New York Bastards - In deiner Schuld - K. C. Atkin - E-Book

New York Bastards - In deiner Schuld E-Book

K. C. Atkin

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Beschreibung

Er wollte ein neues Leben beginnen, doch der Vergangenheit kann man nicht entkommen ...

Nathan Maximilian Tucson wollte nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst vor allem eins: sein eigener Chef sein und nicht jeden Tag in der Schusslinie stehen. Doch sein selbstbestimmtes Leben mit seiner eigenen Detektei gerät völlig aus den Fugen, als ein grausamer Mord Lissiana und die Cohens in das Visier eines irren Folterers geraten lässt. Um Lissiana zu beschützen, stürzt Nathan sich in die Ermittlungen und trifft auf Skylar Havering, die in ihrer Funktion als Reporterin versucht, dem Vorfall näher auf den Grund zu gehen. Unfreiwillig lässt Nathan sich auf eine Zusammenarbeit mit Skylar ein und bemerkt nicht, dass er sich mit seinen Ermittlungen in viel größere Gefahr begibt, als er jemals war ...

"Eine Geschichte voller Romantik und Spannung, die einen packt und nicht mehr loslässt!" Mona Kasten, Spiegel-Bestseller-Autorin

Band 3 der New-York-Bastards-Reihe von K. C. Atkin

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Seitenzahl: 480

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

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Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Zitat

Prolog

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Epilog

Über die Autorin

Die Romane der Autorin bei LYX

Impressum

K. C. Atkin

New York Bastards – In deiner Schuld

Zu diesem Buch

Nathan Maximilian Tucson wollte nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst vor allem eins: sein eigener Chef sein und nicht jeden Tag in der Schusslinie stehen. Doch sein selbstbestimmtes Leben mit seiner eigenen Detektei gerät völlig aus den Fugen, als ein grausamer Mord Lissiana und die Cohens in das Visier eines irren Folterers geraten lässt. Um Lissiana zu beschützen, stürzt Nathan sich in die Ermittlungen und trifft auf Skylar Havering, die in ihrer Funktion als Reporterin versucht, dem Vorfall näher auf den Grund zu gehen. Unfreiwillig lässt Nathan sich auf eine Zusammenarbeit mit Skylar ein und bemerkt nicht, dass er sich mit seinen Ermittlungen in viel größere Gefahr begibt, als er jemals war ...

”Die perfekte Mischung aus Thriller und New Adult!” Tasty Books über New York Bastards – In deinem Schatten

Für Ralf

Liebe ist nicht immer laut und absolut offensichtlich. Das bedeutet nicht, dass sie deshalb weniger existent ist.

Vielen Dank, Papa, für alles, was du über die Jahre für uns getan und aufgegeben hast. Wir lieben dich.

Schicksalsschläge lassen sich ertragen – sie kommen von außen, sind zufällig. Aber durch eigene Schuld leiden – das ist der Stachel des Lebens.

Oscar Wilde

Prolog

14. September 2005. Newark, New Jersey

„Und dann hab ich ihm eine verpasst.“

Nathans Mundwinkel zuckten leicht, während er seiner kleinen Schwester Tamara zuhörte, die an diesem späten Nachmittag etwas früher von der Schule nach Hause gekommen war und ihm jetzt gegenübersaß. „Hast du nicht.“

„Doch. Glaub mir.“ Tammy grinste ihn breit an, und der Draht ihrer Zahnspange blitzte kurz auf. „Du wärst stolz auf mich gewesen. Ich hab’s genau gemacht, wie du es mir beigebracht hast.“ Sie sprang von der kleinen Holzbank auf und nahm die zierlichen Hände hoch. „Nicht die Daumen in die Faust einschließen.“ Sie nahm die Beine etwas auseinander, um einen festeren Stand zu bekommen, während sie so tat, als würde sie einen imaginären Feind observieren. „Schwachstelle suchen. Und dann das volle Gewicht in den Schlag legen.“ Sie holte aus und schlug ins Leere.

Nathan streckte sofort den Arm aus und fing Tammy ab, bevor sie mit dem Gesicht auf die morschen Dielen der Veranda vor dem Haus aufschlagen konnte. Durch ihre unbesonnene Demonstration war sie ins Straucheln geraten. Ihr helles Lachen, das ihn sonst oft nervte, kam ihm jetzt wie ein Allheilmittel vor. Unweigerlich stimmte er mit ein. Sein Lachen war der genaue Gegensatz von ihrem: dunkler, weniger fröhlich, rauer.

So wie alles an ihnen eigentlich grundverschieden war.

Denn während Nathan sehr nach seinem Vater kam, obwohl er – von einer alten und verblassten Fotografie abgesehen – nicht einmal mehr wusste, wie der Mann ausgesehen hatte, schlug Tammy nach ihrer Mutter.

Ihre Hautfarbe war etwas heller als die von Nathan, und ihre großen Augen hatten eine intensive dunkelbraune Farbe. Ihr Körperbau war schmal und zierlich, mit etwas breiteren Hüften. Ihr Haar war lang und glatt, wofür sie jeden Morgen einen sehr zeitaufwendigen Glättungsprozess in Kauf nahm, was Nathan beim besten Willen nicht verstand. Als wäre es eine Schande, eine Afroamerikanerin mit Naturlocken zu sein.

„Na, du bringst ihr ja fantastische Sachen bei.“ Nathans Mutter versuchte, mit einem Tablett in den Händen die Fliegengittertür aufzuschieben, die vor der verblassten roten Eingangstür angebracht war.

Nathan stand sofort auf und ging die wenigen Schritte von der Sitzecke bis hin zur Tür, öffnete diese und nahm seiner Mutter das Tablett ab, auf dem Gläser und Becher mit Erdbeereis standen. Er trug es zu dem Tisch, der zwischen der kleinen Bank und zwei Schaukelstühlen auf der schmalen Veranda vor dem Haus aufgestellt war.

Bei jedem seiner Schritte knarzten die in die Jahre gekommenen Dielen, denen das Wetter schon ziemlich zugesetzt hatte und bei denen eigentlich jegliche Reparatur vollkommen sinnlos war. Als Teenager hatte ihn dieses Geräusch mehr als einmal auffliegen lassen, wenn er sich wieder einmal hatte nachts davonstehlen wollen. Genauso wie das verfluchte klemmende Gartentor. Noch heute sah er seine Mutter mit mahnendem Blick an der Haustür stehen, während er krampfhaft versuchte, das laute Quietschen des weißen Gartentors möglichst geschickt abzuschwächen. Ohne jeglichen Erfolg. Nur leider hatten die Standpauken seiner Mutter ihn auch nicht vor dem Übel der Welt bewahren können. Und schon gar nicht vor seiner eigenen grenzenlosen Dummheit. Denn die Situation, in der er jetzt steckte, hatte er ganz allein zu verantworten. Das Problem war nur, dass er nicht wusste, wie er den Karren diesmal aus dem Dreck ziehen sollte.

Nathan räusperte sich und stellte das Tablett ab. Die Sonne fiel auf seine nackten Unterarme und hätte eigentlich seine Haut wärmen sollen. Es war ein warmer Tag, das wusste er. Aber die Angst hatte ihn so fest im Griff, dass er das Gefühl hatte, zu erfrieren. Die Kälte war sein ständiger Begleiter, hielt ihn tagelang wach und ließ ihn keine Ruhe finden. Jeder Schritt durch das Viertel war ein Kampf, den er mit sich selbst ausfocht.

Und das, obwohl er diese Straßen besser kannte als kaum jemand sonst. Hier war er aufgewachsen, in einem der ärmsten Viertel von Newark, in dem die Kriminalitätsrate so hoch war wie die Sterblichkeitsrate der Jugendlichen. In dem es nicht darum ging, ein schöneres Haus als der Nachbar zu haben, sondern, in dem es allein zählte, ob am Ende des Monats noch der Strom bezahlt werden konnte. In dem der Asphalt tiefe Risse hatte und eingeschlagene Fensterscheiben schon im monatlichen Budget eingerechnet wurden.

Er hatte immer weggewollt, raus aus der perspektivlosen Frustration, in der die verblassten Fassaden und die Einschusslöcher zum traurigen Alltag geworden waren.

Deshalb hatte er sich auch nie den Gangs im Viertel angeschlossen. Hatte die Schulbank gedrückt, Praktika gemacht und etliche Nebenjobs angenommen, um seiner Familie auf legalem Weg unter die Arme zu greifen.

Doch was war aus seinen Idealen und Zielen geworden? Einen Scheiß waren sie jetzt noch wert.

Denn er hatte einen entscheidenden Fehler gemacht: Jada.

Als er sie im dritten Jahr auf der Highschool kennengelernt hatte, hätte er sich von ihr fernhalten sollen, so wie seine Freunde es ihm geraten hatten. Doch er war dumm gewesen. Jung und hoffnungslos verliebt in eine schön verpackte Lüge, die mit ihrem Augenaufschlag Unschuld heuchelte und die hinten rum aber die Drecksarbeit für ihren Bruder erledigte und so schon unzählige junge Männer auf dem Viertel direkt für den Krieg der Straße angeworben hatte. Er hatte gedacht, sie brauchte ihn. Um sich aus diesem Sumpf zu befreien. Um mit ihm ein Leben abseits von alldem zu führen. Aber er hatte sich bei ihr geirrt.

