels willen, wen sollst du denn ... die Horsky?!«
»Nein, Professor Novak wurde umgebracht, und jetzt wollen die mir den Mord in die Schuhe schieben.«
»Aber du bist doch wirklich nicht der Einzige, der mit Novak gestritten hat.«
»Nein, aber ...« Lorentz senkte seine Stimme. »Ich habe dir doch erzählt, dass Novak meine Unterlagen und ein paar wichtige Proben geklaut hatte ... naja ... das wollte ich mir natürlich nicht gefallen lassen. Also bin ich gestern Abend in sein Büro eingebrochen und habe sie mir zurückgeholt. Und dabei bin ich anscheinend beobachtet worden.«
»Leander!«
»Ja, ich weiß, das war dumm von mir.«
»Dumm ist gar kein Ausdruck! Du brauchst jetzt sofort einen Anwalt.«
»Ich kenn’ doch gar keinen Anwalt«, flüsterte Lorentz verzweifelt. »Bitte, Nina, kannst du das für mich in die Hand nehmen?«
»Natürlich, du kannst dich auf mich verlassen.«
Nachdem Capelli aufgelegt hatte, rückte sie ihre Brille zurecht und starrte das Handy an. Ihr Freund wurde verdächtigt, einen Kollegen ermordet zu haben – das durfte ja wohl nicht wahr sein! Er brauchte jetzt dringend ihre Hilfe. Einen guten Anwalt in Wien würde sie schon auftreiben, da würde sie ihre Beziehungen spielen lassen. Aber reichte das aus? Was konnte sie noch tun? Gedanken explodierten in ihrem Kopf, sausten ungebremst hin und her und verursachten ein riesiges Durcheinander.
Minutenlang saß sie nur da und grübelte. Dann kam ihr eine Idee. Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und griff erneut nach dem Handy.
»... und nachdem wir der Seele Ruh im Grabe geschafft, wird laut noch gerufen der Abschied.«
Vergil, »Äneis«
Chefinspektor Otto Morell saß in der Polizeiinspektion von Landau, einem kleinen Kaff in den Tiroler Bergen, und starrte Löcher in die Wand. Seine Freundin Valerie hatte vor knapp zwei Wochen aus heiterem Himmel beschlossen, dass sie eine Beziehungspause brauchte, und seitdem war der sonst so fröhliche und ausgeglichene Polizist ein echter Trauerkloß. Missmutig schob er sich ein Stück selbstgebackenen Marmorkuchen in den Mund und kaute geistesabwesend darauf herum. Eigentlich sollte er ja keine Süßigkeiten mehr essen, da sein Bauch die Uniformhose bereits bis zum Anschlag dehnte, doch er brauchte den kulinarischen Trost aus Zucker, Fett und Kohlehydraten – ans Abnehmen konnte er ein anderes Mal denken. Morell lockerte seinen Gürtel, um seinem Bauch ein wenig Freiraum zu geben, und griff nach dem nächsten Stück.
Von wegen Beziehungspause – er wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Warum konnten Frauen nicht einfach sagen, was sie dachten? Warum mussten sie immer um den heißen Brei herumreden? Damit machten sie doch alles nur noch schlimmer. Der Chefinspektor wusste genau, was als Nächstes kam: In ein paar Tagen würde sie ihn anrufen und vorschlagen, doch gute Freunde zu bleiben – aber darauf konnte er verzichten. Er nahm sich ein drittes Stück Kuchen und verpasste ihm eine fluffige, weiße Haube aus Sprühsahne.
Morell und Valerie waren zusammengekommen, nachdem er eine schreckliche Serie von Morden aufgeklärt hatte und als Retter von Landau gefeiert worden war. Mittlerweile war jedoch wieder der Alltag eingekehrt, was dem Chefinspektor mehr als nur recht war – er liebte sein entspanntes Leben und war froh, wenn er sich in Ruhe um seine drei Hobbys kümmern konnte: Kochen, Essen und Blumenzüchten. Seine Noch-Freundin sah die Situation anscheinend anders: Sie hatte sich in einen strahlenden Helden verliebt und einen übergewichtigen und ruhebedürftigen Dorfpolizisten bekommen. Und er konnte ihr ihr Verhalten nicht einmal verübeln.
