New York Bastards – In deinem Schatten - K. C. Atkin - E-Book

New York Bastards – In deinem Schatten E-Book

K. C. Atkin

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Beschreibung

Sie jagt einen Mörder, doch nur er kann sie im New Yorker Untergrund beschützen.

Polizistin Lissiana Stafford jagt einen Serienkiller und ist dabei auf den inhaftierten John Cohen angewiesen, der den New Yorker Untergrund bis zu seiner Festnahme mit eiserner Hand regiert hat und sich in den Straßen von Hell's Kitchen auskennt wie kein Zweiter. John ist Lissianas einzige Chance, wenn sie das Blutbad des "Bräutigams" beenden will. Obwohl Lissiana weiß, dass sie seine Hilfe teuer bezahlen wird - und dass ihr Herz John Cohen noch lange nicht vergessen hat ...

"Eine Geschichte voller Romantik und Spannung, die einen packt und nicht mehr loslässt!" Mona Kasten, Spiegel-Bestseller-Autorin

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Seitenzahl: 651

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

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K. C. ATKIN

New York Bastards

In deinem Schatten

Roman

Zu diesem Buch

FBI-Agentin Lissiana Stafford jagt einen Serienkiller und ist dabei auf den inhaftierten John Cohen angewiesen, der den New Yorker Untergrund bis zu seiner Festnahme mit eiserner Hand regiert hat und sich in den Straßen von Hell’s Kitchen auskennt wie kein Zweiter. John ist Lissianas einzige Chance, wenn sie das Blutbad des »Bräutigams« beenden will. Obwohl Lissiana weiß, dass sie seine Hilfe teuer bezahlen wird – und dass ihr Herz John Cohen noch lange nicht vergessen hat …

»Eine Geschichte voller Romantik und Spannung, die einen packt und nicht mehr loslässt!« Mona Kasten, Spiegel-Bestseller-Autorin

Für Lynne

Mom – Danke für alles.

Elf Jahre ist es her, dass ich dir

meinen ersten Text gegeben habe.

Und jetzt sind wir hier.

Gutes und Böses ist in der Natur verwischt, aber nicht in gleichem Maße; des Guten ist weit mehr, des Bösen ist weit weniger. Und selbst das Böse wirkt Gutes oder kommt aus Ursachen, die mehr Gutes als Böses wirken.

Johann Bernhard Basedow

1

Ich habe es so satt.

Der Gedanke ging Lissiana durch den Kopf, als sie die paar Blocks zum Fundort der Leiche hinter sich zurückließ, die sie noch von der U-Bahn hatte laufen müssen. Der Morgen dämmerte kaum, und doch kamen ihr endlos viele Menschen entgegen. Sie versuchte, sich mental darauf vorzubereiten, was sie erwarten würde, wenn sie die kommenden drei Blocks passiert hatte. Doch wenn sie ehrlich war, dann wollte sie nicht daran denken.

Kein bisschen.

Sie wusste schon genau, was sie vorfinden würde. Sie wollte nicht an den Tod denken, der in dieser Gasse in einem schäbigen Teil der sonst schillernden Stadt mit eisigen Händen nach ihnen allen greifen würde, um ihnen ihre Sterblichkeit und die Sinnlosigkeit dieses Todes vor Augen zu führen.

Sie wollte sich lieber mit den Gedanken der namenlosen Frau beschäftigen, die ihr sichtlich beschämt entgegenkam. Die Entschuldigung für das Kleid, welches sie am Leib trug, war offensichtlich, dass sie es schon seit letzter Nacht anhatte. Ihr Haar war zerzaust, ihr Lippenstift verschmiert, und ihre glanzlosen Augen zeugten von Reue und zu viel Alkohol. Woran sie wohl dachte? Vielleicht war ihr One-Night-Stand fürchterlich gewesen. Vielleicht war ihr ihr Liebhaber im Licht der Ausnüchterung viel weniger attraktiv erschienen. Oder sie hatte jemanden betrogen, den sie eigentlich liebte.

Der Schmerz, der Lissiana bei diesem Gedanken erfasste, war scharf und gnadenlos. Wie eine Klinge fuhr er durch ihr Fleisch und ließ sie blutend zurück. Doch dafür hatte sie keine Zeit. Nicht jetzt. Und schon gar nicht hier. Sie wusste, dass sie sich dem Tatort näherte, da das Stimmengewirr mit jedem Meter lauter wurde, den sie zurücklegte.

Diese Stadt schläft wohl wirklich nie, dachte Lissiana sarkastisch und ging um die letzte Häuserecke, die sie noch von ihrem Bestimmungsort trennte. Und was sich vor ihren Augen zeigte, war der eindeutige Beweis dafür, dass eine Stadt wie New York City nicht nur niemals schlief – nein, sie war auch zerfressen von der perfiden Neugier ihrer Bewohner, die selbst im Dämmerlicht noch auf eine großartige Geschichte zu warten schienen, um sie aus der Bedeutungslosigkeit ihres durchschnittlichen Daseins hinauszukatapultieren. In den Fokus der Öffentlichkeit, von der sie sich die Aufmerksamkeit erhofften, die sie sonst nirgendwo bekamen.

Vor ihr erstreckte sich eine Traube aus Menschen, auf deren Gesichter das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge grausige Schatten warf. Kollektiv reckten sie ihre Hälse und versuchten einen Blick auf das zu erhaschen, was hinter der Absperrung und hinter dem Sichtschutz aus Polizisten und Fahrzeugen lag.

Diese Menschen widerten sie an.

Lissiana fehlte jedes Verständnis dafür, wie man sich mit Schlafanzug und Morgenmantel bekleidet in aller Herrgottsfrühe auf die Straße wagen konnte, nur um sich einen Blick auf etwas zu verschaffen, das sie selbst in ihren Albträumen verfolgen würde. Sie warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk und seufzte leise. Es war noch nicht einmal ganz sechs Uhr morgens, und doch musste sie sich einen Weg durch die Menschenmenge bahnen, die sich hier versammelt hatte.

Unsanft schubste sie die Zivilisten zur Seite und wurde dafür ihrerseits gestoßen und verflucht, da der mühsam ergatterte Platz nun in Gefahr zu geraten drohte. Noch waren die Temperaturen mit zwanzig Grad erträglich, doch das würde sich ändern, sobald die Sonne aufgegangen war. Die Bewohner New York Citys würden dann wieder kochend und dampfend dessen ganzes Glas und den schwarzen Asphalt verfluchen. Und dann würden auch diese Maden zurück in ihre Häuser kriechen.

Lissiana schob eine ältere Dame unsanft zur Seite und erreichte das Absperrband, das gelb leuchtend verkündete, dass in den Tiefen der noch in Dunkelheit gehüllten Gasse etwas geschehen war, das nicht für jedermanns Augen bestimmt war und sich dennoch bald erneut der Öffentlichkeit präsentieren würde.

»Na hören Sie mal, Fräulein«, fauchte die ältere Dame, und Lissiana sah sie an. »Ich stehe hier seit einer Stunde! Stellen Sie sich hinten an, wenn Sie auch was sehen wollen.«

Eigentlich hätte Lissiana vollkommen fassungslos sein müssen. Diese Offenlegung von blinder und perverser Neugierde hätte ihr den Magen umdrehen sollen. Und doch geschah rein gar nichts.

Trotz ihres gepflegten weißen Haares, das mit Lockenwicklern bestückt war, damit sie später am diesem Morgen adrett aussehen würde, lag in ihren trüben Augen doch der unverkennbare Ausdruck einer Leere, die mit einer enormen Einsamkeit einherging. Vermutlich war das hier wirklich der Höhepunkt in ihrem Leben. Vermutlich lebte sie allein, und da sie in Hell’s Kitchen wohnte, hatte sie wohl seit mehreren Jahrzehnten einen Mietvertrag mit einer sehr geringen monatlichen Miete, die sie sich von ihrem schmalen Einkommen gerade so leisten konnte.

Die Art, wie sie sich an ihrem billigen, aber edel wirkenden Morgenmantel festkrallte und wie sie das Kinn angriffslustig vorstreckte, war ein Zeichen dafür, dass die alte Dame eine echte New Yorkerin war. Wahrscheinlich war sie in Hell’s Kitchen aufgewachsen zu den Zeiten, als noch niemand freiwillig einen Fuß in dieses Viertel gesetzt hatte. Sie wusste, wie man sich durchsetzte. Und doch würde sie sich an Lissiana ihre falschen Zähne ausbeißen.

Denn diese zückte nur ihre Dienstmarke und hielt sie der alten Dame unter die Nase. »Ich gehöre zu den Leuten, denen Sie mit ihrer Sensationsgier die Arbeit schwer machen. Also lassen Sie mich wenigstens durch, wenn Sie schon alle anderen mit ihrer Rücksichtslosigkeit behindern müssen.« Lissiana war überrascht, wie ruhig sie klang. Dabei war sie überhaupt nicht in der Stimmung, sich mit einer alten Dame zu streiten.

Die andere Frau wurde blass, zog den Kragen ihres Morgenmantels fester zusammen und machte dann genug Platz, damit Lissiana sich unter dem gelben Absperrband her ducken konnte.