Und jetzt steckte er mitten in Jadas Netz aus Lügen und Intrigen, die ihn das Leben kosten konnten.

Nathan spürte eine vertraute Wärme an seiner Wange. Er sah zur Seite und begegnete dem Blick seiner Mutter. Sie hatte die Stirn leicht in Falten gezogen. Mit ihren katzenhaften warmen Augen beobachtete sie jede seiner Bewegungen. Es fühlte sich an, als würde sie ihn scannen und jede noch so kleine Sorge mühelos in ihm erkennen, ohne dass er auch nur die Chance bekam, sie vor ihr zu verbergen.

Er legte seine Finger um das Handgelenk seiner Mutter und nahm sanft ihre Hand von seiner Wange. Vorsichtig strich er über ihre Knöchel, wobei er die Pflaster an ihren Fingerkuppen betrachtete.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er die Finger seiner Mutter zuletzt ohne Pflaster gesehen hatte. Sie waren das Zeugnis ihres Berufs als Schneiderin. Nathans Mutter arbeitete in einem kleinen Laden ein paar Häuserblocks entfernt. Unermüdlich flickte und nähte sie und erfüllte sogar die absurdesten Kundenwünsche. Manchmal sogar bis spät in die Nacht hinein oder bis ihre Fingerkuppen bluteten. Nathan hätte sie gerne so unterstützt, dass sie mit der Arbeit aufhören konnte. Er hätte gerne einmal wieder ihre Finger ohne Pflaster gesehen. Denn Lee Ann Tucson hatte kein leichtes Leben gehabt als alleinerziehende Mutter von drei Kindern, ohne jegliche Unterstützung. Und er hätte alles gegeben, um ihr auch nur für wenige Stunden so etwas wie ein unbeschwertes Leben ermöglichen zu können.

Er hatte immer alles getan, um ihr einen Teil dieser Last abzunehmen. Deshalb hatte er sich direkt nach der Highschool einen Job in einer Werkstatt besorgt und war nicht aufs College gegangen, obwohl seine Noten das problemlos zugelassen hätten.

Doch anstatt ihr eine Last abzunehmen, brachte er jetzt noch eine neue in ihr Leben. Und diesmal war es eine Last, von der er nicht wusste, ob er sie allein würde tragen können.

„Alles kommt wieder in Ordnung“, sagte seine Mutter mit ruhiger Stimme, so als würde seine Welt nicht gerade direkt unter seinen Füßen im Morast der Straße versinken.

Es überraschte Nathans nicht, dass sie ihn nicht fragte, wie es ihm ging. Sie hasste Lügen. Besonders, wenn sie aus seinem Mund kamen.

„Das verspreche ich dir.“

Gott, wie konnte sie so stark sein? Wie konnte sie mit ihren nicht einmal einsfünfundsechzig nur sein Fels in der Brandung sein? Ungebrochen. Unverwüstlich.

Eigentlich sollte er doch genau das für sie sein. Jemand, auf den sie sich verlassen konnte. Immer und in jeder Situation.

Stattdessen brachte er ihr Probleme nach Hause. Probleme, die weitaus gefährlicher waren, als sie ahnen konnte. Aber wie sollte er ihr das erklären?

Wie sollte er seiner Mutter erklären, dass das Mädchen, das er ihr als seine Freundin vorgestellt hatte, den Terror der Straße direkt zu ihrer Türschwelle brachte. Dass Jada mit ihren blutigen Händen versucht hatte, ihn mit sich in diesen vermoderten Sumpf zu ziehen, der sich das South Side Cartel nannte. Und er hatte es erst bemerkt, als es schon zu spät war.

Aber hatte er es wirklich nicht bemerkt, oder hatte er nur seine Augen vor der Wahrheit verschlossen?

Er sah auf die Hände seiner Mutter. Diese Hände hatten ihn als Säugling nachts in den Schlaf gewiegt, als seine Mutter selbst erst achtzehn Jahre alt gewesen war. Es mochte lächerlich sein, aber aus diesen schmalen verpflasterten Händen schöpfte er seine Kraft. Und für das, was er vorhatte, würde er eine ganze Menge davon brauchen.

„Ja.“ Er nickte und versuchte, etwas von ihrer unverwüstlichen Zuversicht in sich aufzunehmen. „Ja, du hast recht.“

Seine Mutter entzog ihm ihre Hände. „Jetzt klingst du schon eher wie mein Sohn.“ Sie berührte kurz seine Schulter. „Und jetzt iss etwas.“

Nathan ließ sich in den Schaukelstuhl sinken, in dem er schon als Kind Stunden verbracht hatte, und sah in Richtung der Straße. „Wo bleibt eigentlich Jimmy?“ Er warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. Schon halb fünf. Selbst wenn Jimmy noch zum Basketballtraining gegangen war, sollte er längst zurück sein. Die Schule war nicht so weit von ihrem Haus entfernt. Vielleicht zwanzig Minuten zu Fuß. Und obwohl der Bürgersteig uneben und rissig war mit vielen Stolperfallen und voll von Stellen, an denen man die Straßenseite wechseln musste, um nicht irgendwo mit dem Schuh stecken zu bleiben und sich den Fuß zu brechen, konnte es höchstens dreißig Minuten kosten. Nathan wusste, dass Jimmy heute zu Fuß gegangen war. Sein Fahrrad lag noch immer neben dem schmalen Kiesweg, der zum grobmaschigen und leicht schief stehenden Gartenzaun führte, im Rasen. Und das obwohl er ihm schon tausendmal gesagt hatte, dass er es nicht einfach beiseitewerfen sollte, wenn er nach Hause kam. Wo zur Hölle blieb er also?

Tammy folgte seinem Blick zur Straße. „Ich glaube, er wollte nach der Schule noch schnell bei Jonathans vorbei. Irgendeine neue CD besorgen.“ Sie nahm sich einen Löffel und aß genüsslich den ersten Bissen von ihrem Erdbeereis. „Der kommt schon. Mach dir mal keinen Kopf.“ Sie grinste schief. „Er ist fünfzehn. Nicht fünf.“

Nathan trank einen Schluck aus seinem Wasserglas. Das war noch ein Unterschied zwischen ihm und Tammy, den sie allerdings niemals begreifen würde. Egal wie alt sie und Jimmy waren, für Nathan würden sie nie wirklich erwachsen werden. Er hatte immer das Gefühl, dass er sie beschützen musste. Das war schließlich seine Aufgabe als großer Bruder.

„Ah, da ist er ja“, sagte seine Mutter.

Und tatsächlich. Da war Jimmy und schlenderte auf der gegenüberliegenden Seite die Straße entlang, die Hände tief in den Taschen vergraben.

Die Dreadlocks hatte er im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden, sein weißes Shirt hing viel zu locker an seinem hageren Körper, während die kurze Hose seine langen Storchenbeine betonte. Wenn dieser Junge nicht bald aufhörte zu wachsen, würde er noch größer als Nathan.

„Jimmy!“ Tammy hob die Hand und winkte aufgeregt. „Hey! Jeremiah!“

Jimmy hielt inne und blickte zu ihnen herüber, als würde er jetzt erst merken, dass er zu Hause angekommen war. Er blinzelte träge. Gott, dieser Junge war mit seinen Gedanken ständig irgendwo anders. „Was ist?“, rief er ihnen zu.

Tammy hob ihre Schale, während seine Mutter schon aufstand und in Richtung Haustür ging. Sie deutete auf das Eis. „Erdbeer oder Vanille?“

Jimmy grinste und beschleunigte seine Schritte. „Beides.“

„Das war ja klar.“ Seine Mutter lächelte.

Jimmy war zu Hause. Nathan konnte durchatmen. Endlich. Und wenn sie alle zusammensaßen, konnte er seiner Familie endlich sagen, was er vorhatte. Er würde …

Lautes Reifenquietschen ließ Nathan hochschrecken. Es kam vom Ende der Straße, ein schwarzer Geländewagen. Nathan kannte diesen Wagen. Er kannte das schief hängende Nummernschild. Die auffälligen Felgen. Die getönten Scheiben.

Jimmy blieb am Straßenrand stehen. Er wartete geduldig, anstatt über die Straße zu sprinten. So wie Nathan es ihm als Kind beigebracht hatte.

Hektisch kam Nathan auf die Füße. „Jimmy! Jimmy! Runter!“

Er sprang die Stufen der Veranda herunter. Wollte, musste zur Straße, so schnell wie möglich. Doch der Kies unter seinen Füßen fühlte sich an wie Treibsand.

Jimmy runzelte die Stirn und sah ihn an, als hätte er komplett den Verstand verloren.

Ein Wagenfenster wurde heruntergelassen. Metall blitzte in der Sonne.

