Nie mehr glücklich? - Viola Maybach - E-Book

Nie mehr glücklich? E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Mattis Bürger kam nicht selbst auf die Idee, sondern es war sein bester Freund Ansgar Bredemeier. Dieser war vor zwei Jahren mit seinen Eltern aus dem Emsland nach München gezogen und in Mattis' Klasse gekommen. Sie hatten sich nur einmal ansehen müssen und sofort gewusst, dass sie Freunde sein würden. Beide waren neun Jahre alt. Der rothaarige, sommersprossige Ansgar hatte himmelblaue Augen und war ein richtig guter Sportler, weshalb er sich schnell Respekt verschafft hatte. Mattis war blond und blauäugig wie seine Mutter, und auch sein Lieblingsfach war Sport. Sie hatten sich, kurz gesagt, gesucht und gefunden. "Wie wäre es mit Silvester? ", fragte also Ansgar in jenem Gespräch, das sich erst viel später als schicksalhaft erweisen sollte. "Er sieht gut aus, die meisten Leute mögen ihn, weil er außerdem nett ist. Also gefällt er ihr bestimmt auch. Er ist manchmal brummig, aber nie lange, er gibt uns immer Cola, und wir stören ihn nie, nicht einmal, wenn er Kundschaft hat. Er kann lustig sein, aber er merkt auch, wenn wir Kummer haben, dann fragt er, was los ist und hört zu, wenn wir es ihm erzählen. Und er verdient mit seinem Laden richtig viel Geld. Sonst könnte er sich so ein Motorrad gar nicht leisten. "Das Geld ist nicht so wichtig", meinte Mattis. "Meine Mama hat ja einen guten Job. "Aber es schadet nicht, wenn der Mann auch ordentlich verdient", bemerkte Ansgar weise. "Viele streiten sich übers Geld und lassen sich dann scheiden. Wenn es darüber von vornherein keinen Streit geben kann, sind die Chancen, dass es gut läuft, gleich viel besser.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 87 –Nie mehr glücklich?

Die schöne Fanny wird immer trauriger ...

Viola Maybach

Mattis Bürger kam nicht selbst auf die Idee, sondern es war sein bester Freund Ansgar Bredemeier. Dieser war vor zwei Jahren mit seinen Eltern aus dem Emsland nach München gezogen und in Mattis‘ Klasse gekommen. Sie hatten sich nur einmal ansehen müssen und sofort gewusst, dass sie Freunde sein würden. Beide waren neun Jahre alt. Der rothaarige, sommersprossige Ansgar hatte himmelblaue Augen und war ein richtig guter Sportler, weshalb er sich schnell Respekt verschafft hatte. Mattis war blond und blauäugig wie seine Mutter, und auch sein Lieblingsfach war Sport. Sie hatten sich, kurz gesagt, gesucht und gefunden.

„Wie wäre es mit Silvester?“, fragte also Ansgar in jenem Gespräch, das sich erst viel später als schicksalhaft erweisen sollte. „Er sieht gut aus, die meisten Leute mögen ihn, weil er außerdem nett ist. Also gefällt er ihr bestimmt auch. Er ist manchmal brummig, aber nie lange, er gibt uns immer Cola, und wir stören ihn nie, nicht einmal, wenn er Kundschaft hat. Er kann lustig sein, aber er merkt auch, wenn wir Kummer haben, dann fragt er, was los ist und hört zu, wenn wir es ihm erzählen. Und er verdient mit seinem Laden richtig viel Geld. Sonst könnte er sich so ein Motorrad gar nicht leisten.“

„Das Geld ist nicht so wichtig“, meinte Mattis. „Meine Mama hat ja einen guten Job.“

„Aber es schadet nicht, wenn der Mann auch ordentlich verdient“, bemerkte Ansgar weise. „Viele streiten sich übers Geld und lassen sich dann scheiden. Wenn es darüber von vornherein keinen Streit geben kann, sind die Chancen, dass es gut läuft, gleich viel besser.“

Mattis nickte. „Das andere ist aber wichtiger: dass er nett ist und merkt, wenn es uns nicht gut geht. Und dass er zuhören kann. Es stimmt, man kann mit ihm viel Spaß haben, aber er lässt einen auch in Ruhe, wenn er merkt, dass man nicht rumalbern will.“ Auf seiner glatten Stirn hatte sich eine tiefe Falte gebildet. „Ich weiß trotzdem nicht, ob er in Frage käme.“

„Wieso denn nicht?“ Ansgars Tonfall drückte tiefes Unverständnis für die Zweifel seines Freundes aus.

Mattis stieß einen tiefen Seufzer aus, ohne zu antworten.

