Nichts geschieht umsonst - Margit Simon - E-Book

Nichts geschieht umsonst E-Book

Margit Simon

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Beschreibung

Carola beschließt nach einem Streit nit ihrem Mann Michael zu fliehen. In Cefalu auf Sizilien glaubt sie an einen Neuanfang. Nach Monaten gibt sie dem Werben von Bernando nach und beichtet ihre Flucht. Er bittet seinen Vater den Maffia Boss Lorenzo Conterini, hr neue Papiere zu besorgen. Das Glück scheint vollkommen, aber dunkle Wolken ziehen auf und zwingen sie, wieder zu fliehen mit ihrem Sohn Matteo. Am Egelsee glaubt sie sich in Sicherheit. Bis sie plötzlich Michael gegenüber steht. In diesem Gefühlscaos naht auch noch Gefahr aus Sizilien...

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Seitenzahl: 707

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Carola verlässt Hals über Kopf ihren Mann und ihr gutsituiertes Leben. Ohne ein Wort stürzt sie sich in eine abenteuerliche Flucht in den Süden und landet in Sizilien. Dort startet sie ein neues Leben, nach Zögern lässt sie sich auf ein neues Glück ein. Mit Talent und Charme baut sie eine Existenz auf, alles scheint ihr zu gelingen. Wenn nur nicht ihre Vergangenheit wäre, die sie wie ein Schatten verfolgt...

Doch Sizilien schreibt seine eigenen Gesetze, die sie erneut zur Flucht treiben.

Ob es purer Zufall oder das Schicksal selbst ist, das sie wieder zum Anfang von allem zurückbringt. Sie wird sich schließlich ihren Gefühlen und der drohenden Gefahr stellen.

Das wichtigste auf dem Weg unseres Lebens, dass wir dem Leben und der Liebe nicht aus dem Wege gehen Ernst Ferstel

Inhaltsverzeichnis

Michael

Carola

15 Monate später

Bernd Maier

Michael

Estella

8 Monate später

Drei Jahre später

Pedro

Carola

Michael

Carola

Lucia und Lorenzo

Carola

Sie war froh, dass diese schlaflose Nacht endlich vorüber war. Dumme Gedanken jagten ihr ständig durch den Kopf. Sie grübelte über ihr Leben nach, es wurde zu einem riesigen Gebirge mit tiefen Schluchten. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es fast halb acht Uhr war, aber nichts hielt sie mehr im Bett. Sie schlüpfte in ihren leichten türkisfarbenen Morgenmantel und ging die Treppe hinunter in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Noch war alles sehr still. Sicher war Michael schon auf dem Weg in seinen Sportklub. Sie liebte diesen Moment des Alleinseins.

Mit müden Schritten ging sie auf die Terrassentür zu, öffnete sie und atmete die kühle Morgenluft ein. Der Morgentau lag noch auf dem Rasen, die Sonne ließ den Tau wie tausend winzige Lichter glitzern. Der Rasenroboter fing gerade an, seine tägliche Arbeit zu erledigen. Der Rasen musste ja immer perfekt geschnitten sein. Sie lehnte sich an die Terrassentür und holte tief Luft, so als müsse sie sich Mut machen. Eine junge Frau, schlank, aber mit weiblichen Formen, mit mittelblonden, halblangen und leicht lockigem Haar und einem ovalem Gesicht. Ihren blauen Augen konnte man ansehen, dass sie strahlen konnten, aber dieser Glanz war nicht mehr vorhanden. Ihre Augen verfolgten den Roboter, blieben an der kleinen Schale hängen, wo ein Vogel sein morgendliches Bad nahm. Aufgeplustert planschte er freudig und schwang sich dann auf einen Ast, um seine Gefieder in der Morgensonne trocknen zu lassen. Sie drehte sich um und ging in das Wohnzimmer. Ihr Blick wanderte unruhig und suchend durch den Raum und blieb an einer antiken wertvollen ovalen Schale hängen, die aus grünlichem hauchdünnen Alabaster war. Wie magnetisch angezogen, ging sie auf die Schale zu. Drehte sie etwas und stellte sie genau wieder an dieselbe Stelle, als wäre ein unsichtbarer Punkt zu sehen. Sie stand davor, ihre Augen bekamen einen zornigen Ausdruck. Sie wandte sich mit einem trotzigen in sich gekehrten Blick ab, der sich in dem großem Raum und in dem Garten verlor. Auf der Terrasse mit seinen tiefen Gartensesseln, den großen dekorativen Terrakotta Blumentöpfen, es kam ihr alles so fremd vor. Ein Garten wie in einem Garten-Magazin, alles gepflegt, ordentlich, nicht eine Blume ließ den Kopf hängen oder ein Unkraut war zu sehen. Alles hatte seine perfekte Ordnung. Bevor sie sich wieder abwandte, ging ihr ein blöder Spruch durch den Kopf: „Quadratisch, praktisch, gut.“ Ein leises Geräusch ließ sie aufhorchen und machte sie stutzig. Ein leises Miauen ließ sie zusammenschrecken und sie schaute auf eine kleine Katze, die zu ihren Füßen saß.

Gedankenverloren beugte sie sich zu der Katze, hob sie hoch und drückte den kleinen vibrierenden Körper gegen ihre Brust. Da wusste sie es plötzlich, dass sie verloren war oder es sein würde, wenn ihr noch einmal solche eine Gelegenheit zur völligen Selbstzerstörung gegeben würde. Aber würde das geschehen? Ihre Augen verweilten auf den Möbeln, alles war edel in weiß gehalten. Das Sideboard, der große Tisch mit seinen unbequemen Designerstühlen, das einzige Bunte waren die Gemälde, ein Klimt und eines von - sie musste überlegen - „wie hieß der Künstler noch mal?“ Sie gaben dem Raum eine Leichtigkeit mit einem Hauch unterkühlter Lebendigkeit. „Hauptsache es waren alles wertvolle Bilder“, ging es ihr durch den Kopf. Sie fand die Bilder mit den kräftigen Farben sehr schön, aber ihr war es egal, von wem sie waren und welchen Wert sie hatten. Aber bei Michael musste es ja teuer sein, obwohl er von Kunst wirklich keine Ahnung hatte. Dafür hatte er seine Kunstexperten, die ihn gerne berieten. Die große weiße Sitzgarnitur mit den kleinen Glastischen und den weißen Fliesen. Diese himmlische Ruhe im Haus, es war dieser friedvolle Moment, aber sie wusste, es war nur ein kurzer Moment, der sofort wie von einem Windhauch fortgetragen wurde. Schon versteifte sie sich, zupfte an ihrem Morgenmantel und strich sich über das Haar, als wäre es in Unordnung und ohne es selber zu bemerken, wurde sie wieder zu der Person, die sie sich angeeignet hatte. Sie ging wieder zu der Terrasse und setzte die Katze ab, schloss die Tür, wendete sich um, um durch den Raum zu gehen.

Wieder blieb sie an der Schale stehen, streckte ihre Hände aus, um nach der Schale zu greifen. Zögernd griff sie nach ihr und es überkam sie die Vorstellung, diese wertvolle Schale zu nehmen, sie einfach fallen zu lassen und dabei zu zuschauen, wie sie in tausend Scherben zerfiel. Sie spürte es in ihren Fingern, ein starkes Gefühl, fast schon ein lustvolles Gefühl, sie einfach los zu lassen. Diesen Drang, es nicht zu tun, empfand sie als richtig schmerzhaft. Sie zog ihre Hände zurück, ärgerte sich, dass sie es nie tun würde, aber sie versuchte sich vorzustellen, was Michael dazu sagen würde! Der Michael, der perfekte Michael, der glaubte, er könne alles, er hatte alles, inklusive sie und er habe das Recht überall seine Regeln aufzustellen. So wie diese Schale immer an einem unsichtbaren Punkt zu stehen hatte, wie alles liegen musste, wie es auszusehen hatte. Ein Buch oder eine Zeitschrift, das konnte doch nicht herum liegen! Sie hatte es versucht, wenn sie ein Buch las, aber kaum war sie aufgestanden, war das Buch in einer Schublade verschwunden. „Du kannst es dir ja wieder holen!“ Alles musste perfekt sein! Natürlich mochte sie es auch ordentlich. Aber sie liebte es, Dinge auszuprobieren, es neu zu gestalten, es sollte alles lebendig wirken.

Ihr Alltag bestand darin, nur noch darin, seinen Anordnungen zu folgen. Alles natürlich in einem sanften aber bestimmten Tonfall! Es hatte sich so eingeschlichen in all den Jahren.