Nathan stieß das Gartentor auf, so heftig, dass es beinahe aus den Angeln gerissen wurde, während der laute Schrei des verrosteten Metalls in seinen Ohren klingelte. Er rannte, rannte, versuchte noch schneller zu sein. Schneller. Nur ein bisschen schneller!

Bam. Bam. Bam.

Die Schussfolge war laut, erbarmungslos. Drei Schüsse. Quietschende Reifen, ein Motor, der aufheulte. Und Jimmys weit aufgerissene Augen, die in die Leere starrten, als sein lebloser Körper auf dem Bürgersteig aufschlug.

1

8. Mai 2018. New York City, New York

„Diese Wand da, die würde ich gerne herausreißen. Damit der Eingangsbereich offener und freundlicher wirkt. Hier muss einfach mehr Licht rein.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt. Aber, Mrs Cohen, Sie sollten bedenken, dass die Statik des Gebäudes das Einreißen einer tragenden Wand wahrscheinlich nicht zulassen wird. Eine Alternative wäre vielleicht …“

Die Stimme des Architekten wurde leiser, während Nathan Lissiana beobachtete, wie sie, bewaffnet mit einem Klemmbrett und einem Kugelschreiber, durch die Räume seiner Detektei spazierte und sich in aller Seelenruhe umsah.

Das durfte doch wohl verdammt noch mal nicht wahr sein.

Das hatte er davon, dass er ihr den kleinen Finger gegeben hatte. Jetzt wollte sie ihm den ganzen beschissenen Arm abreißen.

Aber das hätte er sich wirklich denken können. Er kannte sie. Besser als sonst jemand. Er wusste, wenn er mit einsteigen sagte, klang das für Lissiana wie übernehmen. Und er konnte es ihr nicht einmal wirklich übel nehmen. Er wusste ja, dass sie es nicht böse meinte. Lissiana war einfach ein Macher. Mit all den guten und schlechten Seiten, die mit so einer Persönlichkeit einhergingen.

Es gab allerdings doch eine Kleinigkeit, die er ihr durchaus übel nehmen konnte.

„Kätzchen, denk dran, was Savannah gesagt hat. Die kompletten Stromleitungen müssen neu gemacht werden für das, was sie vorhat. Sonst gibt es hier demnächst einen Kurzschluss, und alles geht in Flammen auf.“

Wahrscheinlich sollte er John Cohen nicht gerade eine Kleinigkeit nennen, nicht mal in Gedanken. Immerhin war der Kerl nur knapp unter zwei Meter groß und hatte das Schultermaß von Nathans gottverdammtem Aktenschrank. Nathans Apartment mit Detektei war kaum größer als ein Schuhkarton. In dem nachtschwarzen Hemd und der maßgeschneiderten grauen Anzughose wirkte John Cohen darin seltsam deplatziert. Die Ärmel des Hemdes hatte er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, sodass man seine Unterarme sehen konnte, die von den schwarzen Linien etlicher Tattoos bedeckt waren. Seine Füße steckten in auf Hochglanz polierten italienischen Anzugschuhen, und am Handgelenk trug er eine Breitling, die selbst im schummrigen Licht des Apartments noch funkelte.

Bei dem Aufzug könnte man meinen, er wäre ein hohes Tier an der Wall Street. Dabei war er viel gefährlicher als diese Finanzhaie, die gedankenlos mit dem Geld anderer Leute zockten. Er war der Inbegriff dessen, was in New York City falsch lief, verpackt hinter einer abscheulich ansehnlichen Fassade, die nicht einen einzigen Riss zu haben schien.

Trippelnde Schrittchen waren zu hören, und John hob den Blick von seinem Klemmbrett. Im nächsten Moment machte er einen Ausfallschritt nach vorn und konnte gerade noch verhindern, dass sein Sohn, der mit den Füßen am Teppich vor Nathans Schreibtisch hängen geblieben war, mit der Nase auf dem harten Parkettboden aufschlug. Mit einem Grinsen hob John ihn auf seine Arme. „Alles okay, kleiner Mann?“

Gott, der kleine Scheißer war jetzt schon das Abbild seines Vaters.

Liam Cohen hatte Johns braune Haare geerbt, ebenso die leicht spitz zulaufenden Ohren. Sein Gesicht war kindlich rund, und seine Lippen waren voll. Ein paar kleine Sommersprossen lagen auf seinen Pausbacken, und sein Lächeln, mit ein paar winzigen Milchzähnen, war ansteckend. Liams Augen waren groß, dunkelbraun und warm wie die seiner Mutter, während man an seinen Wangenknochen schon die markanten Gesichtszüge seines Vaters durchschimmern sehen konnte. Er lachte auf und patschte mit den Händen in Johns Gesicht.

Lissiana drehte sich um und drückte Liam einen Kuss auf die Wange. Der begann blubbernd zu kichern und vergrub das Gesicht an Johns Hals.

Lissiana so zu sehen, als Ehefrau und Mutter, war für Nathan noch immer befremdlich. Und das, obwohl Liam schon vierzehn Monate alt war. Nach außen hin wirkten sie wie eine kleine Bilderbuchfamilie. Aber natürlich gab es keine Bilderbücher über Mafiabosse und ihre Familien. Und schon gar nicht über kleine Kronprinzen, die vom Tag ihrer Geburt an auf ein Leben jenseits des Gesetzes vorbereitet wurden.

Wenn Nathan die drei so sah, wollte er am liebsten kotzen.

Nicht, weil er Lissiana ihr Glück nicht gönnte. Das tat er. Von Herzen. Er hätte sich nur gewünscht, dass ihre Wahl nicht auf den ungekrönten König der New Yorker Unterwelt gefallen wäre. Dem Nathan auch noch, aus reiner Loyalität ihr gegenüber, mehr als einmal den verfluchten Arsch gerettet hatte, anstatt ihn untergehen zu lassen wie die gottverdammte Titanic.

„Wenn Sie schon die Elektronik neu machen, würde ich Ihnen empfehlen, den Boden gleich mit herauszureißen und auch die Wasserleitungen erneuern zu lassen.“ Der Architekt, ein bebrillter, hochgewachsener Mann Mitte vierzig, klopfte mit den Fingern gegen die Wand. „Diese Immobilie ist schon sehr in die Jahre gekommen. Um es mal vorsichtig auszudrücken.“

„Ja, ich denke auch, das wäre besser.“ Lissiana notierte sich etwas auf ihrem Klemmbrett. „Wie schnell können Sie das alles machen lassen?“

„Also, an die vier bis sechs Wochen braucht mein Team mindestens.“ Der Architekt sah zu John. „Und es wird alles andere als billig werden. Ich würde …“

„Ihr alle vergesst hier etwas Entscheidendes.“ Nathan erhob sich von der Ledercouch und ging mit langsamen Schritten auf die Gruppe zu. Er spürte genau, wie Lissiana ihn beobachtete. Kurz blickte sie zu John, der zwar die Schultern durchdrückte, aber einen Schritt zurücktrat.

Der Architekt verschränkte die Arme vor der Brust. Er war so hager, dass diese Geste absolut lächerlich wirkte. „Und das wäre?“ Er reckte das Kinn vor. „Ich mache meine Arbeit stets tadellos, sonst …“

Nathan ignorierte den Clown mit dem Seidenschal und trat direkt vor Lissiana. „Das hier ist mein Zuhause.“

Lissiana seufzte leise und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich weiß.“

„Wirkt aber nicht so.“ Er sah aus dem Augenwinkel, wie John sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Als ob Nathan Lissiana wirklich jemals etwas antun würde. Er hatte immerhin seine Prinzipien für sie verraten. Schon zwei Mal. „Du kannst nicht einfach hier hereinspazieren und alles entscheiden, Kleines. Das ist meine Wohnung. Meine Detektei. Mein gottverdammtes Leben.“

Lissiana blickte auf ihr Klemmbrett. „Ich weiß. Ich wollte doch nur …“

„Ich weiß genau, was du tun willst. Und ich weiß es zu schätzen. Aber, Kleines …“ Er stieß ein leises Seufzen aus. „Wenn ich mit einsteigen sage, dann heißt das nicht, dass du mein komplettes Leben gleich mit auf links ziehst.“

„Dann solltest du dein armseliges kleines Leben vielleicht besser in den Griff bekommen.“ John trat vor und schob ihn rückwärts gegen die Wand. Nur ein paar Schritte und mit deutlich weniger Gewalt, als er vermutlich gewollt hätte. „Du weißt nämlich einen Scheißdreck zu schätzen, was Lissiana hier für dich tut, du selbstgerechter Bulle.“

„Ex-Bulle.“ Nathan schlug Johns Hand weg und biss die Zähne zusammen. „Und du weißt rein gar nichts über mich, Cohen. Ich würde dir also raten, dich hier rauszuhalten. Das ist eine Sache zwischen Lissiana und mir.“

Liam hob den Kopf und blickte mit seinen großen braunen Augen zwischen Nathan und John hin und her.

