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Der Großstadtwanderer und die geheimnisvolle Besucherin verfügen zwar nicht gerade über Adleraugen, sind aber trotzdem fast immer unterwegs und lassen sich zu Hause eher selten blicken. Rastlos touren sie durch die endlosen Häusermeere urbaner Landschaften, können aber auch dem lockenden Ruf weiter Wälder und hoher Berge keineswegs widerstehen. Weil sie nun mal keine Asketen sind, verputzen sie in den Wanderpausen haufenweise köstliche Happen und lassen zwischen Wasser, Wein und Whisky auch immer wieder Bier oder Kaffee durch die Gurgel plätschern. Dabei vergessen sie immer wieder, dass ihnen ständig ein neugieriger Mensch auf den Fersen ist der den Beruf eines Autors ausübt und als Solcher ihre schrägen Erlebnisse und Abenteuer aufschreibt um sie anschließend in Form von Shortstorys hinaus zu posaunen in die große weite Welt. Autoren müssen schließlich auch leben...
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2018
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peter bachstein
Never Ending Reiserausch
Short Stories aufgeschrieben unterwegs
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Statt Socken stricken auf die Socken machen – kann auch als Einleitung gelesen werden...
2. Big Sister ist watching you und back to GDR
3. Intercity Schaukelzug und Einkehr ins Café K
4. Palatschinke mit Bier und ein Koch aus Plastik
5. Goldene Träume in Dresden
6. Weimar voll im Goethegriff? Keineswegs...
7. Zwischen Museum und Kneipe
8. Kleines Abenteuer auf der Suche nach dem E Haus
9. Lebenswasser oder Odyssee in Sachen Whisky
10. Out of the City oder: Der Großstadtwanderer wird vom Berg gerufen
11. Und nochmal Berg – mit Old School Eisenbahn
12. Vom Bayerischen Wald nach Nashville
13. Trogir oder: Der Gott des Großstadtwanderers
14. Übernachten wie Diogenes
15. Nicht der Atlantik, nur die Ostsee oder: Kleine Wassertour durch die Wohlenberger Wiek
16. Nicht nur Berlin oder Sansibar - kann auch als Schlusswort gelesen werden...
Impressum neobooks
Der Großstadtwanderer und die geheimnisvolle Besucherin gehören bekanntlich zu jenen Leuten, die nicht gerade über Adleraugen verfügen, was nicht heißt, dass sie richtig blind sind. Sie sehen bloß nicht besonders viel – eher sogar etwas weniger. Trotzdem sind sie keineswegs übertrieben häuslich orientiert, sondern stiefeln lieber durch laute Städte und stille Wälder oder sogar auf die Gipfel höherer Berge, was im familiären Umfeld bisweilen auf ein gewisses Unverständnis trifft. Und überhaupt könnten die Beiden doch wie anständige Großeltern die zehn Enkelkinder betreuen und für dieselben wärmende Socken stricken statt sich dauernd auf die Socken zu machen um die Gegend da draußen mit ihren Fußstapfen zu schmücken.
Doch da ist die ewige Sehnsucht...
...nach der Welt außerhalb der heimischen vier Wände. Gegen die gibt es bislang keine wissenschaftlich abgesicherte Therapie und gäbe es eine solche, würden die Beiden sich mit großer Wahrscheinlichkeit Therapie resistent verhalten. Außerdem können sie mit Stricknadeln nicht umgehen und wenn sie ein Enkelkind dabei haben, geht’s mit ihm oder ihr auch hinaus in die nahe oder weite Welt. Manchmal nehmen sie sogar einen Kinderwagen mit. Ein Baby liegt jedoch nicht drin, sondern Luftmatratzen, Schlafsäcke, Campingmöbel und obendrauf ein Zelt. Proviant natürlich auch – Schokolade und Grappa beispielsweise...
Klar kommen da manchmal so dusselige Fragen nach dem Sinn des ewigen Unterwegsseins, wo doch der visuelle Aktionsradius eine gewisse Begrenztheit akzeptieren muss. Solche Fragen stammen prinzipiell von Leuten mit voller Sehschärfe die meinen, deswegen auch den vollen Durchblick zu haben obwohl sich ihre Wahrnehmung der Welt fast ausschließlich optisch austobt. Als hätten die Menschen neben der visuellen nicht auch noch jede Menge weiterer Wahrnehmungsmöglichkeiten. Schließlich sieht die große weite Welt nicht nur irgendwie spannend aus, sondern hört sich auch verdammt interessant an oder riecht und schmeckt verführerisch.
