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Eine Liebe so dunkel und verführerisch wie der Ozean Ich weiche nicht zurück, als seine Lippen meinen Handrücken berühren, und die Welle der Ruhe strömt durch meine Hand, warm und angenehm. Er sieht zu mir auf und in seinen grünen Augen tanzen goldene Feuerfunken. »Verzeih mir, ich habe nicht nach deinem Namen gefragt.« Eine stürmische Nacht im Westlichen Meer, eine dramatische Seeschlacht: Bei einem überwältigenden Angriff wird Asters geliebter Bruder Owen von einem Nightweaver ermordet. Die Nightweaver sind ursprünglich heilige Wesen aus einem höheren Reich und mit ungezähmter Macht über die Elemente verflucht. Seit sie vor sechshundert Jahren die Kontinente für sich beanspruchten, haben sie das Meer immer in Frieden gelassen, sodass die hohe See als sicherer Zufluchtsort für die Menschheit geblieben ist – auch für die siebzehnjährige Aster und ihre Familie. In dieser Nacht verliert Aster nicht nur ihr Zuhause und ihren Bruder, sondern muss auch erkennen, dass es Monster gibt, die schlimmer sind als Nightweaver, schlimmer als ihre schrecklichsten Albträume. Sie verschlingen Menschen und stehlen ihre Seelen. Die Familie wird gefangengenommen, doch statt sie ihrem Schicksal als Sklaven zu überlassen, verspricht ein gut aussehender Nightweaver namens Will ihnen Schutz und Arbeit auf seinem prunkvollen Anwesen. Aster hat geschworen, dass sie alles tun wird, um den Tod ihres Bruders zu rächen, auch wenn sie sich dazu vielleicht mit ihrem größten Feind verbünden muss. Aber kann sie dem mysteriösen Nightweaver Will wirklich vertrauen? Düster, gefährlich, spannungsgeladen und mit dem gewissen Knistern – Perfekter Romantic-Fantasy-Lesestoff mit den Tropes forbidden love, enemies to lovers, forced proximity, morally grey heroes Alle Bände der Nightweaver Saga: Band 1: Nightweaver Band 2: Starchaser Band 3: Cursebreaker (erscheint im Herbst 2026) Die Bände sind nicht unabhängig voneinander lesbar.
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Eine Liebe so dunkel und verführerisch wie der Ozean
Bei einem Angriff auf stürmischer See wird Asters geliebter Bruder von einem Nightweaver ermordet. Die Nightweaver sind magische Wesen mit entsetzlichen Fähigkeiten, die vor Jahrhunderten das Festland überfielen. Nur das offene Meer war für die Menschen noch sicher – bis zu dieser verhängnisvollen Nacht. Aster und ihre Familie werden gefangen genommen, doch statt sie einem Schicksal als Sklaven zu überlassen, bietet ein mysteriöser Nightweaver namens Will ihnen Schutz. Aster schwört, ihren Bruder zu rächen, auch wenn sie sich dazu mit ihrem größten Feind verbünden muss. Aber kann sie Will wirklich vertrauen?
Düster, gefährlich, spannungsgeladen und mit dem gewissen Knistern – ein Fantasy-Romance-Reihenauftakt vom Feinsten
R. M. Gray
Band 1
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Doris Attwood
Für Mom und Dad, die immer an mich glauben.
Und für meinen Mann Harry, der mit mir träumt.
Nightweaver, Teil 1 der Nightweaver Saga, ist ein atemberaubendes Fantasyabenteuer, das in einer gefährlichen Welt voll dunkler Magie spielt. Es zeigt dabei Elemente von Krieg und Gewalt, Gefangenschaft, posttraumatischer Belastung, Kindesentführung, Manipulation, lebensbedrohlichen Situationen, Machtmissbrauch sowie Verlust, Tod und Trauer. Leserinnen und Leser, die solchen Inhalten gegenüber empfindlich sind, mögen dies bitte zur Kenntnis nehmen.
Ich bin nicht schnell genug.
Als der Alarm ertönt und vor dem Angriff warnt, ist Owen bereits bewaffnet und stürmt die Kajütenleiter unseres Familienschiffs hinauf.
»Keine Sorge, kleine Maus.« Mein Bruder blickt mit einem ironischen Grinsen auf dem Gesicht über seine Schulter zu mir zurück, während er sich eine Spielkarte, den Kreuzbuben – seine Glückskarte, wie er sie nennt – in den Ärmel steckt und ihm das dunkelblonde Haar in seine kastanienbraunen Augen fällt. »Ich bin mir sicher, es gibt gleich trotzdem noch was für dich zu tun.«
Ich stöhne, stecke Dolche und Pistolen in sämtliche an meinen Körper geschnallte Scheiden und Holster.
»Gieriger Pirat!«, rufe ich ihm hinterher und ein Lächeln zuckt um meine Mundwinkel. Owen, der Älteste von uns sieben Geschwistern, sichert sich stets den Ruhm des ersten niedergestreckten Gegners in einer Schlacht – und die beste Beute. Aber ich beschwere mich nie, genauso wenig wie meine Brüder und Schwestern, weil es niemanden gibt, dem ich mehr vertrauen würde zu beschützen, wofür unsere Eltern so hart gekämpft haben: ein Zuhause an Bord des besten Schiffs, das sich ein Pirat nur wünschen könnte, mit uns neun als Crew, während wir völlig frei über das Westmeer segeln, sicher vor den Ungeheuern an Land.
Mit einer schnellen Bestandsaufnahme, bei der ich jeden Waffengriff noch einmal berühre, vergewissere ich mich, dass ich alles habe: ein Messer in jedem Stiefel, einen Dolch an jeder Hüfte, vier Pistolen auf dem Rücken … Zufrieden mit meinem kleinen Arsenal schnappe ich mir meinen Säbel und eile Owen hinterher.
Noch bevor ich das Kopfende der Leiter erreiche, erstickt dicker schwarzer Rauch die Morgenluft. Ich trete auf das Hauptdeck der Lightbringer hinaus und erwarte ein Blutbad – aber es ist noch schlimmer.
Viel schlimmer.
Ich rutsche aus, knalle mit dem Rücken aufs Deck und sämtliche Luft entweicht aus meiner Lunge. Kanonendonner vibriert in meiner Brust und ich höre das Krachen von zersplitterndem Holz. Ich versuche, die Orientierung wiederzuerlangen, aber irgendetwas Warmes und Klebriges tränkt meine Kleidung. Es tropft von meinem zerzausten Haar, erfüllt meine Sinne mit dem metallischen Beißen von Kupfer. Zu meiner Linken bildet sich eine purpurne Lache, darüber erkenne ich eine kopflose Leiche.
Doch ich muss das Gesicht nicht sehen, um zu wissen, wessen Blut mich von Kopf bis Fuß durchnässt.
Mary Cross. Wir haben sie erst letzte Woche zu uns an Bord genommen, nachdem das Schiff ihrer Familie von einem feindlichen Piratenclan angegriffen worden war. Sie haben ihre Familie getötet und Mary allein in der Düstersee zurückgelassen, einem finsteren, von Seeungeheuern und halsabschneiderischen Piraten bevölkerten Teil des Ozeans. Wie es scheint, ist sie der einen Schlacht entkommen, nur damit sie nicht mal eine Woche später in einer anderen dasselbe Schicksal ereilt wie den Rest ihrer Familie.
»Hoch mit dir!« Owen zieht mich auf die Beine. Er brüllt irgendetwas, aber über den Lärm des scheppernden Metalls hinweg kann ich es nicht hören.
Ich kenne nur ein Schiff, das in der Lage wäre, solch verheerendes Chaos anzurichten. In meinen zwei Monaten als Gefangene an Bord der Deathwail musste ich mit anhören, wie sie unzählige Schiffe überfielen und mitten in der Nacht Pirateneltern ihre Kinder stahlen. Ein Jahr ist seit meiner Rettung vergangen, aber ich kann das Brennen des Seils, das diese blutrünstigen Schurken um meinen Hals geschlungen haben, noch heute spüren. Ich kann mich noch gut an das Wort erinnern, das sie benutzten, um ihre Angst vor einer ausgezehrten, unbewaffneten Sechzehnjährigen zu rechtfertigen.
Verflucht.
»Wer …«
Noch während das Wort meine Lippen verlässt, erhellt eine Flammenexplosion die hoch aufragenden schwarzen Segel des Schiffs an unserer Steuerbordseite und ich habe meine Antwort. Dies ist nicht das Werk der Deathwail. Nicht das Werk eines rivalisierenden Clans. Eine schwarze Flagge, mit der scharlachroten Sonne von Eerie bestickt, bauscht sich im Wind auf.
Nightweaver.
Ich blicke zu Owen zurück, in der Hoffnung, eine kleine Aufmunterung in seinem Gesicht zu erkennen – in seinen freundlichen kastanienbraunen Augen, die denen meines Vaters so ähnlich sind, oder in seinem frechen, sorglosen Grinsen, dem perfekten Abbild des Lächelns meiner Mutter –, doch ich finde darauf nur einen Ausdruck von Furcht, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Nicht bei ihm.