„Liebes, hast du in den Spiegel geschaut? Deine Haare! Du wolltest doch zu deinem Friseur gehen?“ Dabei hing ihr nur eine Strähne ins Gesicht! Es ging ständig so, seit Michael so erfolgreich als Unternehmer war. Sie hatte es so satt! Sie war müde, ausgelaugt und überhaupt nicht mehr die Carola, die sie einmal war. Alles war so trostlos. Wo war ihr Unternehmungsgeist geblieben, wo ihr Lachen? Carola gab sich einen Ruck und wendete ihre Gedanken wieder den Dingen zu, die heute zu erledigen waren. Michael hatte Geschäftsgäste für den Abend eingeladen und sie musste dafür sorgen, dass alles wie immer perfekt ablief. Er, der sich so große Mühe gab, selber auch perfekt auszusehen. Wie viel Zeit er vor dem Spiegel verbrachte! Seine Anzüge, seine Hemden, selbst seine Unterwäsche, alles vom Feinsten und natürlich teuer! „Gut sah er ja aus“, dachte sie, groß, sportlich (dank Fitnesstraining!), warme braune Augen, wenn sie einmal warm schauten, was in den letzten Jahren immer seltener vorkam. Sie konnten aber fast schwarz werden, wenn ihm etwas nicht passte! Wer ihn nicht genau kannte, war von ihm fasziniert. Schlank, aber gerade so, dass er richtig männlich aussah.

Sie angelte sich ihren Kaffeebecher aus dem Schrank, ging zu der Kaffeemaschine. Füllte die Milch in den Behälter und drückte auf die Einstellung Cappuccino. Gedankenverloren hörte sie dem leisem Mahlen der Kaffeebohnen und dem Blubbern zu und atmete den würzigen Kaffeeduft ein. Mit dem heißen Kaffee, Papier und Kuli setzte sie sich an den großen Küchentisch, trank einen Schluck und schaute verträumt durch das Fenster. Gab sich einen Ruck und machte ihren Einkaufszettel fertig, als ihr Blick auf einen Zettel fiel, der auf dem Tisch lag.

„Bevor ich es vergesse! Liebes, gehe bitte zum Friseur und ich habe bei Bellas Boutique ein passendes Kleid gesehen für heute Abend, hole es dir bitte.“ Mit einem Ruck setzte sie ihre Tasse ab, ein Schwall Kaffee ergoss sich über den Holztisch. Eine Welle des Zorns machte sich sofort in ihr breit. Sie stand auf, mit leicht zittrigen Händen holte sie ein Tuch und wischte den Kaffee unwillig auf. Zornig schrie es in ihr. „Carola mach dies, Carola mach das.“ Sie schleuderte das Tuch mit einer wütenden Bewegung in die Spüle. Konnte sie nicht alleine entscheiden, was sie anzog und wie und bei wem sie ihre Haare machen lässt? Sie war nun 33 Jahre alt, hatte ihr Studium Michael zuliebe aufgegeben. „Was musst du studieren, ich werde genug Geld für uns beide verdienen, wir werden ein schönes Leben haben.“ Sie war so blöd, ihm zu glauben und sie war ja auch so verliebt in ihn gewesen und hatte natürlich davon geträumt mit ihm Kinder zu haben. Das Haus, das sie einmal haben werden, das gepflegte Zuhause würde auch mit Kinderlachen erfüllt sein. Später als sie schon eine ganze Weile zusammen lebten, sprachen sie oft von Kindern. „Wenn es uns besser geht!“ ,kam es stets von ihm, aber dann, als sie es sich schon längst leisten konnten, ja dann…?

Als sie noch rechnen mussten, sie sich noch nicht sehr viel leisten konnten, da war es einfach nur schön mit ihnen beiden gewesen. Er hatte sie wirklich vom ersten Tag an verwöhnt, war immer charmant, witzig. Es war einfach unmöglich sich neben ihm zu langweilen. Ihre Freundinnen beneideten sie alle, auch noch heute. Auch wenn sie so gut wie keinen Kontakt zu ihnen hatte, auch das hat Michael auf seine Art fertig gebracht. Es passte ihm nicht, wenn sie sich trafen. Wenn aber einmal eine Freundin kam, so überschlug er sich, versprühte seinen Charme und lauschte ihrer Freundin voller Aufmerksamkeit, die sie nur umso glühender beneideten. Ja, dieser Charme, der hatte bei ihr alle Zweifel und Überlegungen ausgeschaltet und ihr war nie auch nur ein kleiner Gedanke des Abers gekommen. Natürlich war er auch beim Sex einfach perfekt! Er spielte mit ihr, wie auf einem Klavier und kein Fehlgriff passierte ihm, er spielte das Lied bis zum Ende. Sie glaubte, es sei Liebe, wenn er sie in den Himmel holte, aber später dann, wusste sie es. Bei Michael war es eben so, auch beim Sex wollte er einfach nur perfekt sein. Nein, es war keine echte Liebe mehr, es gab einfach in seinem Leben nichts, wo er für sich sagen könnte, dass war nicht so gut!

Sie stand auf, schaute in all ihre Vorratsschränke, was sie noch brauchte, griff zum Telefon, um sich bei ihrem Friseur anzumelden.

Unter der Dusche überlegte sie, wie sie den Tisch heute Abend dekorieren wollte, rubbelte sich trocken und zog ihre Jeans und eine weiße Bluse an, holte sich noch ihre rote Jacke aus dem Schrank. Oh, wenn er das nun wieder sehen würde, keine Pumps, nur einfache sportliche Schuhe! „Wie kann man nur?“ grinste sie hämisch, holte ihren Einkaufskorb und stieg in ihren BMW - Cabrio ein. Dort legte sie eine CD von Udo Lindenberg ein, wartet einen Moment und mit dem Song „hinterm Horizont geht’s weiter“ fuhr sie aus der Garage, bog in die Straße ein, mit ihren teuren Häusern und den gepflegten Gärten, um zu Bellas Boutique zu fahren. Das Kleid war wirklich schön und es saß perfekt. Es passte zu ihren Augen und schmeichelte ihr sehr! Die Verkäuferin lobte natürlich Michael, was er für einen tollen Geschmack hätte und meinte, „ach wissen Sie, mein Mann, der sieht noch nicht einmal, wenn ich etwas Neues anhabe, geschweige, dass er mir sagen würde, ich soll mir etwas kaufen!“ ,kam es fast traurig von der Verkäuferin. Carola hörte gar nicht zu, bezahlte und dachte nur, ja es war wie immer!

Beim Metzger holte sie die bestellte Lammkeule, die sie mit Knoblauch, Kräutern und mit Olivenöl marinieren wollte. Im Eilschritt durch den Supermarkt, mit den großen Tüten fuhr sie durch den dichten Verkehr nach Hause. Zu Hause beim Auspacken drückte sie auf den Mp3 Player und ein kleines Lächeln verzauberte ihr Gesicht.

„Freiheit ist das einzige was zählt...“. „So ist es!“ sagte sie laut zu sich sich selbst mit einem Seufzer und ließ die Lammkeule mit einem Schwung auf die Arbeitsplatte fallen. Laut sang sie das Lied „Freiheit!“mit, sie schrie es laut heraus. Dabei steckte sie die Knoblauchzehen fast brutal in die Keule und merkte es nicht, das ihr Tränen dabei über die Wangen liefen. Gewürze wurden mit fester Hand einmassiert und mit der letzten etwas heiseren Stimme von Freiheit landete die Keule mit einem Schubs im Backofen. Um sich zur Ruhe zu zwingen, setzte sie sich an den Tisch, presste die Lippen so heftig zusammen, bis der körperliche Schmerz groß genug wurde den Kampf gegen die bösartigen Gespenster aufzunehmen, die sie schon eine lange Weile beherrschten und immer mehr sich in den Vordergrund schoben. Es machte ihr Angst, was würde sein, wenn ihre Geister sie plötzlich besiegen würden? Energisch stand sie auf, wischte über den Tisch um unsichtbare Krümmel zu entsorgen und überlegte. Ihr Blick ging dabei zu dem Fenster. Im Garten erwachte nach diesem kalten Winter die Natur aus ihrer Starre. In den schattigen Ecken im Garten lagen immer noch ein paar träge Nebelschwaden, wie winzige kleine Daunendecken die sich über die ersten Blüten legten. Die zaghafte Frühlingswärme, sie drang in die noch kühle Welt ein und erweckte alles zu neuem Leben. Die Vögel, sie plusterten sich auf, tanzten von Ast zu Ast und sangen lautstark ihre Liebeslieder in diesen strahlenden Morgen hinaus. Sie reckte ihr Gesicht dem Sonnenlicht zu und genoss das wohlige Gefühl. Als sie sich wieder umwandte und in die lichtdurchflutete Küche blickte, dachte sie für einen kurzen Moment, es könnte ein schöner Tag werden. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre! Dann sagte sie zu sich selbst mit einem Seufzen, „dann mal auf zum Friseur“, den sie im Ort heute aufsuchen wollte, nicht den, den Michael wollte, da reichte ihr die Zeit heute wirklich nicht. Er wird es vielleicht nicht bemerken, denn in seiner Vorstellung kam nur der eine Friseur in Frage und mit einem Schulterzucken und wenn schon, es war ihr auch egal.

