Neuss: literarisch -  - E-Book

Neuss: literarisch E-Book

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Beschreibung

Lasst uns das machen, sagten sie, das wird gut! Und dann ... machen ein Kurzhaardackel und eine Erdbeere ihr Ding, sind Namen mehr als Schall und Rauch, erhält der Schnupfen klare Anweisungen, geht es tief ins Bergwerk hinab, gibt es neue Vorzeichen für die Berufswahl, vertieft sich Oma Level für Level in die Spielsucht, läuft ein Mädchen in Schuhen aus alten Autoreifen, wird es spannend in einem Prozess vor Gericht, folgt man der Stille auf einem Friedhof und fragt, wie Schrott Kunst sein kann, findet sich bei der Zugfahrt etwas Altes und etwas Neues, fährt der Bus zur Neusser Kirmes und rauf auf die Alm zu herrlichen Köstlichkeiten und Kuba wird zur heimlichen Liebe ...

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Wir danken

der Sparkasse Neuss,

dem Kulturamt des Rhein-Kreis Neuss

und dem Kulturamt der Stadt Neuss

für die Unterstützung

Inhalt

Grußworte

Vorwort

Uta Bleidißel

Die Macht der Worte

Liebeserklärung an Havanna

Eberhard Bonse

Wortspiele, Sinnsprüche und andere Gedanken

Ina Broich

Die Vergessenen

Antje Freudenberg

Kuscheln

Hildegard Freudenberg

Nüsser Kirmes – Sonndachs Parad

Ali von de Pizzabud

Kengerziet

Heinrike Frey

ICE 2309

Lehrjahre

Gabriele Girnth

Bildhafte Begegnung

Das Spiel

Viererpack

Isabel Lea-Plaza Gluschak

Hoffnung

Esperanza

Kleines Lied

Canción chiquita

Heribert Heck

Meer und Ozean

Vera Henkel

Angeben

Katze

Putt

Eleonore Hillebrand

Über die Stille

Gebrochene Lebensräume

Railway II

Achtung! Aufnahme …

Corona fünf

Auferstehung

Thomas Dennis Hirt

Respekt

Astrid Hoerkens-Flitsch

Abschied

Das Mädchen mit den blonden Haaren

Im Wald

Regina Hofmann

Das Butterbrot

Denk ich an die Freiheit

Die Flaschenpost

Der starke Wille

Charlotte Kons

Eiche

Der Wolf

Wolf und Eiche

Ahmed Almawlawi

Gefangene

Syrer

Maria Lange-Otto

Farbenlehre

In dubio pro rea!

Bergwerk

Fenster mit Weitblick

Bei Toni

Viktor Nono

Ulrich im Glück

Ronald Pacholski

Flammen in der Nacht

Der Leitplankenblues

Martina Raddatz

Plagegeister

Petra Ranff

Ofenaufbruch

Westhausens Glückauf

Taucher oder Wellenreiter

Christoph Rehlinghaus

Gipferl

Petra Röder

Spuren

Das Lächeln der Signora

Fragola

Maria Sassin

Busgespräche

Das erste Mal

Ein Aussteiger

Ingrid Schlüter

Cerberus & Co

Johannes Schwelm

Zijeunerschnitzel

Addi und die Sauerkrautfabrik

Barbara Steuten

Flugbahn

Christiane Wünsche

Die Wolkenfabrik

Was Heimat ist

Wandelbares Ding

Kirsten Adamek

Komplexität, nein danke!

Autoren-Vitae

Grußwort

Tillmann Lonnes Kulturdezernent Rhein-Kreis Neuss

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in den Händen halten Sie eine neue Anthologie mit Geschichten und Gedichten von Autorinnen und Autoren aus dem Rhein-Kreis Neuss. Auch wenn es kaum noch einem Leser gelingt, einen Überblick über die in der deutschen Sprache publizierten Gegenwartsromane zu bewahren, auch wenn das Buch in großer Konkurrenz zu der digitalen Bilderwelt steht, auch wenn zu einem erfolgreichen Autor heute ein erfolgreiches und finanziell aufwendiges Marketing gehört, haben sich 29 Neusser Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht entmutigen lassen, uns ihre Geschichten zu erzählen und im Skript-Verlag zu veröffentlichen. Denn sie wissen: Das Lesen von Literatur hat gerade heute in einer Welt der Zuspitzungen, der kurzen Sentenzen sowie mancher breit vorgetragener Inhaltslosigkeit ihre Daseinsberechtigung. Wer sich als Kind von der Welt der Märchen und Sagen hat verführen lassen, der verfügt auch heute noch über die Phantasie, in dem Stoff einer Erzählung aufzugehen, mit Spannung dem Ende der Erzählung entgegen zu fiebern und sein eigenes Leben mit der fiktionalen Welt zu vergleichen. Danken möchte ich Eleonore Hillebrand und Maria Lange Otto, die sich der Aufgabe gestellt haben, die Anthologie für den Neusser Autorenkreis heraus zu geben. Danken möchte ich auch dem Skript-Verlag unter Leitung von Wolfgang Reif für sein Engagement. Vor allem wünsche ich Ihnen nun viel Freude beim Lesen.

Tillmann Lonnes

Dr. Christiane Zangs Kulturdezernentin der Stadt Neuss

Neuss hat viele kulturelle Facetten. Der engagierte Neusser Autorenkreis gehört dazu.

Seit Jahren leiten Eleonore Hillebrand und Maria Lange-Otto den Kreis von über 20 Neusser Autorinnen und Autoren. Im Jahr 2020 haben sie als Herausgeberinnen Texte aus diesem Kreis und von weiteren Autorinnen und Autoren gesammelt und im Buch „Neuss: literarisch“ zusammengeführt.

