Newtons letzter Freund - G.M. Tripp - E-Book

Newtons letzter Freund E-Book

G.M. Tripp

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Beschreibung

Nachdem der Kandidat der Philosophie, Thomas Kenterbury, dem Studenten der Experimentalphysik Wladimir Roshinsky in der Cafeteria der Mensa begegnet war, musste er alsbald erkennen, dass nicht nur die Metaphysik, sondern ebenso die Physik Geheimnisse bar, die in keinem ihrer Lehrbücher stand.

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel XI

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

I

An einem warmen Sommerabend fuhr Thomas Kenterbury in seinem Auto, einem älteren, ausrangierten Behördenwagen, von der Arbeit nach Hause. Er hatte das ausgelaufene Modell als Unfallwagen günstig erstanden. Seine Zeit im Magazin ging nunmehr zu Ende. Kaum hatte sie richtig begonnen, lief sie bereits ab. Er würde die Teekanne, die beiden Trinkschalen aus blauem Ton und die kleine Holzdose, die noch halb gefüllt mit Assam-Blättern war, aus der Hutablage des gelben Aktenschrankes nehmen, in dessen unterem Teil die Leiterin einer höheren Abteilung ihre gefütterten Winterstiefel verwahrte. Er konnte alles in eine größere Tüte aus Plastik legen, freundliche Worte des Abschieds finden, im siebten Stock den Lastenaufzug nehmen und alsdann ins Freie treten. Mit dem Passieren des Schlagbaums würde auch die Parkerlaubnis erloschen sein. Seine Aufgabe war erfüllt. Was auf ihn wartete, wusste er nicht.

Es war wohl die Hand, die keinem gehört, der er die vorübergehende Anstellung im Magazin der weltberühmten technischen Lehranstalt verdankte. Lange schon hatte sich für seine bisherige Tätigkeit kein Ort mehr gefunden. Wahrscheinlich wich seine Auffassung vom Wesen des menschlichen Geistes zu sehr von der allgemeinen Vorstellung ab. Er selbst war darüber am meisten erstaunt. Bislang hatte es nicht den geringsten Hinweis gegeben. Vielleicht hatte er zu sehr darin aufgehen wollen. Am Ende ging das wahrscheinlich zu weit.

Bis dahin hatte die Hand sich ihm nur auf einem Gemälde El Grecos gezeigt. Es war in der Kirche Santo Tomé zu Toledo gewesen. Lange hatte er vor der Grablegung des Grafen Orgaz verweilt. Sie schien gleichzeitig verschiedenen Granden zu dienen, die auf den Toten im dunklen Harnisch verwiesen. Er war für die gute Seite gefallen. Ob es die richtige war, wer wusste das schon? Viel Zeit ging über einer solchen Frage dahin. In seinem Fall schien es nicht anders. Mit dem Unterschied, er lebte ja noch. Manchmal war er darüber erstaunt.

In der Hitze des Abends spürte sein Cogito wieder stärker jene ältere Verbindung zum Körper. Im Munde spürte er den Geschmack von Blut. Zur Beunruhigung bestand weiter kein Anlass. Eine klinische Untersuchung hatte physische Anhaltspunkte erkennen können. Ein medizinisches Problem war es nicht, eher ein Rätsel. So saß er als rein metaphysischer Bluter hinter dem Steuer und gab sich seinen Betrachtungen hin.

War der Mensch immer noch das Ereignis, von dem sein Doktorvater Caesar Hornmilch so häufig gesprochen hatte? Bisweilen zeigte er allenfalls Züge, die in Erstaunen versetzten. Die Wirklichkeit schien vor ihm nicht immer im gewünschten Maße geschützt. Es hatte gedauert, bis er jene Erkenntnis gewann.

Während er im Automobil dem Ende des Tages entgegenfuhr, konnte er an die ersten Anfänge denken. Die Erwartung bei ihm war hoch, wenn nicht die allerhöchste gewesen. Jederzeit war er um eine Entdeckung bemüht, die Zweifelhaftes beseitigen konnte, wenn es ging, möglichst sofort. Mit Vorläufigem hätte er sich nicht aufhalten wollen. Das Endgültige allein schien ihm würdig als Ziel.

Kenterbury lächelte. Lange schon fühlte er sich von einem Zwiespalt beherrscht. Körper und Geist, hingen sie wirklich aufs engste zusammen? Die Annahme, so verbreitet sie war, hatte ihn nicht überzeugt. Eigene Beobachtungen hatten zur Vorsicht gemahnt. Litt die Seele, zeigte der Leib sich kaum interessiert. Schmerzte ihn auch nur das Geringste, war sie auf der Stelle besorgt. Ja, wie war sie bekümmert! Eine Antwort darauf, hatte er vorerst keine erhalten.

Der Zeitpunkt kam. Rechtzeitig entdeckte er eine andere Welt. Geschriebenes hatte seinen Geist stets beflügelt und zunehmend dann auch gedrängt, das Gelesene am eigenen Leibe erfahren zu wollen. Eines Tages ging er nach Einbruch der Dunkelheit unerkannt in einem nördlichen Hafen an Bord. Unbemerkt, so schaute ein blinder Passagier ins Unbekannte hinein, wo er auf der Stelle entdeckte: unabhängig vom Lauf der Welt fuhr ein Schiff. Es herrschten nur die Gezeiten, während alles Weitere sich in den Weiten von Himmel und Wellen verlor.

