Teures Schweigen - Daniela Larcher - E-Book

Teures Schweigen E-Book

Daniela Larcher

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Beschreibung

Gier, Schuld und alte Sünden Eigentlich hat Chefinspektor Otto Morell der österreichischen Hauptstadt endgültig den Rücken gekehrt – doch als sein alter Freund Wilfried Uhl ihn anruft und um Hilfe bittet, reist er umgehend nach Wien. Hier macht ein aufsehenerregender Mord die Runde: Ein Antiquitätenhändler wurde in seinem Geschäft getötet – mit einem Morgenstern. Und auch Uhl wurde bedroht … Morells Ermittlungen führen ihn auf die Spur eines antiken Teppichs, der eine geheimnisvolle Botschaft enthalten soll. Gemeinsam mit Gerichtsmedizinerin Nina Capelli forscht Morell weiter und stößt schließlich auf ein ungesühntes Verbrechen in den schillernden Wiener Adelskreisen – und auf ein Familiengeheimnis mit tödlichen Folgen … Der vierte Fall für Morell – ein packender Kriminalroman für alle Fans von Beate Maxian und Felix Leibrock.   Alle Bände der Reihe: Band 1: Die Zahl Band 2: Zu Grabe Band 3: Neumond Band 4: Teures Schweigen Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.  

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Eigentlich hat Chefinspektor Otto Morell der österreichischen Hauptstadt endgültig den Rücken gekehrt – doch als sein alter Freund Wilfried Uhl ihn anruft und um Hilfe bittet, reist er umgehend nach Wien. Hier macht ein aufsehenerregender Mord die Runde: Ein Antiquitätenhändler wurde in seinem Geschäft getötet – mit einem Morgenstern. Und auch Uhl wurde bedroht … Morells Ermittlungen führen ihn auf die Spur eines antiken Teppichs, der eine geheimnisvolle Botschaft enthalten soll. Gemeinsam mit Gerichtsmedizinerin Nina Capelli forscht Morell weiter und stößt schließlich auf ein ungesühntes Verbrechen in den schillernden Wiener Adelskreisen – und auf ein Familiengeheimnis mit tödlichen Folgen …

eBook-Neuausgabe März 2026

Dies ist eine Neuausgabe des bereits im Fischer Taschenbuch Verlag erschienenen Titels »Teures Schweigen«.

Copyright © 2015 der Originalausgabe S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Stefan Hilden, hildendesign.de; © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com und Midjourney

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-69076-682-1

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

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Daniela Larcher

Teures Schweigen

Kriminalroman

 

Kapitel 1

 

Wien, 10. September 1683

 

Der süßliche Gestank von Verwesung und der beißende Geruch von Schießpulver hingen in der Luft und schnürten ihm die Kehle zu, während das Getöse der Kugeln, die Anweisungen der Befehlshaber und die Schreie der Verwundeten die Nacht erfüllten. Hörte das denn nie auf? Seit mehr als eineinhalb Monaten hatte es keine Verschnaufpause mehr gegeben. Nicht einen kurzen Moment der Stille. Keinen ruhigen Augenblick, in dem man die Augen schließen und sich der Illusion von Frieden hätte hingeben können.

Es waren eineinhalb Monate voller Lärm, Tod und Angst gewesen. Eineinhalb Monate, in denen über die Zukunft des europäischen Kontinents, das Überleben seiner Völker und das Fortbestehen ihrer Religion gekämpft worden war. Eineinhalb Monate, in denen er sich vom einfachen Bäcker in einen abgeklärten Soldaten verwandelt hatte.

Jakob Unger stand auf der Stadtmauer und ließ seinen Blick über das Lager des türkischen Heers schweifen, das seit nunmehr 45 Tagen die Stadt belagerte, und versuchte, nicht zu verzagen.

Der Feind war übermächtig. Die Anzahl der Lagerfeuer, die rund um Wien brannten, war um eine Vielzahl größer als die der Sterne am Himmel. Es mussten Hunderttausende sein. Und wie viele Verteidiger waren sie noch? Fünf-, vielleicht sechstausend? Und täglich wurden es weniger. Die andauernden Gefechte und die grassierende Ruhr forderten viele Opfer. Kranke und Sterbende lagen auf den Straßen und untergruben mit ihrem Wehklagen die Moral der Bevölkerung.

Kein Wunder, dass der Ruf nach Kapitulation immer lauter wurde. An jeder Straßenecke und in jeder Spelunke wurde darüber geredet, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben. Die Leute hofften, dass die Türken Gnade walten und sie in Richtung Westen abziehen lassen würden, doch er wusste es besser. Es würde keine Gnade geben. Er hatte dem Feind ins Gesicht geschaut und den Hass in dessen Augen gesehen. Die wilde Entschlossenheit zu töten. Den unbändigen Wunsch nach Vernichtung. Eine Kapitulation käme einem Todesurteil gleich.

Noch war der Stadtkommandant, Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, stark und gewillt, die Stadt zu halten – doch es konnte nicht mehr lange dauern, bis feige Zungen, das Wehklagen der Kranken und die hungrigen Gesichter seiner Schutzbefohlenen ihn davon überzeugen würden aufzugeben.

Jakob fuhr mit beiden Händen durch sein dichtes, dunkelbraunes Haar, das seit ein paar Wochen von weißen Strähnen durchzogen wurde, kontrollierte seine Muskete und grübelte. Seine Frau Anna war im achten Monat schwanger. Er würde bald Vater werden und durfte nicht zulassen, dass sie und ihr gemeinsames Kind in die Hände des Feindes fielen. Er musste irgendetwas tun – aber was?

Eine Kanonenkugel schlug nur wenige Meter von ihm entfernt in die Bastei ein und brachte den Boden unter seinen Füßen zum Zittern. »Halt durch, altes Mädchen«, murmelte Jakob, ging in die Hocke und tätschelte die staubigen Mauersteine. Dann blickte er noch einmal auf das übermächtige, türkische Heer und kämpfte gegen die Hoffnungslosigkeit, die in ihm hochstieg.

Hoffnung, das war es, was Wien brauchte. Nach und nach entwickelte sich ein Plan in seinem Kopf. Ihn in die Tat umzusetzen wäre purer Selbstmord – doch war ein Verbleiben in der Stadt ohne zu handeln nicht genau dasselbe? Er dachte an Annas kugelrunden Bauch, in dem sein Erstgeborener heranwuchs, und machte sich auf den Weg zu Starhemberg, um ihm von seinem Entschluss zu berichten.

Kapitel 2

 

Wien heute

 

Hundstage. Die heißesten Tage des Jahres verwandelten die Stadt in einen Backofen, der die Wiener seit mittlerweile zehn Tagen in ihrem eigenen Schweiß schmoren ließ. Jene Menschen, die kein Geld oder keine Zeit für einen Urlaub in kühleren Gefilden hatten, flüchteten in schattige Parks und klimatisierte Büros, oder sie ölten sich ein und quetschten sich wie Sardinen in eines der zahlreichen Freibäder.

