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Ungewöhnliche Zeiten sind eine Herausforderung. Weder Vergangenes noch Gegenwärtiges bringt uns zum Schweigen. Nichts ist so dunkel, dass es nicht aufzuhellen ist. Meine Geschichten wollen die Landkarte der Gegenwart mit vertrauten und zugleich überraschenden Konturen beleben. Das Buch enthält in der Regel Prosa-Texte, die sich auseinandersetzen mit zeitgeschichtlichen Personen und Ereignissen aus den Bereichen Politik, Kirche, Gesellschaft und persönlichen Reise-Erfahrungen. Ich habe weitgehend eigene Begegnungen und Erlebnisse verarbeitet, so dass der Leser im geschriebenen Wort auch mich selbst wiederfinden kann. Daher haben manche Texte, vor allem aus dem religiös-kirchlichen Bereich, autobiografischen Charakter.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2020
Statt eines Vorwortes
Von Helden und denen, die es sein wollen
Von denen, die »Ja« und jenen, die »Vielleicht« sagen
Von denen, die glücklich sind, und jenen, die davon träumen
Von denen, die kreativ, und jenen, die planlos sind
Von Reisen und der letzten Reise
Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges erzählen meine Geschichten.
Wahre und unwahrscheinliche Geschichten.
Meine Frau begleitet meine Geschichten. Es sind auch ihre Geschichten.
Peter Josef Dickers
»Unsere Feinde werden zittern vor Angst.« Vom größten, teuersten, modernsten Flugzeugträger spricht der Präsident.
»Seht auf mich. So sehen Sieger aus.« Unfehlbar. Unbesiegbar. In seinem Glanz wird die Welt anders. Sie ist um einen Fantasten reicher geworden.
Andere klein, sich selbst groß erscheinen lassen. Die eigene Geniehaftigkeit hervorheben. Ein Präsident auf dem Weg in die Ruhmeshalle.
Ob er noch Präsident ist, wenn er angekommen ist? Weiter als zum Mond hat es bisher niemand geschafft. Entgeht der Präsident dem Schicksal der Eintagsfliege?
Mit lautem Trommeln markiert er sein Revier. Machtdemonstration, Dominanzgebaren, Grenzüberschreitung.
Einschüchtern. Drohen. Sich gebärden, als gehe es in eine Schlacht. Trotz Inkompetenz das tun, was andere besser können.
Ein Präsident im Breitwandformat. Grönland kaufen, eine kleine Immobilie. Wunderliches Weltbild? Schlechtes Theater? Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit?
Ein Präsident, beschäftigt mit dem, was ihm am nächsten ist, sein Leben als Ich. Nationale Gerichte, politische Gegner, kritische Journalisten sind abscheuliche Instanzen, gefährliche Leute. Diskriminierungsfreies Miteinander unerwünscht. Sensibilität ist nicht seine Stärke.
Nicht Vordenker. Nicht Nachdenker. Der Verstand mischt sich nicht ein. Geistiges Eigentum kommt nicht abhanden. Von guten Ideen hat man nichts vernommen.
Muss man seine von wesentlichen Inhalten bereinigten Reden zur Kenntnis nehmen? Selbstinszenierer belieben zu klappern.
Als Bewahrer und Beschützer versteht er sich. Konfrontation suchender Lobbyist; so sehen ihn andere.
Gewinnen wollen, was andere verlieren. Kontakte und gute Beziehungen verzichtbar. Politische und sonstige Zwerge in seiner Gunst.
Ungültig ist, was für gut befunden und vereinbart wurde. Vertrauen zerstören, das Menschen eint.
Gestern Gesagtes heute ungültig. Gegen alles, außer gegen sich selbst. Wertegerüste, Klimaabkommen: Nichts gilt, was galt. Ob etwas zum Segen oder Verhängnis wird, ist irrelevant. Chaos mit Methode. Er muss nicht nach Feinden suchen.
»Wir leben nach unseren Gesetzen, nicht nach denen anderer Länder.« Seit 1791 geltendes Recht auf Waffenbesitz bleibt unangetastet. Ein Hoch auf die Waffenlobby.
Wenn Elefanten Liebe machen, zertreten sie Gras. Feines Porzellan taugt nicht für grobe Hände.
Geschichtsvergessen? Temporäre Ignoranz? Gestörter Wirklichkeitssinn? Wahrnehmungsprobleme? Er verschwendet keine Gedanken für Lektionen seiner Vorgänger und benötigt weder Gedächtnisstützen noch Erinnerungskultur.
»Wunderbare, saubere Steinkohle.« »Großartiges Land«, in dem wenige viel und viele wenig haben. Ein Land, in dem wenige auf Kosten vieler leben.
»Großartig. Ich wohne im Weißen Haus.« »Ich erfülle Träume.« »Ich könnte für jedes Amt kandidieren; aber ich will nicht.« Selbstgewisser Held, verliebt in Großleinwände und Auftritte. Narzisst und Twitterkönig auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Narzissten wollen gepudert werden.
Nicht jeder beherrscht Regeln des Miteinanders. Nicht jeder installiert Antennen für die Botschaften anderer.
Jene, die schmeichelnd seine Nähe suchen, sich auf die Schulter klopfen wie staubende Teppiche, um Gunst und Anerkennung buhlen, werden mit Gesten bei Laune gehalten.
