Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die rheinische Medea war nie in Griechenland. Es wäre ihr dort auch viel zu heiß gewesen. Euripides? Sie hätte nur mit den Schultern gezuckt. Ihre Vorgängerin hätte sie still beiseite genommen: Derartige Dinge wurden heutzutage anders geregelt. Viele Wege führten nach Rom. Manch einer ging dabei an sich selber zugrunde, waren die Weichen richtig gestellt. Ganz unbeteiligt hatte sich in Ruhe abwarten lassen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kaum rollte der Zug den Bahnhof hinaus, überquerte er auch schon mit Vorsicht den Rhein. Im überfüllten Abteil horchte jeder gespannt, der Junge besonders. Die Hohenzollernbrücke war noch intakt. Selbst Schiffe hatten sich darunter wieder ausmachen lassen. Keine zehn Pferde hätten ihn von hier wegbringen können, ginge es einmal nach ihm. Ständig hatte sie mit ihm deswegen auf Kriegsfuß gestanden! Nur Kölnisch Wasser hatte ihr weitergeholfen. Auch jetzt hatte sie es wieder zur Hand, den Säugling, die jüngere Schwester, im Arm. Den Dom auf dem Etikett hatte er vom Küchenfenster täglich in der Ferne vor Augen gehabt. Das leere Fläschchen hatte leider nicht in seine Sammlung gepasst. Durch das winzige Loch ging nur wenig hinein.
Jetzt ging es hinaus. Die Westfront war längst näher gerückt und das Grollen der Geschütze immer stärker geworden. Wie ein gereiztes Tier in den Lüften, so hörte es sich seiner Ansicht nach an. Nur bei Dunkelheit und bedecktem Himmel wurde überhaupt noch gefahren. Ansonsten war jede Bewegung im Freien einer tödlichen Gefahr aus der Luft ausgesetzt.
Bei schlechtem Wetter waren alle wieder auf den Beinen gewesen und die Bahnsteige schnell überfüllt. Von Fahrplänen hatte keine Rede sein können. Erst nach Stunden ging es allmählich vom Fleck. Warten war überhaupt das Schlimmste gewesen. Nur den Soldaten schien das zu gefallen. Kompanieweise hatten sie singend und lachend auf der Bahnsteigkante gesessen oder waren übermütig auf die Gleise getreten. Meist waren es ganz junge gewesen. Niemand hatte dagegen einschreiten können. Wer hätte nicht auf der Stelle mit ihnen getauscht!
D-Züge waren sonst stets auf höchste Geschwindigkeit aus. Sein Herz hatte jedes Mal höher geschlagen, wenn sie zischend und fauchend herangebraust kamen. Fiel das Vorsignal aus, wurden sie selten rechtzeitig zum Halten gebracht. Auch von den schweren, eisernen Hemmschuhen nicht, die er selbst mit aller Kraft niemals hochheben konnte. Überall lagen sie zwischen den Gleisen herum. Zum Bremsen wurden sie von den Rangierern auf die Schienen gelegt und in brenzligen Fällen zusätzlich mit der roten Fahne gewinkt. Meist war es zu spät.
Häufig war etwas passiert, leider nicht immer zu sehen. Der Aufprall, das Krachen, Schreien und Splittern war überall zu hören gewesen. Die Erde hatte gebebt und die Wände gezittert. In den Schränken hatte das Geschirr mächtig geklirrt. Türen flogen auf, vieles ging auf der Stelle zu Bruch. Wie beim Einschlag der Bomben oder dem Schießen der Flak. Hatte er ein Behagen verspürt, die Welt aus den Fugen zu sehen?
Das Leben der Eisenbahn, mit seinen sieben Jahren war es ihm bestens vertraut. Vom Fenster aus konnte er das Geschehen in Ruhe verfolgen. Unzählige Waggons hatte er schon vorbeifahren sehen oder kippen und stürzen, wenn sie den Rangierberg hinabgesaust kamen. Stunden hatte er so wie im Fluge verbracht. Unbekannte Namen waren ihm geläufig geworden. Krakau, Tilsit, Ölmütz und Lemberg zum Beispiel. Auf dem Trittbrett hätte er tagelang dahinsausen können. Nach allen Seiten jauchzend und winkend.
Der Güterbahnhof Köln-Kalk lag dem Wohnzimmerfenster direkt gegenüber. Wer ahnte schon, dass jeder Eilzug eigentlich ein Bummelzug war. Es gab Dinge, die täuschten. Das behielt es für sich. Erwachsene hatten längst nicht immer alles gewusst. Am besten, er ließ sie im Dunkeln. Leicht waren sie aus allen Wolken gefallen, und er musste ihnen alles haarklein erklären. Das hielt ihn im Grunde nur auf. Kaum einen Schritt von den Gleisen entfernt lag das Haus. Es hatte einen weiten Blick über das Gelände erlaubt. Nirgends hatte es Nachbarn gegeben. Das Material-Magazin gleich nebenan. Starke Männer, die den Geruch von Tabak, Teer, Öl und Karbid an sich hatten, verluden hier schweres Gerät direkt in die Güterwagen hinein. Der Takt ihrer Hebekommandos und das rhythmische Schnaufen hatten er unbedingt nachahmen wollen. Ruckartig ging es dann los. Seine Dienste wurden bislang nicht gebraucht. Nach kurzem Bedenken hatten sie jedes Mal abwinken müssen und dabei merkwürdig die Augen verdreht.