Es war schon fast Mittag, überall standen Schüsseln und Töpfe in der Küche, Dolores ihre Hilfe war gekommen und schnitt eifrig das Gemüse. Sie kochten gerne gemeinsam, Dolores war ihr wie eine Freundin, auch wenn sie selten über etwas Privates redeten. Sie verstanden sich auch so. Dolores Art, sie war so typisch spanisch, und herrlich erfrischend temperamentvoll und wenn sie arbeitete war im ganzem Haus ihr spanischer Gesang zu hören. Es kam ihr dann so vor als erwache dieses Haus kurz aus seiner kalten abweisenden Verschlossenheit. Sie beugte sich über das Rezept und murmelte leise das Rezept von der türkischen Joghurtsuppe mit Minze die sie schon lange nicht mehr gekocht hatte, vor sich hin. Die Terrine mit dem Serrano Schinken und dem Frischkäse, die schon fertig im Kühlschrank stand. Danach würde es die Lammkeule mit den Rosmarinkartoffeln mit den verschiedenen Gemüsesorten geben. Dolores hatte am Vormittag allen sichtbaren und unsichtbaren Staub entfernt und schaute sie jetzt sorgenvoll beim Gemüseschneiden an. Ihre Stirn war in Falten gelegt, die wie eine Ziehharmonika aussah und sie konnte einen Seufzer nicht zurückhalten.

„Sie sehen müde aus und so sorgenvoll, Sie tun mir so leid.“ Carola hob den Kopf, schaute geflissentlich an ihr vorbei und fixierte einen Punkt an der Wand. „Wieso das denn? Mir geht es doch sehr gut, ich habe heute nur ein wenig mehr zu tun,“ kam es sarkastischer, als sie es sagen wollte.

„Sie wissen es schon, wenn Sie in ihr Herz schauen! Denn das sollten Sie wirklich einmal tun. Sie sind zu jung und zu schön, um so zu leben!“ Carola seufzte, neigte etwas den Kopf, damit Dolores es nicht sehen konnte, wie sie rot wurde und sagte leise:

„Manchmal spielt das Leben einem einen Streich, man merkt es leider zu spät.“

Später deckte sie den Tisch, der heute eine besondere leichte frische Note bekommen sollte. Ein Traum der frühlingshaften Leichtigkeit. Sie machte aus Frühlingsblumen kleinere Gestecke mit zarten Schmetterlingen die über den Blumen schwebten und einen Eindruck hinterließen als wären sie gerade auf der Suche, wo sie sich nieder lassen konnten. Weiße kleine Kerzenständer mit gelben Kerzen und ein gelbes Band zierten den Tisch. Gelbe Servietten, die noch gefaltet werden mussten und, kurz bevor die Gäste kamen, noch frische Blütenblätter, die der Wind leise vom Baum herunter schweben ließ und den Tisch in einen zarten Blütenteppich verzauberten.

Carola war in ihre Arbeit vertieft, Kochen machte ihr Spaß. Es war für sie, als würde sie in einem guten Buch lesen. Für Gäste zu kochen, dem Tisch einen besonderen Flair zu geben und zu sehen wie es allen schmeckte, ja das freute sie. An Ideen fehlte es ihr nie. Sie konnte ihrer Fantasie bei den Einladungen, die sie gaben, voll entfalten.

Am meisten freute es sie, dass Michael sich nicht selber die Lorbeeren umhängen konnte. So konnte er nur solche Bemerkungen mache wie:

„Augen auf bei der Partnerwahl, ich habe mir die richtige Frau ausgesucht.“ Sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie Michael gar nicht kommen hörte. Sie zuckte zusammen, als er hinter ihr stand und sie sein verächtliches Schnaufen hörte. Sein Kommentar war dann auch recht giftig, als er den Tisch musterte:

„Du hättest ruhig mehr teure Deko machen können, dass sieht hier recht billig aus! Warum hast du bei der Gärtnerei Blumig keine Blumengebinde machen lassen? Sie sind Profis und machen einfach tolle Gestecke!“ Carola ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, „weniger ist oft mehr!“ Ein spitzes „wenn du es sagst,“ kam prompt, blickte er auf Carola und seine Mimik erstarrte. „Kannst du mir sagen, was das für eine Frisur ist? Sie hat dir wohl ein Azubi verpasst!“ Sie richtete sich auf und sah ihn kalt an.

„Eine ganz normale Frisur und nicht für einen Laufsteg oder den Opernball, denn wir haben nur eine normale Einladung!“ Sein Gesicht verfärbte sich leicht. „Ich kann es nicht fassen! Meine Frau glaubt tatsächlich, dass sie wie jede gewöhnliche Dorfpflanze herumlaufen kann!“ Sie nahm sich zusammen und meinte betont spöttisch. „Ja, damit wirst du wohl heute Abend leben müssen!“ Dabei überkam sie eine schreckliche Wut und nur mit Mühe konnte sie sich zurück halten, denn in ihr stieg ein bitteres Lachen auf, das mit der Wucht eines wütenden Wasserfalles sich in ihre Kehle drängte und sie konnte sich nur mit Mühe zurück halten. Das Messer was sie gerade in der Hand hatte, es lockte sie, es ihm hinterher zu werfen. „Scheißkerl“ sagte sie leise und schnitt ihre Kräuter weiter, etwas heftiger als die armen Kräuter es verdienten. Mein Gott, was war nur aus diesem Mann geworden? Wie lange geht das schon? Wann war seine Liebenswürdigkeit ihr gegenüber verloren gegangen? Michael drehte sich um und murmelte nicht gerade schöne Worte vor sich hin. Carola hatte plötzlich die Idee, ihn noch ein wenig mehr zu reizen, in ihr keimte ein Gefühl auf, dass es nun genug sei! Ihr kamen die vielen Kleinigkeiten in den Sinn, dieses ewige Verbessern, wenn sie etwas sagte, dieses ewige an allem Schuld zu sein, auch wenn es sich heraus stellte, dass er es verschlampt hatte. Diese eiskalte Bösartigkeit, wenn er glaubte über allen anderen zu stehen, statt sich auf die gleiche Ebene zu stellen. Nein, er musste doch zeigen, wie klug er ist. Ich bin nur gespannt, ob er sich wieder zuerst bedient. Er, der doch so gute Manieren hat!

Alles war bereit für ihre Gäste, Michael sah sich kritisch im Spiegel an, er war schon umgezogen, Carola hatte ihm ja alles bereit gelegt. Sie zögerte es noch heraus, sich umzuziehen und schminkte nur leicht ihr Gesicht. Sie blickte sich im Spiegel an und fand, dass sie gar nicht schlecht aussah. Ein wenig müde, die Augen könnten mehr Glanz haben. Ihre dunkelblonden Haare waren nach hinten zu einem Knoten gesteckt und ein paar vorwitzige Locken fielen wie zufällig heraus. Ihr ovales Gesicht mit den großen blauen Augen blicken ihr ernst entgegen. Sie war groß, nicht super schlank, ihr Busen könnte ein Hauch kleiner sein. Aber, dachte sie, wir Frauen sind ja nie mit uns zufrieden. Nur die leichten Fältchen um ihren Mund zeigten, dass sie nicht die glückliche junge Frau war, die sie darstellen sollte. Als die Zeit drängte, klingelte es auch schon. „Mach bitte auf“, rief sie Michael zu. „und begrüße bitte die Gäste, ich komme sofort“.

Stimmengewirr, Lachen drang zu ihr nach oben und mit etwas weichen Knien schlüpfte sie in das Kleid. Es hatte schon viele Jahre in ihrem Schrank gehangen, sie hatten es am Gardasee an einem schönen Tag gekauft. Sie war ständig um Michael herum getanzt. Damals, was waren sie glücklich gewesen, ständig mussten sie sich berühren, er lachte sie an und drehte sie im Kreis. Dieses Kleid es tanzte ihr schwingend um die Beine. Noch ein paar Tropfen ihres Parfüms, dann gab sie sich einen Ruck, klopfte sich symbolisch auf die Schulter, sagte sich, „auf in den Kampf, Carola!“

Sie ging die Treppe hinunter trat auf die Gäste zu und begrüßte diese sehr freundlich. Michael. der gerade etwas sagte, verstummte und starrte sie an. Einen winzigen kleinen Moment sah sie nur Hass in seinen Augen, dann hatte er sich wieder in Gewalt. „Darf ich dir Dr. Manfred Schlosser vorstellen mit seiner Frau Jutta und Stefan Kleiber mit seiner bezaubernden Frau Andrea. Meine Frau Carola.“ Die beiden Herren blickten sie bewundernd an. „Oh, sie sehen einfach bezaubernd aus“, kam es von ihnen und die Frauen lächelten wohlwollend und bestätigend zu Carola.