Demonstrieren die Gesten Bedeutungslosigkeit? Sind sie Chiffren für seine Schrotschuss-Politik? Viele Kugeln abfeuern, damit eine trifft?
Ein Präsident mit unübertroffener Biegsamkeit, moralfreier Zuverlässigkeit, freischwebender Ziellosigkeit.
Ein Präsident ohne Prinzipien. Ein Präsident, der Narzissmus zur Staatsräson macht.
Wenn er nichts zu sagen hat, macht er viele Worte. Wenn er schweigt, sollte man ihm zuhören. Nicht Gesagtes überzeugt. »Auch Törichte sind weise, wenn sie die Lippen schließen.« Ein Weisheitsspruch aus dem biblischen Buch der Sprüche.
Muss man ihn gewähren lassen? Muss man den wankelmütigen Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart, den Wechsel von Überzeugungen und Mitarbeitern, das geschmeidige Verhältnis zur Wahrheit hinnehmen wie verregnete Sommer und vorübergehende Unwetter?
»Unser Land produzierte besondere Helden.« Mit Großtaten und Helden, mit Glorifizieren und Heroisieren vergangener Zeiten kennt er sich aus. Wer Helden aufzählt, will selbst einer sein. Wer sagt ihm, dass Sieger von vorgestern Besiegte von gestern waren? Wer sagt ihm, dass sie wenig zu ändern vermochten am chaotischen Zustand ihrer Zeit?
Zum Nachbarn im Süden eine Mauer geplant. Schutzwall von Vielverdienern gegen rechtlose Nichtsverdiener.
Empörung im Blätterwald? Globale Aufregung? Aufruf zur Mäßigung? Diffuses Raunen. Man macht sich Gedanken. Ansonsten Schweigen. Mehr sagt man nicht oder redet so leise, dass man es selbst nicht hört. War das Land nicht Land der Verheißung, dessen Verfassung bewundert wurde?
Sind Stimmen erstorben? Sind Worte nicht vorrätig? Stockt Sprachmächtigkeit, weil genug geredet wurde? Empörungsmüdigkeit? War unbekannt, worauf man sich mit ihm einließ? Stimmt Salvador Dalís Aussage, wer andere interessieren will, ist um Provokationen nicht verlegen? Also verordnet er Stillstand. Shutdown.
Nicht jeder ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Entpartnerung. Man trifft sich und begegnet sich nicht wie imaginäre Freunde. Was zu verhindern ist, wird schlimmer.
Es sind Zeiten, die vergehen, als seien sie nicht gewesen. Wie es dazu kam? Rhetorische Frage. Nicht zu pfeifen, ist genug gelobt.
Entdeckt der Präsident die Pfade der Realität? Erwacht er aus Träumen seiner Einzigartigkeit? Baut er Brücken in die Zukunft?
Er will als Genie in die Annalen eingehen. Wie der große Zampano in Federico Fellinis »La Strada«.
»Nur große Menschen machen große Fehler.« La Rochefoucauld. »Wenn man zu dicht ans Feuer geht, versengt man sich den Bart.« Türkisches Sprichwort. Nicht jedem ist zu helfen. Ob sich Geschichtsbücher an ihn erinnern werden?
Was ist, wenn der Wind dreht und Wohlwollen in Ernüchterung umschlägt?
Was ist, wenn Schatten fallen auf die Glitzerwelt und Wunder ausbleiben?
Was ist, wenn dem Zauberer die Kaninchen ausgehen? Was ist, wenn Wolken den Himmel verdunkeln und das unfreundliche Gesicht der Alltäglichkeit erscheint?
Was ist, wenn zu groß Geplantes aus dem Ruder läuft?
Was ist, wenn er nicht erreicht, was er wollte und sollte?
Was ist, wenn der Anpassungsdruck größer und die Spielräume kleiner werden?
Was ist, wenn der Kater kommt und Träume ihren Glanz verlieren?
Was ist, wenn überdehnte Saiten reißen?
Was ist, wenn Illusionen in Trümmern liegen und als Fantasie-Produkte entlarvt werden?
Was ist, wenn Untertanen erkennen, was ein unberechenbarer Messias angerichtet hat?
Was hat er zustande gebracht, an das man sich erinnern müsste? Kommt Wahrheit ans Licht, lässt sie sich nicht unterdrücken.
Er wird gehört haben von der Weisheit des Alters. Ob er so alt wird? Er wirkt nicht jünger als er ist.
Erliegen Wähler noch einmal seinen bizarren Auftritten und machen ihn zu seinem eigenen Thronfolger? Je stärker der Aufschrei, desto größer der Rückhalt? Grabreden zu halten ist daher zu früh. Zwischen Anfang und Ende liegen Ewigkeiten. Die können dauern. Was kommen wird, gleicht einer leeren Winterlandschaft.
Man wünscht seinen Zeitgenossen nur Gutes. Cicero, römischer Philosoph und Politiker, stellte Fragen an Senator Lucius Sergius Catilina nach dessen misslungenem Umsturz-Versuch. Fragen, welche die Antwort enthielten:
»Wie lange, Catilina, missbrauchst du noch unsere Geduld?« »Wie lange noch wird uns dein Wahnsinn verspotten?«
Ob sich Geschichten wiederholen?
»Ich gehe«. »Bleib«. Die Liebste geht. »Verweile doch. Du bist so schön.«
Sie kann nicht mehr. Sie will nicht mehr. Nicht »bis der Tod euch scheidet«.