Auf der anderen Seite der grausamen Realität dieses Bandes herrschte emsige Betriebsamkeit. Mehrere Polizisten schirmten die ermittelnden Beamten von den unerwünschten Blicken der Voyeure ab, während die Spurensicherung, die Gerichtsmedizin und einige Ermittler der Mordkommission ihre Arbeit verrichteten.

Lissiana reckte sich auf ihren hohen Schuhen, um nach Nathan Ausschau zu halten, mit dem sie nun dringend sprechen musste. Nur er würde ihr die Antworten geben können, die sie brauchte, um mit ihrer Arbeit zu beginnen. Auch wenn sie dem Tod nicht noch näher kommen wollte als diese paar Meter, die sie sich hinter das Absperrband vorgewagt hatte.

Doch seit zwei Jahren war genau das ihr Job. Man rief Lissiana an, wenn der gewaltsame Tod seine grausamen Spuren hinterlassen hatte. Man rief sie, wenn man einer Familie sagen musste, dass sie nun ein totes Mitglied zu beklagen hatte. Man rief sie, wenn die Menschheit ihr hässlichstes Gesicht zeigte.

Lissiana schloss die Augen und atmete tief durch, während sie versuchte, die Erinnerungen zu verdrängen, die sie überschwemmten. So viele. Es waren so unglaublich viele Leichen, die sie hatte sehen müssen.

Gesichter. Schicksale. Wunden. Blut.

Alles hatte sich in ihren Erinnerungen eingenistet wie ein Parasit. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie sich an ihrem ersten Tatort in einen Mülleimer übergeben hatte, weil sie den Verwesungsgeruch nicht ertragen hatte.

Lissiana war nicht wie einige ihrer anderen Kollegen. Ihr machte das Blut nichts aus. Davon hatte sie schon viel zu viel gesehen. Es war die Endgültigkeit und die Sinnlosigkeit dieser Tode, die ihr den Schlaf raubten.

»Nummer Sechs«, hörte sie eine tiefe Stimme direkt neben sich murmeln, sodass sie schnell die Augen aufschlug. »Ich schwöre dir, wenn ich diesen Bastard erwische, dann geb ich ihm eine Kostprobe seiner eigenen kranken Praktiken.«

Lissiana sah zu ihrer Rechten und fand dort Nathan. Er verstand sie wie niemand sonst im Polizeipräsidium. Nathan Tucson, der von allen nur Nate genannt wurde, ragte neben ihr auf, und sein Gesicht war zu einer harten Maske aus Wut und Frustration verzogen. Tiefe Schatten lagen unter seinen grauen Augen. Er schlief anscheinend genauso wenig wie sie.

Doch er hatte kein Make-up, hinter dem er sich verstecken konnte. Sein schwarzes Haar war zwar zu kurz, um zerzaust zu sein, doch der Anzug, den er trug, war zerknittert. Vermutlich war er direkt von der Wache hergefahren und hatte noch keine Minute geschlafen.

Nate blieb in letzter Zeit ungesund lange im Büro und ging wieder und wieder die Beweise dieses bizarren Falls durch, doch so wie die Lage im Moment war, würde er wohl nichts finden. Genauso wie in den vergangenen zehn Monaten.

Es war zum Verzweifeln.

»Was sagen der Gerichtsmediziner und die Spurensicherung?«

Lissiana starrte auf das Personal des NYPD, das unbeirrt seinen Aufgaben nachging. Einige von ihnen tranken dazu Kaffee, und automatisch wurde ihr übel. Sie verstand nicht, wie man in so einer Lage auch nur irgendetwas herunterwürgen konnte. Doch diese Menschen arbeiteten nur einmal an diesem Fall. Ihre Beteiligung war kaum mehr als der Bruchteil einer Sekunde in einer Ermittlung, die sich seit zehn Monaten hinzog. Diese Leute kehrten wieder zu ihrem ganz normalen Leben zurück.

Nur ihr und Nathan war das nicht vergönnt.

»Es ist das Gleiche wie immer«, sagte Nate und stürzte sie von ihren düsteren Gedanken in die tiefe Schwärze der Machtlosigkeit, die sie empfand. »Aufgeschlitzte Kehle. Schürfwunden an den Fußknöcheln, wo sie zum Ausbluten aufgehängt wurde.« Nates Stimme klang rau, und er rieb sich den Nasenrücken. Die Worte wurden von einem leichten Beben begleitet. »Wieder riechen die Haare nach Farbe. Wieder ein Brautkleid. Wieder der Strauß aus roten Rosen.« Er legte die Hand in Lissianas Rücken.

»Lange genug gezögert.«

Sanft schob er sie vor sich her. Er hatte recht. Sie hatte Zeit schinden wollen, um nicht zur Leiche zu müssen. Denn das war immer der schlimmste Teil. Wenn die Namen der Frauen Lissiana in den Akten begegneten, dann konnte sie zumindest so tun, als wären es nur Namen auf einer Liste.

Hier draußen waren sie Menschen aus Fleisch und Blut.

Mit einer Familie. Mit einer Geschichte.

Lissiana presste sich unauffällig die Hand auf den Magen und unterdrückte die Übelkeit. Es war nicht ihr erster Tatort. Und so wie es momentan aussah, würde es auch vorerst nicht ihr letzter sein.

Nathan, der sie um ein gutes Stück überragte, schob sie vorbei an den Streifenpolizisten, die die Menge zurückhielten, und geleitete sie hinter die Fahrzeuge. Sicher lotste er sie durch ihre Kollegen, die wie immer nicht auf Lissiana achteten.

Wie immer strafte man sie mit Ignoranz. Sie war wie das Familienmitglied, das an Thanksgiving zwar notgedrungen eingeladen, aber dann ignoriert wurde, weil alle sich für sie schämten.

Sie hatte sich daran gewöhnt.

Die Gasse wurde mit jedem Schritt dunkler und enger, und Lissiana spürte, wie es ihr die Kehle zuschnürte. Der Geruch von Moder und Müll vermischte sich zu einem unangenehmen Cocktail, der von dem Hauch von Kupfer begleitet wurde, der Blut anhaftete.

Panik stieg in ihr auf. Wie jedes Mal wenn sie den kalten Hauch des Todes spürte.

Dann sah sie das Opfer.

Die Frau war zwischen zwei Müllcontainern abgelegt worden. Aus der Ferne sah es aus, als würde sie schlafen. Mit geschlossenen Lidern lag sie dort. Doch an dieser Situation war nichts Friedliches.

Absolut gar nichts.

Lissiana näherte sich und hockte sich dann neben der Frau hin. Offensichtlich war sie jung. Lissiana schätzte sie auf achtzehn oder neunzehn Jahre. Ihr Haar war tiefbraun und von wunderschönem Glanz. Es reichte ihr bis knapp zu den Schultern. Ihre Gesichtszüge wirkten entspannt. Beinahe sanft.

Lissiana zog sich die weißen Handschuhe aus Silikon mechanisch über, die die Gerichtsmedizinerin ihr reichte, und fuhr mit den Fingern über die Wange des Opfers. Als sie die Hand hob, sah sie das Make-up, dass an ihren Fingerspitzen hängen geblieben war, und wieder stiegen Hilflosigkeit und Wut in ihr hoch.

Wie bei den anderen fünf Opfern hatte der Mörder sich auch hier die Zeit genommen, die geschundene Frau zu schminken und zu frisieren. Sie fragte sich, was für ein Mensch er oder sie war. Auch wenn es statistisch gesehen wahrscheinlicher war, dass der Mörder dieser Frau ein Mann war.

Am Hals des Opfers fand sie wie immer die lange, dünne Linie, die von einer Seite zur anderen verlief. Dort machte er seinen Schnitt und hängte die Frauen auf, damit sie ausbluteten. Lissiana erschauderte. Sie ließ den Blick weiterwandern, und sofort entdeckte sie das große Hämatom an dem Schlüsselbein des Mädchens.

Es schimmerte in allen Farbtönen von Schwarz über Violett bis hin zu Grün und Gelb. Dieser Mistkerl hatte sich offenbar auch diesmal nicht zurückgehalten. Fest biss Lissiana die Zähne aufeinander und ballte die Hände zu Fäusten, während sie sich zu beruhigen versuchte. Sie durfte sich nicht von ihren Emotionen leiten lassen, wenn sie diesen Fall aufklären wollte.

Also atmete sie tief durch und betrachtete das Brautkleid. Zusammen mit dem großen Bouquet aus zehn langstieligen roten Baccara-Rosen war das Brautkleid die perfide Visitenkarte des Mörders, den die Presse genau aus diesem Grund den Namen Der Bräutigam gegeben hatte.

Wie immer erschien es auf den ersten Blick von guter Qualität. Der obere Teil des Kleides war bis zur Brust aus durchsichtigem weißem Stoff gearbeitet, in dem sich schöne Stickereien aus einzelnen Blütenblättern an den Ärmeln befanden. Die Brust wurde durch festeren Stoff verdeckt, der einen herzförmigen Ausschnitt formte. Auch hier erschienen die Stickereien aufwendig. Diese reichten bis zu einem breiten Gürtel aus geraffter Seide an der Taille, aus dem dann der schlichte, knielange Rock entsprang. Vom Gürtel aus fielen lange Bahnen aus weißem Chiffon hinab, die dem Mädchen bis zu den Knöcheln reichten. An den Füßen trug sie weiße High Heels.