Genauso wie Hektik oder Hunger war Hitze keines jener Dinge, die unbedingt das Beste in den Wienern zur Geltung brachte: Schwitzflecken, wohin man nur schaute, ungepflegte Füße in offenen Sandalen, gerötete Gesichter und das penetrante Odeur von Achselschweiß dominierten die Stadt.

Dazu kam das Gejammer. Der typische Wiener, der von jeher der Raunzerei sehr zugetan war, fand sich bei diesen Temperaturen wieder voll in seinem Element. Damals, unterm Kaiser, da hätte sich die gelbe Sau, wie die Sonne gerne tituliert wurde, sowas noch nicht getraut. Aber heute, wo die Amis, die Russen, die Deutschen und überhaupt alle anderen das Klima ruinierten, da mussten die armen Wiener das wieder mal ausbaden.

Eine der wenigen, die neben Freibadbetreibern und Eissalonbesitzern nicht über die Hitze jammerte, war Dr. Nina Capelli. Dank ihrer Tätigkeit als Gerichtsmedizinerin verbrachte sie die Tage im gut klimatisierten Obduktionssaal oder der noch besser gekühlten Leichenhalle. Heute trug sie schwarze Jeans und einen beigen Pulli unter ihrem Kittel, und war weit entfernt davon zu schwitzen.

»Was liegt denn heute an?«, fragte sie Jochen Kern, ihren Assistenten, als sie den Obduktionsraum betrat, schob ihre Hornbrille zurecht und band sich das kinnlange, braune Haar zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammen. »Sonnenstich oder Kreislaufkollaps?« Sie streifte sich die obligatorischen Gummihandschuhe über und trat an die Bahre, auf der sich, unter einem weißen Leinentuch, der Umriss eines menschlichen Körpers abzeichnete.

»Mal sehen«, gab Kern zur Antwort, nahm sich die Akte des Toten und überflog sie. »Wow«, sagte er dann, hob das Tuch an der Kopfseite hoch und ließ noch einmal ein »Wow« hören.

»Wow«, sagte auch Nina, als sie sich ihren Assistenten genauer anschaute. »Was ist denn mit dir passiert?« Sie zeigte auf sein krebsrotes Gesicht.

»Bitte keinen Vortrag«, bat er. »Ich war im Schafbergbad und hab vergessen, mich einzucremen.«

»Ich hoffe, du hast After-Sun draufgetan. Wenn das anfängt sich zu schälen, siehst du aus wie ein Aussätziger.«

»Ha ha«, raunzte Kern. »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.« Er reichte ihr das Klemmbrett. »Immerhin sieht mein Gesicht besser aus als seins.« Er deutete auf den Leichnam.

Nina warf einen Blick auf die Akte und schaute dann Kern mit einer hochgezogenen Augenbraue an. »Die Tatwaffe war ein Morgenstern? Im Ernst? Also, so was ist mir bisher auch noch nicht untergekommen.« Sie schlug das Tuch zur Seite und begutachtete interessiert den Kopf des Toten, beziehungsweise das, was davon noch übrig war. »Tja«, murmelte sie, »immer, wenn man glaubt, man habe schon alles gesehen, erlebt man eine Überraschung.«

Kern hatte in der Zwischenzeit einen Fotoapparat geholt. Er machte ein paar Aufnahmen von der Leiche und fing dann vorsichtig an, die Kleidung des Toten zu entfernen. »Was haben Sie am Wochenende gemacht?«, fragte er seine Chefin, deren Teint so blass wie eh und je war. »Waren Sie gar nicht draußen?«

»Bei der Hitze? Nicht ums Verrecken würde ich da freiwillig rausgehen.« Sie umrundete den Leichnam und begutachtete alle Extremitäten. »Ich war das ganze Wochenende hier und habe die klimatisierten Räume genossen. Klingt vielleicht langweilig, aber wenigstens ist mein Gesicht noch intakt. Was man von euch beiden nicht behaupten kann.«

Kern, der mit seinen 26 Jahren um gut ein Jahrzehnt jünger war als Nina, feierte oft und gerne und ließ hie und da mal durchblicken, dass er ihren ruhigen Lebenswandel recht langweilig fand. »Schon gut. Sie haben ausnahmsweise gewonnen.«

Nina schenkte ihm ein Lächeln. »An die Arbeit.« Sie zog ein kleines Diktiergerät aus der Tasche ihres Kittels, drückte auf ›record‹ und fing an hineinzusprechen: »Männlicher Leichnam. Zwischen 50 und 60 Jahre alt. Abwehrverletzungen an Händen und Unterarmen. Massives Schädeltrauma. Verursacht durch einen Morgenstern.« Sie sah Kern fragend an.

Dieser hob eine Schachtel vom Boden auf und stellte sie vor Nina auf den Tisch. »Den hat die Polizei mitgeliefert. Damit wir einen Abgleich machen können, ob es sich wirklich um die Tatwaffe handelt.« Er öffnete die Schachtel, legte den Deckel zur Seite und betrachtete die mittelalterliche Waffe voller Faszination. Sie bestand aus einem Metallstab, an dessen Ende eine massive Kette angebracht war, an der ein dornenbesetzter Eisenball hing. Kern hielt ihn in die Höhe und ließ ihn vorsichtig hin und her schwingen.

»Vorsicht, du siehst schon lädiert genug aus.« Nina nahm ihm die Waffe aus der Hand und verglich die Eisendornen mit den Spuren an der Leiche. »Ich glaube, wir haben unsere Tatwaffe. Wissen wir schon, wer das Opfer ist, und warum er ausgerechnet mit einem Morgenstern erschlagen wurde?«

Kern blätterte im Polizeibericht. »Es wird angenommen, dass es sich um einen gewissen Balthasar Szepan handelt. 56 Jahre alt. Antiquitätenhändler. Da von seinem Gesicht nicht mehr viel übrig ist, müssen wir nach alten Narben, Tattoos oder anderen Identifikationsmerkmalen suchen.«

Nina nickte und begutachtete den Mund des Toten. »Wenn wir nichts finden, können wir sicher eine Identifikation über die Zähne machen. Die sind noch ziemlich intakt.« Sie ließ sich von Kern ein Skalpell reichen. »Mein lieber Herr Szepan«, sagte sie, als sie zum Y-Schnitt ansetzte. »Dann wollen wir doch mal hoffen, dass wir dazu beitragen können, Ihren Mörder zu finden.«

Kapitel 3

 

»So ein Dreck aber auch!« Der 59-jährige Antiquitätenhändler Wilfried Uhl saß am Küchentisch, blätterte durch die Abendausgabe des Wiener Anzeigers und schwitzte dabei so sehr, dass das dünne Zeitungspapier an seinen Fingern kleben blieb.

