NIA - Michael Blank - E-Book

NIA E-Book

Michael Blank

0,0

Beschreibung

Was bedeutet es, menschlich zu sein? Nia lebt ein stilles, unscheinbares Leben in Williamsburg, New York. Ihre Tage sind von Routinen geprägt, ihre Nächte von Träumen, die nicht zueinanderpassen. Als sie auf Lilly trifft, eine talentierte, aber zerbrechliche Künstlerin, entsteht zwischen den beiden eine Verbindung, die Nias sorgsam geführte Fassade ins Wanken bringt. Doch als Nias Vergangenheit sie einzuholen droht und die Grenze zwischen Realität und Erinnerung immer mehr verschwimmt, muss sie sich einer unbequemen Wahrheit stellen: Wer ist sie wirklich? Und wie viel kann eine Liebe ertragen, wenn die Grundfesten der Identität ins Wanken geraten? Ein Roman über Liebe, Identität und den Mut, sich selbst zu akzeptieren - einfühlsam, spannend und zutiefst bewegend.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

I

KAPITEL 1

Ein sanfter Lichtstrahl schlich sich durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen, erhellte den Raum nur so weit, dass sich die Umrisse der wenigen Möbel abzeichneten. Die Uhr auf dem Nachttisch tickte leise, ein monotones Geräusch, das die Stille fast erdrückender machte. Nia öffnete die Augen, ohne sich zu rühren, und starrte an die Decke. Der Übergang zwischen Schlaf und Wachsein war für sie immer eine merkwürdige Schwebe, ein Moment, in dem sie sich manchmal fragte, ob es überhaupt einen Unterschied gab.

Mit einer Bewegung, die so präzise war, dass sie fast mechanisch wirkte, setzte sie sich auf und schob die Beine über die Bettkante. Ihre nackten Füße berührten den kühlen Boden, und sie zog den dünnen Morgenmantel über die Schultern. Es war ihr Ritual, genau wie das Öffnen der Vorhänge und das Einatmen der frischen Luft von draußen, selbst wenn die Straßen von Williamsburg noch im Dunst der Morgendämmerung lagen.

Ihr Blick wanderte durch den Raum, blieb an den wenigen Dingen hängen, die sie ihr Eigen nannte. Auf der Kommode stand ein Bilderrahmen, alt und leicht angelaufen. Das Glas hatte einen Sprung, aber sie hatte nie das Bedürfnis gehabt, ihn zu reparieren. Was sich darin befand, wusste sie nicht, oder besser gesagt, sie wollte es nicht wissen. Es war nur ein Gegenstand, eine Erinnerung an etwas, das sie eigentlich nicht besaß. Daneben lagen kleine Souvenirs: eine Muschel, ein Stein, ein winziges, verblasstes Buch mit abgerissenen Seiten. Sie betrachtete sie, als könnten sie ihr Antworten auf Fragen geben, die sie sich nicht traute zu stellen.

Die nächsten Minuten verliefen in stummer Routine. Das Wasser aus dem Hahn war zu kalt, aber sie ließ es über ihre Handgelenke laufen, bis ihre Haut taub wurde. Der Kaffee, den sie aufbrühte, war bitter, doch sie trank ihn ohne Zucker oder Milch, so wie immer. Ihre Bewegungen waren so gleichförmig, dass sie selbst kaum bemerkte, dass sie sich bewegte. Es war, als würde ihr Körper die Kontrolle übernehmen, während ihre Gedanken in einer anderen Welt verweilten.

Während sie am Küchentisch saß, mit der dampfenden Tasse in der Hand, begann ihr Kopf sich zu füllen. Gedanken kamen und gingen wie flüchtige Besucher, ließen Fragmente zurück, die sie nicht zusammensetzen konnte. Sie dachte an die Geräusche draußen – das ferne Brummen der Stadt, das Klappern von Absätzen auf dem Gehweg – und daran, wie diese Welt ihr immer fremd geblieben war, egal wie lange sie schon hier lebte. Es war nicht die Stadt, die sie mied, sondern die Menschen. Oder waren es die Menschen, die sie mieden?

Ihre Hände glitten über die Seiten ihres Journals, und sie begann zu schreiben. "Ein neuer Tag", notierte sie. "Und doch fühlt es sich an wie der alte." Ihre Schrift war ordentlich, fast akribisch. Jedes Wort wurde sorgfältig ausgewählt, jede Linie war ein Ausdruck von Kontrolle. Doch die Worte auf dem Papier widersprachen dieser Kontrolle, sie waren voller Sehnsucht und Zweifel.

Erinnerungen drängten sich in ihren Kopf. Ein Garten mit einem Baum, unter dem sie gespielt hatte, ein Lächeln, das sie wärmte, ein Lied, das eine Stimme für sie sang. Aber je mehr sie sich bemühte, die Bilder festzuhalten, desto schneller verblassten sie. Sie konnte sich an die Farben erinnern, aber nicht an die Details. Es fühlte sich an wie ein Traum, der sich weigert, vollständig zu erscheinen.