Er packt mich an den Schultern, schüttelt mich beschwörend. »Was immer du auch tust, lass nicht zu, dass sie dich kriegen.« Und dann ist er verschwunden, eine weitere gesichtslose Gestalt in der Dunkelheit.
Ich schließe die Faust enger um den Griff meines Säbels. Ich lasse nicht zu, dass sie mich kriegen.
Aber ich habe keine Angst um mich selbst. Dies ist nicht meine erste Schlacht. Ich habe schon oft Blut und Asche geschmeckt. Meinen Dolch in das Herz eines Feindes gestoßen. Einem Leben mit einer Pistolenkugel ein Ende bereitet. Elsie – die süße, unschuldige Elsie – musste noch nie den Stich eines Messers erleiden. Seit acht Jahren tun Mutter und Vater alles, um meine kleine Schwester vor den Schrecken des Lebens, das meine Geschwister und ich führen, zu bewahren. Sie wurde noch niemals Zeugin von einem Massaker wie diesem.
Heute wird das nicht anders sein.
Ich mache auf dem Absatz kehrt, und anstatt mich kopfüber ins Kampfgetümmel zu stürzen, beschließe ich, unter Deck anzufangen. Doch als ich mich umdrehe, versperren mir zwei Gestalten den einzigen Zugang zur Kajüte.
»Nicht so schnell, Piratin«, höre ich eine raue Stimme, als einer der Männer einen Schritt auf mich zugeht, seine eiserne Klinge zwischen uns erhoben. Menschen, wird mir bewusst, als ich ihre verhärteten Gesichter sehe. Aber warum sollten sich diese Menschen einer Crew von Nightweavern anschließen?
Es spielt keine Rolle. Niemand stellt sich zwischen meine Schwester und mich.
Ich fuchtle mit meinem Säbel herum. »Aus deinem Mund klingt Piratin wie eine Beleidigung.«
Der erste Mann geht auf mich los, doch ich weiche seinem Hieb mit Leichtigkeit aus. Ich wirble herum, lasse meine Klinge in einem geschmeidigen Bogen herabsausen und schlitze ihm die Brust weit auf. Er fällt auf die Knie und Blut spritzt auf sein Gesicht. Der Anblick weckt etwas in mir – etwas, das ich im Eifer des Gefechts schon einmal gespürt habe: eine Art Rauschen in meiner Brust, wie der Rhythmus der an einen Schiffsrumpf schwappenden Wellen. Bevor sich der zweite Mann in Stellung bringen kann, nutze ich meinen Schwung, um seine Kehle zu durchbohren. Ich ziehe die Klinge mit einem schmatzenden Geräusch wieder heraus und er fällt neben einem Kameraden aufs Deck.
Zu einfach.
Ich steige über ihre Leichen hinweg und mein Stiefel bleibt auf dem ersten blutigen Tritt der unter Deck führenden Leiter kleben. Dann höre ich sie.
»Aster!«, kreischt Elsie nach mir. Ich wirble auf dem Absatz herum, versuche, mich in dem Dunst aus Rauch um mich herum zu orientieren. Feuer züngelt am Hauptmast der Lightbringer empor – seit siebzehn Jahren mein einziges Zuhause. Der waghalsige Angriff unserer Feinde lässt keine Zweifel aufkommen: Die Nightweaver haben nicht vor, unsere mageren Vorräte zu plündern – wir sind die einzige Fracht, an der sie interessiert sind.
Zu meiner Rechten nehme ich eine Bewegung wahr und stoße zu, doch mein Schwert kollidiert scheppernd mit dem meiner Schwester Margaret. Es ist, als würde ich in einen Spiegel schauen. Sie ist zwei Jahre älter als ich, mit derselben wilden, ungebändigten Mähne, die in dunkelbraunen, vor Blut glänzenden Locken bis zu ihrer Taille herabfällt. Tränen schimmern in ihren saphirblauen Augen, als sie die Zähne zusammenbeißt und ihr Schwert sinken lässt.
»Sie haben Elsie«, brüllt sie über das Tosen des Feuers hinweg und ihre Stimme bricht. »Charlie hat versucht, sie zurückzuholen, aber …«
»Margaret!« Unser meist eher zurückgezogener Bruder Lewis taucht an ihrer Seite auf, sein halbes Gesicht blutüberströmt dank einer klaffenden Wunde am Kopf. Als schiffseigener Meisterspion gelingt es ihm stets, in der Schlacht einen kühlen Kopf zu bewahren. Er ist erst achtzehn, und auch wenn man ihm sein wahres Alter sonst nie ansieht, wirkt er in diesem Moment – atemlos keuchend und seine hellbraunen Augen weit aufgerissen – genauso jung, wie er ist. »Albert ist verletzt. Sein Bein …«
Eine weitere Explosion knallt und Holzsplitter fliegen an uns vorbei und schneiden mir das Gesicht und die Arme auf. Margaret scheint hin- und hergerissen, ob sie sich um Albert kümmern oder meine frischen Wunden versorgen soll. Albert ist erst elf. Er sollte überhaupt nichts mit dieser Schlacht zu tun haben.
»Geh!«, brülle ich durch den Schmerz.
Margaret zögert nur noch eine Sekunde, bevor sie und Lewis davoneilen und in einer grauen Rauchwolke verschwinden. Wieder allein, schnappe ich vorsichtig nach Luft und versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen und mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren.
»Aster!«, schreit Elsie, näher als zuvor, nun da ich mich der Steuerbordreling nähere.
Doch bevor ich eine Entscheidung über meinen nächsten Schritt treffen kann, taucht Owen aus dem Qualm auf. Einmal mehr ist er schneller, schnappt sich eins der Seile und macht einen Satz über die Lücke zwischen unserem Schiff und dem der Nightweaver. Ohne nachzudenken, folge ich ihm, passe jedoch auf, nicht auf das dunkle Wasser hinunterzublicken. Ich lande mit den Knien auf dem anderen Deck und bin innerhalb weniger Sekunden wieder auf den Beinen, mein Rücken an Owens gepresst.
»Verdammt«, knurrt er und ich bin überrascht, dass ich ihn über das Donnern der Kanone, die ein weiteres Loch in die Lightbringer reißt, überhaupt verstehe.
Er muss sie auch gehört haben – die kleine Elsie in den Fängen eines Nightweavers, wie sie um Hilfe schreit. Aber sie ist nirgends zu sehen. Und wir sind umzingelt.
Sechs Nightweaver umkreisen uns, zücken ihre Degen, dunkler als jedes Metall, das ich jemals gesehen habe. Das schwarze Eisen schillert in verschiedenen Violett-, Grün- und Blautönen. Die schwarzen Umhänge eignen sich nicht für ein Leben auf See und ihre entstellten Gesichter sind im Schatten ihrer Kapuzen verborgen. Doch ich habe genügend Geschichten gehört, um zu wissen, was ich nicht sehen kann: fahle Haut, scharfe Zähne und Augen, die zwischen ölig schwarzen Löchern und feurig roter Glut wechseln. Der Stoff, aus dem Ammenmärchen gemacht sind, die kleinen Kindern Angst machen sollen, damit sie brav bleiben. Nur, dass Mythen und Legenden einem nicht mit einem einzigen Biss die Haut von den Knochen reißen. Nightweaver schon.
Es gibt einen Grund, warum die Menschen vor sechshundert Jahren aufs Wasser flohen. Nach dem Großen Fall beanspruchten die Nightweaver das Land für sich und jagten unseresgleichen fast bis zur Ausrottung. Auf dem Meer sollten wir in Sicherheit sein. Sie sollten uns nicht hierherfolgen. Doch seit der Handel zwischen Hellion – einem Königreich im Westen, an der Küste von Dread – und den Gezähmten Landen im Osten floriert, werden immer mehr Nightweaver-Schiffe nahe der Grenze zur Düstersee gesichtet. Sie jagen uns wieder. Und diesmal können wir nirgendwohin flüchten.
Ich schlucke schwer, werfe rasch einen Blick auf unser Schiff zurück. Sind Mutter und Vater noch am Leben? Haben sie Elsies Schreie gehört?
Mein Puls hämmert in meiner Kehle. Hinter mir strafft Owen die Schultern. Wie oft standen wir schon Rücken an Rücken, haben dem Feind ins Auge geblickt und gelacht? Warum lacht er nicht?
»Es tut mir leid«, raunt er mir zu und streicht mit dem Ellenbogen über meinen. Ich weiß, was er wirklich meint. Wenn wir diesen Kampf verlieren – und das werden wir –, wird er nicht zulassen, dass ich den Nightweavern in die Hände falle.
Er wird mich töten, bevor sie die Chance dazu bekommen.
Wenn wir es mit einem feindlichen Clan zu tun hätten, würde sein Versprechen mir inneren Frieden schenken. Ein schneller Tod durch die Hand meines Bruders ist ein Akt der Güte. Aber bei dem Gedanken an Elsie rumort es sauer in meinem Magen. Wenn wir anderen in der Schlacht sterben, was wird dann aus ihr?