Als ehemaliger Archäologe hatte er bereits in allen Teilen des Erdballs auf Ausgrabungen gearbeitet – unter anderem auch in der syrischen Wüste und im ägyptischen Tal der Könige – doch nirgends war die Hitze so unerträglich gewesen wie hier und jetzt.

Da weder sein Laden noch seine darüberliegende Wohnung über eine Klimaanlage verfügten, hatte er schon seit Tagen nicht mehr ordentlich geschlafen und fühlte sich nur noch wie ein Schatten seiner selbst. Und heute würde es wieder eine dieser ›Tropennächte‹ geben, in der die Temperatur nicht unter 20 Grad fiel.

Er zog sein Unterhemd aus, so dass er nur noch in einer alten, ausgewaschenen Feinrippunterhose dasaß, ignorierte die Kugel, die sich dorthin geschlichen hatte, wo früher mal ein Waschbrett gewesen war, nahm sich wieder seine Zeitung vor und las die typische Sommerloch-Berichterstattung: Ein Kind war beim Baden in der Alten Donau von einem Wels gebissen worden, beim stadtweiten Speiseeis-Vergleich hatte dieselbe Eisdiele wie jedes Jahr gewonnen, und eine alte Dame hatte auf offener Straße einen Hitzekoller erlitten.

»Interessiert kein Schwein«, murmelte er und blätterte nach hinten zum Wetterbericht.

Abrupt hielt er inne und blätterte wieder zurück. Irgendeine der Schlagzeilen hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Reisespezial Sibirien, seltenes Fabergé-Ei auf Wiener Luxusmesse, U-Bahn-Ausfall ... ah ja, da war sie ja: ›Brutaler Mord an Antiquitätenhändler‹. Anscheinend hatte es bei Redaktionsschluss noch nicht viele Informationen gegeben, denn der Text war sehr kurzgehalten:

»Ein barbarischer Mord erschüttert die Bewohner des dritten Bezirks. Heute morgen wurde der 56-jährige Antiquitätenhändler Balthasar Szepan brutal erschlagen in seinem Geschäft aufgefunden. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur. Um sachdienliche Hinweise wird gebeten«. Wie paralysiert starrte er auf den Artikel, der so kurz und knapp über den Tod seines Kollegen berichtete.

Gerade gestern hatte Szepan ihn noch besucht. Er war mit einem mottenzerfressenen Wandteppich bei ihm aufgetaucht und wollte seine Meinung darüber hören. Uhl hatte sich über das komische Anliegen gewundert – es war auf den ersten Blick klar gewesen, dass das Teil keinen Wert hatte. Aber vielleicht hatte Szepan ja auch nur einen Vorwand gebraucht, um unter Leute zu kommen.

Sie hatten den Teppich ins Wohnzimmer gelegt und sich ein kühles Bier aufgemacht. Weil es nicht bei dem einen Bier geblieben war, ging Szepan zu Fuß nach Hause. Er wollte heute wiederkommen, um Auto und Teppich abzuholen. Aber er würde nicht kommen. Heute nicht und auch sonst nie wieder.

Fassungslos legte Uhl die Zeitung beiseite und ging zum Fenster, um durchzulüften. Dabei stach ihm ein schwacher Lichtschein ins Auge, der aus seinem Laden kam. Hatte er etwa vergessen, die Lampe auszumachen? Nein, dafür war der Schein zu schwach, und außerdem bewegte er sich.

Dank des Schlafmangels arbeitete sein Gehirn nicht so effektiv wie sonst, darum brauchte er ein paar Augenblicke, bis ihm einschoss, was hier gerade vor sich ging: Bei ihm wurde eingebrochen.

Der Schreck über diese Erkenntnis drängte alle anderen Ereignisse in den Hintergrund. Er zögerte kurz, nahm das Telefon zur Hand und rief bei der Polizei an, wo ihm versichert wurde, dass so schnell wie möglich eine Streife vorbeikommen würde.

»So schnell wie möglich ist nicht schnell genug«, konstatierte Uhl, der kein großer Freund der Exekutive war. »Ich brauche sofort jemanden. Haben Sie verstanden? Jetzt. In dieser Sekunde.«

»Wir können leider nicht beamen«, antwortete die Frau in der Notrufzentrale. »Wenn wir es könnten, würden wir es tun. Aber bis dahin müssen unsere Leute mit dem Auto fahren, und das kann nun mal ein paar Minuten dauern. Bitte beruhigen Sie sich. Eine Streife wird gleich bei Ihnen sein.«

»Schnarchnasenverein.« Uhl legte auf, beugte sich aus dem Fenster und schaute nach unten, wo mittlerweile kein Licht mehr zu sehen war. Hatte er sich etwa getäuscht?

Er verließ die Wohnung, ging die Stiege hinunter, presste ein Ohr an die Ladentür und lauschte. Nein, er hatte sich nicht getäuscht. Er konnte eindeutig hören, wie jemand darin Sachen herumschob und Dinge auf den Boden warf.

Wo blieb denn nur die Polizei? Uhl hatte eine Zeit lang seine Brötchen als Fälscher verdient und damals eine berufsbedingte Abneigung gegen jegliche Form von Uniformträgern entwickelt. Mittlerweile war er zwar ein gesetzestreuer Bürger, doch die Polizeiaversion war an ihm haften geblieben wie ein klebriges Stück Baumharz. »Kieberertrotteln«, murmelte er. Bis die endlich ihre faulen Hintern hierher bewegen würden, wäre sein ganzer Laden leergeräumt.

Die Geschäfte liefen zur Zeit nicht gut, darum hatte er gespart, wo immer er konnte – unter anderem bei der Alarmanlage und der Versicherung. Keine seiner glorreichsten Ideen. »Alles muss man selber machen. Und dafür zahl ich auch noch Steuern.« Er holte einen Golfschläger aus der Wohnung und schlüpfte in seinen Laden.

Sofort sah er, dass sich hier jemand zu schaffen gemacht hatte: Mehrere Palisander-Armlehnsessel lagen umgekippt am Boden, ein Chippendale-Polsterstuhl war achtlos gegen eine Mahagoni-Sitzbank geschmissen worden, und das Glas einer Jugendstil-Vitrine war gesplittert. Beim Anblick seiner Schätze, die er in monatelanger Arbeit auf Auktionen, Nachlässen und Flohmärkten zusammengetragen hatte, und die nun irgend so ein dahergelaufener Banause schamlos geschändet hatte, stieg unbändige Wut in ihm auf. Das war also der Preis für legale Betätigung: Ärger, Scherereien und Existenzängste.

Sein Herz pumpte pures Adrenalin durch seine Adern, und der Golfschläger, der schwer in seiner Hand lag, verlieh ihm die Extraportion Mut, die er brauchte, um weiter zum Lager zu gehen. Er stellte sich an den Türrahmen und schielte so unauffällig wie möglich in den Raum: Ein Mann machte sich gerade daran, eine Kommode zu verrücken, wobei er äußerst unsanft vorging.