Als wäre das nicht alles schon schlimm genug, lag auch noch der Lieblingsficus des Chefinspektors im Sterben. Morell hatte die Topfpflanze extra von zu Hause mitgebracht, damit er sie den ganzen Tag über pflegen konnte, aber so wie es aussah, kam jede Hilfe zu spät. »Nicht sterben, mein Kleiner«, flüsterte er und schob das Bäumchen dichter ans Fenster, damit es alle Strahlen der Morgensonne abbekam. Dann kontrollierte er die Feuchtigkeit der Blumenerde und stellte noch einmal sicher, dass sein grüner Freund keine Zugluft abbekam. »Was fehlt dir denn nur?« Er blätterte in einem Pflanzenratgeber, als die Tür aufging und Robert Bender mit einer Tasse Tee in der Hand den Raum betrat.
Der 27-jährige Inspektor hatte vor drei Jahren seine Ausbildung zum Polizeibeamten beendet und war seitdem Morells Assistent und Stellvertreter. Bender, der regelmäßig im Fitnesscenter trainierte, war alles andere als ein dünner Zwerg, doch neben seinem Vorgesetzten fühlte er sich klein und schmächtig. Normalerweise blickte der junge Polizist also stets ein wenig eifersüchtig auf die imposanten 1,95 m Körpergröße und die üppige Statur seines Vorgesetzten, doch heute boten der vom Liebeskummer gezeichnete Morell und sein sterbenskranker Ficus ein solches Bild des Elends, dass bei Bender keine Spur von Neid mehr aufkam. Im Gegenteil – die nun schon seit fast zwei Wochen andauernde Schwermut des Chefinspektors bereitete ihm allmählich Sorgen.
»Hier, Chef, ich habe Ihnen einen Tee gemacht.« Bender konnte nicht mehr länger mit ansehen, wie Morell vor sich hin litt und Süßigkeiten in sich hineinstopfte, obwohl seine Uniform an allen Ecken und Enden spannte. Er würde nicht zulassen, dass sein ansonsten blitzgescheiter und scharfsinniger Chef immer mehr in Selbstmitleid versank und sich dadurch selbst zugrunde richtete. Bender hatte deshalb bereits vor einer Woche beschlossen zu handeln und war in die Apotheke gegangen, wo ihm Johanniskraut als natürliches Heilmittel gegen Depressionen empfohlen worden war. Seitdem mischte er täglich heimlich ein paar Tropfen davon in den Tee seines Chefs.
»Danke, Robert.« Morell pustete und nahm vorsichtig einen Schluck.
»Kommen Sie, wir gehen ein bisschen raus und suchen den entlaufenen Hund von Frau Hämmerle. Ein wenig frische Luft und Sonnenschein werden Ihnen guttun.«
Anscheinend zeigte das Johanniskraut noch keine Wirkung, denn Morell schüttelte nur den Kopf. »Ich bin grad gar nicht in der Stimmung. Geh du nur allein.«
Bender schielte besorgt auf den überdimensionalen Bauch seines Chefs und das Kuchenstück in dessen Hand. »Dr. Levi hat mich gebeten, Sie an Ihr Gewicht und Ihre Cholesterinwerte zu erinnern. Sie sollen nicht so viel Süßes und Fettes essen, sonst riskieren Sie einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt.«
»Sag Dr. Levi, er soll sich um seinen eigenen Kram scheren.« Morell grummelte. Er wusste, dass der Gemeindearzt recht hatte, aber er konnte sich momentan beim besten Willen nicht auch noch mit der Bürde einer Diät belasten.
Bender wollte gerade resigniert das Büro verlassen, als Morells Telefon läutete. Während sich der Chefinspektor zur Seite drehte und zum Hörer griff, nutzte sein Assistent die Gelegenheit, um sich den Teller zu schnappen und samt Kuchen aus dem Zimmer zu verschwinden. Wenn Morell sich weigerte, auf seine Gesundheit zu achten, dann musste er ihn zu seinem Glück einfach zwingen.