Kenterbury, er hätte sich dem Leben auf den Ozeanen unbegrenzt hingeben können. Allerdings hätte es dazu eines anderen Körpers bedurft. Der seine folgte nicht unbedingt dem Verlangen des Willens. Ja, das Gegenteil war eher der Fall. Die Bootsleute Mau und Rasch, welche länger schon ein verdächtiges Reißen in den Gliedern verspürten, hatten die unbekannte Gestalt denn bald auch entdeckt. Lang, bleich und mager beugte sie sich dort hinten die Bordwand hinunter. Einem vergifteten Albatros gleich, so war sie anschließend über die Planken gewankt, stets eine Hand die Reling entlang. Ein letzter Halt musste sein.

Allmählich war Kenterbury wieder zu sich gekommen und er hatte die Matrosen, einen nach dem anderen, kennengelernt. Wie im Handumdrehen hatten sie ihn das Geheimnis schwieriger Knoten zu lösen gelehrt. Jederzeit hätte er sich zu letzter Sicherheit in schwindelnder Masthöhe festbinden können. Beim ersten Gelingen hatte er geradezu unbändig hinuntergelacht. Nur das Akkordeon, es hatte ihm an allen Ecken und Enden gefehlt. Er war erstaunt, ja ein wenig enttäuscht, dass es nirgendwo auftauchen wollte.

Dennoch hätten die Seeleute ihn ohne weiteres in ihrer Mitte behalten. Und er selbst, wie gerne wäre er aus freien Stücken geblieben. Doch vom Standpunkt des Leibes wäre die Entscheidung keineswegs von Dauer gewesen. So hatte ihn letztendlich nicht die Sehnsucht, sondern sein Organismus zu der Entscheidung gedrängt, die Wirklichkeit auf andere Wege kennen zu lernen. Nicht, wo Wind und Wellen unumschränkt herrschten, sondern der Geist. Er hatte dem nicht ausweichen können, und am Ende schien es, als hätte er den Eintritt in die Alma Mater unbedingt auch selber gewollt.

Am Anfang war nicht das Wort, am Anfang war die Musik. Lorbeerkübel hatten den Weg gewiesen. Das Wappen an der Stirnwand des Saals, es war angestrahlt. Die Mitglieder des Orchesters nahmen nacheinander auf dem Podium Platz. Die Instrumente wurden zur letzten Einstimmung geblasen, angeschlagen und gezupft. Durch das Spalier der Couleurbuben zogen die Talarträger ein. Das Barett auf dem Kopf, getragen von Geist, voll Würde der Schritt. Das Hohe schien auf. Über allem lag Glanz. Dann hatte sich das Corpus gesetzt. Er war aufs Höchste gefasst.

Das Haupt hatte das Wort genommen. Die Musikanten hatten nach jeder Rede mit neuer Inbrunst gespielt. Es schien an alles gedacht. Es wurde von vielem gesprochen. Wurde auch alles gesagt? Kenterbury hörte aufmerksam zu. Vielleicht war ihm dennoch manches entgangen Das Wichtigste, war es tatsächlich zur Sprache gekommen? Ein Jahr ging dahin. Dann waren es zwei. Bevor es drei wurden, entschied er sich zu einem Wechsel des Ortes.

Dort war es zur Begegnung mit Caesar Hornmilch gekommen. Ein Ruf ging ihm voraus. Mehr noch, es war Berufung gewesen. Dem »homo sapiens« galt sein Bemühen. Nicht dem ziellosen, natürlichen Wesen, vielmehr jenem, wie es vom Schicksal gesandt ist, auserkoren, unermüdlich auf der Suche zu sein. Zweimal zwei Stunden wurden wöchentlich unabweisbaren Fragen gewidmet. Pünktlich war Hornmilch jedes Mal von seiner Verlobten begleitet erschienen. Unbewegt hatte sie jedes Mal aufrecht in der ersten Reihe gesessen. Von dort schaute sie ihn unverwandt an, von dort holte sie ihn nach dem letzten Wort wieder ab. Ohne Verzug.

Dass der Mensch von Grund auf verwaist ist, von diesem Satz ging er aus. Von verschiedenen Seiten beleuchtet, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, darüber verging das Sommersemester. Es trug die römische I. Ihm folgte die römische II. Kenterbury war auf den Ausgang gespannt. Schließlich war immer wieder von der uneingeschränkten Fraglichkeit des Menschen die Rede gewesen. Ringsum, wohin er auch blickte, Hornmilch, er sah nur Verfall. Lediglich wenigen war es gelungen, den Weltgeist in sich zur unmittelbaren Gewissheit zu bringen. Auch deshalb schwanden die Hörer so zahlreich dahin. Schließlich ging es in der Nummerierung der Vorlesungsfolge immer weiter die natürlichen Zahlen hinauf. Am Ende wies der Saal nurmehr wenige auf. Da fasste sich Kenterbury ein Herz.