Hier kam er zur Welt. Es hieß, sich Beine zu machen. Das Kindergeld wäre sonst verloren gewesen. So kurz vorm Monatsende hatte die Hebamme ein Auge darauf. Er schlug die seinen gleich auf. Aufgingen sie ihm beizeiten. Warum war er überhaupt da? Hatte er sich darüber einmal Gedanken gemacht? Statt Rede und Antwort zu stehen, war er verlegen von einem Fuß auf den anderen getreten. Sonst wurde von ihm doch das Blaue vom Himmel erzählt. Ein Grund, sich auf die Zunge zu beißen? Als Provisorium gerade noch geduldet zu werden, hatte nicht das Ziel aller Wünsche sein können!
Bei Tisch hieß es, gleichzeitig stillzusitzen und sich zu beeilen, jedenfalls nicht, das Geheimnis der Speisen ergründen zu wollen. Statt das Rätsel zu lösen, gab er selbst welche auf. Die Bereitschaft, Nahrung zu sich zu nehmen, wurde selten zum gebotenen Zeitpunkt verspürt. Die Änderung einer so tief greifenden Störung, trotz einschneidender Maßnahmen blieb sie aus. Am Anblick eines leeren Tellers war noch niemand gestorben. Sicher indes war es nicht.
»Grenzstraße ohne Nummer«, so hatte die Anschrift gelautet. Das wollte ihm immer gefallen. Jetzt wurden sie über Nacht evakuiert. Der Dom war von seinem Sitz im Gepäcknetz kaum mehr zu sehen gewesen. Eigentlich hatte sie ihn zurücklassen sollen. Unbekümmert zwischen den Linien herumzuspazieren, hätte ihm sicher gefallen. Vom amtlichen Räumungsbefehl wurde dem ein Strich durch die Rechnung gemacht. Günstige Ausnahmen hatte es selten gegeben. Nur aus Gnade von ihr ein letztes Mal noch mitgenommen zu werden, die Ausrede hatte er auf der Stelle durchschaut.
Ob er bei der Rückkehr noch etwas vorfinden würde? Bei Großangriffen war kein Stein auf dem andern geblieben. Lichterloh hatte es an allen Ecken und Enden gebrannt. Gerne hätte er das Spektakel aus nächster Nähe betrachtet. Stattdessen hieß es, sich nicht von der Stelle zu rühren. Wie hätte er mit dem Schlauch herumspritzen können! Mitunter waren Wände unter Wasserdruck zusammengefallen. Das hatte er sich auf immer gemerkt.
Die Schläge aus der Luft rissen mittlerweile nicht ab. Früher kamen die Maschinen in gewaltigen Geschwadern nur dröhnend des Nachts. Jetzt stürzten sie selbst am helllichten Tag einzeln heran und zielten auf alles, was sich bewegte. Hörte man sie, war es meistens zu spät. Am besten, er warf sich rechtzeitig hin und blieb eine Weile so liegen. Sich tot zu stellen war weniger gefährlich, als ihr mit verdreckter Kleidung unter die Augen zu treten.
Es war ihm eingeschärft worden, bei Alarm auf keinen Fall mit den anderen Kindern in den Keller der Schule zu gehen, sondern sich auf eigene Faust nach Haus durchzuschlagen. Das war das streng verboten gewesen. Was hätte er ihretwegen nicht alles in Kauf nehmen wollen! Beim Verlassen des Klassenzimmers wurden jedes Mal Reihen gebildet, die mehrfach abgezählt wurden. Für den Gang in den Luftschutzkeller galt ferner die Mahnung, einander fest an den Händen zu halten. Stattdessen oben noch schnell die Tafel abwischen zu wollen, die Ausrede konnte ihm niemand durchgehen lassen. Ständig musste er sich etwas Neues einfallen lassen. Bei Voralarm hatten Passanten noch eine halbe Stunde zur Verfügung gehabt, einen Unterstand aufzusuchen. Ein hastender Knabe mit Schultornister hatte nicht weiter auffallen können. Er lief die Häuser entlang, an der Kaserne vorbei dem Bahndamm entgegen. Seine Hand streifte die Fassaden entlang. Das hielt jetzt nur auf. Sich noch schnell in das verlassene Schilderhäuschen zu stellen, der Versuchung ließ sich indes kaum widerstehen.
Das Aufheulen der Sirene war ihm jedes Mal in die Glieder gefahren. Bei Hauptalarm waren noch zehn Minuten bis zum Angriff geblieben. Über eine Uhr verfügte er nicht. Hatte es die letzte Stunde geschlagen, war Pünktlichkeit nicht unbedingt von Vorteil gewesen. Zum Schluss musste er noch an einem Lager vorbei.
Lange hatte das Areal brach gelegen. Eines Tages war es planiert und eingezäunt worden. Angespitzte Pfosten wurden in den Boden gerammt. Wie große Bleistifte sahen sie aus. Auch Stacheldraht lag in großen Rollen herum. Mit Ösen wurde er an den Pfählen befestigt. Einige hatte er einstecken können. Dabei ertappt zu werden, war das Ende vom Lied.
Nach dem Errichten der Baracken waren über Nacht die Ukrainer gekommen. Vor dem Lagertor hatten deutsche Posten mit geschultertem Karabiner gestanden. In grauen Wattejacken schleppten sich die Insassen vor seiner Haustür wie Gefangene in langen Kolonnen vorbei. Unter Schreien, Stößen und Schlägen trieben die Bewacher sie ständig voran. Eigentlich hatte er nicht hinschauen dürfen. Bei Alarm war ihnen das Betreten der Bunker verwehrt. Kein Grund, dumme Fragen zu stellen. Wann war es damit bei ihm soweit!