„Sag schon!“, drängte Ansgar. „Deine Mama braucht doch jemanden, der sie auch mal zum Lachen bringt, das hast du selbst gesagt, und das kann Silvester. Wir lachen dauernd mit ihm.“

Mattis war noch immer nicht überzeugt. „Aber wir sind Kinder, wir lachen gern“, erwiderte er zweifelnd. „Meine Mama bringst du aber nicht so leicht zum Lachen, seit mein Papa weg ist. Früher war das anders, aber seitdem …“ Er verstummte.

Ansgar legte ihm mitfühlend einen Arm um die Schulter, nur ganz kurz. Mattis‘ Mama hatte sich von ihrem ständig untreuen Ehemann zu der Zeit getrennt, als Ansgar mit seinen Eltern nach München gezogen war, Ansgar hatte das Drama also aus nächster Nähe mitbekommen, denn Mattis hatte ihm oft das Herz ausgeschüttet. Es war wohl auch diese Krise – und ihre Bewältigung – gewesen, die die Freundschaft der beiden Jungen so stark gefestigt hatte.

„Er ist NETT!“, wiederholte Ansgar. „Ich weiß jedenfalls keinen Besseren. Du etwa?“

Mattis schüttelte stumm den Kopf.

„Also! Und du magst ihn gern, das zählt ja auch. Stell dir vor, eines Tages kommt deine Mama mit einem neuen Freund an, den du nicht leiden kannst. Wie wäre das? Ziemlich schlimm, oder? Da ist es doch besser, du suchst einen Mann aus, den du kennst und von dem du weißt, dass er gut für euch beide wäre.“

„Aber das weiß ich ja eben nicht“, wandte Mattis ein. „Für mich wäre Silvester gut, aber wie soll ich wissen, ob er auch gut für meine Mama wäre? Findest du nicht, dass sie das besser selbst entscheiden sollte?“

„Das tut sie doch sowieso. Wenn sie Silvester nicht leiden kann, wird nichts aus der Sache. Aber sie kann ihn garantiert leiden. Außerdem: Sie hat sich schon mal geirrt, schon vergessen? Die Sache mit deinem Papa ist schiefgegangen, da hat sie sich den Falschen ausgesucht. Jedenfalls war er für sie der Falsche, für dich ja nicht unbedingt.“

„Das stimmt“, gab Mattis zu.

„Also wäre es für sie nur gut, wenn ihr dieses Mal jemand beim Aussuchen hilft. Und wir sind zwei, zwei sehen mehr als einer. Wir sind auch nicht blöd, und wir wollen für deine Mama nur das Beste. Klar können wir uns trotzdem irren, aber einen Versuch ist es wert. Silvester ist ein toller Typ!“

Mattis fiel kein Gegenargument mehr ein. Über seinen Vater sprach er nicht gern. Der war nämlich, freilich anders als Silvester, auch ein toller Typ: immer gut gelaunt, immer lustig, dazu gutaussehend und charmant, so dass ihn alle Leute gernhatten. Vor allem die Frauen. Mattis hatte lange gebraucht, um zu verstehen, dass diese einnehmenden Eigenschaften seines Vaters eine Kehrseite hatten, die der Ehe seiner Eltern letztlich zum Verhängnis geworden war: Frederik Bürger hatte den Frauen nicht widerstehen können, er war leichtsinnig mit seinem Geld umgegangen und wenn er als Vater und Ehemann hätte zur Stelle sein müssen, war er es nicht gewesen. Traurig, aber wahr. Zuerst hatte er das nicht sehen wollen, aber seine Mama hatte ihm die Sache so lange erklärt, bis er sie verstanden hatte. Dabei hatte sie Mattis‘ Vater nicht schlechtgemacht, so war sie nicht, aber ihm war doch deutlich geworden, dass sie einiges hatte ausstehen müssen mit ihrem so charmanten und allseits beliebten Ehemann.

Zum Beispiel war er wieder einmal nicht auffindbar gewesen, als der kleine Mattis plötzlich lebensgefährlich hohes Fieber bekommen und ärztliche Behandlung gebraucht hatte. Daran erinnerte sich Mattis natürlich nicht mehr, er war erst zwei Jahre alt gewesen, aber die Geschichte, wie seine Mama schließlich einen Rettungswagen gerufen hatte, weil sie ihren Mann nicht erreichen konnte, der mit dem Auto unterwegs gewesen war, und sie irgendwann nicht mehr aus noch ein gewusst hatte, kannte er in- und auswendig. Und auch die andere, als seine Mama von einem Motoradfahrer angefahren worden war und immer wieder von der Kayser-Klinik aus versucht hatte, ihren Mann zu erreichen, damit er den fünfjährigen Mattis aus der Kita abholte … Es gab noch etliche solcher Geschichten. Immer war es offenbar um Frauengeschichten gegangen, die seinen Papa daran gehindert hatten, zur Stelle zu sein, wenn er gebraucht wurde. Sofern Mattis sich selbst an solche Situationen erinnerte, dachte er nicht mehr gern daran.