„Einmal Bulle, immer Bulle“, brummte John und strich Liam über den Rücken. „Und wenn etwas meiner Frau vor lauter Schuldgefühlen schlaflose Nächte bereitet, dann ist das sehr wohl mein Problem.“

„John. Es reicht.“ Lissiana steckte das Klemmbrett in die bunte Wickeltasche zu ihren Füßen. Die kleinen Pinguine darauf schienen ihn mit ihren roten Wangen und den lächelnden Schnäbeln geradezu zu verhöhnen. „Wie wäre es, wenn du Mr Anderson zur Tür begleitest? Und wenn du schon dabei bist, geh doch direkt mal eine Runde um den Block.“ Ihr Lächeln sah angespannt aus. „Bitte.“

Nathan beobachtete, wie die beiden einen wortlosen Blick tauschten, bevor Lissiana in Richtung der Tür nickte und Liam mit der Hand über den Kopf strich. John verzog die Mundwinkel kaum merklich, bevor er Liam etwas näher an sich drückte. 

Nathan hasste diese wortlose Kommunikation zwischen Lissiana und John, die einzig und allein auf Blicken und Berührungen beruhte. Es schloss ihn aus, gab ihm keine Ansatzpunkte. Sie folgten ihren ganz eigenen Regeln, die sich ihm absolut nicht erschlossen.

Er trat zu den Fenstern hinter seinem Schreibtisch, die ihm einen kleinen Ausblick auf New York City erlaubten. Oder zumindest auf einen kleinen Teil davon. Er konnte den Park mit dem kleinen Spielplatz auf der anderen Straßenseite sehen, was großes Glück war, denn sein Haus stand am Ende der Reihe, sodass er nicht dazu verdammt war, auf die nächstbeste Backsteinwand zu starren. Obwohl die Obdachlosen in den späten Abendstunden und die zuckende Neonanzeige auf dem Haus, auf der anderen Seite der Kreuzung, nur bedingt besser waren. Im sechsten Stock ohne Fahrstuhl konnte man zumindest einen kleinen Ausblick erwarten, nicht wahr?

Aber selbst auf eine Backsteinwand zu starren, wäre jetzt besser gewesen, als John Cohens verfluchtes Gesicht sehen zu müssen. Dieser Mistkerl wusste nichts über ihn.

Und Nathan wollte, dass das auch so blieb.

„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Mr Anderson. Es tut mir wirklich leid, dass diese Begehung so vorzeitig endet.“

Nathan konnte sich genau vorstellen, wie Lissiana dem Architekten ihr perfekt einstudiertes Lächeln zeigte. Dabei musste es in ihrem Inneren regelrecht kochen. Sie hasste es, wenn John und er aneinandergerieten.

„Ich melde mich die Tage bei Ihnen wegen der Renovierung.“

„Machen Sie sich keine Gedanken, Mrs Cohen. Für Ihren Ehemann und Sie tue ich das doch gern.“

Wohl eher für dein Konto, Schleimer.

Schritte entfernten sich, Nathan hörte das leise Klicken der Tür. Jetzt war er endlich mit Lissiana allein. Er konnte ihren Blick direkt spüren, der sich in seinem Nacken festbiss wie ein tollwütiger Dobermann.

„Okay. Was ist los?“

Er gab sich nicht einmal die Mühe, Lissiana etwas vorzumachen. Es wäre so oder so zwecklos. „Mir gefällt das nicht.“

„Ach, tatsächlich?“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war offensichtlich. „Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen.“

Nathan drehte sich um. Lissiana stand auf der anderen Seite seines massiven Schreibtischs, den er damals, als er die Detektei eröffnet hatte, günstig auf einem Flohmarkt gekauft hatte. Das Ding hier hochzuschleppen war ein Albtraum gewesen, aber irgendwie mochte er das hölzerne Ungetüm. Vielleicht weil es eins von den wenigen Möbelstücken war, dass er überhaupt besaß. Ihre Hände lagen auf der Schreibtischplatte, und sie lehnte sich leicht zu ihm herüber. Im spärlichen Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, schimmerte ihr langes Haar rötlicher als sonst. Sie war nicht wütend, wurde Nathan klar, sie machte sich wirklich Sorgen um ihn.

„Sprich mit mir.“ Lissianas Stimme war ruhig und weich. Einfühlsam. Ein Ton, den sie nur sehr selten anschlug. „Was ist los? Komm schon.“ Sie lächelte. Ehrlich diesmal. „Nur zwischen uns beiden.“

Er sollte ihr nicht trauen. Nicht mehr, seitdem sie selbst eine Cohen geworden war. Aber das hier war Lissiana. Die Frau, der er sein Leben anvertrauen würde. Da spielte es keine Rolle, mit wem sie verheiratet war.

Sie war seine Partnerin. Seine Freundin.

Ehrlichkeit währte am längsten.

„Wie hast du dir das vorgestellt, Kleines?“ Er lehnte sich gegen die kalte Wand zwischen den Fenstern, ließ sich regelrecht dagegen sinken. „Dass du hier reinkommst, mein Leben total umkrempelst, deinem Mann meinen Arsch auf dem Silbertablett servierst. Und ich stumm zusehe und am Ende auch noch Danke sage?“

Lissiana runzelte die Stirn. „Was? Wann habe ich bitte …?“

„Wer soll das alles hier bezahlen?“ Er machte eine Geste, die die ganze Wohnung mit einschloss. Von den Löchern im Putz bis hin zu den Wasserflecken unter der Decke. „Wenn ich mich recht entsinne, warst du pleite, bevor du geheiratet hast. Und ich kann mir nicht mal diese verdammte Wohnung leisten, wenn ich essen und die dreckige U-Bahn benutzen will.“

„Mach dir um die Finanzierung keine Sorgen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das bezahlen wir und …“

„Genau da liegt mein Problem, Lissiana. Genau da.“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter, obwohl er ruhig bleiben wollte. Aber er konnte nicht anders. Er hatte sich hier etwas aufgebaut. Klar, es lief beschissen, und es gab Monate, in denen er sich von Fertignudeln ernährte, um irgendwie über die Runden zu kommen. Aber die Detektei war sein Stück Freiheit. Sein Stück Selbstbestimmung. Und das wollte Lissiana ihm jetzt einfach so nehmen.

„Ich kann mich daran gewöhnen, ihn als deinen Ehemann zu akzeptieren.“ Nathan schüttelte den Kopf. „Aber ich kann nicht Geld von einem Scheißkerl annehmen, der aus den Schwächen anderer seinen Profit schlägt.“

Lissiana richtete sich auf und nahm ihre Hände von seinem Schreibtisch. „Nathan, sein Geld ist auch meins.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass es dreckig ist.“

Unten auf der Straße hupte ein Auto. Sie sahen einander mehrere Sekunden nur an. Ihre vollen Lippen bebten einen kurzen Augenblick lang, bevor sie diese fest zusammenpresste.

„Ich versuche nur zu helfen.“ Lissiana wandte den Blick ab. „Immerhin ist das alles hier meine Schuld.“

Nathan lachte freudlos auf. „Ich habe mich entschieden, John und dir damals zur Flucht zu verhelfen. Und ich habe gekündigt. Das hier ist also mein Problem. Nicht deins.“

„Aber …“ Ihr Blick traf seinen, und er hatte kurz Schwierigkeiten zu atmen, als er die ehrliche Sorge darin erkannte „Wir sind doch ein Team.“

Nathan stieß sich von der Wand ab. „Und das werden wir immer sein. Aber nicht, wenn ich mich dafür in die Klauen deines Ehemannes begeben muss. Der Preis ist zu hoch, Kleines. Ich weiß genau, was die Cohens tun, wenn man ihnen etwas schuldet.“

„Nichts für ungut, aber da ist absolut nichts, was ich von dir haben will, Bulle.“ John schloss die Apartmenttür, seine Stimme hallte durch den Flur. Er hatte Liam noch immer auf dem Arm, als er zu ihnen ins Büro kam. „Dafür hast du ja sehr effektiv gesorgt.“

Er sah sich um, und Nathan wusste genau, was er sah. Löcher im Putz. Wasserflecken. Verblasste Wandfarbe. Spärliches Mobiliar. Nicht gerade der Eindruck, den eine erfolgreiche Detektei vermitteln sollte.

„Also, was hast du mit dieser Bruchbude vor?“ John sah auf das fleckige Parkett und trat auf ein loses Brett, das sich unter seinem Fuß leicht bewegte. „Willst du einfach warten, bis sie über dir zusammenstürzt? Oder willst du endlich mal deinen Job machen und dein trauriges kleines Leben wieder selbst in die Hand nehmen? Denn das, was du hier gerade abziehst, ist einfach nur noch lächerlich.“

„Fick dich, Cohen.“

„Ach, gehen uns die Argumente aus?“ Johns selbstgefälliges Grinsen ließ Nathan vollkommen rotsehen. „Ich würde dich ja wie Lissiana bemitleiden und in Watte packen. Aber dazu müsste dein Elend nicht selbst verschuldet sein.“ Er zuckte nonchalant mit den Achseln. „Also, ziehst du jetzt endlich den Kopf aus deinem Arsch, oder willst du so lange warten, bis sich niemand mehr um dich kümmert?“

Jetzt reicht’s.