Uhl schaute sich um, bis er sicher war, dass kein zweiter Mann im Laden war und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder dem Einbrecher zu: Der war ganz in Schwarz gekleidet, trug Lederhandschuhe und eine Sturmmaske mit einem dünnen Sehschlitz. ›Was für eine lästige Arbeitskleidung‹, ging es Uhl durch den Kopf. ›Der Kerl muss sich ja den Hintern abschwitzen in dieser Montur.‹ Erst jetzt fiel ihm auf, dass er selbst barfuß und nur mit einer Feinrippunterhose bekleidet war.

Doch sämtliche Gedanken bezüglich seines mehr als legeren Outfits waren sofort vergessen, als der Einbrecher mit beiden Händen an der Kommode zerrte und kurz davor war, sie umzuwerfen.

»Das ist ein Biedermeier-Sekretär, du Wappler! « Uhl trat mit erhobenem Golfschläger auf den Mann zu.

Dessen Augen weiteten sich erschreckt, doch die Schockstarre hielt nicht lange an. In dem Moment, in dem Uhl ausholte, um ihm eins überzubraten, warf er den wertvollen Sekretär zu Boden, so dass dieser genau zwischen ihnen landete. Dann griff er mit einer flinken Bewegung nach hinten, zog eine Pistole aus seiner Hose und richtete sie auf Uhl. »Wo ist der Teppich?«

»Teppich?« Uhl starrte in den Lauf der Pistole und ließ langsam den Golfschläger sinken.

»Ja. Wo ist er?«

Uhl hatte keine Ahnung, wovon der Kerl sprach. »In der Kassa sind ungefähr tausend Euro. Nehmen Sie die.«

»Wo ist der Teppich?«, wiederholte der maskierte Mann.

»Ich handle nicht mit Teppichen. Der einzige Teppich im ganzen Laden ist der, auf dem wir stehen. Und der ist keine hundert Euro wert.«

»Verarschen kann ich mich selber.« Der Mann stieg über den umgekippten Sekretär und stieß Uhl die Waffe in die Brust, so dass dieser nach hinten taumelte und auf den Boden fiel. »Du sagst mir jetzt sofort, wo der Teppich ist, oder ich schieß dir ins Knie.«

Es gab genau zwei Teppiche in seinem Haus. Auf einem davon saß er gerade, und der zweite war das zerfledderte Teil, das Szepan gestern angeschleppt hatte. Der Kerl war doch wohl nicht hinter dem her. Oder? »Meinen Sie etwa ...«, setzte er gerade an, als von draußen endlich der erlösende Lärm von Polizeisirenen zu hören war.

»Wir sehen uns wieder!«, fluchte der Einbrecher und huschte durch den Hinterausgang nach draußen.

»Herr Uhl?« Es wurde gegen die Tür geklopft.

Uhl quälte sich auf und öffnete. »Na? Nette Anreise gehabt? Am Weg noch ein paar Zwischenstopps gemacht? Bisserl Sightseeing?« Er starrte die beiden Polizisten vorwurfsvoll an.

»Ich bin Inspektor Steiner, und das ist mein Kollege, Inspektor Römer. Wir sind so schnell gekommen wie möglich. Dürfen wir reinkommen?«

Uhl trat einen Schritt zur Seite, und die beiden Polizisten begutachteten mit stoischen Mienen das Chaos. »Haben Sie schon feststellen können, was fehlt?«

»Zum Glück nichts. Der Kerl ist mit leeren Händen verschwunden – was ich definitiv nicht Ihnen zu verdanken habe.« Er gab alles zu Protokoll, was er erlebt hatte, ließ aber den Teil mit dem Teppich aus. Er wollte erst herausfinden, was es damit auf sich hatte, bevor er jemandem davon erzählte.

»Ich wünsche eine geruhsame Nacht«, rief Uhl den beiden Polizisten hinterher, nachdem diese sich verabschiedet hatten. »Nur nicht überarbeiten.« Er lief in seine Wohnung, wo immer noch Szepans Teppich lag, breitete ihn aus und begutachtete ihn genauer: Er war ungefähr einen Meter hoch und fünf Meter breit, bestand aus grobem Leinen und war bunt bestickt. Barock, schätzte Uhl. Frühes 18. Jahrhundert. Und auch jetzt, auf den zweiten Blick, nichts wert: Sein Material war billig und der Erhaltungszustand absolut erbärmlich. Das Leinen war vergilbt, die Farben der Stickereien waren verblasst, und überall hatten Motten und anderes Getier Löcher hineingefressen.

Uhl holte sich ein Bier, genoss ein paar kühle Schlucke und studierte erneut den Teppich. Das Motiv gab auch nicht viel her – typisch barocker Kitsch halt. Ritterspiele, Liebesschwüre, Duelle und Heiratsanträge. Nein, niemand würde wegen dieses hässlichen Fetzens irgendwo einbrechen, geschweige denn jemanden umbringen.

Die aufregenden Ereignisse des Abends, das Bier und nicht zuletzt die unerträgliche Hitze machten Uhl rasch müde. Er schloss die Wohnungstür zweimal ab und klemmte sicherheitshalber auch noch einen Stuhl unter die Klinke.

›Komisch, dieser Teppich‹, sinnierte er, bevor er sich auf den Weg ins Bett machte.

Kapitel 4

 

Landau, ein kleiner Ort in den Tiroler Alpen, war glücklicherweise so hoch gelegen, dass er bisher von der allgemein grassierenden Hitzewelle verschont geblieben war. Während ganz Österreich über die Tropennächte und Backofenatmosphäre dieses Jahrhundertsommers jammerte, konnte man hier herrlich laue Tage und kühle Nächte erleben.

Derzeit schlummerten die Einwohner der 5000-Seelen-Gemeinde, weit weg von schweißdurchtränkten Laken und schwülen Albträumen, friedlich in ihren Betten und genossen einen erholsamen Schlaf. Alle, bis auf eine.

Valerie Gasser, die Freundin von Chefinspektor Otto Morell, dem obersten Dorfsheriff, starrte entnervt an die Schlafzimmerdecke, während ihr Herzblatt so schlimm schnarchte, dass sie fürchtete, die dumpfen Vibrationen würden jeden Moment die besagte Decke zum Einsturz bringen.

Die Ohropax, die sie sich präventiv in die Ohren geschoben hatte, hatten keine Chance gegen den Staubsauger, der neben ihr dröhnte. Sie steckte den Kopf unters Kissen, doch auch mehrere Schichten aus dichten Daunen konnten dem Lärm nichts entgegensetzen. Valerie zog den Kopf also wieder heraus, rollte sich neben Morell und hielt ihm vorsichtig die Nase zu. Für einen Moment kehrte Ruhe im Morell’schen Schlafzimmer ein, die aber nicht lange anhielt. Einem kurzen Atemaussetzer folgte eine ohrenbetäubende Schnarchattacke, die noch schlimmer war als jene zuvor.