Verlassen lagen tagsüber die Behelfsbauten da. Das Dröhnen der Bombergeschwader war inzwischen näher und näher gekommen. Die Flak schoss bereits. Er musste nur noch den Trampelpfad zum Bahndamm hinauf. Dort stand weit und breit das einzige Haus. Über einen Schlüssel verfügte er nicht. Ging der verloren, hatte allerlei Gesindel Tür und Tor offen gestanden. Was war seinetwegen nicht schon abhandengekommen! Wo hatte er überhaupt seine Gedanken gehabt? Nicht wo sie hingehörten. Ja, wo gehörten sie eigentlich hin?
Auf sein Klingeln war keine Antwort, die Einschläge umso näher gekommen. Die Erde bebte bereits. Half es, sich mit dem Rücken gegen die Türe zu stemmen? Unversehens fühlte er sich im Nacken gepackt. Wo kam er überhaupt her! Wurde wieder Firlefanz getrieben und herumgebummelt? Sein Hinweis auf ihre Weisung, sich bei Angriffen allein nach Haus durchzuschlagen, wurde ungerührt überhört. Nur aus Nachsicht wurde ihm noch einmal Einlass gewährt. Hatte er bei ihr wieder jene Enttäuschung bemerkt? Bald war es blankes Entsetzen gewesen.
Er hatte sich nicht unbemerkt nachhaus stehlen können! Als er nach der Entwarnung erschien, hatte sie ihn heftig ins Gebet nehmen müssen. War auf ihn je Verlass? Wenn es ihn im Schulkeller traf, dann zu Recht. Wusste er auf sie keine Rücksicht zu nehmen! Sie hatte ihn für immer abschreiben müssen. Sich an ihn erneut zu gewöhnen, wie stellte er sich das eigentlich vor! Er konnte noch so hoch und heilig versprechen, dass dergleichen nie wieder vorkommen würde. Kein Grund für sie, sich erweichen zu lassen. Wer sehnte da nicht den nächsten Angriff herbei!
Der Zug hatte inzwischen den Stadtrand passiert. Er musste an seine Sammlung der Bomben- und Granatsplitter denken. Schweren Herzens hatte er sie zurücklassen müssen. Eigentlich hätte er sie beim Einsammeln kriegswichtigen Buntmetalls an der Haustür abgeben sollen. Stattdessen war er in der Schule in einen dunklen Handel verwickelt gewesen. Drohte ihm bald kurzer Prozess?
Auf Zigarrenkistchen verteilt, lagen die Schätze inzwischen auf dem Abstellboden verstaut. Dort kam keiner heran. Außer den Bomben. Dass sie nicht ins Gepäck hineinpassten, hatte er schweren Herzens einsehen müssen. Wurden von ihm vielleicht die Koffer getragen? Er selbst musste ja ständig mitgeschleppt werden. Damit war ein für alle Mal Schluss! Ob er am Ziel seine Sammeltätigkeit wieder aufnehmen konnte? Die Ungewissheit hatte zu schaffen gemacht.
Bis zum letzten Augenblick wurde von ihr bei der Evakuierung gezögert. Dabei hätte der erstbeste Treffer sie hinwegfegen können. Das hatte der Klesper gesagt. Der hatte ein schweres Motorrad gefahren. Damit kam er überall hin. Und überall durch. Für den Klesper hatte es von ihr echten Kaffee gegeben. Seit der Abkommandierung des Vaters nach Russland war sie mit ihm und der älteren Schwester allein. Von der jüngeren war noch nicht die Rede gewesen. Der Klesper hatte hin und wieder nach dem Rechten gesehen. An dem Jungen hatte er einen Narren gefressen. Selbst Schilderungen seiner schweren Vergehen hatten am Klesper nur abprallen können. Er schmunzelte dann und hatte ihm ein Auge gekniffen. Mit dem Klesper hätte er durch dick und dünn gehen können. Leider musste er jedes Mal vorzeitig fort!
An der Maschine hatte er all die Griffe, Hebel, Leitungen, Knöpfe und Schalter nie genug bewundern und anfassen können. Der Klesper lachte dabei. Beim Drehen der Zigarette war seine Zunge langsam über Oberlippe und Schnurrbart gefahren. Nach sorgfältigem Rollen wurde das Papier angefeuchtet und Tabakreste in die Gegend gespuckt. In die Augen war ein Glimmen getreten, wurde gegen den Wind das Streichholz in das Innere der Jacke gehalten. Über das Gesicht war ein Lächeln gehuscht. Er hatte sich alles gemerkt, falls der Klesper ihm hinter ihrem Rücken eines Tags eine »Aktive« zustecken würde. Wie der Klesper zu sein, war sein grenzenloses Bestreben gewesen. Hätte er doch wie er die Stirn runzeln können! Falten hatten sich bei ihm nie lange gehalten. Fehlte ihm dazu der Ernst, Luftikus, der er war? Sich darüber Gedanken zu machen, war ihrer Ansicht nach längst an der Zeit.
Wenn der Motor abgeschaltet war, blieb er eine Zeitlang noch heiß. Das hatte er alleine herausfinden können. Er wartete dann, bis er den breiten, schwarzen Gummisattel bestieg, damit er sich wie ein richtiger Mann fühlen konnte. Um in die schwere Lederjoppe mit den breiten Revers und den doppelten Knopfreihen zu passen, verging noch viel Zeit. Wie er die überstand, hatte in den Sternen gestanden.
