Nick Francis 1 -  - E-Book

Nick Francis 1 E-Book

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Beschreibung

Auf der Buchrückseite von Nick Francis Band 1 – Die Burg, steht geschrieben: Dieses Buch ist ohne Inhalt und dennoch voller Geheimnisse! Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher! Dieses Buch kann man nicht lesen, man muss es leben! Dieses Buch bringt den Tod, wenn man es nicht richtig lebt! Jahrhunderte hindurch hat der Mensch voller Begeisterung Bücher verschlungen, jetzt schlägt eines von ihnen zurück. Alles begann, wie so oft, mit einem mysteriösen Fund auf einem staubigen, von Spinnweben durchzogenen Dachboden. Lange Zeit wurde das Buch von seinesgleichen gefangen gehalten, und als es befreit war, entfaltete es seine Macht. Klappentext: Nick Francis ist Buchhändler aus Leidenschaft, und vor Kurzem ist sein größter Traum in Erfüllung gegangen. Er bekam von seinem langjährigen Freund und Mentor Willi Funke das Angebot, dessen Antiquariat weiterzuführen. Gleich nach der Übernahme macht Nick sich eifrig daran, den von Büchern überquellenden Dachboden, der als eine Art Lager diente, auszumisten. Einige Bücher fallen leider dem Müllcontainer zum Opfer, andere finden in den Regalen der Buchhandlung Platz. Aber eines von den über tausend Büchern scheint weder für das eine noch für das andere bestimmt zu sein. Es ist ein Buch ohne Inhalt, ein Buch ohne Geschichten und dennoch voller Geheimnisse – voller Abenteuer! Folgt Nick Francis in ein Land, in dem das Grauen regiert, in dem Menschen spurlos verschwinden und übel zugerichtete Leichen gefunden werden. Lasst euch von Nick erzählen, wie es wirklich war. Erfahrt aus erster Hand, was sich für grausame Szenen in der Burg abgespielt haben!

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Nick Francis ist Buchhändler aus Leidenschaft, und vor Kurzem ist sein größter Traum in Erfüllung gegangen. Er bekam von seinem langjährigen Freund und Mentor Willi Funke das Angebot, dessen Antiquariat weiterzuführen. Gleich nach der Übernahme macht Nick sich eifrig daran, den von Büchern überquellenden Dachboden, der als eine Art Lager diente, auszumisten. Einige Bücher fallen leider dem Müllcontainer zum Opfer, andere finden in den Regalen der Buchhandlung Platz. Aber eines von den über tausend Büchern scheint weder für das eine noch für das andere bestimmt zu sein. Es ist ein Buch ohne Inhalt, ein Buch ohne Geschichten und dennoch voller Geheimnisse – voller Abenteuer!

 

Folgt Nick Francis in ein Land, in dem das Grauen regiert, in dem Menschen spurlos verschwinden und übel zugerichtete Leichen gefunden werden. Lasst euch von Nick erzählen, wie es wirklich war. Erfahrt aus erster Hand, was sich für grausame Szenen in der Burg abgespielt haben!

präsentiert

Nick Francis

Band 1

Die Burg

In der Nick Francis Buchreihe sind bereits erschienen

Nick Francis 1 – Die Burg

Nick Francis 2 – Die Stadt

Nick Francis 3 – Die Festung

und demnächst erscheint

Nick Francis 4 – Der Keller

Weitere Titel sind in Planung.

 

 

Entspricht der ungekürzten Originalausgabe des gedruckten Taschenbuches ISBN 978-3-9814313-1-5

© 2013 Noxlupus Verlag, Schwentinental

www.noxlupus.de

Alle Rechte, auch die der fotomechanischen und elektronischen Wiedergabe, sind dem Verlag vorbehalten.

ISBN: 978-3-9814313-0-8

PROLOG

Mein Körper wurde durchgerüttelt, durchgeschüttelt. Immer wieder schlug mein Kopf gegen den Fensterrahmen, an dem ich mit meiner Schulter lehnte. Bei jedem neuen Stoß gegen die harte Kante dachte ich, gleich, gleich ist es so weit. Ich werde gegen die Scheibe prallen und dann wird eines von beiden zerspringen, entweder das Glas oder mein Schädel. Ich hatte jede Kontrolle über meinen Körper verloren. Meine Koordinationsfähigkeit war gleich null. Ich bekam zwar alles mit, was vor sich ging, aber ich konnte keinen Einfluss darauf nehmen. Und dann passierte es.

Klatsch!

Mein Kopf traf das Fenster genau in der Mitte. Aber nichts splitterte. Während mein Schädel nur ordentlich brummte, erfasste mein Auge stattdessen mit Schrecken, wie das linke Hinterrad des Gefährtes, in welchem ich mich befand, auf der Kante eines bodenlosen Abgrundes entlangschlingerte. Ich sah, wie sich die Felswand steil nach unten fortsetzte. Wenn man auch nur einen Fuß über den Rand gesetzt hätte, wäre man in einem unendlich langen, freien Fall rettungslos in die Tiefe gestürzt.

Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich beobachtete, wie das Rad mittlerweile gefährlich über dem Abgrund schwebte. Steinbrocken brachen ab und fielen ins Bodenlose. Ich neige normalerweise nicht zur Schwarzmalerei, aber dieser Anblick ließ nur eine einzige Schlussfolgerung zu: Jeden Moment würde der ganze Felsvorsprung nachgeben und mitsamt der Kutsche in den Abgrund stürzen. Die Erkenntnis, dass mein Leben bald ein ziemlich unsanftes Ende nehmen würde, gab mir schlagartig die Herrschaft über meinen Körper zurück, und ich löste mich mit einem Ruck von der Scheibe.

* * *

Ja, so begann mein erstes Abenteuer in dieser düsteren Welt, von der ich euch gleich erzählen möchte. Mit Sicherheit habt ihr schon viele solcher Geschichten gelesen oder gehört, und mit Sicherheit werdet ihr auch schon einen solchen Film gesehen haben. Deshalb werde ich es mit Sicherheit schwer haben, dagegen anzukommen. Aber egal wie viel ihr auch schon gelesen, gehört oder gesehen habt, keiner von euch kennt die Geschichte so, wie ihr sie jetzt von mir hören werdet. Keiner von euch, mit Sicherheit.

Ein kleiner Hinweis vorab: Wenn ihr euch nun entschließt, mir weiter zu folgen, macht mich bitte nicht dafür verantwortlich, wenn ihr in der nächsten Zeit schlecht schlafen könnt. Ich warne euch vor Albträumen, hoffe aber, dass ihr euch von so einer Warnung nicht abschrecken lasst. Deshalb nehmt nun allen Mut zusammen und folgt mir in ein Land, in dem seit einiger Zeit das Grauen regiert. Ich bin da gewesen und habe es gesehen, das Grauen, welches aus dem Nichts erschien und zu menschlichem Fleisch wurde. Ich werde euch in allen Einzelheiten von den schrecklichen Dingen erzählen, die mir widerfahren sind.

Doch zunächst möchte ich mich kurz vorstellen und euch einen Einblick in mein Leben verschaffen, damit ihr wisst, mit wem ihr die nächste Zeit verbringen werdet.

Ich heiße Nick Francis und bin Buchhändler aus Leidenschaft. Mein Leben verlief im Großen und Ganzen in ruhigen Bahnen. Es passierte nichts, was sich lohnen würde, darüber groß etwas zu erzählen. Jedenfalls bis zu jenem Freitagabend auf dem Dachboden meiner Buchhandlung, der mir als eine Art Lagerraum dient. Alles begann damit, dass ich beim Aufräumen ein Buch fand, das einmalig auf der Welt sein dürfte. Keines ist wie seinesgleichen. Die Buchhandlung hatte ich vor einem Jahr von meinem alten Freund und Mentor Willi Funke übernommen. Er hieß eigentlich Wilhelm, aber ich habe noch nie gehört, dass ihn jemand so nannte. Willi handelte mit antiquarischen und neuen Büchern, An- und Verkauf. Er war und ist bis heute eine weltweit anerkannte Koryphäe auf seinem Gebiet. Noch immer kommen die Leute mit ihren Fund- und Erbstücken zu ihm, um zu erfahren, was sie da für Schätze in den Händen halten. Doch in den meisten Fällen muss Willi die Euphorie der stolzen Besitzer enttäuschen, denn die wenigsten Bücher sind wirklich etwas wert. Sogar Professoren holen sich Rat bei ihm und laden ihn hin und wieder als Gastdozent an ihre Universitäten ein.

Um Willi von den vielen persönlichen Anfragen zu entlasten, hatte ich ihm vor einiger Zeit sogar eine eigene Home-page eingerichtet. Doch das Ergebnis war anders als gedacht, da die Zahl der Anfragen noch drastischer anstieg. Dann kam noch hinzu, dass Willi sich gegen die neue Technik sträubte: Es endete damit, dass ich ihm die vielen E-Mails vorlesen musste, und er mir anschließend die Antworten diktierte. Jahre vorher hatte er schon Monate gebraucht, um sich mit dem Fax anzufreunden, und ich fragte mich, wie lange es mit dem Computer dauern würde. An der großen virtuellen Welt fehlte ihm jegliches Interesse, sosehr ich mich auch bemühte, sie ihm näherzubringen.

Schon als Kind bin ich oft zu Willi in die Buchhandlung gelaufen, um in den Hunderten von Büchern zu schmökern. Nie musste ich ein Buch kaufen. Wenn mir eins gefiel, durfte ich es unter der Bedingung, es sorgsam zu behandeln, mit nach Hause nehmen, um es dort in Ruhe zu lesen. Nach ein paar Tagen brachte ich ihm das ausgelesene Buch zurück, und Willi stellte es wieder ins Regal zu denen, die verkauft werden sollten. So stand es dann wieder jungfräulich zwischen den anderen Büchern, als sei es nie weg gewesen.