»Servus, Otto, hier ist Nina. Ich bin ja so froh, dass ich dich erreiche!« Nina Capelli und Otto Morell hatten sich letztes Jahr im Dezember kennengelernt, als das idyllische Landau durch eine Mordserie erschüttert und sie dem Fall als zuständige Gerichtsmedizinerin zugeteilt worden war.
»Nina? Na, das ist aber eine Überraschung. Wie geht es dir?« Morell öffnete die Schublade, in der er seine Süßigkeiten bunkerte, nahm eine Tafel Nuss-Nougat-Schokolade heraus und nestelte an der Verpackung herum.
»Leider nicht so gut. Ich brauche dringend deine Hilfe.« Die Verzweiflung, die in ihrer Stimme mitschwang, ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Notfall handelte.
Morell legte die Schokolade beiseite und setzte sich aufrecht hin. »Ich bin ganz Ohr. Was ist passiert?«
Capelli erzählte, was geschehen war. »Könntest du vielleicht nach Wien kommen?«, bat sie schließlich.
Morell überlegte. Er konnte Wien nicht ausstehen und hatte absolut keine Lust, in die Bundeshauptstadt zu fahren, andererseits konnte er seine Freunde nicht einfach so hängenlassen. »Hmmm ...«, sinnierte er.
»Bitte, Otto, du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der genau weiß, wie so eine Mordermittlung abläuft. Außerdem kennst du vielleicht sogar die zuständigen Polizisten vor Ort.«
Der korpulente Chefinspektor war früher als Kripobeamter in Wien tätig gewesen, hatte aber irgendwann die Nase gestrichen voll von all dem Großstadtrummel gehabt und war daher samt seinem dicken Kater Fred zurück in seinen Heimatort Landau gezogen.
Morell kratzte sich am Kinn. »Ich werde mal mit Bender reden. Wenn er es sich zutraut, die Inspektion alleine zu verwalten, dann werde ich kommen. Bleibt nur die Frage, wer sich dann um Fred und meine Pflanzen kümmert.«
»Aber das kann doch Valerie machen!«
Der Chefinspektor spürte ein Ziehen in der Brust, als Nina den Namen seiner zukünftigen Exfreundin aussprach, und griff nach der Schokolade. Wahrscheinlich tat ihm ein wenig Abstand von Landau ganz gut. »Natürlich«, sagte er wolkig, da er nicht über seine Verflossene sprechen wollte. »Also gut, ich werde kommen.«
»Danke, du bist ein Schatz. Hör zu, ich würde dich ja sofort abholen, aber ich kann meinen Autoschlüssel nicht finden. Außerdem muss ich mich hier noch um die ganzen Umzugssachen kümmern. Ist es okay für dich, wenn wir uns in Wien treffen?«
Morell, der sich nur mit Grauen an die Fahrkünste der Gerichtsmedizinerin und an die beengten Verhältnisse in ihrem kleinen Ford erinnerte, nickte. »Kein Problem. Ich werde den ersten Zug morgen früh nehmen.«
»Du bist der Beste! Dann bis morgen. Richte Valerie schöne Grüße von mir aus. Ich hoffe, sie weiß, was sie an dir hat«, sagte Capelli hörbar erleichtert und legte auf.
»Anscheinend nicht«, murmelte Morell und schob sich ein großes Stück Schokolade in den Mund.
»Robert, ich muss kurz mit dir reden.« Morell hatte seinen Bauch zurück in die Hose gequetscht und war ins Vorzimmer gegangen, wo Bender heimlich vom konfiszierten Marmorkuchen naschte. »Ich müsste mal für ein paar Tage verreisen.«
Ein Lächeln trat auf das Gesicht des jungen Inspektors. Morell kam endlich aus seinem Loch gekrochen und ging wieder unter Leute. Anscheinend wirkte das Johanniskraut doch. »Das ist ja super! Wohin geht die Reise denn?«
»Ich muss nach Wien, um Lorentz aus der Patsche zu helfen. Glaubst du, dass du hier ein paar Tage ohne mich klarkommst?«
Bender nickte euphorisch. Endlich würde er zeigen können, was in ihm steckte. »Natürlich, Chef. Mit dem entlaufenen Hund von Frau Hämmerle und dem gestohlenen Blumentopf von Frau Schubert komme ich schon allein zurecht.«
»Äh, da wäre allerdings noch etwas«, druckste Morell herum. »Würdest du dir auch zutrauen, während dieser Zeit nach Fred und meinen Pflanzen zu sehen?«
»Aber klar doch, Chef. Kein Problem.« Bender hätte in diesem Moment alles zugesagt, nur um seinen Vorgesetzten loszuwerden.