Mit meiner freien Hand greife ich nach dem Anhänger um meinen Hals und fahre mit dem Daumen über den auf die Bronzemünze geprägten Totenkopf mit den überkreuzten Dolchen. Ich habe sie dem Piraten gestohlen, der mich von der Deathwail gerettet hat, wenn auch nur, um zu beweisen, dass ich mir ihn nicht nur im Fieberwahn eingebildet habe. In manchen Nächten, wenn ich mal wieder schweißgebadet aus dem Schlaf hochschrecke, umklammere ich den Anhänger und erinnere mich selbst daran, dass dieser Albtraum vorbei ist. Doch jetzt, während ich mit den Fingern über das Symbol des Todes streiche, kehren die Worte in mein Gedächtnis zurück, die er zu mir sprach, als ich von einer Bewusstlosigkeit in die nächste glitt.
Jetzt ist nicht die Zeit zu sterben, Kleine, sagte er. Du musst leben, vergiss das nicht.
Sterben ist leicht. Um Elsie zu retten – um meine Familie zu retten –, muss ich leben. Denn wenn ich nicht mehr da bin, um sie vor dem grauenvollen Schicksal zu beschützen, in das die Nightweaver sie stürzen wollen, wer wird es dann tun?
»Was ist mit der Roten Insel?«, frage ich und knuffe Owen mit dem Ellenbogen in die Seite, während ich mit zu schmalen Schlitzen verengten Augen auf die Nightweaver starre, die ihren Kreis um uns immer enger zusammenziehen. »Du hast gesagt, wir würden sie zusammen finden.«
Owen lässt seinen Kopf kreisen und seufzt. »Ich dachte, du hättest es aufgegeben, nach ihr zu suchen.«
Ich verlagere mein Gewicht und gehe in Angriffsstellung. »Eigentlich müsstest du mich besser kennen.«
Viele Piraten erzählen Geschichten von der geheimnisvollen Roten Insel, einem sicheren Hafen für seefahrende Menschen, tief in den Weiten der Düstersee versteckt, in die sich nur ganz wenige wagen. Seit Jahren drängt Owen Mutter und Vater, nach der Roten Insel zu suchen. Doch sie weigern sich standhaft. Es ist nur eine Legende, tadeln sie ihn stets. Aber er glaubt das nicht. Genauso wenig wie ich.
Ich höre ein Lächeln in seiner Stimme, als er sagt: »Dann machen wir es zusammen.«
Owen stürzt sich auf unsere Gegner und auch ich verliere mich in dem altbekannten Tanz. Leichtfüßig verstricke ich zwei Nightweaver in einen Kampf, weiche ihren Hieben problemlos aus. Ihre schweren Umhänge verschaffen mir einen Vorteil. Die Nightweaver wirken träge, ihre Schritte unsicher, während die Wellen uns hin und her werfen.
Ich beiße die Zähne zusammen und das Klappern von Metall auf Metall vibriert in meinem Kiefer. Sie mögen vielleicht nicht daran gewöhnt sein, an Bord eines Schiffs zu kämpfen, aber gegen einen Nightweaver kann ich allein nicht viel ausrichten – von zweien ganz zu schweigen. Sie ermüden nicht so wie wir und ich muss jedes letzte bisschen Kraft in meinem Körper aufbringen, um mich ihnen Schlag für Schlag zu widersetzen.
»Aster!«, heult Elsie.
Eine Sekunde lang bin ich unaufmerksam, aber das ist alles, was nötig ist. Im selben Moment, in dem ich den Kopf zur Seite drehe, um in dem Dunst ringsum nach Elsie zu suchen, stürzt der Nightweaver, der mir am nächsten ist, auf mich zu und zielt mit seinem Degen auf mein Herz.
Ich bin nicht schnell genug.
Aber Owen schon.
Er wehrt meinen Angreifer ab und wirft sich mit solcher Wucht vor mich, dass ich rückwärtstaumle. Ich stolpere und lande auf einem Haufen regloser Körper. Owen hat vier Nightweaver außer Gefecht gesetzt und ich konnte noch nicht einmal gegen zwei von ihnen etwas ausrichten. Falls wir das hier überleben, wird er mich das niemals vergessen lassen.
Ich habe mich gerade erst wieder aufgerappelt, als ich in die Luft gerissen werde. Zwei mächtige Hände schließen sich um meine Kehle. Schwarze Punkte flirren vor meinen Augen und mein Säbel fällt klirrend auf das Deck. Mir entweicht ein ersticktes Jaulen, das ich nicht unterdrücken konnte.
Diesmal ist es Owen, der sich umdreht.
Seine Augen – seine freundlichen Augen – finden mich sofort. Sie weiten sich, während sich ein tiefroter Fleck auf seiner Brust ausbreitet.
Ein Nightweaver zieht seine Klinge heraus, triefend vor Blut. Owens Körper sackt zusammen und kippt nach vorne.
Ich will schreien, aber die Hände schließen sich noch enger um meine Kehle. Owens Gestalt verschwimmt hinter meinen Tränen, aber ich kann den Blick nicht von ihm abwenden. Mein ältester Bruder – mein bester Freund – ist tot. Und es ist allein meine Schuld.
Töte mich, flehe ich stumm, bete für meinen Tod. Doch noch während ich die Worte denke, krallt sich die Scham unbarmherzig in meine Brust. Nein. Elsie braucht mich. Meine Familie braucht mich. Ich muss weiterkämpfen. Ich muss leben.
Ich wehre mich verzweifelt, trete um mich, doch der Druck in meinem Kopf wird immer stärker, presst sich gegen meine Augen. Als die Welt bereits schwarz wird, werde ich plötzlich aufs Deck geschleudert. Ich grapsche nach Owens Ärmel, kralle die Finger in den rauen Leinenstoff, als könnte ich ihn wecken, als würde er nur tief und fest schlafen.
»Steh auf!«, brülle ich ihn an. »Wir machen es zusammen! Wir müssen es zusammen machen!«
»Lass ihn!«, bellt eine heisere Stimme.
Ich hebe den Blick und sehe, dass Mutter uns auf das Schiff der Nightweaver gefolgt ist. Sie steht über der Leiche meines Angreifers, ihr Gesicht rot vor Blut, ihre dunklen ungebändigten Locken fallen über den gelben Brokatmantel herab. Eine purpurne Fontäne sprüht aus der Kehle des Nightweavers und ergießt sich vor ihren Füßen, aber sie scheint es gar nicht zu bemerken. Ihr durchdringender Blick ist auf die beiden anderen Nightweaver gerichtet, die sich nun mit vorsichtigen Rückwärtsschritten von Owen und mir entfernen.
»Geh zurück auf die Lightbringer!«, befiehlt sie mir krächzend und die Tränen auf ihrem Gesicht malen verschwommene Linien auf ihre rot befleckten Wangen. »Such Vater – macht das Beiboot klar. Sofort!«
Ich weiß genau, dass ich gehorchen sollte, aber ich kann einfach nicht. Elsie ist immer noch auf diesem Schiff und ich werde nicht zulassen, dass das Blut von einem weiteren meiner Geschwister meine Hände befleckt. Nicht, solange ich noch Luft zum Atmen in der Lunge habe und genügend Kugeln, um auszuschalten, wer auch immer sich mir in den Weg stellt. Ich drücke Owen einen Kuss auf den Kopf, hebe seinen Arm an und ziehe das Lederarmband von seinem Handgelenk auf meins.
Ich zücke eine der Pistolen auf meinem Rücken, und während meine Mutter von den beiden Nightweavern abgelenkt ist, husche ich hastig zur Kajütenleiter. Als ich die erste Stufe erreiche, gerate ich ein wenig ins Wanken, mein Finger auf dem Abzug. Er ist genau in meiner Schusslinie – Owens Mörder –, aber ich erstarre. Der Nightweaver hat mir den Rücken zugekehrt, in ein Duell mit Mutter verstrickt – aber da ist noch etwas anderes.
Eine dunkle Schattenform fließt aus dem Körper des Nightweavers und nimmt eine eigene Gestalt an. Sie türmt sich über ihm auf, dreht sich zu mir um, mit scharlachroten Augen und Zähnen wie Dolchen. Sie stößt ein Kreischen aus, bei dem mir das Blut in den Adern gefriert, bevor sie an mir vorbeisaust und durch die Flügeltür des Kapitänsquartiers verschwindet.
Der Nightweaver bricht auf dem Boden zusammen, krümmt sich vor Mutters Füßen. Sein Kamerad taumelt voller Entsetzen rückwärts und in diesem Moment kommt er mir beinahe menschlich vor. Sie empfinden auch Angst. Gut zu wissen.
Mutter nutzt die Gelegenheit, seinen Kameraden niederzustrecken, und als auch er zu Boden fällt, rammt sie die Klinge in die Brust des anderen, um ihn aus seinem Elend zu erlösen. Ich fange ihren Blick ein und sie neigt das Kinn, als hätte sie ihren Befehl vergessen, ich sollte mich zurückziehen, oder als wäre es ihr egal.
»Ich suche Elsie«, sagt sie und ist mit ein paar Schritten bei mir. Sie legt eine Hand auf meine Schulter und das Chaos ringsum scheint langsamer zu werden, wenn auch nur für einen Moment, während ihr Blick auf Owens Leiche ruht. »Alles ist gut.«
Alles ist gut – die übliche Reaktion auf den Tod in der Schlacht. Die Worte sollen trösten, gleichzeitig neue Kräfte mobilisieren, aber sie haben sich noch nie so hohl angefühlt.