Angefangen. Aufgehört. Gekommen. Gegangen. Eingestiegen. Ausgestiegen.
Brexit. Ade. Scheiden tut weh.
Die feine englische Art. Klein-England statt Groß- Britannien. Range-Rover, James Bond, After-Eight. Alles muss raus. Bringen wir es hinter uns.
Gestern in. Heute out. Vorwärts in die Vergangenheit. Jeder für sich. Keiner für alle.
Brexit. Ermüdungserscheinungen. Kurzzeit-Gedächtnis. Gehen, ehe der Abriss droht.
Schluss mit Konventionen. Ewig war gestern. Sesshaftigkeit nicht Maß aller Dinge.
Exit vom Brexit? Kein Neubeginn? Keine neuen Träume? Endgültig? Ohne Wiederkehr?
O Brexit.
Es war zu befürchten. Sie haben dich aus unseren Archiven geholt. Ohne zu fragen, ob wir dich noch brauchen.
Sie umschwirren dich wie Motten das Licht und suchen deine Nähe. Gibst du dem Drängen nach? Du sollst ihr Komplize werden und die Lederhose wieder anziehen. Die kann nicht mehr passen nach den Jahren, in denen sie in weiß-blauen Schränken hing. Du kannst dich nicht nach damals zurückverwandeln. Du bist nicht jener, der du warst.
Du sollst die Bayern retten, nicht der Horst. Auf dich setzen sie ihre Hoffnung. Du sollst ihren Interessen deine unterordnen. Unterforderst du dich? Sie berufen sich auf Vorrechte. Als sie Teil des Deutschen Reichs wurden, behielten sie eine eigene Armee, eine eigene Eisenbahn und eine eigene Post. Jetzt wollen sie dich, beeindruckt von sich, zurückholen, statt Bußfertigkeit zu üben und eigenes Versagen einzugestehen.
Sie sind nicht verzweifelt genug, ihre Fehler einzugestehen, nicht in der Lage, mehr Hirn zu zeigen. Sie schauen von oben herab auf ihr Fußvolk, als seien sie das Zentrum der Welt.
Jede Epoche ging zu Ende. Sie sollen sich in ihren bayerischen Heimat-Museen verewigen lassen.
Sei auf der Hut, Jupp. Lass dich nicht messen an unerfüllbaren Zusagen. Lies das Kleingedruckte. Ein Leben auf dem Sprung ist in deinem Alter nicht ratsam. Du weißt nicht, was du bekommst, nur das, was du willst, aber nicht erhältst. Es kann sein, dass du dich in der bekannten, aber fremd gewordenen Welt verlierst.
Ehe du deinen Platz in unseren Andenkenläden räumst und gegen nieder- und oberbayerische Alm- und Wiesenäcker eintauschst, bedenk, was du dir und uns antust. Soll aus »unser Jupp« »unser Sepp« werden? Wirst du als »unser Depp« in unsere Vitrinen zurückkehren?
Unser Jupp, du hast dich um dich und um uns verdient gemacht. Neue Karrierestufen musst du nicht erklimmen. Den Zauber des Anfangs kennst du. Verdient hast du genug. Auf lumpige Bayerntaler bist du nicht angewiesen. Drück die Pausetaste. Widersteh den Verlockungen auf dem Markt der Unübersichtlichkeiten.
Solltest du gehen, nimm die Vitrinenschlüssel mit. Vielleicht kehrst du zurück.
Lass mich ein paar Worte über dich äußern. Mit »dich« meine ich »unsere« Borussia. Wir sind die Borussia, nicht die allegorische Frauengestalt des Deutschen Königreichs Preußen, das den Namen hinterlassen hat.
Gänsehaut gebe es gratis, versprichst du auf der Homepage. Das bestätigen die fünfzigtausend Zuschauer, die sich alle zwei Wochen in deiner Arena einfinden.
Sie wollen deine Ballkünste erleben. Du weißt, dass die Freude zeitweise getrübt war. Du selbst bist nicht immer zufrieden mit dem jeweiligen Tabellenstand. Du willst es nicht, aber es kann sein, dass dich das ärgert und andere es zu spüren oder zu hören bekommen. Bescheidenheit war nicht immer deine Stärke, da du dich mit Blick auf die Vergangenheit zu Höherem berufen fühlst. Sehnsuchtsanwandlungen sind nicht verboten.
Nichts für ungut. Emotionen kühlen sich ab. Die Mitte der Tabelle ist ein sicherer, gepolsterter Standort. Von dort aus hast du alles im Blick, nach oben und unten.
Wirtschaftlich ist es nicht befriedigend, wenn dir Millionenbeträge entgehen, die zu verdienen sind im Schlaraffenland Fußball. Du weißt, dass sich nicht alle alles leisten können. Mitbewerber verdrängen das. Der olympische Kernsatz »Dabei sein ist alles« hat nichts an Glanz verloren trotz fußballerischer Rechenkünste.
Für ehrenrührig hältst du es, wenn du nicht durch Europa tingeln kannst, um Klubs irgendwo in Sibirien rheinische Fußballkunst vorzuführen. Nimm es nicht tragisch. Es gibt dort Bolzplätze, die sich sehnen würden nach deinem gelegentlich ruinierten Rasen. Du brauchst dich nicht mit der Spielkultur in der Taiga zu messen.