Nathan ging um den Schreibtisch herum. Was auch immer John in seinem Gesicht sah, veranlasste ihn dazu, Liam Lissiana zu geben. Und wer weiß, vielleicht würde Nathan ihm jetzt wirklich endlich mal eine in die Fresse hauen.

Er ballte die Hände zu Fäusten und ging auf John los. „Du aufgeblasener …“

„Störe ich?“

Nathan hielt so abrupt inne, dass er ins Wanken geriet. Er konnte sich gerade noch an Lissianas Schulter abfangen, die bei seinem zusätzlichen Gewicht einen Ausfallschritt machen musste und ein leises Ächzen von sich gab. Sein Blick schnellte zur Wohnungstür. Er hatte niemanden klingeln oder klopfen hören. Aber sein Besuch hatte perfektes Timing.

„Ryan, hi.“ Nathan stellte sich aufrecht und richtete sein T-Shirt. Das war definitiv keine Situation, in der er sich von Ryan erwischen lassen wollte. Klar, mit seinen zweiundzwanzig Jahren war Ryan kein Kind mehr, das noch ein gutes Vorbild brauchte. Aber Nathan würde sich trotzdem immer so fühlen. Schon allein, weil er den kleinen Mistkerl praktisch von der Straße aufgelesen hatte, als Ryan auf dem besten Weg gewesen war, in eine Karriere als Dealer einzusteigen.

Nathan begrüßte Ryan mit einem Handschlag, er zog ihn für eine kurze Umarmung an sich. Inzwischen war Ryan kaum mehr kleiner als Nathan selbst. Gott, wo war nur die Zeit geblieben? „Ich dachte, du kommst erst gegen zwei?“

„Nate, es ist zwei.“ Ryan löste sich aus der Umarmung und strich sich eine seiner rötlichen Locken aus der Stirn. Eine Nachricht leuchtete auf seiner hochmodernen Smartwatch auf, doch Ryan warf nur einen kurzen Blick darauf. Er trug einen dunkelgrünen Anzug mit einem leichten Graustich. Der Stoff hatte eine eigenwillige Struktur, die Ryans schmalen Körperbau betonte. Die Hose war etwas kürzer geschnitten und ließ seine Knöchel frei, was seine teuren italienischen Schuhe noch mehr betonte. Für Nathan war es schwer, diese neue und erfolgreiche Version von Ryan mit dem hageren Siebzehnjährigen in Einklang zu bringen, den er aus einem beschissenen, perspektivlosen Leben geholt hatte.

Das Leder von Ryans Aktentasche gab ein leises Knatschen von sich, als er den Griff fester umfasste. Seine Augen verengten sich. „Du hast es vergessen, oder?“

„Nein.“ Natürlich hatte Nathan den neuen Assistenten bis gerade eben komplett vergessen. Alles, woran er hatte denken können, war die drohende Besichtigung der Detektei durch Lissiana und John. „Komm rein.“ Er sah über Ryans Schulter hinaus in den Flur, doch der war leer. „Hattest du nicht gesagt, du bringst mir heute einen neuen Assistenten mit?“

„Hey, Ryan.“ Lissiana trat auf sie beide zu und Ryan begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln, das seine langsam wieder weißer werdenden Zähne zeigte.

Gut, dass der Kleine das Rauchen aufgegeben hatte. Sollte er vielleicht auch drüber nachdenken. Würde ihm definitiv eine Menge Geld sparen.

Lissiana musterte Ryan und pfiff leise durch die Zähne. Ganz so, als hätte sie sich nicht vor wenigen Sekunden noch mit Nathan gestritten. „Schicker Anzug. Ist heute der große Tag?“

„Ja.“ Ryan sah wieder auf seine Uhr. „Ich muss um vier da sein. Und du weißt ja, wie der Verkehr in New York ist.“

„Downtown?“

Ryan zog die Nase kraus. „Ja.“

„Viel Spaß bei dem Albtraum.“ Lissiana drückte ihm leicht die Schulter. Ihr Lächeln war so strahlend, dass es Nathan direkt auf die Nerven ging. „Aber ich bin mir sicher, dass sie deine Software kaufen.“

„Bei dem, was Red erzählt hat, wären sie Idioten, wenn nicht.“ John wuschelte Ryan durch die Haare, worauf der mit einem protestierenden Murren einen Schritt zurück machte und versuchte, das Chaos auf seinem Kopf wieder in Ordnung zu bringen.

Ryans Verbindung zu den Cohens war einer der Fehler in Nathans Leben, die er am meisten bereute. Er hätte niemals zulassen dürfen, dass Ryan sich mit Savannah, der hauseigenen Computerspezialistin der Cohens, anfreundete. Sofort hätte er damals verhindern müssen, dass Savannah so etwas wie eine Mentorin für Ryan wurde. Aber nach seiner Kündigung und Lissianas und Johns Flucht war Nathan so mit seinem eigenen Leben beschäftigt gewesen, dass es ihn völlig überfordert hatte, auch noch ein Auge auf Ryan zu haben. Und als er endlich den Kopf aus seinem Arsch gezogen hatte, war es schon längst zu spät gewesen.

Die Cohens hatten Ryan praktisch adoptiert, weshalb Nathan den Jungen kaum noch hatte treffen können. Er hatte ihn eigentlich nur noch gesehen, wenn Ryan in die Detektei kam, um für ihn Recherche-Aufträge zu erledigen, bei denen Nathan mit Google nicht weiterkam.

Einen Hacker als Freund zu haben war von Vorteil. Und auch wenn er es nur äußerst ungern zugab – Nathan wusste genau, dass Ryan wohl niemals mit zweiundzwanzig Jahren sein eigenes Programm auf den Markt bringen würde, wenn Savannah ihm nicht eine Menge beigebracht hätte. Aber deshalb musste ihm das Ganze trotzdem noch lange nicht in den Kram passen.

„Ryan, du … Oh. Hallo.“

Die unbekannte Stimme gehörte jemandem, den Nathan nicht kannte. Er sah zur Tür, und okay … Das war definitiv nicht die studentische Aushilfskraft, die er erwartet hatte.

Im Flur stand ein hochgewachsener Weißer, der locker zehn Jahre älter war als Ryan und damit eher in Nathans Altersklasse fiel. Er blickte zwischen Nathan und John hin und her, wobei sich seine Hand um den Schulterriemen des schwarzen Rucksacks verkrampfte, den er sich über die Schulter geworfen hatte. Sein Haar war aschblond und kurz geschnitten, und eine Narbe unterbrach seine rechte Augenbraue.

„Komm rein.“ Ryan deutete über die Schulter zu dem Neuankömmling, der zögernd den Raum betrat. „Das ist Matthew Evans. Dein neuer Assistent, Nathan.“

Matthew blickte kurz zu Lissiana und John, bevor er sich Nathan zuwandte. „Ich kann auch später noch mal wiederkommen, wenn es jetzt eher unpassend ist.“

Wow, dieser Matthew Evans hatte offensichtlich eine sehr feine Antenne für die Stimmung im Raum. Und wenn Nathan sich seine schlanke, muskulöse Statur ansah, dann war er auch ziemlich fit. Vielleicht konnte er ihn tatsächlich für mehr gebrauchen als nur für die Arbeit vor dem PC.

Er ging auf Matthew zu und begrüßte ihn mit einem Handschlag. „Nein, komm rein. Die drei wollten sowieso gerade gehen.“ Matthews Händedruck war stark und bestimmt. Ein gutes Zeichen.

Lissiana verengte die Augen, bevor sie ein angespanntes Seufzen hören ließ. Offenbar war sie der Meinung, dass sie hier noch lange nicht fertig waren. Eine Ansicht, die Nathan absolut nicht teilte. „Nathan, ich …“

„Lass gut sein.“ Seine Stimme klang sogar in seinen eigenen Ohren kalt und distanziert. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er diesen Tonfall jemals gegenüber Lissiana angeschlagen hatte. „Wenn ihr mich entschuldigt, ich habe zu arbeiten.“

Lissiana presste die Lippen fest aufeinander. Dann nickte sie abrupt. „Okay.“

An ihrer belegten Stimme war deutlich zu hören, dass definitiv nicht alles okay war. Doch sie stellte Liam auf den Boden und nahm ihn bei der Hand, während John die Wickeltasche mit den kleinen Pinguinen schulterte. „Ich rufe dich später an, ja?“

Verbieten konnte er es ihr nicht. Aber drangehen würde er ganz sicherlich nicht. „Bis später.“ Nathan sah ihnen noch einen Moment nach, wie sie in seinem dunklen Flur verschwanden und sich selbst hinausließen.