Sie hatten sich gegenübergesessen, Caesar Hornmilch und er. Schließlich hatte er den Blick auf sich gefühlt, der alles entschied. Es dauerte, dann stand er allein auf dem Gang. Wie war die Unterredung verlaufen? Unentwegt hatte er sich um neue Worte bemüht. Hornmilch hatte kaum eine Regung gezeigt. Hätte er sich doch wenigstens zu diesem oder jenem Einwand entschlossen. So wurde er, Kenterbury, zu einem immer neuen Anlauf gedrängt, ihm sein Vorhaben irgendwie näher zu bringen. Schließlich war er erschöpft. Worauf Hornmilch sich wortlos erhob. Er schritt zur Tür. Die herunterhängende Hand gab ihm das Zeichen, seinen Fuß nunmehr über die Schwelle zu setzen. Schnappte hinter ihm jetzt das Schloss? Bevor es soweit war, hörte er wie hingehaucht noch den Satz. Die Untersuchung, die seine, Hornmilch ließ sie im letzten Moment zu. Die Formeln des Abschieds waren da schon getauscht.

Sie hatten sich wiedergesehen, nach einer angemessenen Frist. Der Ort war derselbe gewesen. Hornmilchs unauffällig möblierter Raum. Er hatte in einem Sessel hinter seinem Schreibtisch gesessen. Kenterbury auf einem einfachen Stuhl davor. Schweigen hatte geherrscht. Zwischen ihnen hatte die eingereichte Arbeit gelegen. Ihrer beider Blicke hatten darauf geruht. Hornmilchs Auge untersuchte bald einen kaum wahrnehmbaren Punkt im Raum. Jedes Wort wurde sodann mit dem folgenden zu einer reißfesten Kette verknüpft. Sie umschnürte Kenterburys Beine, Arme und Brust. Sie fesselte ihn an seinen Sitz. Zum Schluss rührte sich kaum mehr ein Fuß. Unter solchen Umständen hatte sich die Unruhe in seinen Händen alsbald gelegt. Kälte überzog seine Haut. Mit Mühe hielt er sich aufrecht. Warum hatte er über all die Zeit hinweg Hornmilch nicht einmal wenigstens konsultiert? Kenterbury senkte den Kopf. In solchen Augenblicken zeigte die Zukunft ihr wahres Gesicht. Sie wandte sich ab.

Unversehens begann sich die Kette ein wenig zu lockern. Erst eines der Beine, dann kam auch das andere frei. Auch der Druck auf Brust und Arme ließ nach. Kenterbury atmete schnell einmal durch, ehe der Ring sich bald wieder schloss. Nichts dergleichen geschah. Ließ Hornmilch sich vielleicht etwas Zeit, um den Druck mit einem Mal zu erhöhen? Kenterbury war auf alles gefaßt. Nicht auf die Wärme, die plötzlich seinen Körper zu durchfluten begann. Helligkeit erfüllte den Raum. Hatte sich in Hornmilchs Miene tatsächlich ein Anflug von Bewegung gezeigt? Wo kam sie her, wo führte sie hin?

Hornmilch hatte jetzt eine Hand auf die Arbeit gelegt. Sie war dem Verhältnis des Menschen zu den Dingen gewidmet. Der Daumen glitt wiederholt die Kante entlang. Kenterbury stellte es mit einer gewissen Erleichterung fest. Das Spielerische, warum war es nicht selten mit einem Hauch von Hoffnung verknüpft? Gleichwohl, er wusste nicht, wie es stand. Hornmilch schaute ihn an, blickte durch ihn hindurch, direkt bis zur Wand. Und wieder zurück. Überraschend begann sich sein Auge zu senken. Er wog den Kopf, ganz leicht. Er nickte. Sehr knapp. Durchdringend ernst. Unvermittelt, so stand er im Raum. Die Arbeit war angenommen. Mehr nicht.

Als Kenterbury den mattgebohnerten Flur entlangwanderte, wusste er nicht, war ihm ein Stein vom Herzen gefallen oder herrschte eher das Gefühl vor, noch einmal davongekommen zu sein? Er hatte nicht die nötige Ehrfurcht vor dem Schicksal gezeigt. Warnend hatte Hornmilch seine Stimme erhoben, die Türklinke schon in der Hand. Manches hatte wie eine Prophezeiung geklungen. Etwas, das sich schneller als vermutet bewahrheiten konnte. Nur einen Schritt noch, so hatte Hornmilch bemerkt, und es wäre glatter Rufmord geworden, Rufmord am Menschen. Er hatte ihn angesehen, von Entsetzen gezeichnet. Wie jemanden, der schon unterwegs war zum Verhängnis selbst.

Noch auf dem braunen Linoleumkorridor, bevor er den Treppenabsatz mit dem eisernen Geländer erreichte, hatte Kenterbury sich gefragt, warum er in Hornmilchs Gemüt einen solchen Unmut hervorrufen musste. Er war mehrfach stehen geblieben, um seine Gedanken zu ordnen. Er hatte ein Urteil über seine Arbeit erwartet, stattdessen war Hornmilch nur schmerzlich berührt.

Er hatte sich völlig vergessen, als er laut noch einmal die Schlussfolgerung las. Voller Unverständnis hatte er den Satz wiederholt. Geradezu fassungslos war er über die Formulierung gewesen, dass der Mensch sich im Umgang mit den Dingen am Ende selber verlor. Unauffindbar! Schwarz auf weiß stand es da. Mehrfach hatte Hornmilchs Zeigefinger unter Kopfschütteln auf die Stelle getippt. Bisher war der Mensch immer noch das Ereignis. Was auch immer geschehen würde, er war zu sich unterwegs. Er selbst hätte sich sonst völlig verfehlt. Hornmilch war außer sich. Einzig die Prüfungsordnung hatte Kenterbury am Ende gerettet. Stiller Dank der Alma Mater gegenüber hatte ihn seither bewegt.