Lissiana überkam erneut die Übelkeit, als ihr wieder bewusst wurde, dass der Mörder sich Zeit nahm, um die Outfits auszusuchen und seine Opfer einzukleiden. Er beschäftigte sich genau mit dem Make-up, das dazu diente, die Verletzungen in ihren Gesichtern verschwinden zu lassen. Er nahm Maß, um die passende Größe für das Kleid zu finden. Und auch wenn er nicht viel Geld hatte, was sich an den Kleidern zeigte, die nie mehr als einhundert Dollar kosteten, kaufte er es, färbte den Frauen die Haare und schnitt sie. Und dann zog er die Leichen an und legte sie in den Straßen von Hell’s Kitchen ab wie Müll, was sie gewiss für ihn auch waren.

Allein der Gedanke, dass er diese Frauen über Tage hinweg festhielt und sie vergewaltigte und folterte, war für Lissiana kaum zu ertragen. Doch diese Inszenierung, die er nach ihrem Tod mit ihnen vollzog, war der wahre Grund, warum Lissiana sich nachts übergab, wenn sie wieder einmal von einem seiner Opfer geträumt hatte.

»Zeitpunkt des Todes?«, fragte Lissiana leise, und die Gerichtsmedizinerin schaute auf ihren Notizblock. Geschäftsmäßig ging sie die Punkte durch und kam dann endlich zu dem, was Lissiana wissen wollte.

»Ungefähr vor acht bis zwölf Stunden. Die Totenstarre ist schon vollkommen ausgeprägt«, erklärte die andere Frau tonlos und strich sich ihren kurzen grauen Bob zurück in Position.

»Das Gleiche wie immer«, sagte sie abgeklärt und deutete nachlässig auf den Körper der unbekannten Toten. »Bisher kann ich erkennen, dass sie schwer misshandelt wurde und dass die Todesursache das Ausbluten war. Auf Näheres werden Sie warten müssen, Stafford«, sagte sie gelassen. »Ich brauch sie erst auf dem Tisch, um sagen zu können, ob sie wirklich zu einhundert Prozent zu den anderen fünf Frauen passt«, erklärte sie sachlich, und keinerlei Emotion huschte über ihr von Falten gezeichnetes Gesicht.

Diese Frau hatte vermutlich drei Jahrzehnte voller schrecklicher Morde hinter sich, sodass auch dieser Fall sie nicht mehr berührte. Es stimmte wohl wirklich, dass man mit der Zeit abhärtete. Auf Lissiana schien das jedoch nicht zuzutreffen. Sie war seit zwei Jahren bei der Mordkommission, und doch hatte sich diese eisige Gelassenheit bei ihr nicht durchgesetzt. Und auch Nathan schien eine Ausnahme von dieser Regel zu sein. Er war seit zehn Jahren dabei, und dennoch berührten ihn Fälle wie dieser.

»Wann können die Berichte fertig sein?«, hakte Lissiana nach und stand auf, während sie die Handschuhe von ihren Fingern zog. Erleichterung überkam sie, als ihre Hände von dem Silikon befreit waren. Hier konnte sie nichts weiter tun. Sie würde sich das Mädchen im Leichenschauhaus noch mal näher ansehen müssen.

Die Gerichtsmedizinerin verdrehte die blauen Augen und stieß ein Seufzen aus, als hätte sie die Nase voll davon, sich mit ungeduldigen Polizisten auseinanderzusetzen. »Sie sollten mich in Ruhe meine Arbeit machen lassen. Vielleicht bekommen Sie es dann ja endlich hin, Ihre zu tun.«

Lissiana erstarrte mitten in der Bewegung, und sie spürte, wie auch Nathan sich hinter ihr verspannte. Wie immer hielt er sich in ihrem Rücken wie eine Wand, gegen die sie sich würde sinken lassen können. Doch dieser Schlag unter die Gürtellinie brachte sie beide beachtlich ins Schwanken.

Lissiana ballte die Hände so stark zu Fäusten, dass ihre Nägel sich schmerzhaft in ihre Handballen bohrten und ihre Arme unter der aufgewendeten Kraft zu zittern begannen.

»Wie bitte?«, fragte sie fassungslos nach, doch die ältere Frau kritzelte nur völlig ungerührt ihr Kürzel unter ein Protokoll, das ein anderer Polizist ihr hinhielt. »Ich denke, Sie haben mich verstanden, Miss Stafford«, sagte sie mit einem Unterton, der unmissverständlich klarmachte, dass diese Frau glaubte, Lissiana sei nicht mehr wert als ein alter Kaugummi auf den Bürgersteigen von New York City. Er war lästig, aber man wurde ihn nun mal einfach nicht los.

»Bei ihrer Vorgeschichte sollten Sie sich mit Forderungen zurückhalten, finden Sie nicht?«, setzte die ältere Frau nach, und Lissiana hörte, wie Nathan hinter ihr mit den Zähnen knirschte und schnaubte wie ein Stier, kurz bevor er auf den Matador losgehen wollte.

Normalerweise hätte Lissiana sich ein solches Verhalten nicht gefallen lassen, doch sie war zu kraftlos und zu ausgezehrt, um sich auf diese Diskussion einzulassen. Sie hatte kaum geschlafen, und dieser Tatort setzte ihr ziemlich zu. »Melden Sie sich einfach, wenn Sie so weit sind«, murmelte sie und ließ die Gerichtsmedizinerin mit einem süffisanten und zufriedenen Grinsen über ihren niveaulosen Tiefschlag kommentarlos gehen.

»Kannst du mir verraten, was das jetzt sollte?«, murrte Nathan hinter ihr, und sie sah über die Schulter, um seinem durchdringenden Blick zu begegnen.

»Nate – nicht heute, okay?« Ein kurzer Anflug von Verständnis und Mitleid huschte über sein Gesicht, ehe der Ausdruck wieder verschlossen wurde.

»Komm, wir gehen. Hier gibt es für uns nichts mehr zu tun.« Nate schob sie zurück zum Absperrband. Mittlerweile war auch die Presse angekommen und machte das Chaos perfekt, während die Kamerahaie versuchten, das erste Bild des Opfers zu ergattern, um es an den Meistbietenden zu verkaufen. Sofort schirmte Lissiana ihr Gesicht mit ihrer Hand ab und ließ sich von Nate durch die Menge schieben.

»Miss, haben Sie einen Kommentar abzugeben?«

»Haben Sie etwas gesehen?«

»Können Sie uns Näheres sagen?«

»War es der Bräutigam?«

Die Fragen schossen auf Lissiana ein wie Gewehrsalven, und sie war froh, als sie das Ende der Menschentraube erreichten. Dort gab die alte Dame im Morgenmantel gerade ein Interview an irgendeinen unbedeutenden Lokalsender. »Ich hab gehört, wie einer der Polizisten gesagt hat, dass es wieder der Bräutigam war«, sagte sie voller Inbrunst in die Linse der Kamera. »Ich sage Ihnen – diese lausigen Polizisten tun überhaupt gar nichts, um uns zu beschützen! Wie lange wollen die dieses Monster denn noch morden lassen?! Also damals war alles anders. Wissen Sie, als mein Edward noch lebte, da …«

Ja, diese Frage stellte Lissiana sich auch, als Nathan sie um die Häuserecke schob und dann anhielt, um sich eine Zigarette anzuzünden.

Während sie das Klicken des Feuerzeugs hörte, das ihr Partner zu entzünden versuchte, ging Lissiana die Frage der alten Dame wieder und wieder durch den Kopf. Wie lange wollen die dieses Monster noch morden lassen? Ja, wie lange noch? Nathan und sie waren genauso weit wie am Anfang ihrer Ermittlungen. Und egal wer gekommen war, um ihnen zu helfen, alle waren wieder abgereist, ohne auch nur einen kleinen Fortschritt erzielt zu haben.

In manchen Momenten kam es ihr wirklich so vor, als ließe sie den Bräutigam einfach machen, was er wollte. Die Hilflosigkeit, die sie empfand, ließ sie nicht schlafen, und ihr Selbsthass steigerte sich mit jeder Sekunde, in der dieser Mörder auf freiem Fuß war.

Jeder Tag, der seit dem Fund der ersten Leiche vergangen war, war für Lissiana ein Tag zu viel. Es hielt ihr das eigene Versagen jeden Tag vor Augen. Ihre Unfähigkeit, das zu schützen, was ihr am wichtigsten war.

Immerhin hatte sie nicht nur sich selbst und diese Stadt zu schützen. Für sie ging es um etwas viel Wichtigeres.

»Also«, hörte sie Nate sagen, der den Rauch, den er inhaliert hatte, wieder ausstieß. Er sah ihr fest in die Augen und holte tief Luft, eher er mit sanfter Stimme fragte: »Jetzt wirst du wohl nicht mehr drum herum kommen oder?« Lissiana schloss gequält die Augen, als ihr dämmerte, dass ihr Partner recht haben könnte.

2

Er stand in der Menge und lauschte den Stimmen, die ihn wie eine Wolke umgaben.

»Hast du schon etwas gehört?«, murmelte eine Frau einem älteren Mann zu.

»Nein. Wie immer halten diese Bullenschweine alles zurück. Hat sich nix geändert in unserer schönen Stadt«, beklagte er. »Aber ich hab gehört, wie die alte Samson meinte, einer der Bullen hätte was von dem Bräutigam gefaselt.«

Er schloss die Augen, als er das erstickte Keuchen der Frau hörte, die sofort panisch zu plappern begann. Sie nannten ihn den Bräutigam. Was für ein passender Name! Zumindest die sonst so unzuverlässigen Medien hatten ihn verstanden.