Insbesondere das Schmecken hat es dem Großstadtwanderer angetan. Er hat auf seiner Never Ending Tour so manches opulente Mal sowie haufenweise köstliche Kleinigkeiten verputzt. Allein dafür hat sich dieses Reiseleben schon gelohnt und Seheinschränkungen beziehen sich bekanntlich nicht auf Gaumen und Zunge, sondern nur auf die Augen. Und überhaupt ist ja noch ein brauchbarer Sehrest vorhanden mit dessen Hilfe der Großstadtwanderer in der Lage ist, auch jede Menge optische Eindrücke zu sammeln um sie anschließend Lesern und Hörern anschaulich zu servieren. Außerdem ist die geheimnisvolle Besucherin ja meistens auch in der Nähe um beim visuellen Interpretieren der jeweiligen Gegend behilflich zu sein.
Aber ist es nicht gefährlich..
...mit Sehbehinderung durch die Welt zu geistern, fragen da die immer und ewig Besorgten und der Großstadtwanderer will das keineswegs bestreiten – ganz im Gegenteil. Beispielsweise wäre er im antiken Termessos beinahe mal in eine Zisterne gefallen. Trotzdem gestattet er sich die Gegenfrage, ob es nicht auch gefährlich war, als die Phönizier und Wikinger oder auch ein gewisser Kolumbus einfach mal los segelten übers endlose Meer ohne zu wissen wohin und dabei zufälligerweise Amerika entdeckten? Oder als jenes merkwürdige Wesen einst vom sicheren Baum kletterte, um fortan als Savannen-, Wald- und Bergläufer auf die abenteuerliche Reise ohne Ende zu gehen? Dagegen ist doch das Reisen mit mit ein Bisschen Sehbehinderung ein durchaus kalkulierbares Risiko.
Natürlich gibts unterwegs...
...die eine oder andere Beule, insbesondere wenn man wie diese Beiden hier eher die etwas holprigen Pfade bevorzugt. Aber solche Beulen gehen auch wieder weg und vor allem sind auch jene Leute mit visueller Überkompetenz durchaus mit Beulen gesegnet. Liegt wahrscheinlich eher an den holprigen Pfaden als an den schwächeren Linsen...
Okay, das soll genügen. Wer mehr darüber wissen möchte, kann ja fragen oder weiter lesen und alle, die den Großstadtwanderer kennen, werden bestätigen können, dass er zu sehr umfassenden Antworten bereit ist. Ansonsten geht’s jetzt ohne weitere Verzögerung aber mit Brille und guter Laune voll rein in die netten kleinen Zufallsabenteuer, wobei der obligate gastronomische Schlussakkord meistens für das kulinarische Happy End sorgt...
„Mit der Eisenbahn gefahren sind wir schon seit vielen Jahren“ heißt es in einem arg geschüttelten Reim, den die beiden Hauptreisenden dieser Kreuz-und-Quer-Storys unter dem gemeinsamen Decknamen Artemidorful einst der staunenden Menschheit als epochalen Rocksong auftischen wollten. Darin wurde zwar nicht vom Unterwegssein gesungen, sondern Protest gegen den versuchten Börsengang der Deutschen Bahn geäußert. Aber er weist nebenbei darauf hin, welches Verkehrsmittel die beiden außer den eigenen Stelzen – manchmal mit Skiern dran – häufig benutzen. Bahnfahren ist übrigens eine besonders erlebnisreiche Form des Reisens – selbst beim Gang aufs Klo...
Das könnte übrigens eine etwas längere Story werden und mancher mag im Zeitalter der Kurzmitteilungen vor dem Lesen derselben zurückschrecken. Doch insbesondere all jene, die vorhaben mit dem Zug zu fahren, sollten sich diesem Erlebnis des Großstadtwanderers mit größter Aufmerksamkeit widmen. Schließlich müssen sie ja nicht in eine ähnlich haarsträubende Situation geraten. Dabei fängt alles ganz harmlos an – als simple Reise mit der Bahn von Cottbus nach Berlin, was ja normalerweise wenig aufregend zu sein pflegt. Diesmal aber ist vieles anders und vor allen Dingen neu.
Neu ist zunächst mal schon der Zug...