Ginge es nach ihr, lief er ständig in Mädchenkleidern herum. Den Kampf gegen die abgelegten Sachen der älteren Schwester, nicht zuletzt die langen, braunen Strümpfe mit den Strapsen am knöpfbaren Leibchen, hatte er mutterseelenalleine geführt. Es war ein Kampf auf Biegen und Brechen gewesen. Ständig wurde ihm in den Rücken gefallen. Auf ihren Befehl hatte er der älteren Schwester bedingungslosen Gehorsam zu leisten. Setzte er sich darüber hinweg, war handfeste Zurechtweisung fällig gewesen. Anschwärzen, das sowieso. Wo er ging oder stand, hatte er sich das Verhasste vom Leibe gerissen. Auf das Schlimmste gefasst zu sein, hatte ihm niemand einschärfen müssen!
Der Krieg kam ihm in mancher Hinsicht entgegen. Ohne den Krieg wäre er geradezu verloren gewesen. Dem Krieg hatte er manch unbeschwerte Minute verdankt. Kam es draußen ganz dick, hatte er drinnen aufatmen können. Tauchte sie unverhofft auf, war äußerste Vorsicht geboten gewesen. Warum bemerkte sie ihn immer zuerst? Selbst auf offener Straße war ernie gegen böses Erwachen gefeit. Was sollten die Soldaten in Russland von ihm denken? Ja, was dachten sie eigentlich von einem wie ihm! Ihrer Ansicht nach hatten sie sich seinetwegen längst in Grund und Boden geschämt.
Als wäre er für sie nicht mit Feuereifer dabei! Die Verarbeitung von Wollresten wurde in der Schule gelehrt. Kämpfen und Frieren vertrugen sich schlecht. Das hatte ihm niemand einbläuen müssen. Allein der Feind hatte sich bei Frost pudelwohl fühlen können. Ein Rätsel, das blieb. Die eigenen Truppen hatten warme Sachen gebraucht. Topflappengroß hatte jeder Beitrag zu sein. Eingesammelt, zu Decken vernäht und gefärbt, hatte ein Infanterist sich darin einmummeln können. Als Armeelieferant hatte er sich jede Mühe gegeben. Stalingrad war da schon verloren gewesen. Er häkelte unentwegt weiter.
Hätte er den Widerstand gegen ihr Kleiderregime aufgeben wollen, wäre er vollends zum Gespött der Kalker Jungen geworden. Sie trugen Hosen aus schwarzem Manchestercord sowie kragenlose, blauweiß gestreifte Hemden und breite Ledergürtel, wie bei der Bahn die Rottenarbeiter. Jedenfalls nicht gestrickte grüne Pumphosen mit Gummizug oben und unten. Vor Scham und Wut konnte er in den Boden versinken.
Nicht zu reden, wenn er an ihre genagelten Schnürstiefel dachte. Der Klang auf dem Pflaster hatte ihn verrückt machen können. Um die Lederschlaufe oben am Schaft, damit der Fuß mühelos hineinglitt, hätte er alles gegeben. In den braunen Halbschuhen mit Troddelbändern, die keinen Kratzer vertrugen, kam er sich geradezu lächerlich vor, auch wenn er darin besser weglaufen konnte. Wurde ein Hinterhalt nicht beizeiten gewittert, hatten sie ihn seiner Aufmachung wegen verprügelt. Als »Erika« verhöhnt zu werden, war schlimmer als all die Tritte und Schläge gewesen. Über das seltsame Wesen hatten sich reineweg kaputtlachen können.
Die Haarspange, damit er ordentlich aussah und die Strähne ihm nicht so frech ins Gesicht fiel, hatte er sie wieder verlegt oder heimlich zertrampelt? Ohne die kam er nicht aus dem Haus. Sonniges Wetter? Es wurde drinnen geblieben. Eigener Wille? Sie hatte nur auflachen können. Er war nach Belieben zum Stillstand zu bringen. Drang nach Bewegung? Die Flausen hatte er sich aus dem Kopf schlagen können. Ihre Hand zuckte, wo erging oder stand, erfolgreich heraus.
In der Küche hieß es, kerzengrade neben dem eisernen Ausguss zu stehen, das Gesicht zur Wand. Risse im Ölanstrich ließen sich so genauer betrachten. Sie hatten den Flüssen und Grenzen auf der Karte geähnelt, die über dem Volksempfänger aufgehängt war. Dort waren die Einflugschneisen der Bomber eingezeichnet gewesen. Mit den Himmelsrichtungen war er inzwischen vertraut. Für welche er sich am Ende entschied, blieb vorerst noch offen. Er war ja täglich »durch alle Ecken geflogen«, so dass ihm die Qual der Wahl im Grunde erspart blieb.
Worin hatte sich nicht hineinträumen lassen! Neben dem Tropfen des Wasserhahns war zwischendurch die Mahnung zu hören, pikobello geradezustehen. Sonst sah sie schwarz, vorher schon rot. Er befand sich ja längst auf der abschüssigen Bahn. Ihm selbst hatte ein Bruder gefehlt. Auf offener Straße gegen Überzahl immer allein, wäre es ein anderes Leben gewesen. Es sah nicht danach aus. Er selbst war ja bereits deutlich zuviel. Bruderlosigkeit schien eine schlimme Bestimmung zu sein. Anderenfalls hätte sie auf der Stelle tot umfallen müssen. Wollte er das? Eine Frage, die blieb.
