Nicht zu bremsen! - Julia Blume - E-Book

Nicht zu bremsen! E-Book

Julia Blume

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Beschreibung

Mit der Geburt des kleinen Sascha ist für seine Eltern nichts mehr wie es einmal war. Stillen und Schlafen sind problematisch, später hat Sascha einen rastlosen Bewegungsdrang und eine unbändige Zerstörungswut. Seinen Eltern wird allmählich klar, dass dieses Kind ganz anders ist als andere. Die Diagnose ADHS bedeutet für sie Gewissheit und auch große Erleichterung. Eindrücklich und authentisch berichtet die Autorin von alltäglichen Höhen und Tiefen von Sascha's Geburt bis zu seinem 6. Lebensjahr. Sie beschreibt Verzweiflung und Hilflosigkeit, innere Konflikte, aber auch Schwierigkeiten in der Elternbeziehung und mit dem sozialen Umfeld. Was ihrem Kind und ihrer Familie hilft? Das hat sie durch jahrelange Erfahrung gelernt und möchte vor allem eines: anderen betroffenen Eltern Mut machen.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Julia Blume ist Mutter von zwei Kindern, eines davon mit ADHS (Kontakt: [email protected])

Hinweis: Soweit in diesem Werk eine Dosierung, Applikation oder Behandlungsweise erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autorin große Sorgfalt darauf verwandt hat, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht. Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen oder sonstige Behandlungsempfehlungen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen werden. – Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnungen nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-02855-9 (Print)

ISBN 978-3-497-61141-6 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61142-3 (EPUB)

© 2019 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Cover unter Verwendung eines Fotos von © istock.com/loops7

Satz: JÖRG KALIES – Satz, Layout, Grafik & Druck, Unterumbach

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Für Moti

Inhalt

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser

Guten Morgen (ADHS-)Welt!

Haltung bewahren im Gegenwind

Aus unserem Leben mit einem kleinen Kind mit ADHS

Die Babyzeit

Hürden des Alltags

Konflikte

Einkaufen

Essen

Schlafen

Besuch beim Kinderarzt

Freizeitgestaltung

Freizeitaktivitäten an kitafreien Tagen

Spielen

Kindertheater

Schwimmen

Fahrrad fahren

Turnen

Besondere Ausflüge

Besuch bekommen

Jemanden besuchen

Geburtstagsfeiern

Urlaub

Krippe und Kindergarten

Gefahren, Unfälle und Schmerz

Zeitliche und räumliche Orientierung

Geschwister

Eltern im ständigen Ausnahmezustand

Nervliche Belastung

Angst und Selbstvorwürfe

Die Elternbeziehung

Saschas Ausprägung der drei Kernsymptome

Hyperaktivität

Impulsivität

Aufmerksamkeit und Konzentration

Häufige Meinungen zu ADHS und ihr Wahrheitsgehalt

Fernsehen und Computerspiele

Schwierige Familienverhältnisse

Mangelhafte Erziehung

Die moderne Alltagswelt

Wie Außenstehende uns persönlich begegnen

So sind Jungs eben!