Ein Blick in den Spiegel am Ende des Raumes ließ sie innehalten. Sie sah ihr eigenes Gesicht, glatt, makellos, aber dennoch fremd. Ihre Finger berührten die Wange, glitten über die Haut. "Wer bin ich wirklich?", flüsterte sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Der Spiegel blieb stumm, reflektierte nur das Bild einer Frau, die mehr Fragen hatte als Antworten.

Die Zeit drängte, und sie wusste, dass sie sich fertig machen musste, um den Tag zu beginnen. Aber für einen Moment saß sie einfach da, umgeben von der Stille ihrer Wohnung, und fragte sich, ob der Tag, der vor ihr lag, etwas ändern würde. Ob irgendetwas je etwas ändern würde.

Die schwere Holztür des Altbaus fiel hinter Nia ins Schloss, und sie stand plötzlich mitten im pulsierenden Herz von Williamsburg. Die Geräuschkulisse war allgegenwärtig: das Summen der Menschen, das Klappern von Fahrrädern über das Kopfsteinpflaster, das rhythmische Zischen der Espressomaschinen aus den umliegenden Cafés. Die Luft roch nach frisch gebrühtem Kaffee, nach heißem Teer und nach den ersten Sonnenstrahlen, die sich durch den aufziehenden Dunst des Morgens kämpften.

Nia zog die Schultern ein wenig höher, als hätte die lebendige Atmosphäre ein Gewicht, das auf ihr lastete. Sie ließ ihren Blick über die Straßen schweifen, betrachtete die Menschen, die in Gespräche vertieft waren, Paare, die sich ein Lachen teilten, und einen kleinen Jungen, der über den Gehweg rannte, während eine Frau mit einer Einkaufstasche hinter ihm herlief. Es war, als wäre sie ein unsichtbarer Beobachter, jemand, der zwar sehen, aber nicht wirklich teilnehmen konnte. Die Welt war ein Theaterstück, und sie stand hinter der Bühne, sah durch einen schmalen Spalt im Vorhang.

Ein Straßenmusiker hatte sich an einer Ecke postiert. Seine Gitarre war zerkratzt und abgenutzt, aber seine Finger bewegten sich mit Leichtigkeit über die Saiten, während er eine melancholische Melodie spielte. Einige Passanten warfen ihm Münzen in den geöffneten Gitarrenkoffer, andere liefen vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Nia blieb kurz stehen, hörte der Melodie zu und spürte eine seltsame Resonanz, eine leise Melancholie, die mit ihrer eigenen übereinstimmte. Doch nach einem Moment wandte sie sich ab, als hätte sie zu lange hingeschaut, als wäre es unhöflich, dort zu verweilen.

Ein Straßenverkäufer mit einer kleinen, dampfenden Kaffeekarre winkte ihr zu. "Guten Morgen! Ein Kaffee für den Start in den Tag?" Seine Stimme war freundlich, seine Augen lachten, aber Nia spürte eine unerklärliche Anspannung. Small Talk. Sie hasste Small Talk. Es war, als würde eine unsichtbare Wand vor ihr aufsteigen, die sie von diesem simplen Austausch abhielt. Sie zwang sich, zu lächeln, trat näher und bestellte einen schwarzen Kaffee. Ihre Worte klangen fast geübt, mechanisch, wie eine vorprogrammierte Antwort.

„Das macht zwei Dollar“, sagte der Verkäufer und reichte ihr den dampfenden Becher. Sie fischte eine zerknitterte Banknote aus ihrer Tasche und nickte ihm kurz zu. „Danke“, murmelte sie und spürte, wie der Moment des Kontakts bereits zerbrach, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Der Verkäufer lächelte weiterhin, doch Nia hatte das Gefühl, dass er bereits das nächste Gesicht in der Menge suchte, die nächste Stimme, die ihn ansprach. Sie war nur eine flüchtige Begegnung, ein Schatten, der weiterzog.

Der Kaffee war heiß und bitter, doch sie schätzte die Wärme, die sich in ihren Händen ausbreitete. Während sie langsam die Straße hinunterging, suchten ihre Gedanken erneut nach einem Ankerpunkt. Sie beobachtete die Menschen um sich herum—die Vertrautheit in ihren Gesprächen, die kleinen Gesten der Zuneigung, die scheinbar mühelosen Verbindungen. Und sie fragte sich, warum es bei ihr nicht genauso war. Warum sie immer das Gefühl hatte, etwas Entscheidendes zu verpassen, einen Schlüssel, der sie in diese Welt einlassen könnte.