Herrenlose Hunde, die nach Bombenangriffen ungeniert herumspaziert waren und im Rudel zu Übermut neigten, hatten ihm zu schaffen gemacht. Im Nu war er umzingelt gewesen. Selbst sachliche Missbilligung ihres Verhaltens wurde kühl ignoriert. Das Wurstbrot war fast immer verloren gewesen. An Teilen waren sie nicht interessiert. Auch nach ihm wurde gierig geschnappt. In den Träumen waren sie wiedergekommen. Zusammen mit den Kalker Banden trieben sie mit ihm ohne Bedenken ihr Spiel. Hasenfüßen war selbst im Schlaf nicht zu helfen gewesen. Wer hätte traumloses Glück nicht herbeiwünschen wollen!
Zwischendurch hatte er all seine Hoffnung auf den Führer gesetzt. Für Hitlerjugend und Jungvolk war er leider zu grün. Pein und Schmerz wurden in ihm jedes Mal aufs Neue geweckt, wenn er die Fähnlein pfeifend und trommelnd heraufziehen hörte. Unwiderstehlich waren die Fanfaren ertönt. Gegen alle Verbote war er ans Fenster gestürzt. Geschweige, dass er deswegen auf einen Stuhl steigen durfte. Die Uniformen waren stärker gewesen. Nicht lange. Fest im Griff, hatte er auf den Führer gesetzt. Ob er zu seinen Gunsten eingreifen würde? Es sah nicht danach aus.
Die Halstücher der Pimpfe hatten in Knoten aus geflochtenem Leder gesteckt. Auch gab es Mützen mit Schirm. Jedenfalls nichts Gestricktes mit Bommeln vorne und hinten, wie bei ihm. Es wurde zackig gegrüßt. Der Hemdkragen war wie bei den Matrosen gewesen. Am Koppel hing in einer Schlaufe der Dolch. Wer hätte dafür nicht ein Vermögen gegeben! Der Schulterriemen stellte sich als verstellbar heraus. Die Schnur der Trillerpfeife hatte oben aus der Tasche gebaumelt. In der anderen hatte ein Ausweis gesteckt. All das schien in unerreichbare Ferne gerückt, war der Krieg erst einmal vorbei. Wahrscheinlich kam es am Ende ganz schlimm, falls die Uniformen dann abgeschafft wurden. Er hütete sich, schlafende Hunde zu wecken.
An Führers Geburtstag wurde auf ein Meer von Fahnen geblickt. Bei ihnen war dergleichen nicht in Frage gekommen. Jeder Groschen war ihr dafür zu schade gewesen. Da hatte der Führer sich auf den Kopf stellen können. Wenn das einer hörte! Der Vater war zum Fenster gestürzt. Der Führer beim Kopfstand vermochte ihn außer Fassung zu bringen. Sie nicht.
Wusste sie überhaupt, wo das hinführen würde? Bei Nacht und Nebel konnten sie abgeholt werden! Sie blickte ihn an. Wenn dem Führer nichts Besseres einfiel, dann tat er ihr leid. Aufmerksam hatte der Junge das Scharmützel verfolgt. Wurde vom Vater nicht immer betont, was die Mutter sagt, wird gemacht? Auch in seinem Falle war Hilfe vom Führer nicht zu erwarten gewesen. »Hier bestimmt nicht der Führer, hier bestimme ich«, wem hätten da nicht die Ohren geklungen!
Hatte er sich als Wachsoldat auszeichnen können? Von der Rampe des Magazins wurde Ausschau gehalten. Ob die Ausrüstung dem Feind standhalten würde? Den Helm hatte das Hoheitszeichen über dem Luftloch geschmückt. Hier stand die deutsche Armee! Der zerknabberte Stirnrand ließ Zweifeln Raum. Pappmache verbürgte nicht allerletzte Widerstandskraft. Mäusestoßtrupps waren daran nächstens am Werk. Umso fester wurde der Riemen gezogen. Der Blick in den Spiegel war streng untersagt. Sie zog sich doch keine »Halbaffen« groß! Über so unbekannte Wesen, wer wüsste da nicht gerne Bescheid!
Die Kampfmontur offenbarte weitere Mängel. Feindverschulden schied in jedem Fall aus. Die Brust wurde vom Karton-Panier der Kürassiere bedeckt. Offene Rückenpartien hatten selbst Frontkämpfer mitunter in Kauf nehmen müssen. Kordelreste sorgten im Notfall für Sitz. Das Fehlen feldmarschmäßiger Hosen und Stiefel wurde schmerzlich verspürt. Die Einbildungskraft konnte manches, leider nicht alles ersetzen.
In den Patronentaschen hatte Leere gegähnt. Falls es hart auf hart kam, und der scharfe Schuss angebracht war, wurde es heikel. Das Gummigeschoß, dessen Stiel vorne in den Lauf gesteckt wurde, war nach kurzem Flug schlaff zu Boden gesunken. Es hatte sich am Gegner festsaugen sollen, worauf ihm vor Schreck die Waffe entglitt. Der Infanterist hatte dann leichtes Spiel. Also er. Den Gefangenen hatte er nur noch abführen müssen.
Bislang hatten die Rottenarbeiter von seinem militärischen Auftrag wenig Kenntnis besessen. Den Einsatzbefehl vermochte er auf der Stelle herunterzurasseln. Sie hatten mit geschürzten Lippen genickt und einander auf die Schulter geklopft. Anschließend ihm. Dann war der Krieg ja endlich vorbei! Klaps und Aussicht waren gleichermaßen schmerzlich gewesen.