Gut gemeinte Ratschläge

Gesellschaftliche Erwartungen

Die Skepsis unserer HeilpädagogInnen

Die Diagnose

Saschas Diagnose

Das diagnostische Dilemma oder „Das ist doch normal in dem Alter!“

„Warten Sie erst mal ab, das kann sich noch auswachsen“

Die Modediagnose

Ein Blick nach vorn

Lichtblicke

Rollenspiele

Bausätze

Schaukeln

Malen

Tipps und Ratschläge

Achten Sie auf sich selbst

Suchen Sie Gleichgesinnte und Helfer

Vermeiden Sie Vergleiche

Handeln und planen Sie vorausschauend

Reagieren Sie bewusst statt reflexartig

Haben Sie ein Idealbild von sich selbst in der Elternrolle

Beschäftigen Sie sich mit dem Thema ADHS

Leitgedanken für den Alltag

Positive Denkansätze

Ein letzter Appell

Literatur

Zusätzliche Literaturempfehlungen

Website-Empfehlungen

Vorwort

Schon wieder ein Buch über ADHS, wo es doch schon so viele gibt – was soll da noch Neues kommen? Ja, dieses Buch ist neu und sehr erfreulich. Denn hier finden Eltern sich und das Kind wieder, das schon im Säuglings- und Kleinkindalter alle Symptome einer möglichen ADHS aufweist. Detailgetreu, authentisch und erschreckend, aber dennoch liebevoll beschreibt die Autorin die Entwicklung ihres Sohnes Sascha. Frau Blume verschweigt auch nicht die Verunsicherung und Hilflosigkeit im Umgang mit dem schwierigen Säugling und erst recht mit dem unbändigen Kleinkind, das auf alle Erziehungsmaßnahmen anders reagiert als erwartet und jede Bemühung und Zuwendung zum Anlass nimmt, die Geduld und Liebe der Eltern zusätzlich auf die Probe zu stellen.

Seit über 40 Jahren beschäftige ich mich als Kinder- und Jugendarzt mit ADHS. Ich finde in diesem Buch die typischen Schilderungen von Eltern über ihre schwierigen und erziehungsresistenten Kinder mit einer ADHS. Deutlich wird hier aber auch der beeindruckende Mut von Eltern, für die Bewältigung dieser Probleme immer wieder neue Wege zu suchen, trotz der häufigen Ignoranz von Pädagogen, Therapeuten und Kollegen in der Anerkennung der Diagnose „ADHS“. Im Buch findet sich neben dem Verständnis für die Besonderheit der Kinder mit ADHS eine Fülle von hilfreichen Tipps für den Umgang mit dem Kind – aber auch mit dem Ehe- oder Lebenspartner. Denn die Partnerschaft wird bei einem Kind mit ADHS auf eine harte Probe gestellt. Diese Kinder sind „Nicht zu bremsen“ und auch der verzweifelte Schrei der Eltern „Langsam!!“ – unzählige Male gebraucht – ist meist ohne Erfolg. Aber langsam geht leider die Entwicklung zur Selbständigkeit voran, ebenso die gewünschten positiven Veränderungen unter pädagogischen und medizinischen Maßnahmen und die soziale Eingliederung von Kindern mit einer ADHS – viel langsamer als bei anderen Kindern und Jugendlichen. Und nur langsam entwickelt sich auch auf elterlicher Seite das Verständnis für das Verhalten des Kindes und der Reaktionen des Partners.

Die ärztliche Diagnose „ADHS“ oder in diesem Alter vorsichtiger formuliert: „Verdacht auf ADHS“ ist eine große Hilfe, wie Familie Blume auch selbst beschreibt. Denn mit einer Diagnose hat man eine fassbare Erklärung für die erlebten Schwierigkeiten, kann überlegen, was man vermeiden und was man fördern sollte, kann sich Hilfe und Helfer suchen, und versteht nicht zuletzt besser, warum diese Kinder sich so verhalten. Denn weder sind sie böse und wollen Eltern, Geschwister und ihre Umgebung ärgern, noch sind sie dumm oder gewalttätig, sondern ihre Wahrnehmung, ihre Informationsverarbeitung und ihre Reaktionsformen sind anders – und genau so beschreibt die Autorin das Verhalten von Sascha.

Mit starker Unterstützung durch seine Familie, durch Therapeuten und Ärzte wird Sascha hoffentlich auch die nächste Hürde, die der Einschulung, überwinden, wird Anerkennung finden für seine Kreativität und seine besonderen Fähigkeiten. Und die Eltern werden weiter wachsen müssen in dieser Verantwortung und der Herausforderung für ihre Partnerschaft. Vielleicht wird Frau Blume auch den weiteren Verlauf beschreiben und veröffentlichen. Ich hoffe darauf!

August 2018

Dr. Klaus Skrodzki

Liebe Leserin, lieber Leser …

… zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich auf dieses Buch einlassen. Vielleicht tun Sie dies aus Interesse oder aber aus der Not heraus. In beiden Fällen bringt es Sie hoffentlich weiter.