Er mochte seinen Papa trotzdem noch, schließlich war er sein Papa, aber er sah ihn nun mit anderen Augen, und sie waren sich natürlich nicht mehr so nahe wie vorher, weil sie keinen gemeinsamen Alltag mehr hatten. Seine Mama liebte er sehr, und er wollte, dass sie wieder glücklich war. Dass sie lachte und endlich wieder so hübsch und strahlend aussah wie auf den Fotos, als sie und sein Papa frisch verliebt gewesen waren.

Sicher, sie war schon ziemlich alt, schon zweiunddreißig, aber wenn sie nicht gerade müde war oder viel geweint hatte, sah sie immer noch sehr hübsch aus. Er merkte ja, wie manche Männer ihr nachsahen auf der Straße, obwohl sie schon so alt war. Also nahm er an, dass sie durchaus noch Chancen hatte, einen neuen Mann zu finden.

All das hatte er wieder und wieder mit Ansgar besprochen, und nun hatte Ansgar also die Idee mit Silvester gehabt. Mattis war dankbar für das Engagement seines Freundes, aber noch immer nicht überzeugt von dessen Idee.

„Es kann doch nichts passieren“, führte Ansgar weiter aus. „Wenn sie Silvester nicht will, suchen wir einen neuen Mann für sie aus.“

„Ich glaube, ich fände es immer noch besser, wenn sie sich selbst einen aussuchen würde.“

Ansgar blieb stehen, beide Arme in die Seiten gestemmt. „Aber das ist doch gerade das Problem!“, rief er. „Sie sucht sich keinen aus, das sagst du doch selbst. Sie will von Männern nichts mehr wissen, und das heißt, sie braucht Hilfe.“

Er hatte völlig Recht, Mattis wusste das. Schließlich suchten Ansgar und er schon länger nach einer Lösung. Ja, seine Mama brauchte Hilfe. Er hörte sie oft abends im Bett weinen, wenn sie dachte, dass er schon schlief. Sie war dünner geworden, hatte oft dunkle Ringe unter den Augen, und es war schon lange her, dass er sie das letzte Mal von Herzen hatte lachen hören. Ihre schönen blauen Augen strahlten nur noch selten, meistens blickten sie traurig.

Sicher, sie rang sich ein Lächeln ab, wenn er etwas Lustiges aus der Schule erzählte, aber dieses Lächeln verschwand schnell wieder. Sie gab sich seinetwegen große Mühe, sich nicht allzu viel von ihrem Kummer anmerken zu lassen, das wusste Mattis, aber er wollte, dass sie glücklich war, ganz einfach, und nicht, dass sie ihm etwas vorspielte.

„Und wie soll das gehen?“, fragte er, nachdem er noch einmal gründlich nachgedacht hatte. „Sie kennt Silvester überhaupt nicht, und ich kann doch nicht zu ihr sagen, sie soll ihn mal ansprechen.“ Ihm fiel ein weiteres Hindernis ein. „Außerdem sucht Silvester gar keine Frau. Ich habe neulich gehört, wie jemand ihn gefragt hat, wie ihm das Leben als Single gefällt, da hat er gesagt, bestens. Erinnerst du dich?“

„Ja, aber das hat er vielleicht nicht ernstgemeint. Wir können ihn fragen“, schlug Ansgar vor. „Nicht so direkt, natürlich. Aber wir können versuchen, herauszufinden, ob er etwas gegen eine Freundin hätte.“

„Gegen eine Freundin mit Kind“, sagte Mattis düster. „Das wollen die meisten Männer nicht. Die wollen eigene Kinder, keine von anderen.“

„Silvester ist nicht wie die meisten, und er mag uns. Gegen dich hätte er bestimmt nichts. Und die meisten Leute sind vielleicht eine Zeitlang ganz gern allein, aber nicht auf Dauer. Irgendwann sucht er sich bestimmt eine neue Freundin.“ Ansgar dachte nach. „Die letzte, diese Cordelia, war ja auch echt grässlich, da hat er sich genauso geirrt wie deine Mama. Vielleicht braucht er also auch Hilfe bei der Suche.“

Mattis teilte diese Einschätzung von Silvesters letzter Freundin: Die war laut und aufdringlich gewesen, sie waren mit ihr nicht warm geworden. Die Beziehung hatte dann auch nicht lange gehalten, zum Glück. Seitdem kamen sie wieder viel lieber in Silvesters Laden, obwohl Cordelia gar nicht mal so häufig dort gewesen war.