Während der Zeit im Magazin hatte er öfter daran denken müssen. Jetzt, im abendlichen Stau, während der Notwagen sich mit durchdringenden Sirenenklängen einen Weg bahnte, war es vor allem die Erinnerung an seinen Freund, den Physiker Wladimir Roshinsky, welche ihn mit einem stillen Schmerz überkam. Es gab wohl niemanden sonst, der seit Newton den Dingen so sehr auf den Grund ging, nicht zuletzt jenen, die wie selbstverständlich erschienen. Er war spurlos verschwunden, bis ihn eines Tages dann eine Nachricht erreichte.

Kenterbury hatte Wladimir Roshinsky in der Cafeteria der Mensa kennengelernt. Es war bereits ein recht herbstlicher Tag gewesen. Die Sommerferien gingen dem Ende entgegen. Hin und wieder wurde es gegen Abend schon kühl. Roshinsky saß da, ganz allein. Er schrieb. Außer der Bedienung hinter der Bar war niemand zu sehen. Das letzte Paar verließ gerade den Raum. Kenterbury hätte jeden Tisch wählen können. Irgendwie jedoch fühlte er sich zu jener Gestalt hingezogen. Noch zögerte er. Dann war er nähergetreten. Roshinsky blickte kurz auf, schon wurde ein freundliches Nicken getauscht. Es war der Beginn einer unvergesslichen Freundschaft gewesen. Kenterbury hatte sich ihm direkt gegenüber niedergelassen. Für die Bedienung hingegen bildeten beide nur ein seltsames Paar.

Kenterburys dunkles Habit stach deutlich ab von Roshinskys ungebleichtem Wams, das sich jeder weiteren Formbestimmung entzog. Seine Füße steckten in schweren, dunkelgrünen englischen Gummistiefeln, die er quer durch die Jahreszeiten und Laboreinrichtungen trug. Ihrer Länge, Breite und Tiefe korrespondierte die Geometrie seiner Shorts, die ihn als unerschrockenen Wanderer zwischen den Welten auswies. In ihnen hatte er schon manchem getrotzt. Eine Tüte aus Kunststoff isolierte ihn sicher von dem, was er trug. Jetzt lag sie unten an ein Tischbein gelehnt.

Während Kenterbury einem Kranich glich, der häufiger auf Rastbedacht ist, war Roshinsky eher von Kugelgestalt. An ihm musste jeder Zustand der Ruhe als Ausnahmefall der Bewegung erscheinen. Seiner fernen Herkunft verdankte er die Ausstattung mit Gesichtszügen, in denen sich leicht die Tiefe der Ebene verlor. Er verfügte über ein auf die Weite des Raumes eingestelltes Auge, das sich gut mit den Auffassungen Euklids vertrug. Im Moment saß er aus begründetem Anlass still. Seinen Notizblock hatte er zur Seite geschoben, um aus zerknittertem grauem Pergamentpapier ein großes Stück Marmorkuchen zu wickeln. Er blickte kurz auf, dann biss er herzhaft hinein.

Kenterbury schaute ihm zu. Sein Blick zeigte jene melancholische Art von Verständnis, welche über das Ausmaß an Genuss in der Welt hin und wieder eine gewisse Unruhe spürt. Es dauerte nicht lange und er wusste Bescheid. Er saß einem Physiker gegenüber. Neben Raum und Zeit hatte deren Interesse stets unerklärlichen Phänomenen gegolten. So schien es auch hier. Ansonsten war es die Erfahrung der Hand, durch die Roshinsky ein Gefühl für die Schwere der Dinge zuteil ward.

Während des Gesprächs fiel ihrer beider Blick wiederholt auf den Campus. Um diese Zeit war er verwaist. Das Grün erholte sich wohl kaum mehr von der unerwarteten Hitze des Sommers. Die meisten Sträucher waren bereits herbstlich gefärbt. Hin und wieder wechselte eine Gestalt mit oder ohne Buch von einem Gebäude zum andern. Mit zunehmender Stille und abnehmendem Tag zeigte sich dann und wann ein Tier. Es wohnte mit seinesgleichen unter den Büschen. Mitten vom Weg aus unterzog es die Welt einer gewissen Betrachtung. In wirkliches Staunen schien keines versetzt. Vielleicht beschäftigte es nurmehr die Frage, wann der Mensch sich änderte oder wieder verschwand. Endgültig dann, wie es schien.

Hinter der Bar wurden nun der Reihe nach die Gläser geputzt. Wenn die letzten Minuten vor der Schließung heranrückten, erstrahlte alles in frischem Glanz. Dort hinten, die beiden Besucher, fielen nicht ins Gewicht. Ihre Unterhaltung verlief in ruhigen Bahnen. Nur hin und wieder beschrieb einer von ihnen eine nur schwer bestimmbare Bewegung im Raum oder legte nachdenklich sein Kinn in die Hand. Zu den bestehenden Fragen kamen offensichtlich neue hinzu. Die Lösungen hielten damit weniger Schritt. Die Bedienung erkannte recht bald, solche Individuen verließen zur vorlesungsfreien Zeit nur selten den Ort. Oft vergingen Jahre darüber. Sie waren mit unaufschiebbaren Dingen beschäftigt. Genaueres hätte sie schon gerne in Erfahrung gebracht.