Wir mögen dich, Borussia, obwohl du nicht immer so spielst wie andere. Wir denken nicht an Abstieg, wenn wir punktelos den Heimweg antreten. Das ist das Außergewöhnliche an dir: Größe beweisen gegenüber dem Standesdünkel derer, die sich zu den Großen zählen. Welch anderer Trainer kann es sich leisten, begeistert zu sein von einem Fehlerspiel, wenn es nicht unähnlich einer Achterbahnfahrt ist? Solchen Charakter findet man selten.
Wer deine Spielkultur chaotisches Provisorium nennt, versteht nichts vom Ballspiel. Spiel das Spiel, für das du gelobt wirst und die Fans dir die Treue halten. Für uns bist du gut genug und bleibst »unsere Borussia«.
Linie 1900. 440 PS Luxusbus. Marcus drängte bei der Anschaffung des Busses auf einen großen Tank.750 Liter. Für dreitausend Kilometer Fahrt reicht er. Für An- und Abreise. Für Fahrten zum Training und zu Testspielen. Für den Transfer zum Flughafen. Mehr als zweitausend Kilometer wöchentlich.
Ich treffe Marcus in der Borussia-Geschäftsstelle. Als würden wir uns seit Jahren kennen, begrüßt er mich wie einen alten Freund. »Komm, wir suchen uns eine Ecke, wo wir reden können.«
Ein Borussen-Bus mit spezieller Aura. Marcus chauffiert das Team zum Auswärtsspiel in der Fußball-Bundesliga. Die wertvolle Fracht muss hin- und zurückgebracht werden.
Kurze und mittlere Strecken legen Fahrer und Team gemeinsam zurück. Bei langen Strecken fährt Marcus die Route samt Ausrüstung allein vor. Mannschaft und Betreuer treffen später per Flugzeug ein und werden am Flughafen abgeholt.
Das Navi sei stets funktionsbereit, verrät er. Wenn er das Team zum wiederholten Mal zum selben Hotel fährt, findet er sich allein zurecht.
Der Verein, die Spieler, alle schätzen den Pragmatiker, der umsetzt, was verlangt wird. Lustiger Vogel. So nennt er sich. Für jeden Spaß zu haben. Ein Lausbub. Sympathisch und locker.
Marcus kam nicht als Busfahrer auf die Welt. Sein Sportgeschäft beweist, dass er auch über andere Qualitäten verfügt. Ehe er zur Borussia kam, war er Beton- und Stahlbauer. Im jetzigen Umfeld fühlt er sich wohl. Seine unbekümmerte Aufgeschlossenheit, mit der er auf andere zugeht und sie an sich heranlässt, überzeugt.
Borussia sei kein seelenloser Verein, in dem nur gegen den Ball getreten werde, sagt er. »Wir sind Familie.« »Wir helfen dem, der sich helfen lässt.« Marcus weiß nicht, wie das bei anderen Vereinen ist. Für Borussia ein Markenzeichen.
Nicht zufällig betreibt er sein Geschäft dort, wo er zu Hause ist. Freunde wohnen da. Mit ihnen feiert er Schützenfest. Leider ist die Zeit knapp bemessen, seitdem er bei Borussia ist. An den Wochenenden, manchmal auch unter der Woche, arbeitet er für Borussia. Wenn Borussia nicht spielt, Sommer- bzw. Winterpause ist, wenn er Urlaub hat oder einfach daheim ist, träumt er nicht vom Fußball. »Das machen andere, nicht ich.«
Marcus pflegt seinen Garten. Und er frönt dem Krimihobby. Der Mensch lebt nicht vom Ball allein. Marcus und Borussia reiten nicht dasselbe Pferd, um sich zu verstehen.
Dennoch geht er im Fußball-Metier auf. Er ist zuständig für die Trainings- und Spielwäsche der Spieler. Ab Wochenmitte stehen Vorarbeiten an, wenn ein Auswärtsspiel ansteht. Der Bus wird mit Utensilien der Spieler bestückt, Trikots in vierfacher Ausfertigung und anderes Material werden eingepackt.
Es gibt eine verbindliche Ausrüstung: Hemd mit Ärmeln, kurze Hose, Stutzen, Schienbeinschoner, Schuhe. Torhüter dürfen lange Hosen tragen. Für jeden Spieler fünf Sätze Trainingswäsche, dazu eine Garnitur pro Spieltag.
Man verrät nichts Neues, dass Fußballspieler Ikonen der Mode und der Werbung geworden sind. Nicht nur auf dem Platz wird registriert, was die Kicker anziehen. Sie sind Werbeträger, wenn das Spiel längst abgepfiffen ist.
Obwohl es Packlisten gibt, überlegt Marcus nach dem Start des Busses, ob er etwas vergessen hat. Nie war das der Fall. Dennoch stoppt er den Bus unterwegs gelegentlich, um nachzuschauen.
Während des Spiels sitzt Borussias zwölfter, nicht auswechselbarer Mann auf der Bank am Spielfeldrand. Ersatz hält er für den Fall bereit, dass Spieler ihr Trikot wechseln müssen. Er fiebert mit, da er nah dabei ist, hält aber seine Emotionen zurück. Scheinwerferlicht mag er nicht.
Vor Spielbeginn erfolgt die Absprache mit dem Zeugwart der Gäste-Mannschaft. Es muss geklärt werden, in welchen Trikots die Mannschaften spielen. Sie dürfen farblich nicht zu ähnlich sein, damit der Schiedsrichter zustimmen kann.