„Gehöre ich überhaupt hierher?“ Der Gedanke blitzte in ihrem Kopf auf, ein wiederkehrender Begleiter, den sie nicht abschütteln konnte. Es war nicht die Stadt, die sie mied, es waren die Menschen, oder vielleicht war es auch andersherum. Sie fühlte sich wie ein Knoten, der nicht in das Gewebe passte, wie ein fehlendes Puzzlestück, das nie ganz in das Bild eingefügt werden konnte.

Ein Hund lief an ihr vorbei, die Leine in der Hand eines Mannes, der mit seinem Handy sprach. Der Hund blieb kurz stehen, sah Nia an, und in diesem Blick lag eine seltsame Vertrautheit, fast wie ein Erkennen. Doch dann zog die Leine straff, und der Hund trottete weiter. Nia blieb stehen, sah dem Tier nach, bis es in der Menge verschwand.

„Vielleicht“, dachte sie, „ist es gar nicht die Welt, die mich ausschließt. Vielleicht bin ich es, die die Welt nicht hineinlässt.“ Aber selbst dieser Gedanke brachte keine Klarheit, sondern nur eine weitere Schicht von Unsicherheit, die sich um sie legte.

Der Rest des Weges verlief schweigend. Die Stadt um sie herum blieb lebendig, ein Herzschlag, der sie einhüllte, ohne sie zu berühren. Als sie schließlich ihr Ziel erreichte, hielt sie kurz inne, atmete tief durch und schob die Tür zu dem Gebäude auf, das sie jeden Tag betrat, als wäre es das Einzige, was sie davon abhielt, ganz unsichtbar zu werden.

Die stickige Luft in der kleinen Poststelle des gläsernen Hochhauses war durchdrungen von einem leichten Geruch nach Papier, Karton und der Chemie von Druckertinte. Nia stand am Sortiertisch, ihre Hände bewegten sich mechanisch, während sie Briefe und Pakete nach den Etagen und Büroräumen des Gebäudes sortierte. Die monotone Aufgabe führte dazu, dass ihre Gedanken abzuschweifen begannen, eine Flucht in die Tiefe ihres Inneren, während ihre Hände weiterarbeiteten.

Die Poststelle war fensterlos. Graue Wände, ein metallener Sortierschrank und die immer gleiche Beleuchtung verliehen dem Raum eine bedrückende Kälte. Ihre Kollegin, eine freundlich wirkende Frau mittleren Alters namens Susan, warf ihr einen kurzen Blick zu. „Du bist wirklich schnell, Nia. Vielleicht solltest du öfter mal Pausen machen. Nicht, dass du uns noch das Arbeitspensum aller anderen ruinierst.“ Susan lachte, aber der Kommentar hinterließ in Nia nur eine leere Resignation.

Sie wusste, dass ihre Geschwindigkeit und Effizienz nicht aus Anerkennung hervorgingen, sondern aus einer ihr innewohnenden Perfektion, die sie nicht erklären konnte. In ihrem Kopf hallte Susans Stimme wider, während sie einen Stapel Briefe in die richtige Schublade legte. Schnell. Zuverlässig. Effizient. Aber bedeutungslos. Alles wirkte so mechanisch, so unpersönlich, und doch spürte sie, dass ihre Sehnsucht nach Bedeutung nicht zur Kälte dieser Umgebung passte.

In einem der Schubladenfächer bemerkte sie einen leicht geöffneten Umschlag. Sie nahm ihn vorsichtig heraus und bemerkte, dass ein Foto daraus hervorlugte. Es zeigte ein Paar, das sich innig in den Armen hielt, ihre Gesichter von einem ehrlichen Lachen erhellt. Nia starrte es einen Moment lang an. Die Emotionen, die in den Gesichtern der beiden lagen, wirkten so intensiv, so echt. Ein Stich zog durch ihre Brust, ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte Susan, die auf dem Weg zu einem anderen Stapel vorbeiging. Nia zuckte zusammen und schüttelte schnell den Kopf. „Ja, alles gut.“ Sie schob den Umschlag hastig zurück in die Schublade.

Die restliche Schicht verging ohne besondere Ereignisse, aber die Bilder und Gedanken, die das Foto in ihr hervorgerufen hatten, ließen sie nicht los. Als sie ihren Bereich reinigte und die letzten Briefe in die Schubladen einsortierte, spürte sie eine tiefe Leere. Es war, als wäre sie eine Beobachterin in ihrem eigenen Leben, außen vor der Welt, in die sie so verzweifelt hineinpassen wollte.

Als die Uhr fünf schlug, legte sie ihre Handschuhe ab, griff nach ihrer Tasche und trat hinaus in den Flur. Die Fenster auf dieser Etage boten einen Ausblick auf die pulsierende Stadt. Sie blieb einen Moment stehen, beobachtete die Menschen und Autos, die in der Ferne vorbeizogen, und fragte sich, wie es wäre, ein Teil von etwas Größerem zu sein—eine Verbindung zu spüren, die über die Oberflächlichkeit hinausging.