Willi hatte eine Menge Kinderbücher, denn er war der Meinung, dass ein Kind nicht früh genug damit anfangen könne, seine Fantasie durch das Lesen zu beflügeln. Bei mir kam, neben dem Lesen, später als Jugendlicher, noch die Leidenschaft zu Filmen dazu. Es war die Zeit, in der die Video-recorder die Haushalte eroberten. In dieser Zeit vernachlässigte ich das Lesen ganz schön. Doch schnell fand ich ein gutes Mittelmaß für diese beiden Fantasiebeflügler, welches ich bis heute beibehalten habe. Am meisten reizen mich Romanverfilmungen. Ich finde es immer wieder spannend, was die Drehbuchautoren und die Regisseure aus einem Roman machen.

Mit fünfzehn begann ich hin und wieder bei Willi im Laden auszuhelfen. Ich sortierte neue Buchlieferungen in die Regale, zeigte den Kunden, wo sie welche Bücher fänden und nahm Bestellungen entgegen. Damit konnte ich mir mein Taschengeld ein wenig aufbessern. Allerdings war das Geld für mich Nebensache. In erster Linie brachte es mir riesigen Spaß, zwischen all den Schätzen zu arbeiten. Täglich stieß ich auf neue und interessante Bücher. Zumindest waren sie für mich neu, denn die meisten hatten ja schon einige Jahrzehnte, manche sogar Jahrhunderte auf ihren Seiten.

Nach der Schule begann ich eine Lehre zum Buchhändler. Diese absolvierte ich bei einer großen Buchhandelskette. Lieber hätte ich die Ausbildung bei Willi gemacht, doch er vertrat die Ansicht, dass es besser für mich wäre, woanders zu lernen, damit ich nicht zu einseitig ausgebildet würde, und im Nachhinein muss ich ihm recht geben. Er versprach mir jedoch, mich gleich nach Abschluss meiner Lehre einzustellen, allerdings nur unter einer Bedingung: Ich müsse einen guten Abschluss machen, denn er stelle nur die Besten ein. Das spornte mich natürlich zusätzlich an.

Doch obwohl ich eine hervorragende Ausbildung genoss, habe ich in meinen Augen das wirklich Wichtige von Willi gelernt. Für ihn sind Bücher das Wunderbarste auf der Welt. Wie es zu dieser Leidenschaft kam, sollte ich an einem verschneiten Winterabend erfahren. Ich muss so neunzehn oder zwanzig Jahre alt gewesen sein, als ich ein paar Minuten vor Ladenschluss mit einer heftigen Schneewehe in die Buchhandlung gefegt wurde. Ich klopfte mir den Schnee vom Körper und rief in den Laden:

»Hallo Willi, ich bin’s!«

Ich horchte. Keine Antwort. Langsam ging ich tiefer in den Bücherdschungel hinein. Ich rief noch einmal nach Willi und bekam dieses Mal ein leises »Hier bin ich« als Antwort. Ich folgte der Stimme und fand Willi schließlich auf einem Stuhl kauernd hinter einem Bücherstapel. Mit beiden Händen umklammerte er ein kleines Buch. Sein Kopf war nach unten geneigt, sein Blick auf das Buch geheftet.

»Geht’s dir nicht gut?«

Ohne eine richtige Antwort zu geben, sagte er mit einem melancholischen Klang in seiner Stimme:

»Ich habe gerade eine Ausgabe des Buches gefunden, mit dem alles anfing. Es war vor vielen Jahren, auch um diese Jahreszeit. Weihnachten stand vor der Tür. Ich war ein kleiner Junge und wurde sehr krank. Über ein Jahr fesselte mich die Krankheit ans Bett. Anfangs sah es so aus, als ob ich es nie wieder verlassen würde. Damals bekam ich dieses Buch von einer Tante geschenkt.«

Er hob langsam seinen Kopf und sah mich an, dann reichte er mir das Buch. Auf dem ausgeblichenen, vergilbten Umschlag las ich: Robert Louis Stevenson – Die Schatzinsel.

»Nach und nach bekam ich immer mehr Bücher von den Verwandten. Ich wünschte mir auch nichts anderes mehr. Ich wollte nur eines: Bücher. Sie wurden mir lieb wie Freunde, denn die Bücher waren um so vieles leichter zu bekommen als die Jungen in meinem Alter, die lieber draußen herumtobten, als bei einem bettlägerigen Kind in der Stube zu hocken. So verbrachte ich die Zeit mit Lesen, und manchmal vergaß ich darüber, dass ich ein kranker, einsamer Junge war, und schlitterte von einem Abenteuer ins andere. Ich war mit Ismael auf Walfang, habe mich mit Edmond Dantès aus dem tiefen Kerker befreit, Jules Verne zeigte mir in achtzig Tagen die ganze Welt und führte mich zum Mittelpunkt der Erde; ich war der verliebte Romeo, ich habe den letzten Mohikaner mit zu Grabe getragen und kämpfte mit Don Quijote gegen die Windmühlen.«

Er atmete tief ein und presste mit einem tiefen Seufzer die Luft durch seine geschlossenen Lippen, dann fuhr er fort:

»Diese Geschichten gaben mir Kraft und ich glaube, ich habe ihnen zu verdanken, dass ich wieder gesund wurde.«

Dann lachte er kurz auf:

»Und bis heute geblieben bin. Nicht einmal eine Erkältung habe ich seither gehabt.«

»Wie kommt es, dass du mir nie davon erzählt hast?«

»Ich wollte nicht darüber reden. Krankheit ist nichts, woran man sich gerne erinnert. Ich war froh, dass ich sie hinter mir hatte. Eben erst, als mir dieses Buch in die Hände fiel, kam die Erinnerung wieder.«

Von seinem Stuhl aus schaute er sich die Bücherstapel an, die sich um uns herum befanden.