Begebenheiten des Alltags und der Phantasiewelt, erlebt und erdacht, lassen sich in Gedichten und Geschichten literarisch umgewandelt nachvollziehen.

So unverkennbar rheinisch wie das Cover, so rheinisch menschlich scheint die Vielschichtigkeit der Gefühle und Denkweisen.

Ich freue mich, dass nach der anspruchsvollen Anthologie „neusser texte“, die Angelika Pampus 2013 verantwortete, wieder ein äußerst ansprechendes Werk entstanden ist. Sicher wird es Interesse und Gefallen am Neusser Wort in der Leserschaft über Neuss hinaus wecken.

Allen Neusser Autorinnen und Autoren wünsche ich weiterhin viele neue Ideen und vor allem Freude beim Schreiben.

Der Anthologie „Neuss: literarisch“ wünsche ich besten Erfolg mit vielen interessierten Leserinnen und Lesern.

Dr. Christiane Zangs

Angelika Pampus Herausgeberin der Anthologie „neusser texte“ aus dem Jahr 2013

Als Eleonore Hillebrand, die Herausgeberin der vorliegenden Anthologie, mich bat, ein Grußwort zu schreiben, bin ich dieser Bitte gerne nachgekommen. Ich war gespannt zu erfahren, welche Autoren diesmal, nach der vorausgegangenen Anthologie aus dem Jahr 2013, sich beteiligt und was sie zu erzählen haben. Viele schon bekannte Namen sind dabei, aber auch zahlreiche Autoren, die sich damals nicht gemeldet hatten oder aus Platzgründen nicht mehr aufgenommen werden konnten.

Die Vielfalt der Herangehensweisen, der Themen, der Sichtweisen und Ausdrucksmöglichkeiten hat auch diese neue Anthologie zu einer faszinierenden Lektüre gemacht. Gerade die Diversität der Texte zeigt, wie unterschiedlich Autoren Dinge erfahren, verarbeiten und in Literatur umwandeln können.

Einige Texte kommen scheinbar leicht daher, sind amüsant oder spannend, zeigen aber doch, manchmal nur zwischen den Zeilen, den Ernst und die Bedingtheit des menschlichen Lebens.

Andere wiederum sind märchenhaft, poetisch, ja sogar von überbordender Skurrilität wie die Geschichte von Congusto Adamantino, der kulinarische Herrlichkeiten kreiert und doch als Fremder von der neidischen, einheimischen Bevölkerung geächtet wird und letztendlich keine Chance hat.

Und da sind Texte, die den Zustand unserer Welt reflektieren, sei es über Kunstbetrachtungen, die das Wesentliche des Mensch-Seins offenbaren, oder über einen Rap, der uns auffordert, sich einzubringen, sich nützlich zu machen in unserer Gesellschaft.

Aber auch Kindheits- und Jugenderinnerungen, die uns nachdenklich machen und auf uns selber zurückwerfen, die uns auffordern, sich auch zu erinnern, um sich wiederzufinden.

Denn das Innehalten, das sich Zurückziehen ist manchmal notwendig, um die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist.

Wenn ich eins der wunderbaren Gedichte in diesem Band zitieren darf:

Wenn du nicht schlafen kannst,

dann träume.

Wenn du einsam bist,

dann denke.

Wenn du dich nach Liebe sehnst,

erinnere dich.

Und wenn ich noch etwas hinzufügen darf:

DANN SCHREIBE!

Ich wünsche diesem Buch viele Leser und den Autoren weiterhin das Glück des Schreibens.

Angelika Pampus

Vorwort

Im September 2011 gründete die Neusser Autorin, Übersetzerin und Dozentin in der Erwachsenenbildung, Angelika Pampus, den Neusser Autorenkreis (NAK), den sie bis Ende 2015 auch leitete. 2013 veröffentlichte sie den Band „neusser texte“ im Klartextverlag. Mitglieder des NAK sind als Autoreninnen und Autoren darin vertreten.

2016 übernahm die Autorin Eleonore Hillebrand die Leitung. Inzwischen führt sie mit Autorin Maria Lange-Otto den Kreis von ca. 25 Mitgliedern. Einmal monatlich am 1. Freitag ab 16.00h trifft sich der Kreis zum Austausch im „Literaturcafé“ am Neusser Münsterplatz.

Der NAK steht allen Neusser Autoren und Autorinnen offen.

Er gibt regelmäßig einen Flyer heraus, in dem die jährlichen Lesungen terminiert sind.

Lesungsorte in Neuss sind: die „Stadtbibliothek“ und der „Kulturkeller“, das „Literaturcafé“ und das „Café F(l)air“ im Martin Lutherhaus.

Mindestens je einmal jährlich liest der NAK in Düsseldorf, im Künstlerlokal „Destille“, beim Verein „Westdeutscher Autorenverband -WAV“ und beim Verein „Freundeskreis Düsseldorfer Buch ’75 - FDB“.

Im vorliegenden Band stellt der NAK eine Vielzahl der Autoreninnen und Autorenmit Lyrik- und Prosaarbeiten vor, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Besonders danken wir den arrivierten Kulturschaffenden, Schriftstellern und Schriftstellerinnen aus dem Rhein-Kreis Neuss, die hier bei und mit uns veröffentlichen.