Mutter eilt unter Deck, vertraut darauf, dass ich ihr diesmal gehorche und aufs Schiff zurückkehre, aber ich rühre mich nicht. Ich starre auf die Flügeltür, meine Pistole in der Hand. Mutter und Vater haben uns von Anfang an beigebracht, sparsam mit unseren Kugeln umzugehen, aber aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dies könnte meine allerletzte Chance sein, sie zu benutzen. Was auch immer im Quartier des Kapitäns auf mich wartet, es wird sich nicht kampflos geschlagen geben.
Als ich die schwere Flügeltür erreiche, zögere ich jedoch. Die Lightbringer steht in Flammen. Sie wird noch vor Tagesanbruch untergehen und mein Zuhause wird bis in alle Ewigkeit unter den Wellen ruhen.
Ich habe nichts mehr zu verlieren.
Ich ziehe eine zweite Pistole aus dem Holster auf meinem Rücken und trete die Türen weit auf. Die ordentliche, elegante Kammer bietet Erholung von der Zerstörung dort draußen. Aber die Stille macht mich nervös. Diese Schattengestalt ist hier irgendwo, versteckt sich, wartet darauf, mich unvorbereitet zu erwischen.
Aber das werde ich nicht zulassen.
Holz knarrt unter meinen Füßen, als ich mit behutsamen Schritten durch die Flügeltür trete, auf die Privattoilette des Kapitäns zu. Irgendetwas rührt sich hinter mir und ich bilde mir ein, Atemgeräusche zu hören.
Owens wahrer Mörder ist auf der anderen Seite dieser Tür. Der Nightweaver, der meinen Bruder erstochen hat, war von dieser Schattengestalt besessen – das kann ich spüren. Sie wollte, dass ich es weiß. Sie wollte, dass ich ihr folge. Und wenn ich sterbe, während ich Owen räche, dann soll es eben so sein. Ich hätte ohnehin niemals geglaubt, dass ich so lange leben würde.
Ich verpasse der Tür einen Tritt, meine Pistolen erhoben, aber dahinter kauert keine mächtige Gestalt auf dem Boden. Ein kleines Mädchen schaut zu mir herauf, sein langes schwarzes Haar zu Ringellocken aufgedreht, seine grünen Augen glasig vor Tränen. Die Kleine kann nicht älter sein als Elsie. Was tut sie auf einem Nightweaver-Schiff?
Ich lasse meine Waffen sinken. »Ich werde dir nicht wehtun«, flüstere ich ihr zu. Doch bevor ich eine Hand ausstrecken kann, um ihr aufzuhelfen, verpasst man mir einen Schlag von hinten und meine Knie knicken ein. Ich kämpfe gegen die Bewusstlosigkeit an, aber es ist sinnlos.
Das Letzte, was ich sehe, ist der schwarze Umhang eines Nightweavers, als er sich über mich beugt und seine Kapuze abnimmt. Doch darunter versteckt sich nicht das Gesicht eines Ungeheuers.
Es ist das Gesicht eines jungen Mannes.
Ich knie neben Owen, der mit dem Gesicht in einer Pfütze seines eigenen Bluts liegt. Unter großer Anstrengung drehe ich ihn um und bete zu den Sternen, dass seine freundlichen Augen wieder zu mir heraufschauen werden. Aber seine leeren Augen sind nicht mehr freundlich. Schatten sickern aus zwei tiefschwarzen Höhlen, sein Mund ist zu einem unmenschlichen Grinsen verzerrt, das seine vertrauten Züge entstellt. Urplötzlich richtet er sich auf und schlingt die Hände um meinen Hals.
Ich schrecke augenblicklich hellwach aus dem Schlaf hoch, mein abgenutztes Hemd schweißgetränkt. Für einen flüchtigen Moment erwarte ich, Mutter zu sehen, die mich vor dem Grauen dieses Albtraums gerettet hat. Doch stattdessen fällt mein verschwommener Blick auf dünne Strahlen sanften Mondlichts. Das Meer wiegt mich sacht, ein tröstlicher Rhythmus, ebenso vertraut wie mein eigener Herzschlag. Meer – nicht Land. Aber das hier ist nicht die Lightbringer.
Schwere, scharlachrote Felle bedecken mich, halten die Kälte in Schach, doch als ich nach dem Anhänger um meinen Hals greifen will, schnüren sich raue Seile um meine Handgelenke zusammen. Durch den Dunst erhasche ich einen Blick auf den jungen Mann in dem Nightweaver-Umhang, der an meinem Bett sitzt und auf mich herabblickt. Zerzauste schwarze Locken umspielen seinen ernsten Kiefer und silbernes Licht sprenkelt seine blassen Hände, als er vorsichtig meine Schulter berührt. Eine Woge der Ruhe schwappt durch meinen Körper, drängt mich in den Schlaf zurück.
Ich schließe die Augen und sehe ihn wieder: Owen, von Nebel umhüllt. Nur, dass er diesmal vor mir steht, flankiert von einer Horde bedrohlich aufragender Schatten mit rasiermesserscharfen Zähnen, seine dunklen Augen wie tiefe Tintenfässer. Das flüssige Schwarz darin tropft auf seine Wangen, als würde er weinen.
Du hättest mich töten sollen, kreischt er mit einer Stimme, die ich nicht wiedererkenne, und wieder verzerrt dieses unmenschliche Grinsen sein Gesicht.
Es tut mir leid, will ich schreien, aber meine Lippen sind fest zusammengepresst und unterdrücken mein Schluchzen. Wie von meiner Verzweiflung angestachelt stürzen sich die Schatten auf seinen Körper, die Zähne gefletscht und mit rot glühenden Augen. Sie reißen ihm einen Arm aus und Blut spritzt. Dann ein Bein. Sein Schrei ist so weit von allem Menschlichen entfernt, dass ich einfach so tun könnte, als wäre es gar nicht Owen, der dort vor mir auf dem Deck verblutet. Doch als er um Gnade fleht, klingt er wieder wie er selbst – wie mein Bruder, mein bester Freund, der Junge, der seinen Feinden einst ins Gesicht gelacht hat. Ich will zu ihm, aber ich kann mich nicht bewegen. Kann noch nicht einmal den Blick abwenden.
Als seine Schreie über das widerliche Knacken seiner brechenden Knochen hinweg nicht mehr zu hören sind und der Wust aus Schatten ihn komplett in Dunkel hüllt, stürzen sie sich auf mich. Zähne bohren sich in meine linke Schulter und ich reiße die Lider weit auf.
Die Felle sind weg, mein Hemd trocken. Ich sitze an ein Fass gelehnt auf dem Hauptdeck, das Rasseln von Ketten brummt in meiner Brust. Ich blinzle den Schlaf weg und kneife die Augen gegen das Nachmittagslicht zusammen. Als Silhouetten vor dem sich grau verfärbenden Himmel, gesäumt von Nightweavern in schwarzen Umhängen, stehen die Gefangenen trotz ihrer Ketten aufrecht. Mein Puls hämmert, als ich sie zähle, ihre erschöpften, verwirrten Gesichter ein Spiegelbild meines eigenen. Mutter, Vater, Charlie, Margaret, Lewis … der Knoten in meiner Brust löst sich, als ich sie sehe: Elsie. Die hellblonden Strähnen, die sich aus ihren Zöpfen gelöst haben, kleben an ihren Wangen. Ihr Gesicht ist tränennass, aber ihr Kinn ist erhoben. Neben Elsie steht Albert an die Schulter unserer jüngsten Schwester gelehnt, sein rechtes Bein in einem seltsamen Winkel verbogen.
Ein Schmerz bohrt sich in meine Brust. Owens Abwesenheit ist spürbar, drückt meine Schultern nieder, droht mich zu zerquetschen. Er sollte hier sein. Er sollte noch am Leben sein.
Mir wird übel. Ein einzelnes Band aus geflochtenem Leder schließt sich um die Handgelenke all meiner Geschwister, ein vereinendes Kennzeichen. Doch meine Handgelenke sind nackt, abgesehen von den Fesseln, so fest, dass sie mir das Blut abschnüren. Owens Armband ist fort, genau wie mein eigenes.
Ich versuche, mit meinen tauben Fingern zu wackeln, als ich die versammelten Nightweaver anstarre. Welches von diesen Ungeheuern hat mir meine Armbänder weggenommen? Wer wird dafür mit seinem Leben bezahlen?
Die Nightweaverin, die Elsie am nächsten steht, zieht sich die Kapuze vom Kopf und messingblondes Haar ergießt sich über ihre Schultern. Sie brüllt etwas, das ich über das Heulen des Windes hinweg nicht hören kann, und der Nightweaver zu Margarets Linken legt den Kopf in den Nacken und lacht. Seine Kapuze rutscht herab und enthüllt einen roten Haarschopf. Sie sind keine Ungeheuer. Sie sind … ganz gewöhnliche Leute.