»Weißt du, Nick, Bücher sind lebende Wesen, die ihre eigene Seele besitzen. Und da sie leben, vergehen sie auch so wie alles andere, was lebt. Ihre einst so glatten, weißen Seiten werden immer dunkler und welliger, bis sie schließlich eines Tages zerfallen. Nur können die Bücher weitaus länger am Leben bleiben als Menschen, je nachdem, wie sie von uns behandelt werden.«

Langsam erhob er sich von seinem Stuhl und nahm mir das Buch aus der Hand, strich liebevoll über den Einband und meinte:

»Ein Buch hat uns gegenüber allerdings noch den Vorteil, dass es, wenn es immer und immer wieder kopiert wird, unserer ewigen Sehnsucht nach Unsterblichkeit nahekommt. So hoffe ich, dass der kleine Jim Hawkins noch etliche Male kopiert wird, um manches kranke Kind bei seinem Gesundwerden zu unterstützen.«

Er drückte mir erneut das Buch in die Hand und ging zu seinem Verkaufstresen, wo er in einer Schublade herumwühlte und dabei zu mir sprach:

»In jedem Buch steckt ein Teil seines Autors, der sich voll und ganz, manchmal bis zur Erschöpfung, seinem Werk gewidmet hat, nur damit andere es lesen und studieren können. Und obwohl ein Text immer derselbe bleibt, so ist er doch nicht statisch, denn jeder interpretiert und erlebt ihn anders. Wenn er für jeden gleich wäre, würde es ja keine Buchbesprechungen mit so vielen unterschiedlichen Meinungen geben. Wenn man zu einem unbekannten Buch greift, ist es wie mit einem Menschen, dem man zum ersten Mal begegnet. Manchmal ist es Liebe auf den ersten Blick, ein andermal fühlt man sich gar nicht erst angesprochen.«

Plötzlich fielen die melancholischen Züge von ihm ab. Sein Gesicht erhellte sich.

»Da ist er ja«, sagte er, als habe er einen Schatz gefunden, hielt einen Schlüssel in die Luft und ging zur Ladentür, um diese mit dem gefundenen Schlüssel zu verschließen.

Die nächsten zwei Stunden verbrachten wir noch redend im Laden. Am Ende fragte ich ihn, ob er nie selbst Bücher hatte schreiben wollen. Darauf erwiderte er, dass sein Interesse immer mehr dem Vorhandenen gegolten habe. Zwar hätte er immer mal wieder angefangen selbst zu schreiben, doch vor lauter Lesen sei er beim Schreiben nie über das erste Kapitel hinausgekommen.

Ich glaube, er sah schon damals den Sohn in mir, den er nie bekommen hatte. Er und seine Frau Doris, eine Anwältin, waren immer ganz und gar in ihrer Arbeit aufgegangen und hatten nie eine Familie gegründet. Eigentlich wollten sie sich gemeinsam zur Ruhe setzen.

Doch Willi, der alte Fuchs, hatte es tatsächlich geschafft, sie noch weitere zwölf Jahre zu vertrösten. Ein Glück für mich, denn hätte er gleich aufgehört, wäre ich noch zu jung gewesen, um eigenständig den Laden zu führen, der schon immer eine magische Anziehungskraft auf mich ausgeübt hatte. Ich liebte dieses altmodische Geschäft, die vom Gewicht der Weltliteratur gebogenen Regale, das leicht modernde alte Holz, den Geruch vergilbter und den Duft frisch gedruckter Bücher. Mich faszinierten die überquellenden Tische und die babylonischen Büchertürme, die teilweise eine Höhe von zwei Metern erreichten. Gerade in den letzten Jahren hatten sich die Bücher unwahrscheinlich schnell vermehrt, weil Willi bald mehr Interesse am Kaufen beziehungsweise am Sammeln der Bücher als am Verkaufen gezeigt hatte.

Überall lagen und standen Bücher herum, es gab kaum einen Fleck, der nicht von ihnen in Beschlag genommen war. Man konnte den Eindruck haben, als herrsche nicht die geringste Ordnung. Jedenfalls war für Außenstehende keine zu erkennen. Aber das galt nicht für uns. Willi und ich wussten ganz genau, wo welches Buch zu finden war. Unsere Kunden brauchten uns nur zu fragen, und sofort gingen wir zielstrebig auf den richtigen Bücherberg zu oder zu dem richtigen Regal und zogen die gewünschte Buchausgabe heraus, sofern wir sie hatten. Die Kunden, die nichts Spezielles suchten, liebten es, bei uns auf Schatzsuche zu gehen, und stießen begeistert auf Bücher, von denen sie nicht einmal gewusst hatten, dass sie existierten.