„Erklärst du mir mal, was das gerade bitte war?“ Ryan stellte seine Aktentasche ab, wandte sich zielstrebig zu der schmalen Tür, hinter der sich die Küche befand, und verschwand dahinter. Tassenklappern war zu hören. Ryan hatte vermutlich die volle Kaffeekanne entdeckt.

„Lieber nicht.“ Nathan sah zu Matthew und lächelte schwach. „Entschuldige. Das war nicht gerade der beste erste Eindruck, den man hinterlassen kann.“

Matthew stieß ein leises Lachen aus. „Ryan hat mir bei unserer ersten Begegnung vor die Füße gekotzt. Es ist also wirklich halb so wild.“

Nathan deutete in Richtung der Ledercouch, und Matthew stellte seinen Rucksack neben den flachen Couchtisch. Er ließ sich auf die Polster sinken, und die Federn gaben ein protestierendes Ächzen von sich. Dabei war Matthew nicht schwer. Überhaupt nicht. Nathan würde ihn auf höchstens fünfundachtzig Kilo schätzen. Die abgewetzte Coach dagegen, die hatte ein paar Jahre zu viel auf dem Buckel.

„Klingt ziemlich nach Ryan.“ Nathan ging zum Schreibtisch. „Lange Partynacht, nehme ich an?“

Matthew grinste schief. „Kann man so sagen. Er hat die Reinigung meiner Schuhe übernommen, und darüber haben wir uns irgendwie angefreundet.“

So etwas passierte eben nur Ryan. Der Kerl konnte sich echt mit allem und jedem anfreunden. Ganz egal, wie uncharmant die erste Begegnung gewesen war. Und auch ganz egal, wie groß der Altersunterschied sein mochte.

Nathan ließ die Finger über den Schreibtisch gleiten, auf dem ein kleiner Stapel mit Fallakten lag. Beschattungen kosteten eine Menge Zeit. Und allein davon standen drei an. Er könnte wirklich Hilfe gebrauchen. „Hat Ryan dir gesagt, worum es hier geht?“

„Ja. Du hast bei Computern zwei linke Hände und brauchst dafür eindeutig Hilfe.“ Matthew verzog die Lippen ein wenig und blickte Nathan direkt ins Gesicht. „Und Ryan hat erzählt, dass die ein oder andere Beschattung anstehen könnte.“

„Das fasst es ganz gut zusammen.“ Nathan nahm eine der Akten in die Hand und blätterte sie durch, um Matthews prüfendem Blick auszuweichen. „Ich habe nicht viele Kunden. Dementsprechend kann ich dich auch nur beschissen bezahlen.“

„Das ist okay. Für mich ist alles besser als nichts.“

Okay. Auch nicht unbedingt die Antwort, die er erwartet hatte. Ryan kam aus der Teeküche, er balancierte drei volle Kaffeetassen in seinen Händen. Zwei stellte er auf dem Couchtisch ab, die dritte reichte er Nathan.

Nathan trank einen Schluck. Der Kaffee war stark und heiß, er wärmte ihn sofort. Erst jetzt merkte er, wie kühl er sich seit seinem Streit mit Lissiana gefühlt hatte. „Was machst du sonst noch nebenbei?“

„Ich bin Springer für den IT-Support bei einigen Firmen.“ Matthew sah etwas skeptisch in seine Kaffeetasse. Ryan hatte ihm die blaue mit dem angeschlagenen Rand gegeben. „Mal habe ich viel zu tun, mal absolut gar nichts. So oder so bin ich meistens den ganzen Tag in der Stadt unterwegs und könnte gut einen Job gebrauchen, der dazu passt.“

Ryan klopfte Nathan auf die Schulter. „Klingt doch, als wärt ihr beide jetzt schon ein echtes Dream-Team.“ Das verschmitzte Funkeln in seinen Augen verriet Nathan, dass der nächste Kommentar alles andere als schmeichelhaft ausfallen würde. „Zwei Mittdreißiger mit beschissenen Jobs und grauenhaften Arbeitszeiten.“

Nathan boxte Ryan gegen den Oberarm, worauf der mit einem theatralischen Aufschrei das Gesicht verzog. „Du glaubst jetzt auch schon, du kannst dir alles erlauben, was?“

„Absolut.“ Nathans Schlag hatte das breite Grinsen nicht von Ryans Gesicht wischen können. „Jetzt arbeite ich ja nicht mehr für dich.“

Nathan sah zu Matthew, wobei er auf Ryan deutete, als wäre der gar nicht im Raum. „Der Kerl ist echt nicht zu fassen.“

„Ja, ich weiß. Kein Respekt vor dem Alter.“ Matthew nickte nachdrücklich.

Die beiden mussten wirklich eng befreundet sein. Interessant. Nathan grinste. „Ja, furchtbar.“

Ryan stellte sich zwischen sie und breitete die Arme aus, wobei er fast Kaffee auf seinen teuren Anzug verschüttete. „Leute, Leute. Ich bin auch noch hier.“

„Wissen wir doch.“ Nathan trank einen Schluck Kaffee, während Ryan die Augen verdrehte. „Interessiert uns nur nicht.“

„Na, vielen Dank auch.“

Matthew beobachtete die Situation einfach nur amüsiert. Sie waren auf einer Wellenlänge, das spürte Nathan. Und Ryan hatte sich die Mühe gemacht, einen neuen Assistenten für ihn zu suchen. Er sollte Matthew zumindest eine Chance geben.

„Ich kann wirklich etwas Hilfe gebrauchen. Also, wenn du willst, kannst du sofort anfangen.“

„Gerne.“ Matthews Lächeln ließ ihn gleich fünf Jahre jünger aussehen. „Die Zugangsdaten für all deine Mailaccounts und den ganzen Mist sind in einem Ordner, hat Ryan gesagt?“

Ryan blickte wieder auf seine smarte Uhr. „Äh ja. So richtig altmodisch. Auf Papier.“

„Damit kann ich leben.“ Matthew sah zu Nathan. „Den Ordner bräuchte ich, damit ich mir zu Hause alles vernünftig einrichten kann.“

„Okay.“ Nathan stellte die Tasse auf dem Schreibtisch ab und holte den kleinen Schlüssel aus seiner Hosentasche. Damit schloss er die oberste Schublade des Schreibtisches auf und kramte den dünnen Ordner mit seinen gesammelten Passwörtern und Zugangsdaten hervor.

„Ich hab ihm schon tausendmal gesagt, er soll das alles endlich auf seinem Smartphone speichern. Wer benutzt für so was heute noch Ordner?“

Nathan hörte Ryans ständiges Gemecker nur noch mit halbem Ohr. Er legte den Ordner auf den Schreibtisch. Doch als er die Schublade wieder abschließen wollte, bewegte sich gar nichts. Er ging in die Hocke und ruckelte an der Schublade, versuchte sie irgendwie wieder dorthin zu bekommen, wo sie hingehörte. Aber sie war vollkommen verklemmt, es war absolut nichts zu machen.

Er dachte an seinen Streit mit Lissiana und an all die Dinge, die John ihm vorgeworfen hatte. Wie sein Leben aus den Fugen geraten war und wie er seitdem versuchte, es wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Aber sein Leben war wie diese gottverdammte Schublade.

Nathan lehnte die Stirn gegen die breite Tischkante und stieß ein leises Seufzen aus.

„Brauchst du Hilfe?“

Was er brauchte, waren neue Möbel. Oder ein neues Apartment. Oder generell ein neues Leben. Aber er würde sich eher die Zunge abbeißen, als das jemals zuzugeben.

Er erhob sich und reichte Matthew den Ordner. „Nein, ich komm schon klar.“

2

Ian Ramsey betrachtete den Boden seines leeren Scotch-Glases, während er seinem Sohn zuhörte, der auf dem Sessel direkt neben ihm saß. Im Kamin seines Arbeitszimmers knisterte leise das Feuer, das dunkle Schatten auf die dunkelgrünen Wände warf. Es war schon Mai, doch an den Abenden konnte es in New York noch ziemlich kühl werden. Außerdem mochte Ian den Feuerschein und den Geruch von brennendem Holz. Es erinnerte ihn an Zeiten, in denen er selbst kaum älter gewesen war als sein Sohn jetzt. Doch anders als Farrell war er zu diesem Zeitpunkt schon lange Oberhaupt des Clans gewesen.

„Morgen hast du einen Termin mit Xinran Wang.“ Farrell schob seine Brille mit den kreisrunden Gläsern auf seiner leicht schiefen Nase zurück, die bei seinem Blick auf das iPad in seinen Händen nach vorn gerutscht war. „Sie ist das derzeitige Oberhaupt der Triade. Wang gilt als sehr gerissen, aber auch sehr bedacht. Bisher hat sie sich aus jeglichen Machtspielchen herausgehalten.“

„Das wird ihr diesmal nichts nützen.“ Ian stellte sein Glas auf dem Couchtisch ab. Farrell ließ sofort sein iPad los und schenkte ihm nach. Er hatte den Jungen wirklich gut erzogen.