Nicht in gewohntem Rot, sondern gelb wie eine Butterblume gleitet er in den Bahnhof Cottbus. Um aber keinen allzu großen Bruch mit den rot gepinselten Vorgängerzügen zu riskieren, kommt er zwölf Minuten zu spät und die Türen gehen auch nicht sofort auf, sondern lassen erst mal ihre LED Sensoren fröhlich blinken. Nach fünf Minuten lässt das Hirn des Zuges die Passagiere gnädig einsteigen und der Großstadtwanderer vermisst sofort die gewohnt zerschlissene Atmosphäre. Doch nicht kaputte Sitze sind ja auch mal ganz angenehm und das Fehlen jenes latenten Geruchs nach etwas älterem Käse muss ja nicht gleich als Qualitätsminderung betrachtet werden.
Ja, und dann gibts da dieses Klo...
Nun mag ein solcher Ort nicht unbedingt eine schöne Ecke sein. In diesem Fall aber liegt bezüglich jeglicher Donnerbalkenassoziation eine komplette Verneinung vor. Als der Großstadtwanderer nämlich jenes Örtchen betritt, glaubt er zunächst, die falsche Tür erwischt zu haben und versehentlich im technischen Herz des Zuges oder gar in einem Raumschiff gelandet zu sein. Überall leuchten zahlreiche grüne Sensoren, deren Bedeutungen dem technisch eher unerfahrenen Großstadtwanderer weitgehend verborgen bleiben. In all dem durch blanke Spiegel noch multiplizierten Gefunkel findet er zunächst die dringend erforderliche Schüssel nicht und als er dann nach zahlreichen Tastversuchen seinen Allerwertesten endlich auf dem entsprechenden Gestell plazieren kann ertönt aus dem Off eine weibliche Stimme, die ihm mitteilt, dass dieses WC zur Zeit nicht in Betrieb ist.
Big Sister is watching you, denkt erschrocken der Großstadtwanderer und springt sofort kerzengerade von der Schüssel. Auf der Stelle geht die Spülung wie ein größerer Springbrunnen los, obwohl Big Sister schon wieder was von nicht in Betrieb faselt. Dann befiehlt sie ihm, er solle aufhören zu rauchen sonst werde die Sprenkleranlage eingeschaltet.
Nun, er ist zwar nicht am Rauchen, aber vielleicht hat Big Sister ja seine Knoblauchfahne als Qualm definiert. Voller Panik entschließt er sich daher zur sofortigen Flucht. Doch als er die Tür packt um sie zu öffnen, sagt Big Sister geduldig und nachsichtig: „Dieses WC ist zur Zeit nicht in Betrieb“. Da hilft kein heftiges Rütteln und Schütteln, denn der digitale Riegel ist ebenso wenig bereit, die Tür frei zu geben, wie sein manueller Kollege.
Gefangen in einem Kerker mit Klo und umgeben von der neuesten Technik, die gnadenlos jegliches Entkommen verweigert. Ach wie angenehm...
In dieser fast ausweglosen Situation fängt der Großstadtwanderer an zu fantasieren vom guten alten Locus ohne Big Sister Effekt. Wie in Nürnberg zu Hause bei Albrecht Dürer, wo das Klo im Schrank war und der stand in der Küche. Diese Schrankvariante hatten übrigens auch ein paar aufstrebende Schauspieler angewandt, als sie 1970 in einem alten Kreuzberger Kartoffelkeller ihr erstes Theater eröffnen wollten und die West-Berliner Behörden unbedingt nach Geschlechtern getrennte WCs verlangten. Die beiden alten Besenschränke vom Sperrmüll waren zwar ein bisschen eng und daher nur für Besucher im Hungerharkenformat geeignet. Aber den Ansprüchen der Behörden war Genüge getan und vor allem gingen die Türen nicht zu sodass man nicht eingesperrt werden konnte.
Nun gibt es Leute, die das öffentliche Verrichten solcher Geschäfte als anrüchig empfinden. Solch neurotisches Verhalten hätten die sich aber an den Fürstenhöfen der Renaissance nicht leisten können. Da ließen sich die Herrschaften bei Bedarf von den Dienern den sogenannten Kackstuhl bringen und zwar nicht an irgendein stilles Örtchen, sondern notfalls auch in den Ballsaal. Kaiser Maximilian, dieser letzte Ritter, hatte sogar Audienzen auf dem Klo sitzend abgehalten und in den üppigen Parks barocker Lustschlösser wurde normalerweise auch in die Blümchen gekackt.