Michael verteilte die Drinks und Carola sagte kurz darauf, dass sie ganz schnell in die Küche muss. Kurz darauf kam Michael und fragte sie giftig, was das alles soll!

„Habe ich dir nicht geschrieben, dass ich ein Kleid sah, bei Bellas Boutique?“ Trotzig stand sie vor ihm, lächelte ihn an und mit einen leicht gehässigen Blick.

„Ja, das hängt auch oben, aber mir war nicht danach!“

„Mir war nicht danach?!“ kam es voller Zorn und er bemühte sich, nicht laut zu werden. „Mir ist es auch oft so, - mir war nicht danach! - Wir sprechen uns noch!“

Der Abend verlief angenehm, Michael spielte den witzigen tollen Gastgeber. Die Gäste lobten das Essen und am Appetit konnte Carola feststellen, dass sie einen Erfolg zu verbuchen hatte. Es ging schon sehr auf Mitternacht zu, als die Gäste sich heiter verabschiedeten. Mit vielen Komplimenten, wie gut das Essen war. Carola stellte das Geschirr in die Küche, morgen früh kam Dolores ihr zur Hilfe, die machte dann den Rest.

Sie nahm sich noch ein Glas Wein, um den Abend ausklingen zu lassen, als Michael dazu kam, sich vor sie stellte und mit eisiger Stimme sagte:

„Warum kommst du meinen Anweisungen, eh, meiner Bitte nicht nach? Ist es denn so schwer, mir einen Wunsch zu erfüllen?“ Kühl und stolz stand sie vor ihm.

„Ganz einfach, mein Lieber, weil ich ich bin und es satt habe, mir von dir gesagt zu bekommen, was ich anziehen und zu welchem Friseur ich gehen soll und überhaupt, möchte ich bestimmte Dinge, die nur mich alleine etwas angehen, selber entscheiden.“ Verständnislos und voller Wut schleuderte er ihr nun entgegen.

„Es geht hier nicht um deine Entscheidung, es geht immer um mehr und wenn ich es wünsche, dann möchte ich auch, dass du das tust! Du wusstest, dass es um ein Geschäftsessen ging! Schließlich geht es auch dir sehr gut, mit dem was ich tue und verdiene!“ Gedankenverloren wendete sie sich halb ab von ihm und spielte mit ihrem Weinglas.

„Wenn du meinst, so ist das richtig, so sage ich dir, es ist falsch! Du kannst deine Leute formen, wie du es willst, wenn sie es mitmachen, aber ich mag nicht mehr! Vor Jahren habe ich gebettelt, dass wir eine Kind haben sollten, bei dem Wohlstand, den wir haben, aber nein, es ging ja immer nur nach deinem Willen.“ Theatralisch hob er seine Arme hoch. „Oh je, jetzt kommt das auch wieder! Kannst du dir denn in diesem Haus vorstellen, dass hier so ein kleines Monster herum läuft, alles würde sich ändern das Haus ist für so kleine Krümelmonster doch gar nicht geeignet! Nein, sollen andere sich mit dem angeblichen so tollen Gefühlen herum plagen, wenn ich nur das Gesülze schon höre, niedlich, putzig, wie Mama, wie Papa, da graust es mir!“

Carola drehte sich wieder zu ihm um, schaute ihn mit ihren Augen an, die so dunkel und bedrohlich wie ein Moor waren, stellte ihr Glas auf den Tisch, bewusst vorsichtig und ging aus dem Raum. Verblüfft schaute er ihr hinterher.

„Hey, Carola!“ Carola antwortete nicht, sie ging leise in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür und sank auf das Bett. Nein, nein und nochmals nein! Ich mag nicht mehr! Aber was soll ich tun? Sie legte sich auf das Bett und schloss die Augen. Vor ihren Augen sah sie, wie sie am Meer entlang ging, die Füße im Wasser. Die Möwen schrien am Himmel und stürzten sich in die Wellen, um einen Fisch zu erbeuten. Der blaue Himmel und die Sonne waren wie Balsam auf ihrer Haut. Sie fühlte sich frei, fast so, als wäre sie auch eine Möwe, keine Grenzen, keinen Zwang, nur sie, das Meer, die Wellen, Sonne und der blaue Himmel.

Sie wachte auf und schaute erstaunt auf sich herab und sah, dass sie noch ihr Kleid an hatte, sie war demnach eingeschlafen. Langsam kam ihr die unerfreulichen Erinnerung an den Abend. Einen Moment lang, lag sie noch da und die Bilder kamen wieder, vom Meer, dem Barfußlaufen im Wasser. Auf einmal erfasste sie solche eine Sehnsucht, dass es sie schmerzte. Sie stand auf und schaute auf die Uhr. „Mein Gott, es ist ja schon gleich 9.00 Uhr! Michael ist hoffentlich schon fort!“ Sie ging aus dem Zimmer und hörte unten in der Küche Dolores ein spanisches Lied singen. Die Melodie wehte wie ein zarter Wind durch das Haus. Sie kannte das Lied und bei Zuhören bewegten sich ihre Lippen mit, als könne sie die Worte schmecken. Die morgendliche Sonne warf ihre warmen Frühlingsstrahlen durch das Haus und der unwiderstehliche Geruch von Kaffee zog sie magisch an. „Guten Morgen Dolores.“ Dolores, mit ihren schwarzen Haaren, einer recht guten Figur, die sie gekonnt zur Geltung brachte und immer mit einem Lächeln und einem Lied auf den Lippen.

„Guten Morgen Frau Carola, waren sie noch gar nicht im Bett?“ Sie schaute Carola von oben bis unten an, schaute ihr ins Gesicht und machte ein betrübtes Gesicht.

„Oh ich ahne es, wieder einmal dasselbe! Ich sagen Ihnen immer, gehen Sie fort von dem Mann, er ist nix gut für Sie, er machen Sie nur kaputt, schlechter Mensch er!“ Carola nahm sich einen Kaffee, seufzte und setzte sich an den Küchentisch. Nachdenklich blickte sie in den Kaffee, schaute sich um und alles wirkte plötzlich so fremd. Nein, das war nicht ihr Zuhause, dieses sterile Haus mit seinem Protz. Mit einem heftigen Schubs schob sie die Tasse von sich, stand auf und ging auf Dolores zu, nahm sie in den Arm und sagte „Danke!“ Dolores schaute sie erstaunt an, aber da löste sie sich auch schon von ihr, drehte sich um und ging wieder in ihr Schlafzimmer. Fast wie im Schlaf holte sie zwei Koffer und eine Reisetasche und fing an zu packen. Quer durch ihren Schrank wanderten Kleidungsstücke in die Koffer. Dann setzte sie sich auf das Bett, blickte sich um, es war der einzige Raum, der ihr gehörte, aber leider nicht ganz, auch hier wirkte alles etwas unterkühlt. Erst auf den zweiten Blick erkannte man, dass da noch eine weibliche Hand im Spiel war. Wie im Trance duschte sie, zog sich Jeans mit einen leichten Pulli an. Sie stand an ihrem Bett, schaute sich noch einmal um. Dann nahm sie ihre Tasche und die Koffer, ging aus dem Zimmer ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen. Sie verließ das Haus und ging zu ihrem Auto. Dolores stand am Fenster und nickte zustimmend. „Endlich“, dachte sie, „dass wird ihm eine Lehre sein! So seine Frau zu behandeln, die immer für ihn da war, alles so perfekt im Griff hatte! Das ist gut so! Viel Glück!“

Als sie alles verstaut hatte, saß sie einen Moment über sich selbst erstaunt im Wagen und überlegte, was sie nun tun sollte. „Noch kann ich zurück,“ überlegte sie, aber der Gedanke war noch nicht fertig, da war da ein dickes NEIN! „Nein, ich gehe fort!“ In diesem Moment hörte sie in ihrem Kopf ein Rauschen. Das Meer kam spontan mit seinen Verlockungen, ein flüchtiger Gedanke und schon ließ sie das Auto an und fuhr los!