Sie nannten ihn nicht einen Schlächter.

Sie nannten ihn nicht einen Mörder.

Sie gaben ihm den Namen, den er sich erhofft hatte.

Die Befriedigung erfasste ihn und durchlief ihn wie ein wohliger Schauer, den er begrüßte wie einen alten Freund.

Deshalb kam er her.

Die Angst. Die Panik.

Die kollektive Unsicherheit, die diese Herde Würdeloser ausdünstete wie Gase.

Davon lebte er. Jede Sekunde.

Und von der Aussicht, dass er endlich wahrgenommen werden würde. Er senkte den Kopf und schloss die Augen, während er versuchte, mehr der Worte der Passanten in sich aufzunehmen.

Wortfetzen drangen an seine Ohren. In der Ferne hörte er das Kreischen einer Sirene. Das Bellen eines Hundes mischte sich darunter. Er roch Schweiß und die stickige Nachtluft. Jemand neben ihm trug zu viel Parfüm. Andere tranken Kaffee. Und sogar die süßliche Note von Gebäck konnte er wahrnehmen.

Das alles verschmolz für ihn zu einer Symphonie der Sinne.

Es war der perfekte Hintergrund für sein wunderschönes Kunstwerk.

Er sah dabei zu, wie eine kleine Brünette von einem großen Schwarzen durch die Menge geschoben wurde. Auch wenn er durch ihre Hand nicht viel von ihrem Gesicht sehen konnte, so wusste er doch, dass ihre großen braunen Augen weit aufgerissen waren. Und der Zug um ihre vollen Lippen war sicher hart und verkniffen.

Kurz verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen, doch er verbarg es schnell, indem er die Hand hob. Er musste gehen. Wenn ihn die Euphorie erfasste, konnte er sich nie zurückhalten. Er musste allein sein. Allein mit alldem. Allein mit den Erinnerungen an sein Werk.

Er zog sich die Kappe tiefer ins Gesicht, steckte die Hände in die Taschen seiner Jacke und schlenderte davon. Als er seine beiden Jäger passierte, vermischte sich der Geruch seines Zigarettenrauchs und ihres Parfüms zu dem Aroma, das er selbst Süße Verzweiflung genannt hatte.

Er sog den Duft tief in sich ein und schlenderte weiter, als wäre er nur ein simpler Passant.

Wir sehen uns bald wieder,Lissiana Stafford.

3

»Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn!«

Die tiefe Stimme von Nathan donnerte durch den Raum, und Lissiana verzog den Mund. Sie hatte Kopfschmerzen. Aber sie wusste auch, dass egal wie viele Schmerzmittel sie nehmen würde, es nicht besser werden würde. Sie war damit schon mehr als einmal beim Arzt gewesen. Doch die Diagnose war immer die gleiche geblieben. Es war eine psychosomatische Migräne. Der Schmerz war real. Aber die Ursache war es nicht. Also konnte ihr auch kein Medikament helfen.

»Leiser bitte«, murmelte sie deshalb, massierte ihre Schläfen und nahm wieder die Berichte in die Hand. Die Buchstaben verschwommen schon leicht vor ihren Augen. Ja, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sehr bald ihr Sandwich wieder ausspucken würde.

Na klasse! Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Nicht nur, dass sie aus den Akten und den Erkenntnissen des neuesten Mordes nicht schlau wurden, sie bekam auch noch eine Migräne, die scheinbar direkt in der Hölle gemacht worden war.

»Entschuldige bitte«, sagte Nate und strich sich über sein kurzes schwarzes Haar. Die Schatten unter seinen Augen waren noch dunkler geworden. Sie wusste, dass er sich nur eine Stunde Schlaf im Bereitschaftsraum gegönnt hatte, seitdem sie die Leiche vor acht Stunden gefunden hatten. Doch anscheinend waren diese sechzig Minuten alles andere als erholsam gewesen. Denn weder seine Laune noch sein Aussehen hatten sich verbessert.

Die Haut unter seinen Augen hatte eine dunkle Färbung angenommen, die sich deutlich gegen das Braun seines Hauttons abhob. Und vom Zustand seines Anzugs wollte Lissiana gar nicht erst anfangen.

Doch wie konnte sie schon darüber urteilen? Als sie vorhin in den Spiegel geschaut hatte, hatte sie selbst einen Schock bekommen. Ihr langes braunes Haar hatte ausgesehen wie ein Vogelnest, und auch ihre Augenringe schienen Augenringe zu haben. Außerdem war sie so blass, dass sie problemlos in einem Vampirfilm hätte mitspielen können. Diese Ermittlungen zehrten sie völlig aus. Und da Lissiana wusste, dass Nate weder schlief noch besonders viel aß, obwohl sein athletischer Körperbau sonst den Konsum einer vierköpfigen Familie erforderte, war ihr auch klar, dass es ihrem Partner genauso gehen musste. Das untermauerte die Tatsache, dass sein Lieblingssandwich noch immer unangetastet auf dem Tisch neben ihm lag.

»Ich habe mir die Akte wieder und wieder angesehen, Lissiana.« Nate rieb sich die Augen. »Immer wieder ist irgendeine Kleinigkeit anders. Als wollte uns der Mörder absichtlich hinters Licht führen.«

Lissiana sah auf den Konferenztisch, auf dem sich Akten und Kisten aus dem Archiv stapelten. In kleinen Tütchen lagen Beweise herum, auch wenn es nicht viele davon gab. Fotos waren zwischen den weißen Blättern zu sehen. Ein wenig wirkten sie wie Blumen im Schnee.

Lissiana legte die Akte auf dem Tisch ab und lehnte sich in ihrem eher unbequemen Bürostuhl zurück. Sie war froh um die Stille, die in diesem Raum herrschte. Nachdem sie vom Tatort zurückgekommen waren, hatten Nathan und sie diesen Konferenzraum geblockt, um in Ruhe denken zu können. Hier gab es nichts außer dem riesigen Tisch mit den zwölf gleichen Bürostühlen darum herum. Die Wände waren weiß. Nur hier und da hingen Auszeichnungen von Polizisten aus längst vergangenen Tagen. Und das Mobiliar war gewiss genauso alt wie diese Auszeichnungen. Das einzig halbwegs Moderne war ein Beamer der ersten Generation, den irgendjemand stümperhaft unter die Decke geschraubt hatte. Denn er hing leicht schief. Und über die Qualität des erzeugten Bildes musste man erst gar nicht sprechen. Meist bekamen größere Sondereinheitsgruppen diese Räume und nicht zwei einzelne Polizisten der Mordkommission. Es war wohl ihr Glück, dass niemand sonst für heute auf dem Plan gestanden hatte.

Lissiana schloss die Augen und ließ eine weitere Welle der Kopfschmerzen über sich ergehen. Der Schmerz war unerbittlich. Hart und tief fraß er sich in ihre Nervenenden. Zerrte an ihnen, bis sie beinahe Sterne sah. In ihrem Magen rumorte es bereits. Der Countdown lief also. Blind tastete sie nach ihrer Wasserflasche. Papier knisterte unter ihren Fingern. Sie fand es ironisch, dass sich das Papier noch so glatt anfühlte. So oft, wie sie es in der Hand gehabt hatte, müsste es längst so abgenutzt sein wie sie selbst. Lissianas Finger fanden die Flasche, doch kaum dass sie diese geöffnet hatte, wurde Lissiana klar, dass das keine gute Idee wäre, und sie stellte sie deshalb wieder weg.

»Also, was haben wir bisher?«

»Einen Haufen Scheiße!« Die Stimme von Nate klang mehr wie ein Murren als nach einer klar artikulierten Antwort. Und sie konnte es ihm nicht verübeln.

»Sag’s mir trotzdem noch mal!« Als keine Antwort kam, öffnete sie ihre Augen einen Spaltbreit. Nate sah sie an. Die grauen Augen leicht zusammengekniffen. Die rechte Augenbraue verschwand fast in seinem Haaransatz, so weit hatte er sie hochgezogen. »Was ist?«

»Du bist grün.« Seine Feststellung war gewiss durchaus zutreffend.

Doch Lissiana winkte ab. »Geht schon. Außerdem siehst du auch nicht aus wie Miss Amerika.« Sein tiefes Lachen war wie Balsam für Lissianas Seele. Ein Funken Normalität inmitten dieses surrealen Wahnsinns. »Also, was haben wir?«

»Sechs Opfer in den letzten zehn Monaten. Alle weiblich im Alter von achtzehn bis sechsundvierzig.« Papier raschelte. Lissiana zuckte leicht zusammen. »Alle am zehnten des jeweiligen Monats gefunden. Alle in billigen Brautkleidern. Alle mit Rosen im Arm.« Die Farbe Rot explodierte vor Lissianas innerem Auge. Die Übelkeit nahm rapide zu. Ebenso wie der Schmerz. »Drei Prostituierte. Eine Anwältin. Eine Ärztin. Eine Versicherungsvertreterin. Die Opfer hatten keine erkennbare persönliche Verbindung zueinander. Alle kamen aus unterschiedlichen Gegenden. Alle aus unterschiedlichen sozialen und finanziellen Milieus.« Sie hörte, wie Nate einen Schluck trank. Dann erklang wieder das Rascheln von Papier. Und so laut, wie es ihr vorkam, wusste Lissiana, dass es nur noch Minuten sein konnten, bis sie sich erbrechen müsste. Doch sie hielt die Augen geschlossen und hörte weiter zu.