Morell hatte immer schon geschnarcht, bisher im erträglichen Bereich, doch seit einiger Zeit hatte er Probleme mit seinen Nebenhöhlen. Seitdem war das Schnarchen so laut, dass es wahrscheinlich noch bis ins Nachbardorf zu hören war.

»Otto. Kruzifix. Ich muss doch morgen arbeiten«, murmelte Valerie, doch ihr Herzallerliebster war so tief in seinen Träumen versunken, dass er davon nicht aufwachte. Sie hielt sich die Ohren zu, starrte weiter die Decke an und überlegte, auf die Couch zu ziehen, als plötzlich die Melodie von ›Strawberry Fields forever‹ von den Beatles den Raum erfüllte – Morells Handyklingelton. Valerie schaute auf die rotleuchtenden Zahlen des Radioweckers: Es war vier Uhr. Es musste sich um einen Notfall handeln.

›Let me take you down, ’cause I’m going to Strawberry Fields ...‹Keine schlechte Idee, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn sie sich ins Erdbeerbeet hinterm Haus legte, hätte sie bessere Chancen auf Schlaf als hier im Bett. ›Nothing is real and nothing to get hung about. Strawberry Fields forever ...‹

Morell quittierte John Lennons Bemühungen, ihn aufzuwecken, mit einem Schnarchen und wälzte seinen massigen Körper, der 1,95 Meter groß und so schwer war, dass er jegliche Personenwaage an ihre Grenzen brachte, zur Seite.

»Herrgott, wie kann man nur so einen festen Schlaf haben?« Valerie fasste Morell an der Schulter und schüttelte ihn. »Telefon.«

»Geh«, stöhnte er und öffnete die Augen einen Spaltbreit.

»Hier.« Sie griff über ihn drüber und reichte ihm das Handy, das auf seinem Nachttischkästchen gelegen hatte.

Morell setzte sich auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und musterte das Display, das den Namen ›Wilfried Uhl‹ anzeigte. Vor zwei Jahren hatte er den verschrobenen Antiquitätenhändler, der von Freunden auch Crazy Willie genannt wurde, im Zuge einer Ermittlung kennengelernt. »Was will denn der um diese Zeit?« Er drückte auf ›Annehmen‹. »Servus«, meldete er sich.

»Wilfried hier. Ich brauche dringend deine Hilfe. Irgendwas ist faul hier in Wien, und auf die Bullen ist kein Verlass.«

»Stopp, stopp, stopp.« Morell schaute auf seine Uhr. »Es ist vier Uhr in der Früh. Können wir das nicht vielleicht morgen besprechen?«

»Ich wurde bedroht, und jetzt werde ich verfolgt. Ein Kollege von mir wurde ermordet, und ich glaube, dass alles mit einem Teppich zu tun hat. Ich brauche deine Hilfe!« Uhl war völlig außer Atem.

»Also, ich verstehe gerade gar nichts. Ein Mord. Ein Teppich. Ein toter Kollege ... Wie hängt das zusammen? Und wo bist du jetzt?«

Er bekam keine Antwort. Stattdessen waren ein erstickter Schrei und ein lautes Rumpeln, gefolgt von einem Knacken, zu hören. Dann war die Leitung tot.

»Hallo?!«, rief Morell ins Telefon. »Wilfried? Bist du noch da?« Er checkte das Display – sein Akku war voll und der Empfang einwandfrei. »Hallo?!«, versuchte er es noch einmal. Wieder ohne Erfolg. Er legte auf und rief zurück. ›Der von Ihnen gewählte Gesprächspartner ist derzeit leider nicht erreichbar‹ informierte ihn eine freundliche Damenstimme.

»Das gefällt mir nicht.« Morell schaute Valerie an. »Irgendwas ist da gerade passiert. Irgendwas Schlimmes.«

Nach kurzer Überlegung wählte er 133, den Polizeinotruf. Während das Handy eine Verbindung herstellte, rief er sich das Standardprozedere für die Entgegennahme eines Notrufs in Erinnerung. Die Beamten in der Zentrale waren angewiesen, die Identität des Anrufers festzustellen und anschließend die vier Ws abzuklären: wo? Was? Wie? Wer?

Schlagartig wurde ihm klar, dass er darauf keine Antworten hatte. Er wusste nicht, wer Uhl verfolgt, was er ihm angetan hatte, und vor allem hatte er keinen blassen Schimmer, wo genau Uhl überhaupt steckte. Wien war groß, und für eine Handy-Ortung lag zu wenig begründeter Verdacht vor.

Auf gut Glück ließ er eine Polizeistreife zu Uhls Wohnung schicken – besser als nichts. Dann legte er sich wieder hin und starrte ins Nichts. ›Ich brauche deine Hilfe‹, hallten die Worte seines Freundes in seinem Ohr.

Kapitel 5

 

Inspektor Gerald Steiner wurde vom Schrillen des Telefons aus dem Schlaf gerissen. Er hob den Kopf vom Schreibtisch und wischte sich etwas Speichel aus dem Mundwinkel. »Na geh, ich hab gerade so fein geträumt. Von der Tina. Der Kellnerin aus dem Schmauswaberl.«

»Du und deine Träumereien.« Steiners Kollege, Inspektor Stefan Römer, wandte den Blick nicht vom Computerbildschirm, auf dem er gerade eine Runde Solitär spielte. »Die Tina steht nicht auf dich.« Er verschob eine Karte.

»In meinem Traum schon.« Steiner pulte einen Post-it-Zettel von seiner Wange.

Das Telefon läutete weiter.

»Kusch!«, versuchte Steiner, es zum Schweigen zu bringen. Ohne Erfolg. »Können die Leute denn nicht zu einer normalen Zeit anrufen? Es ist Viertel nach vier. Warum schlafen die nicht?«

»Bürozeiten für Kriminelle sollte es geben«, pflichtete Römer bei und hob ab.

»Bitte sag, dass es nur falscher Alarm war«, bat Steiner, nachdem sein Kollege das lästige Telefonat hinter sich gebracht hatte.

»Schön wär’s.« Römer gähnte und streckte sich. »Wir müssen noch einmal zu diesem Ungustl fahren. Diesem Uhl.«

»Oh nein. Bitte nicht. Ich will nicht noch einmal seinen unförmigen Körper und seine ausgebeulte Unterhose sehen müssen. Und auf seine Beleidigungen kann ich auch verzichten.«

»Schau’n wir mal. Vielleicht ist ja gar nichts. Irgendein Freund von ihm hat angerufen, weil er sich Sorgen macht.«

Völlig unmotiviert verließen sie die Inspektion und stiegen in den Dienstwagen. »Na super, wir sind wieder mal die einzigen Deppen, die um diese Uhrzeit arbeiten«, sagte Steiner, als sie durch die menschenleeren Straßen fuhren.