Sie fuhr durch den Ort, vorbei an einem großem Park, vorbei an schmucken Fachwerkhäusern und überlegte, wohin sie überhaupt wollte. Als sie an ihrer Bank vorbei fuhr, trat sie schnell auf die Bremse. „Ich werde doch nicht ohne Geld wegfahren! Das wäre echt dumm von mir.“ Lässig stieg sie aus, ging hinein, lächelte den Mitarbeiter freundlich an und hob alles was möglich war von ihren Konten ab. Der Angestellte schaute sie etwas erstaunt an, aber sie reagiert nicht darauf, soll er denken, was er mag. Eigentlich erstaunlich, dass Michael ihr alle Vollmachten gab, aber wahrscheinlich traute er ihr ja so etwas nicht zu. Er wird garantiert sofort die Konten sperren lassen, wenn er merkt, dass sie fort war. Mir steht das zu, ich hole mir einfach mein Gehalt ab, was ich mir ja auch erarbeitet habe. Wenn sie später Geld abheben möchte, dann konnte er sie aufspüren und das wollte sie nicht! Jetzt nicht, später, sie würde es sehen! Hier, mit diesem Geld endete ihr Leben mit ihm, in diesem Ort. „Schauen wir mal, wo der Weg mich hinführt, ich lasse mich jetzt einfach treiben.“

Sie fuhr auf die Autobahn in Richtung Süden, mal könnte sie vor Freude und Übermut jauchzen, dann wieder tauchten die finsteren Wolken mit all den Bedenken und Ängsten auf. Aber eines war ihr klar, sie musste jetzt ihren Weg gehen, egal was kommen mag!

Beim Tanken trank sie einen Kaffee und holte sich ein Brötchen und immer mehr nahm der Gedanke Formen an, immer weiter in den Süden zu fahren und als sie den Blick hob, schaute sie auf ein Plakat von Sizilien. Ja, das war es!

„Ich fahre nach Sizilien!“

Sie kaufte sich eine Straßenkarte von Italien und holte sich einen Kaffee. Nun mit einem Ziel vor Augen trat ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie bezahlte mit einem freudigen Blick trank ihren Kaffee und blickte den Kassierer erstaunt an, da er sie bewundernd anlächelte. Beschwingt lief sie zu ihrem Auto und schaltete das Radio an. Das Wetter war herrlich, der würzige Duft des Frühlings blies alle dunklen Gedanken in tiefe Schluchten. Sie klappte das Autodach auf und suchte einen Sender mit Musik, wo sie nach einer Weile laut mitsang.

Der Tag fing an sich zu verabschieden. Die Schatten wurden länger. Die Sonne stand schon tief und blendete ihr direkt in die Augen. Der kühle Abendwind verfingt sich in ihren Haaren und sie merkte, dass es für heute reichte. Bei der nächsten Abfahrt fuhr sie von der Autobahn herunter um nach einem Hotel Ausschau zu halten. Sie schaute, wo sie überhaupt war und staunte, dass sie schon fast in Bozen war. In einem kleinen Ort sah sie einen netten Gasthof „zum Hirschen“. Sie parkte und ging zielstrebig auf das Hotel zu. Beim Öffnen der Tür schlug ihr ein verlockender Geruch von leckeren Bratenduft entgegen, der sofort ihren Magen laut knurren lies. Eine einladende Halle und die junge Frau im feschen Dirndl lächelte ihr freundlich zu. Bei der Frage nach dem Zimmer stutzte die junge Frau und sagte dann mit Bedauern, dass keine Doppelzimmer mehr frei sind.

„Ich brauche nur ein Einzelzimmer.“

„Oh entschuldigen Sie, aber ich dachte, Sie wären verheiratet“, mit Blick auf ihren Ehering. Freudig griff sie zu einem Schlüssel und reichte ihn Carola.

„Ein Einzelzimmer haben wir gerade noch frei“, strahlte sie Carola an. „Einen schönen Aufenthalt wünschen wir Ihnen.“

Nach einer erfrischenden Dusche erkundete sie den Ort, sah ein Geschäft, wo sie am anderen Morgen noch etwas Obst, Getränke und ein paar Süßigkeiten einkaufen konnte. Später im Gasthof bei einem Glas Wein, Tiroler Knödeln mit einem guten Braten fühlte sie sich richtig wohl. Kein blöder Kommentar, sie war frei! Mit einem Ehepaar das hier Urlaub machte, plauderte sie. Das Ehepaar erzählte von schönen Wanderungen, den saftigen Wiesen und der tollen Luft. Sie hörte zu und genoss diese Situation. „Was schon 23 Uhr“, sagte der Mann, „aber nun wird es aber Zeit Schatzel, komm schon!“ Sie wünschten sich noch schöne Tage und kurz darauf lag sie wohlig in ihrem Bett und mit einem zufriedenen Lächeln schlief sie ein.

Das laute Krähen eines Hahns begrüßte sie, die Sonne blinzelte vorsichtig in das Zimmer, so als wolle sie noch nicht stören. Sie schlug die Augen auf, ist einen Moment erstaunt über die fremde Umgebung. Dann streckte sie die Arme aus, „ich bin ich, frei wie ein Vogel“, und lachend sprang sie aus dem Bett, schaute aus dem Fenster holte tief Luft und rief ziemlich laut:

„Guten Morgen ihr Berge, guten Morgen Sonne und guten Morgen Meer, ich komme!“

Nach einem kräftigen Frühstück startete sie los bis Verona. Dort wollte sie eine Pause machen, die Stadt musste sie sehen, wenn auch nur kurz. Nach mühsamen Suchen nach einem Parkplatz, kam sie endlich dazu, die Altstadt mit seinem Theater zu bewundern.

Wie schön, so alleine durch die Gassen zu schlendern, kein „komm jetzt.“ Sie setzte sich in eines der Lokale im Freien, streckte die Beine in die Sonne, genoss die Stadt, die Menschen und sie fühlte sich, als ob sie die ganze Welt umarmen könnte. Weiter ging die Fahrt nach Bologna, wo sie wieder von der Autobahn abfuhr um nach einem Hotel zu suchen. Bei einem Glas Wein fingen ihre Gefühle an, Achterbahn zu fahren.

Bedenken und schlechtes Gewissen über das, was sie da vor hatte! Den ganzen Stiefel hinunter fahren? Musste es gleich so weit sein? War es überhaupt richtig, einfach so abzuhauen? War das nicht sehr feige von ihr? Nein, er hätte sie doch nie gehen lassen. Wenn ja, dann mit einem furchtbaren Rechtsstreit, der aber auch so irgendwann kommen wird. Ich werde nicht kämpfen, soll er doch alles behalten! „Ja“, sagte eine Stimme in ihr, „du tust das jetzt! Du schaffst das!“

Was Michael wohl schon unternommen hatte? Ihr Handy läutete ja oft genug, sie erschrak jedes mal und ihr Herz fing an zu rasen. Ist er froh, dass sie fort ging, oder war er gar zur Polizei gegangen? Nein, dass würde er nicht tun, denn das schadet ja womöglich seinem Ruf, was ihn ja unmöglich machen würde. Sicher wird er bei ihren Freundinnen anrufen, aber das dürfte es auch schon sein. Na ja, wenn er merkt, dass die Konten geplündert sind, dann wäre es schon möglich, dass er versuchte sie zu finden. Vielleicht mit einem Privatdetektiv? Was heißt, sie musste schön vorsichtig sein! Das Auto! Wenn sie auf Sizilien war würde sie es verkaufen. Auch nicht gut, sie musste es hier schon los werden. Wer weiß was für ein Zufall es will und eine Spur führte nach Sizilien. Sie musste schnell eine Lösung finden, so konnte sie nicht weiter fahren!

Am anderen Morgen fragte sie nach einem Autoverkäufer und wurde ein paar Straßen weiter geschickt. Das Autohaus war mehr eine Werkstatt und sie wurde unsicher, ob man nicht misstrauisch wurde, wenn sie mit ihren dicken BMW hier ankam, um ihn zu verkaufen. Ob so ein Wagen überhaupt hier zu verkaufen war? Unschlüssig blickte sie um sich und wollte schon umkehren, als ein Mann mittleren Alters mit einem freundlichen Grinsen, einer leicht schmuddeligen Hose und mit einem Hemd auf dem etliche Flecke ihren festen Platz hatten, auf sie zu kam. Er wischte sich die Hände an einen sehr dunklen, mit Öl und Schmiere getränkten Handtuch ab. „Oh Signora, mein Vetter rief mich an, dass Sie zu mir wollen, was kann ich für Sie tun?“

Verwirrt, dass sie gleich mit ihrem Vorhaben konfrontiert wurde, stotterte sie. „Ja, ich möchte einen Wagen, der kleiner ist. Ich möchte noch mehr in den Süden, da ist mir mein Wagen zu groß und darum möchte ich meinen Wagen verkaufen. Ich weiß, es ist blöde von mir, aber so ist es.“ Sie war verlegen, sie kam sich dämlich vor mit dem, was sie da sagte, denn kein Mensch glaubte so eine Geschichte! Aber was sollte sie denn sonst sagen? Der Mann musterte sie und versuchte sich eine Bild zu machen, denn was diese Frau da erzählte, war doch Schwachsinn! Da musste etwas anderes dahinter stecken. Sie war hübsch, sah auch nicht aus, als wäre sie eine Diebin, die den Wagen gestohlen hat, aber irgendwas stimmte da nicht! Na ja, dachte er für sich, ich taste mich vor, mal sehen ob ich der Wahrheit ein Stück näher komme und was sie mir erzählen will und wie ich ihr behilflich sein kann. Mit einem freundlichen und hilfsbereiten Lächeln meinte er zu ihr: „Ja, da haben Sie heute aber ihren Glückstag, gerade bekam ich einen kleineren Wagen herein. Aber ich weiß nicht, ob das Ihre Marke ist, einen Fiat, sehr schön und sparsam. Kommen Sie, schauen Sie in sich an, er steht gleich da vorne.“ Sie war verwirrt und suchte nach Worten um die Situation besser zu erklären. „Wissen Sie, ich kann es nicht so ganz erklären, aber ich möchte ein Weile einfach einmal für mich und unerkannt sein. Darum wäre so ein kleineres Auto auch praktischer.“

Er wischte sich die Hände an seiner Hose ab, schaute sich die Frau an und seine Menschenkenntnis sagte ihm, die Frau hatte Probleme! Mit ihrem Mann? Könnte sein, dass sie vor ihm geflohen ist. Sehr geheimnisvoll, etwas nervös und ihre Augen waren zu traurig. Als sie vor dem Wagen standen, schaute sie ihn gar nicht richtig an, sie wollte nur weg und kam sich so dabei selber weltfremd vor, wie sie sich hier benahm. Sie nickte ihm bestätigend zu.