Wir haben lange darüber nachgedacht, ja uns förmlich den Kopf darüber zerbrochen, ob es überhaupt vertretbar ist, ein Buch mit so persönlichen Informationen über unsere Familie und über unser Kind zu veröffentlichen. Wir haben uns schließlich dafür entschieden, weil wir es richtig und wichtig finden, nach allem, was wir erlebt haben, andere daran teilhaben zu lassen. Wir glauben, dass dieses Buch anderen Betroffenen helfen und Betroffene wie Nicht-Betroffene informieren kann und vielleicht so dazu beiträgt, Vorurteile ein Stück weit abzubauen. Natürlich bleibt ein Restrisiko. Dieses Buch wird nicht unter meinem richtigen Namen veröffentlicht, Sascha heißt eigentlich auch anders und ich habe versucht, auf alle Details zu verzichten, die uns allzu leicht identifizierbar machen würden. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass sich diese Veröffentlichung in der Zukunft einmal negativ für unser Kind auswirken wird. Wir hoffen, dass wir genug getan haben, um das zu verhindern. Vielleicht trägt dieses Buch aber dazu bei, dass irgendwann einmal weniger Menschen eine negative Einstellung zu ADHS haben. Dieser Gedanke lässt uns das Risiko vertretbar erscheinen. Wir hoffen, dass Sascha uns in diesem Punkt zustimmen wird, wenn wir ihm eines Tages von diesem Buch erzählen.

Wir möchten in diesem Buch zeigen, wie es ist, ein Kleinkind bzw. ein Kindergartenkind mit ADHS zu haben, und wollen hoffentlich interessante Einblicke geben, die zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Umdenken anregen. Heute ist unser Sohn Sascha, von dem wir hier berichten, sechs Jahre alt. Die Diagnose ADHS bekam er mit viereinhalb Jahren von einem Arzt, der Kinder- und Jugendpsychotherapeut und -psychiater ist. Es geht in diesem Buch nicht um ADHS aus medizinischer, wissenschaftlicher oder pädagogischer Perspektive, denn es existiert bereits eine breite Palette hervorragender Literatur, die darüber aufklärt (siehe dazu die Literatur und die zusätzlichen Literaturempfehlungen am Ende dieses Buches). Sie werden im nächsten Kapitel dennoch eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Fakten über ADHS und eine Beschreibung der gesellschaftlichen Wahrnehmung betroffener Familien finden, damit Sie alle darauf folgenden Berichte und Informationen einordnen und aus unserer Perspektive nachvollziehen können. Danach geht es vorrangig um die Lebenswirklichkeit in unserer Familie – um den Alltag mit einem ADHS-betroffenen Kind, von dem die meisten Menschen nicht viel wissen. Sie erfahren auch, wie andere Menschen uns persönlich begegnen. Im Weiteren geht es um das große Thema der Diagnose, die so umstritten wie wichtig ist und nicht zuletzt möchte ich Wege zur Verbesserung der schwierigen Alltagssituation mit einem Kind mit ADHS sowie positive Denkansätze aufzeigen, um betroffenen Familien zu helfen.

Unglücklicherweise leidet in betroffenen Familien nicht selten die Beziehung zwischen den Eltern, weil sie infolge der Belastung durch ihr Kind mit ADHS auf eine harte Probe gestellt wird. Dadurch wird der Umgang mit dem Kind noch schwieriger, was die Belastung erhöhen und sich wiederum negativ auf die Elternbeziehung auswirken kann und so fort. Viele Beziehungen scheitern schlussendlich daran. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz bewusst meinem Partner den größten Dank aussprechen: Auf ihn konnte ich mich immer verlassen. Er nimmt mich und das Thema ADHS ernst und wird nicht müde, mit mir daran zu arbeiten. Geduldig, engagiert und offen hat er stets aktiv mit mir am selben Strang gezogen. Wir sind ein gutes Team und waren es selbst in den schwersten Zeiten der vergangenen Jahre. Er hat darauf geachtet, dass wir selbst in diesen Zeiten auch ein Paar blieben, statt nur noch Eltern zu sein. Seine Empathie, Sensibilität und Fürsorglichkeit, die er uns allen schenkt, sind unbeschreiblich wertvoll. Für unsere Kinder ist er ein rührend liebevoller und unendlich geliebter Vater. Und schließlich hat er mich bei diesem Buchprojekt begleitet, unterstützt und ermutigt. Er hat mir Zeit zum Schreiben verschafft, unzählige Gespräche mit mir darüber geführt und zwischendurch für Versorgung und Zerstreuung gesorgt. Danke!

Unabhängig von der Qualität und Stabilität der Elternbeziehung ist Hilfe von außen unverzichtbar und unglaublich wertvoll. Es gibt viele Menschen, denen wir sehr dankbar sind, weil sie uns in den letzten Jahren moralisch und praktisch unterstützt haben – ErzieherInnen, FreundInnen, Verwandte. Besonders die Düsseldorfer Großeltern haben uns sehr oft entlastet und engagiert geholfen. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute auf einem so guten Weg sind.

