Newton-up - Gia Tietz - E-Book

Newton-up E-Book

Gia Tietz

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Beschreibung

River Greenweat mangelt es an nichts. Sie lebt in einem beeindruckenden Appartement in Newton-up, arbeitet als politische Marketing Managerin für den kandidierenden Anwärter des Bürgermeisteramtes der Stadt – Richard Liverston – und ihr steht eine eindrucksvolle Hochzeit mit dessen angesehenen Neffen Antonio Kane bevor. Plötzlich sieht sie sich ihrer Zwillingsschwester gegenüber, von deren Existenz sie nicht das Geringste geahnt hat. Diese benötigt dringend ihre Hilfe, denn die Gesundheitsversorgung in der verarmten Downtown lässt mehr als zu wünschen übrig und die Zeit drängt. Wie praktisch, dass ihr Vater als Chefarzt der Neurologie helfen kann – würde auf dieses Vergehen nicht die Todesstrafe stehen. Damit der Gesetzesverstoß nicht auffliegt, tauscht River kurzerhand die Rolle mit ihrer Schwester und findet sich unverhofft in der Downtown wieder – bei einem mürrischen Hacker, der mehr verheimlicht, als es den Anschein macht. Können sie gemeinsam ihre Schwester retten und es gleichzeitig mit der Regierung aufnehmen? | Der zweite und finale Teil der dystopischen Romance-Dilogie.

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Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt
Contentnote
Playlist
Prolog
Das Leben in der Uptown
Arbeitsalltag mit Hindernissen
Kennenlernen
Überraschende Bitte
Schwestern
Downtown Bar-Aushilfe
Komplikationen
Am Krankenbett
Unerwartete Anziehung
Unvorhergesehene Kandidatur
Vorbereitungen
Wahlkampagne
Erwischt
Erpresst
Aufgeflogen
Regierungsverschwörung
Gewählt
Epilog
Danksagung
Contentnote
Über die Autorin

GIA TIETZ

Newton-up – Ein Genie zum Verlieben

Inhalt

River Greenweat mangelt es an nichts. Sie lebt in einem beeindruckenden Appartement in Newton-up, arbeitet als politische Marketing Managerin für den kandidierenden Anwärter des Bürgermeisteramtes der Stadt – Richard Liverston – und ihr steht eine eindrucksvolle Hochzeit mit dessen angesehenen Neffen Antonio Kane bevor.

Plötzlich sieht sie sich ihrer Zwillingsschwester gegenüber, von deren Existenz sie nicht das Geringste geahnt hat. Diese benötigt dringend ihre Hilfe, denn die Gesundheitsversorgung in der verarmten Downtown lässt mehr als zu wünschen übrig und die Zeit drängt. Wie praktisch, dass ihr Vater als Chefarzt der Neurologie helfen kann – würde auf dieses Vergehen nicht die Todesstrafe stehen.

Damit der Gesetzesverstoß nicht auffliegt, tauscht River kurzerhand die Rolle mit ihrer Schwester und findet sich unverhofft in der Downtown wieder – bei einem mürrischen Hacker, der mehr verheimlicht, als es den Anschein macht. Können sie gemeinsam ihre Schwester retten und es gleichzeitig mit der Regierung aufnehmen?

Der zweite und finale Teil der dystopischen Romance-Dilogie.

Für Zeiten, in denen du dich selbst an erste Stelle setzen darfst. Das ist kein Egoismus, sondern ein Geschenk an dich.

Contentnote

Liebe:r Leser:in,

dieses Buch enthält Inhalte, die potenziell aufwühlend wirken könnten. Aus diesem Grund findest du am Ende des Buches eine Contentnote. Diese kann möglicherweise Spoiler enthalten.

Bitte achte gut auf dich!

Deine Gia

Playlist

Genius – Written by Wolves

Who Knows – Reach

The Greatest (Bonus track) – Reach

Fake Ass Friends – Set It Off

All The Good Girls Go To Hell – Halocene

Making Miseries – Letdown

House of Memories – Panic! At The Disco

Dogs – Magic Sugar Coffee

Freak – The Downtown Fiction

Hooked on You – One Last Glance

Stop Me When You’ve Had Enought – Nural

Prolog

Freitag, 30. Januar 2099 – 17:45 Uhr

Eine kleine Bar in Newton-down

»Schläft sie jetzt?«, fragte die junge Frau.

Seit zehn Minuten trocknete sie ein und dasselbe Glas, was sie jedoch gar nicht wahrnahm, da sie so tief in Gedanken versunken war. Ihre aschblonden Haare hingen ihr unordentlich ins besorgte Gesicht, die dunklen Augenringe ließen darauf schließen, dass sie in letzter Zeit keine Nacht mehr durchgeschlafen hatte.

Die Frau mit den roten Locken, die hereingekommen war, musterte sie einen langen Moment und Besorgnis spiegelte sich in ihrem Blick. Dann nickte sie stumm und trat an den Bartresen, um ebenfalls eines der frisch gespülten Gläser zu trocknen.

»Ja. Ich habe ihr ein paar Kopfschmerztabletten aus der Uptown mitgenommen, aber Feyn, irgendwas stimmt nicht mit Gwyn! Sie sollte dringend zu einem richtigen Arzt.«

Feyn nickte mit ratlosen Augen und stellte endlich das Glas vor sich ab.

»Ja, aber wie, Grace? Wir können schlecht mit ihr in ein Krankenhaus in der Uptown marschieren. Selbst wenn wir so viel Geld aufreiben könnten – und glaub mir, wenn ich müsste, könnte ich das – aber sie ist unclean und Ryu weigert sich beharrlich, das Serum weiterhin herzustellen. Niemand würde sie behandeln.«

Grace verzog das Gesicht.

»Lass mich zehn Minuten mit ihm allein und ich garantiere dir, dass ich ihn überzeugen kann.«

»Wenn er sich was in seinen Dickschädel gesetzt hat, dann hilft da nicht mehr viel«, seufzte Feyn und schüttelte den Kopf, bevor sie sich ein weiteres Glas nahm.

»Es geht um Gwyns Gesundheit!«, empörte sich Grace – nichts, was Feyn nicht selbst wusste und sie langsam aber sicher ebenfalls in die Verzweiflung trieb.

Seit Wochen war Gwyn erschöpft. Anfangs nahmen sie noch an, dass es sich lediglich um eine reine Stressreaktion handelte. Doch mit fortschreitender Zeit kamen daran erste Zweifel auf. Ihr ging es nicht besser, sondern von Tag zu Tag zusehends schlechter. Sie war ungewöhnlich blass, klagte häufig über Kopfschmerzen und Schwindel und verbrachte aufgrund starker Müdigkeit die meiste Zeit im Bett.

So oft sie es einrichten konnte, kam Grace am Abend, sobald ihre Tochter schlief, vorbei und half in der Bar aus. Wobei Feyn sich sicher war, dass dies in der Sorge um Gwyn begründet lag und nicht, weil ihr die Bar oder die Stammgäste wichtig waren. Dennoch war sie ihr für ihre Hilfe überaus dankbar.

»Wir waren gestern in der Ambulanz«, seufzte Feyn leise.

Sie hatte Angst, Gwyn könnte etwas von dem Gespräch mitbekommen. Und eigentlich hatte sie ihrer Freundin versprochen, Grace nichts davon zu sagen – um sie nicht unnötig zu sorgen. Allerdings war Feyn sich mittlerweile nicht mehr sicher, ob es wirklich eine unnötige Sorge war – während Gwyn immer wieder sagte, noch ein paar Tage Ruhe und ihr ginge es bestimmt bald besser. Das zweifelte Feyn inzwischen ebenfalls an.

»Hier in der Downtown?«, fragte Grace mit erhobener Augenbraue und Feyn nickte. Sie wusste, dass ihre neueste Freundin noch nicht sehr vertraut mit den Strukturen in Newton-down war.

»Ja«, bestätigte sie daher. »So was wie ein Krankenhaus bei euch. Nur ohne Betten. Die wenigsten können sich hier einen Arztbesuch leisten, geschweige denn eine Übernachtung in einer solchen Einrichtung. Ich kann nicht sagen, wie qualifiziert dieser Mann ist, der sich dort als Doktor bezeichnet. Aber ich hatte noch ein paar Rücklagen von meinem letzten ...«

Feyn stockte.

Es war eine unausgesprochene Tatsache, dass sie in der Vergangenheit als Black Tear die Uptown bestohlen hatte. Auch wenn sie seit ihrem letzten Zusammenstoß mit der Newton Police nicht mehr aktiv war, konnte sie noch immer nicht glauben, dass diese Seite an ihr ein für alle Mal verschwunden war. Es fühlte sich irgendwie ungewohnt an.

»Eigentlich egal, woher, ich konnte die Untersuchung bezahlen. Aber er hat nichts gefunden, was ihren Zustand erklärt. Er meinte, es könnte irgendwas mit dem Nervensystem sein, aber ihm fehle die Ausrüstung Genaueres zu sagen. Ich bin ratlos.«

Grace nickte traurig, da sie genau wusste, wie Feyn sich fühlte.

Dieses Gefühl der Hilflosigkeit war kaum auszuhalten. Sie musste einfach etwas unternehmen. Irgendetwas!