Marcus spielte bei der Amateur-Mannschaft der Borussen-Jugend als zweiter Torwart, zusammen mit späteren Profis. Einige Kontakte unterhält er noch mit Ehemaligen. »Mit ihnen habe ich Siege errungen, Niederlagen erlitten, Endzeitstimmung erlebt.« Er sagt das, als sei es gestern gewesen. Mit aktiven Spielern, eine Generation jünger als er, pflegt er freundlichen Umgang in gesunder Distanz.
Marcus und Borussia. Unzertrennlich. Nicht austauschbar.
Sie haben uns die Ehre gegeben. Als charmanter, blendend aussehender, redegewandter 55-Jähriger präsentierten Sie sich Ihrem Publikum. Man sieht Ihnen nicht an, dass Sie zu boxen begannen, als Sie sieben Jahre alt waren. Sie haben das offenbar unbeschadet überstanden oder intensiv an Ihrer körperlichen Instandhaltung gearbeitet.
Was ich mit sieben Jahren unternommen habe, weiß ich nicht mehr. Als braver Junge hatte ich vom Boxen vermutlich keine Ahnung. Kann es sein, dass auch Ihre Gegner im Ring nichts von Ihnen wussten, als sie sich leichtsinnigerweise auf Sie einließen?
Auf einen unterhaltsamen, zugleich einfühlsam vorgetragenen Gang durch Ihre Biografie nahmen Sie uns mit. Ihre Erzählkunst ließ uns Ihre Wege von der Kinder- und Jugend-Sportschule des Armeesportklubs »Vorwärts« in Frankfurt/Oder bis heute mitgehen. Es wäre nicht leicht gefallen, die Eltern für Ihre Box-Ambitionen zu gewinnen, gestanden Sie. Keinem wollten Sie widersprechen und zunächst mit sich selbst klarkommen.
Es war positiv für Sie, Offizier der Nationalen Volksarmee zu sein und zum Vorzeigeathleten des DDR-Sportsystems aufzusteigen. »Erfolg ist kein Zufall.« »Nichts ergibt sich von selbst.« Wie Sie das sagten, klang es selbstverständlich. Aber etliche Male ergänzten Sie, dass auch ein späterer Held Erfolge mühsam erarbeiten muss. Höhen und Tiefen erlebten Sie. Unverdientes Glück gab es nicht.
»Vom Motiv zur Motivation.« Ein Kernsatz. Ihre von anderen unterstützte Lust auf Boxen trieb Sie an. Auch die politisch bedingte Motivation spielte eine Rolle. Als DDR-Juniorenmeister, Olympiasieger in Seoul, erster DDR-Weltmeister wollten Sie und andere Ostblock-Athleten der westlichen Welt beweisen: »Was ihr könnt, das können wir erst recht.« Nach der Wende kam es zum ersten Profikampf. Sie wurden Weltmeister des IBF, der »International Boxing Federation«.
»Selbst-bewusst-sein.« Ihre Erfolgsformel.
Hand aufs Herz, lieber Henry Maske. Wenn Sie in einunddreißig Profikämpfen dreißig Mal Ihre Kontrahenten derart mürbe boxten, dass sie wie leblos in den Seilen hingen, kann das auch daran liegen, dass man Sie unterschätzte? Als Ihre Gegner in der damaligen DDR erfuhren, dass Sie aus einem kleinen brandenburgischen Städtchen stammten, glaubten sie womöglich, Ihre Eltern hätten irrtümlicherweise ein Paar Boxhandschuhe statt Socken unter den Tannenbaum gelegt.
Niemand war glücklich, dass Ihr als krönender Abschluss gedachter Kampf nicht so verlief wie geplant. »Time To Say Goodbye”, sang man in der Arena, dem Ort der Schmach. Sie sangen nicht mit. Sie vertraten oft Ansichten, die andere nicht teilten.
Ihre Karriere war nicht in trockenen Tüchern. Die sahen anders aus. »Es geht wieder los.« Zehn Jahre später stiegen Sie als Box-Opa wieder in den Ring, um die Schmach vergessen zu lassen. Ihr Ehrgeiz wurde Ihnen nicht zum Verhängnis.
»Irgendetwas treibt einen an.« »Druck spüren und anderen gewachsen sein.« Das verrät eine Menge über Sie. Eine Behauptung Werner Schneyders, Sie könnten außer Geld nichts gewinnen, straften Sie Lügen. Von Millionen Boxsportbegeisterten wurden Sie bewundert.
Einige Zuhörer wussten von Restaurant-Kontakten. Siegprämien legten Sie teilweise in Fast-Food-Unternehmen an. Das war konsequent. Wer im Boxring schnell auf den Beinen war, weiß auch einen Schnellimbiss zu schätzen.
Sie waren ein Taktiker. Wilden Faustschlachten gingen Sie aus dem Weg. Seitdem Sie Ihre Boxhandschuhe an den berühmten Nagel gehängt haben, verzichten Sie auch auf Schlachten am kalten oder warmen Buffet und freunden sich mit Fast-Food-Konzepten an.
Wir sind dankbar, lieber Henry Maske, dass Sie zu uns fanden. Sie werben für den »Henry Maske Fond«, der benachteiligte Jugendliche unterstützt. Denen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sondern Schlusslichter der Gesellschaft bilden, möchten Sie Perspektiven vermitteln. Sie vergaßen nicht, wo und wie Sie aufwuchsen. Das sind keine entschwundenen Welten. Erinnerungen wollen Sie nicht auslöschen. Auch in unserer Stadt leben Jugendliche, denen Unterstützung durch die »Henry Maske Stiftung« helfen könnte.