Mein Dank gilt außerdem Manfred, der das Manuskript gelesen und es mit seiner großen Expertise und langjährigen Erfahrung umfangreich kommentiert hat. Seine Beteiligung war ein großer Gewinn für mich und das Manuskript.

Tanja hat das Manuskript als erste außenstehende Person gelesen. Ihre begeisterte Reaktion darauf hat mich sehr berührt und mich erst richtig ermutigt, das Projekt weiterzuführen. Vielen Dank!

Es ist mir auch wichtig, all jenen Menschen zu danken, die einfach offen sind, neue Perspektiven einzunehmen und Vorurteile kritisch zu hinterfragen. Ich hoffe, dass Ihnen dieses Buch neue Perspektiven eröffnet.

Willkommen in unserem Leben!

Guten Morgen (ADHS-)Welt!

Sascha wacht um 6:30 Uhr zwischen uns auf und fängt sofort an, auf uns wie auf einer Hüpfburg herumzuturnen. Er springt aus dem Bett, reißt Wasserglas und Lampe vom Nachttisch, programmiert mit einem großen Bauklotz den Wecker um, bevor er einfach dessen Kabel aus der Wand reißt. Dann hängt er sich an die Gardine, um sich wie Tarzan auf uns zu stürzen und uns jeweils eine Kopfnuss zu verpassen, die uns zweifelsfrei davon überzeugt, dass 6:31 Uhr eine gute Zeit zum Aufstehen wäre. Einer von uns springt auf und zieht sich an, während der andere das Kind anzieht. Um 6:40 Uhr ist einer mit Sascha draußen und bekommt Brot und Kaffee durchs offene Fenster gereicht … So sah ein typischer Morgen mit Sascha als Kleinkind aus. Bei ihm wurde eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung – kurz ADHS – festgestellt.

ADHS ist ein Symptom-Komplex, der mit hoher Wahrscheinlichkeit durch genetisch bedingte Besonderheiten in bestimmten neurochemischen Funktionssystemen des Gehirns verursacht wird, wobei Umweltfaktoren in gewissem Maße einen Einfluss darauf haben können, ob und inwieweit Symptome ausgeprägt werden (anschaulich beschrieben in Brandau et al. 2014 und Neuhaus 2013; beachten Sie auch die Literaturangaben in beiden Werken). Das bedeutet im Klartext zunächst: Ein Kind erbt von seinen Eltern die Veranlagung für ADHS. Dadurch funktionieren bestimmte Teile seines Gehirns anders als bei Menschen, die ohne diese besondere genetische Veranlagung auf die Welt kommen. Das betrifft insbesondere die Regulation von Neurotransmittern (Gehirn-Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin) in bestimmen Gehirnregionen. Durch diese Besonderheit im Gehirnstoffwechsel entsteht unter anderem eine erhebliche Reizoffenheit, die es schwierig macht, nur das wahrzunehmen, was gerade wichtig ist. Stattdessen nehmen reizoffene Menschen vereinfacht formuliert fast alles um sich herum wahr, was leicht zu einer Reizüberflutung führt und es schwierig macht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Die äußerlich erkennbaren Kernsymptome einer ADHS sind deutliche Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Aktivität, wobei nicht alle betroffenen Menschen Probleme mit gesteigerter motorischer Aktivität, also Hyperaktivität, haben. Ist die Hyperaktivität nicht oder nur sehr schwach ausgeprägt, spricht man von ADS (ohne H) bzw. vom „unaufmerksamen Typ“. ADS und ADHS sind aber nicht immer eindeutig zu trennen. Es gibt Mischtypen der beiden Varianten dieser Veranlagung. Im Folgenden verwende ich die Abkürzung ADHS für alle Ausprägungen, wobei die Hyperaktivität (also das „H“) in Saschas Fall eine große Rolle spielt. Die oben genannten Kernsymptome müssen situationsübergreifend und über einen längeren Zeitraum (mindestens sechs Monate lang) auftreten, damit ADHS überhaupt als Erklärung für problematische Verhaltensweisen in Betracht gezogen werden kann (Brandau et al. 2014). Etwa 5% aller Kinder scheinen von ADHS betroffen zu sein, womit ADHS zu den häufigsten Verhaltensstörungen im Kindesalter gehört (Brandau et al. 2014). Neben den Kernsymptomen gibt es eine ganze Reihe möglicher zusätzlicher Begleiterscheinungen und -erkrankungen, die mehr oder weniger häufig mit ADHS einhergehen können. Die Suche nach den Ursachen von ADHS ist noch längst nicht am Ende und stellt ein spannendes Thema für sich dar. Darum soll es in diesem Buch aber nicht gehen, weil es hierzu schon gute Literatur von Fachleuten gibt. Im Laufe dieses Buches werden Sie erfahren, was ADHS für den Alltag eines betroffenen Kindes und seiner Familie konkret bedeuten kann.