Die Herausgeberinnen

Eleonore Hillebrand und Maria Lange-Otto

Uta Bleidißel

Die Macht der Worte

Auf den herbstlichen Bergwiesen im Osten Deutschlands balgten sich fröhlich zwei Jungen, lachend über ihr prickelndes Geheimnis. Udo hatte von seinem Vater einen Schatz bekommen, einen Krimi, der im Land nicht erhältlich war und der aus dem westlichen Ausland auf seltsamen Wegen zu ihm gefunden hatte. Udo hatte Stillschweigen versprochen. Es war ein Krimi von Agatha Christie. Der Titel hieß „Ten little Indians“, unbedeutende Literatur, aber für Udo war das Lesen ein Blick hinter den Eisernen Vorhang in die weite Welt, ein Schatz eben. Nur sein bester Freund Carl, mit dem er alles teilte, mit dem er Blutsbruderschaft geschlossen und der ihm Schweigen über das verbotene Buch geschworen hatte, bekam den Krimi ausgeliehen.

In der nächsten Unterrichtsstunde wurde Udo vor die Klasse gerufen. Die Deutschlehrerin hielt zu Udos Erschrecken das Agatha Christie-Buch hoch und fragte nach der Herkunft. Udo schwieg, vertrauend auf Carls Versprechen und um seinen Vater zu schützen. „Nein, davon weiß ich nichts.“ Udo schaute hilfesuchend zu Carl, doch Carl hielt den Blick gesenkt. Da ging die Tür auf und Carls Mutter setzte sich still auf die hintere Bank. Sie hatte das unter dem Bett versteckte Buch gefunden. Als verdeckte Mitarbeiterin der Staatssicherheit sah sie mit dem Buch, mit dieser Schmutz- und Schundliteratur, den Weltfrieden und auch ihre Familie bedroht. Außer sich vor Wut hatte sie Carl vermöbelt, bis dieser gestanden hatte. Noch am selben Abend war sie zur Lehrerin nach Hause geeilt. Die notwendigen Stellen waren informiert worden. Carl hatte geweint.

Die Lehrerin mochte ihre guten Schüler, aber ihre geachtete Stellung und die Karriere ihres eigenen Sohnes waren wichtiger. Die Angst vor der Staatssicherheit war groß, manchmal verschwanden Menschen spurlos oder kehrten nach Jahren gebrochen zurück. Die Lehrerin hatte ein Exempel zu statuieren, um die Mutter von Carl samt deren Dienstherren von ihrer staatskonformen Gesinnung zu überzeugen. Deshalb überführte sie Udo vor der Klasse der Lüge. Und weil sie eine hervorragende Deutschlehrerin war, machte sie ihre Sache besonders gut.

Schundliteratur aus dem westlichen Ausland und eine Lüge. Auf einmal wurde Udo zum Sündenbock der Schule. Schweißtropfen rannen über sein Gesicht und er verbiss sich die Tränen, als er vor allen Kindern Besserung gelobte und sich entschuldigte.

Danach schritten die Schüler mit der Lehrerin und Carls Mutter, in Zweierreihe, durch das stickige Treppenhaus in den düsteren Gewölbekeller der alten Backstein-Schule. Auf dem umlaufenden Metallpodest über der Heizung stellten sie sich schweigend auf. Der Hausmeister öffnete auf ein Zeichen der Lehrerin die große Tür des gigantischen Ofens. Wie aus der Hölle zischten und schlugen orange-rote Flammen heraus, hell leuchtend, und die Lehrerin schleuderte zielsicher das kleine Buch hinein. Die Schüler hielten den Atem an. Knister, zisch, … Das Feuer spiegelte sich in fassungslosen Augen.

Udo stützte sich erstarrt ans Geländer. Er verstand nichts und wollte etwas tun. Ja, er hatte nicht die Wahrheit gesagt, aber er hatte doch keine Wahl, er wollte doch Freund und Vater nicht ans Messer liefern. Enttäuscht über den Verrat seines besten Freundes, befürchtete Udo auch schlimme Konsequenzen für seinen Vater. Die Reaktion seiner geliebten Deutschlehrerin entsetzte ihn. Sie hatte ihnen von dem Unrecht erzählt, von den Bücherverbrennungen auf der Wartburg beim Sängerwettstreit 1817, über die Nazizeit, als die wunderbaren Kinderbücher von Erich Kästner in Berlin in die Flammen geworfen wurden.

Hilflos stand Udo da, mit hängenden Armen, und schaute zu, wie die Flammen das Papier und die Buchstaben vernichten.

An einem heiteren sonnigen Tag, in einer Deutschstunde im achten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wurden die Schüler Zeugen einer Bücherverbrennung …

Liebeserklärung an Havanna

Mascha sitzt auf dem Balkon, beobachtet das geschäftige Treiben der Menschen unter ihr, auf dem Schoß ein Buch über zerstörerische Beziehungen mit Narzissten, Menschen, die wie Wölfe im Schafspelz viel Leid anrichten. Ein sanfter Wind streichelt die Balkonblüten, weht warm über ihre Haut und es riecht nach… Wonach riecht es? Mascha weiß es nicht und kramt in ihrem Kopf. Auf einmal ist alles wieder bildhaft da. Auch sie kannte solch einen Mann, einen der harmloseren Sorte. Langsam kommt die Erinnerung…

2013 sitzt Mascha in einem Café und beobachtet, wie der Inhaber mit einer unglaublichen Eleganz einen Stuhl unter einen der Tische schiebt, mit schönen fließenden Bewegungen. Dieser großgewachsene Mann, er heißt Leo, umhüllt sich mit einem intellektuellen Hauch und ist sehr schweigsam. Ahnungslos verliebt sie sich in seine freundlich gelassene Art. Gleich am Anfang gibt er ihr Albert Camus‘ „Der Fremde“ zum Lesen, damit sie über ihn Bescheid weiß – Nähe sei schwierig. In einer entzückenden Buchhandlung bestellt Leo für Mascha ein seltenes Buch von Camus, „Die Nacht der Unschuld“, in rotem Leinen eingebunden und überreicht es ihr mit großer Geste. Mascha ist beeindruckt. Da Leo nicht viel spricht, wird sie eines Tages von einer SMS von ihm überrascht. „Mascha, ich liebe Dich, wir fliegen zwei Wochen zusammen nach Havanna“. Vorher hat er nie das Wort Liebe in den Mund genommen. Mascha wuchs hinter dem Eisernen Vorhang auf und konnte sich ihren langgehegten Traum von Kuba noch nicht erfüllen, deshalb kommt sie nur zu gern und ohne lang zu fragen mit.