Roshinsky war in jüngster Zeit auf etwas gestoßen, das in keinem seiner Lehrbücher stand. Es waren Kräfte, die schwer berechenbar schienen, vielleicht sich gar jeder Kontrolle entzogen. Gewöhnlich verlangte die Natur ein wenig Geduld. Hier schien zusätzlich eine gewisse Vorsicht geboten. Bislang lag er nach der Hitze des Tages im Sommer abends noch gerne im Gras. Der erste Direktor, ein Niederländer, hatte die weitläufige Obstwiese anlegen lassen. Warum war er eines Tages im Dunkeln plötzlich verschwunden?

Wie Roshinsky entdeckte, hatte es mit dem Turm aus roten Ziegeln zu tun. Nicht weit vom Institut stand er zwischen all den verschiedenen Bauten, als ob er natürlicher Bestandteil der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt wäre, die unmittelbar an ihr Terrain grenzte. Immer häufiger wanderte sein Blick dort hinüber, wo der Wetterhahn sich spielerisch drehte. Wer hätte die Täuschung auf Anhieb bemerkt? Bisher interessierten ihn eher die Früchte im Gras. Ursprünglich hatte seine Liebe den Mirabellen gegolten, doch lag im Apfel der tiefere Sinn. Er hatte den Hinweis erhalten. Dank Newton, der sich auf das Geheimnis verstand.

Roshinsky hatte in Cambridge mehrere Wochen mit Experimenten verbracht. Nicht in Trinity College. Cavendish Laboratory war für Gäste der natürliche Ort. Statt mit > Buy, Fly, See <ging es zunächst per Schiff, dann mit British Rail und dem Bus. Schließlich betraten seine Gummistiefel die Grounds. Allein Auserwählte hatten darauf ihren Fuß setzen dürfen. Gehörte er nunmehr dazu? Die Tage, sie flogen dahin. Ein Ausflug nach Norden, in die Richtung von Grantham, hatte ihn bald auf schmalen Straßen und Wegen zwischen Feldern und uralten Hecken hindurch zu einem winzigen Flecken geführt. Woolthorpe, hier war Newton geboren. Nicht weit vom Haus graste ein Pferd. Es schaute ihn an. Nach eingehendem Beschnuppern hob es den Huf. Er durfte passieren. Es selbst, es spürte es seine Hand noch lang auf dem Fell.

Der Herbsttag ging dem Ende entgegen. Roshinsky fand die Tür zu Newtons Haus noch geöffnet. Der Lady vom »National Fund« ihr war, als hätte sie einen solchen Gast sich ersehnt. In roten Hosen aus Cordsamt führte sie ihn die Stiege hinauf direkt vor ein Bett. Dort war Newton geboren. »What a child!«. Der Vater verstarb wenig später. Die Witwe fiel dem Nachbarn ins Auge. Der Reverend Barnabas Smith, er wusste, ohne Kind gedieh ein Verhältnis am besten. Für ein Stück Land stellte auch sie Bedenken zurück. Newton machte das Beste daraus. Roshinsky und die Lady vom »National Fund« stimmten wie von selbst überein.

Er wurde dann in ein anderes Zimmer gleitet. Vor dem durchhängenden Balken hatte ihre hohe, schlanke Gestalt sich gebeugt. Er gelangte ohne Mühe hindurch, durch alle Räume. Bald waren die Geräte optischer Versuche zu sehen. Nach kurzer Betrachtung wurden sie von Roshinsky erklärt. Die Lady war nun nicht nur von Newton, sondern auch Roshinsky entzückt. Gemeinsam hatten sie aus dem Fenster gesehen, nach draußen, wo der Apfelbaum stand. Jüngst erst wurde die Wurzel gerettet. Schon brachte sie neues Leben hervor. Der Wind hatte die Früchte ohne erkennbare Ordnung verstreut. Newton hatte daraus die Regeln der Flugbahn erschlossen. »A tasteless cooking apple« hatte die Lady einräumen müssen. »Unfortunately«, nämlich »from Kent. Er hatte der Welt zu einer Erkenntnis verholfen. Deshalb die Warnung »low doorways«, direkt vor dem Haus. Nur davon blieb Roshinsky in diesem Fall unberührt.

Gern dachte er an die Begegnung zurück. In der Physik hatten sich inzwischen die Dinge verändert. Nicht mehr weit ins Universum hinaus, vielmehr tief ins Elementare hinein ging es nun. Dorthin, wo sich alles, dem Auge entzog. Der rote Ziegelturm hatte damit zu tun. Der Anblick weinumrankten Gemäuers, er täuschte. Nichts führt zur Spitze in ihm hinauf, vielmehr alles in seine Tiefe hinunter. So wie der junge Newton das Licht, würde er, Roshinsky, als spätes Semester das Dunkle zerteilen. Eines Tages stieg er hinab in den Bau. Zuerst allein. Bald hatte er Kenterbury als Begleiter gewählt.