Als Eltern eines betroffenen Kindes wurde uns sehr schnell und leider auch schmerzlich bewusst, dass ADHS wohl eines der kontroversesten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit ist. Denn weder Einordung noch Ursache dieses Phänomens sind eindeutig, bei oft dramatischen Folgen für die Betroffenen. Das Thema ist nicht zuletzt deshalb höchst relevant, weil es auch und besonders unsere Kinder betrifft. Hört man von ADHS, geht es meistens um Schulkinder, weil die Diagnose häufig erst im Schulalter gestellt wird. Kinder mit sehr schwach ausgeprägter Hyperaktivitäts-Komponente fallen meist erst spät auf. Bis dahin sind sie oft ziemlich verträumt, aber pflegeleicht. Über ADHS im Schulalter gibt es viele Studien, Erziehungsratgeber, pädagogische Leitfäden, Klassifikationssysteme für die Diagnose und Erfahrungsberichte. ADHS wirkt sich je nach dem Alter der Kinder sehr unterschiedlich auf ihren Alltag und den ihrer Familien aus. Am auffälligsten erscheinen die Probleme, die Kinder mit ADHS im Unterricht und bei den Hausaufgaben haben.

Wir lernten das Phänomen ADHS aus der besonderen Perspektive von Kleinkind-Eltern kennen. Über ADHS vor dem Grundschulalter weiß man verhältnismäßig wenig. Die Diagnose ist schwierig und vielleicht schenkt man dieser Problematik auch deshalb weniger Aufmerksamkeit, weil Kinder in diesem Alter noch keine schulischen Leistungen erbringen müssen. Die Literatur dazu ist ebenfalls dünn gesät und die Skepsis gegenüber ÄrztInnen, die vor dem Schuleintritt von ADHS sprechen, ist groß.

Die Auseinandersetzung mit ADHS ist leider von viel Unwissenheit über dieses Phänomen geprägt und viele andere Themen werden damit vermischt. Die meisten Menschen, denen wir bis heute im Alltag begegnen, haben eine negative oder zweifelnde Einstellung zu ADHS, zu den betroffenen Kindern und zu deren Eltern. Diese Haltung scheint vor allem durch die Medien und durch Hörensagen geprägt, da die wenigsten dieser Menschen je persönlich Erfahrungen mit einem Kind mit ADHS oder dessen Eltern gesammelt haben.

Besonders das Leben mit Kindern vom hyperaktiv / impulsiven Typ der ADHS kann schon sehr früh sehr anstrengend sein. Dennoch werden betroffene Eltern oft nicht ernst genommen, müssen gegen Vorurteile ankämpfen (z. B. Kinder mit einer „angeblichen“ ADHS seien einfach schlecht erzogen) und sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, mit einem bloß lebhaften Kind überfordert zu sein – eine Vorstellung, die weit von ihrer eigenen Wahrnehmung des Kindes und dem Ausmaß der alltäglichen Herausforderungen entfernt ist.