»Bis auf die Brautkleider und die Tatsache, dass allen das Blut abgelassen wurde, gibt es kaum Übereinstimmungen zwischen allen Opfern. Zwei hatten Drogen im Blut. Vier nicht. Drei hatten nach dem Tod gefärbte Haare. Drei nicht. Aber alle hatten die Haare auf gleicher Länge. Zwei zeigten Abwehrverletzungen. Vier nicht. Drei sind vergewaltigt worden. Drei nicht. Außerdem –«

»Was hast du gerade gesagt?«

Lissiana setzte sich auf und sah ihren Partner an, der die Augen leicht aufgerissen hatte. Dann runzelte er die Stirn und blickte wieder auf den Bericht. »Alle hatten die Haare auf der gleichen Länge?«

»Nein, das Nächste!«

»Zwei zeigten Abwehrverletzungen?« Nate runzelte die Stirn und blätterte den Bericht noch mal durch. Lissiana hingegen sprang auf. Sie schwankte leicht, weil die Kopfschmerzen jetzt so schlimm waren, dass ihr davon sogar schwindelig war. »Welche Opfer sind angegeben?« Sie ging zu den Archivboxen, und ihre Augen flogen regelrecht über die mit schwarzem Edding notierten Namen am Kopfende der Pappboxen.

»Eliza Miller und Susan O’Conner«, sagte Nate, und Lissiana sah aus dem Augenwinkel, wie er aufstand und zu ihr kam. Seine Hand schloss sich um ihren Arm, und sie bemerkte erst jetzt, dass sie wohl deutlich schwankte. Dennoch schob sie die Kisten beiseite, bis sie die von Eilza Miller gefunden hatte.

»Sie war das erste Opfer.« Lissiana öffnete die Kiste. Berichte, Fotos und kleine Tütchen mit Beweisen waren darin zu finden. Sofort suchten ihre Hände nach einem ganz bestimmten Blatt Papier. Sie ignorierte den Bericht der Spurensicherung und auch die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchungen. Sie suchte den Autopsiebericht. Und auch ihre handschriftlichen Notizen vom ersten Tatort.

»Eliza Miller. Zwanzig Jahre alt. Prostituierte. Ihr Zuhälter war Shane Williams. Er gehört zum Ramsay Clan, weißt du noch?« Sie versuchte alle Informationen aus ihrem Gedächtnis abzurufen. All die schrecklichen Details, die sie doch so dringend zu verdrängen versuchte, um in der Nacht ein Auge zutun zu können. »Ihre Handgelenke waren gefesselt, Nate!« Sie suchte weiter. Dann sah sie das Logo der Gerichtsmedizin und zerrte den Zettel hervor. Schnell blätterte sie die dünne Mappe durch. Doch genau der Zettel, auf dem es um die Verletzungen an den Armen ging, fehlte. Lissiana warf die Akte auf den Tisch. Sie wühlte weiter.

»Wenn jemand an den Händen und Füßen fixiert ist, wie kann er dann Abwehrverletzungen haben?« Sie wusste, sie murmelte undeutlich vor sich hin. Ihre Stimme klang sogar in ihren Ohren viel zu dünn. Es waren diese massiven Kopfschmerzen, die ihr zusätzlich das Leben schwer machten. Aber sie musste noch ein bisschen durchhalten. Sie musste ihren Zettel finden.

»Ich weiß es noch genau, Nate. Ich habe mir damals ihre Handgelenke genau angesehen. Für einen Kabelbinder waren die Abdrücke zu breit. Für ein Seil waren sie nicht aufgeschürft genug.« Lissiana zerrte Zettel und Tüten beiseite. Sie suchte und suchte.

Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. »Kleines. Mach mal halblang.«

»Nein! Ich weiß, dass er hier ist. Ich weiß es einfach.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um tiefer in die Kiste zu gucken. Ihr Körper geriet heftig ins Wanken, doch wie immer konnte sie sich auf Nate verlassen. Er hielt sie an Ort und Stelle. Und dann fand sie ihn. Unter einer Tüte mit einem Zigarettenstummel und einer Tüte mit den Schlüsseln des Opfers lag er.

Der Zettel war einundzwanzig mal fünfzehn Zentimeter groß. Das leuchtende Gelb, an das Lissiana sich erinnerte, war nach zehn Monaten schon deutlich ausgeblichen. Jetzt erinnerte es sie an die Farbe von Buttercreme und nicht mehr an die Sonne im August. Sie griff danach und strich ihn glatt. In der Kiste hatte er viele Knicke abbekommen. Und doch war die schwarze, geschwungene Schrift noch gut zu lesen.

Lissiana reichte Nate den Zettel. Sie erinnerte sich immerhin noch genau daran, was sie damals draufgeschrieben hatte. Nate hielt sich den Zettel vor die Augen. Verengte diese. Fluchte. Dann hielt er den Zettel weiter weg.

»Opfer wurde fixiert. Vermutlich mit Handschellen aus Leder. In Fetisch-Shops nachfragen«, las Nate vor und sah Lissiana an.

»Ich bin jeden Shop in der Stadt abgefahren. Aber keiner konnte mir genau so ein Modell zeigen, auf das die Maße passten, weshalb ich die Idee wieder verworfen hatte.« Sie hielt sich an der Tischkante fest. »Ich weiß, ich habe es dennoch in den Bericht geschrieben. Ich weiß es genau, Nate.«

»Bist du dir sicher, Kleines?«

»Zu einhundert Prozent. So etwas hätte ich niemals ausgelassen. Und schon gar nicht hätte ich behauptet, dass das Opfer Abwehrverletzungen hatte, wenn es doch wahrscheinlich die ganze Zeit fixiert war!«

Nate sah auf den Zettel. Seine Hand glitt erst über sein Haar und dann in seinen Nacken. »Wenn du das nicht geschrieben hast, wer dann?«

Die Frage stand zwischen ihnen im Raum wie ein Todesurteil. Lissiana hatte das Gefühl, als würde die Luft sich rapide abkühlen. Sie bekam eine Gänsehaut, und auch ihre Kopfschmerzen erreichten einen neuen Höhepunkt. Es kam ihr so vor, als würde Nate in Zeitlupe nach dem Bericht greifen, mit dem er gearbeitet hatte.

»Wie ist deine Nutzerkennung für das Programm?« Seine grauen Augen waren fest auf die letzte Zeile auf dem Blatt gerichtet. Die Zeile, die verriet, wer den Text zuletzt bearbeitet hatte.

»207 468.« Die Antwort kam Lissiana automatisch über die Lippen. Diese Nummer war schon seit dem ersten Tag ihre Nutzerkennung gewesen. Sie hatte sie verinnerlicht. Genauso wie ihre Diensttelefonnummer und die von Nathan.

Ihr Partner runzelte die Stirn. »Hier steht 984 710–1.« Er blätterte weiter. »Unter dem Namen steht Benutzer unbekannt.«

Nate sah von dem Bericht auf. Seine Mundwinkel senkten sich. Sein Kiefer war angespannt. »Weißt du, was das heißt, Lissiana?«

Die Übelkeit ersparte ihr eine Antwort. Sie griff sich den nächsten Mülleimer und erbrach ihr Mittagessen. Nur am Rande bemerkte sie eine große Hand, die ihr über den Rücken strich. Und die andere Hand, die ihr langes Haar nach hinten hielt. Erst als ihr Magen ganz leer war, konnte sie den Kopf heben. Die Flasche Wasser, die Nathan ihr hinhielt, kam ihr vor wie ein Geschenk des Himmels. Sie spülte ihren Mund aus und stellte den Mülleimer weit weg. Dann sah sie auf den Boden.

Der Teppich war abgenutzt und grau. Das Muster war kaum noch zu erkennen. Gänzlich verblasst. Gezeichnet von den Jahren und der starken Abnutzung durch Hunderte Polizisten.

Polizisten, die seit Zeiten der Digitalisierung alle eine registrierte Nutzerkennung hatten. Mit Zugang zu einem System, das sie auswendig kannten. Das sie jeden Tag, ohne Aufsehen zu erregen, nutzen konnten. Das sie abrufen konnten, wo immer sie auch waren.

Wieder wurde Lissiana schlecht. Doch diesmal hatte es überhaupt nichts mit ihrer Migräne zu tun. »Wir können niemandem trauen.«

»Ja, das fürchte ich auch, Kleines.«

Lissiana ging in dem kleinen Apartment auf und ab, in das Nathan sie geschleppt hatte. Es war kaum größer als ein Schuhkarton. Der Boden war mit Teppich ausgelegt, doch er hatte eine so undefinierbare Farbe, dass Lissiana vermutete, dass er einmal weiß gewesen sein musste. Kein anderer Ton konnte sich derartig in alle Schattierungen von Rot, Braun und Schwarz verfärben. Sie versuchte zu ignorieren, dass der Teppich leicht unter ihren Schuhen klebte, während sie sich mit den Händen Luft zuzufächeln versuchte. Sie waren im zwölften Stock. Wohlgemerkt ohne Aufzug. In einer der miesesten Gegenden von New York City. Und obwohl die Fenster geschlossen und verhangen waren, um die heiße Luft von draußen nicht hereinzulassen, war es noch immer unerträglich heiß. Eine Klimaanlage war offensichtlich auch nicht vorhanden oder eben kaputt. So wie anscheinend alles in dieser Bruchbude.