»Hätten wir nur was Ordentliches gelernt.« Römer parkte den Wagen vor Uhls Laden und stieg aus. »Politiker, zum Beispiel. Das wär was.«

»Stimmt. Super Gehalt, und mit dem ganzen Schmiergeld, das man dazu kriegt, hätten wir jetzt schon ausgesorgt.« Steiner klopfte an die Tür des Antiquitätenladens. »Herr Uhl?!« Da keine Antwort kam, drückte er auf die Klingel zur Wohnung. Nichts. »Herr Uhl?!«

Römer leuchtete mit seiner Taschenlampe in den Laden. »Totales Chaos. Schaut wild aus.«

»Das ist sicher noch von vorhin. So einen Einbruch räumt man nicht in ein paar Stunden weg.« Steiner ließ seinen Blick über die umgestürzten Möbel wandern. »Ich glaube, wir haben hier einen falschen Alarm. Was meinst du?«

Römer leuchtete die Haustür und die Umgebung ab und nickte. »Schaut so aus. Da war mal wieder jemand paranoid. Gehen wir doch ins Drechsler. Schauen wir mal, ob es schon ein Gulasch gibt.«

Kapitel 6

 

Morell war so aufgewühlt von dem nächtlichen Anruf, dass er keinen Schlaf fand. Gegen sieben Uhr gab er auf und wurstelte sich völlig zerknautscht aus dem Bett.

»Was ist denn hier los?« Valerie kam wenig später in die Küche gelaufen und riss ein Fenster auf.

»Wie? Was?« Morell, der völlig in Gedanken versunken am Esstisch saß, schreckte auf. »Oh nein. Das Rührei!« Er hastete zum Herd und betrachtete das schwarze Etwas, das ihm aus der Pfanne entgegenstarrte. »Tut mir leid«, sagte er an Valerie gerichtet, die gerade den Dunstabzug einschaltete, in der Hoffnung, den Gestank zu vertreiben.

»Die Sache mit Wilfried scheint dir ja ziemlich zuzusetzen.« Sie schabte die Eibriketts in den Mülleimer. »Das letzte Mal, als dir etwas angebrannt ist, hattest du 40 Grad Fieber.«

Morell, der in der Küche normalerweise so versiert wie ein Vier- Sterne-Koch war, nickte. »Wilfrieds Handy ist immer noch aus. Ich habe gerade mit Wien telefoniert. Die Streife, die in der Nacht bei ihm vorbeigefahren ist, hat nichts Verdächtiges bemerkt.«

Valerie stellte eine frische Pfanne auf den Herd und schlug ein paar Eier hinein. »Fahr doch einfach hin und sieh nach dem Rechten. Ich kenne dich. Du hast sonst keine ruhige Minute mehr.«

Morell zögerte. Der Gedanke, nach Wien zu fahren, war ihm natürlich schon gekommen, aber er wusste erstens gar nicht, wo er ansetzen sollte, und außerdem hasste er das Großstadtgetümmel. Er hatte früher einmal bei der Kriminalpolizei in Wien gearbeitet. Vor ein paar Jahren war dem sensiblen Vegetarier der harte Arbeitsalltag, bei dem sich alles um Mord und Gewalt gedreht hatte, aber zu sehr aufs Gemüt geschlagen. Er hatte seinen dicken Kater Fred eingepackt und war zurück in seinen Heimatort Landau gezogen, wo er sich seither um gestohlene Gartenzwerge und entlaufene Hunde kümmerte. Meist hatten er und sein Assistent, Robert Bender, nicht wirklich viel zu tun, und so hatte er genügend Zeit, sich seinen drei liebsten Hobbys zu widmen: kochen, essen und Pflanzen züchten.

»Du hast recht.« Morell lächelte seine Valerie an. »Und es stört dich sicher nicht, wenn ich für ein paar Tage verreise?« Er nahm ihr die Kelle aus der Hand. In diesem Haushalt war Kochen Männersache.

»Ach was«, winkte sie ab. »Sonst fackelst du mir vor lauter Sorge noch das Haus ab. Außerdem wollte ich eh schon länger mal wieder was mit den Mädels unternehmen, und ich habe ja immer noch Fred, der mir Gesellschaft leistet.«

Bei der Erwähnung seines Namens reckte der dicke Kater seinen getigerten Kopf in die Höhe und stellte die Ohren auf. Als er ahnte, dass kein Essen im Spiel war, gab er ein beleidigtes Grunzen von sich.

Valerie hob ihn auf ihren Schoß und kraulte ihn so lange hinter den Ohren, bis er zu schnurren begann. »Und durchschlafen kann ich dann auch wieder einmal.«

»Heute Nacht schon wieder?«

»Wie ein Sägewerk.«

Morell lief rot an. »Mann, das tut mir leid.« Er massierte seine Nasenwurzel. »Vielleicht finde ich ja in Wien eine Lösung.«

Kapitel 7

 

»Ich möchte versuchen, eine Botschaft an Herzog Karl zu überbringen.«

Mit diesen Worten hatte Jakob Starhembergs volle Aufmerksamkeit erlangt. Selbst als der Boden durch einen Geschützeinschlag erzitterte, ließ der Kommandant seinen Blick unbeirrt auf dem jungen Bäcker ruhen. »Weißt du denn überhaupt, wovon du da sprichst? Das ist purer Selbstmord.«

»Es nicht zu versuchen auch. Der Herzog muss erfahren, wie schlecht es wirklich um uns steht. Er darf nicht länger warten. Wenn es noch irgendetwas zu retten geben soll, dann muss er sofort angreifen.«

Starhemberg nickte. »Du weißt, was mit den anderen Boten geschehen ist?«

Jakob schloss die Augen. »Ja«, sagte er. Das grausige Bild ihrer abgeschlagenen Köpfe, die vor der Stadtmauer auf lange Stangen aufgespießt waren, hatte sich in sein Gehirn gebrannt. Und nicht nur in seines. Seit Wochen hatte niemand mehr die Mission gewagt, obwohl jedem Freiwilligen eine hohe Belohnung winkte. Doch für kein Geld, keinen Adelstitel und keine Ländereien dieser Welt wollten die Bewohner Wiens das Schicksal der anderen Boten teilen.

»Hast du Erfahrung mit solchen Missionen?« Starhemberg konnte offensichtlich immer noch nicht glauben, was Jakob vorhatte.

»Nein, aber ich habe eine Frau und bald auch ein Kind. Ich will, dass die beiden eine Chance haben. Die Chance auf ein Leben. Und wenn ich dafür mein eigenes geben muss, dann soll es das wert sein.«

Ein weiterer Einschlag ließ kleine Gesteinsbröckchen auf sie niederprasseln.

»Wie ist dein Name?« Starhemberg warf einen besorgten Blick in Richtung Mauer, die gerade einiges an Substanz eingebüßt hatte.