So, wie Sie auftraten, lebendig, kommunikativ, unterhaltsam, manchmal nachdenklich, zeigten Sie, dass Sie etwas von Mitarbeiterführung verstehen. Sie trugen nicht nur Ihre Haut zu Markte. Ich wusste nicht, dass man das durch Boxen lernen kann.
Dankbar und kritisch zugleich sahen und sehen Sie Vergangenheit und Gegenwart in unserem Land. Dankbar schauen Sie auf die »Wende« und den Mauerfall zurück. Sie gehören, betonten Sie, zu den Gewinnern der Einheit. Sie kamen in einer »neuen Welt« an. Zugleich übersehen Sie nicht, dass nicht jeder an dem Wohlstand teilhat, der selbstverständlich zu sein scheint.
Nach dem Fall der Mauer wechselten Sie ins Profilager und wurden als einer der ersten »Ossis« gesamtdeutscher Superstar. Ohne dieses Ereignis würden Sie womöglich noch für »Sabinchen, das Frauenzimmer« schwärmen und den Verehrer aus Treuenbrietzen, wo auch Sie Nestwärme erlebten.
Jetzt gehören Sie zu »Pionieren der Welt«, die eine Vorreiterrolle einnehmen und Besonderes geleistet haben. »Immer ein Ziel vor Augen und den Willen zur Leistung. Das setzt Energien frei.« »Nur wer aufgibt, hat verloren.« Ihr Erfolgskonzept.
Lieber Henry Maske, Sie haben uns überzeugt. Beehren Sie uns wieder.
Berufst du dich auf »Extra ecclesiam nulla salus«? »Wir glauben und bekennen, dass es außer der Katholischen Kirche kein Heil und keine Vergebung der Sünden gibt.«
So beginnt ein 1302 von Papst Bonifatius VIII. verfasstes Lehrschreiben. Es ging damals um die Vorrangstellung geistlicher vor weltlicher Macht. Weltliche Herrscher hatten sich den geistlich Mächtigen unterzuordnen.
Ach, Herr Seehofer. Mehr als siebenhundert Jahre sind seitdem vergangen. Die christliche Botschaft wurde seit der Reformation hellhörig für Werte anderer Religionen und Kulturen.
Im Jahr1965 formulierte das Zweite Vatikanische Konzil eine Erklärung der Katholischen Kirche zu nichtchristlichen Religionen. Papst Paul VI. stimmte ihr zu. Außer Passagen zu den Juden enthält das Schreiben ein Kapitel über den Islam.
Ach, Herr Seehofer. »Nostra aetate«, »In unserer Zeit«, nennt sich das Dokument. Es ist deine Zeit, wenn du mit der Gegenwart streitest.
Der verstorbene Kardinal Lehmann sah in dem Schreiben einen »folgenreichen Konzilstext«. Viele Religionen, auch der Islam, hätten gleiche Fragen wie wir: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel des Lebens? Was ist das Gute? Was ist Sünde? Was ist der Weg zum wahren Glück?
Ach, Herr Seehofer. Ich sehe es aus meiner Sicht. Du hast eine bayerische. Aber wir gehören beide zu Deutschland. Wir nutzen arabische Ziffern 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 0. Vor achthundert Jahren lösten sie in Westeuropa die römischen Ziffern ab.
Die arabische Rechenkunst kam mit den Mauren nach Spanien und fand den Weg nach Europa. Auch »Algebra« ist ein arabischer Begriff. Die Mauren wurden von Arabern islamisiert, von Moslems. Über das Einmaleins zumindest gehört der Islam zu Deutschland und wurde hoffähig. Er kam, um zu bleiben.
Beim Einmaleins blieb es nicht, zumindest nicht in meiner Stadt. Sie lässt sich politisch-kulturell vertreten durch eine islamische Mitbürgerin. Du könntest sie kennenlernen. Mit ihr können wir unsere Ängste vor Fremden minimieren. »Wir tragen Verantwortung für unser Land, in dem wir arbeiten, leben und alt werden wollen.« Das ist ihr Wahlspruch. Zu wenig Engagement für das Gemeinwesen kann man ihr nicht unterstellen.
Es gibt Islamische Kultur-Vereine und Islamisch-Türkische Gemeinden. Ihr Ziel ist »Integration«. Das dauert. Ach, Herr Seehofer. Wir verstehen uns. Es gibt keine Distanz zwischen uns, obwohl du Fremdheit spürst. Werte-Debatten müssen wir nicht führen.
Dem Heimatgefühl willst du Auftrieb verleihen, vor allem bei denen, die heimatlos herumstehen. »Ich hatte das Glück, in meiner Heimat bleiben zu können.« »Wichtig ist, dass Menschen leben, wo sie leben wollen.« Das zeigt deinen Spürsinn. Dein Heimatgefühl wird keinen ausklammern, auch wenn er etwas nicht so sieht wie du und nicht so lange bei uns lebt wie du in Bayern.
Schau dir Carsten Sanders Ausstellung »Heimat Deutschland – Deine Gesichter« an. Der Künstler porträtiert tausend Gesichter, die verdeutlichen, wie grenzenlos Heimat ist und Brücke der Nationen werden kann.