Die Falttür zur Küche stand offen und gab den Blick auf eine Küchenzeile frei, die vielleicht mal in den Fünfzigern modern gewesen war. Die einst strahlenden Farben des Holzlacks waren fleckig und vollkommen verblasst. Der Linoleumboden, der dort verlegt worden war, hatte Löcher. Und es war offensichtlich, dass etwas daran geknabbert hatte. Lissiana sah sich automatisch nach Ratten um, ehe sie ein jungenhaftes Kichern hören konnte.

»Keine Sorge, die Ratten habe ich alle zum Nachbarn rübergejagt.« Lissianas Blick wanderte zum Bewohner dieser eher fragwürdigen Behausung. Ryan Kapernick war ein schlaksiger junger Mann von neunzehn Jahren. Sein rotes Haar stand in wilden Locken von seinem Kopf ab und gab ihm etwas durchaus Freches, auf das bestimmt einige Mädchen standen. Seine Haut war milchig weiß, da er viel drinnen arbeitete. Und seine Zähne hatten trotz seines jungen Alters vom vielen Rauchen einen leichten Gelbstich. Aber in seinen grünen Augen lag ein so beeindruckendes, intelligentes Funkeln, dass Lissiana niemals auf die Idee gekommen wäre, an ihm zu zweifeln.

»Wollen wir es mal hoffen. Deine Mom würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie sehen würde, wie du wohnst«, sagte Nate grimmig und stieß sich von seinem Platz an der Wand neben dem hohen Bücherregal ab, in dem sich viele verschiedene Titel stapelten, die Lissiana nicht kannte. Offensichtlich war es Fachliteratur.

»Was Mom nicht weiß, macht Mom nicht heiß, nicht wahr?«

Die Unbekümmertheit des Jungen war beinahe ansteckend. Aber eben nur beinahe. Denn Lissianas Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Es hatte gar keinen Sinn, das zu leugnen. Und es wurde auch nicht besser, je länger Ryan auf seinen Tasten herumtippte.

»Glaubst du wirklich, er kann das?« Lissianas Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, als sie sich zu Nate stellte. Doch ihr Partner nickte nur, ohne zu zögern.

»Absolut.« Er lächelte. »Er ist der beste Hacker, den ich kenne. Eine Schande, dass er in so einem Dreckloch wohnen muss. Hier kann er ja nur in Schwierigkeiten geraten.« Nate zog die Nase kraus und schüttelte den Kopf. »Aber neben den Studiengebühren für die NYIT können sie sich nichts Anderes leisten. Und wegen seines Vorstrafenregisters ist er nun wirklich kein Kandidat für irgendwelche Stipendien. Und da seine Eltern nicht wollen, dass er sich verschuldet, lehnen sie auch jegliche Darlehen ab.«

»Woher kennst du ihn?« Aufmerksam betrachtete Lissiana das Gesicht von Nathan. Er war nie der Typ Mann gewesen, der sich für Fremde interessierte. Dass sie nicht verwandt waren, wusste Lissiana. Denn Nathan hatte zwar eine Schwester, aber die war unfruchtbar. Er hatte es ihr irgendwann erzählt, als sie sich in einer Bar betrunken hatten, um einander besser kennenzulernen.

»Ich hab ihn auf der Straße mit Drogen erwischt.« Nate schmunzelte. »Er sieht zwar nicht so aus, aber der kleine Penner ist verdammt schnell. Anstatt ihn anzuzeigen, habe ich mir die Nummer seiner Mutter geben lassen und sie informiert. Und seitdem passe ich irgendwie auf ihn auf. Er hat zu viel Talent, um es einfach zu verschwenden.«

Ein Schatten zog über das Gesicht von Nate, und Lissiana wusste genau, warum. Vermutlich dachte Nathan gerade an seinen kleinen Bruder. Sie legte ihm ihre Hand auf den Arm und lächelte ihren Partner an, der nur ein knappes Lächeln zurückgab. Ja, sie waren beide nicht gerade offen. Aber deshalb arbeiteten sie so gut zusammen.

»Fuck!« Ryan schlug mit den flachen Händen auf die Tastatur seines Computers, und Nate ging mit langen Schritten an seine Seite. Dieser Computer war offensichtlich mehr wert als alles andere in diesem Apartment. Drei moderne Bildschirme zeigten irgendeinen Kauderwelsch an, den Lissiana so oder so nie verstehen würde. Die Tastatur hatte so viele Zusatzfunktionen, dass sie sich fragte, ob man nicht allein dafür schon eine Extraanleitung brauchen würde, und die Maus hatte eine Form, die ihr gänzlich fremd war.

Unter dem Schreibtisch stand ein Rechner, der offensichtlich viel Geld gekostet hatte, so edel wie das Gehäuse aussah. Und den einzigen Ventilator, den Ryan besaß, hatte er vor ebendieses gestellt, um den Hochleistungscomputer bei diesen extremen Temperaturen kühl zu halten. Der Schreibtisch bot nicht viel Platz für mehr als den Computer. Und das Bett, das danebenstand, war so mit Sachen vollgestellt, dass Lissiana vermutete, dass Ryan an seinem Schreibtisch schlief.

»Was ist los?«, fragte sie, um sich nicht weiter wie die Fliege an der Wand zu fühlen, und Ryan stand mit einem solchen Ruck vom Schreibtisch auf, dass der Stuhl dabei scheppernd umfiel. »Ich komme nicht an den Namen hinter der Kennung! Das System wirft mich immer wieder raus!« Ryan raufte sich die roten Locken und fluchte erneut heftig. »Ich habe alles versucht, verdammt noch mal«

Nate blickte weiterhin auf die Bildschirme. Seine Muskeln waren angespannt, und Lissiana konnte von der Seite her erkennen, dass er die Zähne aufeinander biss. Er war enttäuscht. Aber das würde er Ryan wohl niemals wissen lassen.

»Du hast alles versucht«, sagte Nate, nachdem eine Weile bleierne Stille geherrscht hatte, ehe er seine Haltung lockerte und zu Ryan ging. Er legte seine Hand auf die schmale Schulter des Jungen und lächelte ihn an. »Danke, Mann!«

»Wer auch immer das war, ist kein Hacker wie ich. Er ist ein Cracker.« Ryan schüttelte den Kopf und sah zu Boden. »Eine solche Sicherung kenn ich nicht. In euer System reinzukommen war lächerlich einfach. Aber die Verschlüsselung dieser Nutzerkennung? So was habe ich noch nie gesehen. Der Kerl muss es echt draufhaben. Tut mir leid, Nate!« Ryans Stimme klang gebrochen und rau. Verschwunden war die Heiterkeit von zuvor. »Ich weiß, wie wichtig dir das ist. Aber ich bleibe dran.«

»Ist schon okay.« Nate klopfte Ryan auf die Schulter und machte sich auf in Richtung Tür. Lissiana folgte ihm unauffällig. Sie fühlte sich hier ein bisschen wie ein Eindringling.

»Wir sehen uns dann am Sonntag zum Spiel der Knicks, ja? Vergiss es nicht, Ryan! Ich hole dich dann um sechzehn Uhr ab«, sagte Nate zum Abschied, und sie beide traten in den dunklen und beklemmenden Flur, der einem jegliche Luft zum Atmen nahm.

Die Wände hatten einen grünen Anstrich, der eine Auffrischung brauchen konnte. Hier und da bröckelte Putz ab. Das Linoleum klebte unter ihren Schuhen, und der Geruch von Erbrochenem und Urin lag in der Luft. Schweigend gingen sie ins Treppenhaus.

Lissiana hörte hier und da Kindergeschrei oder viel zu laute Musik, doch nichts davon erreichte sie wirklich. Sie war viel zu sehr in ihre eigenen Gedanken verstrickt.

Dass Ryan gescheitert war, war für Nate und sie ein herber Rückschlag. Sie hatten wirklich gehofft, dass er ihnen helfen und einen Namen nennen könnte. Das wäre ein echter Durchbruch in diesem Fall gewesen. Ein neuer Anhaltspunkt, der allem eine neue Perspektive gegeben hätte. Doch das war nun nicht der Fall. Und in der Polizeistation das Register der Kennungen anzufordern war undenkbar. Denn wenn ihre Annahme stimmte, dass jemand in der Polizeistation die Berichte absichtlich verändert hatte und Beweise verschwinden ließ, dann konnten sie niemandem mehr trauen. Die Kennungen anzufordern würde den Maulwurf nur aufschrecken und dafür sorgen, dass er seine Spuren verwischte und sich tiefer ins Erdreich zurückzog.

Stufe um Stufe gingen sie weiter hinab. Unaufhaltsam der bitteren Wahrheit dieses Moments entgegen. Denn die Wahrheit war, dass sie trotz dieser bahnbrechenden Erkenntnis wieder ganz am Anfang ihrer Ermittlungen standen. Schlimmer noch – sie konnten nicht mal mehr ihren Unterlagen und den Archiven trauen. Sie konnten sich nur noch aufeinander und auf ihre Erinnerungen verlassen. Und wenn das kein Rückschlag war, dann wusste sie nicht, was einer sein sollte.