Er atmete tief durch. Überzeugt war er noch immer nicht, aber er hatte auch keine bessere Idee, und gegen Silvester war nichts einzuwenden, das stand mal fest. Er kannte jedenfalls keinen Mann, der ihm lieber gewesen wäre als möglicher neuer Mann im Leben seiner Mama – und damit natürlich auch in seinem eigenen.

„Also gut, wir versuchen es“, sagte er. „Wir finden erst einmal heraus, ob Silvester sich überhaupt eine neue Freundin vorstellen kann. Und dann sehen wir weiter.“

Ansgar fing sofort an, einen Plan zu entwickeln, wie sie Silvester alle erforderlichen Informationen entlocken könnten. „Denn eins steht fest“, sagte er, „wir müssen geschickt vorgehen, damit er nicht gleich merkt, worum es geht.“

Mattis nickte, behielt seine weiterhin bestehenden Zweifel aber jetzt für sich. Er war Ansgar dankbar für die Energie, mit der er nach einer Lösung für das Problem seines besten Freundes suchte. Irgendwo mussten sie ja anfangen, wenn sie Erfolg haben wollten.

Und wenn er sich etwas wünschte, dann war es das: Erfolg bei der Suche nach einem Mann für seine Mama, damit sie endlich wieder Freude am Leben hatte.

*

„Sie sind zu dünn, Frau Bürger“, sagte Leon Laurin, nachdem er seine junge Patientin gründlich untersucht hatte. Sie kam seit Jahren in seine gynäkologische Sprechstunde, die er immer noch hielt, obwohl er längst Chef der Kayser-Klinik war. So wie er auch immer noch Operationen durchführte, weil die Chirurgie sein zweites medizinisches Fachgebiet war. Ihm gefiel es, so unterschiedliche Aufgabengebiete zu haben, und auf keinen Fall wollte er sich ausschließlich auf seine Arbeit als Klinikchef konzentrieren. Er war schließlich Arzt geworden, weil ihm seine Patientinnen und Patienten wichtig waren. Er brauchte den Austausch mit ihnen, und noch immer war er begierig darauf, sich auch medizinisch weiterzubilden, weshalb er regelmäßig auf allen Stationen arbeitete, um zu wissen, wo es Probleme gab, um die er sich als Klinikchef kümmern musste.

Am häufigsten arbeitete er in der Notaufnahme, allerdings übernahm er seit einiger Zeit seltener Nachtdienste dort. Einmal war er bislang einem Zusammenbruch nahe gewesen, diesen Warnschuss hatte er gehört und ernstgenommen. Seitdem achtete er sorgfältig darauf, sich nicht zu überfordern.

Fanny Bürger, seine Patientin, nickte. „Ich weiß, Herr Doktor“, erwiderte sie mit leiser Stimme. „Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich nehme einfach ab, ohne Grund.“

„Sicher nicht“, erwiderte Leon ruhig. „Ohne Grund nimmt niemand so viel ab. Sie wiegen sieben Kilos weniger als bei der letzten Untersuchung. Wenn Sie weiter abnehmen, sind Sie untergewichtig, Sie waren schließlich auch vorher schon schlank. Jetzt sind Sie dünn.“

Sie sah ihn an, aufrichtig erschrocken. „Sieben Kilos?“, fragte sie. „Ich wiege mich selbst nie, deshalb habe ich das gar nicht so mitbekommen. Allerdings … es stimmt schon, mir sind alle Sachen zu weit geworden. Ich habe mir länger nichts Neues mehr gekauft, aber wahrscheinlich hat sich auch meine Kleidergröße geändert.“

„Nicht wahrscheinlich, sondern mit Sicherheit“, erwiderte er.

Kurz hatte er überlegt, ob sie an Magersucht litt, aber danach hörten sich ihre Worte nicht an. Außerdem wusste er von ihrer schmerzlichen Scheidung, und natürlich war ihm klar, dass sie die Trennung von ihrem Mann auch nach zwei Jahren noch nicht überwunden hatte. Dabei war ihr schon mindestens zwei Jahre vorher klar gewesen, dass dieser Schritt unausweichlich sein würde. Aber sie hatte sehr lange gebracht, um sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Mehrmals hatte sie weinend in seiner Sprechstunde gesessen, und immer wieder hatte er ihr das Gleiche gesagt: ‚Sie müssen sich von Ihrem Mann trennen, mit ihm werden Sie niemals glücklich.‘ Sie hatte das auch so gesehen, aber dennoch nicht entsprechend handeln können, bis der Leidensdruck so groß geworden war, dass sie hatte handeln müssen.

„Was soll ich denn machen, Herr Dr. Laurin?“, fragte sie jetzt. „Ich habe oft einfach keinen Appetit, und nichts schmeckt mir mehr so richtig. Meistens muss ich mich zum Essen zwingen, eine Freude ist es schon lange nicht mehr.“