»Okay, ich rede mit Ryu. Ist er unten? Er muss sie in ein richtiges Krankenhaus schleusen. Ganz egal, was er Turner versprochen hat. Killian wird das schon irgendwie mit seinem Dad klären. Es geht hier schließlich um Leben und ...«

Grace stockte und Feyns Augen wurden wässrig.

Sie wollte es nicht zugeben, aber auch sie hatte bereits immer häufiger die Sorge verspürt, dass es schlimmstenfalls um Leben und Tod gehen könnte, wenn sie nicht schnell herausfanden, was Gwyn fehlte.

»In letzter Zeit ist er selten hier«, seufzte Feyn. »Ich habe keine Ahnung, wo er sich rumtreibt. Das sieht ihm eigentlich nicht ähnlich.«

»Er kann doch nicht immer noch eingeschnappt sein, weil Gwyn ihn nicht–«

»Niemand ist hier eingeschnappt«, unterbrach sie eine genervte Stimme und Grace drehte sich erschrocken zur Eingangstür, durch die ein junger Mann mit dunklen Haaren hereinkam.

Seine zerrissene Hose und der schwarze Hoodie, dessen Kapuze er sich gerade vom Kopf zog, erweckten den Anschein, als hätte er bereits mehrere Tage darin verbracht. Auch er hatte unübersehbar tiefe Augenringe. Er trat zu ihnen an den Tresen und legte eine Umhängetasche darauf ab. Er zog ein Panel hervor, das er erst kürzlich fertiggestellt hatte.

»Ich hab Nachforschungen angestellt.«

Feyn öffnete den Mund, doch Grace war schneller.

»Und dafür warst du draußen? Ich dachte, du kannst alles von deiner kleinen Untergrundbasis im Keller aus erledigen. Dich in sämtliche Systeme hacken und so. Dann hack dich doch einfach ins Krankenhaus und schleuse Gwyn ein. Wenn du nur irgendwas für sie empfindest, wie du vor gar nicht allzu langer Zeit behauptet hast, dann musst du ihr helfen, verdammt!«

Ryu hob eine Augenbraue und sah sie einen Moment schweigend an. Sie wirkte nicht nur übernächtigt und aufgebracht, sondern mehr als verzweifelt. Er kaute kurz auf seiner Unterlippe herum, als erwöge er, ihr zu erklären, warum das nicht so einfach war.

Doch er entschied sich dagegen, wandte sich zu Feyn um und hielt ihr stattdessen das Panel hin. »Ich glaube, ich habe eine Idee, wie wir Gwyn helfen können.«

Das Leben in der Uptown

Ich schlage die Laken zurück, bleibe aber noch einen Moment liegen und genieße einfach nur die Stille. Ich starre an die Decke und frage mich, wer eigentlich Stuckverzierungen erfunden hat. Klar liebe ich meine Wohnung, keine Frage, und ich trauere jetzt schon meinem Auszug in drei Monaten nach. Hier habe ich schließlich die letzten Jahre nach dem Studium verbracht – und es waren definitiv keine schlechten Jahre. Der Wohnungswechsel wird in mehr als einer Hinsicht einem Schlussstrich gleichkommen. Ein Schlussstrich unter meinem Leben.

Ich seufze leise.

Ja, ich liebe meine Wohnung, aber auf den Stuck in jedem Zimmer – außer im Bad – hätte ich wirklich verzichten können. Es wirkt doch etwas übertrieben.

Leise Violinenmusik erklingt und ich drehe meinen Kopf zur Seite. Der Wecker, der auf meinem Panel anspringt und mich daran erinnert, dass es langsam Zeit wird aufzustehen. Eigentlich brauche ich keinen Wecker. Ich bin jeden Morgen fünf Minuten vor ihm wach. Aber ich habe Angst vor dem Tag, an dem das nicht der Fall sein wird. Dieser eine Tag, an dem ich eben nicht von allein wach werde, und zwar nur, weil ich keinen Backup-Wecker gestellt habe. Dann komme ich zu spät zur Arbeit und gebe meinen männlichen Kollegen noch mehr Gründe, mich mit diesen Blicken zu mustern, die sagen ›Seht sie euch an: Bestnoten auf der Uni bringen halt nichts, wenn du dich anschließend nicht beweisen kannst – oder schlichtweg das falsche Geschlecht hast.‹

Ich schwinge die Beine über die Bettkante, schalte den Wecker aus und gehe zu meinem begehbaren Kleiderschrank. Er ist nicht sonderlich geräumig, aber wenn ich ehrlich bin, lege ich auch keinen großen Wert auf Kleidung. Nicht wie meine Kollegin Rachel. Mein ganzes Schlafzimmer inklusive Schrank würde in ihr Ankleidezimmer passen.

Aber wozu bräuchte ich den Platz?

Ich habe ein paar Hosenanzüge, die ich bei der Arbeit trage, ein paar Jogginghosen, die ich sowohl zum Sport als auch hin und wieder für einen gemütlichen Couchabend nutze, ein paar T-Shirts und ein paar dezente Kleider für Veranstaltungen, vor denen ich mich nicht drücken kann.

Mein Blick fällt auf das einzige Kleid, das man nicht gerade als unauffällig oder dezent bezeichnet, da sich die pastellrosa Farbe von meinen anderen Kleidungsstücken deutlich abhebt. Ich wüsste nicht, zu welchem Event ich das noch einmal anziehen werde. Es hätte durchaus gereicht, es zu leihen, aber die Assistentin meines zukünftigen Schwiegeronkels war der Ansicht, dass nur Eigentum das Wahre ist. Und was würde sich besser für eine Verlobungsparty eignen als ein Traum aus Rosa und Spitze? Würg.

Ich seufze erneut, während mein Blick vom Kleid auf das filigrane Schmuckstück mit dem hochkarätigen Edelstein an meinem linken Ringfinger fällt. Was hätte ich dafür gegeben, wenn Black Tear ihn an diesem Abend in einem ihrer mysteriösen Raubzüge direkt vor der Nase meines zukünftigen Schwiegeronkels geklaut hätte?

Ganz kurz hatte ich sogar felsenfest damit gerechnet, dass sie da sein würde, denn warum sollte Detective McMillian sonst vor Ort gewesen sein? Ich kannte ihn im Grunde gar nicht – wobei das auf fünfundneunzig Prozent der anwesenden Gäste zutraf. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, gehören ihre Raubzüge mittlerweile der Vergangenheit an. Zumindest hat man seit Monaten nichts mehr von ihr gehört. Ein regelrechtes Aufatmen ging durch die Uptown – wenigstens bei den Leuten, die sich für so was wie Schmuck, Diamanten und Juwelen interessieren. Und das trifft auf den Großteil der Bevölkerung Newton-ups zu.

Ich schnappe mir meinen dunkelblauen Hosenanzug und kombiniere ihn mit einer weißen Bluse, ehe ich ins Bad gehe und mich für den Tag fertigmache.

✦ ✦ ✦

»Hey Mäuschen. Wie geht es dir?«, fragt mich die verschlafene Stimme meines Dads, während ich mich zu Fuß auf den Weg ins Rathaus mache.

Ich justiere das DirectCom im Ohr etwas nach, sodass ich ihn besser verstehe.

»Gut Dad, alles bestens. Und dir? Du hörst dich an, als hättest du mal wieder mehr als eine 24-Stunden-Schicht hinter dir.«

Er lacht leise und es klingt so verschlafen, dass ich mir sicher bin, dass er die vergangene Nacht durchgearbeitet hat – mal wieder.

»Mach dir keine Sorgen um mich, Mäuschen. Ich passe schon auf mich auf, aber zuletzt sind drei Kollegen krank geworden und ich muss mit einspringen, wenn wir nicht aus allen Nähten platzen wollen. Die Grippewelle hat uns voll im Griff.«

Ich runzle die Stirn.

»Was hat deine Station mit der Grippe zu tun?«

Er arbeitet auf der Neurologie. Er ist wohl der einzige Chefarzt, der beim Daily Business einspringt, weil Kollegen krank werden. Aber so war er schon immer. Sein Beruf war und ist sein Leben. Jede freie Minute verbringt er im Krankenhaus, und wenn er nicht operiert oder andere Untersuchungen durchführt, forscht er. Im Grunde habe ich den Großteil meiner Kindheit dort verbracht – auf Station, wenn er Visite hatte, oder neben ihm in seinem Labor, während er durch Mikroskope schaute.

Ich lächle leicht bei der Erinnerung.

»Wir haben ein paar Betten zur Verfügung gestellt. Außerdem vermute ich bei der neuen Mutante, dass sie das zentrale Nervensystem–«

»Dad!«, unterbreche ich ihn, bevor ich nicht mehr dazu in der Lage bin. »Du weißt, dass ich kein einziges Wort davon verstehe und du das lieber deinen Assistenzärzten erzählen solltest, um die Bewunderung zu bekommen, die dir gebührt.«

»Ach Mäuschen«, lacht er warm und ich stimme mit ein. »Bist du auf dem Weg zur Arbeit?«, fragt er und gähnt herzhaft auf.