Ich verbrachte von Anfang an viel Zeit im Laden. Privat lebte ich mal wieder alleine. Meine Lebensgefährtin hatte es nicht mehr mit mir ausgehalten, weil ihr mein Leben zu langweilig war. Sie wolle nicht nur leben, sondern etwas erleben, sagte sie, bevor sie die Tür hinter sich zuschmiss. Was sie wohl zu meinem jetzigen Leben sagen würde?

So verlief mein Leben also nicht weiter aufregend, bis zu dem Tage, als ich die Buchhandlung von Willi übernahm. An seinem dreiundsiebzigsten Geburtstag fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, sein Geschäft weiterzuführen. Er selber wolle, so sagte er mir, ein Haus kaufen und den Ruhestand mit seiner Frau genießen. Vermutlich war das ihr Wunsch, nicht seiner. Doris hatte Willi ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen, den Laden endlich aufzugeben, seit sie selbst in Rente gegangen war. Sie war als Anwältin und Notarin Teilhaberin einer großen Kanzlei gewesen. Willi hatte die meiste Zeit ihrer achtundvierzig Ehejahre mit seinen Büchern verbracht, und Doris fand, dass jetzt allmählich sie an der Reihe wäre. Also setzte sie einen Vertrag auf, laut dem ich ihnen eine kleine monatliche Miete für den Laden zu zahlen hatte und sie des Weiteren prozentual an den Einnahmen beteiligt blieben, da ich keine Ablösesumme für die Bücher bezahlen musste.

Zusätzlich zu dem Laden mietete ich die Dreizimmerwohnung im Dachgeschoss mit Dachterrasse. Dort haben die beiden gewohnt, bis sie sich das Häuschen am Stadtrand gekauft hatten. Die anderen vier Wohnungen in dem Haus haben Willi und Doris anderweitig vermietet. Ich übernahm nicht nur die Bücher im Laden, sondern auch die in der circa zwanzig Quadratmeter großen Dachkammer auf dem Dachboden. Da stapelten sich die Bücher dicht an dicht bis unter die Dachziegel. Nicht gerade das beste Klima für Bücher, aber es ist der einzige Platz im Haus, wo es noch eine Lagermöglichkeit für sie gibt.

Hier lagen sie also, die Waisenkinder der Buchhandlung, teils auf, teils in und zwischen den antiken Möbeln, die Willi hier ebenfalls abgestellt hatte. In jedem nur erdenklichen Winkel steckte ein Buch. Lange Zeit hatten diese Bände unten im Laden in den Regalen gestanden und sehnsüchtig auf jemanden gewartet, der sie mit nach Hause nahm. Hier auf dem Dachboden fanden sie ihre vorerst letzte Zuflucht. Denn ein Buch wegzuschmeißen, das kam für Willi nicht infrage, und wenn es noch so zerfleddert war. Für besonders kritische Exemplare, an deren Rettung ihm lag, bestellte Willi den Buchrestaurator. Doch in den letzten Jahren hatte er meist mehr Geld hineingesteckt, als er nachher für das restaurierte Buch herausbekam.

Bevor nun die ersten Bücherstapel die Dachziegel hochdrücken würden, fand ich es an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. So fragte ich Willi, ob er damit einverstanden wäre, wenn ich die Bücher, die wirklich nicht mehr zu retten waren, entsorgen würde. Schließlich gehörten sie immer noch ihm.

Ich solle, antwortete er mir, das tun, was ich für richtig halte. Er habe keine Verantwortung mehr für die Bücher, die läge jetzt allein bei mir. Mit dieser Antwort hatte ich, ehrlich gesagt, nicht gerechnet, versprach ihm aber trotzdem, nicht mehr zu entsorgen als unbedingt nötig. Die einigermaßen brauchbaren Exemplare wollte ich noch einmal zum Verkauf anbieten, und einige, bei denen es sich vielleicht doch noch lohnte, zum Buchrestaurator bringen. Dabei würde ich allerdings besser kalkulieren müssen, als Willi es in den letzten Jahren getan hatte. Für ihn war es zuletzt eigentlich nur noch ein Hobby gewesen. Er hatte in den fünfzig Jahren genug Geld verdient und erhielt auch schon seit Längerem seine Rente, und der Betrag, den seine Frau Doris für die Anteile der Kanzlei erhalten hatte, war bestimmt auch nicht ohne.

Bei mir lag es anders, ich musste versuchen, von dem Laden zu leben, und so erzählte ich Willi, dass ich vorhabe, seine Homepage zu einem Buchshop auszubauen und vermehrt im Internet zu handeln, um mehr Käufer zu erreichen, gerade wegen der restaurierten Bücher. Wie immer, wenn es um Technik ging, äußerte er sich auf seine naserümpfend- skeptische Art: »So so, per E-Mail-Dings willst du jetzt die Bücher verkaufen?«

Für Willi passten Bücher und das Internet einfach nicht zusammen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Leute ein Buch kaufen würden, ohne es vorher gesehen zu haben, ohne es in die Hände zu nehmen und ohne vorher darin herumzublättern. Er gab dem E-Mail-Dings keine Zukunft.