»Gut, dann fahre ich jetzt heim, um alles für die Reise vorzubereiten. Es wäre prima, wenn du am Abend bei mir zu Hause vorbeikommen könntest, damit ich dir alles genau erklären kann.«
Eigentlich war es von der Inspektion zu Morells Haus nur ein kurzer Fußmarsch von ungefähr fünf Minuten, doch der Chefinspektor hatte die schlechte Angewohnheit, auch kürzeste Strecken mit dem Auto zu fahren. Er nahm sich schon seit Jahren fest vor, den Wagen gegen ein Fahrrad zu tauschen, aber bisher war es bei den guten Vorsätzen geblieben.
Morell kurbelte die Fensterscheibe ein wenig nach unten und ließ sich die kühle Luft um die Nase wehen. Er mochte den Herbst. Er verband ihn mit raschelndem Laub, Kürbiscremesuppe, gebratenen Maiskolben und Rotkraut. Die Jahreszeit war wunderschön hier auf dem Land. Am Morgen glitzerte der Tau in den Spinnweben, die wie Fäden aus purem Silber glänzten, der Ausblick auf die majestätischen Berge war so klar wie selten, die üppigen Wälder färbten sich bunt, und auf Wiesen und in Gärten erstrahlten Herbstanemonen, Dahlien und Astern in voller Pracht. Hier konnte man so richtig die Seele baumeln lassen – ganz im Gegensatz zu Wien. Dort war es laut, grau und dreckig, und die Luft stank nach menschlichen Ausdünstungen und Abgasen.
Aber es war nicht nur die Stadt, die Morell damals aufs Gemüt geschlagen war. Der anstrengende Alltag, die Gewaltverbrechen und all die anderen schrecklichen Dinge, mit denen er als Kriminalbeamter ständig zu tun hatte, waren zu hart für ihn gewesen. Nach dem Tod seiner Eltern hatte er daher beschlossen, die Karriere an den Nagel zu hängen, das große, zweistöckige Haus mit der strahlend weißen Fassade und den Blumenkästen vor den Fenstern zu übernehmen und in seinem Heimatdorf Landau ein gemütliches Beamtendasein zu führen.
Er liebte diese kleine, heile Welt. Natürlich gab es auch hier manchmal Ärger, aber der beschränkte sich auf Kneipenschlägereien oder Verkehrsdelikte. Die Mordserie, die ganz Landau im letzten Winter erschüttert hatte, war zum Glück nur eine furchtbare Ausnahme gewesen. Sie hatte ihn und sein Leben für einige Zeit ins absolute Chaos gestürzt, und es hatte lange gedauert, bis endlich wieder Ruhe eingekehrt war. Morell seufzte. Er vermisste diesen Frieden jetzt schon.
Wie versprochen kam Bender abends bei Morell vorbei, um sich in die hohe Kunst der Katzen- und Blumenpflege einweihen zu lassen. Der junge Inspektor war sich durchaus im Klaren gewesen, dass sein Vorgesetzter ein Pflanzenfanatiker war, aber womit er nun konfrontiert wurde, damit hatte er nicht gerechnet. Überall im Haus gab es Blumen, Palmen, kleine Bäume, Stauden und anderes Grünzeug. Und das war längst nicht alles – Morell war stolzer Besitzer eines riesigen Gartens und eines Gewächshauses. Und als wäre das nicht alles schon Arbeit genug, benötigte anscheinend jede Pflanze eine andere Art von Pflege.
»Das hier sind meine Orangenbäumchen. Bitte achte darauf, dass ihre Erde immer ein bisschen feucht ist, aber bitte nimm kein Wasser aus der Leitung, das ist zu kalkhaltig. Der Zimmerahorn muss reichlich gegossen und die Jacobinien alle paar Tage mal gedüngt werden«, erklärte Morell dem völlig überforderten Bender.