„Ich finde den Fiat genau richtig und wie viel würden Sie mir geben für mein Auto?“

Er schaute sie nachdenklich an und stellte sich erst einmal mit einem freundlichen Lächeln vor. „Mein Name ist Salvator. Ich muss mir Ihren Wagen genauer anschauen und Sie geben mir bitte die Daten des Wagens. Kommen Sie, trinken Sie einen Kaffee.“ Sie zögerte, sie war sich nicht sicher, ob sie jetzt nicht einen großen Fehler machte. Sie seufzte. „Na gut, ich gehe kurz in den Ort und bin in ca. in einer halben Stunde wieder hier. Ist das so in Ordnung?“ ,kramte in ihrer Handtasche und gab ihm die Papiere. Unsicher mit einem Hauch von Ängstlichkeit, stotterte sie es holprig vor Verlegenheit.

„Mir fällt noch etwas ein. Wie ist das mit der Abmeldung?“ Jetzt war er sich sicher! Sie war vor etwas auf der Flucht. Verbrechen schloss er aus, so einen Eindruck machte sie nicht, aber die Idee mit ihrem Mann oder Liebhaber, da könnte was dran sein!

„Machen Sie sich da mal keine Sorgen, das geht ganz einfach! Sie rufen bei Ihrer Zulassungsstelle an und wir erledigen den Rest, dass ist kein Problem!“

Grübelnd ließ sie sich durch die Gassen treiben, bummelte durch die wenigen Geschäfte, aber ihre innere Unruhe war ein ständiger Begleiter. Mit einer Eistüte setzte sie sich auf eine Bank und schaute dem Treiben auf der Straße zu. Sie hatte doch überhaupt keine Ahnung, was ihr Wagen Wert war. Sie zuckte zusammen, als ihr Handy wieder läutete. Das musste sie auch los werden! „Eigentlich brauche ich doch nur eine neue Karte einsetzen und die alte vernichten, so kann ich nicht gefunden werden!“ Im nächsten Geschäft holte sie eine Prepaid Karte und die alte zerstörte sie sehr gründlich. Wie ihr Auto! Nur, das sie es nicht zerstörte. „Sicher werde ich total mit dem Preis für das Auto übers Ohr gehauen“ überlegte sie, als sie wieder auf dem Weg zur Werkstatt war. Wenn das hier Michael sehen würde, es wäre gefundenes Fressen für ihn!

Aber das Risiko, mit einem auffälligen BMW mit ihrem Nummernschild zu fahren, falls sie gesucht würde, war auch nicht ohne. Verluste musste sie einfach hinnehmen, es waren halt außergewöhnliche Umstände!

Unschlüssig stand sie im Hof von der Werkstatt, sie fühlte sich fehl am Platz und schaute auf die etwas schäbige Hauswand, der Farbe sehr gut tun würde.

„Da sind Sie ja wieder!“ rief ihr lächelnd der Meister entgegen, der aus dem Schatten der Werkstatt trat.

„Ihr Wagen ist ja wirklich wie neu und sehr gepflegt, nicht ein kleiner Kratzer zu sehen, alles Tipp topp in Ordnung. Ich denke, dass wir uns über einen Preis einigen können.

Im Vertrauen, ich habe einen Kunden, der genau so einen Wagen sucht.“

Nach kurzem hin und her hatte Carola das Gefühl, dass es wirklich ein sehr fairer Preis war und sie nicht mit dem Gefühl hier hinaus ging, dass ein Halsabschneider am Werke war.

Sie ging zu dem Fiat und schaute sich ihn näher an. Sofort gingen ihr verschiedene Gedanken durch den Kopf, ob sie dann nicht doch gefunden werden kann? Wie war das mit der Anmeldung? Sie wandte sich wieder an den Meister und fragte ihn unsicher:

„Ich muss ja den Wagen anmelden, was für mich heißt, jeder kann dann den Wagen finden?

Wieder wurde ihm klar, das sie Spuren verwischen wollte und er würde ihr Geheimnis leider nicht erfahren, aber er möchte ihr einfach helfen. Über sich selber verwirrt, strich er sich eine Haarsträhne fort und meinte:

„Warten Sie einen Moment, ich muss kurz überlegen, wie ich Ihnen helfen kann.“

Er ging in sein Büro und überlegte laut. „Ich nehme mal an, dass meine Vermutung stimmt und sie läuft vor irgend etwas weg. Ihrem Mann? Wenn ich ihr meinen Fiat verkaufe, die Anmeldung bleibt auf meinem Namen, dann findet sie außer mir keiner! Wenn sie sich dann mal einen anderen Wagen braucht, schickt sie mir die Schilder und ich melde ihn ab. Ich vertraue ihr und das wäre doch gut machbar!“ Strahlend ging er auf Carola zu und erzählte ihr sein Angebot, auch dass es sein Fiat ist. Ungläubig schaute sie ihn an.

„Sie sind ein Engel“, lachte sie erleichtert, „Sie helfen mir so sehr!“ Vor sich her brummend, kramte er in seinen Unterlagen hob freudig seine Unterlagen hoch. Er rechnete den Preis für Versicherung und Steuer aus und sie vereinbarten, dass Sie ihm das Geld für Versicherung und Steuer überweisen würde und bezahlte für die nächsten Monate und gab das feste Versprechen, dass sie irgendwann sich meldete und gab ihm ihre neue Handynummer.

Ein letzter Blick auf ihren „alten“ Wagen, einen freundlichen Händedruck und mit einem leichten Gefühl fuhr sie davon.

An einem Straßenkaffee hielt sie und studierte die Straßenkarte, wie sie am besten den Rest der Fahrt bewältigen könnte.

Sie schaute noch eine Weile dem Treiben der Menschen zu, die Urlaub machten, gut gelaunt und mit fröhlichen Gesichtern herum liefen oder auch genervte Eltern, weil die Kinder absolut nicht das tun wollten, was die Eltern sagten. Ein buntes Treiben in fröhlichen Farben, überall blühte es in Trögen, Töpfen und Kästen. Die Farben verdrängten einfach die grauen Gedanken, Und die Sonne, sie lachte ihr einfach in das Gesicht.

Es war noch früh am Nachmittag und sie beschloss noch ein Stück zu fahren. Wieder auf der Autobahn flog die Landschaft an ihr vorüber, wechselten die Landschaftsbilder und der Süden nahm sie immer mehr in seine Arme. Pausen, Hotels, Tanken, alles wurde zu einer Einheit und sie war sehr erstaunt als plötzlich das Ortsschild Villa San Giovanni zu sehen war. Nun wurde sie doch aufgeregt. Sizilien war zum Greifen nah! Sie fuhr zum Hafen, um nach einer Fähre Ausschau zu halten. Lebhaftes Treiben mit den temperamentvollen Wortgefechten erfüllte das Hafengelände. Sie kämpfte sich durch das Gewühl und schaffte es, den Schalter zu finden, wo es die Tickets zu kaufen gab. Avanti, Avanti tönte es, Menschen und Autos strömten zu der Fähre. Carola schloss sich dem allen einfach an und fand sich auf der Fähre wieder. Sie schloss das Auto ab und ging zur Reling. Sie schaute auf die Wellen und sie glaubte, es flüstern zu hören. „Da bist du ja. Wir warteten schon auf dich und begleiten dich.“ Carola schüttelte den Kopf, lächelte verträumt zum Himmel hoch. Amüsiert schaute sie den Möwen zu, die mit ihrem Geschrei das Schiff begleiteten und sah zu, wie das Festland kleiner wurde und Sizilien näher kam. Der Wind verfing sich in ihrem Haar, sie atmete die salzige Luft ein und mit jedem Atemzug war ihr, als würde sie alles ausatmen was sich schmerzlich in ihr breitgemacht hatte. Messina kam immer näher, mit dem Geschrei der Möwen legte die Fähre an. Wieder machten sich Mensch, Tier und Autos auf den Weg und Carola fuhr fast ehrfürchtig und mit Herzklopfen von dem Schiff herunter.