Ich gebe mir alle Mühe, irgendwelche eindeutigen Unterschiede zwischen den Nightweavern und uns Menschen zu entdecken, finde jedoch keine, abgesehen vom offensichtlichen Reichtum und höheren Status der Nightweaver an Bord des Schiffs. Selbst die edlen Verzierungen ihrer schwarzen Umhänge sind subtil, wenn auch unverkennbar: Zarte Gold- und Silberfäden sind das Einzige, was sie von denen der menschlichen Crewmitglieder unterscheiden. Und wie mir erst jetzt auffällt, sehen die Menschen im Vergleich zu den Nightweavern unnatürlich schmutzig aus, so als hätte man ihnen das Recht auf körperliche Hygiene verwehrt, um ihren untergeordneten Rang noch deutlicher hervorzuheben.
Neue Panik strömt durch meine Adern. Wie soll ich wissen, wann ich dem Feind gegenüberstehe, wenn mein Feind genauso aussieht wie ich?
Doch bevor ich einen weiteren zusammenhängenden Gedanken fassen kann, werde ich auf die Beine gerissen. Die Fesseln um meine Knöchel lassen mich stolpern, doch eine zweite Hand packt mich, als ich falle, und dann werde ich fortgezerrt.
»Beeilung«, brüllt die messingblonde Nightweaverin. »Die Anhörung beginnt gleich nach der Hinrichtung. Wenn wir Glück haben, kriegen wir zu Gesicht, wie sie diese Verräterin aufknüpfen, und können uns mit dem Rest dieses Packs hier was dazuverdienen.«
Meine Augen finden Mutter. Sie beobachtet mich, eine Warnung blitzt in ihren Saphiraugen auf. Ein Blick in ihr von Falten gezeichnetes Gesicht genügt und ich weiß, dass ich mich nicht wehren soll. Es gibt eine Zeit zum Kämpfen und es gibt eine Zeit zum Überleben, sagt sie immer. Die Zeit zum Kämpfen ist vorbei. So stolz meine Familie auch ist, wir sind unbewaffnet, in der Unterzahl und von Nightweavern umgeben … Und was uns an Geld und Klasse fehlt, machen wir durch gesunden Menschenverstand wieder wett. Wenn es für den Oberon-Clan je eine Zeit zum Überleben gegeben hat, dann jetzt.
Mein Blick wandert zu meinen Füßen hinunter, während ich zu dem blutüberströmten Deck geschleppt werde, auf das Owens lebloser Körper gefallen ist. Sein Schreien dröhnt erneut in meinem Schädel: Du hättest mich töten sollen. Ist es möglich, dass er trotz der Klinge, die sein Herz durchbohrt hat, noch lebt?
Nein, ich habe ihn gesehen. Er war tot. Außerdem spielt es jetzt ohnehin keine Rolle mehr. Sie haben seine Leiche mit all den anderen über Bord geworfen.
Ich starre mit zusammengekniffenen Augen auf die Stelle, an der er seinen letzten Atemzug getan hat, und sehe etwas Weißes, Papiernes, das zwischen den Holzbrettern klemmt, das winzige schwarze Symbol wie ein Rußfleck in einer der Ecken. Dort lugt sie aus den Dielen des Decks hervor – Owens Glückskarte, der Kreuzbube. Sie muss ihm während des Kampfes aus dem Ärmel gerutscht sein.
Ich beuge mich vor, um sie aufzuheben, doch bevor ich es tun kann, schwingt sich ein Rabe mit mitternachtsfarbenen Flügeln herab und schnappt sich Owens Glückskarte mit seinem Schnabel. Er neigt den Kopf zur Seite und durchbohrt mich mit einem Blick seiner schwarzen Augen, bevor er mit der Karte davonfliegt.
Mir bleibt keine Zeit, um verdutzt, traurig oder gar neugierig wegen des Rabens zu sein, als ich in die Reihe meiner Familie gestoßen werde, zwischen Charlie und Vater. Ich blicke über meine Schulter hinweg zu Vater, der zum Gruß kaum merklich den Kopf neigt – stets der ruhige, gefasste Seemann. Im Gegensatz zu Owen trägt Vater sein dunkelblondes Haar kurz geschoren, aber sein ungepflegter Bart ist voller geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Seine Augen sind blutunterlaufen, aber genauso warm und freundlich wie immer – ein kleiner Trost.
»Der Tod ist die einzige Niederlage«, flüstert Vater mir zu, so leise, dass ich beinahe glaube, ich hätte es mir nur eingebildet. Die Nightweaver sehen nicht, dass seine Lippen sich bewegen – ein Trick, den er mir schon unzählige Male beibringen wollte, den ich jedoch nie gemeistert habe.
»Und wir Oberons geben uns nie geschlagen«, zitiere ich zur Antwort, meine Stimme genauso leise. Die Fesseln graben sich so tief in meine Haut, dass es blutet. Das hier fühlt sich definitiv wie eine Niederlage an.
Trotzdem, ich muss daran glauben, nicht nur um meinetwillen, sondern für meine ganze Familie. Für die kleine, neugierige Elsie und den sanftmütigen Albert. Für die kluge Margaret und den mitfühlenden, aufmerksamen Charlie. Für Lewis mit seiner ausgefallenen Vorliebe für Unfug und Gefahr. Für Mutter und Vater, die uns alles gegeben haben und uns mehr lieben, als wir es verdienen. Für Owen.
Er wurde für immer niedergeschlagen.
Doch wir werden uns nicht geschlagen geben.
»Wo warst du?«, flüstert Charlie mir zu und schaut mich über seine Schulter hinweg an. »Bist du verletzt?«
»Mir geht’s gut«, antworte ich hastig und ignoriere den brennenden Schmerz an meinen Handgelenken. »Und ich weiß es nicht – in irgendeinem Zimmer, glaube ich?«
»Er hat dich zwei Wochen lang von uns ferngehalten, Aster.« Seine Stimme klingt eher wie ein Knurren. Charlie ist der Größte in unserer Familie – mit seinen eins zweiundneunzig aus strammen Muskeln mit dem dazu passenden Temperament ragt er wie ein Berg über den Nightweavern auf, die uns gefangen genommen haben. Sein dunkelbraunes Haar, an den Seiten abrasiert, ist an seinem Hinterkopf zu einem Knoten zusammengefasst, das Tattoo eines achtzackigen Sterns in seinem Nacken gut zu erkennen. »Albert ist total durch den Wind.«
Ich kneife die Augen gegen das dumpfe graue Licht zusammen und schaue an Charlie vorbei, um einen Blick auf unseren kleinen Bruder zu erhaschen. Albert hat vor ein paar Jahren angefangen, sein hellblondes Haar genauso zu tragen wie Charlie, und er lässt es nur um seine Schultern herabfallen, um Mutter zu erlauben, die Knoten herauszubürsten. Ich sehe, dass Albert unseren älteren Bruder ansieht und versucht, Charlies einschüchternde Haltung nachzuahmen, obwohl er neun Jahre jünger und nicht mal halb so groß ist wie er.
»Zwei Wochen?« Ich kann mich vage daran erinnern, dass ich zwischendurch kurz aufgewacht bin, aber … zwei Wochen? Wie kann ich zwei Wochen lang geschlafen haben? Und warum haben sie mich von meiner Familie getrennt? »Und wo wart ihr anderen?«
Charlie wartet, bis der rothaarige Junge an uns vorbeimarschiert ist, bevor er antwortet, seine Lippen zu einem Knurren verzogen. »Sie haben uns in den saubersten Knast gesteckt, den ich jemals gesehen hab. Bei Wasser und Brot.« Er zuckt mit einer Schulter. »Ich hab schon in schlimmeren Zellen gesessen.«
Das Schiff ächzt, als wir am Dock entlangschrammen. Ich habe schon öfter Land gesehen – Schmugglerhäfen entlang der Cutthroat Coast der Gezähmten Lande im Osten, geheime Handelsposten, an denen sich Piratenclans aus dem ganzen Westmeer die Beine vertreten und gestohlene Waren tauschen. Aber ich habe die Lightbringer noch nie verlassen. Das Wasser ist mein Zuhause, meine Zuflucht, mein Beschützer. Als wir nun nacheinander über den Landungssteg trotten, ist es, als würde der Ozean voller Wut gegen das Schiff der Nightweaver peitschen, um meine Freiheit zu fordern.
Ich blicke mich um, entschlossen, mir den Namen dieses Schiffs einzuprägen, damit ich seine Crew eines Tages aufspüren und sie dafür bezahlen lassen kann, was sie getan haben. Ich fixiere den Bug des Schiffs, auf dem in goldenen Lettern MERRYWAY zu lesen ist. Früher haben wir Schlachtschiffe mit Namen wie Stormraider und Soulcleaver versenkt. Jetzt brennt ein säuerlicher Geschmack in meiner Kehle bei dem Gedanken daran, dass die Lightbringer ihr Ende durch eine Brigg mit dem Namen Merryway finden musste. Doch der Name des Schiffs, auf dem meine Familie gefangen gehalten wird, ist die geringste meiner Sorgen.