»Ach, und du müsstest auch unbedingt regelmäßig die Blätter kontrollieren und sie bei Bedarf abstauben. Die Pflanzen hassen es nämlich, dreckig zu sein.«
Bender starrte seinen Vorgesetzten fassungslos an. Das mussten Zigtausende Blätter sein. Wie zur Hölle sollte er jedes einzelne davon kontrollieren und saubermachen? Und wie sollte er sich all die verschiedenen Pflegeanleitungen merken? Vor seinem inneren Auge sah er bereits, wie sämtliche Lieblinge des Chefinspektors dem Ficus aus dem Büro in den Pflanzenhimmel folgten.
»Oh, schau mal, wer da kommt«, rief Morell. Fred, der, was das Übergewicht anging, ganz nach seinem Besitzer kam, schnupperte neugierig an den Hosenbeinen des Besuchers. Morell hob das getigerte Schwergewicht hoch und streichelte es, bis es zu schnurren anfing. »Fred bekommt dreimal täglich was zu fressen. Katzenfutter steht im Regal.« Der Chefinspektor setzte sein Haustier wieder auf den Boden. »Einmal täglich muss das Katzenklo gemacht werden, da ist er sehr heikel, und wenn möglich solltest du auch regelmäßig mit ihm spielen und dich ein bisschen mit ihm unterhalten. Ich befürchte, dass er auf meine Abwesenheit sonst ungut reagieren könnte.«
Bender nickte und fragte sich, wie Morell überhaupt noch Zeit für die Polizeiarbeit fand. »Ist gut. Machen Sie sich keine Sorgen. Das kriege ich schon hin.« Er war zwar von seinen Worten alles andere als überzeugt, doch die Tatsache, dass sein Chef ein wenig abgelenkt wurde und den Liebeskummer endlich überwand, war vorrangig. Bender nahm also den Schlüssel zu Morells Reich entgegen und wünschte seinem Chef eine gute Reise.
»Zum Begräbnis der Wahrheit gehören viele Schaufeln.«
Deutsches Sprichwort
Noch nie war das Ziel seiner langen Suche so nah gewesen wie jetzt: Die Wahrheit lag in braunes Leder gebunden vor ihm auf dem Tisch und wartete ungeduldig darauf, sich zu offenbaren. Sie drängte ihn, schrie förmlich danach, gelesen zu werden und endlich ans Licht zu kommen – aber er ließ sich nicht von ihr hetzen. Nachdem er so viele Jahre auf diesen Augenblick gewartet hatte, wollte er sich nun Zeit lassen und den Moment der Erkenntnis auskosten wie einen gut gereiften, alten Wein. Er wollte Wort für Wort konzentriert in sich aufnehmen. Zeile für Zeile so rein und unverfälscht wie möglich in sein Bewusstsein fließen lassen. Zu viel stand auf dem Spiel, als dass er es sich erlauben konnte, voreilig oder überstürzt zu handeln.
Behutsam strich er über den abgegriffenen, speckigen Einband, befühlte dessen rauhe, ungleichmäßige Beschaffenheit und betrachtete die vielen Risse, Kratzer und Schrammen, die die Hülle im Laufe ihrer Existenz davongetragen hatte. Vorsichtig nahm er die Aufzeichnungen in die Hand und atmete den Duft des vergilbten Papiers ein. Herb, erdig und ein kleines bisschen modrig – so rochen sie also, die Antworten auf all seine Fragen.
»Oh, sagt man doch, dass Zungen Sterbender, wie tiefe Harmonie Gehör erzwingen; Wo Worte selten, haben sie Gewicht: Denn Wahrheit atmet, wer schwer atmend spricht.« Shakespeare hatte recht behalten: Erst im Angesicht des Todes war Novak endlich bereit gewesen, alles zuzugeben. Da der Mistkerl vor lauter Schmerzen kaum mehr in der Lage gewesen war zu reden, hatte er verraten, wo sich sein Tagebuch befand – es sollte an seiner statt sprechen und alle Details erzählen.
Dieses Tagebuch lag nun vor ihm, bereit, sein Geheimnis zu offenbaren. Endlich würde er die ganze Geschichte erfahren.