Du bist nicht mit allem einverstanden, was man Innovation nennt. »Zeitgenössische Illusionen« unterstellst du manchen Argumenten. Du liebst den Widerspruch und beugst dich nicht jedem Verlangen. Gern beweist du deine Individualität. Du willst nicht Begleiterscheinung anderer sein und fügst dich nicht jeder Mehrheit. Lösungen, die andere vorschlagen, hältst du nicht immer für hilfreich. Aber es gibt oft keine anderen.
Unkundige Zeitgenossen werfen dir Eigensinn und Aufsässigkeit vor. Du willst keine Kräuter sammeln in Gärten der allgemeinen Meinung. Du bestehst auf »Mia san mia« und verteidigst dein »Dahoam is dahoam«.
Das wird dich nicht zu Selbstisolierung verleiten lassen. Dein Widerspruchsgeist und deine Lust, querzudenken, deuten an, wie wach du bist. Du solltest aber nicht mehr Fragen stellen, als darauf Antworten möglich sind. Pflege die Regsamkeit. Lehn dich auf gegen den Rest der Welt. Damit hilfst du uns, wenn du es in Großherzigkeit tust.
Auf das Bayern-Gen bist du stolz. Das schmückst du mit Ausrufezeichen. Wenn es um Bayern geht, um das Land, in dem immer die Sonne scheint, und um den bajuwarischen Charakter, der dem Rundum-Sorglos-Paket vertraut, läufst du zur Höchstform auf.
»Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren.« Friedrich Schiller schreibt das in einem Gedicht über das Glück. Keiner zwingt dich, Herr Seehofer, den Islam als bayerisches Kulturgut zu betrachten und dessen Tugendlehre zu verankern in der Verfassung des Landes.
Dennoch kannst du den Islam nicht abtun als feindlichen Geheimbund und mit der Abrissbirne drohen. Als Heimat-, Innen- und Bayern-zuerst-Minister weißt du, dass Islam bei uns stattfindet, wenn auch nicht bekannt ist, ob alle Muslime zu Allah beten.
An die Weihwasserbecken und in die Herrgotts-Winkel in unseren Kirchen können wir sie nicht zerren, auch wenn sie aus bayerischer Sicht nicht den rechten Glauben haben. Wir müssen ihnen die Hände zur Kooperation reichen. Subsidiär haben sie Anrecht auf unseren Schutz. Sie gaben ihre Heimat auf und verloren, was ihnen lieb und teuer war. Jetzt suchen sie eine neue Heimat und einen neuen Anfang. Irgendwo müssen sie ankommen.
Du schürst nicht das Vorurteil, es gebe in unserm Land Bürger erster und zweiter Klasse. Du willst nicht Retter des Abendlandes sein aus Sorge vor Islamisierung. Das Abendland geht schon seit Ewigkeiten unter. Ungeachtet des Niedergang-Geredes lebt das Todgeweihte.
Islamische Mitbürger kannst du nicht wie ein heimliches Laster verstecken, obwohl es für dich feststeht, wer zu den Guten und den Bösen zählt. Im tatsächlichen Leben ist das nicht zu unterscheiden. Ach, Herr Seehofer. Dich soll nichts ängstigen. Wenn dein Kopf brummt, dann deswegen, weil andere sich Gedanken machen, ob und wo du noch gebraucht wirst.
Dein Freund Markus gibt seinen Anspruch auf deine Nachfolge nicht auf. Er wird dir mitteilen, wann du die Koffer packen darfst. Das ist so wie in der Erziehung: Kinder machen das, was sie nicht machen sollen.
Es kann etwas aufhören, ehe Neues begonnen hat. Du schmiedest vermutlich Pläne. Es geht dir nicht um dein Ansehen, sondern um dein und unser Wohl. Deswegen kommt dir auf Bundesebene ein neues Amt zu. Du bist kein verbrauchtes Gesicht. Als Bundesminister kannst du zu Ende bringen, was in deinen Gedanken unvollendet geblieben ist. Schauen wir mal.
Dass die Partei zu ihrem neuen Slogan einen nicht neuen Polit-Profi als Gastredner geladen hatte, überraschte. Er wollte seine Fähigkeit zeigen, »den Leuten aufs Maul zu schauen«, ohne ihnen »nach dem Mund zu reden«, ohne Wahrheiten »um die Ohren zu hauen«, ohne »Moral aus der Feder tropfen zu lassen«.
Zuerst wurden Anwesende und nicht Anwesende mit Dank- und Lobreden überschüttet. Alle waren sich einig, richtige Weichen gestellt zu haben. Wichtig im Hinblick auf kommende Wahlen.
Gastredner Wolfgang Bosbach fordert etwas von sich und von anderen. Er spürt Bedürfnisse auf, trabt keinem hinterher. Geht Problemen nicht aus dem Weg. Bekannt dafür, »seine Meinung nicht blitzschnell zu ändern«, stellte er klar, es bestünde Parteien-, nicht Politikverdrossenheit.
Es würde nicht genügen, für seinen Wahlkreis direkt gewählter Bundestagsabgeordneter zu sein. Es könnte nicht genügen, als Vorsitzender einer Fraktion im Rat der Stadt berufliche Kontakte nach China zu pflegen. Bosbach nahm kein Blatt vor den Mund. Man wünschte sich, etwas von seinem Feuer würde auf die Volksvertreter mit ihrem versteckten Charisma überspringen, um Menschen »erwärmen« zu können.