Doch dann rückte sie ihre Tasche zurecht, senkte den Blick und machte sich auf den Weg zur U-Bahn. Die Stadt verschluckte sie wie eine Maschine, ein weiteres anonymes Rädchen im Getriebe. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Foto und zu der Frage, warum ihr das Lachen der beiden so fremd und doch so vertraut vorkam.

Nia betrat ihre kleine Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Die Hektik der Stadt verblasste sofort, doch die Stille, die sie umhüllte, brachte keine wirkliche Ruhe. Sie legte ihre Tasche sorgfältig auf den Tisch, schob die Schuhe unter das kleine Regal am Eingang und ließ ihre Fingerspitzen einen Moment auf der Türklinke ruhen, als könnte sie die Welt draußen dadurch noch ein Stück länger fernhalten.

Mit langsamen Bewegungen bereitete sie sich eine Tasse Tee zu, das leise Pfeifen des Wasserkessels durchbrach für einen Moment die Stille. Sie stellte die Tasse auf den kleinen Küchentisch und öffnete den Kühlschrank, in dem nur wenige Lebensmittel standen: ein halber Laib Brot, ein Glas Marmelade, etwas Milch. Ihr Blick verweilte einen Moment auf der schlichten Auswahl, bevor sie sich eine kleine Scheibe Brot schmierte und sie mechanisch aß, während sie aus dem Fenster in den grauen Hinterhof blickte.

Nachdem sie den Abwasch erledigt hatte, holte sie ihr Tagebuch hervor, das in einem verblassten, abgenutzten Ledereinband steckte. Der Geruch von altem Papier stieg ihr in die Nase, ein Hauch von Vertrautheit in einer Welt, die sie so oft als fremd empfand. Mit einem leisen Seufzen setzte sie sich auf die Couch, zog die Beine an und ließ ihren Stift über die leeren Seiten gleiten. Die Worte flossen zunächst stockend, dann schneller:

Heute war wieder ein Tag wie so viele zuvor. Menschen, die an mir vorbeigehen, als wäre ich Luft. Sie lachen, sie reden, sie umarmen sich. Und ich? Ich fühle mich wie ein Schatten, der sie beobachtet, dazuzugehören. ohne jemals wirklich

Ihre Gedanken wanderten zu dem Foto, das sie auf der Poststelle gesehen hatte. Das Paar darauf hatte so glücklich gewirkt, so verbunden. Sie schrieb:

Ist es das, was ich suche? Eine Hand, die meine hält, ein Lachen, das nur für mich bestimmt ist? Aber wie könnte ich das jemals finden, wenn ich mich selbst nicht verstehe?

Nia legte den Stift zur Seite und blickte in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Ihr eigenes Gesicht starrte zurück, makellos und doch irgendwie leer. Sie stand auf und trat näher heran, als könne sie etwas entdecken, das sie bisher übersehen hatte. Ihre Finger fuhren über ihre Wangen, ihren Hals, als wollte sie prüfen, ob sie echt war. Doch das Gefühl blieb diffus, unfassbar.

„Warum fühlt sich alles so falsch an?“, flüsterte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.

Der Spiegel gab keine Antwort. Stattdessen spiegelte er nur ihre Verwirrung, ihre Zweifel, ihre ungestellten Fragen. Zurück auf der Couch griff sie erneut nach ihrem Tagebuch und schrieb einen letzten Satz, bevor sie das Buch schloss:

Vielleicht gehöre ich nicht hierher. Vielleicht gehöre ich nirgendwohin.

Sie legte das Tagebuch auf den Tisch, zog sich ein altes, weiches Tuch über die Schultern und löschte das Licht. Ihre Couch war wie immer ihr Bett, und sie legte sich darauf, wobei sie ihre Beine eng an ihren Körper zog. Ihre Augen schlossen sich langsam, doch die Gedanken ließen sie nicht los. Während die Dunkelheit sie umhüllte, spürte sie eine leise, bohrende Unruhe – ein Echo von etwas, das sie noch nicht benennen konnte.

KAPITEL 2

Der Morgen begann wie immer. Nia öffnete die Augen, als die ersten Sonnenstrahlen durch die schmalen Lücken der Vorhänge fielen. Sie blieb einen Moment regungslos liegen und ließ ihren Blick durch das schlichte Zimmer schweifen. Es gab wenig, was ihre Aufmerksamkeit fesseln konnte—nur den kleinen, abgewetzten Nachttisch, auf dem ihr Tagebuch lag, und ein verstaubtes Glas Wasser.

Ein tiefer Atemzug. Sie wusste, was folgen würde. Wie ein Uhrwerk begann sie ihre Routine: Aufstehen, Bett machen, Wasser ins Gesicht spritzen. Ihr Blick wanderte kurz zu ihrem Spiegelbild. „Heute wird besser“, murmelte sie, obwohl sie den Worten wenig Glauben schenkte.