Eine Geschichte, die von einem großen Abenteuer, einem mystischen Königsgrab und einem sagenumwobenen Schatz handelte.
Eine Geschichte, in der es um Habgier, Verrat und einen alten Fluch ging.
Eine Geschichte, in deren Namen Menschen ermordet wurden.
Seine Geschichte.
»Mein Odem ist schwach und meine Tage sind abgekürzt; das Grab ist da.«
Bibel, Hiob 17: 1
Als Morell am Wiener Westbahnhof aus dem Zug stieg, schlug ihm ein Schwall dreckiger, kalter Luft entgegen. Er knöpfte seine Jacke zu und schauderte. Der Himmel war trüb und wolkenverhangen, und feiner, grauer Nieselregen benetzte sein Gesicht. Die Geräuschkulisse war dieselbe wie in den Jahren, als er noch hier gelebt hatte: Autohupen, lautes Rufen, Motorengeräusche, Hundekläffen und aus irgendeinem Haus auf der anderen Seite des Gürtels dröhnten die brummenden Bässe billiger Techno-Musik.
»Was für ein Empfang«, murmelte er. Es schien fast so, als sei die Stadt böse auf ihn, weil er ihr Landau vorgezogen hatte. Nun tat Wien schmollend seinen Unmut über seine Rückkehr kund und zeigte sich von seiner schlechtesten Seite.
Schon die Fahrt war nicht gerade schön gewesen. Morell hatte sich schlapp und müde gefühlt – er hatte in der Nacht zuvor kaum geschlafen, da tausend Gedanken in seinem Kopf herumgeschwirrt waren: Würde er Lorentz helfen können? Gab es vielleicht doch noch eine Chance für Valerie und ihn? Und würde Bender es schaffen, mit den Pflanzen, Fred und der Arbeit auf dem Revier allein zurechtzukommen?
Ein alter, betrunkener Sandler, der beißend nach Urin stank und dessen Gesicht von Krankheit und Alkohol gezeichnet war, bettelte auf dem Bahnhofsvorplatz um Geld und holte Morell in die Realität zurück.
»Hier, mein Freund.« Morell steckte ihm einen Fünfer zu. »Kauf dir was Anständiges zu essen.«
Der alte Mann, völlig überrascht von der großzügigen Spende, steckte den Schein hastig weg, nickte dem Chefinspektor kurz zu und verschwand dann im Getümmel der Reisenden.
Menschen wie dieser Obdachlose waren ein weiterer Grund, weshalb Morell das Leben auf dem Land vorzog. Die Großstadt war ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen, und er war einfach nicht dafür geschaffen, sich tagtäglich mit all ihren Schicksalen, ihrem Leid und ihrer Hoffnungslosigkeit auseinanderzusetzen. »Zu viele Menschen, zu wenig Würde«, murmelte er, rief sich ein Taxi heran und stieg ein. »Zum Landeskriminalamt, bitte.« Er lehnte sich zurück, atmete Duftbaumluft ein und vermisste sein Landau, bis das Läuten des Handys ihn aus seinen Gedanken riss.
»Servus, Otto, hier ist Nina. Bist du schon in Wien? Soll ich dich irgendwo abholen kommen?«
»Nein, nein, vielen Dank. Ich habe mir ein Taxi genommen und fahre direkt einmal ins Landeskriminalamt. Ich sondiere dort die Lage, spreche dann mit Leander und komme anschließend bei dir vorbei.«
»Du bist wirklich ein Schatz. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.«
»Warten wir erst mal ab, ob ich tatsächlich helfen kann. Bis später!« Morell legte auf, starrte aus dem Fenster und betrachtete die grauen Häuserfassaden und die bunten Reklameschilder, die an ihm vorbeizogen.
Es war ein komisches Gefühl, nach so langer Zeit wieder an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurückzukehren. Morell betrachtete das große Gebäude, das ihm so fremd und gleichzeitig so vertraut schien. Viele schlechte Erinnerungen kamen in ihm hoch: All die übel zugerichteten Opfer, die geschlagen, missbraucht und getötet worden waren, und dazu all die trauernden Angehörigen, die vor seinen Augen geschrien und geweint oder einfach nur stumm in einer Ecke gesessen hatten.