An einem Tag kam Regen hernieder. Das Graben im Garten musste eingestellt werden. Die Erde hatte am Spaten geklebt. Anlass, in einer Angelegenheit Klarheit zu schaffen. Gefiederten Völkchen hatte es am Respekt vor frischer Wäsche gefehlt. Wurden Warnungen auf die leichte Schulter genommen, war die Flinte an der Reihe gewesen. Zwar hatte er eine Nachtigall auf dem Kerbholz gehabt, doch ein Heimkrieger hatte ihrer Ansicht nach Übung gebraucht.
Der Gefechtsstand hatte zu ebener Erde gelegen. Durch die geöffnete Waschküchentür schweifte das Auge über Beete und Bleiche hinweg. Von blanken Drähten tropfte es sachte herab. Ein Regenbogen war die Krönung gewesen. Zwischen Vater und Sprössling hatte das Gewehr nebst einer Schachtel Patronen gelegen. Der Schütze hatte Breeches und hohe Stiefel getragen. Statt der Bahnjacke mit geflügeltem Räder-Emblem, deckte ein militärisches Unterhemd die heldische Brust. Der verwaschene Reichsadler konnte Zweifel am Kombattantenstatus im Keime erstickt.
Sein Herumwippen und -hampeln hatte er umgehend in den Griff zu bekommen. Mit plötzlichem Aufspringen, Herumfuchteln und Jauchzen, hatte er sich keine Freunde gemacht. Stattdessen am helllichten Tag im Bett an die Decke zu blicken, die Aussicht hatte nicht wiederholt werden müssen. Er war viel zu aufgeregt, um daran zu zweifeln. Nur eines war wichtig, er war dabei.
Er beobachtete, wie die Kammer hinten am Lauf geöffnet und das Projektil hineingesteckt wurde. Beim Umlegen des Hebels wurde es ernst. Das Kleinkaliber-Gewehr wurde mit dem Schaft gegen die Schulter gedrückt. Der Finger kroch dem Abzug entgegen. Das Auge suchte Kimme und Korn. Windstille war wie gerufen gekommen. Die Entfernung, waidmannsgerecht war sie wohl nicht. Im Misstrauen hatte die Stärke gewitzter Kreaturen gelegen. Ungerührt stob der Schwärm mir nichts dir nichts davon. Seine Teilnahme hatte sich da schon gelohnt. Leere Hülsen sein eigen zu nennen, hieß, zahllose Verwendungen drängten sich auf. Nur, keine war klar.
Die Schützenehre machte Gefährdungen durch. Geduld, erzwingen ließ sie sich nicht. Das Jagdfieber stieg, hatte die Beute zu Leichtsinn geneigt. Unter dem Spatzenvolk gab es Tumult. Kess flog es in der Gegend umher. Grund, sich nach Belieben niederzulassen? Wer jetzt unbekümmert in die Luft gucken wollte, für den hatte es ein böses Erwachen gegeben. Letztem Aufflattern war kein Erfolg beschieden gewesen. Eine beträchtliche Strecke wurde verzeichnet.
Die Waidmannsbrust schwellte Stolz. Den Flintenlauf in der Hand, war der Vater nach draußen getreten. Er hinterher, zum Fangschuss bereit. Vier Augen sahen bisweilen ja mehr. Grasbüschel wurden mehrfach beiseitegetreten. Hatten Jagdherr und Gehilfe sich im Kreise gedreht? Die Opfer hatten nicht weit voneinander gelegen. Ein dunkler Fleck markierte die Stelle. Die Kugel sauste dort hinein und an der Rückseite wieder hinaus. Die Schnäbel waren geöffnet gewesen, der Ausdruck erstaunt, verwirrt, mitunter empört. Das Ende vom Lied, sah es immer so aus?
Hatte er vom Vater abrücken wollen? Anfangs hätte er das Gewehr am liebsten selber getragen! Nichts hatte ihm schnell genug gehen können. Es galt, sich in den Griff zu bekommen. Seine Sprung- und Flatterhaftigkeit hatte ja Bände gesprochen. Trockenheit im Mund hatte alles gesagt. Unter Tränen hatte er die Opfer in verschiedenen Schachteln heimlich beerdigt. Den Täter hatte er nicht dabei haben wollen. Wurden Gewissensqualen durch den Umstand erleichtert, dass die Exekution sich als vergeblich erwies? Von unbekümmerten Artgenossen wurden neue Angriffswellen gegen die Wäsche geflogen.
Der Anblick eines echten Toten hatte ihm bislang noch gefehlt. Andere waren ihm in dieser Hinsicht voraus! Ahnungslos wurde er in aller Frühe geweckt. Eile war geboten gewesen. Der Reiz neuer Schuhe mit Haken und Ösen konnte beflügeln. Kein Zug hatte seinetwegen mit der Abfahrt gezögert. Das Ende des Großvaters war plötzlich gekommen. Den Vater der Mutter traf aus heiterem Himmel der Schlag. Es war nicht außen, sondern innen geschehen. Eine Wunde war nirgends zu entdecken gewesen. Der Tote war einfach nur bleich.
Das wurde durch das Entweichen der Seele erklärt. Eine einfühlsame Tante hatte es ihm zuflüstern können. Mir nichts dir nichts war sie in den Körper gefahren. Unbemerkt machte sie sich wieder davon. Niemand erhielt vorher Bescheid, was ihm gefiel. Anschließend ging es in den Himmel hinauf oder die Hölle hinunter. Kam einer mit einem blauen Auge davon, wurde im Fegefeuer geschwitzt.