Die Wohnung war still, fast beklemmend. Während sie ihr Toast in den Toaster steckte, lauschte sie auf die Geräusche des Treppenhauses—ein leises Klappern von Schuhen, das Knarzen der Dielen, die gedämpfte Stimme eines Nachbarn. Es waren die einzigen Anzeichen von Leben, die sie daran erinnerten, dass sie Teil einer Welt war, auch wenn sie sich oft wie ein Fremdkörper darin fühlte.

Das Frühstück verlief wie immer. Zwei Bissen vom Toast, ein Schluck lauwarmes Wasser, dann ein Blick auf die Uhr. Es war Zeit, zu gehen. Nia griff nach ihrer Tasche und zog die Tür hinter sich zu. Der Flur war, wie die Wohnung, alt und unauffällig, mit abblätternder Farbe und dem schwachen Geruch von Reinigungsmitteln.

Als sie die Treppe hinabsteigen wollte, hörte sie ein Scheppern und gedämpftes Fluchen von unten. Neugierig blieb sie stehen. Das Geräusch wurde lauter, begleitet von einem schwerfälligen Stapfen. Sie trat vorsichtig ein paar Stufen weiter und entdeckte eine junge Frau, die sich mit einer großen Kiste voller Malutensilien abmühte.

Pinsel ragten in alle Richtungen heraus, und eine Tube blauer Farbe drohte herauszufallen. Die Frau—offensichtlich überfordert—zog die Kiste näher an sich, verlor dabei aber fast das Gleichgewicht.

„Brauchen Sie Hilfe?“ Nias Stimme hallte klar durch das Treppenhaus, was die Frau aufschrecken ließ. Ein Strang brauner, leicht zerzauster Haare fiel ihr ins Gesicht, als sie hastig aufsah. Ihre Wangen waren gerötet, entweder vor Anstrengung oder Verlegenheit.

„Oh, äh, ja, das wäre… nett.“ Ihre Stimme klang unsicher, aber freundlich. Sie wirkte ein wenig schüchtern, vielleicht sogar verlegen, als sie die Kiste wieder zurechtrückte und sich umdrehte.

Nia trat näher, nahm die Kiste vorsichtig entgegen und war überrascht, wie schwer sie war. „Was ist da drin? Ein Ziegelsteinlager?“

Die Bemerkung ließ die Frau lachen—ein warmes, ehrliches Lachen, das Nia unvorbereitet traf. „Nur die halbe Kunstwelt“, erwiderte sie mit einem schiefen Grinsen. „Ich bin Lilly, übrigens. Danke für die Hilfe.“

„Nia“, antwortete sie schlicht und balancierte die Kiste mit beiden Händen. Eine flüchtige Wärme durchströmte sie, als sie die lockere, chaotische Energie von Lilly spürte. Es war, als würde ein frischer Windstoß die präzise Ordnung ihrer Welt durchbrechen.

Nia folgte Lilly die Treppe hinauf, die Schritte hallten in dem schmalen, altmodischen Treppenhaus wider. Lilly balancierte eine schwer aussehende Kiste mit Malutensilien in den Armen, und Nia konnte nicht umhin, sich über die unordentliche, aber doch irgendwie charmante Erscheinung ihrer neuen Nachbarin zu wundern. Schließlich erreichten sie Lillys Tür. Mit einem leicht verschämten Lächeln setzte Lilly die Kiste ab, zog den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür zu ihrer Wohnung.

Das Atelier war wie ein Sturm, der in einem kreativen Chaos wütete. Der Duft von frischer Farbe und Terpentin schlug Nia entgegen, als sie eintrat. Überall standen Leinwände an den Wänden, einige fertiggestellt, andere nur mit groben Skizzen bedeckt. Tische waren übersät mit Farbtuben, Pinseln und Paletten. Ein alter Plattenspieler in der Ecke schien schon lange nicht mehr benutzt worden zu sein, doch daneben stapelten sich zerkratzte Schallplatten. Die Luft vibrierte förmlich vor kreativer Energie, und Nia konnte nicht anders, als sich ein wenig fehl am Platz zu fühlen.

„Entschuldige das Chaos,“ sagte Lilly und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich hatte nicht erwartet, heute Besuch zu bekommen.“ „Es hat... Charakter,“ antwortete Nia, die nicht wusste, ob sie sich setzen oder stehen bleiben sollte. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper in diesem lebhaften Raum.