Und so fliegen beide nach Havanna. Kuba, jahrelang in den Tiefen vergessener Unmöglichkeiten verschollen. Havanna, die stolze, schöne, marode, warme Stadt am Meer. Die Nacht ist heiß, als sie am Flughafen in ein grünes klappriges Oldtimer-Taxi steigen. Sie rasen durch Wohn- und Industrie-Gebiete, immer aufs Neue erstaunt über Banner „Viva la Revolución“ und unzählige Abbilder des kommunistischen Nationalhelden Che Guevara, bis sie in der Innenstadt das heruntergekommene Parkhotel am Prado erreichen. Sie buchen für zwei Wochen das kleine Hotel unweit der Uferstraße, dem berühmten Malecón, um das Leben in den Straßencafés auf sich zukommen zu lassen. Das Hotelpersonal besteht in dieser Nacht aus dem uralten Kubaner Joschua, schon etwas müde, aber von beflissener Höflichkeit, und einer eleganten blonden Lady. Beide führen die Deutschen in einen winzigen Aufzug, der sie wegen seiner fremdartigen Geräusche irritiert. Magere Spanisch-Kenntnisse lassen sie nicht alle Worte der beiden verstehen, aber sie erwidern Lächeln und freundliche Laute. Ungläubiges Staunen, als ihnen Joschua eine entzückende Suite mit zwei Balkonen, antiken Möbeln und durch den Wind gebauschte Gardinen zum Wohnen öffnet – eine funktionierende Porzellan-Badewanne, alte Fliesen, das Waschbecken allerdings scheint jeden Moment herabstürzen zu wollen. Nostalgie und verfallener Charme wie in alten Filmen. Unter ihnen Havanna. Die alten blühenden Bäume wiegen sich im Wind, leises Gelächter und Musik dringen von unten herauf. Sie sehen geheimnisvolle Dachlandschaften, Menschen in kleinen Gassen, das Meer und den weiten, sternenklaren, dunkelblauen Nachthimmel. Es ist warm und es riecht nach Abenteuer. Gute Nacht, Havanna, bis morgen.

Guten Morgen, Havanna, Lächeln. Es ist warm. Geklapper und Gekicher, Autogeräusche, Pferdegetrampel, Sonnenlicht … Sie befinden sich tatsächlich in der schönsten Suite des Hotels. Frühstück auf der Dachterrasse mit atemberaubender Aussicht auf Stadt und Meer, auf den Prado. Seltsame Architektur, verrückte bunte Autos auf den Straßen – strahlend blauer Himmel. Das kommunistische Essen ist liebenswert einfach. Der Kaffee erinnert an wässriges Getreide und beschämt Mascha mit ihren hohen Ansprüchen.

In den Straßen ist es brütend heiß, Schatten findet man nur unter halb verfallenen Arkaden. Für eine Hauptstadt ist Havanna ruhig, fast gemütlich, eine angenehme Seite der Abschottung. In Mascha blitzt ein Zukunftsgedanke auf. Was wird passieren, wenn sich Kuba der Welt öffnet, welchen Preis wird das Land zahlen? Fortschritt, Verlust … Sie ist froh, jetzt hier zu sein. Die großen Luxus-Hotels präsentieren sich in verschwenderischer Pracht, haben aber bei weitem nicht den familiären Charme ihres winzigen Parkhotels. Die meisten Touristen sind auf der Durchreise. Mascha und Leo werden als Langzeitgäste liebevoll in die Familie des Parkhotels integriert. Die Menschen sind erfrischend stolz, keine Form von Bettelei. Als sie in einer Warteschlange vor der Bank anstehen, wird Mascha von einer Frau angesprochen und mitten auf der Straße ergreift diese Frau Maschas Hand und tanzt mit ihr einige Salsa-Schritte. Leos erstaunliche Ähnlichkeit mit Che Guevara öffnet ihnen viele Herzen und Türen. Ein kubanischer Germanist nimmt sie mit in den echten Buena Vista Social Club, wo eine alte Frau in grünem Kleid mit ihrer Energie und ihrem Temperament singend und tanzend begeistert, selbst die jungen Männer sind berauscht. Leo verleibt sich genüsslich eine teure Cohiba-Zigarre ein. Sie speisen in Privatwohnungen, die halblegal zu Restaurants umfunktioniert wurden. Am Abend bekommen sie Besuch, eine Freundin von Leos kubanischer Angestellten, der sie einige Geschenke aus Deutschland übergeben sollen. Diese Kubanerin ist hübsch, sexy gestylt und langweilt mit nichtsagendem Gerede. Sie erzählt offenherzig, dass sie aus Deutschland ausgewiesen wurde, nachdem ihre Ehe mit einem deutschen Taxifahrer wegen Geldstreitigkeiten zerbrach. Verwundert lauscht Mascha ihrer Forderung, dass sie zurück nach Deutschland müsse, weil sie Geld brauche. Dafür würde sie Leo heiraten. Wie bitte? Mascha ist doch mit Leo hier, Mascha ist Leos Freundin. Diese heiratswütige Dame hat ein einnehmendes Wesen. Alles scheint ihr zu gehören. Leo schweigt amüsiert. Das irritiert Mascha, sie fühlt sich überflüssig. Was soll sie sagen? Ihr fehlen die Worte. Da steht etwas Unfassbares zwischen Leo und ihr. Funkstille, Leo redet gar nicht mehr, unberührbar. Was ist das denn? Sollte das sein Plan gewesen sein? Maschas Gedanken laufen Amok. Sie fühlt sich ausgeschlossen, verletzt, dumm, für zwei Wochen in Kuba, nicht allein und nicht gemeinsam …