Er betrat das LKA. Die Stimmung hier drinnen war nicht mit der Atmosphäre in der netten, kleinen Inspektion in Landau zu vergleichen. Bender und er hatten einen ruhigen und entspannten Alltag. Hier dagegen lag Hektik in der Luft. Es herrschte ein betriebsames, knisterndes Klima, als wäre die Luft elektrisch aufgeladen. Am Beginn seiner Karriere hatte Morell das noch aufregend und mitreißend gefunden und sich voller Energie und Zuversicht in die Arbeit gestürzt. Wie jung und naiv er damals doch gewesen war – er hatte sich tatsächlich eingebildet, er könne die Welt verändern. Im Laufe der Jahre schwand diese Illusion aber, und er wurde immer frustrierter, bis er eines Tages am Rand einer Depression gestanden hatte. Der Umzug nach Landau war daher genau das Richtige gewesen, und er war ohne Reue gegangen.
Wer von den alten Kollegen wohl noch hier arbeitete? Einige waren sicher in Pension gegangen oder versetzt worden. Viele würden aber vermutlich noch da sein – wie sie wohl auf sein plötzliches Auftauchen reagieren würden? Morell schielte auf seinen Bauch. Er war verdammt dick geworden. Zwar hatte er sich ein extra weites, schwarzes Sakko angezogen, das ihn dünner erscheinen lassen sollte, aber so wie es aussah, hatte es nichts genutzt.
»Augen zu und durch«, murmelte er. »Die Meinung der Jungs kann dir völlig wurscht sein. Du bist hier, um Leander zu helfen, und sobald das erledigt ist, kannst du wieder abrauschen.« Er holte tief Luft, zog den Bauch ein und wandte sich an einen jungen Polizisten.
»Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht sagen, wer den Fall des ermordeten Archäologen betreut?«
Der Beamte musterte ihn kritisch. »Sind Sie ein Zeuge oder ein Angehöriger?«
»Weder noch. Mein Name ist Chefinspektor Otto Morell, und ich muss dringend mit dem zuständigen Ermittler sprechen.«
»Morell?« Der Beamte schaute skeptisch. »Und Sie sind Polizist?«
»Ja, das bin ich.« Morell stellte sich aufrecht hin, zog seinen Bauch noch weiter ein, reckte das Kinn in die Höhe und versuchte kompetent und respekteinflößend zu wirken. »Könnten Sie mir jetzt bitte sagen, wer der leitende Ermittler ist? Ich habe dringend etwas mit ihm zu bereden.«
Die imposante Statur des Landauer Polizisten hatte anscheinend Eindruck gemacht, denn der junge Beamte überlegte kurz und nickte dann. »Chefinspektor Weber betreut die Ermittlungen«, sagte er.
Morell musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu fluchen. Ausgerechnet Roman Weber. Das war nicht gut. Sein Exkollege konnte ihn nämlich nicht ausstehen – das hatte er noch nie können. Weber war – im Gegensatz zu Morell – ein trockener Taktiker. Während Morell sich auf seine Intuition verließ und versuchte, durch Gespräche Zugang zu den Menschen zu finden, setzte Weber auf Indizien, Analysen und neueste Technik. Die langjährige Antipathie, die zwischen den beiden geherrscht hatte, fand ihren Höhepunkt, als Morell, der es gar nicht darauf angelegt hatte, die Beförderung bekam, auf die der ehrgeizige Weber so scharf gewesen war.
Da Weber über das plötzliche Auftauchen seines ehemaligen Rivalen alles andere als erfreut sein würde, überlegte Morell kurz, ob es vielleicht nicht besser wäre, sich heimlich, still und leise wieder aus dem Staub zu machen. »Nein«, ermahnte er sich selbst – er brauchte dringend ein paar interne Informationen, um Lorentz zu helfen, und musste daher zumindest versuchen, mit Weber zu reden.