Haltung bewahren im Gegenwind

Eine typische Reaktion von anderen Menschen, wenn wir offen über die ADHS unseres eigenen Kindes sprechen, ist: „ADHS?! Quatsch, das hat euer Kind doch nicht, es wirkt auf mich völlig normal! Wer hat euch das gesagt? Gebt ihr ihm Ritalin?“ Die Antwort ist: „Kein Quatsch, bei uns ist wenig normal, die Diagnose hat ein Kinderpsychotherapeut nach einer Reihe sorgfältiger Untersuchungen gestellt, und nein, wir geben ihm kein Ritalin.“ Vor der Schule arbeitet man vorrangig mit Heilpädagogik, Ergotherapie, Elterntrainings und Psychomotorik. Medikamente wie Ritalin kommen meistens erst in der Schule zum Einsatz und wir hoffen sehr, dass wir ohne auskommen. Aber wir schließen es nicht kategorisch aus. Und wir verurteilen Familien nicht, für die Ritalin oder ähnliche Präparate die einzige Rettung in der Not sind. Viele dieser Familien sind vorher mit diversen anderen Lösungsversuchen gescheitert und haben ein Maß an Verzweiflung erfahren, das weit über Hausaufgabenprobleme hinausgeht. Mittlerweile kennen wir einige solcher Familien und wissen, dass eine Medikamentengabe für die Eltern alles andere als ein leichter Schritt ist, aber den Kindern oft sehr hilft.

Manchmal bekommen wir auch den Hinweis: „Es ist nicht gut, Kindern so einen Stempel aufzudrücken. Man muss jedes Kind individuell betrachten.“ Das stimmt und es ist gut, dass sich heutzutage so viele Eltern und engagierte ErzieherInnen Mühe geben, Kinder als einzigartige Individuen zu betrachten. Aber zur individuellen Persönlichkeitsstruktur eines Kindes kann eben auch ADHS gehören. Wenn man das ignoriert oder verleugnet, schert man am Ende doch alle Kinder über einen Kamm, ohne ihre Individualität wahrzunehmen und auch individuelle Gründe für bestimmte Verhaltensweisen zu berücksichtigen. Natürlich muss man aufpassen, ein betroffenes Kind nicht nur über seine ADHS zu definieren und es dabei nicht mehr in seinen einzigartigen Eigenschaften wahrzunehmen. Denn auch jeder Mensch mit ADHS ist absolut einzigartig!

Vor der Geburt unseres Sohnes hatten wir dieselbe Einstellung zu ADHS, die wir jetzt bei anderen Menschen kritisieren. Jetzt wünschen wir uns differenziertere Kommentare, mehr Sensibilität und mehr Offenheit von unserem Gegenüber. Ich hoffe, dass dieses Buch auch für andere betroffene Familien dazu beitragen kann. Die Probleme der Familien müssen ernst genommen werden, um es ihnen überhaupt zu ermöglichen, Hilfsangebote wahrzunehmen, ohne eine Stigmatisierung zu fürchten. Wir sollten aufhören, die Existenz von ADHS zu leugnen. Solange es ein Stigma bleibt und so stark als selbst verursachte Störung wahrgenommen wird, werden Diagnosen gar nicht oder zu spät gestellt und den Kindern kann nicht geholfen werden – was schlimme Folgen für ihre Entwicklung und die Beziehung zu ihren Eltern haben kann.

Früher oder später (leider oft erst nach der Äußerung eines spontanen Urteils) kommt meist die Frage: „Was für Probleme habt ihr denn? Wie äußert sich das?“ Viele nicht betroffene Eltern glauben nicht, dass das Leben von „angeblich“ betroffenen Familien wirklich anders ist als ihres. Wir haben festgestellt, dass die meisten Menschen diesen Unterschied verstehen und anerkennen, wenn wir die Gelegenheit haben, es ihnen ausführlich zu beschreiben und zu erklären. Das ist allerdings in fünf Minuten oder gar in einem Satz nicht zu schaffen. Deshalb erhalten Sie in den folgenden Kapiteln eine ausführliche Beschreibung unseres Alltags mit unserem besonderen Kind in dessen ersten sechs Lebensjahren. Die nachfolgende Sammlung von Erfahrungen versteht sich aber nicht als Aufzählung von ADHS-Symptomen im Baby-, Kleinkind- oder Kindergartenalter und kann auch nicht als solche verwendet werden. Sie zeigt lediglich, wie es sein kann, ein kleines Kind mit ADHS zu haben und zeichnet in der Gesamtschau ein typisches Bild von einem Kind mit deutlich ausgeprägter ADHS und einem entsprechenden Familienleben.