Nicht jeder war als Unschuldslamm in Frage gekommen. Der Verstorbene hatte heftig aufbrausen und alles kurz und klein schlagen können. »Aquavit« hatte als Antrieb gedient. Unter Gebrüll wurden feindliche Regimenter von der Erde gefegt. Nicht zuletzt er.
Der Mittagsschlaf wurde im Liegestuhl in der Küche verbracht. Einen Schnarchenden voll Wissbegier umkreisen zu wollen und Bauklötzchen dabei fallen zu lassen, hatte die Aussicht nach sich gezogen, » ihn umgehend einen Kopf kürzer zu machen«. Die Großmutter hatte sich dazwischengeworfen. Ewige Seligkeit war in solchen Fällen nicht ohne weiteres in Frage gekommen. Schmoren im Läuterungsofen vermochte ihn durchaus milde zu stimmen.
Hoch zu Ross, den federgeschmückten Helm auf dem Kopf, hatte der Großvater in schwerem Rahmen über dem Sofa gehangen. »Kein Pardon«, die Losung stand spürbar im Raum. Weitere hingen gestickt an der Wand. »Königlich-Preußischer Lokomotivführer«, das Schild aus Messing neben dem Eingang, hoch poliert, war makellos rein wie Hemdbrust, Kragen, Anzug und Weste. Einstecktuch, Stockschirm und Homburg kamen für den Spaziergang hinzu. Beim Anblick hatte jeder gewusst: jetzt hatte es die Glocke geschlagen.
Auf die Minute stand die Lok zur Abfahrt bereit. So lief sie auch ein. Über Jahrzehnte hinweg hatten sie eine Einheit gebildet, Max Paffrath, der Führer und Adolf Päffgen, die Heizkraft, der die Pflege der Temperatur im Kessel oblag. Urkunde, Lorbeerkranz und Photographien lagen im Flur zur Besichtigung frei: Das Paar beim Abschied, fest untergehakt. Die Vitrine war zum Jubiläum angeschafft worden. Schwarz-weiß-rot war die Farbe der Schärpen, wie der Gedanken. Von Wehmut umflort.
Uniform, Tasche, Umhang, Mütze, Ledergamaschen und Uhr ergaben die dienstliche Form. So trat er vors Haus. Im Lokschuppen hielt sein Adlatus sich pünktlich bereit. Langsam schritten sie um die Maschine herum. Nacheinander wurden einzelne Teile betrachtet, befühlt und geprüft. Ausgiebig horchten sie in den Organismus hinein. Im Führerstand wurde das Thermometer beklopft. Die Kunst des Vorheizens hatte Virtuosität in Führung von Schaufel. Stoßeisen, Schieber und Zange verlangt. Das Herzstück in Stimmung zu bringen, war eine kunstvolle Mischung vonnöten gewesen. Schwere Grubenkohle kam als Krönung zuletzt. War der Tender mit Brennstoff und Wasser gefüllt, wurden Räder, Pleuelstangen, Schrauben und Nieten einer letzten Inspektion unterzogen. Den Stumpen im Mund nicht kalt werden zu lassen, für Mensch und Maschine galt dasselbe Prinzip. Entdeckte das suchende Auge einen Riss oder Bruch? Beim Schlag mit dem Hammer musste jeder Klang stimmen. Die Tonleiter einer Dampflok hatten beide im Ohr. Ein letztes Mal wurde unter den Kessel geblickt und im Zweifelsfall auf allen Vieren daruntergekrochen.
Eines Tages wurde dort ein kleiner Junge entdeckt. Nicht vom Gespann, das der Großvater führte. Männer vom Köln-Kalker Güterbahnhof sahen ihn in den Organismus vertieft. Vom Keuchen und Zischen der Ventile und Kolben hatte er sich nicht losreißen wollen. Funkenflug konnte Interesse erregen. Weichen, Drähte, Waggons, Signale und Schienen vermochten einem Knirps Anlass zu erregender Untersuchung zu geben, der sich seit kurzem der Kunst des Laufens erfreute. Kühnheit zur Unzeit hatte mit dem eingeklemmten Bein in einer Weiche geendet.
Wochen in Gips waren einem Gesinnungswandel nicht dienlich gewesen. Einen Güterbahnhof als ureigene Domäne betrachten zu wollen, war trotz all der blinkenden, blitzenden, sausenden und fauchenden Teile nicht allenthalben auf Verständnis gestoßen. Wer machte sich da nicht heimlich auf und davon! Den frischen Zaun um das Haus hatte er sich selber zuschreiben müssen. Neben der Drohung, als Unruhegeist Stunden bei Wasser und Brot hinter Schloss und Riegel verbringen zu müssen.
Der Großvater hatte bei der Begegnung auf dem Sofa gesessen. Der Knabe, er stand in der Tür. Die Strecke war zu überwinden gewesen. Bedächtig wurde ein Fuß auf den anderen gesetzt. Und wieder zurück. Hatte in ihm denn kein Krieger gesteckt? Das Herz vermochte bis zum Halse zu pochen. Unter Todesverachtung wurde nach vorne gestürzt. Von starken Armen in die Höhe gehoben, waren Augen, Kneifer, Nase, Schnurrbart sowie ein gespaltenes Kinn zu betrachten gewesen. Ähnlichkeit mit dem ausgestopften Eberkopf über dem Pianoforte hatte sich kaum abstreiten lassen.