Lilly lachte leise. „Das ist eine nette Art zu sagen, dass es ein unordentliches Durcheinander ist. Aber das ist mein Chaos, und irgendwie funktioniert es.“ Sie hob eine Leinwand an, drehte sie um und stellte sie vorsichtig gegen die Wand. „Manchmal glaube ich, dass es meine Kunst widerspiegelt – unvollkommen, chaotisch, aber... echt.“

Nia nickte, „Also das ist deine Wohnung?“ fragte sie neugierig? „Hm, mehr oder weniger, seitdem ich mit meinem Partner zusammenlebe wohne ich eigentlich bei Ihm aber ich kann mich nicht von dieser Wohnung trennen, die Miete ist gut und das natürliche Licht ist es wert, also bin ich sehr oft hier und habe das hier zu meinem Atelier gemacht“ antwortete Lilly mit einem leicht gequälten Ausdruck. Nia lies ihre Blicke weiter schweifen und betrachtete die Umgebung. Eine große Leinwand mit kräftigen Pinselstrichen in Blau- und Grüntönen zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. „Ist das fertig?“ fragte sie, unsicher, ob sie die Etikette eines Ateliers missachtete.

„Noch lange nicht.“ Lilly folgte Nias Blick und trat zu der Leinwand. „Ich habe versucht, etwas einzufangen, aber es fühlt sich noch nicht richtig an. Ich weiß nicht... manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt gut genug bin.“ Ihre Stimme wurde leiser, fast so, als spräche sie mehr mit sich selbst als mit Nia.

Nia spürte eine plötzliche Schwere in der Luft. Sie war es gewohnt, anderen zuzuhören, ihre Emotionen aufzunehmen und darauf zu reagieren. Doch in diesem Moment war es anders. Sie fühlte sich von Lillys Offenheit und Verletzlichkeit berührt, auch wenn sie nicht genau wusste, warum.

„Es sieht... lebendig aus,“ sagte sie schließlich und hoffte, dass ihre Worte richtig waren. Lilly sah sie an, ein kleines, dankbares Lächeln auf den Lippen.

„Danke,“ murmelte Lilly. Dann wandte sie den Blick ab, als wollte sie einen Gedanken verscheuchen. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kunst das Einzige ist, was mich über Wasser hält.“

Ein kurzer Moment des Schweigens entstand, bevor Lilly abrupt die Stimmung wechselte. „Willst du etwas trinken? Ich habe Wein, Wasser... oder vielleicht einen Tee?“

Nia zögerte, bevor sie antwortete. „Ein Tee klingt gut.“ Sie beobachtete, wie Lilly mit geschäftigen Bewegungen in die kleine, unordentliche Küche eilte. Für einen Augenblick war der Raum still, und Nia nutzte die Gelegenheit, um eine Leinwand zu betrachten, die auf einem Ständer mitten im Raum stand. Darauf waren nur wenige Striche zu sehen, doch sie wirkten so kraftvoll, dass sie beinahe eine Geschichte zu erzählen schienen.

Als Lilly mit zwei dampfenden Tassen zurückkam, schien ihre vorherige Melancholie verflogen. „Also, Nia,“ sagte sie und reichte ihr eine Tasse. „Was hat dich nach Williamsburg verschlagen?“

Nia nahm einen Schluck Tee, der überraschend süß war, bevor sie antwortete. „Ich wollte... einen Neuanfang. Ein Ort, an dem ich mich... vielleicht wiederfinden kann.“

Lilly nickte, als verstünde sie genau, was Nia meinte. „Dann hast du den richtigen Ort gewählt. Diese Stadt hat etwas... Magisches. Sie gibt dir Inspiration, auch wenn sie dich gleichzeitig in den Wahnsinn treiben kann.“

Sie lachten beide leise, und für einen Moment fühlte sich Nia seltsam wohl. Vielleicht war das Chaos dieses Ateliers genau das, was sie brauchte, um ein wenig Ordnung in ihr eigenes Leben zu bringen.

Lilly räumte hastig einen Stapel Skizzenbücher und Pinsel von einem alten Holztisch, um Platz zu schaffen. "Setz dich ruhig, Tee kann man ja nicht im Stehen trinken." sagte sie mit einem entschuldigenden Lächeln. Der Duft von frisch aufgebrühtem Tee vermischte sich mit dem typischen Geruch von Farbe und Leinöl und schuf eine eigenartige, aber angenehme Atmosphäre.

Nia nahm vorsichtig Platz, wobei sie den Blick über die vielen unfertigen Kunstwerke schweifen ließ. Jede Leinwand schien eine eigene Geschichte zu erzählen, chaotisch und doch voller Energie. Sie fühlte sich gleichzeitig fasziniert und fehl am Platz. Lilly kehrte mit zwei dampfenden Tassen zurück und setzte sich gegenüber von Nia. "Ich hoffe, du magst Kräutertee. Zucker habe ich leider keinen da."

Nia nickte dankbar und nahm einen vorsichtigen Schluck. Die warme Flüssigkeit schien ihr Unbehagen ein wenig zu lindern. Lilly begann zu sprechen, fast beiläufig, doch ihre Worte hatten eine tiefe Ehrlichkeit. "Manchmal frage ich mich, ob das hier alles überhaupt einen Sinn hat. Ich meine, wer interessiert sich schon für das, was ich male?"