»Ja, genau und du gehst jetzt schleunigst zu Bett! Und zwar das Bett bei dir zu Hause und nicht im Bereitschaftszimmer!«

»Jawohl, Mom!«, höre ich ihn schmunzeln. Gefolgt von einem weiteren Gähnen.

»Ich meine es todernst, Dr. Greenweat!«, sage ich und versuche dabei, einen ernsten Ton einzuschlagen, der weder in der Vergangenheit, noch heute von anderen wirklich für voll genommen wird. »Ich sage Schwester Maggie Bescheid und die haut dir dann auf die Finger, wenn du nicht in zehn Minuten verschwunden bist!«

Wieder lacht er und ich kann mir bildlich vorstellen, wie er müde die Augen schließt und einsichtig nickt. Diese Drohung wirkt bei ihm zum Glück immer.

»Einverstanden. Kommst du heute Abend zum Essen vorbei? Ich mache mein weltberühmtes Kartoffelpüree.«

Ich verziehe mein Gesicht zu einem gequälten Lächeln. So schlau und begnadet Dad in seinem Job ist, so untalentiert ist er in der Küche – was ihn nicht davon abhält, es immer wieder zu versuchen. Wenn ich nicht wüsste, dass er die meiste Zeit in der Kantine des Krankenhauses isst und seine Reinigungskraft Danielle ihm ab und an richtiges Essen zubereitet, hätte ich mich schon lange dafür eingesetzt, dass er einen Privatkoch bekommt.

»Ich würde super gerne, Dad, aber Toni kommt heute Abend vorbei, damit wir die finale Zusagenliste durchgehen können, die mir gestern von Agnes geschickt wurde.«

Agnes ist die persönliche Assistentin vom stellvertretenden Bürgermeister Liverston – viel mehr dem derzeitigen Übergangsbürgermeister Liverston und meinem Quasi-Schwiegervater in spe.

»Zusagenliste?«, fragt mein Dad und ich höre deutlich, wie er sich über mich lustig macht. »Die müsst ihr selbst durchgehen? Hast du denn keine Leute für so was?«

Ich lache ebenfalls, auch wenn sich dabei ein dicker Kloß in meinem Hals bildet – ich weiß allerdings, dass es sich bei der Aussage meines Dads nur um Galgenhumor handelt. Er versucht mich immer aufzumuntern, indem er sich darüber lustig macht. Dabei ist an meiner Lage absolut gar nichts lustig.

»Vorsicht oder ich setze dich an einen anderen Tisch!«, warne ich im Scherz.

»Wenn du dich zusammen mit mir an einen anderen Tisch setzt, Mäuschen, plädiere ich sehr stark dafür!«

»Dad!«, seufze ich, kann aber ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

In der Öffentlichkeit benimmt er sich zum Glück, aber wenn wir unter uns sind, kann er sich nicht beherrschen und lässt nur zu deutlich vernehmen, was er von meiner zukünftigen Schwiegerfamilie hält – und meinem zukünftigen Gatten.

»Ich bin jetzt da. Geh nach Hause und schlaf!«

»Ai ai, Mäuschen!«

»Und bitte lass Danielle heute Abend dein Essen kochen. Ich will nicht, dass du dich vergiftest und ich ohne dich diese Hochzeit überstehen muss!«

Er lacht glucksend auf.

»Lass dich nicht ärgern, River! Hab dich lieb!«

»Ich dich auch, Dad!«

✦ ✦ ✦

Ich habe Politikwissenschaften mit Nebenfach Politikmarketing studiert in der Hoffnung, dass ich eines Tages dazu beitrage, diese verrückte Welt ein bisschen weniger verrückt zu machen. Und welche Frage beschäftigt mich jeden einzelnen Tag, seit ich meinen Abschluss habe, am meisten?

»Wer war zuletzt an der Kaffeemaschine und hat die Aufforderung zum Entkalken ignoriert?« Ich stöhne auf, während Rachel neben mir ein leises Kichern unterdrückt. Ich sehe mit zusammengekniffenen Augen zu ihr, die Maschine vor mir setzt dazu an, heißes Wasser durch ihre Düsen zu pusten. »Hast du was zu verbergen?«

Sie hebt abwehrend die Hände und schüttelt kichernd den Kopf.

»Du weißt doch genau, dass ich keinen Kaffee trinke.«

»Ich auch nicht.« Leise seufze ich und schaue ungeduldig auf die Uhr über der Tür.

Ich bin jetzt schon zu spät. Na toll.

»Liverston sollte sich seinen dämlichen Kaffee einfach mal selbst machen. Dann würde er sehen, dass es nicht deine Schuld ist, wenn es länger dauert. Diese Maschine stammt noch aus Vorkriegszeiten, wenn du mich fragst. Er könnte auch einfach mal eine neue springen lassen, die nicht nach allen zehn Brühgängen eine Entkalkung verlangt und andernfalls ihren Dienst quittiert.«

Ich beiße meine Zähne aufeinander, um ihr nicht zuzustimmen. Ich muss die Füße stillhalten und kann mir nicht erlauben, dabei erwischt zu werden, wie ich despektierlich über meinen zukünftigen Schwiegeronkel Schrägstrich Chef spreche, nur weil ich von der Kaffeemaschine verspottet werde.

»Hat er dir jetzt eigentlich die Verantwortung für seine Marketingkampagne gegeben?«

Rachel nippt an ihrem Becher mit Fencheltee.

Ich mustere sie kurz. Witzigerweise haben wir beide heute den gleichen Hosenanzug an. Im Gegensatz zu mir hat sie ihren blonden Longbob zu Locken aufgedreht, ich meine dunklen Haare zu einem strengen Knoten zusammengesteckt.

Mein Blick huscht zur Tür und ich senke die Stimme.

»Ich darf daran mitarbeiten, aber ...« Ich stocke kurz und spreche noch ein wenig leiser weiter. »Die Verantwortung hat Toni.«

Rachel stöhnt laut auf, sodass ich mit Händen und Füßen versuche, sie zu einer angemesseneren Lautstärke zu bewegen.

»Psst, Rachel!«, ermahne ich sie und schaue panisch zur Tür.

»Was, psst, Rachel? Das ist doch nicht zu fassen! Der? Was hat der bitte mit Marketing am Hals? Oder mit Politik? Oder mit irgendwas?«

»Er hat Marketing studiert, Rachel. Das weißt du!«, springe ich für meinen Verlobten in die Bresche, ernte jedoch nur eine erhobene Augenbraue.

»Hat er auch einen Abschluss darin?«

Ertappt!

Ich hole tief Luft.

»Hör zu: Das ist gut. Ich werde den Großteil der Kampagne selbstständig gestalten dürfen und–«

»Und er erntet dafür am Ende die Lorbeeren. Ja, Riv, das ist richtig gut!«

Sie prustet empört auf und schüttelt den Kopf.

»Quatsch«, springe ich dazwischen. »Toni verkauft meine Arbeit nicht als seine.«

»Klar, weil er das in der Vergangenheit auch noch nie getan hat.«

Purer Sarkasmus. Ich verdrehe die Augen.

»Wenn du auf die Richman-Kampagne anspielst, die wir letztes Jahr für Storm ausgearbeitet haben; ich habe ihm gesagt, dass er behaupten kann, dass der Pitch von ihm war.«

Rachel lacht humorlos auf und schüttelt den Kopf.

»Das sind ja richtig tolle Aussichten auf eure Ehe.«

Ich verenge die Augen.

»Was soll das jetzt wieder heißen?«

»Ganz einfach: Du sagst zu jedem Scheiß Ja und Amen. Wenn er mit dem Finger schnippst, dann tust du, was von dir verlangt wird. Du gibst deine Wohnung für ihn auf. Und es kommt noch so weit, dass du nach der Hochzeit deinen Job kündigst, direkt schwanger wirst und nur noch zu Hause auf die lieben Kleinen aufpasst.«

Ich beiße meine Zähne zusammen. In erster Linie, weil sie theoretisch nicht ganz daneben liegt. Es wurde zwar bislang nicht so deutlich kommuniziert, aber ich kann durchaus zwischen den Zeilen lesen.

»Manche Frauen sind gerne Mutter. Es schenkt ihnen Erfüllung. Ein Wort, das du wahrscheinlich erst mal im Wörterbuch nachschlagen musst«, kontere ich bitterer als beabsichtigt.

Rachel lacht auf.

»Erfüllung? Das muss ich nicht nachschlagen, Süße. Das empfinde ich jeden dritten Dienstag im Monat, wenn ich nach Stans Schicht im Club mit ihm unser kleines Monatsnümmerchen schiebe.« Ich verziehe gequält das Gesicht, dabei lacht Rachel laut auf. »Mal im Ernst, Riv, klar gibt es Frauen, die gerne Mutter sind. Allerdings kenne ich dich bereits seit unserem Studium. Mit Betonung auf ich kenne dich! Du bist einfach nicht der mütterliche Typ. Und du bist auch nicht Liverstons persönliche Kaffeefee. Du bist zu–«

»Wenn du jetzt sagst, ich sei zu Höherem bestimmt, kipp ich dir deinen Fencheltee über den Kopf. Das mit dem Muttersein kann man sicher lernen. Wenn man ohne Mutter aufwächst, ist es vielleicht ein wenig schwieriger, aber nicht unmöglich. Ich würde das schon hinkriegen.«

Sie holt Luft, um in die nächste Runde zu starten, als ein älterer Herr mit grauen Haaren in Anzug und Krawatte in die Küche späht. Kevin.