Es wird Abend. Leo ist auf einmal weg, ohne ein Wort, aus ihrem Zimmer verschwunden. Das wird ja immer schöner. Wo ist er denn jetzt hin, etwa zu dieser Kubanerin? Mascha könnte hinaus in die Stadt gehen, Angst hat sie keine, aber sie wird von einer dumpfen Traurigkeit niedergedrückt, die Tränen lauern. Verständnislosigkeit, Eifersucht, Wut? Sie ist ratlos. Kurz vor Mitternacht geht die Zimmertür auf, ein betrunkener Kopf schaut herein, ob sie noch da ist – Mascha will erleichtert aufatmen, da stößt der Kopf ernsthaft hervor: „Morgen früh checke ich aus, Adieu!“ und ist weg. Jetzt weint Mascha, hilflos. Die Tränen rinnen über ihr Gesicht. Na klasse, Salz auf der Haut, das macht das Gesicht nicht schöner und die Konkurrenz in Kuba ist groß.

Dabei ist es noch immer warm, dunkelblauer Himmel, alte Bäume unter den Balustraden des alten Balkons, die Vorhänge schwingen im Wind…

Auf einmal kommt der Held zurück, betrunken, aber klar. „Morgen früh verlasse ich das Hotel und checke aus.“ Mascha nimmt ihren Stolz zusammen und erwidert theatralisch: „Das brauchst Du nicht. Ich gehe. Du kannst im Hotel bleiben.“

Leo entgegnet: „Auf keinen Fall. Mich hat noch nie eine Frau verlassen! Ich verlasse Dich.“

In Mascha kocht es, langweiliges Macho-Gehabe. Selbstmitleid droht sie zu ersticken, so viel Liebe für diesen Kerl gegeben und dann so etwas. Wenn sie nicht in einer lachhaften Tränenlache vor Leos Augen zerfließen will, muss sie hier weg. Mascha greift nach ihrer schwarzen Tasche, zum Glück ist die Tasche riesig. Jahrzehntelange Fluchterfahrung, in Sekunden fliegt alles hinein, Wasserflasche, Pass, Handy, Medizin, Geld, Jacke, Zahnbürste und … Das sollte man als Frau auch in Krisenzeiten nie vergessen, die Gesichtscreme! Wie entsetzlich, wenn in Lebensgefahr die Haut spannt und juckt. Dieser Teil eines Aufbruchs entlockt Mascha selbst in schwierigen Momenten ein Lächeln.

Mascha wird nicht wieder hierherkommen, wie schade, es ist so schön hier. Und da ist noch dieser Leo – ihr Herz bleibt stehen vor Schmerz, sie liebt diesen Mann oder ihre Vorstellung von ihm, aber soweit kann sie im Moment nicht denken. Hier geht nichts mehr, sie bekommt kaum Luft. Tief einatmen, sie macht vorsichtig einen letzten Versuch: „Leo“, keine Reaktion, „Leo, ich gehe jetzt? … Pass auf Dich auf, mach’s gut…“ Nichts, keine Reaktion. Na dann, tschüss.

Ein Blick zurück in diese zauberhafte Behausung in Havanna. Beim Hinausstolpern entdeckt sie zwei Schnapsfläschchen und wirft sie in ihre Tasche, man weiß nie … Und draußen ist sie. Keine Ahnung wohin nach Mitternacht in diesem kommunistischen Land. Vielleicht ist es allein gefährlich? Und wie kommt sie unauffällig aus dem Hotel? Den Pass hält sie für alle Fälle griffbereit, hoffentlich endet diese Nacht nicht in einem kubanischen Gefängnis. Los geht‘s! - So ein Mist! Das Hotel ist mit einem schwarzen Riegel verschlossen! Heute läuft so Einiges nicht nach Plan. Aus dem Dunkel löst sich langsam und ruhig eine große Gestalt, der schwarzhäutige Sicherheits-Chef Toni. Ihre Nerven sind zum Zerreißen gespannt, Tränen drängen, oder? Nein, Handeln! Und so faucht sie ihn uncharmant an: „May I leave this hotel or is this not possible?“ (Darf ich das Hotel verlassen oder ist das nicht möglich?) Toni wirkt erschreckt, fragt, ob sie in Ordnung ist. Mascha lächelt böse: „I am fine. Gracías!“… und sie hebt befehlend die Hände zum Himmel, zur Tür. Er löst widerstrebend den Türriegel und murmelt: „Leo is a good man…“

Mascha verschwindet schnellen Schrittes in die Dunkelheit und strebt zum Meer.

Das Meer hilft immer, in jeder Lebenslage.