Langsam meldete die leise Stimme des Zweifels sich in Lissiana. Drängte sie dazu aufzugeben, jetzt, wo der Fall noch aussichtsloser geworden war. Den Fall an jemanden zu übergeben, der fähiger war. Jemanden, der das Sterben tatsächlich beenden konnte. Jemanden, der nicht so schwach war. Nicht so hilflos.

Doch sie wehrte sich gegen die Stimme. Sie hatte die letzten zehn Monate mit diesem Fall verbracht. Niemand außer Nathan kannte den Fall so gut wie sie. Und niemand würde erfolgreicher sein als sie und ihr Partner. Das stand für Lissiana fest. Also straffte sie die Schultern und trat aus dem dunklen Gebäude hinaus in die erbarmungslose Sonne, die New York City in einen Kochtopf verwandelte.

Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war kurz vor sechs. Es wurde Zeit, den Fall für heute ruhen zu lassen. Heute würden sie dieses Verbrechen nicht mehr aufklären. So viel stand fest.

»Lass uns für heute Schluss machen.« Lissiana streckte sich, und ihre Wirbel gaben ein lautes Knacken von sich.

»Okay. Ich gehe dann auf die Wache und –«

»Auf gar keinen Fall!« Lissiana sah Nate an und deutete mit der Hand auf seine ganze Erscheinung. »Du siehst aus wie die Hölle. Du gehst nach Hause und duschst. Und dann rasierst du dich mal wieder. Und vor allem schläfst du gefälligst.« Sie schüttelte ihren Kopf. »Du siehst schlimmer aus als ich. Und das will was heißen. Wir sind heute durchaus weitergekommen. Vielleicht nicht so, wie wir wollten, aber heute lösen wir den Fall sicherlich nicht mehr. Wir gehen morgen wieder an die Sache ran. Mit einer neuen, frischen und vor allem ausgeschlafenen Perspektive. Okay?«

Nate sah in die Ferne. Seine grauen Augen schienen nichts Spezielles zu fokussieren. Und doch knirschte er so laut mit den Zähnen, dass Lissiana es hören konnte. Und dann, nach einer Weile der Stille, stieß er ein so tiefes Seufzen aus, dass man meinen könnte, er hätte eine Schlacht verloren.

»Wann bist du eigentlich der Boss geworden?«, fragte er und schmunzelte leicht. Doch es erreichte nicht wirklich seine Augen.

»Ich glaube, an dem Zeitpunkt, als du angefangen hast, auf der Wache zu wohnen.« Nate nickte und steckte sich dann eine Zigarette an. Als er den Qualm ausstieß, schnalzte er mit der Zunge. »Und was mache ich jetzt mit all der Freizeit?«

Lissiana lachte und schüttelte den Kopf. »Nicht zu fassen. Darauf willst du nicht wirklich eine Antwort.« Sie sah die Straße hinab in die Richtung, in der sie die U-Bahn vermutete. Sie würde Nate den Streifenwagen überlassen. »Ich für meinen Teil brauche heute Abend Normalität in all dem Wahnsinn.«

Nate lächelte sie an und nickte. »Grüß sie lieb von mir okay? Und sag ihr, sie soll mal wieder auf der Wache vorbeischauen.«

»Mach ich.« Lissiana wandte sich zum Gehen, doch dann spürte sie, wie Nates Hand sich um ihr Handgelenk schloss. Sie drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch. Hatten sie nicht gerade beschlossen, für heute Schluss zu machen? Sie wollte los. Den Tag hinter sich lassen bei Bier und Pizza. Normal sein. Zumindest für ein paar Stunden. Doch als Nate die Schultern hängen ließ und überallhin sah, nur nicht in ihre Augen, wusste Lissiana, dass er etwas sagen würde, was sie nicht hören wollte.

»Nicht mehr heute, Nate.« Sie schüttelte entschieden den Kopf. Was immer er sagen wollte, konnte warten. Er sollte ihr jetzt nicht noch den Abend ruinieren. Er sollte sie einfach gehen lassen und ihr all seine Sorgen morgen mitteilen. Morgen. Wenn sie den Schock von heute verarbeitet hatte. Wenn die Welt anders aussah. Wenn alles einfach irgendwie … besser war.

»Du musst es machen, Kleines. Wir haben keine Wahl. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand«

Bei seinen Worten entriss Lissiana Nate ihr Handgelenk. Sie sah zu Boden. Betrachtete den festgebrannten Kaugummi auf dem Bürgersteig. Warum war sie stehen geblieben? Warum war sie nicht einfach weitergegangen? Ach ja, weil sie ja offensichtlich ein Magnet für schlechte Nachrichten war. Und das hier war definitiv eine. Denn Nate hatte recht. Sie standen mit dem Rücken zur Wand. Und es gab nur einen Weg heraus. Doch an den wollte Lissiana nicht mal denken.

»Man hat immer eine Wahl, Nathan.«

Und mit diesen Worten drehte sie sich um und ging mit langen Schritten zur U-Bahn-Station. Sie hielt nicht an. Drehte sich auch nicht um, als er ihren Namen rief. Für heute hatte sie genug von alldem. Und als ihre Kopfschmerzen sich zurückmeldeten, verdrehte Lissiana die Augen und fluchte.

Morgen würde sie sich mit dem Damoklesschwert über ihrem Kopf befassen.

Morgen.

4

»Komm schon, Vicky, ich hab Hunger! Was für eine Pizza willst du nun?«

»Ach, ich weiß es doch auch nicht!«

Lissiana warf den Kopf in den Nacken und lachte, als ihre jüngere Schwester Victoria die Wangen aufplusterte wie ein Kugelfisch und den Mund zu einem Schmollen verzog. So war es jedes Mal, wenn sie zusammen aßen. Lissiana kam um vor Hunger, und Vicky suchte stundenlang in der Karte herum, nur um sich dann doch vollkommen spontan zu entscheiden, wenn sie bestellte. Doch genau diese Normalität hatte Lissiana gesucht, als sie von dem erfolglosen Ermittlungsversuch bei Ryan direkt zu ihrer kleinen Schwester gefahren war, obwohl sie das eigentlich nicht vorgehabt hatte.

Sie hatte sich kurz vor der U-Bahn spontan per SMS angemeldet, und Vicky hatte sie mit einem strahlenden Lächeln an der Tür empfangen. Sie wusste, dass sie in den letzten zehn Monaten wenig Zeit mit ihrer kleinen Schwester verbracht hatte, und dementsprechend angebracht war diese Reaktion gewesen. Doch wenn sie hier auf dem kleinen, bunten Sofa mit den wild zusammengewürfelten Kissen saß, wusste sie, dass sie diesen Ausgleich zum Wahnsinn brauchte und dass sie wohl wieder öfter herkommen würde. Zumindest nahm Lissiana es sich fest vor.

»Ich nehm die Calzone!« Vicky grinste breit, und Lissiana schüttelte den Kopf. »Du bist allergisch gegen Pilze. Schon vergessen?« Ihre Schwester seufzte und steckte ihre Nase tiefer in die Karte vom Lieferdienst. »Ach ja …«

Lissiana lächelte und nahm sich einen Moment, um ihre kleine Schwester näher zu betrachten. Ob sie sie überhaupt noch ihre kleine Schwester nennen sollte? Immerhin war Vicky mittlerweile fünfundzwanzig Jahre alt und damit durchaus eine erwachsene Frau. Und trotz dieser Tatsache erinnerte sich Lissiana jedes Mal an den etwas pummeligen Teenager mit der Zahnspange und der Vorliebe für Streuner jeglicher Art.

Doch diese Zeit lag weit hinter ihnen. Heute war Vicky eine kleine, aber sehr schöne Frau. Nicht auf die klassische Weise mit vollen Lippen und dem Körperbau eines Supermodels. Vicky war schön, weil sie vollkommen natürlich war. An ihr fand sich nichts Künstliches. Und auch überhaupt nichts Falsches.

Und Lissiana konnte durchaus mit Stolz behaupten, dass sie daran einen Löwenanteil hatte. Immerhin hatte sie diese Frau, seitdem sie klein waren, vor allem Schlechten beschützt. Ob es nun der falsche Umgang war oder die lautstarken Streitigkeiten ihrer Pflegeeltern. Lissiana hatte stets dafür gesorgt, dass Vicky von diesen Dingen so weit wie möglich unberührt blieb. Und so hatte Vicky sich stets ihr Lächeln bewahrt, das heller leuchtete als die Strahler im Stadion der New York Giants.

»Und was hältst du von der Hawaii?« Vicky sah sie aus ihren großen grünblauen Augen an, und Lissiana presste die Lippen zusammen, um nicht lauthals loszulachen. »Du magst kein warmes Obst, Vicky.«

Ihre Schwester kicherte. »Stimmt.«

Lissiana wusste genau, dass Vicky mit Absicht die Dinge aussuchte, die sie nicht mochte oder nicht vertrug, um sie zum Lächeln zu bringen. Und es funktionierte. Doch sie war immer wieder überrascht, was für eine feine Antenne ihre kleine Schwester doch hatte. Sobald Lissiana durch die Tür gekommen war, hatte Vicky sie umarmt und ein leises Alles kommt wieder in Ordnung gemurmelt, ehe sie zur Tagesordnung übergegangen war. So als wüsste sie, dass Lissiana genau das brauchte.