»Hier seid ihr ja!« Er stöhnt auf, scheint aber froh, uns endlich gefunden zu haben. »Die Besprechung hat vor fünf Minuten angefangen. Liverston fragt schon, wo ihr bleibt.«

»Ich muss noch seinen Kaffee–«, beginne ich, doch Kevin schüttelt nur den Kopf.

»Er hat schon einen. Kommt jetzt und hört auf zu schnattern wie zwei alte Klatschweiber.«

Arbeitsalltag mit Hindernissen

Streng genommen bin ich nicht Liverstons persönliche Assistentin – oder Kaffeefee wie Rachel mich gerne nennt –, auch wenn alle im Rathaus mich als solche betrachten. Ich bin politische Marketing Managerin angestellt bei der Stadt Newton – im Grunde ist Liverston also nicht einmal mein richtiger Chef. Aber er hätte durchaus die Macht, mir meine Position ganz schnell zu nehmen, wenn ich es mir mit ihm verscherze.

Ich habe für Storm an seinen Kampagnen gesessen, auch wenn er eine sehr verstaubte Ansicht zu dem ganzen Thema Marketing hatte. Er war stets der Meinung, seine Taten würden für ihn sprechen und mehr bräuchte er nicht, um erfolgreich zu sein.

Seit seinem Tod im vergangenen Jahr habe ich einige Entwürfe für Liverstons Wahlkampf angefertigt. Seine finalen Favoriten will er uns heute vorstellen und Toni, ich und zwei weitere Marketingassistenten werden seine Konzepte für die anstehende Wahl ausarbeiten. Das heißt, ich werde die Konzepte ausarbeiten. Toni ist die meiste Zeit mit anderen Dingen beschäftigt und die beiden Assistenten haben ein unglaubliches Talent dafür entwickelt, spurlos zu verschwinden. Das haben sie sich vermutlich von meinem Verlobten abgeschaut.

»Da bist du ja, River, Liebes«, grüßt mich Liverston, klopft mir einmal auf die Schulter, während sich Rachel mit einem Augenverdrehen neben mich auf einen der Stühle fallen lässt.

Sie hat sich auf die politischen Finanzen spezialisiert, auch wenn ihre Ausarbeitungen immer noch einmal von ihren beiden männlichen Kollegen gegengecheckt werden. Sie will es genauso wenig zugeben wie ich, aber den Großteil ihres Tages verbringt sie ebenfalls damit, Kaffee zu kochen. Sie sagt, letztes Jahr hätte sie sich das noch gefallen lassen, aber sobald Kevin in ein paar Wochen in Pension geht – und sie verspricht sich seine Stelle zu bekommen – würde das endlich ein Ende finden. Ich wünsche es ihr von Herzen!

»Wie ich eben bereits sagte«, beginnt Liverston in seinem üblichen, geschäftigen Tonfall zu referieren, »bestehen die drei Säulen meiner Kandidatur aus Sicherheit, Abgrenzung und Wohlstand.«

Ich atme tief ein und höre Rachel neben mir das gleiche tun. Ich habe ihm mehr als einmal dazu geraten, sich von dieser Abgrenzungsgeschichte zu distanzieren, aber er scheint vehement dabeibleiben zu wollen. Dabei verspielt er sich dadurch wichtige Wählerstimmen. Was alle in diesem Raum nur zu oft vergessen: Auch die Downtowner sind wahlberechtigt.

Gut, seit Jahren liegt die Wahlbeteiligung in Newton-down bei unter sieben Prozent, aber wenn man gerade darauf den Fokus legen würde, könnte man das für sich nutzen. Allerdings ist Liverston der Meinung, dass er nur die Uptown für sich gewinnen müsse, schließlich ist die Anzahl der Wählerinnen und Wähler hier um ein Vielfaches höher. Da hat er zwar recht, aber nur, weil so gut wie niemand aus Newton-down wählt. Wäre das anders, könnte die Anzahl der Wähler der Downtown deutlich größer als die der Uptown sein, da dort schlichtweg mehr Menschen leben.

»Wie sehen Ihre konkreten Pläne aus, Sir?«, fragt ein junger Mann, der mir gegenüber sitzt.

Ich habe seinen Namen vergessen, da er erst seit wenigen Wochen in Liverstons Wahlkampfteam ist. Alles, was ich bislang von ihm gehört habe, waren Schmeicheleien und Befürwortungen bei allem, was Liverston von sich gegeben hat.

Dieser schenkt ihm ein knappes Lächeln.

»Die Newton Police wird vermehrte Streifen in den Grenzgebieten und in der Downtown fahren. Es müssen auch mehr Kontrollen in Newton-down durchgeführt werden. Eine Black Tear darf es in meiner Amtszeit nicht geben. Das muss alles strengstens überwacht werden. Jede Auffälligkeit muss protokolliert und angezeigt werden. Wir brauchen zusätzliche Gelder, um weitere Officers ausbilden und einstellen zu können.«

Er sieht zu Kevin, der sofort nickt und etwas auf seinem Panel notiert, während Rachel nur skeptisch eine Augenbraue hebt.

»Sir, ist das Geld nicht sinnvoller in den Ausbau unserer Infrastruktur oder das Gesundheitswesen investiert?«, fragt sie direkt, erntet jedoch nur ein kurzes Kopfschütteln von Liverston.

»Unsere Infrastruktur und auch das Gesundheitssystem sind völlig ausreichend, Miss Troudau. Woran es uns aber mangelt, sind Grenzabsperrungen. Ich denke hierbei nicht an Zäune – diese Form der Abgrenzung ist leider aus der vergangenen Geschichte negativ belastet. Denken Sie am besten alle einmal darüber nach, in welcher Form verstärkte Grenzkontrollen zwischen Up- und Downtown aussehen könnten. Den Bürgern der Uptown soll dadurch ein Gefühl der Sicherheit vermittelt werden, ohne dass es so aussieht, als wäre die Downtown kein Teil von uns. Jeder kennt das bekanntlich schwarze Schaf der Familie. Keiner liebt es, aber irgendwie gehört es dazu und man tätschelt ihm einmal im Jahr zu Weihnachten mitleidig den Kopf. So geht es uns mit Newton-down.« Er lacht übertrieben auf. »Machen Sie was draus, meine Herrschaften ... und Damen«, fügt er lächelnd an Rachel und mich gewandt hinzu.

Ich atme erneut tief ein.

Er will einen noch größeren Keil in unsere Stadt treiben und dabei als der große Wohltäter dastehen? Sein Marketingteam, das das umsetzen muss, tut mir jetzt schon leid. Ach, warte mal, das bin ja ich.

»Richard, meinen Sie nicht«, beginne ich zögerlich. »Denken Sie nicht, dass die Scannerkontrollen in sämtlichen Einrichtungen der Uptown genug sind? Die Downtowner kommen so gut wie nie in die Uptown, weil sie sich hier sowieso unerwünscht fühlen. Wieso–«

»Ist das so, River?«, fragt Liverston und klingt dabei, als würde er einem Kleinkind die Welt erklären. Sein Blick wird mitleidig, fast schon als erwecke ich den Eindruck, dass ich mehr als naiv und äußerst schwer von Begriff bin. »Wie konnte es dann erst im vergangenen Jahr dazu kommen, dass so etwas wie diese korrupte Organisation unter Storm in der Uptown schalten und walten konnte, wie es ihr passte? Und vergiss bitte Black Tear nicht! Nein, nein, ich habe den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt mehr Sicherheit versprochen. Und die werden sie auch bekommen.«

Ich beiße mir auf die Unterlippe und nicke lächelnd – ohne ihn darauf hinzuweisen, dass diese mysteriöse Organisation, die eine Woche durch die ganze Presse ging, bevor dann ein Berichterstattungsverbot durchgesetzt wurde, von einem Uptowner initiiert wurde. Die Ermittlung darum, wie es dazu überhaupt kommen konnte, da Gustavo de Fabricio clean ist, wurde inzwischen ebenfalls eingestellt. Zumindest hat mir das mein Vater hinter hervorgehaltener Hand aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt – er pflegt sehr gute Beziehungen in die Genforschungsabteilung des Krankenhauses, in der er regelmäßig aushilft. Angeblich ist de Fabricio krank und die Untersuchungen wurden daher auf ungewisse Zeit pausiert.

»Spätestens in einer Woche werden die finalen drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt feststehen. Als stellvertretender Bürgermeister ist mein Name gesetzt, aber ich will nichts dem Zufall überlassen. Bis Ende dieser Woche will ich daher drei finale Kampagnen zu den jeweiligen Säulen, damit wir direkt Anfang nächster Woche loslegen können. Ich danke Ihnen!«

Mit diesen Worten ist die Sitzung beendet. Stühle werden gerückt, die beiden Marketingassistenten, die mich keines weiteren Blickes würdigen, obwohl wir jetzt Gas geben müssen, verkrümeln sich so schnell sie können. Kopfschüttelnd wende ich mich an Liverston.