»Jakob Unger, mein Herr.«

»Nun denn, mutiger Jakob Unger. Gehen wir es an.«

Kurze Zeit später stand Jakob vor dem kleinen Ausfalltor nahe der Schottenbastei. Seit die Stadttore zugemauert worden waren, war dies die einzige Verbindung zur Außenwelt. Ein unscheinbares Tor, mit einem schweren Eisengitter verschlossen und mit Büschen und Gestrüpp zugewuchert. Er trug die Uniform eines toten Janitscharen, einem jener Krieger, die als christliche Knaben ihren Eltern geraubt und muslimisch erzogen worden waren. Dadurch sollte er vom Aussehen her nicht weiter auffallen.

»Dann liegt unser aller Schicksal jetzt in deinen Händen.« Starhemberg übergab Jakob einen versiegelten Brief. »Möge der Herr im Himmel mit dir sein. All unsere Gebete sind es jedenfalls.«

Jakob durchschritt mit pochendem Herzen das Tor, robbte durch den Stadtgraben und schlich in das feindliche Lager. Dort angekommen, vergaß er vor lauter Staunen beinahe, in welcher Gefahr er schwebte: Exotische Düfte kitzelten seine Nase, und bunte Fahnen schimmerten in der Morgensonne, während aus einem Zelt eine sonderbare, wenn auch sehr eingängige Melodie ertönte. »Wie paradiesisch ist bloß das Antlitz der Hölle«, murmelte er.

Er war keine zehn Meter gegangen, da schlüpften zwei türkische Soldaten aus einem Zelt und kamen direkt auf ihn zu. Jakobs Gedanken überschlugen sich, und er versuchte, sich zu beruhigen, indem er leise die Melodie pfiff die er gerade gehört hatte.

Als die beiden das hörten, lächelten sie und entblößten dabei strahlend weiße Zähne, die einen starken Kontrast zu ihren dunklen, wettergegerbten Gesichtern bildeten. Einer der beiden nickte Jakob sogar zu, als sie an ihm vorbeigingen.

Er atmete auf und rief sich in Erinnerung, was Starhemberg ihm geraten hatte: Er solle unauffällig bleiben, keinem in die Augen schauen und sich im Verborgenen halten. Aber was, wenn es andersrum besser war? Wenn es besser war, sich nicht zu verstecken? Nicht zu huschen? Kein Schatten zu sein?

Er reckte das Kinn in die Höhe und streckte seine Brust nach vorn, in der sein Herz so laut schlug, dass Herzog Karl es bis in sein Lager hören musste. Er schürzte seine Lippen, pfiff die exotische Melodie und setzte einen Fuß vor den anderen.

Schritt für Schritt passierte Jakob bunte Wimpel, kunstvoll gearbeitete Rüstungen und exotische Tiere. Er sah Dinge, so wunderschön und fremd, dass er aus dem Staunen kaum herauskam. Und er passierte natürlich auch Soldaten. Die fremden Krieger, die ihm und seinem Volk schon so viel Schlechtes angetan hatten, und er realisierte, dass es sich bei ihnen auch nur um Menschen und nicht um Bestien handelte. Sie mochten aus anderen Erdteilen kommen, eine andere Sprache sprechen und einen anderen Gott anbeten, doch auch sie waren Söhne, Väter und Brüder. Auch sie verspürten Hunger, Durst und Furcht. Auch sie waren nichts anderes als Spielfiguren in einem Krieg, der sie eigentlich nichts anging. Der auf dem Rücken von vielen zum Nutzen von wenigen geführt wurde.

Je mehr er das realisierte, desto mehr wuchs seine Sicherheit. Er war kein Fremder mehr, der durch die Höhle des Löwen spazierte, sondern er war einer von ihnen.

Pfeifend ging er immer weiter und fing sogar an, dem einen oder anderen Türken, der seinen Weg kreuzte, zuzunicken oder ein angedeutetes Lächeln zu schenken.

Weiter. Immer weiter. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Er schaltete seine Gefühle und sein Gehirn ab und ging vorwärts, so als wäre es das Natürlichste der Welt. Und ohne dass es ihm bewusst war, ohne dass er es bemerkt hatte, stand er plötzlich mittendrin im Wienerwald, wo die Bäume sich sanft im Wind wogten und ihm ins Ohr flüsterten, dass er das Unmögliche möglich gemacht hatte.

Kapitel 8

 

Nach dem Frühstück rief Morell bei Nina Capelli an. Seit sie vor einigen Jahren gemeinsam eine Mordserie aufgeklärt hatten, waren die beiden befreundet. Er wollte ihre Meinung zu den nächtlichen Geschehnissen hören.

»Es wurde tatsächlich ein Antiquitätenhändler ermordet. Ein gewisser Balthasar Szepan. Dem armen Kerl wurde mit einem Morgenstern der Kopf zu Brei geschlagen.«

Das waren Details, die der zimperliche Morell direkt nach dem Frühstück nicht hören wollte. »Und Wilfried Uhl?«, lenkte er ab.

»In meinen Kühlfächern liegt er jedenfalls nicht.«

Das war schon mal gut. »Dann muss ich wohl nach Wien kommen und vor Ort nach dem Rechten schauen.« Morell packte Fred, der gerade versuchte, sich auf den Tisch zu wuchten, um sich dort die Reste vom Rührei zu krallen, und hievte ihn zurück auf die Bank.

»Super! Wir haben uns eh schon viel zu lange nicht gesehen. Du kannst gerne bei mir wohnen. Leander buddelt irgendwelche Gräber in Schweden aus, da freue ich mich über ein bisschen Gesellschaft.« Ninas Freund, Leander Lorentz, war Archäologe und musste daher berufsbedingt häufig auf Ausgrabungen im Ausland arbeiten.

»Lieber nicht.« Fred startete einen zweiten Versuch. Wenn es um Nahrung ging, entwickelte der ansonsten so träge Kater ungeahnte Energien. »Ich habe zur Zeit ein kleines Schnarchproblem. Außerdem möchte ich dir nicht zur Last fallen. Ich werde mir ein nettes Hotel suchen.«

»Wie du meinst. Das Angebot steht jedenfalls. Soll ich dich vom Bahnhof abholen?«

»Gerne«, sagte Morell. »Ich gebe dir Bescheid, sobald ich etwas Genaueres weiß.« Fred wehrte sich mit allen Kräften dagegen, erneut vom Projekt Rührei abgehalten zu werden, und es kostete Morell viel Mühe, das störrische Tier auf den Boden zu bugsieren. »Wir sehen uns dann in Wien.«

 

Nachdem er bis zum Mittag noch immer kein Lebenszeichen von Uhl bekommen hatte, packte Morell ein paar Klamotten ein, gab seinem Assistenten Bescheid und setzte sich in den Zug nach Wien.

Zug fahren war noch nie sein Ding gewesen. Kinder, die ohne Luft zu holen, sechs Stunden und mehr durchschrien, Sitznachbarn, die laute Telefongespräche führten, und rücksichtslose Mitreisende, die direkt neben ihm ihre Stinkefüße hochlagerten – er hatte alles schon erlebt.