Richtung Malecón, den breiten Prado entlang, diesen prächtigen Fußgänger-Boulevard mit alten Bäumen und wunderschönen Steinarbeiten. Es ist warm, zwei steinernen Löwen glotzen sie verwundert an, Löwen, Leo. Ach, Leo, Erinnerungen an Lachen … Hallo, falscher Gedanke, durchatmen, vergiss den Typen! Sie geht schnell, energisch, als hätte sie einen Termin. Drei Militärpolizisten, Mascha atmet tief durch, oh nein. Das fehlte noch, Polizeikontrollen, nachts, im kommunistischen Kuba. Das verspricht nichts Gutes. Vielleicht darf man als Ausländerin nachts nicht allein… und wie soll sie das begründen? Den Pass in der Hand ist sie bereit, was immer auch passiert. Sie sprechen sie an, ihr Herz setzt aus. Die kubanischen Polizisten wollen sie nicht festnehmen, kein Gefängnis, sie wollen - scherzen, schäkern, flirten. Mascha plumpst ein Stein vom Herzen und sie atmet tief durch. Mit dunkler Stimme scherzt sie erleichtert zurück, verlangsamt dabei nicht ihren Schritt und eilt, Leichtigkeit vorgaukelnd, weiter… Dummerweise ist die Tasche zu schwer für diese Aktion und Mascha bekommt Schwierigkeiten, die Balance zu wahren. Wohin eilt sie eigentlich? Nicht stehenbleiben, viele Augen beobachten sie, eine weiße Frau in der Nacht, die nicht hierhergehört, rote Mähne, rote Bluse. Einige sprechen sie an, aber sie lächelt kalt und freundlich, das kann sie gut, sie bleibt nicht stehen.

Doch eine bemerkenswerte Gestalt mit langen beweglichen Gliedmaßen, völlig weiß gekleidet, wie ein Geist von einem Tänzer, ist hartnäckig und umkreist sie mit galanten Bewegungen wieder und wieder … hier braucht es eine klare Absage, … zack… die Gestalt bleibt traurig zurück … aufatmen.

Sie sieht schon das Meer, den Malecón, diese wunderbare lange Mauer am Meer, dahin will sie. „Am Horizont geht‘s weiter, dadada“… Danke Udo Lindenberg für diese Liedzeile, passt gut.

Oh, der große Kreisverkehr, verflixt. Die Fußgängerzone ist zu Ende, welche Straße soll sie nehmen? Sie kann sich nicht entscheiden und geht gerade hindurch, durch die verrückten bunten Autos, mitten durch das Verkehrsgetümmel. Bremsen kreischen, lautstarkes Hupen. Es ist ihr egal. - Da weitet sich vor ihr das Meer. Himmel und Wasser verschmelzen in der Dunkelheit. Sie fühlt die ganze Welt zu ihren Füßen. Herrlich. Ein kleiner Rest Intelligenz lässt sie vorsichtig eine Stelle im Licht wählen, unter wackligen Laternen, auf der ansonsten dunklen Kaimauer. Etwas entfernt sitzt verlassen ein Mann, in Gedanken vertieft, vielleicht im Kummer, vielleicht ein geheimer Beamter. Es ist einerlei. - Sie schwingt sich auf die breiten Steine, unter ihr das Meer, leichter Salzgeruch, sanfter Wind, über ihr sternenvoller Nachthimmel, es ist warm, sie ist allein, sie ist allein, … verdammt! Sie ist in Havanna und allein, Leo fällt ihr wieder ein und dann endlich, durchatmen, wie schön! Havanna, am Meer! … laufen die Tränen. Ihre innere Stimme befiehlt: „Das sind die falschen Gedanken, sofort aufhören!“ Aber sie weint umso heftiger.

Havanna …Und das ist Havanna und da sind sie! Die echten wahren Habaneros, Juan, ein halbnackter Fischer und Malewitz, die weiße Gestalt von vorhin, ein Künstler mit tschechischen Wurzeln. „Leave me alone, please!“ (Lasst mich in Ruhe.) Es ist zu spät. Ihre sonst dunkle Stimme piepst jämmerlich in hohen Tönen … Die beiden Kubaner plaudern sie freundlich zu, in Spanisch, in Englisch, einzelnen deutschen Worten, unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen. „Sieh doch“, so präsentieren sie mit weiträumigen Gebärden ihren nachtblauen Himmel mit den tausenden Sternen, das ewige Meer. „Havanna is so nice, so beautiful, so schön … look ...“ -

Sie zeigen auf Maschas Tränen und wollen wissen, warum sie weine. Mascha erklärt in Englisch, auch unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen …, also Mascha versucht zu erklären, von Schluchzen unterbrochen: „Mein Freund verlässt mich. Erst schleppt er mich nach Kuba, dann sieht er eine schöne Kubanerin und weg ist er. Jetzt sitze ich hier in dem schönen Havanna, allein …“ Ja, ja, ja, das stimme, ihr Havanna sei wunderschön, aber No, No, No – sie wäre doch nicht allein, sie hätte jetzt zwei Freunde in Havanna, die alles für sie tun würden. - Keine Tränen in Havanna, Havanna sei zu schön.

Etwas vorwurfsvoll meint der Fischer, er müsse jeden Tag schwer arbeiten, um zu überleben, das wäre doch wohl eher ein Problem. Er weist auf das herrliche Meer, sie solle mit ihm mit hinunter auf die Klippen klettern, dann fange er für sie köstliche Fische. Um seine Worte verständlich zu machen, rennt er anschaulich herum, springt über die Kaimauer, über die Klippensteine fast ins Meer, imitiert das Fische fangen, hüpft wieder zu ihnen zurück, wie ein schauspielendes Kind, damit sie versteht. Er wohne im fünften Stock in einem der verfallenen Paläste direkt am Malecón und sie könne sofort mit ihm da leben. Die Unterhaltung entwickelt sich wie ein komisches Theaterstück und erfordert Einfallsreichtum und Spaß am Spiel. Der Künstler Malewitz, der mit den zauberhaften Bewegungen, lächelt sie warmherzig an. Er hat kluge ruhige Augen. Sein Englisch ist besonders. Malewitz möchte mit ihr zum Leuchtturm und dort ein Künstler-Feuerwerk abfackeln. Das wäre wirklich märchenhaft. Er mache das jeden Tag im Dienst der Regierung, aber jetzt extra nur für sie, damit sie sein geliebtes Havanna nicht weiter mit ihren Tränen verschandele und wieder lache … Mascha will aber nicht. Westlich verwöhnt nörgelt sie: “I love this Leo and I want him back.”