Unten angelangt, entriegelten sie schwere Schottentore aus Stahl. Den kurzen Schleusengang hatten sie da schon passiert. Die Wände bestanden aus meterdickem Beton. Im Raum selbst herrschten Dunkelheit und Kälte. Einem verlassenen Dom ähnlich, in dem sich die Seele verlor, wie der Strahl ihrer Lampe? Auch das Gleichgewicht, schnell schwand es dahin. Gott sei Dank kannte Roshinsky sich aus. Er fand den Schalter. Selbst bei Licht ließ sich die Größe der Anlage kaum erahnen. Die niedrige Temperatur bedrückte die Stille. Mit jedem Atemzug drang sie ins Herz. Unwillkürlich hatten beide etwas gerufen. Das Echo, es hallte wie in einem Verlies. In welch finsteres Pantheon waren sie hier nur geraten!

Roshinsky war überrascht, bei seinen Nachforschungen über den Verbleib des niederländischen Direktors auf einen Artikel zu stoßen, der eine ausführliche Beschreibung des Turmes enthielt. Von Beginn an war er für unbekannte Versuche bestimmt. Spannungen in nie gekannter Höhe. Seine Kenntnis verdankte er einer Zeitschrift, die den Namen »Naturwissenschaften« führt. Seit längerem pflegte er jenes Organ aus der Bibliothek des Instituts zu entleihen. Wie von selbst war er der Ordnung der Jahrgänge gefolgt. Der leitenden Bibliothekarin war seine Gewohnheit derart vertraut, dass sie ohne sein Zutun die benötigten Bände bereitlegen ließ Auch für den Fall ihrer Abwesenheit war stets Sorge getragen.

Ohne eine Instanz, wie Elfriede Barthelmess sie verkörpert, mangelt es jeder Institution an jener Substanz, die weit über das Bestehende hinauszuweisen versteht. Ja, es schien, als ob ein solches Wesen niemals aus einer noch so bedeutenden Einrichtung selbst hervorgehen könnte. Frau Elfriede Barthelmess war eine Person, die auch in einem Alter, das gewöhnlich als fortgeschritten bezeichnet wird, über eine Aura verfügte, die mehr als nur der Gewissheit einer gelungenen Erscheinung entspringt. Sie nahm untrüglich wahr, bevor sich von selbst etwas zeigte. Sie wusste, was Bestand haben konnte und was nicht. Verließ etwas seine Bahn, trat sie unauffällig zur Seite. Es gab eine Art von Berührung, die hätte empfindlich gestört.

Dem Institut war sie seit jeher verbunden gewesen. Die Zeit reichte bis in die Tage seiner Gründung zurück. Hoffnungsvoll, so war der Anfang gewesen. Was folgte, war allenfalls als Zwang zur Pflicht zu erdulden. Es sei denn, der Augenblick kam, wo etwas der Achtung für sich selbst weichen musste. Sie konnte als unvergleichlich erscheinen. Der Ruf der Bibliothek war ihr Werk. Eine wie sie wusste Rat, ohne dass sie ihn gab. Mancher suchte mit ihr das Gespräch, weil der Klang ihrer Stimme noch lange trug.

Frau Elfriede Barthelmess hatte sich seit ihrer ersten Begegnung an Roshinsky erfreut. Er selbst merkte es spät. Ihr Blick war da nachhaltig auf ihn gerichtet geblieben. Auch hatte sie ihm ab und an die ein oder andere Frage gestellt. Enttäuschen mögen hätte er jene Dame um keinen Preis in der Welt. Es gab etwas, bei dem man nach Gründen nicht fragt, weil sonst manches zerfällt. So kam es, dass Roshinsky auch an jenen Tagen die bereitgelegten Bände entlieh, wenn ihm weniger der Sinn danach stand. Gern nämlich überließ er seine Gedanken einfach sich selbst.

Es war nicht zuletzt die Anhänglichkeit, die er der Bibliothekarin des Instituts mit dem Mittelscheitel und den beiden seitlich ins graue Haar gesteckten Kämmen aus hellem Horn gegenüber empfand, die ihn bei seiner Lektüre so weit vorstoßen ließ. Dem niederländischen Direktor waren seit seiner Berufung nur wenige Sommer im Anblick der schönen Wiese vergönnt. Etwas hatte ihn, sie zu verlassen gedrängt. Es war der Besuch zweier Herren gewesen. Die Zugehörigkeit zu einem anderen Land, von ihm sich zu trennen, mehr wurde im Moment doch gar nicht verlangt, um sich weiterhin der Stellung als Leiter des hochberühmten Instituts zu erfreuen. Die Bedenkzeit hatte er nur mehr zum Packen genutzt.

Als Roshinsky und Kenterbury sich im Turm umsahen, hatte es draußen zu regnen und stürmen begonnen. Das Verdorrte und Welke wurde von Sträuchern und Bäumen gerissen. Der Wind wirbelte alles Lose herum. Manches wurde entwurzelt und dies und das überschwemmt. Sie standen im Eingang und schauten hinaus. Ein Wetter, um unbemerkt allem den Rücken zu kehren? Der niederländische Direktor hatte das Schiff in Antwerpen ohne größere Mühe erreicht.