Nia legte die Tasse ab und sah Lilly aufmerksam an. "Ich glaube, deine Bilder sind beeindruckend. Sie wirken ... ehrlich." Lilly lachte leise, ein trauriger Klang, der in dem weitläufigen Raum widerhallte. "Ehrlich, ja. Vielleicht zu ehrlich. Aber Ehrlichkeit zahlt keine Miete. Und na ja ... es gibt Menschen, die erwarten von mir, dass ich mehr bin, als ich bin."

Nia spürte, wie sich etwas in Lillys Worten verbarg, ein unsichtbares Gewicht, das sie niederdrückte. "Es muss schwer sein, solche Erwartungen zu tragen," sagte sie vorsichtig.

Lilly zuckte mit den Schultern, doch ihre Augen verrieten eine tiefe Müdigkeit. "Man gewöhnt sich daran. Aber manchmal frage ich mich, ob ich nicht einfach alles hinschmeißen sollte."

Nia überlegte einen Moment, bevor sie leise sagte: "Ich habe oft das Gefühl, dass ich nirgendwo wirklich dazugehöre. Als ob ich immer nur am Rand stehe und zuschaue."

Lilly sah sie überrascht an, ihre Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. "Das kenne ich. Aber weißt du was? Manchmal sind es genau die Menschen am Rand, die am meisten sehen. Vielleicht bist du mehr Teil des Ganzen, als du denkst."

Die Worte trafen Nia unerwartet tief, und sie fühlte einen warmen Stich der Dankbarkeit. Lillys Augen glitzerten, und für einen Moment schien die Schwere von ihr abzufallen. Doch dann, fast beiläufig, fügte sie hinzu: "Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach neu anfangen. Ohne ... all die Komplikationen."

Nia wollte fragen, was sie meinte, doch Lillys Blick wanderte ab, und die Chance verstrich. Stattdessen nippten sie beide schweigend an ihrem Tee, während die Farben und Schatten des Ateliers sie umhüllten wie eine schützende Decke.

Die Atmosphäre zwischen ihnen fühlte sich vertraut und doch fragil an, wie eine Brücke, die gerade erst gebaut wurde. Als Lilly schließlich aufstand, um einen weiteren Pinsel aufzuheben, spürte Nia, dass sie in diesem Moment einen Hauch von dem gefunden hatte, wonach sie suchte: eine Verbindung, so flüchtig sie auch sein mochte.

Nia betrat ihre Wohnung und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Der Klang hallte durch die Stille des kleinen Raumes, und sie verharrte einen Moment, die Stirn gegen das kühle Holz gelehnt. Es war, als müsste sie die Eindrücke des Tages erst sortieren, bevor sie wieder durchatmen konnte. Der leichte Duft von Tee, der noch in der Luft hing, vermischte sich mit dem dezenten Aroma von Farbe, das sie aus Lillys Atelier mitgebracht hatte.

Die Wohnung war so ordentlich, wie sie sie verlassen hatte. Jeder Gegenstand hatte seinen festen Platz, und doch fühlte sich der Raum leerer an als sonst. Sie zog ihre Schuhe aus und stellte sie ordentlich neben die Tür, dann ging sie zum Fenster und zog die Vorhänge ein Stück beiseite. Die Lichter von Williamsburg flimmerten wie ein ferner Sternenhimmel, während das Summen des Verkehrs gedämpft in den Hintergrund ihrer Gedanken trat.

Nia ließ sich auf den Stuhl an ihrem kleinen Schreibtisch sinken. Dort lag ihr Tagebuch, ein unscheinbares Buch mit einem abgenutzten Einband, dass sie seit ihrer Ankunft in der Stadt begleitet hatte. Sie strich mit den Fingerspitzen über das Cover, zögerte, bevor sie es öffnete. Die leeren Seiten schienen sie herauszufordern, als wollten sie ihre Gedanken auffangen und formen, bevor sie wieder in die Unordnung ihres Geistes entglitten.

Lilly.

Sie schrieb den Namen in geschwungener Schrift, fast wie eine Skizze, als würde sie versuchen, den Klang des Namens mit der Bewegung des Stifts einzufangen. Dann hielt sie inne und starrte auf die Buchstaben. Es war merkwürdig, wie sehr dieser eine Name ihre Gedanken beherrschte. Nia schloss die Augen und ließ die Szenen des Tages noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen.

Lillys Atelier war ein lebendiges Chaos gewesen. Die Farben, die Pinsel, die unfertigen Leinwände – es war, als hätte der Raum selbst eine Seele. Doch es war nicht nur der Ort gewesen, der sie so beeindruckt hatte, sondern Lillys Art, sich darin zu bewegen. Ihre Energie war zugleich ungestüm und verletzlich, ihre Worte voller Leidenschaft, aber auch von einer leisen Unsicherheit durchzogen.