Ich klammere mich an die Nähe des Wassers, so lange ich kann, genieße die letzten Momente seiner tröstlichen Umarmung. Ich werde diese salzige Luft vielleicht nie wieder schmecken, werde nie wieder den Nebel auf meiner Haut spüren oder das sanfte Wogen der Wellen, wie eine sichere, schaukelnde Wiege. Im selben Moment, als mein Stiefel im sumpfigen Ufermatsch versinkt, fleht alles in mir darum umzukehren. Doch ich werde einen weiteren wackligen Schritt vorwärts gezwungen, dann noch einen, bis sich die turmhohen Kiefern entlang der Küste in einer großen Lichtung öffnen und das Heulen der Wellen nur noch ein Flüstern ist.
Ich komme zurück. Ich schlucke den Kloß hinunter, der sich in meinem Hals bildet. Ich werde nicht zulassen, dass sie mich verschleppen.
Ich stolpere und wanke, als ich den Hals recke, um zu den Bäumen hinaufzublicken, jeder einzelne von ihnen höher als der Mast der Lightbringer. Der Boden ist fest unter meinen Füßen, das Matschen der sandig-nassen Erde ganz anders als das vertraute Knarren der Holzdielen. Halme aus feuchtgrünem Gras sprießen überall in wahllosen Büscheln, lebendig auf eine Weise, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Je weiter wir ins Landesinnere vordringen, desto erdrückend schwüler wird die Luft, der Geruch beinahe süß. Die veränderte Atmosphäre löst sofort das Gefühl in mir aus, ich hätte eine neue Welt betreten, einen eigenartigen Ort voller seltsamer Geräusche, fremdartiger Texturen und leuchtender Farben, die um meine Aufmerksamkeit buhlen, aufdringlich und überwältigend.
Ich denke an Owen, während wir durch die matschigen Straßen getrieben werden, versuche, meinen Geist zu fokussieren. Er hat mir oft von Nightweavern erzählt, die sich Menschen halten wie Haustiere. Sie sind genau wie wir, erklärte er mir dann, nur, dass die Nightweaver sie mit einem Zauber belegt haben. Ich kuschelte mich immer zwischen Lewis und Margaret und lauschte Owens und Charlies Geschichten aus einer Zeit, bevor es Nightweaver gab, als die Menschen über die Bekannte Welt regierten. Sie wurden wegen ihrer Habgier verflucht und aufs Meer hinaus gezwungen, erzählte Owen mir einmal. Die Menschheit gierte nach einer Macht, die sie nicht kontrollieren konnte, und seitdem müssen wir für ihre Fehler bezahlen.
Abgesehen von den schwarzen, durch den Matsch schleifenden Umhängen kann ich bei unseren Begleitern Menschen nicht von Nightweavern unterscheiden. Selbst die Kleider der niedersten Bettler mit ihren von Motten zerfressenen Mänteln und Kappen mit Fischgrätmuster sind besser als unsere grob gesponnenen Hemden und Hosen. Und da ich Freund nicht von Feind unterscheiden kann, beschließe ich, niemandem zu vertrauen – auch nicht anderen Menschen –, bis ich absolut überzeugt davon bin, dass sie keine Nightweaver sind.
Aber selbst dann bin ich mir nicht sicher, ob ich irgendeinem Menschen vertrauen kann.
Nicht alle Menschen sind aufs Meer geflohen, erklärte Vater uns einst. Und von denen, die es getan haben, sind nicht alle geblieben. Mir wurde erzählt, die Menschen an Land würden im Allgemeinen wie Vieh behandelt – nicht viel mehr als Nahrung für die Nightweaver, mit ihren scharfen Zähnen und ihrem gewaltigen Appetit auf Menschenfleisch. Doch ich wusste, dass auch Menschen unter den Nightweavern leben. Schließlich haben wir die von Menschen bewohnten Städte entlang der Cutthroat Coast von Eerie, dem westlichen Königreich der Gezähmten Lande, oft genug geplündert. Und wann immer unsere Vorräte zur Neige gingen, wurde Charlie nicht müde, uns an die fette Beute auf den Handelsschiffen der Nightweaver zu erinnern, die nur darauf warteten, geplündert zu werden – Schiffe, die von Menschenhand erbaut wurden, ihre Laderäume voll mit von Menschen geernteten oder hergestellten Erzeugnissen. Doch auch wenn die meisten Piraten, die sich an der Grenze zur Düstersee aufhielten, die Nightweaver direkt verfolgten, stellte Mutter stets klar, dass wir uns niemals auf einen Kampf mit ihnen einlassen würden. So überlebten wir: indem wir einsammelten, was diejenigen zurückließen, die taten, wozu wir nicht bereit waren. Jahrelang profitierten wir von den Menschen, die an Land lebten und arbeiteten, aber ich konnte mir nie so recht vorstellen, wie viele es wirklich waren.
Bis jetzt.
Männer und Frauen stehen in den Türen ihrer reetgedeckten Hütten und folgen unserer abgekämpften Karawane mit den Blicken, während wir uns auf den Platz im Herzen der Stadt zubewegen. Auf beiden Seiten säumen Händler die Straßen und bieten anderen durchreisenden Nightweavern ihre Waren an. Sofort fallen mir die Verzierungen an ihren Umhängen auf, ihre Vorliebe für Schmuck, die Art, wie sie sich gebärden, so als würde ihnen jeder Zentimeter dieser Straße gehören – und ich sehe ihre menschlichen Bediensteten, die dicht hinter ihnen folgen, in schlichte schwarz-weiße Uniformen gekleidet.
Diese Menschen stehen vielleicht nicht unter einem Zauber, aber sie sind auch nicht frei.
Als wir am Tisch eines weiteren Händlers vorbeikommen, der hauptsächlich wenig begehrte Relikte aus vergangenen Zeiten anbietet, fällt mir etwas ins Auge. Ein Schwert mit einer Inschrift auf der Klinge: DERWAHREKÖNIGSIEHT.
Ich blicke zu meinen Nightweaver-Aufpassern, die dem Händler und seinem Schwert keinerlei Beachtung schenken, und mein Herz galoppiert wie wild. Ich hätte angenommen, die Nightweaver würden alles verbrennen und vernichten lassen, das etwas mit dem Wahren König zu tun hat. Unter Piraten erzählt man sich, nachdem der Wahre König die Nightweaver erschaffen und erkannt hatte, wie böse sie waren, wandte er sich von ihnen ab und bezeichnete sie als abscheuliche Bestien. Doch als ich nun über meine Schulter blicke und sehe, dass einer der Nightweaver nach dem Schwert gegriffen hat und damit spielerisch vor seinen Freunden herumfuchtelt, weiß ich nicht mehr, was ich denken soll.
Seit Jahrhunderten klammern sich unseresgleichen an die Hoffnung, der Wahre König in seinem himmlischen Reich würde Gerechtigkeit üben und die Nightweaver ihrer verdienten Strafe zuführen, damit wir das Land zurückerobern können, das den Menschen einst gehörte. Doch wie es scheint, verehren die Nightweaver ihn genauso sehr, all dem religiösen Schmuck und Schnickschnack nach zu urteilen, die mit denselben Worten graviert sind wie das Schwert.
Der Wahre König sieht. An Bord der Lightbringer galten diese Worte als Erinnerung daran, Gutes zu tun, selbst wenn niemand zuschaute. Jetzt kann ich nicht umhin, mich zu fragen: Wenn der Wahre König unser Leid sieht, warum unternimmt er dann nichts?
»Ich warne dich, wenn er rausfindet, dass wir ein Kopfgeld für die Piraten, die er gefangen hat, eingestrichen haben, dann lässt er uns öffentlich ausweiden.« Ich spitze die Ohren, als ich höre, was der rothaarige Junge der messingblonden Nightweaverin zu meiner Linken zuflüstert. »Du hast selbst gesehen, was er mit Käpt’n Dane gemacht hat. All diese gebrochenen Knochen …« Er erschaudert. »Unglaublich, dass er erst achtzehn ist! Brutale Kraft, dieses Knochengebieten. Denen ist nicht zu trauen.«
»Es war sein gutes Recht nach dem, was der Käpt’n getan hat«, erwidert das Mädchen. »Er musste an Dane ein Exempel statuieren.«
Der Junge funkelt seine Kameradin über meinen Kopf hinweg an. »Und was glaubst du, was er mit uns anstellen wird?«
»Gar nichts.« Sie winkt beinahe herablassend ab. »Nicht, wenn wir ihn am Gewinn beteiligen.«
»Glaubst du wirklich, ihn interessiert ein Teil vom Gewinn?«
»Warum sollte er sie sonst am Leben lassen, wenn er nicht vorhat, sich einen schnellen Taler zu verdienen? Der Käpt’n ist tot und wir sind fürs Erste arbeitslos. Betrachte es einfach als unsere Abfindung.«
Vor mir spannt Charlie seine Muskeln an. Ein Knoten schnürt sich in meiner Kehle zusammen und macht mir das Atmen schwer. Vor meinen Augen verschwimmt alles, als wir an einem aus Holzlatten erbauten Laden vorbeikommen, dessen Außenwand mit verschiedenen Anschlägen tapeziert ist.
Proklamation 63: Der Hexerei für schuldig befundene Menschen werden zum Tod durch Erhängen verurteilt.