Gleich nachdem ich mit Willi über mein Vorhaben gesprochen hatte, machte ich mich an die Arbeit, die Bücher zu begutachten und nach ihrem Verkaufswert, sofern sie denn einen hatten, zu sortieren. Eine Woche lang arbeitete ich so jeden Tag nach Ladenschluss auf dem leicht staubigen, von Spinnweben durchzogenen Dachboden, meist bis weit nach Mitternacht. Buch für Buch habe ich durchgesehen, jedes einzelne, ob es noch zu gebrauchen wäre. Einige ließ ich schweren Herzens in den Müll wandern.

Mein neues Wohnzimmer wurde platzmäßig kräftig mit einbezogen, und so war es im Nu mit einzelnen sortierten Bücherhaufen übersät. Lediglich kleine Gänge blieben mir, um wenigstens an diese Haufen zu gelangen. Meine Wohnzimmermöbel musste ich notgedrungen an einer Wand, stapelnderweise, zusammenschieben. Für die nächsten Monate hauste ich in einem Bücherwald. Denn es dauerte, bis ich alle Bücher verkauft hatte oder irgendwie anders losgeworden bin.

Nach zwei Tagen der Sortierer- und Entsorgerei war mir eine Idee gekommen. Ich hatte die entsorgten Bücher teilweise wieder aus dem Müllcontainer hervorgekramt und für sie eine Ecke im Laden eingerichtet, wo ich sie zum Verschenken anbot. Im Schaufenster brachte ich ein Plakat mit dem Hinweis an: »Bücher zu verschenken«. So hoffte ich, Leute in den Laden zu locken, die ansonsten vorbeigelaufen wären. Und ich sollte recht behalten.

Das Plakat zog mehr Leute an als ein Magnet Büroklammern. Viele, die ein Gratisbuch erhaschten, sahen sich noch anderweitig um und kauften zusätzlich ein oder sogar zwei weitere Bücher. So sind sie eben, kaum gibt es etwas umsonst, kommen sie von überall her angelaufen. Mein Plan ging also auf.

Für Bücher, die sich eventuell noch verkaufen ließen, richtete ich ebenfalls einen besonderen Bereich ein; eine Raritätenecke. Und auch hier durfte ein Hinweisplakat nicht fehlen: »Große Werke zu kleinen Preisen«. Andere Bücher versuchte ich über das Internet zu veräußern. Ich nutzte alle Möglichkeiten. Teils verkaufte ich sie zum Festpreis, andere stellte ich in Auktionen ein, in der Hoffnung, dass sich mehrere Interessenten für ein Buch fänden und den Preis in die Höhe trieben. So arbeitete ich mich langsam vorwärts, bis sich nur noch einige wenige Bücher auf dem Dachboden befanden.

* * *

Es lag ganz unten, in der hintersten Ecke. Jahrzehntelang musste es hier von seinesgleichen gefangen gehalten worden sein. Auf dem schlichten schwarzen, schieferähnlichen Ledereinband stand nichts, kein einziger Buchstabe. Metallene Beschläge mit Nieten hielten es zusammen, die Ecken waren mit verschnörkelten Messingkanten eingefasst. Auf den ersten Blick war es ein sehr altes, aber dennoch sehr gut erhaltenes Buch, etwa DIN A 4 groß, ungefähr acht Zentimeter dick. Es hatte nur dreizehn Seiten, jede Seite fast fünf Millimeter stark. Das Buch faszinierte mich auf Anhieb. Es hatte nur einen Haken: Ich konnte es nicht lesen.

Nicht dass es in einer mir unbekannten Sprache geschrieben wäre, nein, das war es nicht. Es war gar nichts geschrieben. Will sagen, es enthielt praktisch überhaupt keinen Text.

Ich schlug es auf, blätterte verblüfft darin herum und stellte fest, dass sich auf acht Seiten zwar jeweils in der Mitte eine Überschrift, aber keine dazugehörige Geschichte befand. Die Überschriften wirkten, als wären sie in das dicke, harte Papier eingraviert. Oder besser gesagt, es ähnelte mehr Aluminiumblech als Papier. Dazwischen verteilt waren fünf vollkommen leere Seiten.

»Was soll das denn?«, werdet ihr euch jetzt sicher fragen, genau wie ich es tat. Von Neugier getrieben, schnappte ich mir mein Fahrrad, um trotz der späten Stunde Willi einen kurzen Besuch abzustatten. Tatsächlich war er noch wach, und ich fragte ihn, ob er sich an das Buch erinnere und wisse, woher es stamme.

Obwohl es lange her war, wusste Willi noch genau, wie das Buch in seinen Besitz gelangt war. Doch lassen wir Willi selbst erzählen, was sich vor etwa dreißig Jahren in seiner Buchhandlung abgespielt hatte:

»Eines Tages kam ein Mann in einem schmuddeligen, zerlöcherten Mantel zu mir in den Laden. Seine Hose präsentierte sich im gleichen Zustand wie sein Mantel. Die schulterlangen, fettigen Haare klebten wie Bandnudeln um und in seinem Gesicht und rundeten das Bild eines Landstreichers perfekt ab. In seinen schmutzigen Händen hielt er ein Päckchen fest umklammert.

›Sind Sie der Bücherkäufer, von dem mir mein Kumpel erzählt hat?‹, fragte er mich.