Das Grunzen, der beste Beweis. Der Mund hatte zuschnappen können, wurde am Schnurbart gezogen. Tobakgeruch lehrte Vorsicht. Grund, sich eher an den Anzug zu halten. Die Uhrkette führte in ein verdecktes Täschchen hinein. An den Knöpfen der Weste hatte sich herumspielen lassen! Der glänzende Rücken mit verstellbarer Schnalle war zu befühlen gewesen, wenn sie über der Stuhllehne hing. Die Kehrseite, sah sie immer so aus?
Die letzte Reise hatte in keinem Fahrplan gestanden. Im Sarg, dort lag er im Cut. Das Licht der Kerzen schimmerte schwach auf der Haut. Trauer hatte aus vollem Herzen zu kommen. War seines nur leer? Am Grab hatte er Erde aus dem Behälter genommen und ohne zu krümeln hinuntergeworfen. Auch das Buchsbaumsträußchen als letzter Gruß flog rasch hinterher. Er vermied es, sich allzu weit nach vorne zu beugen. Fiel er hinunter, dann setzte es was. Auch sonst hatte er sich keine Sperenzchen erlaubt. Bei des Vaters Bericht war es berücksichtigt worden. Ungerührt wurde es von ihr zur Kenntnis genommen. Sie war zu Hause geblieben. Um nichts in der Welt hätte sie sich zu einem letzten Gruß von der Stelle gerührt. Falls er dem Verblichenen nachschlagen sollte, dann Gnade ihm Gott.
War von Luftwaffe und Marine Entlastung gekommen? Er hätte aufschreien mögen. Die Uniformen hingen eines Morgens im Flur. Ihr Finger wurde ihm auf die Lippen gelegt. Die Helden, Brüder der Mutter, sie schliefen ja noch. Hatte er die Waffengattungen jemals so nah beieinander gehabt? An den Röcken waren Orden und Schießschnur zu bewundern gewesen. Die Kragenspiegel der Flieger hatten silberne Schwingen geziert. Die Mütze der Marine mit Bändern war ein Schmuckstück für sich. Wie er sich fühlte, wenn er sie einmal aufsetzen durfte! Der Ausnahmezustand hatte einen Blick in den Spiegel erlaubt.
Bei Tisch wurden verwirrende Reden geführt. Das Wort »Geschwader« galt offenbar für Wasser und Luft. Fragen hätten Lücken in seinen militärischen Kenntnissen bloßlegen können. Bei »Verbänden« war offensichtlich nicht nur schwere Verwundung gemeint. »Gefallen« konnte mehr als blutige Knie bedeuten. Was es hieß, Blockade zu fahren, hatte er sich nicht genauer vorstellen können. Auch mit »Brückenköpfen« hatte er seine liebe Mühe und Not. Sie waren nicht leicht zu halten gewesen. Draußen wurde nach ihnen vergeblich gesucht.
Das Foto zeigte einen der Onkel mit der Hand am Geschütz, den verstellbaren Feldstecher vor der Brust. Ansonsten war weit und breit nur Wasser zu sehen, aus dem jederzeit etwas auftauchen konnte. Bei Unterseebooten war es meistens zu spät. Auch mit Minen war nicht zu spaßen gewesen. Fehlende Schwimmkunst hatte seinem Eintritt in die Seestreitkräfte vorerst im Wege gestanden. Übungen in der Wanne waren durchaus begrenzt. Warum eine ganze Armee »dem Engländer« oder »dem Russen«, also einer einzelnen Person gegenüberstand, hatte ebenfalls einer Erklärung bedurft.
»Außer Atem« hieß, ausersehen zu sein, den »Völkischen Beobachter« aus dem roten Briefkasten am Fuße des Bahndamms nach oben zu holen. Auf dem Küchentisch wurden darauf die Pistolen zerlegt und mit Sorgfalt geölt. Auf dem Papier dehnten fettige Flecken sich aus. Ein Tröpfchen reichte aus, um wichtige Nachrichten auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Die Patronenmagazine hatten seitlich gelegen. Die Mutter hatte Kaffee gekocht und mit dem Finger auf ihn gezielt. Im Zweifelsfall war er jetzt tot. Bevor er sich damit abfinden konnte, wurde aus vollem Halse gelacht. Das zu verstehen, fiel ihm noch schwer.
Bis zum Mittag brachten die Männer sich mit Schießen in Form. Auf die ausrangierte Waschküchentür wurde gefeuert. Blech knallte heftig. Zucken offenbarte eine alte Schwäche bei ihm. Ob in ihm ein Duckmäuser steckte? Er war vom Vater ins zweite Glied zurückgeschickt worden. Dabei war der gar kein Soldat. All seine Hoffnung hatte bei den Onkeln gelegen. Ob sie ihn am Ende mitnehmen würden?
Das Nötigste war zusammengepackt. Es fehlte nur der entscheidende Wink. Den Kübelwagen hatte er insgeheim inspiziert. Als es soweit war, wurde Verständnis geäußert. Verstärkung war immer willkommen gewesen. Den Platz im Wagen hatte er sich sogar aussuchen dürfen. Selbst der Fahrersitz wäre in Frage gekommen. »Direkt zur Front!« Stattdessen hatte er aussteigen müssen. Von Luftwaffe und Marine wurde mit den Schultern gezuckt. Wenn das Machtwort der Mutter überall galt, hatte das insgesamt für die Wehrmacht gegolten.
Im »Sturmlokal« wurde ihr Kommando befolgt. Vor dem Zapfhahn riß die Schlange nicht ab. Im Zweifelsfall hatte