„Carola,“ sagte sie zu sich selbst, „jetzt hast du es geschafft, der Weg führte mich hierher, wieso, weshalb, ich weiß es nicht, aber ich habe es geschafft und hoffentlich bin ich weit genug weg von meinem alten Leben!“ Ja, wohin jetzt? Rechts, da ging es durch das Land, Richtung Palermo mit sehr viel scharfen Kurven um dann am oberen Teil der Insel zu sein, oder links die Küste entlang nach Catania? Ich sollte würfeln! Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, da sie auf der rechten Spur stand und so sah sie es als Schicksal, erst einmal rechts zu fahren. Sie war froh, dem Gewimmel der Stadt zu entkommen und schon befand sie sich auf einer Straße, die sich durch die Landschaft fraß und sich fast anfühlte wie auf einer Achterbahn. Ihr war heiß, dazu die Fahrweise der Italiener, sie fühlte sich nach kurzer Zeit, als würde sie im eigenen Saft schwimmen. „Ja, nun weiß ich auch was Angstschweiß bedeutet!“ Hier lernte man es! Sie hatte die beiden Hände um das Lenkrad gekrallt, saß kerzengerade und verspannt hinter dem Steuer. Sehr kurvig führte die Straße sie in die Berge. Die Olivenbäume vermischt mit Pinien flogen an ihr vorbei, die Sonnenstrahlen blitzten wie Gewitter durch die Zweige und zwangen sie ständig zu blinzeln.

„Wenn das mal gut geht, Mann oh Mann, haben die Italiener vor nichts Angst beim Autofahren? Haben sie überhaupt einen Führerschein? Wenn ich diese Fahrt lebend überstehe, dann werde ich heute Abend eine Flasche sizilianischen Wein trinken und zwar die ganze Flasche!“

Sie überlebte es und kam an die Küste, wo sie bis Giolosa Marea, einem kleinen Ort direkt am Meer fuhr. „Ich bin einfach nur alle“, stöhnte sie leise, „bis hierher und keinen Kilometer weiter.“

Sie hatte auch keinen Blick mehr für die Stadt, suchte ein Hotel, kaufte eine Flasche Wein, etwas Käse und Brot, duschte, legte sich erschöpft und auch erleichtert, dass sie es bis hierher geschafft hatte, auf das Bett und trank genüsslich ein Glas nach dem anderen. Als ihre Bedenken und Ängste wie Monster auftauchen wollten, verscheuchte sie sie, stand auf und öffnete weit das Fenster. Betört von den Düften und dem Rauschen des Meeres, was wie leise Musik klang, es und nahm ihre finsteren Gedanken mit hinaus auf das Meer.

Als sie ihren Kopf am Morgen anhob, stöhnte sie laut auf. „Oh weh, mein Kopf!“ Sie hob die Hände an ihren brummenden Brummkreisel der dröhnte und hämmerte und hielt ihn fest. „War das nun nötig, die ganze Flasche Wein zu trinken? Ja das war es und die kleinen Sünden werden ja schließlich sofort bestraft, die größeren erst später.“ Aber dachte sie gleich, „das ist alleine meine Sache, eine kleine Tablette und einen starken Kaffee, dann bin ich auch wieder fit. Ich schwöre aber, nie wieder!“ Nach einem doppelten Espresso mit einem Hörnchen kehrten kurz darauf die Lebensgeister wieder zurück.

Mit neuem Elan schwang sie sich in ihr Auto und fuhr nun die Küste entlang mit einem Ziel. Da wo es ihr gefiel, da wollte sie erst einmal bleiben. Sie drehte die Fenster hinunter und atmete die würzige Luft von Blumen und Kräutern ein. Immer wieder konnte sie einen Blick auf das Meer werfen, das in der Morgensonne silbrig glitzernd, mit seinen kleinen weißen Kämmen, die ans Ufer purzeln, sie freundlich begrüßte. An manchen Stellen hielt sie an, machte einen kleinen Spaziergang, oder saß einfach am Strand und ließ ihre Seele baumeln und konnte sich nicht satt sehen an den Pinien und den Dachzypressen, die sich so dekorativ in den Vordergrund stellten und dann erst den Blick auf das glitzernde Meer frei gaben. Die Sonne stand schon ziemlich im Zenit als sie das Ortsschild Cefalu las. Von weitem machte die Stadt einen einladenden Eindruck, mit seinem Berg und der Ruine einer Burg. Neugierig fuhr sie in den Ort, parkte ihren Wagen und schlenderte durch die Altstadt, um dann am Strand zu landen. „Das ist sehr schön hier“ dachte sie, die Altstadt reichte bis zum Meer, die alten Häuser, die kleine Bucht, wo die Häuser fast im Wasser standen, die Fischer, die in der Sonne saßen und ihre Netze flickten. Es kam ihr so vertraut vor. War das nicht alles wie in ihrem Traum? Sollte es sein, dass sie hierher fuhr? Die Menschen schlenderten umher, die jungen Frauen mit ihren sehr zarten Blusen und kurzen Röcken oder kurzen knappen Shorts mit den knappen Bikinihöschen darunter und waren sich ihrer Wirkung sehr bewusst. Sie zog ihre Schuhe aus und lief an das Wasser, tauchte ihre Füße hinein und stand verzaubert da. Ja, es war genau das Bild, wovon sie in jener Nacht träumte bevor sie floh. Sie lief durch das Wasser, hob die Arme zum Himmel, schaute in den blauen Himmel hoch und ließ sich das Gesicht von der Sonne küssen. Da wusste sie es, ihr Weg hatte sie hierher geführt! Sie setzte sich und lauschte dem leisen Rauschen der kleinen Wellen, es klang fast so als würden sie sich uralte Geschichten von vergangener Zeit erzählen. Mal war es fast ein Stöhnen und Ächzen, mal ein Raunen und war da nicht auch ein Kichern dabei? Sie versank in ihre Tagträume und lauschte den Geräuschen und sie dachte, „wenn ich jetzt eine Seejungfrau wäre, würde ich aus den Wellen steigen, mich hierher setzten und auf diese Welt schauen.“ Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass ja ein buntes Strand-Treiben stattfand, sie hatte das alles nur am Rande bemerkt. Sie stand auf und ging ein Stück den Strand entlang. Bei einem kleinen Kaffee setzte sie sich hin und bestellte sich eine kalte Cola. Entspannt genoss sie es, hier in der warmen Sonne zu sitzen. Ihre Zehen spielten im Sand und ein verträumtes Lächeln verzauberte ihr Gesicht.

Der Besitzer brachte ihr die Cola und fragte sie auf deutsch, ob sie hier Ferien mache, er habe sie noch gar nicht gesehen. Erschrocken fuhr sie zusammen und starrte ihn überrascht und leicht zornig an. Erst wollte sie abweisend reagieren, es war so schön hier zu träumen. Aber dann mochte sie auch nicht unhöflich sein, noch dazu an so einem schönen Tag. Sie nickte und erzählte kurz, dass sie eben erst hier angekommen ist, den Ort traumhaft findet und das sie gerade überlegte, ob sie hierbleiben soll. Er schaute sie etwas neugierig an, sie lächelte und bevor ihr es bewusst wurde, machten sich ihre Gedanken selbständig und purzelten aus ihr heraus.

„Ich weiß, es klingt etwas verrückt, aber ich finde es hier wunderschön und überlege, ob ich nicht für eine ganze Weile hierbleibe und schaue wie es mir hier ergehen wird!“

Er hatte einen schwarzen Lockenkopf, sein Sonnengebräuntes Gesicht mit den fast schwarzen Augen, die sie neugierig anschauten und um seinen leicht gewölbten Bauch war eine recht große, nicht ganz saubere Schürze umgebunden. Er setzte sich zu ihr, stellte eine Cola für sich auf den Tisch und meinte recht trocken, „dass ist mir auch noch nicht über den Weg gelaufen, so einfach hier bleiben? Hier gehen die Leute eher fort und die Touristen, na die gehen ja auch. Entweder ist ihr Urlaub zu Ende, oder wir haben sie arm gemacht! Spaß beiseite! Warum möchten Sie hierbleiben? Wenn Sie hier arbeiten wollen, das wird schwierig. Wenn Sie genug Geld haben, dann ist das eine gute Entscheidung! Wissen Sie denn, wo Sie wohnen werden? Wenn nicht, so kann ich Ihnen ein sehr gutes Hotel empfehlen.“ Sie überlegte was sie sagen sollte. Wieso es ihr hier gefiel und eben dem Warum, er würde sie für etwas verwirrt halten.