Schliesst euch dem Bund der Sieben an und seht die Welt. Kämpft für euren König und euer Land.
Gesucht: Malachi Shade. Ein Kopfgeld von zwölftausend Tenor wird der Person ausgezahlt, die diesen Verbrecher an die Offiziere des Königs ausliefert, tot oder lebendig.
Beim Anblick des letzten Plakats, auf dem die Zeichnung eines Gesichts mit einer grinsenden, skelettartigen Maske zu sehen ist, gerate ich ins Stolpern, was mir einen unsanften Schubs von dem rothaarigen Nightweaver beschert. Margaret muss das Plakat auch gesehen haben, denn sie schnappt leise nach Luft und blickt mich über ihre Schulter hinweg mit weit aufgerissenen Augen an. Der berüchtigte Kopfgeldjäger, Captain Shade, ist unter meinesgleichen eine Art lebende Legende. Er versorgt vom Verhungern bedrohte Clans mit Essen und rettet Kinder vor Kannibalencrews wie der der Deathwail. Niemand weiß, warum er die Maske trägt, und niemand weiß, was er dahinter versteckt.
Manche erzählen sich, er wurde von einem Magier verflucht und trägt die Maske, um sein grauenhaft entstelltes Gesicht zu verbergen. Andere glauben, seine Haut wäre schrecklich verbrannt oder vernarbt. Margaret ist der festen Überzeugung, er sähe geradezu niederschmetternd gut aus. Nur wenige standen ihm je von Angesicht zu Maske gegenüber.
Ich bin eine von ihnen.
Vor einem Jahr, kurz vor Sonnenaufgang, hat er mich von der Deathwail gerettet, mich auf das Schiff meiner Familie zurückgebracht und war wieder fort, bevor irgendjemand ihn sehen konnte. Er hat noch nicht einmal die übliche Entschädigung für eine derartige Tat verlangt. Er ist einfach … verschwunden. Alles, was ich habe, um zu beweisen, dass er jemals existiert hat, ist der bronzene Anhänger, unter meinem Flickenhemd verborgen, wo er direkt über meinem Herzen ruht.
Vielleicht kann ich ihm eines Tages dafür danken, dass er getan hat, wobei ich selbst versagt habe, sagte Owen in jener Nacht, als Margaret meine Wunden versorgte.
Eines Tages.
Mir krampft sich das Herz zusammen und ich wende den Blick von dem Plakat ab und richte ihn auf das, was vor mir liegt. Im hinteren Teil des großen Platzes wirft eine hoch aufragende hölzerne Konstruktion harte Schatten auf die wachsende Menge.
Mein Mund wird ganz trocken. Galgen.
Albert stößt einen Schrei aus, als wir am Straßenrand in zwei Reihen aufgeteilt werden, Männer und Frauen getrennt. Ich habe das Gefühl, jeden Moment durchzudrehen, aber wenn ich jetzt zusammenbreche, reiße ich vielleicht meine ganze Familie mit in den Abgrund. Ich werde nicht diejenige sein, die einen hysterischen Anfall bekommt. Noch nicht jedenfalls.
Ein gedämpftes Poltern vibriert in meiner Brust – ein gleichmäßiges, tiefes Brummen, das den Boden unter meinen Füßen zum Beben bringt. Eine Gestalt in Scharlachrot rempelt mich an, als die Menschenmenge an uns vorbeidrängt, schubst mich auf den rothaarigen Jungen. Mein Aufpasser zischt irgendetwas, aber ich höre ihn nicht. Mir klappt die Kinnlade herunter, als mir bewusst wird, was die Menschen dieser Stadt vor Angst in den Türen ihrer Häuser erschaudern lässt.
Vier mitternachtsfarbene Pferde lassen Matsch spritzen, während sie eine schwarze Kutsche ziehen, die Fenster von der scharlachroten Sonne von Eerie geziert. Königliche Offiziere, ihre schwarzen Uniformen mit verschiedenen Medaillen bestückt, marschieren hinter ihr her in Richtung des Hafens, die Straße hinunter, durch die wir hergekommen sind.
»Faszinierend …« Das Mädchen mit dem messingblonden Haar neigt den Kopf zur Seite und starrt mich an, als sei ich ein wildes Tier. »Die Piratin hat noch nie ein Pferd gesehen.«
Das stimmt nicht. Ich habe ein Bild gesehen, einmal, in einem von Elsies Büchern. Aber ich hätte mir niemals diesen üblen Geruch vorstellen können oder wie klein und machtlos die Nightweaver neben ihnen wirken. Ich verkneife mir eine scharfzüngige Erwiderung, als die Kutschte um die Kurve verschwindet und die Menge die Straßen flutet. Die Menschen scharen sich um die Plattform in der Mitte des Platzes, wo der ganz in Schwarz gewandete Henker eine Schlinge um den Hals eines Jungen legt.
Meine Kehle brennt, als ich mich wieder daran erinnere, wie eng sich die Schlinge um meinen eigenen Hals zusammenzog, kurz bevor Captain Shade das Seil durchschnitt. Ein Teil von mir ist dankbar dafür, dass ich nicht auf dieser Plattform stehe … auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob mir wirklich ein besseres Schicksal blüht als dem Jungen.
Eine Trompete ertönt und ein Mann in einer blauen Uniform betritt die hölzerne Plattform, eine Schriftrolle in der Hand. Die Menge drängt näher, während sich angespannte Stille ausbreitet. Der Mann macht den Mund auf, um die Anklage gegen den Gefangenen vorzulesen, doch er bekommt nicht mehr die Chance dazu. Ein Pfeil saust direkt durch seinen offenen Mund und durchbohrt seinen Hinterkopf. Er sinkt auf die Knie, während Blut von seinem Kinn tropft.
Dicker roter Rauch erfüllt den Platz. Die Menschen schreien, drängeln und schubsen und ich habe Mühe, meine gefesselten Füße fest genug in den Boden zu rammen, um nicht niedergetrampelt zu werden.
»Hexerei!«, brüllt irgendjemand.
»Banditen!«, schreit jemand anders.
In dem blinden Chaos schlingt sich ein Arm um meinen Bauch wie ein eisernes Band – und dann werde ich durch den Nebel gezerrt. Ich bohre einen Ellenbogen in die Rippen meines Angreifers, aber er drückt eine Pistole an meine Schläfe und hält mich von jedem weiteren Versuch ab, ihn außer Gefecht zu setzen.
»So ist’s brav, Kleines«, höre ich eine gedämpft raunende Stimme, wie ein tiefes Schnurren. Diese Stimme – so vertraut, als würde ich sie schon mein ganzes Leben lang kennen. »Benimm dich anständig, dann wirst du am Ende vielleicht sogar belohnt.«
Mein Angreifer zerrt mich die Holzstufen hinauf, auf die Plattform, sicheren Schrittes trotz des roten Nebels. Er steigt über die auf dem Boden liegende Leiche des Mannes mit dem Pfeil im Mund hinweg und bleibt direkt vor dem Kapuze tragenden Henker stehen. Mir rutscht das Herz in die Hose, als mir klar wird, warum dieser Mann mich gepackt hat: Er will mich als Schutzschild benutzen. Mistkerl!
Der Henker legt einen Hebel um, die Plattform klappt unter den Füßen des Jungen weg und das Seil spannt sich straff.
Mein Angreifer seufzt und steckt seine Pistole ins Holster. »Dann eben direkt zum großen Finale. Ich wette, das kommt bei der Damenwelt nicht besonders gut an.«
Der Henker greift nach seiner Axt, doch als er die Arme hebt, um sie herabsausen zu lassen, lässt mein Angreifer eine rot behandschuhte Hand nach vorne schnellen. Eine kleine Eisenkugel mit einem Metalldraht schießt aus seinem Ärmel und wickelt sich um den dicken Hals des Henkers. Die Axt landet krachend auf der Plattform, als der Henker auf die Knie fällt und ein grauenhaftes Gurgeln unter seiner Kapuze hervordringt. Als sein Körper schlaff auf die Holzbretter kippt, vollführt mein Angreifer eine schnelle Bewegung mit dem Handgelenk und der Draht mit der Eisenkugel schneidet sich durch Haut und Knochen, als er wieder zu seinem Besitzer zurückkehrt.
Der Kopf des Henkers kullert mir vor die Füße.
Mein Angreifer zückt sein Schwert – dasselbe dunkle, schillernde Metall wie das der Waffen der Nightweaver an Bord des Schiffs – und durchtrennt das Seil. Der Junge plumpst auf den Boden, heftig hustend und nach Luft japsend.
»Das wird auch Zeit!«, ruft der Junge wütend und reibt sich den Hals. Er scheint ungefähr in meinem Alter zu sein, aber es ist schwer zu sagen, so geschwollen und blass wie sein schmerzverzerrtes Gesicht ist. »Ich dachte schon, du tauchst gar nicht mehr auf.«
»Na, na, na«, trällert mein Angreifer und sein warmer Atem streicht über meinen Kopf, »begrüßt man so seinen Käpt’n?«
Der Junge antwortet mit einer obszönen Geste, bevor er im roten Nebel verschwindet.