Und vermutlich wusste sie das tatsächlich. Immerhin hatten die Geschwister eine Menge Zeit zusammen verbracht, bevor man Lissiana in die Mordkommission versetzt hatte. Außerdem waren sie erst vor vier Jahren in unterschiedliche Wohnungen in New York gezogen. Es stimmte wohl, dass die Familie einen kannte wie niemand sonst. Und Vicky und sie waren eine Familie. Zwar eine sehr kleine, da sie keine Onkel oder Tanten hatten und ihre Eltern früh verstorben waren, doch sie hielten zusammen. Und dafür war Lissiana in Momenten wie diesem unendlich dankbar.

Lissiana lächelte, als ihre Schwester sich eine verirrte Strähne aus der Stirn pustete. Auf ihrer Nase thronte wie immer eine Brille mit einem breiten schwarzen Gestell. Ein grässliches Modell mit viel zu dicken Gläsern und einem Schnitt, der vor Jahrzehnten mal modern gewesen war. Und das war schon so gewesen, als Vicky noch ein Teenager gewesen war. Trotzdem weigerte sie sich, eine neue zu kaufen oder Kontaktlinsen zu tragen. Sie hielt es für Verschwendung, wenn die alte Brille doch noch ihren Dienst tat. Außerdem brauchte sie die Brille ja nur zum Lesen. Und auch, dass Lissiana schon Hunderte Male angeboten hatte, ihr eine neue zu kaufen, hatte sie stets abgelehnt.

»Ach, ich bestell einfach spontan«, verkündete Vicky und schreckte Lissiana damit aus ihrer intensiven Betrachtung auf.

»Also alles so wie immer, ja?« Lissiana schmunzelte.

»Na sicher.« Dann griff Vicky sich das Telefon und rief beim Lieferservice an. Doch Lissiana hörte gar nicht zu. Sie starrte aus dem Fenster, und ihre Gedanken wanderten zu dem zurück, was Nathan gesagt hatte. Hatte sie wirklich keine andere Wahl? Musste sie diesen Schritt tatsächlich gehen? Bei diesem Gedanken zog sich Lissianas Magen schmerzhaft zusammen. Alles in ihr kämpfte mit Händen und Füßen gegen diese Erkenntnis. Sie wollte nicht. Auf gar keinen Fall würde sie diese Möglichkeit auch nur in Betracht ziehen. Da könnte sie genauso gut ihren Kopf in ein Krokodilmaul stecken. Selbst wenn das Vieh ihr den Kopf abbiss, würde es weniger wehtun als das, was Nathan von ihr erwartete. Ihre Hände glitten durch ihr Haar, und sie stieß ein leises Seufzen aus. Reichte es nicht, dass ihr Leben vor zwei Jahren ruiniert worden war? Wohl nicht. Scheinbar holte ihre Vergangenheit sie wieder einmal ein. Tief schlug diese die Zähne in ihr Fleisch. Erinnerte sie an den Schmerz. An den Verlust. Und an das gebrochene Herz, das auch heute weit von jeder Heilung entfernt war.

»Wo bist du schon wieder?« Die Stimme von Vicky holte sie zurück aus den dunklen Gedanken in das warme Licht, das sie ausstrahlte. Und genau in diesem Moment wollte Lissiana ihr Herz ausschütten. Wollte alles erzählen, was ihr auf der Seele lag. Erklären, was damals passiert war. Warum sie sich verändert hatte. Warum sie jetzt in einem Apartment wohnte, das kaum größer war als das von Ryan und warum sie ihren Wagen wirklich verkauft hatte.

Doch sie schwieg.

Sie wollte nicht, dass Vicky sie mit anderen Augen sah. Und das würde sie, wenn Lissiana sich einmal alles von der Seele reden würde.

»Nirgendwo.« Sie bemühte sich um ein Lächeln, doch Victoria zog einfach nur eine Augenbraue hoch. Also war das nicht gerade überzeugend gewesen. Na klasse! Sie biss sich auf die Unterlippe. Dann seufzte sie.

»Nate und ich haben heute einen Durchbruch erzielt, der gleich wieder in einem Rückschlag geendet hat.« Sie stützte die Ellenbogen auf den Knien auf und legte ihr Kinn auf die gefalteten Hände. Die Augen von Victoria nahmen einen besorgten Ausdruck an. Etwas, das Lissiana noch nie hatte leiden können.

»Wie schlimm ist es denn?«

»Sehr schlimm« Ja, so konnte man das wohl ausdrücken. Einen Maulwurf im eigenen Revier zu wissen. Das war so etwas wie ein absoluter Super-GAU.

»Mir gefällt es sowieso nicht, dass du in der Mordkommission arbeitest. Schon gar nicht, seitdem dieser Irre sein Unwesen treibt.« Vicky stand auf und ging mit langen Schritten zu der Kochnische, wo sie den Kühlschrank mit einem solchen Ruck aufzog, dass die Tür ein protestierendes Knacken von sich gab. »Beantrage doch einfach endlich die Versetzung, um die ich dich gebeten habe!« Als sie zurückkam, stellte sie die Flasche Bier mit einem Knall vor Lissiana ab. Okay, jetzt war Vicky sauer. Genau das hatte sie vermeiden wollen. Und doch hatte sie ihre Sorgen loswerden müssen.

»Wenn ich jemals vor einem Kampf davongelaufen wäre, dann wärst du viel häufiger in Schwierigkeiten geraten«, sagte Lissiana und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Das Bier war herb und erfrischend. Genau das Richtige nach so einem Tag.

»Ach, jetzt komm mir nicht mit diesem heroischen Heldinnenmist. Du bist nicht Wonder Girl! Auch du hast Grenzen.« Vicky gestikulierte so wild mit den Händen, dass sie fast die Bierflasche vor sich umstieß.

»Wonder Woman«, entgegnete Lissiana schlicht.

»Was?« Vicky starrte sie an, als hätte sie gerade etwas unglaublich Dummes gesagt

»Sie heißt Wonder Woman.« Lissiana lächelte.

Schweigen folgte.

Und dann ein lautes und helles Lachen. »Ist das nicht völlig egal? Du weißt, dass ich mich mit diesen ganzen Superhelden nicht auskenne. Ich weiß, es gibt ’ne Fledermaus und irgendeinen mit Propagandahintergrund und noch einen, der so was ist wie Arielle die Meerjungfrau.« Vicky grinste breit, und Lissiana atmete erleichtert auf. Die angespannte Stimmung war gebannt. Zumindest vorerst.

»Ich kann förmlich hören, wie alle Nerds dieser Welt und auch Hollywood gerade auf die Straße gehen, um gegen deine Unwissenheit zu protestieren, Vicky.« Lissiana versuchte Vicky weiter abzulenken, doch sie winkte schnell ab und sah zur Decke, ehe sie leise seufzte.

»Spaß beiseite. Ich mache mir Sorgen. Du siehst aus wie die Hölle. Es gibt Patienten auf der Intensiv, die besser ausschauen als du.« Sie deutete nachlässig auf Lissianas gesamte Erscheinung, ohne dabei den Blick von der Decke zu lösen. »Das kann so nicht weitergehen. Ich will sehen, wie du alt und grau wirst. Und dich nicht mit einem Herzinfarkt im Alter von fünfunddreißig zu Grabe tragen.«

Lissiana schluckte leicht. Ja, das war die einzige Angst, die sie nie hatte ausmerzen können. Vicky hatte schlimme Verlustängste. Als sie klein waren, war es so schlimm gewesen, dass Lissiana nachts bei ihr hatte schlafen müssen, damit alle im Haus zumindest ein Auge zubekamen. Das war erst mit der Pubertät und dem Wunsch nach etwas Eigenständigkeit besser geworden. Und doch hatte es sich nie ganz gelegt.

»Das wird nicht passieren.«

»Das weißt du nicht.« Die Antwort kam so prompt, dass Lissiana leicht blinzelte. »Du gehst nie zum Arzt. Weil du dafür gar keine Zeit hast. Wer weiß schon, ob du nicht krank bist. Vielleicht hast du Bluthochdruck oder ein Herzleiden oder …«

»Victoria, hör auf!« Ihre Schwester schloss die Augen, und Lissiana stand auf und ging um den kleinen Couchtisch herum, ehe sie sich neben sie setzte. Sie legte ihr einen Arm um die Schulter und zog Vicky in eine Umarmung. »Ich gehe nirgendwohin, okay? Und ich sterbe auch nicht. Unkraut vergeht nicht, nicht wahr?«

»Das ist nicht besonders witzig.« Doch Vicky schlang die Arme um Lissiana und seufzte leise. »Ich will doch nur, dass du besser auf dich aufpasst. Du siehst wirklich scheiße aus.«

»Vielen Dank für die Blumen, Vicky!« Lissiana schmunzelte, als Vicky sich von ihr schob und einen Schluck von dem Bier trank. Schweigen machte sich breit. Es lag schwer in der Luft. Aufgeladen mit dem Wissen, dass etwas ausgesprochen werden würde, das lange unter Verschluss gewesen war. Und Lissiana wartete einfach, bis Victoria so weit war. Bis sie bereit war, ihr mitzuteilen, was ihr im Kopf herumspukte.