»Wo ist Toni? Ich sollte mich direkt mit ihm zusammensetzen und mit der Ausarbeitung beginnen. Apropos–«, will ich gerade noch hinzufügen, denn Liverston hat gar nicht gesagt, welche meiner Kampagnenentwürfe für ihn in die engere Wahl gekommen sind.

»Antonio«, unterbricht Liverston väterlich lachend. »Der Junge treibt mich noch zur Weißglut. Ich bin froh, wenn ihr beide endlich zusammenwohnt und du ihn ein bisschen besser im Blick hast. Das wird ihm guttun!«

Er lacht schallend auf, doch ich ignoriere es.

»Wo ist er denn? Hätte er nicht eben mit dabei sein sollen als neuer Verantwortlicher für die Marketingstrategie?«

Liverston sieht mich einen Moment nachdenklich an.

»Wenn ich das wüsste, wäre ich auch glücklicher, glaub mir, River, Liebes. Aber du kennst Antonio ja.«

Ich nicke langsam.

Ja, mittlerweile kenne ich meinen Verlobten nur zu gut. Ich werde gleich als Erstes versuchen, ihn zu erreichen. Und wie da meine Chancen stehen, ist mir leider nur zu bewusst.

»Welche der Entwürfe haben Sie in die engere Wahl genommen?«, hake ich nach. »Dann kann ich gleich schon einmal mit der Überarbeitung starten.«

Liverston kramt derweil in seiner Aktentasche herum und schaut mich schließlich wieder mit seinem mitleidigen Blick an.

»Hat Antonio dir noch nichts gesagt?«, fragt er und schüttelt voller Bedauern den Kopf. »Dieser Junge. Die Entwürfe entsprachen leider nicht ganz meiner Vorstellung.«

Eigentlich müsste mich das mehr treffen, nach der ganzen Arbeit, die ich letzte Woche hineingesteckt habe, aber seltsamerweise straffe ich lediglich die Schultern und atme einmal tief durch. Hinter mir nehme ich eine Bewegung wahr und sehe, dass Rachel noch immer auf ihrem Platz sitzt und auf mich wartet.

»Miss Troudau? Kann ich etwas für Sie tun?«, fragt Liverston, dem sie jetzt ebenfalls aufgefallen ist.

»Nein, Sir, danke. Ich warte nur auf River, damit wir die voraussichtlichen Kosten zusammen durchsprechen können.«

Liverston knirscht kurz mit den Zähnen, wendet sich dann jedoch wieder mir zu.

»Hör zu, River, die Entwürfe waren gut, keine Frage, aber sie waren doch ein wenig zu ... experimentell.«

»Experimentell?«, hake ich nach, während er einmal demonstrativ auf seine Uhr schaut.

»Ja. Zu gewagt. Ich denke nicht, dass die Bürger der Uptown schon so weit sind. Ich hatte einfach das Gefühl, du hältst nach wie vor zu sehr an deiner Idee fest, die Downtown in die Wahl zu integrieren.«

Ja klar, als wären bei dieser Umsetzung die Bürgerinnen und Bürger nicht so weit. Dass ich nicht lache!

»Nun, Sie wissen ja mit welcher Begründung. Wir könnten dadurch noch viel mehr Wählerinnen und Wähler erschließen und–«

»Nicht in einer Gesellschaftsschicht, in der es nur knapp sieben Prozent Wahlbeteiligung gibt. Das ist vergeudete Liebesmüh, River. Wir konzentrieren uns auf die Uptown und daher muss die Kampagne auch auf Bürgerinnen und Bürger der Uptown zugeschnitten sein. Setze den Fokus darauf, dass ich bereits Black Tear und Gustavo de Fabricio zu Fall bringen konnte, obwohl ich derzeit nur die Stellvertretung des Amtes innehabe. Was ich wohl bewegen könnte, wenn ich erst Bürgermeister von Newton bin? Eher eine solche Richtung einschlagen. Verstehst du?«

Ich nicke langsam und versuche, mir den Frust nicht anmerken zu lassen. Er will sich also Lorbeeren einheimsen, die ihm noch nicht einmal zustehen. Was habe ich anderes erwartet? Denn soweit ich weiß, gebührt dem Chief der Newton Police, Julius Turner, der Ruhm – sowohl wenn es um Black Tear als auch um de Fabricio geht.

»Ich habe Antonio bereits ein umfangreiches Feedback geschickt. Setz dich mit ihm zusammen und überarbeitet eure Entwürfe.«

Mit diesen Worten nickt er Rachel und mir zu und verschwindet.

»Eure Entwürfe?«, knirscht sie mit den Zähnen und ich lasse mich wieder auf meinen Stuhl fallen.

Na toll.

Die ganzen Nächte umsonst daran gesessen!

✦ ✦ ✦

»Wo bist du?«, hinterlasse ich zum vierten Mal eine Nachricht für Toni, da er sich einfach nicht bei mir zurückmeldet. »Ich brauche das Feedback zu meinen letzten Entwürfen, damit ich mit der Arbeit vorankomme. Bitte leite mir umgehend Richards Anmerkungen weiter, sobald du diese Nachricht hörst. Und melde dich bei mir! Ich hoffe, du hast nicht vergessen, dass wir heute Abend die Sitzordnung finalisieren.«

Ich wische seinen Kontakt auf dem Panel zur Seite und lasse das Gerät unsanft auf den Schreibtisch fallen.

»Immer noch keine Antwort?«, reißt mich Rachel aus den Gedanken, die lässig in der Tür zu meinem Büro lehnt – nun, viel mehr dem kleinen Vorzimmer von Liverston, in dem ich untergebracht bin.

Eigentlich sitze ich mit Toni und den beiden Assistenten in einem eigenen Marketingbüro, aber nur mein Verlobter hat den Schlüssel und der ist – mal wieder – spurlos von der Erde verschwunden. Bis auf einige Notizen zu abgewandelten Ideen, die eher nach Liverstons Geschmack sein dürften, konnte ich bislang nicht viel machen.

Ich brauche dieses Feedback!

Liverston befindet sich in einem mehrstündigen Meeting. Den kann ich nicht damit behelligen, dass er mir seine Anmerkungen noch einmal schickt. Außerdem würden dann erneut unangenehme Fragen nach dem Verbleib seines Neffen aufkommen – und warum ich nicht in der Lage bin, als seine Verlobte und zukünftige Frau, einen besseren Blick auf ihn zu haben. Und Agnes, seine Assistentin, die im angrenzenden Raum neben mir sitzt, weiß leider von nichts – außer davon, dass die Sitzordnung immer noch nicht finalisiert wurde, was sie zusehends aufregt.

Als wäre das ihre eigene Hochzeit.

»Nein!«, seufze ich und sehe sie fast schon mitleiderregend an. »Er könnte überall sein.«

»In irgendeiner Spielhalle oder er schläft noch seinen Rausch aus«, mutmaßt Rachel und kommt näher.

Ich streite es nicht ab.

Mir fehlt die Kraft, ihn jetzt in Schutz zu nehmen. Zwei Schritte vor mir bleibt sie stehen und hält mir ein weißes Kärtchen hin.

»Was ist das?«, frage ich und greife automatisch danach.

»Dein Wellnesstermin in der Mittagspause.«

»Mein was?«, lache ich stirnrunzelnd und erkenne das Emblem eines kleinen Salons im Zentrum der Stadt – gar nicht weit vom Rathaus entfernt.

»Eigentlich meiner, aber du hast es nötiger als ich und kannst gerade eh nichts machen. Geh hin und sag, dass du den Termin von mir übernimmst, weil ich es nicht schaffe. Bezahlt ist er schon. Lass dich verwöhnen und dann hast du danach mit Sicherheit genug Energie, um deinem Waschlappen von Verlobten so richtig die Schuhe aufzupumpen.«

»Ich kann das nicht annehmen, Rachel, ehrlich, ich–«

»Du kannst und du wirst. Also los. In fünfzehn Minuten musst du da sein!«

✦ ✦ ✦

Etwas außer Atem trete ich in den kleinen Salon und werde direkt von einer Wolke aus himmlischen Düften umnebelt, die mich fast schon benommen machen.

»Hi«, werde ich von einer jungen Frau begrüßt, die mich strahlend von Kopf bis Fuß mustert, als würde sie mich einmal scannen – was sie daraufhin auch wirklich macht. »Miss Greenweat«, liest sie meinen Namen von ihrem Scanner ab und ihr Strahlen wird noch ein klein wenig breiter. »Herzlich willkommen. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Ich halte ihr das Kärtchen hin, das ich von Rachel bekommen habe.

»Rachel Troudau kann leider ihren Termin nicht wahrnehmen und schickt daher mich – quasi als Vertretung.«

Die junge Frau lacht herzlich und nimmt mir meinen Mantel ab.

»Natürlich sehr gern. Machen Sie es sich schon einmal bequem. Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen? Einen Prosecco oder einen Champagner vielleicht?«

Mein Lächeln bleibt standhaft, während die Frau mich weiter ins Innere des Salons führt und auf einen bequemen Sessel deutet, auf dem ich Platz nehme.