An »Siebzig Jahre Grundgesetz« erinnerte der Redner. Wachstumsjahre waren es. Andere Länder würden über unser Wirtschaftswunder staunen. Sechs Jahre Rezession machten kein Minus-Wachstum daraus.
Bei Autoindustrie, Ingenieur- und Bauwesen wären wir »Weltklasse«, bei der Digitalisierung würden wir hinterherhinken. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und sozialer Leistung wäre wichtig. Bei steigenden Energiepreisen würden Unternehmer prüfen, ob und wo es lohne zu investieren. Sichere Energieversorgung zu bezahlbaren Preisen bräuchten wir, damit nicht Kapital, Arbeitsplätze, Wachstum, Wohlstand und soziale Sicherheit ins Ausland exportiert würden. Wissen und Bildung wären unsere »Rohstoffe«. Die müssten wir investieren in die Bildung unserer Kinder.
Das war das Stichwort zum »Brexit«. Bosbach erwartet einen »klaren Schnitt«, der nicht nur auf britische Vorteile hinausläuft, sondern Nachteile in Kauf nimmt. Anderenfalls würde es zur Politik des Nebeneinanders statt Miteinanders kommen. Europa dürfte sich nicht entsolidarisieren.
Wahrscheinlich werde Großbritannien aus der Europäischen Union ausscheiden. Denkbar, dass andere Länder bei »Mehr Europa« ebenfalls an Austritt dächten. Solche Fliehkräfte gelte es zu unterbinden. Europa müsse zusammenhalten. Trotz unterschiedlicher Ziele befänden wir uns auf derselben Baustelle.
Am 9. November feiern wir »Dreißig Jahre Mauerfall«. In Amerika und Frankreich begeht man nationale Feiertage mit Festumzügen und Feuerwerk. Wenn wir Wiedervereinigung feiern, hätten wir Grund zur Feiertagsstimmung und Anlass, stolz auf die friedliche Revolution zu sein.
Dass Erhofftes und Zugesagtes später eintrafen und teurer wurden, dürfte nicht davon abhalten, das Positive zu sehen. Wer fragt, wo im Osten »blühende Landschaften« sind, sollte sich daran erinnern, wie sie vor der Wende aussahen. Mehr »Patriotismus«, »Vaterlandsliebe« täte uns gut.
Wolfgang Bosbach. Schlagfertiger, rheinischer Katholik. Er sagt, was er denkt und registriert. Nicht mehr tätig im aktiven Geschehen, aber keiner aus einer anderen Zeit. Einer, der kundig, witzig, geradlinig redet.
An den Abend wird man sich erinnern.
Der 3. Oktober wurde im Einigungsvertrag 1990 als gesetzlicher Feiertag der Deutschen Einheit bestimmt, als Tag, an dem die Deutsche Einheit vollzogen wurde.
Die Deutsche Einheit feiern. Nicht für alle war und ist das selbstverständlich.
»Zwischen der sozialistischen DDR und der imperialistischen BRD gibt es keine Einheit und wird es keine Einheit geben. Das ist sicher und klar wie die Tatsache, dass der Regen zur Erde fällt.« Erich Honecker, 1981
»Berlin wird leben und die Mauer wird fallen.« Willy Brandt, 10.11.1989
»Die Legitimation der DDR als sozialistischer, souveräner deutscher Staat wird erneuert. Nicht durch Beteuerung, sondern durch eine neue Realität des Lebens in der DDR wird den ebenso unrealistischen wie gefährlichen Spekulationen über eine Wiedervereinigung Absage erteilt.« Hans Modrow, 17.11.1989
»Die Feier des 3. Oktober gilt vor allem einer Befreiung, der Lösung von Ketten, die einem Viertel aller Deutschen während eines halben Jahrhunderts angelegt waren. Die Feier will nicht bedeuten, dass alles dort schlecht war, wohl aber, dass elementare Rechte der Bürger missachtet wurden und dass sie an Fortschritten, an denen ihre Mitbürger im Westen sich erfreuen durften, keinen Anteil hatten.« Golo Mann.
»Die Forderung nach Wiedervereinigung halte ich für eine gefährliche Illusion. Wir sollten das Wiedervereinigungsgebot aus der Präambel des Grundgesetzes streichen.« Joschka Fischer, 29.7.1989
»Mit der friedlichen Vereinigung setzen die Deutschen ein Zeichen in Europa.« Staatssekretär Günther Krause, 3.8.1990
»Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation in Deutschland nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht.« Gerhard Schröder, 11.6.1989
»Wenn wir die Teilung überwinden wollen, müssen wir teilen lernen. Es muss sich ein gemeinsames Lebensgefühl entwickeln.« Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker, 3.10.1990
»Die Ossis wollten billig davonkommen, und so was kommt teuer.« Wolf Biermann
»Die Deutschen können würdevoll feiern. Sie haben es eindrucksvoll am Tag der Deutschen Einheit bewiesen. Dieser Tag war weder verbohrt noch verweint. Man freute sich, ohne übermütig zu werden. Stille Töne wurden bevorzugt. Man feierte die eigene Nation, ohne die anderen zu vergessen. Die Botschaft der 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens klang selten glaubwürdiger: Seid umschlungen, Millionen, dieser Kuss der ganzen Welt.« Michael Wolffsohn