Aus unserem Leben mit einem kleinen Kind mit ADHS

Die Babyzeit

Auf Saschas Geburt folgten drei Monate Dauergeschrei. Was die tatsächliche Ursache für diese berühmt-berüchtigten „Dreimonats-Koliken“ ist, ist bis heute umstritten. Sie kommen bei Kindern, bei denen später ADHS diagnostiziert wird, leider recht häufig vor. Diese Zeit war für uns Eltern und natürlich auch für Sascha unglaublich belastend. Wir haben in Schichten geschlafen, ihn rund um die Uhr gewiegt. Er fühlte sich nur wohl, wenn er intensiv bewegt wurde. Eine wahnsinnig anstrengende Zeit. Zum Glück waren wir zu zweit. Wenn er nicht schlief, schrie er fast ununterbrochen. Eine Zeit lang hat er sich beruhigt, wenn der Föhn neben ihm lief. Wir stellten fest, dass er nicht mal direkt geföhnt werden musste. Also lief bei uns wochenlang andauernd der Föhn. Stillen hat auch nicht gut geklappt, weil Sascha sich die ganze Zeit nur gewunden (oft regelrecht überstreckt) hat. Es ging ihm nicht gut und so kam einfach nie Ruhe rein.

Vor der Geburt war mein Plan, das Baby zwölf Monate lang zu Hause zu behalten. Als Sascha zehn Monate alt war, hatten wir endlich eine Tagesmutter gefunden, die uns etwas Entlastung verschaffte. Wir rieben uns aneinander auf, weil das Würmchen so viel Power hatte und trotz seiner Unfähigkeit, sich auf zwei Beinen fortzubewegen, unglaublich mobil war, niemals anhalten konnte und nur „Unsinn“ im Kopf hatte. Schon als er kaum zehn Monate alt war, mussten wir die ganze Wohnung sichern: alle Schränke an die Wand schrauben, eine abwaschbare Tischdecke auf dem Tisch festnageln, Schranktüren und Schubladen verriegeln, Strumpfhosen über die Blumentöpfe ziehen, Steckdosen sichern. Gardinen hochbinden, überall Türgitter installieren, Sicherheitsfolien auf die verglasten Zimmertüren unserer Mietswohnung kleben und pausenlos höllisch aufpassen, weil Sascha von gefährlichen Orten, Dingen und Tätigkeiten förmlich angezogen wurde. (Bei seiner kleinen Schwester waren Sicherheitsvorkehrungen in dem Umfang nicht nötig.) Wir waren so oft wie möglich mit Sascha draußen, weil Innenräume schon damals wie Tigerkäfige für ihn waren. Für Spielzeug interessierte er sich nicht, außer man konnte es in lauter, kraftvoller und vor allem destruktiver Weise zweckentfremden. Schon als Baby konnte er sich selten lange mit einer Sache beschäftigen. Dass er alles mit sehr viel Kraft und Schwung behandelte, hatte nicht zuletzt zur Folge, dass er uns ständig (natürlich ohne es zu wollen) Schmerzen zufügte und Gegenstände zu Bruch gingen.

Schlafen war ein schwieriges Thema. Sascha brauchte einfach nicht viel Schlaf, schlief immer nur kurz und wenn er aufwachte, konnte er sich extrem schlecht selbst wieder beruhigen. Deshalb beobachteten Besucher in unserer Wohnung regelmäßig mit Erstaunen, manchmal auch mit Unverständnis, dass wir abends am Babyfon klebten, wenn Sascha endlich schlief. Beim kleinsten Mucks stürmten wir sofort ins Schlafzimmer, um das Kind zu beruhigen. Wenn es erst richtig wach wurde, mussten wir wieder stundenlang mit ihm durch den Park latschen. Selbst wenn Sascha mal schlief, wirkte er nicht besonders ruhig und entspannt: In den ersten Wochen und Monaten schlief er oft mit den Armen in der Luft. Er war so verkrampft, dass seine kleinen Arme wirklich senkrecht nach oben zeigten!

Auch Waschen und Anziehen war schon in der Babyzeit ein Drama. Er hasste vor allem das Umgezogen- oder Angezogenwerden und wehrte sich jedes einzelne Mal heftig dagegen. Das hielt noch sehr lange an. Viel länger als bei unserer Tochter, Saschas jüngerer Schwester, die in abgeschwächter Form auch so eine Phase hatte, aber nur einige Monate lang. Die Fingernägel schnitten wir ihm nur, wenn er tief schlief, weil er im Wachzustand einfach nicht still halten konnte und wir ihn leicht mit der Schere verletzt hätten.