Sie reden durcheinander, „Corazón, corazón“, in Havanna brauche man Corazón. – Vielleicht bedeutet Corazón Stolz? Sie weiß es nicht und schämt sich. Ein wenig Stolz könnte ihr auch nicht schaden. Das ist wohl ihre Lektion hier in Havanna.

Die Stimmen der Habaneros klingen wie ein sanfter Singsang, als würden sie Gedichte rezitieren, fremde Lieder singen. Die Situation ist unwirklich schön, warm, dunkelblauer Samt-Himmel, tausend Sterne, das Meer rauscht leise und beständig, es riecht salzig…

Der Fischer bietet ihr eine starke Zigarette an, der Künstler will sie abhalten, aber sie raucht aus Trotz ein paar Züge. Schnaps aus der Plastikflasche, Mascha schnuppert nur am Verschluss, selbstgebrannter Rum, hochprozentig. Welch ein Wunder, dass der Fischer nicht blind ist. Mascha lächelt wieder, die beiden Fremden sind nicht mehr fremd und haben sie getröstet. Mascha schenkt ihnen deutsche Medizin, die beiden kleinen Schnaps-Fläschchen aus ihrer Tasche und beschwört sie, verschmitzt lächelnd, auf keinen Fall alles auf einmal zu trinken.

Es ist lächerlich, aber so ist das Gleichgewicht der Welt wiederhergestellt. Alles passt zusammen. Mascha verabschiedet sich herzlich, verspricht, morgen wieder zu kommen. Beschwingt läuft sie zum Hotel zurück, was immer auch passiert, es wird gut. Die Welt ist schön.

Vorbei an den schäkernden Polizisten am Prado. Vor dem Hotel wartet der Wächter Toni, als hätte er sie die ganze Zeit im Auge gehabt und beschützt. Toni freut sich, dass sie heil zurück ist. „Leo is a good man, Leo is a good man“, murmelt er immer wieder, bis sie sich genötigt fühlt, zu antworten: „Stop it, Toni, I know.”

Leo, der gute Mann, hat inzwischen die Tür abgeschlossen. Es gibt nur einen Schlüssel und Leo stellt sich tot. Also sitzt Mascha erschöpft auf dem Teppich im Flur und überlegt, wie sich die Peinlichkeit geringhalten lässt. Toni muss helfen. Professionell, ohne zu fragen schließt er das Zimmer auf. Leo liegt im Bett. Der Arme ist extrem erschöpft, wegen der Vorstellung, dass Mascha so schlecht von ihm denken konnte, Mascha mit ihrem Misstrauen und ihrer Eifersucht. Aber er nimmt sie in die Arme. Jetzt werden es herrliche Kuba-Tage, Flitterwochen. …

Am folgenden Tag, Leo und Mascha sind noch vorsichtig miteinander, erblickt Mascha auf dem Prado, Malewitz, ihren weißgekleideten Künstler.

Maschas Herz fliegt über die Straße zu Malewitz. Aber ihr Verstand kennt seine Pflicht. Leo hat sie besitzergreifend am Arm, sie stehen sich an der Kreuzung gegenüber und Mascha fleht Malewitz mit den Augen an: „Das ist der, wegen dem wir uns gestern Nacht kennenlernten. Bitte, bitte, mach es nicht kaputt.“.

Und Malewitz, der ehemalige Tänzer, versteht und ist großzügig. Er blickt Mascha tief in die Augen, es funkt und leuchtet, und dann verschwinden beide in ihre eigenen Welten.

Havanna, denkt Mascha, Havanna, ich danke euch, ihr wunderbaren Menschen …

Eberhard Bonse

Wortspiele, Sinnsprüche und andere Gedanken

STRAND-GEDICHT

So liegen sie dann ausgepackt und lassen alles hängen.

Ob oben ohne oder nackt

drängt sich das Fleisch in Mengen.

So liegen sie dann eingeschmiert und braten in der Sonne.

Ein jeder gibt ich ungeniert

vom Kindchen bis zur »Tonne«.

So liegen sie wie angeschwemmt als Strandgut zwischen Steinen.

Zuhause sind sie lustverklemmt und hier mit sich im Reinen.

Sie liegen, stehen, sitzen rum fürs Status-Braun zum Zeigen.

So geht ihr teurer Urlaub um:

Euro gut - der Rest ist Schweigen.

POLITISCH

Posten-Jäger sind Mitläufer ohne Revier.

OLYMPISCH

Lieber Spiele und Brot als Krieg mit Verpflegung.

EINSICHTEN

Wer lange leben will, muss alt werden.

Sehnsucht ist die Mutter aller Süchte.

Was nicht gewachsen ist, kann auch keine Früchte tragen.

Bedenkenträger sind statischer als Eisenträger.

Die meisten Dummheiten machen wir, um anderen zu gefallen.

Toleranz ist eine Frage der Bildung, vor allem der Herzensbildung.

Es gibt keine Wahrheit, nur relative Klarheit.

Auch Freundlichkeit verstellt ihr Gesicht.

Zuneigung ertragen, indem wir Widerworte wagen.

Das Leben reicht bis zum Ende, dann bringt der Tod die Wende:

ganz plötzlich und abrupt.

VATERLAND

ist Mutters Land am Rand gelebter Träume.

MUTTERLAND

ist Heimatland als Band intimer Räume.