„Nein, ich muss mich in den Ort erst noch umschauen. Ich bin ja gerade erst hier gelandet und habe mich halt sofort verliebt. Am liebsten hätte ich eine kleine Wohnung.“ Er schaute sie genauer an und versuchte zu ergründen, was sie damit meinte! Als Touristin wollte sie hier nicht sein, und wenn sie im Geld schwamm dann würde sie wohl kaum bei ihm sitzen. Was war mit dieser jungen hübschen Frau los? Einerseits wirkte sie recht fröhlich, aber ihre Augen, denen fehlte der gewisse Glanz! Ihre ganze Gestalt war umgeben von einem geheimnisvollen Flair. Wer hatte ihr etwas getan? Sie musste etwas erlebt haben, was sie sehr erschreckte, oder, dachte er, belustigt über seine Gedanken, sie war ihrem Mann davon gelaufen! Erstaunt fragte er sie:

„Sie wollen länger hier bleiben?“

„Ja so wie ich mich im Moment fühle, möchte ich das gern.“ Er kratzte sich am Kinn, überlegte und platzte dann heraus. „Wenn Sie wollen, dann könnte ich mich einmal schnell kundig machen, Sie haben ja auch Glück, noch sind wenig Touristen hier, es wird sich etwas finden. Ich habe da auch schon eine Idee. Dafür müssen Sie aber auch mir helfen. Ich frage bei meinen Freunden nach und Sie halten hier die Stellung. Möchte ein Gast etwas bestellen, dann geben Sie es ihm. Preise stehen auf der Tafel.“ Carola schaute ihn erstaunt an.

„Wie bitte, was soll ich?“

„Na, wenn ich Ihnen eine Wohnung besorge, dann müssen Sie in der Zeit Bier, Espresso und Cola verkaufen! Schließlich muss ich hier meine Geld verdienen!“ Grinste er sie spitzbübisch an. „Ich bin ja gleich wieder da. Band seine Schürze ab, steckte sich eine Zigarette in de Mund und winkte ihr beim Weggehen zu.“

„Na gut, hoffentlich mache ich nichts falsch.“

„Ach, da ist nichts falsch zu machen, bis gleich….“ Beim Gehen wunderte er sich über sich selber. „Sag mal, was mache ich denn da? Hat die Sonne mir einen Stich verpasst? Na was soll's, eine gute Tat am Tag soll jeder machen, meine ist jetzt das hier!“

Beim Laufen dachte er für sich, eine nette Frau, so hübsch, aber ihre Augen, sie haben so eine Unruhe, schauen traurig aus, finde ich. Darum wohl meine Hilfsbereitschaft mit der Wohnungssuche hier ich bin halt ein echter Sizilianer!“

Carola stand etwas sprachlos auf und schaute sich die Strandbar etwas genauer an. Wie kam der Wirt so spontan auf die Idee ihr gleich zu helfen? Hatte sie so einen hilflosen Eindruck auf ihn gemacht? Sie stellte sich hinter die Theke und musste sofort lächeln, als sie sich die Dekorationen anschaute oder besser, die zaghaften, mehr als hilflosen Versuche. Alles wirkte lustig, aber recht lieblos zusammengewürfelt wie vom Flohmarkt, sämtliche Stühle waren unterschiedlich.

Ab und zu sollte wohl eine Plastikblume auf dem Tisch für „Stimmung“ sorgen. Ihr Blick wanderte über den Strand und schaute auf das blaue Meer mit seinen kleinen Wellen, den einzelnen Booten, die aussahen, als würden sie im Wasser tanzen. „Und hinterm Horizont geht's weiter,“ ging ihr durch den Kopf. So friedlich lag der Strand mit seinem weißen Sand da, unschuldig streckte er sich endlos und unergründlich dahin. Sie fand ein einigermaßen sauberes Tuch und wischte gedankenverloren die Theke und die Arbeitsplatte ab. Ja, ging es ihr durch den Kopf, da hätte ich gleich ein paar Ideen, aber es ist nicht meine Bar! Die kleinen verschiedenen Tische mit den zusammengesuchten Plastikstühlen, sie standen alle lieblos kreuz und quer, nicht gerade einladend, um sich zu einem Drink zu setzen. Ihre Gedanken machten Purzelbäume und ohne dass sie es merkte, stellte sie Flaschen und Gläser dekorativ in das Regal. Sie blieb mit einem Grinsen davor stehen. Leise kichernd meinte zu sich selber: „Das fängt ja gut an, kaum stehen meine Füße im Sand, da verkaufe ich Bier und Cola! Aber der Wirt ist echt sehr nett und ich bin gespannt, was er für mich tun kann? Sicher eine sündhaft teure Bleibe! Ab und zu kam ein Kunde, ein Bier, eine Cola, ein Wein. Es ging ganz gut. Die wenigen Leute waren guter Laune und ein Mann so gegen dreißig kam auf die Theke zu, schaute erst erstaunt, dann grinsend und neugierig auf Carola, sie schaute ihn etwas verwirrt an und fragte: „Ist etwas Besonderes an mir, oder warum schauen Sie so, als wäre ich ein Gespenst!“ Er stutzte und lachte ein warmes herzliches Lachen. „Oh entschuldigen Sie, aber normalerweise ist hier ein Kerl mit einem fleckigem T-Shirt, einer großen Schürze vor dem Bauch und einer Zigarette im Mund. Er heißt Pedro. Ich wusste nicht, dass er sich so verwandeln kann, in so eine Schönheit.“

Carola wurde etwas rot und stammelte sehr verlegen, dass Pedro versuchte, eine Wohnung für sie zu besorgen. Neugierig betrachtete er sie, dass Pedro so eifrig war, das war ihm neu und diese geheimnisvolle Schönheit schien sich hinter der Theke wohl zu fühlen. „In echt? Seit wann ist er unter die Immobilienhändler gegangen? Jetzt bin ich aber sehr neugierig, wieso er das wohl macht!“ Mit einem verwundertem Lächeln, „aber eigentlich wundert mich das nicht! Ich wäre auch sofort losgestürmt.“

„Ich habe ihm erzählt, dass ich hier wohnen möchte und er zog los um mir zu helfen.“ Er setzte sich auf einen Barhocker und fragte neugierig.

„Wie, das verstehe ich jetzt nicht? Sie wollen hier wohnen? Nicht nur so auf Besuch? Was führte Sie denn zu uns?“ Ein unsicheres Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit und mit einer leicht verbitterten Stimme meinte sie:

„Ach das ist eine lange Geschichte. Nur so viel, ich kam vor zwei Stunden hierher und habe mich verliebt!“ Theatralisch hob er die Hände zum Himmel und mit gespieltem Entsetzen rief er:

„Ich sage es ja, kaum ist die schönste Frau unter der Sonne zu sehen, da ist sie auch schon in einen von uns verliebt!“

„Nein“, lachte sie belustigt auf, „ich habe mich in die Stadt verliebt!“ Erleichtert strahlte er.

„Madonna, ich danke dir. Ich werde zehn Kerzen anzünden, dass Sie sich nicht in einen Konkurrenten verliebt haben!“ Sie lachte herzlich auf und die Schatten der Traurigkeit in ihren Augen wurden für einen Moment von einer fröhlichen Leichtigkeit verdrängt. Sie stellte ihm den bestellten Wein hin und fragte ihn neugierig:

„Das fällt mir eben erst auf, Sie können so gut deutsch sprechen? Einen Moment lang vergaß ich ganz, dass hier ja italienisch gesprochen wird.“ Er musste sich von ihren Augen losreißen.

„Ich studierte in München. Aber was haben Sie hier vor beruflich zu machen, wenn sie auf Dauer hier bleiben wollen? Haben Sie schon einen Job hier?“

„Na ja, das habe ich noch nicht, aber da ich im Moment noch nicht am Hungertuch nage, kann ich in Ruhe schauen, ob ich eine Chance hier habe.“

„Was können Sie denn?“

„Ich hatte die Hälfte meines Wirtschaftsstudiums hinter mir, als ich es aufgab. Kochen, so sagen viele, liegt mir sehr und außerdem, so sagt man es mir nach, hätte ich für Dekorationen ein gutes Händchen. Ja, das ist nicht sehr viel, ich weiß! Dabei kam sie sich recht lächerlich vor. Viel war das ja nicht gerade!“

„Mit dem Kochen, dass ist doch hier schon eine gute Grundlage, wir hier in Italien lieben gutes Essen! Mal sehen, was es da so für Möglichkeiten gibt! Entschuldigen Sie, ich bin aber auch ein Stoffel! Da stehe ich vor der schönsten Frau Siziliens und benehme mich wie ein Tölpel. Er sprang von seinem Barhocker, verneigte sich, gestatten, mein Name ist Bernando Contarini.“