»Danke, aber hätten Sie auch ein Mineralwasser? Ich muss nachher noch arbeiten.«

Die Dame nickt freundlich, auch wenn ich das kurze Flackern in ihrem Blick nur zu deutlich wahrnehme. Ein skeptischer Ausdruck, den ich schon öfter von anderen – nicht nur von Frauen – ernten durfte. Es sagt so viel wie: ›Arbeiten? Du? Obwohl dein Daddy Chefarzt ist und dein zukünftiger Schwiegervater der zukünftige Bürgermeister?‹

Dabei ist Liverston nach der Hochzeit nicht einmal mein Schwiegervater im wörtlichen Sinne, sondern mehr mein Schwiegeronkel. Aber irgendwie ist das gehüpft wie gesprungen und Haarspalterei.

Toni hat seine Eltern mit fünf Jahren durch einen Autounfall verloren und wuchs bei Liverston und seiner damaligen Frau auf, gemeinsam mit deren Sohn Richard Jr. – mein eigentlicher Verlobter, wenn er nicht im Alter von sechzehn Jahren spurlos verschwunden wäre. Manchmal frage ich mich, ob er wirklich tot ist, oder ob er vor diesem Leben nur davongelaufen ist und am anderen Ende der Welt an einem Strand sitzt, Cocktails schlürft und sich insgeheim über mich lustig macht. Denn anstatt die Verlobung zu lösen, gab es lediglich eine neue Übereinkunft. Ganz à la ›Hey, Richard Jr. ist zwar jetzt weg, aber ich hab hier noch einen Jungen. Dann heiratet sie halt ihn!‹

Mein Dad hat sein Möglichstes versucht, um den Vertrag zwischen ihnen für nichtig zu erklären, doch Liverston hatte definitiv die besseren Anwälte und mein Dad den berühmt-berüchtigten kürzeren Hebel. Ich bin ihm mehr als dankbar, dass er es zumindest probiert hat, aber mittlerweile habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden.

Immerhin konnte er noch das Datum der Hochzeit verhandeln. Ursprünglich sollte diese bereits vor Jahren stattfinden. Allerdings war Richard Jr. deutlich jünger als ich, weshalb mein Dad durchsetzte, dass er erst einmal ein angemessenes Alter erreichen sollte, ehe wir uns kennenlernen und heiraten würden. Nach seinem Verschwinden wollte Liverston das Jahr der Hochzeit neuverhandeln, da Toni lediglich ein Jahr jünger ist als ich, doch in diesem Punkt war mein Dad standhaft. Dadurch hat er mir noch ein paar freie Jahre rausgeschlagen, in denen ich tun konnte, was ich wollte – so auch studieren.

»Clarissa ist leider krank«, beginnt die junge Frau, während sie mir ein Wasser an einem kleinen Beistelltisch eingießt. »Aber Grace wird sich sehr gut um Sie kümmern, Miss Greenweat. Einen kleinen Moment Geduld bitte.«

»Na klar«, lächle ich und nehme dankend das Getränk entgegen.

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen – zumindest das, was ich davon sehe, denn ich bin in einem abgegrenzten Bereich. Die Privatsphäre gefällt mir und generell fühle ich mich hier durchaus wohl und beginne langsam, meine Schultern zu entspannen. Der unbewusste Stress nagt offensichtlich doch an mir, denn ich spüre schon seit Wochen dieses unangenehme Ziehen im Nacken. Ich bin tatsächlich mehr als froh, wenn sowohl die Wahlkampfkampagne als auch diese elendige Hochzeit hinter mir liegen und ich mich wieder mehr entspannen und einen Alltag etablieren kann.

»Hi, Miss Greenweat? Ich bin Grace«, begrüßt mich eine fröhliche junge Frau, die etwa in meinem Alter sein muss. Ich halte ihr meine Hand hin, die sie sofort ergreift.

»Einfach nur River, bitte.«

»Gerne«, strahlt sie und ich spüre, wie ich mich in ihrer Nähe direkt noch mehr entspanne. Wie gut, dass Rachel mich hierzu überredet hat. »River. Was darf ich dir heute Gutes tun?«

Sie hat ihre roten Locken zu einer wilden Hochsteckfrisur gebunden, trägt eine weiße Bluse und einen dunklen Rock. Ihr Make-up ist natürlich und sehr dezent – im Gegensatz zu dem der Frau, die mich eingangs begrüßt hat. Ja, die meisten Damen der Uptown legen nicht nur großen Wert auf ihre Diamanten und Juwelen, sondern auch auf ein auffälliges Erscheinungsbild. Je mehr man glänzt und auffällt, desto einflussreicher muss man schließlich sein. Und Einfluss ist gleichbedeutend mit Beliebtheit.

Ich atme tief ein und zucke dann mit den Schultern. Verlegen lache ich, denn ich habe absolut keine Ahnung.

»Der Termin gehört eigentlich meiner Arbeitskollegin. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was sie genau gebucht hat.«

Grace lächelt nach wie vor herzlich und legt ihren Kopf schief, als würde sie eine leere Leinwand begutachten.

»Im Grunde ist das egal. Ich bin anderthalb Stunden nur für dich da. Spezialisiert bin ich auf Make-up, aber ich glaube, ein wenig mehr Wellness könnte dir ganz guttun, oder?«

Meine Augen weiten sich.

Woher weiß sie, dass ich gestresst bin? Ist das etwa so offensichtlich?

»Klar, gerne. Wellness klingt wirklich himmlisch.«

Grace nickt und beginnt damit, Wasser in ein kleines Becken zu meinen Füßen einzulassen.

»Oh ja, das glaube ich. Es muss unheimlich stressig sein – mit der verschobenen Hochzeit und so.«

In dem Moment wird mir klar, woran sie denkt, und ich seufze lautlos. Natürlich! Es ging Ende letzten Jahres schließlich durch alle Medien: die verschobene Hochzeit aufgrund von Bürgermeister Storms Ableben. Ich hatte es schon ganz vergessen, denn so traurig der Umstand auch war, ich war so unendlich froh, wenigstens noch ein paar Monate gewonnen zu haben.

Ich habe mich schlecht gefühlt wegen meiner Gedanken. Ich mochte Roger Storm und er war immer nett zu mir. Seine Familie so trauern zu sehen, hat mir das Herz gebrochen. Aber die Nachricht am Vortag meiner Hochzeit kam wie ein Befreiungsschlag. Ich wusste, dass sie nur aufgeschoben war und definitiv stattfinden würde, aber ich durfte noch etwas länger so tun, als wäre ich ein freier Mensch.

Denn dass Liverston erst einmal diese Wahl über die Bühne bringen wollte, war mehr als klar.

»Ja«, sage ich ausdruckslos, da Grace eine Erwiderung erwartet.

»Steht der neue Termin schon fest?«, fragt sie strahlend, während sie mir aus den Pumps und der Strumpfhose hilft.

»Ähm, ja«, sage ich abwesend und nicke. »In etwa drei Monaten, wenn sich alles nach der Bürgermeisterwahl beruhigt hat.«

Grace strahlt noch immer, während sie verschiedene Öle ins Wasser mischt. Als ich die Füße hineintauche, lasse ich mich wohlig seufzend im Sitz zurückfallen. Eine absolute Wohltat! Ich schließe meine Augen und genieße das entspannende Gefühl.

»Wie aufregend«, lächelt sie.

Ihr Tonfall stimmt dabei nicht gänzlich mit ihren Worten überein und ich öffne meine Augen. Ihr Lächeln ist nicht mehr so strahlend wie vorher. Fast schon, als wüsste sie, dass es in Wirklichkeit nicht im Geringsten so romantisch ist, jemanden heiraten zu müssen, den man im Grunde gar nicht liebt. Wobei sie das eigentlich gar nicht wissen kann, denn schließlich gehe ich mit diesem Fakt nicht hausieren.

Sie bereitet zwei weitere Schälchen mit warmem Wasser und ätherischen Ölen vor, in die ich meine Hände tauche.

»Bist du auch verheiratet?«, frage ich aus einer Laune heraus und in der Hoffnung, dass das ein wenig von der Fragerei zu meiner Hochzeit ablenkt.

»Nein«, lächelt sie, während sie eine grünliche Paste anrührt. »Ich sollte.« Sie stockt. »Aber es wurde nichts draus.«

»Das tut mir leid«, bemerke ich mitfühlend, doch sie schüttelt nur lächelnd den Kopf.

»Das muss es gar nicht. Ich bin sehr froh darum.«

Ich mustere sie nachdenklich.

Wieso dann ihr Stocken?

Im gleichen Moment bemerke ich ihren mitleidigen Blick und muss schlucken. Ich will das Thema ehrlich gesagt gar nicht weiter vertiefen.

»Das hier ist eine entspannende Gesichtsmaske. Ich trage sie dir auf und während sie einwirkt, bekommst du eine Mani- und Pediküre und anschließend noch ein leichtes Tages-Make-up. Wie klingt das?«

Ich bin ihr dankbar für den Themenwechsel und nicke höflich lächelnd.