Sie ist so anders, schrieb Nia schließlich. Der Satz wirkte schlicht, aber er trug die ganze Faszination, die sie empfand. Lilly war so unperfekt, so menschlich. Nia dachte daran, wie Lilly gelacht hatte, als sie sich über den Farbklecks auf ihrer Wange lustig machte. Dieses Lachen war warm gewesen, herzlich, und hatte etwas in Nia berührt, dass sie nicht benennen konnte.

Doch hinter der Bewunderung lag auch ein Schatten. Nia spürte die Fragen, die an die Oberfläche drängten. Was, wenn sie mich wirklich kennenlernt? Was, wenn sie sieht, dass ich nicht bin, was Sie gerne hätte? Sie legte den Stift zur Seite und presste die Handflächen auf den Tisch, als könnte sie die aufkommende Unsicherheit so aus ihrem Inneren vertreiben.

Ein Teil von ihr wollte Lilly näherkommen, mehr von dieser Wärme spüren, die sie so sehr vermisste. Doch ein anderer Teil warnte sie, dass diese Nähe gefährlich sein könnte – für sie beide. Nia atmete tief durch und lehnte sich zurück. Ihre Augen glitten zum Fenster, wo die Stadt unbeeindruckt von ihren inneren Kämpfen pulsierte.

Der Tag war lang gewesen, und die Müdigkeit kroch in ihre Glieder. Sie stand auf, zog langsam ihre Jacke aus und hängte sie an den Kleiderhaken neben der Tür. Dann ging sie ins Bad, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihre Züge waren ruhig, perfekt – und doch fühlte sie sich in diesem Moment so unvollkommen wie nie zuvor.

Zurück in ihrem Zimmer, schloss sie das Tagebuch und legte es behutsam auf den Nachttisch. Sie zog die Vorhänge vollständig zu und ließ sich auf das Bett sinken. Die Dunkelheit des Raumes umhüllte sie wie eine schützende Decke, doch in ihrem Inneren war es alles andere als still. Die Gedanken an Lilly glühten weiter, wie ein Feuer, das nicht erlöschen wollte. Und während die Geräusche der Stadt leiser wurden, erlaubte sie sich, für einen kurzen Moment an eine Zukunft zu glauben, in der sie nicht länger allein war.

KAPITEL 3

Nia stand vor dem großen, pulsierenden Club, der mitten in Williamsburg lag. Die Luft war erfüllt von der Mischung aus schwerem Bass, Gelächter und Gesprächsfetzen, die aus der geöffneten Tür strömten. Es war ein Ort, den sie bisher gemieden hatte, ein Raum, der mehr war als nur ein Treffpunkt. Für viele war es ein Ort der Flucht, für sie schien es ein Ort der Konfrontation mit ihrer eigenen Unsicherheit zu sein.

Mit einem tiefen Atemzug betrat sie das Innere des Clubs. Das Licht war gedämpft, durchbrochen von grellen Farbblitzen, die in unregelmäßigen Abständen durch den Raum tanzten. Die Menschen um sie herum schienen sich in einer perfekten Harmonie aus Bewegung und Klang zu befinden, ein Kollektiv aus Lächeln und rhythmischen Schritten. Doch für Nia fühlte es sich an, als sei sie eine stumme Beobachterin, ein Schatten, der nicht dazugehörte.

Ihr Blick wanderte durch den Raum, blieb an einer Gruppe junger Menschen hängen, die lachend ihre Gläser aneinanderstießen. Sie verspürte den Impuls, sich ihnen anzuschließen, doch ihre Füße blieben wie angewurzelt. Es war diese Unsichtbarkeit, die sie gleichermaßen frustrierte und schützte.

Ein Mann in einem gutsitzenden Hemd und mit einem selbstsicheren Lächeln trat in ihr Sichtfeld. Er wirkte, als würde er genau wissen, wie er auf andere wirkte – charmant, aber nicht aufdringlich. Er sah direkt in ihre Richtung und begann, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.

„Du siehst aus, als könntest du einen Drink vertragen“, sagte er, als er vor ihr stehen blieb. Seine Stimme war warm, einladend, aber auch berechnend.

Nia wusste nicht, ob es die Atmosphäre des Clubs war oder der müde Wunsch nach Gesellschaft, der sie dazu brachte zu lächeln und zu nicken. „Vielleicht“ antwortete sie leise, unsicher, ob ihre Stimme in der Lautstärke der Musik überhaupt gehört wurde.

Er reichte ihr die Hand. „Jake. Und du bist?“

Sie zögerte, überlegte, ob sie ihren echten Namen sagen sollte. Doch dann sagte sie schlicht: „Nia.“

„Nia. Schön, dich kennenzulernen.“ Jake deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der Bar. „Lass uns einen Drink holen.“