HEIMATLAND

ist freies Land für alle, die es lieben.

MAUERFALL

Ich liebe Euch doch alle,

sagte Erich Mielke vor seinen Genossen

(und hätte sie am liebsten erschossen).

VEB BESTATTUNG

Das Kommen und Gehen gehört zu unserem täglichen Bedarf.

Ina Broich

Die Vergessenen

Der Atlantik bläst ihr ins Gesicht. Er hat tausende Kilometer Anlauf genommen, um an diesem Strand auf Land zu prallen. Kleine Löckchen lösen sich aus Andisuas Plaids. Die frühen Minuten vor Sonnenaufgang gehören ihr allein. Dann gibt sie sich schwindenden Träumen hin.

Der Sand ist kühl unter ihren Füßen, saugt an ihrer Wärme.

Beinahe hätte sie die Schritte nicht gehört. Eine kleine Hand legt sich in ihre.

„Warum schläfst du nicht?“ Andisua sieht ihre kleine Schwester an. Sanfter Tadel hat sich in ihre Stimme geschlichen. Sie umfasst die schmalen Finger ein wenig fester.

„Du weißt, es ist gefährlich alleine im Settlement herum zu laufen!“ Ihre Worte sind nur ein Flüstern im Brüllen des South Easter. Die Kleine nickt.

„Ich kann nicht schlafen, wenn du nicht da bist.“ Vorwurf und Tatsache zugleich. Andisua findet auch keine Ruhe. Welcher Bewohner des Settlements vermag denn tief zu schlafen? Ohne verschließbare Fenster oder Türen? Sie kann die Kleine nicht beschützen und das nagt an ihr. Es wäre vermessen zu glauben, irgendjemand wäre in der Lage, etwas auszurichten. Die Welt der Squatter ist gemacht für die Trunkenen und der Sucht-Verfallenen, für die Starken, für die mit Waffen in ihrem Besitz. Nicht für Frauen und Kinder, dessen ist sie sich nur allzu bewusst. Ein Township ist eine Arche Noah der Vergessenen. Sie segelt im South Easter, um nirgendwo anzukommen.

Andisua starrt auf die heranrollenden Wellen. Es wäre so einfach. Nur ein paar Schritte bis in das tiefe Wasser. Doch da ist diese schmale, vertraute Hand in ihrer.

Die Sonne steigt blutrot über den Horizont, die Mädchen wenden sich vom Wasser ab und laufen zurück durch die Dünen. An der R310 schlüpfen sie in ihre Schuhe aus alten Autoreifen.

Mit dem ersten Sonnenlicht verspricht der Tag ein weiteres Mal unerträglich zu werden. Zuviel Last für schmale Mädchenschultern. Der Traum einer Hütte in Khayelitsha bleibt ein Traum, unerreichbar fern. Für sie beide bleiben die zusammengeschobenen Wellbleche in T2-V2B zwischen den Dünen. Andisua und ihre Schwester bleiben an einer Wasserpumpe stehen und waschen sich. Die Pfiffe des betrunkenen Mannes aus der Nachbarhütte hören sie schon gar nicht mehr. Sie lassen ihre Röcke wieder herabsinken und füllen die Kanister mit dem kühlen Nass. Einen Behälter balancieren sie auf dem Kopf, in jeder Hand einen weiteren. Damit machen sie sich auf den Weg zu ihrem Frühstück. Andisua kocht Millipap auf dem kleinen Campingkocher. Wie an jedem Morgen hocken sie auf der staubigen Erde und stopfen sich den Brei lustlos in den Mund.

„Wird es besser werden?“ Immer die gleiche Frage zur gleichen Zeit. Die Augen der Kleinen tragen Hoffnung, das magere Kind hat noch nicht aufgegeben.

„Es wird besser!“ Eine gut vorgebrachte Lüge. Die Wahrheit ist zu schwer auszusprechen, zu schwer zu ertragen.

„Gehst du arbeiten?“ Andisua nickt. Sie zieht Kleber aus ihrer Tasche hervor und hält ihn ihrer kleinen Schwester unter die Nase. Für einen Moment ist nur das Ein- und Ausatmen der Mädchen zu hören. Während die eine ruhig weiter atmet, wird das Luftholen der anderen langsamer, dann kippt das kleine Mädchen benebelt nach hinten auf ihr Papplager. Jetzt spürt sie nichts mehr. Keine Angst kann nun ihr Herz erreichen. Die Droge macht sie unempfindlich für jedwede Empfindung. Die Kleine wird ihren Schnüffel-Rausch ausschlafen, bis Andisua wieder nach Hause kommt.

Sie schlüpft durch den flatternden Vorhang und hastet durch den Staub zum Busbahnhof. Angewidert schüttelt sie den Kopf. Arbeit? Was sie machte, war keine Arbeit. Sie erhielt keinen angemessenen Lohn dafür, keine Anerkennung, einfach nichts. Dennoch ging sie jeden Morgen von Neuem. Weil immer noch Hoffnung in dem hohlwangigen Kind steckte.

Der South-Easter bläst in all seiner Heftigkeit und weht Andisua dem Moloch Kapstadt entgegen. Das Black Taxi, in das sie sich quetscht, ist die Verbindung zwischen zwei Höllen. Unüberwindbar für die einen, das Paradies für ein paar wenige Privilegierte.

In der City Bowl steigt Andisua verschwitzt aus dem Bus. Sie muss sich beeilen, denn sie möchte die Erste auf dem Pick & Pay Parkplatz sein. Gleichzeitig mit dem Öffnen der Mall erreicht sie den ihr verhassten Ort. Die ersten Wagen rollen auf das Gelände und ihre Arbeit beginnt.