Roshinsky und Kenterbury, sie betrachteten die Photographien der Zeit, meist vergilbt schon, die Ränder unregelmäßig gezackt. Ehrenwerte Herren fortgeschrittenen Alters waren darauf an Deck transatlantischer Dampfer zu sehen, häufig unauffällig in Nähe der Reling postiert, einen Arm wieschützend um den Rettungsring gelegt. Ihre Kleidung stets aufs Höchste korrekt, schwerer Paletot, steifer Kragen und Homburg. Warum solche mit letzten Dingen befasste Herren noch so beschwerliche Seereisen machten, lag nicht sogleich auf der Hand. Erweiterung des Horizonts allein schied jedenfalls aus.

Das Interesse an elementaren Dingen war bei solchen Fahrten schnell wieder belebt. Der Geruch von Farbe, Teer, Tauwerk, Segeltuch, Eisen wie Holz. Auch Rost, dem nichts beikam. Schlepper, vorne und achtern, zogen das Schiff von der Pier. Langsam glitt es in die Mitte des Stroms, wo die Kraft der eigenen Maschine einsetzen konnte. Scharen von Möwen stürzten schreiend herbei. Die« Koninlijk Nederlands Stoomvaart Maatschappij« war am schwarzen Schornstein mit dem weißen Rand zu erkennen. Am Ufer zog die flache Landschaft vorüber. Ein Werk der Geometrie, deren Hand keiner sah, deren Geist jeder kennt. Die Ordnung der Deiche, Wiesen und Felder, wie ein Stich von »Blaeuw«, sanft koloriert und ein für alle Mal ins Gedächtnis graviert.

Vorerst lag das Dampfschiff ruhig im Wasser. Der Ausklang des Tages lockte für letzte Schritte an Deck. Die Reling wurde allmählich salzig und feucht, die Luft frisch. Unaufhaltsam strebte der stählerne Leib hin zur See. Der Revierlotse kehrte auf seinem Kutter zurück. Noch ging es mit gedrosselter Kraft zwischen den letzten, seichten Stellen der Schelde hindurch. Und während der Sonne versank, roch jeder das Meer.

Die Helligkeit war schließlich verschwunden. Die niederländischen Meister, sie hatten den Raum mit ihr erfüllt. Sonst hatte damals kaum einer gewusst, was es war, das Licht. Außer Huygens und Newton. Oder geahnt, wie Descartes. Überall war das Leuchten von Lampen zu sehen. In der Nacht wurde bald die Stelle passiert, Fastnet Rock, wo der Atlantik beginnt und der Wind mit einer steifen Begrüßung empfängt. Der Mond schimmert wie ein perlmuttener Knopf. Eine Wolke schiebt ihren Ärmel darüber. Für weitere Betrachtung wird es allmählich zu kühl. Doch die Route stand fest. Auf der Brücke wurden die Tage bis zur Ankunft in der Mündung des Hudson mit allen Eventualitäten berechnet.

Bei Tag war die See häufig grün, bald grau, dann wiederum blau. In ständigem Wechsel lief die Farbe geradezu aus. Was blieb, war ein bleierner Ton. Der schluckte selbst noch die Gischt. Die Physik kannte den Grund, die Metaphysik nicht, sie war mit Denken beschäftigt. Der Sinn wurde unterwegs ja gerne im Universum gesucht. Die Sterne, sie vertrieb nicht zuletzt auch die Zeit. Für einen, die angenehme Gesellschaft unverhofft die Fahrzeit verkürzte, liefen sie früher ein als erwünscht. Am Ende lag das Schiff wohlvertäut an der Pier.

Die Anspannung im Gemüt, schon bei geringster Veränderung in Wasser und Luft, sie begann nun allmählich zu weichen. Auch die Unruhe, welche Schiffsmusik allenfalls zu dämpfen verstand. Nicht jeder hatte derzeit den ersehnten Hafen erreicht. So verspürten alle den Drang, beim Fallreep unter den Ersten zu sein. Der Tide wegen war es im Moment noch recht steil. Wie die Stufen im Turm, die unversehens in ein Unternehmen hineinführen konnten, das die Welt in höllische Bewegung versetzte.

Mehr als Vermutung? Nach dem Bericht des niederländischen Direktors, den jeder in der »New York Times« nachlesen konnte, schwanden die Zweifel. Knut Arwed von Kurfalke hatte inzwischen seinen Platz eingenommen. Auch die privaten Räume bezogen. Vierhändig hatten sie auf dem Steinway gespielt. Bei Kurfalke, welches Gefühl für Musik, und welcher Wille, aufs Ganze zu gehen!

***

II

Zum ersten Mal hatte Roshinsky die Stimme Kurfalkes abends über den Äther vernommen. Regelmäßig erklärte er dort die Welt. Wie kaum einem stand ihm das Wort zu Gebot. Die Sätze formierten sich gleichsam von selbst. Staunend war Roshinsky ihm in die fernsten und kühlsten Regionen des Universums gefolgt. Wie leicht führte er dort umher. Roshinsky fühlte sich dagegen ganz schwer.

Auch in der Sonne kannte er sich aus. Er zeigte, was sie im tiefsten bewegte. Roshinsky wunderte sich. Kurfalke kam allem wie von selbst auf den Grund. Überhaupt, er schien seiner Zeit weit voraus. Der Punkt, von dem aus seinen Betrachtungen kamen, lag so weit von allem Irdischen ab, dass seherische Kräfte ihn lenkten. Jede andere Erklärung hätte Roshinsky erstaunt. Ihm wurde ganz heiß.