Heute litt er wieder mal unter den zu schmalen Sitzen, deren Handlehnen ihm links und rechts unangenehm in die Hüften schnitten, und als die Frau neben ihm eine deftige Jause auspackte, die aus Wurst, Wurst und nochmal Wurst bestand, wusste er, dass die kommenden Stunden sehr lange werden würden.

Er schloss die Augen, versuchte, den Wurstgeruch auszublenden und konzentrierte sich auf das gleichmäßige Rattern der Schienen. Hoffentlich würde sich schnell klären, was mit Uhl passiert war. Wenn es nämlich etwas gab, das er noch viel weniger ausstehen konnte als Wurstgeruch und Zug fahren, dann war das Wien.

Ihn und die österreichische Hauptstadt verband so etwas wie eine Hassliebe, wobei der Hass bei weitem überwog. Morell konnte dieser ewigen Melancholie, dem zelebrierten Grant und der Glorifizierung von Tod und Sterben nichts abgewinnen. Für ihn waren die typischen Wiener alte Dauerraunzer, bekennende Misanthropen und die schlimmsten Fleischfresser von hier bis Texas: Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Blunzen, Gulasch, Schweinsbraten, Burenwurst, Käsekrainer (von den Einheimischen liebevoll ›Eitrige‹ genannt), Pferdeleberkäs, Schinkenfleckerl und geröstete Knödel mit Hirn – das waren die Dinge, die die Wiener Speisekarten bevölkerten. Das Outing als Vegetarier hatte Morell schon mehr als einmal eine hochgezogene Augenbraue oder gar eine abfällige Bemerkung von einem Kellner, die sich in Wien ›Herr Ober‹ nennen ließen, eingebracht.

»Wien Westbahnhof«, kündigte eine Frauenstimme vom Band an. Morell verabschiedete sich von der Wurstfrau und stieg aus.

Als hätte Wien nur darauf gewartet, dem untreuen Überläufer eins auszuwischen, blies ihm auf dem Bahnsteig eine Woge heißer, dreckiger Luft ins Gesicht, die nach verbranntem Gummi und Kebab stank. »Hallo Wien«, murmelte er. »Gastfreundlich und charmant wie eh und je.«

Die paar Meter bis zur Schalterhalle reichten aus, um Morell den Schweiß ins Gesicht zu treiben. Er hatte die ganze Zeit angenommen, dass die Medien bezüglich der Hitzewelle heillos übertrieben, um das Sommerloch zu stopfen, doch jetzt wurde ihm klar, dass ihre Berichterstattung sehr realitätsnah war.

»Ich hoffe, du hast eine Klimaanlage im Auto«, sagte er zu Nina, nachdem sie sich begrüßt hatten. »Ich habe in den paar Minuten seit meiner Ankunft bestimmt schon einen Liter ausgeschwitzt.« Er hob so dezent wie möglich seinen Arm und betrachtete voller Grauen den dunklen Schwitzfleck, der sich unter seiner Achsel gebildet hatte.

»Wir können die Fenster offenlassen«, schlug sie vor. »Dann zieht es ein bisschen herein.«

Morell unterdrückte ein Stöhnen.

»Sollen wir erst ins Hotel, oder willst du gleich irgendwo hin? Ich habe mir heute einen Urlaubstag genommen und bin für alle Schandtaten zu haben.« Nina schlängelte sich durch eine Horde Teenager, die je eine Zigarette in der einen und ein Dosenbier in der anderen Hand hielten.

»Einchecken kann ich später auch noch. Fahren wir doch am besten gleich zu Uhl.« Morell hatte nicht vor, seinen Aufenthalt in Wien unnötig in die Länge zu ziehen. Er würde tun, was zu tun war und sich dann schnellstmöglich wieder zurück ins heilige Land Tirol verziehen.

 

Uhls Laden, samt seiner darüberliegenden Wohnung, befand sich in der Blutgasse im ersten Wiener Gemeindebezirk. Als sie endlich dort ankamen, war Morells Kleidung völlig durchgeschwitzt, was zum einen an der Hitze, zum anderen aber an Ninas halsbrecherischem Fahrstil lag. Sie war wie ein junger Niki Lauda durch den dichten Verkehr am Gürtel gerast, und Morell hatte sich so verkrampft am Handgriff der Seitentür festgekrallt, dass ihm jetzt die Finger wehtaten.

»Da vorne ist sein Laden.« Er wuchtete sich aus dem Auto und zeigte auf ein kleines Gassenlokal, über dessen Tür in großen goldenen Lettern die Aufschrift ›Wilfried Uhl. Antiquitäten‹ geschrieben stand.

Er eilte voraus und hoffte, dass er keinen Schweißfleck am Rücken oder gar am Hosenboden hatte. »Wehe, wenn Crazy Willie jetzt fröhlich und munter in seinem Laden steht, und die ganze Aufregung umsonst war. Dann setzt’s was«, sagte Morell, hoffte aber insgeheim, dass es genau so war.

Ein kurzer Blick auf die Tür zerstörte seine Hoffnungen. Obwohl es helllichter Nachmittag an einem Werktag war, hing ein Schild mit der Aufschrift ›Geschlossen‹ darin.

»Vielleicht ist er ja im Urlaub?«, versuchte sich Nina an einer Erklärung.

Morell schüttelte den Kopf. »Als ich das letzte Mal von ihm gehört habe, hat er darüber gejammert, dass die Geschäfte so schlecht laufen, und dass er sich dieses Jahr keinen Urlaub leisten kann.« Er läutete sowohl bei der Wohnung als auch beim Laden. Keine Reaktion.

»Ich fürchte, du hast recht. Da ist echt etwas passiert.« Nina hatte ihr Gesicht ganz nah an das Schaufenster gebracht und mit ihren Händen links und rechts die Sonne abgeblockt. »Schau nur, da wurde eingebrochen.«

Morell tat es ihr gleich, und der Anblick, der sich ihm bot, war erschreckend. Ein wildes Chaos aus Möbeln und Papieren bedeckte den Boden, so als hätte eine Horde Wildschweine den Laden geentert.

Er kam nicht dazu, sich auszumalen, was da drinnen wohl alles geschehen war, da sein Handy läutete. Die Nummer kannte er nicht, konnte aber an der Vorwahl 01 sehen, dass es sich um ein Wiener Festnetz handeln musste. »Otto Morell.«

»Otto. Hier Willie.« Seine Stimme klang schwach und trocken.

»Willie! Wie geht es dir? Wo bist du? Und was ist überhaupt passiert?«

»Ich bin im Krankenhaus. Ich wurde verfolgt, bin dabei gestürzt, auf den Kopf gefallen und erst vor einer Stunde hier im AKH aufgewacht.«

»Ich stehe gerade vor deinem Laden – bei dir ist eingebrochen worden.«