Trotzdem fiel es ihm manchmal schwer zu glauben, dass dieser schwächliche kleine Mann mit dem rostbraunen Haar und den viel zu dürren Armen und Beinen wirklich sein Sohn sein sollte. Allein schon, wie er zusammengesunken auf dem Sessel saß und mit seinen femininen Fingern den Rand des kleinen schwarzen Rechtecks umklammerte, als würde er allein in einem iPad Sicherheit finden. Die ganze Haltung schrie ihm Schwäche entgegen. Hilflosigkeit. Verwundbarkeit. Schutzlosigkeit.

Zum Teufel, wie sollte er einem solchen Schwächling jemals den Clan überlassen?

Wie sollte dieser Junge jemals in der Lage sein, ein Imperium zu führen, das von Generation zu Generation weitergegeben und stetig erweitert wurde?

Wie sollte er in der Lage sein, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen und sie durchzusetzen, ganz egal, wie viel Blut dafür fließen musste?

Der Junge war Ende dreißig. Langsam wurde es Zeit.

„Meine Nachforschungen haben ergeben, dass sie sich sehr gut mit Ademaro Ventura versteht.“ Farrell lächelte mit fast geschlossenem Mund, um seinen leichten Überbiss nicht zu sehr zu betonen. Die Brille schob er schon wieder auf seiner Nase nach oben, weil sie erneut verrutscht war. „Das wird für uns von Vorteil sein.“

Nun ja, Farrell mochte sonst nicht viel mit ihm gemeinsam haben, aber immerhin seinen Verstand hatte er von ihm geerbt.

„Gut gemacht, mein Junge.“ Ian leerte sein Glas in einem Zug. Er legte Farrell eine Hand auf die Schulter. Problemlos konnte er jeden einzelnen Knochen unter seiner Hand spüren. Wäre der Junge nicht so schwächlich, würde Ian ihm vielleicht wirklich die Familie überlassen. Er war gerissen, hatte ein gutes Gespür für Geschäfte und für das, was um ihn herum geschah.

Aber er war einfach nicht bereit für die blutigen Wahrheiten hinter der hübschen Fassade. Er war gut mit Zahlen. Mit Worten. Eben mit Dingen, die es nicht erforderten, dass man sich die Hände schmutzig machte. Er bevorzugte es, die Dinge politisch und diplomatisch zu lösen.

Und vielleicht war das auch der Weg für die Zukunft. Eine schwächliche und weichgespülte Zukunft. Aber solange Ian noch selbst in der Lage war, den Clan zu führen, würden die Geschäfte so laufen, wie er es wollte. Er würde sich eben einfach noch zusätzlich politisch absichern, bevor er die letzten Rädchen seines Plans in Bewegung setzte.

„Wirklich gut gemacht.“ Er legte die Hand auf Farrells Oberschenkel. Auch hier konnte er mühelos den Knochen fühlen. Immerhin war Farrells schwächlicher Körper im Stehen nicht ganz so auffällig, da er seine Kleidung immer so auswählte, dass er kräftiger wirkte, als er wirklich war. „Aber du wirst noch lernen, dass es mehr als nur ein paar politische Allianzen braucht, um Ungeziefer wie die Cohens aus dem Weg zu schaffen.“ Ian wandte sich zu Colin um, der wie immer in den letzten zwanzig Jahren, wortlos an seiner Tür zu seinem Büro Wache hielt. „Hol mir Dwight.“

Colin nickte und steckte kurz den Kopf zur Tür hinaus. Was er weitergab, war so leise, dass Ian es nicht hören konnte.

Genau das schätzte Ian an Colin. Wenn er nicht gebraucht wurde, war er totenstill. Und wenn Ian ihn brauchte, erledigte er seine Aufgaben schnell, effizient und so lautlos wie möglich.

Farrell sog scharf die Luft ein. „Vater, ich denke nicht, dass das …“

Gott, der Junge musste wirklich mal ein Mann werden. Diese Angst vor den Cohens und vor den Konsequenzen, die Ians Handeln eventuell nach sich zogen, war einfach nur noch lächerlich. Wenn auch nicht vollkommen unbegründet. „Ich kann mich nicht erinnern, nach deiner Meinung gefragt zu haben.“

Farrell presste die Lippen fest aufeinander, faltete die Hände im Schoß und senkte seinen Blick. Es war vollkommen still, nur im Kamin knisterte das Feuer.

Ian stieß ein zufriedenes Seufzen aus. Schon besser.

Nicht mehr lange und alles war wieder an seinem geordneten Platz.

3

„Warum mache ich das hier noch mal?“

„Weil du das Geld brauchst. Und weil außer dir niemand so was freiwillig macht.“

Skylar Havering presste sich ihr Handy fester ans Ohr. Kurz blickte sie nach rechts und links und überquerte mit schnellen Schritten die Straße. Als müsste sie sich in dieser Gegend um diese Uhrzeit wirklich Gedanken darüber machen, ob ein Auto vorbeikommen könnte. Sie befand sich in einem vollkommen verlassenen Straßenblock. Die Bauarbeiter, die wegen des großen Abrisses tagsüber hier ihre Schichten schoben, waren längt nach Hause gegangen. Vermutlich kam ihr nicht mal ein Spaziergänger mit seinem Hund entgegen.

Sie war vollkommen allein hier. In ihrem Rücken nichts weiter als ein verwilderter Park und noch dazu in einem Viertel, das so heruntergekommen war, dass die Stadt ein großes Sanierungsprojekt angekündigt hatte, das einige Straßenzüge umfasste.

Wunderbar.

„Gott, ich hasse meinen Job.“

„Lügnerin.“ Am anderen Ende der Leitung lachte Chloe leise vor sich hin.

Skylar konnte sich gut vorstellen, wie sie gerade auf dem Sofa vor dem Fernseher lag und mal wieder zu viel Zeit mit einer Serie auf Netflix verbrachte.

„Du liebst deinen Job. Besonders so was.“

„Also nachts in einem verlassenen Haus auf Katie zu warten, gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.“ Hätte Katie sich nicht irgendein nettes kleines Café aussuchen können? Oder ihretwegen auch den vollkommen überrannten Times Square? Einfach irgendeinen Ort mit anderen Menschen um sie herum?

Nein, natürlich nicht.

Katie war schon zu Collegezeiten eine Dramaqueen gewesen. Das war vermutlich auch der Grund, warum sie sich gegenüber Chloe derartig mysteriös ausgedrückt hatte. Aber sie hatte Skylar eine brisante Story versprochen, eine Story, die angeblich für Katies Klatschmagazin zu polarisierend war.

Unter einer Straßenlaterne hielt Skylar einen Moment inne und zog einen Zettel aus ihrer Hosentasche. Sie wusste, sie war im richtigen Viertel. Das große Schild, das den neuen Wohnkomplex ankündigte, der hier hochgezogen werden sollte, verriet ihr zumindest das. Aber welche Straße war es noch mal genau? Und welche Hausnummer?

Sie kniff die Augen zusammen, aber die Kritzelei auf dem kleinen pinken Zettel war absolut unleserlich. „Mein Gott, Chloe. Musst du immer so undeutlich schreiben?“ Skylar knüllte den kleinen Zettel zusammen und warf ihn achtlos beiseite. „Gib mir einfach den Standort übers Handy durch. Sonst wird das hier nie was.“

„Du bist heute eine ganz schöne Heulsuse, weißt du das? Über meine Einkaufsliste beschwerst du dich auch ständig. Jede andere Mitbewohnerin hätte schon längst das Weite gesucht.“ Chloe kramte irgendetwas herum, was bedeutete, dass sie zumindest den Arsch hochgekriegt hatte, um nach der Adresse zu suchen. „Sei froh, dass ich dir diesen Artikel überhaupt überlasse, okay?“

„Klar.“

In den dunklen Straßenzügen um sie herum herrschte gespenstische Stille. Hätte Skylar nicht in weiter Ferne Sirenen gehört, die in New York immer irgendwo heulten, hätte sie glatt vergessen können, dass sie sich in der Stadt befand, die niemals schlief. „Ich bin dir wahnsinnig dankbar dafür, dass du diesen geheimnisvollen Artikel auf mich abgeschoben hast. Wenn ich umgebracht werde, das schwöre ich dir, suche ich dich als Geist heim und drehe dir höchstpersönlich den Hals um.“

„Du hast doch rumgejammert, dass du deinen Teil der Miete nicht bezahlen kannst.“

Skylar hörte das Rascheln von Papier.