»Das klingt traumhaft!«

Kennenlernen

Bereits nach wenigen Augenblicken verliere ich mein Zeitgefühl und lasse mich tiefer in den Salonsessel sinken. Die Maske kühlt mein Gesicht und aufgrund der Augenpads, die Grace mir auflegt, bin ich gezwungen, die Augen geschlossen zu halten und mich für eine Weile einfach nur auf meine Atmung zu konzentrieren.

Leider bleibt nicht aus, dass meine Gedanken schnell wieder zur anstehenden Kampagne und Toni schweifen, der mich bereits den halben Tag hat hängen lassen. Mir ist schon lange bewusst, dass ich mich nicht immer zu hundert Prozent auf ihn verlassen kann. Dafür ist er einfach zu ... sagen wir, er lebt gern in den Tag hinein und genießt die Unbeschwertheit in vollen Zügen. Natürlich ist das sein gutes Recht und wenn nicht ich, wer könnte dann wohl besser nachvollziehen, wie wichtig es ist, sein Leben in diesen letzten Wochen vor unserer Hochzeit zu genießen?

Dennoch hätte ich gehofft, dass er zumindest hierbei etwas mehr Zuverlässigkeit an den Tag legt, schließlich geht es um die Wahlkampagne seines Onkels. Und der hat uns bereits im letzten Jahr, kurz nach Storms Tod, sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass an dieser Wahl alles hängt – jedenfalls für ihn und seine Karriereambitionen. Er hätte sich den Weg bis hierher schwer erarbeitet und würde auf den letzten Metern nicht nachlassen.

Aus den Erzählungen meines Vaters weiß ich, dass das alles nicht so ganz der Wahrheit entspricht. Möglicherweise hat Liverston hart dafür gearbeitet dieses Amt innezuhaben, aber das definitiv anders, als er nach außen den Anschein wahrt.

»Versuch dich etwas zu entspannen«, höre ich Grace’ sanfte Stimme, während sie dabei ist, meine Hände zu massieren und anschließend meine Nägel zu pflegen, was ungewohnt für mich ist, da ich so was sonst immer selbst mache.

»Entschuldige«, murmle ich. Erst jetzt spüre ich, wie verkrampft ich bin, aufgrund meiner negativen Gedanken und seufze leise.

»Es ist zurzeit alles etwas stressig bei dir, nehme ich an.« Sie beginnt fast schon zögerlich. »Mit der Hochzeit und Vize-Bürgermeister Liverstons Wahl.«

Ich atme tief durch.

»Ein wenig«, sage ich so neutral wie möglich.

Ich mag es nicht sonderlich, wenn das Gesprächsthema in diese Richtung schweift und ich gezwungen bin, ausweichend zu antworten. Doch einer fremden Person werde ich mit Sicherheit nichts über mein ach so schweres Los und den Stress bei der Arbeit vorweinen. Was soll sie von mir denken?

»Hast du wenigstens Unterstützung bei den Hochzeitsvorbereitungen? Von Freunden oder deiner Familie?«

Ich kann nicht vermeiden, erneut an Toni zu denken, und daran, dass wir heute Abend die finale Gästeliste durchgehen – wenn ich ihn bis dahin überhaupt erreiche. Er hat noch weniger Lust darauf als ich, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich hoffe, dass er mich dennoch nicht hängen lässt, denn bislang habe ich wirklich wenig Unterstützung von ihm bekommen. Seiner Wortwahl nach wäre er mir die meiste Zeit nur hinderlich bei diesen Frauensachen. Dabei heiratet er mich schließlich genauso wie ich ihn.

Stattdessen habe ich oftmals das Gefühl, ich würde Agnes heiraten. Denn Liverstons Assistentin kümmert sich bei der Geschichte noch am meisten. Und ihr schwebt das ganz große Programm vor. Wenn es nach mir geht, würde auch eine Unterzeichnung der Papiere im Rathaus reichen und fertig. Aber nein: Die Stadt will schließlich an unserem Glück teilhaben.

»Ein wenig«, bestätige ich erneut, als ich merke, dass Grace noch immer auf eine Antwort wartet. Ich will nicht unhöflich sein, aber es fällt mir schwer, bei diesem Thema Freude zu heucheln.

»Das ist gut«, beharrt sie sanft und aufgrund der Wärme in ihrer Stimme kann ich ihr nicht einmal böse sein, dass sie noch immer nicht davon ablässt. »Die Familie ist unglaublich wichtig, denkst du nicht auch?«

Ich nicke und denke an Dad. »Ja. Das stimmt.«

»Hast du Geschwister?«, fragt sie weiter und ich komme mir fast schon vor wie bei einem Verhör.

Ich weiß, dass es üblich ist, sich mit den Personen in einem Salon zu unterhalten und ich kann mir vorstellen, dass das genau Rachels Ding ist – nur eben nicht meins. Doch die Richtung, die das Gespräch jetzt annimmt, ist zumindest angenehmer, die Frage leichter zu beantworten.

»Äh, nein. Ich bin Einzelkind und bei meinem Dad aufgewachsen.«

Grace schweigt und ich gehe davon aus, dass die Fragerei damit ein Ende hat. Nach einem kurzen Zögern spricht sie jedoch vorsichtig weiter. Als wäre es ihr fast schon unangenehm – warum fragt sie dann überhaupt?

»Und deine Mom?«

Ich atme einmal tief durch.

»Ich habe keine«, sage ich in neutralem Tonfall.

Im Grunde ist es für mich kein sonderlich emotional behaftetes Thema. Ich habe meine Mom schließlich nie kennengelernt. Sie ist bei meiner Geburt gestorben. Aber ich weiß, dass Dad sie sehr geliebt hat. Jedes Jahr an meinem Geburtstag ist er traurig, auch wenn er es geschickt versteckt – mir zuliebe. Ich sehe es ihm dennoch an. In der Vergangenheit ist er an diesem Tag immer für eine Weile verschwunden. Ich schätze, um seine Gefühle vor mir zu verbergen.

»Das tut mir leid«, beteuert Grace, die damit beginnt, die Maske und Augenpads aus meinem Gesicht zu entfernen. Ihr Blick ist betrübt und ich verspüre den Drang, doch etwas mehr zu erklären.

»Muss es nicht. Ich habe sie nie kennengelernt. Und mein Dad war immer für mich da. Mir hat es an nichts gefehlt. Das ist schon okay so.«

Über Grace’ Lippen spielt ein trauriges Lächeln, als sie damit anfängt, in meinem Gesicht irgendwelche Wässerchen und Tinkturen aufzutragen.

»Das ist schön. Es ist wichtig, dass man jemanden hat, an den man sich jederzeit wenden kann.«

Ich nicke und wir verfallen erneut in Schweigen. Ein angenehmes Schweigen, auch wenn ich mich frage, ob Grace’ gedrückte Stimmung daher rührt, dass ich ihr erzählt habe, dass ich keine Mutter habe, oder von etwas anderem. Im Grunde geht es mich aber auch gar nichts an.

Sie gibt meinen Nägeln gerade den letzten Schliff, als sich ihre Laune wieder sichtlich bessert und sie mir ein freundliches Lächeln schenkt.

»Was mir gerade einfällt. Ich glaube, du kennst meinen Mitbewohner.« Ich runzle die Stirn. »Killian McMillian. Er war auf ...«

»... der Verlobungsfeier«, ergänze ich und nicke.

Der Detective. Er ist stadtbekannt, auch wenn er zuletzt nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit in den Medien bekam. Er scheint sich nach der Geschichte mit Black Tear aus der Öffentlichkeit zurückgezogen zu haben. Dass Chief Turner am Ende für ihr Verschwinden verantwortlich war, muss ihn getroffen haben. Jeder wusste, dass er quasi der Kopf der Sonderermittlungsgruppe war, auch wenn er als freier Ermittler nur beratschlagend hinzugezogen wurde, wie aus den Medien bekannt ist.

»Genau«, lacht Grace. »Er war ganz angetan.«

Ich runzle die Stirn, als ich versuche, mich an den Abend und insbesondere unser kurzes Zusammentreffen vor ein paar Monaten zu erinnern.

»Ach wirklich?«, frage ich skeptisch.

Im Grunde stelle ich Aussagen von fremden Personen nie infrage – so etwas steht mir gar nicht zu. Aber so weit ich mich entsinne, sah er nicht sonderlich angetan aus. Eher im Gegenteil.

Grace schaut mich ertappt an.

»Er kann so was nicht sonderlich gut zeigen. Und ja, ich gebe es zu, solche Veranstaltungen sind eigentlich nicht so sein Ding. Aber er war in netter Begleitung und ich denke, das hat ihm den Abend sehr versüßt.«

Sie grinst vielsagend.

Ich verstehe nicht genau, wie wir von meiner Familiengeschichte plötzlich zum Liebesleben eines Detectives, den ich nur einmal gesehen habe, gekommen sind. Vielleicht geht Grace das Themenmaterial aus, weil sie bemerkt hat, dass ich sonst nicht sonderlich viel zum Gespräch beizutragen habe. Meinetwegen.

»Linda«, fällt mir in diesem Moment der Name der jungen Frau ein, die mit ihm zusammen bei der Party war. Ganz kurz habe ich mich mit ihr am Buffet unterhalten. Und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass auch sie nicht der größte Fan von dieser Art von Veranstaltung war.