›Ich weiß nicht, ob ich der Bücherkäufer bin, von dem Ihr Kumpel erzählt hat, aber ich bin einer‹, antwortete ich.

›Ich habe hier was für Sie, was ganz Besonderes‹, sagte der Mann, und hielt mir das Päckchen hin. Ich nahm es an mich und öffnete es. Zum Vorschein kam dieses Buch. Auf den ersten Blick sah es schon recht beeindruckend aus. Nachdem ich nun auch einen Blick hineingeworfen hatte, sah ich den Mann stirnrunzelnd und ungläubig an. Dieser stammelte, während er mit einem Finger auf das Buch in meiner Hand tippte:

›Das, das ist ein spezielles Buch, mit dem man sehr, sehr vorsichtig umgehen muss. Es ist kein gewöhnliches Buch, dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher, die Sie hier in Ihrem schönen Laden haben und jemals haben werden.‹

Ich wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu, denn der Landstreicher sprach weiter:

›Es ist nicht so zu handhaben wie andere Bücher, man muss es mit den Fingern lesen, die Fingerspitzen werden einen führen und den Weg weisen.‹

›Aber guter Mann‹, setzte ich an, ›in diesem Buch steht nicht viel drin! Man könnte auch sagen, es hat nur leere Seiten.‹

›Aber genau das ist es ja: Das scheint nur so. Dieses Buch ist ohne Inhalt, ohne Geschichten und dennoch voller Geheimnisse, und wenn man einen Fehler begeht, nimmt das Buch den Leser gefangen. Dieses Buch saugt einen förmlich in sich hinein, es verschlingt einen.‹

Daraufhin fragte ich:

›Sie meinen also, dieses Buch sei so spannend, dass man es fasziniert liest? Wenn man es denn könnte?‹, und er antwortete:

›Nein nein, nicht liest, sondern lebt. Dieses Buch kann man nicht lesen, man muss es leben. Und zum Leben gehört der Tod. Dieses Buch bringt den Tod, wenn man die Geschichten darin nicht richtig lebt!‹

›Und woher wissen Sie das? Sie sind doch noch am Leben.‹

›Es stand in einem Brief, der neben einem Toten lag‹, meinte er.

›Neben einem Toten?‹, fragte ich verdutzt.

›Ja, unter den Händen eines Toten wurde das Buch gefunden, daneben lag der Brief. Es ist noch gar nicht lange her.‹

›Unter den Händen eines Toten? Und jetzt gehört das Buch Ihnen?‹

›Ja, es gehört mir!‹, behauptete er fest.

›Und wo ist der Brief?‹

›Ich habe ihn leider nicht mehr. Wissen Sie, da draußen verliert man schnell mal etwas‹, sagte er und verzog sein Gesicht. Nach dieser Antwort betrachtete ich den Mann noch skeptischer als zuvor von oben bis unten. Dann widmete ich mich ganz dem Buch, legte es, weil es mir allmählich zu schwer wurde, auf den Tisch und begutachtete es mit der gleichen Skepsis wie zuvor den Landstreicher. Es war wirklich bemerkenswert, wie sorgfältig und aufwendig das Buch gestaltet und gebunden war. Vom Inhalt konnte man das ja nun wirklich nicht behaupten. Als ich meinen Blick wieder hob, war der Landstreicher verschwunden.

Irritiert schaute ich mich im Laden um. Der Landstreicher war nirgends zu sehen. Ich lief raus auf die Straße, doch auch da konnte ich ihn nicht entdecken. Was blieb mir anderes übrig, als das Buch zu behalten? Und so entschied ich mich, es als attraktives Dekorationsobjekt für mein Schaufenster zu verwenden.

Hin und wieder nahm ich es zur Hand und versuchte, Näheres über das merkwürdige Buch zu erfahren. Ich begann zu recherchieren, doch ich fand nichts. Es schien, als sei es vom Himmel gefallen. Es gab keine Anhaltspunkte. Weder einen Autoren noch einen Titel, geschweige denn einen Verlag. Ich zeigte das Buch vielen Kollegen, doch jede Antwort, die ich erhielt, war gleich. Sie bestand aus einem ratlosen Kopfschütteln. Nach etlichen Jahren gab ich es auf, weiterzuforschen, denn ich hatte nicht einen Anhaltspunkt gefunden. So landete es schließlich auf dem Dachboden, wo es über zwei Jahrzehnte, eingebettet von seinen Artgenossen, schlief.

Vielleicht hast du mehr Glück als ich, Nick. Durch dies Internet-Dings hast du vielleicht eine neue Möglichkeit, etwas herauszufinden. Angeblich kann und weiß das ja alles!«

* * *

Es war bereits weit nach Mitternacht, als ich niedergeschlagen nach Hause radelte. Irgendwie hatte ich mir von dem Gespräch mit Willi mehr erhofft. Ich betrat meine Wohnung und ging gleich zu Bett. Die letzte Woche hatte mich ganz schön geschlaucht. Wieder hatte ich beinahe sechzehn Stunden ohne große Pausen hinter mich gebracht, und um neun Uhr musste ich schon wieder im Laden stehen. Glücklicherweise nur bis dreizehn Uhr, da Samstag war. Anschließend wollte ich die letzten Bücher auf dem Dachboden durchsehen. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn bis zum Abend von allen Büchern zu befreien. Über die Möbel wollte ich mir später Gedanken machen, denn diese wollte und durfte ich auch veräußern. Aber erst einmal waren die sortierten Bücher in meinem Wohnzimmer wichtiger. Die musste ich schnellstmöglich loswerden, damit ich mein gemütliches Sofa wieder benutzen konnte.