»Könnten Sie bitte kurz nachfragen, ob Herr Weber einen Augenblick Zeit für mich hat?«
Der junge Beamte schaute immer noch ein wenig skeptisch, nahm aber sein Telefon und wählte. »Herr Weber, bei mir hier am Empfang steht ein gewisser Otto Morell und würde Sie gerne sprechen ... aha ... in Ordnung ... ist gut ... werde ich machen ... auf Wiederhören.« Er legte auf. »Ich soll Sie zu ihm raufschicken. Sein Büro ist ...«
»Ich weiß, wo sich sein Büro befindet. Vielen Dank.« Morell nickte dem Polizisten kurz zu und machte sich mit einem unguten Gefühl im Bauch auf den Weg.
Weber schien – genau wie Morell es geahnt hatte – nicht gerade erfreut über den unerwarteten Besuch seines Exkollegen zu sein. Er starrte den Landauer Chefinspektor mit zusammengekniffenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf argwöhnisch an, als dieser den Raum betrat.
»Otto Morell, was für eine Überraschung. Du bist es wirklich. Ich dachte erst, der junge Kollege am Eingang will mich verarschen.« Er musterte Morell von oben bis unten, und sein misstrauischer Blick blieb kurz an dessen überdimensionalem Bauch und dem Doppelkinnansatz hängen. »Ich hätte dich beinahe nicht mehr wiedererkannt. Du bist ein wenig aus der Form gelaufen, wenn ich das mal so sagen darf.«
Morell verdrehte die Augen. Weber war noch immer so respektlos und beleidigend wie früher. Er dachte an Lorentz, verkniff sich einen gemeinen Konter und versuchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen. »Darf ich mich setzen?« Er deutete auf einen Stuhl.
Weber nickte. »Nachdem du uns damals so fluchtartig verlassen hast, war ich eigentlich davon überzeugt, dich nie wieder zu Gesicht zu bekommen. Was führt dich also her? Ich gehe mal davon aus, dass du nicht gekommen bist, weil du mich so sehr vermisst hast.«
Morell setzte sich, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sein Gegenüber. Weber hatte sich kaum verändert: Er hatte noch immer diesen verbissenen Zug um den Mund und unfassbar stechende Augen, die einen schier zu durchbohren schienen. »Da liegst du richtig«, sagte er, ließ seinen Blick durch das Zimmer wandern und war froh, dass er hier nicht mehr arbeiten musste. Sein Büro in Landau war heimelig und bequem. Er hatte seine Lieblingspflanzen mitgenommen, die Pokale, die er beim jährlichen Wettbewerb des Gartenbauvereins gewonnen hatte, aufgestellt und einige schöne Kunstdrucke an die Wände gehängt. Dieser Raum hier wirkte im Gegensatz dazu völlig trist und farblos. Neben dem Schreibtisch und den beiden Stühlen gab es noch einen billigen, abgenutzten Schrank aus dunklem Furnier und ein Metallregal, das voll mit schwarzen Aktenordnern war. Morell wollte sich gar nicht erst vorstellen, welche Dokumente diese Ordner enthielten – sie waren eine einzige Chronik von Grausamkeit und Gewalt.
»Warum bist du hier, Otto?«, wiederholte Weber ungeduldig.
Impulsiv und hektisch wie eh und je, hätte Morell ihm am liebsten gesagt, hielt aber den Mund. »Ich bin wegen Leander Lorentz gekommen«, antwortete er stattdessen.
Weber lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Da bin ich aber mal gespannt. Was weißt du über den Mistkerl?«
»Leander ist kein Mistkerl. Er ist ein guter Freund von mir, und ich bin gekommen, um dir zu versichern, dass er mit dem Mord nichts zu tun hat.« Morell betrachtete voller Mitleid den kleinen Weihnachtskaktus, der einsam und vernachlässigt am Rand von Webers Schreibtisch vor sich hin trocknete.
»Und was macht dich da so sicher?«
»Wie schon gesagt: Ich kenne ihn gut. Er ist ein feiner Kerl, der keinem Menschen etwas zuleide tun könnte.«
Weber gab ein zynisches Lachen von sich. »Dasselbe wurde über Typen wie Charles Manson und Jeffrey Dahmer auch gesagt.«
»Du musst mir glauben, Roman. Ich kenne Leander wirklich gut, und ich versichere dir ... «