»Äh ja, genau«, lacht Grace verhalten.

»Richte ihnen bitte meine Grüße aus«, sage ich höflich. Es klingt gestelzt, dabei meine ich es – zumindest in Bezug auf Linda – ernst.

»Das mache ich gern«, sagt Grace lächelnd. »Killian sitzt derzeit an einem etwas heiklen Fall. Ich bekomme ihn kaum zu Gesicht. Aber ich werde es ausrichten.«

Ich lege den Kopf schief, während ich beobachte, wie sie die letzten Feinheiten an meinen frisch pedikürten Füßen vornimmt. Jetzt wirkt sie angespannt und ich frage mich, woran es liegt. Daran, dass sie nicht über die Fälle ihres Mitbewohners reden darf? Wieso tut sie es dann?

»Weißt du«, fährt sie vorsichtig fort. »Das überrumpelt dich jetzt bestimmt, aber er könnte bei diesem speziellen Fall deine Hilfe gebrauchen.«

Meine Augen weiten sich vor Erstaunen.

»Meine?«, frage ich perplex und endlich sieht sie zu mir hoch, lächelt und nickt langsam. »Wie das?«

Sie hilft mir zurück in meine Strumpfhose und Pumps, als mein Blick auf die Uhr an der Wand fällt und ich erstaunt feststelle, dass bereits anderthalb Stunden vergangen sind. Es kam mir deutlich kürzer vor.

»Das darf ich dir leider nicht sagen«, erklärt sie vorsichtig und ich hebe verständnislos eine Augenbraue. »Wenn es nicht zu viel verlangt ist, würde ich ihm aber gern deine Kontaktdaten geben und er meldet sich bei dir.«

Sie wirkt unsicher und verhalten. Der plötzliche Stimmungsumschwung ist deutlich spürbar und verwirrt mich. Genauso wie die Tatsache, dass ich dem Detective bei einem Fall behilflich sein soll. Geht es womöglich um die Geschichte mit de Fabricio? Denkt Grace, dass ich als Angestellte von Liverston das Berichterstattungsverbot umgehen könnte? Dabei kannte ich den Mann im Grunde gar nicht. Dafür arbeitet McMillian doch aber eng mit der Polizei von Newton zusammen. Die können ihm definitiv mehr Auskünfte geben als ich.

»Ich denke nicht, dass ich ihm bei seinem Fall behilflich sein kann.«

»Wenn es wirklich nicht zu viel verlangt ist, wäre es unglaublich nett, wenn er dennoch einmal mit dir diesbezüglich sprechen könnte. Er kann dir dann alles erklären und du wirst sehen, worum es geht.«

Ich schaue sie einen langen Moment skeptisch an. Es scheint ihr wichtig zu sein – was ich nicht nachvollziehen kann. Dennoch: Sie wirkt fast schon ein wenig verzweifelt. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum. Es wird ja wohl nicht schaden, wenn ich kurz mal mit dem Detective rede.

✦ ✦ ✦

Zurück im Rathaus laufe ich einem der beiden Marketingassistenten über den Weg. Kurz entschlossen verstelle ich ihm den Weg, da ich bereits an seinem Gang erkenne, dass er einfach weiter an mir vorbeigelaufen wäre – mit gesenktem Blick, als hätte er etwas zu verbergen.

»Hey Bastian«, grüße ich ihn freundlich und ernte ein nervöses Gemurmel als Antwort. Okay, irgendwas ist hier definitiv im Busch. »Wir müssen uns wegen der Kampagnenentwürfe unterhalten. Hast du heute schon was von Toni gehört?«

»Äh ...«

»Raus mit der Sprache!«

Ich bin nicht gut darin, die Chefin raushängen zu lassen – vor allem, weil ich gar nicht seine Chefin bin –, aber mittlerweile bin ich so geladen, dass es fast schon automatisch geschieht.

»Er äh ...«

Bastian sieht an mir vorbei, direkt auf die gegenüberliegende Wand. Nur kurz drehe ich mich um, um zu schauen, was er anstarrt, doch dort ist nichts.

»Er äh was?«, hake ich nach und mein Gegenüber schaut langsam und schuldbewusst in mein Gesicht.

»Er sagte gestern, dass er noch nicht wüsste, ob er es heute schafft und dass wir ihn ...«

Ich schließe die Augen und atme tief ein. Bastian muss gar nicht weiterreden – was er auch nicht tut.

»Dass ihr ihn decken sollt. Schon klar!«, murre ich.

Im Grunde nicht bei mir, sondern viel mehr bei seinem Onkel. Als ich wieder zu ihm schaue, sehe ich die Angst in seinen Augen. Ich weiß nicht, ob vor Toni oder Liverston, wenn er erst einmal Wind davon bekommt. Wobei Liverston eher mich für Tonis Verhalten verantwortlich macht, anstelle der Marketingassistenten.

»Hat er gesagt, wo er hingeht oder wie man ihn erreichen kann?«, frage ich und höre selbst, wie genervt ich klinge. Doch Bastian schüttelt lediglich den Kopf und ich glaube ihm. Toni ist nicht so dumm, anderen zu erzählen, was er treibt. Zumindest nicht, wenn es nichts ist, mit dem er prahlen kann.

»Hat er euch wenigstens das Feedback zu meinen Entwürfen weitergeleitet?«

Wieder schüttelt er den Kopf und ich seufze.

✦ ✦ ✦

Keine zehn Minuten später sitze ich wieder in dem kleinen Büro und versuche, neue Ideen – oder zumindest stark abgewandelte Entwürfe – zu digitalem Papier zu bringen. Welche, von denen ich annehme, dass sie mehr Liverstons Vorstellung entsprechen, wenn es darum geht, die Downtown von Newton weiter von der Uptown abzugrenzen, um den Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit vorzugaukeln. Sicherheit vor einer fiktiven Gefahr. Ich verdrehe verständnislos die Augen.

»Wirklich entspannt siehst du ja nicht aus«, reißt mich Rachel aus den Gedanken und ich schaue auf.

Sie sieht allerdings nicht wesentlich besser aus, als ich mich fühle.

»Was ist los?«, frage ich daher direkt, ohne auf ihren Kommentar einzugehen. Sofort kommt sie herein, schließt die Tür hinter sich und deutet stumm auf die Tür in meinem Rücken, Liverstons Büro.

Ich schüttle den Kopf. »Er ist nicht da.«

Mein Blick gleitet zur Scheibe, die diesen Raum von Agnes’ Vorzimmer abtrennt, doch auch seine Assistentin ist nicht zugegen.

Rachel legt mir ein Schreiben auf den Tisch, das ich sofort in die Hand nehme und stirnrunzelnd mustere.

»Sehr geehrte Miss Troudau, leider müssen wir Ihnen mitteilen–«, setze ich leise an zu lesen, doch Rachel unterbricht mich bereits.

»Ich bekomme Kevins Stelle nicht!«

Ich schaue auf und sehe eine deutliche Mischung aus Zorn und Verzweiflung in ihrem Gesicht.

»Was?«

»Ich bin zu unerfahren. Meine Kalkulationen müssten angeblich jedes Mal gegengerechnet werden. Die Stelle geht an einen erfahreneren Kollegen. An welchen steht da nicht. Aber ich habe so einen Verdacht. Viel Auswahl gibt es da ja auch nicht.«

Schnell überfliege ich das Schreiben und seufze leise. Das ist wirklich bitter. Ich weiß, wie sehr Rachel auf diese Beförderung hingefiebert hat.

»Ganz ehrlich!«, sagt sie erbost und kann ihre Lautstärke dabei nur schwer in Zaum halten. »Es liegt nur daran, dass ich eine Frau bin. Alle wissen, dass meine Kalkulationen noch nie falsch waren. Es gibt absolut keinen Grund weswegen sie jedes mal gecheckt werden. Im Gegenteil: Wie oft habe ich bitte Kevins Arsch gerettet, weil er verkatert nur Scheiße zu Papier gebracht hat?«

Ich sehe sie mitfühlend an.

»Das tut mir so leid, Rachel. Kann ich irgendwas tun?«

Ich weiß, dass es nichts gibt, denn die Entscheidung scheint bereits endgültig gefallen zu sein.

»Versau Liverston seine beschissene Kampagne und sorg dafür, dass jemand anderes Bürgermeister wird. Ein weniger sexistischer Arsch.«

Ich atme tief durch.

Ich verstehe, dass sie aufgebracht ist.

Aber ich weiß genauso gut, dass es keine große Auswahl an besseren Kandidaten gibt. Es stehen zwar einige zur Debatte, das wird sich ab nächster Woche jedoch auf drei limitieren. Drei Personen, die final um das Amt des Bürgermeisters dieser Stadt kandidieren – und einer davon ist Liverston selbst. Und ob von den anderen beiden jemand selbstlose Motive verfolgt, ist fraglich.

»Das erledigt Toni schon für mich, glaub mir«, seufze ich.

Ihr Ausdruck wird ungläubig.

»Hat sich der Mistkerl immer noch nicht bei dir gemeldet?«

»Nenn ihn nicht so«, sage ich halbherzig, seufze jedoch erneut.