Im Bett nahm ich das große schwere Buch noch einmal zur Hand und blätterte in den seltsamen Seiten. Die warnenden Worte des Mannes gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, dass das Buch den Tod bringen könne. Dass man die Geschichten darin richtig leben müsse. Was für Geschichten? In dem Buch gab es keine einzige Geschichte. Was zum Teufel meinte er damit? Und wie sollte man Geschriebenes leben?

Das Buch hatte ich auf meinen Bauch gestellt, und während ich es betrachtete, fuhr ich mit dem Finger die eingravierten Buchstaben ab, las die Schrift mit meinen Fingern. In Gedanken vertieft ließ ich das Buch sinken, wobei meine rechte Handfläche auf der aufgeschlagenen Seite landete. Meine Augenlider wurden immer schwerer. Ich befand mich in einem Zwischenstadium; weder wach noch schlafend.

Die Seite fühlte sich, unter meiner Handfläche, kühl und hart an. Doch dann, mit einem Mal, wurde die metallähnliche Oberfläche warm und weich wie Schaumstoff. Meine Hand versank darin, wurde eins damit und dem eingravierten Titel Die Burg. Ein Kribbeln, als würde eine Horde Ameisen über meinen Arm entlanglaufen, breitete sich auf meiner Haut aus. Die Ameisen wanderten zum Brustkorb, von da aus marschierte eine Abteilung über den anderen Arm und die zweite marschierte weiter Richtung Bauch, bis die Ameisen schließlich meinen ganzen Körper bedeckten. Es kribbelte überall! Und dann ...

Kapitel 1 Die Todesschlucht

Mein Körper wurde durchgerüttelt, durchgeschüttelt. Immer wieder schlug mein Kopf gegen den Fensterrahmen, an dem ich mit meiner Schulter lehnte. Bei jedem neuen Stoß gegen die harte Kante dachte ich, gleich, gleich ist es so weit. Ich werde gegen die Scheibe prallen und dann wird eines von beiden zerspringen, entweder das Glas oder mein Schädel. Ich hatte jede Kontrolle über meinen Körper verloren. Meine Koordinationsfähigkeit war gleich null. Ich bekam zwar alles mit, was vor sich ging, aber ich konnte keinen Einfluss darauf nehmen. Und dann passierte es.

Klatsch!

Mein Kopf traf das Fenster genau in der Mitte. Aber nichts splitterte. Während mein Schädel nur ordentlich brummte, erfasste mein Auge stattdessen mit Schrecken, wie das linke Hinterrad des Gefährtes, in welchem ich mich befand, auf der Kante eines bodenlosen Abgrundes entlangschlingerte. Ich sah, wie sich die Felswand steil nach unten fortsetzte. Wenn man auch nur einen Fuß über den Rand gesetzt hätte, wäre man in einem unendlich langen, freien Fall rettungslos in die Tiefe gestürzt.

Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich beobachtete, wie das Rad mittlerweile gefährlich über dem Abgrund schwebte. Steinbrocken brachen ab und fielen ins Bodenlose. Ich neige normalerweise nicht zur Schwarzmalerei, aber dieser Anblick ließ nur eine einzige Schlussfolgerung zu: Jeden Moment würde der ganze Felsvorsprung nachgeben und mitsamt der Kutsche in den Abgrund stürzen. Die Erkenntnis, dass mein Leben bald ein ziemlich unsanftes Ende nehmen würde, gab mir schlagartig die Herrschaft über meinen Körper zurück, und ich löste mich mit einem Ruck von der Scheibe.

* * *

Ja, ihr habt zum zweiten Mal richtig gehört. Ich wurde schlagartig Herr meines Körpers, der sich auf einmal in einer rasenden Kutsche befand. Diese schlingerte auf einem schmalen, unebenen Weg am Abgrund eines Berges dahin. Und ihr, meine verehrten Zuhörer, befindet euch jetzt mit mir zusammen in unserem aufregenden Abenteuer. Und ich hoffe stark, dass es nicht das letzte sein wird, welches wir ge-meinsam durchleben werden.

Doch konzentrieren wir uns erst einmal auf dieses Ereignis, in dem ich mich plötzlich, ohne mein Zutun, in dieser altertümlichen Kutsche befand. Mein kuscheliges Bett, in dem ich mich eigentlich befinden sollte, hatte ich unfreiwillig gegen die harte Sitzbank dieses schaukelnden Ungetüms eingetauscht. Ebenso war meine Schlafkleidung, die ich an jenem Abend kurz zuvor zu Hause getragen hatte, gegen Klamotten, die schon vor hundert Jahren aus der Mode waren, ersetzt worden.