Er lauschte. Mitunter ging der geschmeidige Ton etwas verloren. Tat sich vielleicht irgendwo ein Hindernis auf? Eine kleine Störung. Untrügliches Zeichen der frühen Radionächte. Schon bald trug sein Organ sich wieder mühelos selbst. In der Natur hingen die Dinge auf unausweichliche Weise zusammen. Den Unterschieden, ihnen ließ sich im Laufe der Zeiten eine Geschichte entnehmen. Beim Menschen hingegen lagen die Dinge verschieden. Keine Zeit schien mit einer anderen je zu vergleichen. Jede war einzig und stand ganz für sich. Epochen, in Kurfalkes Augen, waren sie nichts als Zeitsolitäre. Sie zu verstehen, verlangte das unmittelbare Erleben. Wem es fehlte, stand dem ein Urteil noch zu? Richten ließ sich nur die eigene Zeit. Hier, so schien es, wusste einer wirklich Bescheid. Er stiftete Sinn. Immer nur einzig geartet.

Seinetwegen hatte er den Ort verlassen. Seinetwegen dem bisherigen Dasein entsagt, einem Leben in einer kleinen, vergessenen Stadt, im Schatten des Doms. Dort hatte er an festlichen Tagen feierliche Gesänge gehört und frommen Stimmen sanft durch sein Gemüt gleiten spüren. Manchmal hatten sie ihn ein wenig betört. An gewöhnlichen Tagen, da ging er dem Handwerk des Uhrmachers nach. Das Fachwerkhaus, direkt neben der Werkstatt, ge war höchst bescheiden. Dort nahmen sie das Flüchtlingskind auf. Die Religion stimmte. Von alldem hatte er Abschied genommen, um sich ein für alle Mal dem Studium der Physik hinzugeben. Er verließ die geschlossene Welt und betrat den unendlichen Raum. Wurde er dabei gleichzeitig von einem Hauch des Mondänen gestreift?

Wenn Kurfalke im Auditorium maximum sprach, strömte alles zu ihm hin. Plätze wurden so zeitig reserviert, so daß pünktlich Eintreffende sich wie störend Zuspätkommende fühlten. Eine wirkliche Gemeinde versammelt sich früh. Stille und laute Prominenz fand sich mit oder ohne Gefolge zunehmend ein. Bei der allwöchentlichen Begrüßung schien es, als hätte man einander über Jahre schon nicht mehr gesehen.

Roshinsky beobachtete, wie jedes Mal ein dienstbarer Geist frühzeitig zum Rednerpult eilte. Energisch, wie auf dem Sprung. Gleichsam aus dem Nichts tauchte er auf. Prüfend hielt er das leere Glas gegen das Licht. Dann wurde es aus der Karaffe vorsichtig mit Wasser gefüllt und anschließend das Mikrophon sachte mit dem Finger beklopft. Zur Probe hauchte er mehrfach hinein. Schließlich folgte ein Stakkato von Tönen. Dann trat er zufrieden ein wenig zurück.

Sein Auge prüfte nun die versammelte Menge. Der Saal war restlos gefüllt. Was stand da nicht störend in den Gängen herum oder saß auf den Stufen allzu eng aneinandergedrängt. Es schien kein Durchkommen mehr. Bisweilen entdeckte sein Blick noch den ein oder anderen freigehaltenen Platz. Dem wurde auf der Stelle ein Ende gemacht. Die fällige Aufforderung, sie kam schnell und scharf, so dass jedermann sie auf der Stelle befolgte. Auf die Ellbogen gestützt, den rechten Zeigefinger ausgestreckt, gab er mit fester Stimme die Anweisung durch. Aus Gründen der Sicherheit war unbedingtes Freihalten der Zugänge erfordert. Anfangs hatten einige Unmut geäußert. Er sorgte dafür, dass das unterblieb. Otto Sitzlack, der Hausmeister, hatte die Sache im Griff.

Mit dem Vorrücken des Uhrzeigers an der Stirnwand des Saals wurde es zunehmend still. Der Augenblick, der erwartete, kam. Von unsichtbarer Hand gelenkt strebten die Flügel der Tür auseinander. Die Spannung stieg, denn der Erwartete, er erschien nicht sogleich. Als er dann auftrat, ging ein Raunen und Aufatmen bis in den letzten Winkel hinein. Erleichterung hatte alle erfasst und schnell aufs höchste gestimmt. Undenkbar, hätte eine solche Veranstaltung ausfallen müssen.

Jeder erkannte sofort, Kurfalke, eine Gestalt von Geblüt. Höher als mittelgroß. Leicht heller als mittelgrau. Kaum weniger als mittelschwer. In den Proportionen vollendet. Den Blick ein wenig entrückt. Ein Gelehrter der Natur, vollendet im Umgang mit der Welt. Schließlich hatte er das Katheder erreicht. Es wurde atemlos still. Wo er auftrat, hatte er noch alles und jedes zum Schweigen gebracht. War Hingabe und Ehrfurcht mit Händen zu greifen, hob er wie ein Partitur sicherer Dirigent den Blick. Er kam vom Unendlichen her, gerichtet auf das Profane in der Zeit.