„Aber du hast recht. Mich hätten keine zehn Pferde in diese Gegend gekriegt. Glück für mich, dass es Leute wie dich gibt.“

„Du meinst Freelancer, die jeden Job annehmen müssen, ganz egal wie beschissen, nur um irgendwie über die Runden zu kommen?“

„Ganz genau. Also hör auf zu jammern und … Endlich!“ Chloe stieß einen triumphalen Schrei aus, und Skylar hielt das Handy weit von ihrem Ohr weg, damit ihr nicht das Trommelfell platzte. „Ich hab’s. Die Adresse. Gott sei Dank. Ich dachte echt schon, ich hätte sie verloren!“

„Na super.“ Nicht dass Skylar scharf darauf war, allein in einem verlassenen Haus auf Katie zu warten. die in ihrer üblichen Divenmanier sicher ewig zu spät kommen würde. Aber alles war besser, als weiter an dieser gottverlassenen Straßenecke herumzustehen. Skylar drehte sich wieder um, doch da war niemand hinter ihr, nur dieser verwilderte kleine Park. „Wieso habe ich nicht gleich daran gedacht? Das geht tausendmal leichter, als wenn ich deine Sauklaue entziffern muss.“

„Hey!“ Chloe klang ernsthaft eingeschnappt, und Skylar konnte sich bildlich vorstellen, wie sie auf ihrem gemeinsamen Sofa saß und schmollte. „Mark sagt, meine Handschrift ist wunderschön.“

Skylar lachte. „Das muss er ja auch sagen. Immerhin schläft er mit dir.“

Chloe kicherte. „Du bist wirklich wahnsinnig undankbar, weißt du das?“ Das klang jetzt so, als müsse sie sich alle Mühe geben, wirklich verletzt zu klingen.

Hinter ihr knackte ein Ast, und Skylar zuckte zusammen. Gott, einsame Parks waren so ziemlich das Gruseligste, was es mitten in der Nacht gab. Sie musste zusehen, dass sie hier wegkam. „Ach komm, das liebst du doch an mir.“

„Tue ich das?“

„Warum hättest du mir sonst diesen Job besorgt?“

„Weil außer dir sonst niemand so kontroverse Storys schreiben will.“

Skylar lächelte. Es war schön zu hören, dass sie sich über die Jahre doch einen gewissen Ruf aufgebaut hatte. Wenn auch nur bei den unbedeutenderen und kleineren Lokalzeitungen. Keine Zeitung wollte sie fest anstellen, doch sie kamen immer wieder zu ihr und beauftragten sie als Freelancerin, wenn es zu riskant war, die eigenen Leute zu schicken. Es war immer einfacher, eine Freelancerin über die Klippe springen zu lassen, falls ein Artikel nach hinten losging.

„Wobei ich keine Ahnung habe, ob da wirklich was dran ist. Was soll an diesem neuen Gebäudekomplex schon so Skandalöses sein?“, sagte Chloe.

Eine ganze Menge, wenn man bedachte, dass gerade die italienische Mafia häufig Geldwäsche über große Bauprojekte betrieb. „Wenn es hier irgendetwas gibt, dann finde ich es.“

„Da habe ich überhaupt keine Zweifel, Sky.“ Chloe hielt einen Moment inne. „Sag mal, wann triffst du dich mit Katie?“

„Um halb zwölf. Ich hätte sie ja angerufen und selbst nach ihrer Adresse gefragt, aber sie ist nicht rangegangen. Wieso willst du wissen, wann wir uns treffen?“ Sie wusste auch so, dass sie zu spät dran war. Dafür musste sie nicht das Handy vom Ohr nehmen. Skylar verfluchte sich wieder einmal dafür, dass sie ihre schmale Silberuhr zum Pfandleiher gegeben hatte. Das Ding war durchaus praktisch gewesen. Aber sonst hätte sie ihren Teil der Miete letzten Monat wirklich nicht bezahlen können.

„Weil du schon satte zwanzig Minuten zu spät bist. Hoffen wir mal, dass Katie dir nicht den Kopf abreißt.“

„Verdammte Scheiße. Dein Boss bezahlt mich nicht, wenn ich diesen Artikel nicht schreibe.“ Wenn sie diesen Monat nicht genügend Geld verdiente, war sie wirklich aufgeschmissen. Dann müsste sie mit eingekniffenem Schwanz zurück nach Elk County zu ihren Eltern gehen. Und das kam absolut nicht infrage. „Wieso hast du das nicht eher gesagt?“

„Bin ich deine persönliche Assistentin? Wieso sollte ich verdammt noch mal wissen, wann genau du dich mit ihr triffst?“ Chloe schnalzte leise mit der Zunge. „Ich habe dich doch gerade erst gefragt.“

„Schick mir endlich die Adresse.“ Ihr lief jetzt wirklich die Zeit davon. Wenn Katie den Mund nicht aufmachte, weil sie eingeschnappt war, dann hatte Skylar ein ernsthaftes Problem. Es wäre nicht das erste Mal. „Und, Chloe, danke noch mal.“

„Kein Thema.“ Chloe klang ein wenig beschwichtigt. „Viel Erfolg. Und geh danach mal mit Katie aus, wenn sie Zeit hat. Es wird wirklich Zeit, dass ihr beide mal wieder flachgelegt werdet. Ihr beide arbeitet echt zu …“

Skylar beendete einfach das Gespräch und wartete auf Chloes Nachricht. Die Adresse kam keine zehn Sekunden später, und sie schaltete die Navigation ihres Handys ein.

Das Navi zeigte noch fünf Minuten Fußweg an, entschieden zu lange. Sie konnte keine halbe Stunde zu spät zu einem Treffen mit Katie Sanders erscheinen.

Skylar hielt die Kamera fest, die sie sich über die Schulter gehängt hatte, und rannte los, so schnell sie konnte.

Allein, wenn sie sich das Gesicht ihrer Mutter vorstellte, wie sie sie mit diesem Ich habe es dir ja gleich gesagt-Lächeln begrüßen würde, wenn sie wieder zu Hause einziehen musste, brachte Skylar dazu, so schnell zu rennen, wie sie nur konnte. Sie sprintete die verlassenen Straßen entlang, vorbei an leer stehenden Gebäuden und hoch aufragenden Bäumen. Auf keinen Fall würde sie nach Elk County zurückgehen. Weder jetzt noch sonst irgendwann.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Die quäkende Stimme des Navis brachte Skylar vor einem älteren Haus zum Stehen.

Sie stand direkt vor dem Haus Nummer 1674. Die vergilbten goldenen Ziffern waren in dem schemenhaften Licht der Straßenlaterne nur schwer auszumachen. Aber es war eindeutig die Adresse, die Chloe ihr geschickt hatte.

Das Haus stand vermutlich schon seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts hier am äußersten Rand der Upper East Side unweit vom East River. Die Fassade war früher einmal leuchtend rot gewesen, aber die Farbe war verblasst. Ein Balkon zog sich über die ersten beiden Stockwerke des Hauses, während die oberen Stockwerke ohne den hässlichen weißen Vorbau auskamen. Die Verzierungen um die Fenster und am Türbogen waren aufwendig, aber offensichtlich hatte sich lange niemand darum gekümmert. Sie bröckelten schon ab, und die verschlungenen Rankenmuster waren kaum noch zu erkennen.

Willst du einen verdammten Architekturkurs machen oder dich mit Katie treffen? Beweg deinen Arsch – und hör auf, das Unvermeidliche vor dir herzuschieben.

Skylar atmete tief durch, bevor sie die Stufen zur schwarzen Haustür hinaufstieg, an der in goldenen Ziffern noch einmal die Hausnummer stand. Sie hob die Hand, um anzuklopfen, da sah sie, dass die Tür einen Spaltbreit aufstand.

Geh da nicht rein. Genauso fangen Horrorfilme an.

Skylar zögerte einen Augenblick, bevor sie mit gespreizten Fingern die Tür ein bisschen weiter aufschob. Immerhin quietschte sie nicht wie in jedem Horrorstreifen, den sie gesehen hatte. Das war schon mal was.

„Hallo? Katie, bist du da?“ In dem Haus war es stockdunkel, und es stank fürchterlich. Ein wenig nach irgendetwas Abgestandenem. Auch ein wenig süßlich. Vielleicht verbranntes Öl? Was auch immer es war, es war ekelerregend. Skylar presste sich die Hand vor Mund und Nase, ihre Augen begannen zu tränen. Gott, der Gestank war wirklich nicht auszuhalten. Und lag da nicht ein Hauch von Rauch in der Luft? Was zur Hölle war hier los?

„Katie? Das ist nicht besonders witzig!“ Mit den Fingerspitzen tastete sie die Wand ab und fand schließlich einen Lichtschalter. Sie legte ihn um, doch es blieb stockdunkel.

Natürlich, du Genie. Man stellt den Strom ab, wenn man ein Haus abreißen will. Benutz dein Handy, du Vollidiot. Wofür hast du denn ein Smartphone? Skylar entsperrte das Handy und schaltete die Taschenlampe ein.

„Na, hervorragend.“

Der Flur war klein und schmal. Die weiß-gelb gestreifte Tapete war fast vollständig verblasst, obwohl sie früher sicher einmal sonnengelb gewesen war. An manchen Stellen löste sie sich bereits von der Wand. Das Kirschholzparkett zu ihren Füßen hatte sicher mal edel ausgesehen, aber es war von den Jahren zerkratzt und abgetreten. Und die Dielen quietschten jetzt wirklich, als sie die ersten Schritte ins Innere des Hauses wagte.

Sie sollte hier nicht reingehen. Das wusste sie genau. Alles an dieser Situation schrie Gefahr.