»Ich betrachte das als Dankeschön.« Das leise Lachen meines Angreifers klingt beinahe melodisch, als er mich zu sich herumwirbelt. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich in eine rote Skelettmaske blicke, die mich mit einem zahnreichen, spöttischen Grinsen ansieht. Sein scharlachroter Dreispitz, mit mehreren Phönixfedern geschmückt, wirft einen Schatten auf seine schwarz umrandeten Augen.
Captain Shade.
Ich blinzle, zu verdutzt, um zu sprechen. Der salzige Geruch des Ozeans hängt in seinem scharlachroten Kurzumhang, den er über seinem eleganten roten Frack trägt. Hinter der Maske glitzern seine Augen wie das Sonnenlicht auf dem offenen Meer.
»Du kleine Diebin!« Mit seiner rot behandschuhten Hand schnappt er sich die Kette um meinen Hals und zieht den Anhänger unter meinem Hemd hervor. »Hat man euch Piraten nicht beigebracht, dass man sich nicht nimmt, was einem nicht gehört?«
»Hören Sie sich selbst überhaupt zu?« Ich versuche, mich aus dem Griff des Piraten loszureißen, aber er ist zu stark.
»Nach all dieser Zeit …« Er schnalzt mit der Zunge, reißt den Anhänger von meinem Hals und steckt ihn in seine Brusttasche. »Die Sterne haben eindeutig Sinn für Humor.«
»Lassen Sie mich gehen!«, knurre ich. Wenn meine Hände und Füße nicht von Ketten gefesselt wären, hätte ich mich längst aus seinem Griff befreit, aber zum ersten Mal, seit ich als Gefangene an Bord der Deathwail war, bin ich vollkommen wehrlos.
»Dich gehen lassen?« Captain Shades blaue Augen suchen die meinen, hämisch funkelnd. »Warum sollte ich das tun, wo ich dich doch gerade erst gefunden habe?«
Ich mache den Mund auf, aber es kommt kein Laut heraus. Hat Captain Shade nach mir gesucht? Doch kaum habe ich diesen törichten Gedanken zugelassen, breitet sich ein bitterer Geschmack auf meiner Zunge aus. Natürlich hat er nach mir gesucht – ich habe ihm seine blöde Halskette geklaut!
»Sie haben Ihren Anhänger«, zische ich, als ich endlich meine Stimme wiederfinde. »Und jetzt lassen Sie mich los!«
Shade neigt den Kopf zur Seite und verengt die Augen zu schmalen Schlitzen. »Komm mit mir.« Er lässt mich los, weicht einen Schritt zurück und bietet mir seine rot behandschuhte Hand an. »Ich kann dich verstecken. Bei mir bist du in Sicherheit.«
Das Chaos ringsum, jenseits der Wolke aus rotem Qualm, verblasst völlig hinter dem Klingeln in meinen Ohren, als seine Hand vor mir in der Luft schwebt, mein Blick auf die blauen Augen des Piraten gerichtet. Er könnte mich aufs Wasser zurückbringen. Er könnte diesem Albtraum ein Ende machen, bevor er richtig begonnen hat. Er hat mich schon einmal gerettet. Jetzt könnte er mich wieder retten. Ich muss nur seine Hand ergreifen.
Der nächste Atemstoß bleibt mir im Hals stecken. Das hier könnte die perfekte Ablenkung für meine Familie sein, um zu entkommen. Sie sind clever genug, um sich davonzuschleichen, geschickt genug, sich aus ihren Fesseln zu befreien. Aber wird ihnen auffallen, dass ich nicht mehr bei ihnen bin? Und falls ja, erwarte ich dann, dass sie bleiben?
Meine Finger verharren direkt über seinen. In Sicherheit.
Ein Pistolenschuss. Der Knall vibriert in meiner Brust wie grollender Donner.
»Charlie!« Elsies panischer Schrei lässt das Blut in meinen Adern gefrieren.
Charlie. Der Name meines Bruders schärft meinen Verstand, verschafft mir absolute Klarheit. Er braucht mich. Meine Familie braucht mich.
»Mein Bruder hatte nie die Chance, Ihnen zu danken«, sage ich und ziehe meine Hand zurück.
Etwas flackert in den maskierten Augen des Seeräubers auf. Er streckt den Arm nach mir aus, doch ich wirble herum, um seinem Griff auszuweichen, und stürze von der Plattform.
Ich schlage auf und rolle über den Boden. Der Aufprall quetscht mir die Luft aus der Lunge und ich bleibe, alle viere von mir gestreckt, auf dem Rücken liegen und kneife die Augen gegen das blassgraue Licht zusammen. Der rote Rauch löst sich auf und gibt den rothaarigen Nightweaver preis, der über mir steht, seine Eisenklinge dicht vor meiner Kehle.
»Ah, da bist du ja«, sage ich, als er mich an meinem Hemdkragen hochzieht. »Genau der Mann, nach dem ich gesucht habe.«
Ich werfe einen Blick zu der Plattform über uns, aber Captain Shade ist weg. Verschwunden, genau wie in der Nacht, als er mich von der Deathwail gerettet hat.
Der Nightweaver zerrt mich zu meiner eng beieinanderkauernden Familie hinüber, die sich am Eingang einer Gasse zusammendrängt. Charlie liegt in einer Pfütze aus Blut. Übelkeit überkommt mich und kalter Schweiß bildet sich in meinem Nacken. Bitte sei okay. Bitte sei nicht tot. Ich kann nicht noch einen Bruder verlieren. Nicht, wenn ich noch nicht einmal Zeit hatte, um Owen zu trauern.
»Du Idiot!« Die messingblonde Nightweaverin funkelt den rothaarigen Jungen an. »Dafür hätten wir dreißig Tenors kriegen können!«
»Sie wollten abhauen!« Der Junge grunzt angewidert und verpasst Charlie einen Tritt in die Seite. »Ein Knochengebieter kann ihn wieder zusammenflicken. Dann ist er so gut wie neu.«
Charlie stöhnt und mein Magen schlägt vor Erleichterung fast einen Purzelbaum.
»Von wegen große Zuschauermassen bei der Anhörung«, knurrt das Mädchen und lässt den Blick über den recht leeren Platz schweifen.
»Die kommen schon noch«, erwidert der Junge. »Und sei es nur, um das zu sehen.«
Er zeigt mit dem Kinn auf den Galgen, an dem ein Skelett an einem Seil baumelt, eine Bronzekrone auf dem Schädel. Darüber wurden eilig drei Worte auf den Holzpfahl geschrieben und die frische rote Farbe tropft wie Blut.
TODDEMKÖNIG.
Das Mädchen sagt: »Glaubst du, es könnte sein …«
Doch der Junge schneidet ihr das Wort ab, seine Stimme nur noch ein Flüstern. »Das darfst du noch nicht mal sagen. Wir wollen nicht, dass noch mal das Gleiche passiert wie in Thorn. Wenn diese Menschen auch nur eine Sekunde lang dachten, Captain Shade hätte sich mit diesen Rebellen zusammengetan …«
»Duncan!«, spuckt das Mädchen aus und haut ihm auf den Hinterkopf.
»Was?«, grummelt der Junge und schüttelte mich unsanft. »Sie sind völlig unbedeutend, Wren. Sobald wir sie an die Oberinnen ausgeliefert haben, sind sie nicht mehr unser Problem.«
Die messingblonde Nightweaverin rollt mit den Augen, bevor sie meiner Familie bellend befiehlt, sich wieder in Reih und Glied zu stellen. Duncan lässt meinen Hemdkragen nicht los, während er Margaret, Mutter, Elsie und mich über den Platz führt und uns von Vater und meinen Brüdern trennt.
»Charlie hat schon Schlimmeres überlebt.« Margarets Stimme zittert, aber ich nicke. Sie muss es schließlich wissen. Als Schiffsärztin der Lightbringer war sie stets diejenige, die ihn wieder zusammengeflickt hat.
Als Duncan mich in eine provisorische Zelle neben den Galgen schubst, wünsche ich mir nichts mehr, als ihm das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht zu schneiden. Aber ich folge Mutters Beispiel, die noch immer dieselbe Würde ausstrahlt, selbst als uns die Frauen – die Oberinnen, wie Duncan sie nannte – die Kleider ausziehen. Wenn die tapfere kleine Elsie sich weigert, auch nur eine Träne zu vergießen, dann werde ich es auch tun.
Die Oberinnen arbeiten schnell, rubbeln das verkrustete Blut und den salzigen Schmutz eines ganzen Lebens von unserer Haut. Ein Schmerz pocht in meinem Schädel, als eine streng dreinblickende Frau unsere Ketten eine nach der anderen entfernt und uns schlichte schwarze Leinenkleider mit weißen Schürzen anzieht. Durch einen Spiegel sehe ich zu, wie die Oberin mit funkelndem Blick den Nachtfalter betrachtet, den Lewis an meinem dreizehnten Geburtstag mitten auf meine Wirbelsäule tätowiert hat. Ich hätte nicht übel Lust, ihr ihre schwarzen Augen auszukratzen, aber meine Hände sind schlaff und nutzlos. Wenn sie nicht ein Mensch wäre wie wir, würde ich glauben, sie könnte Gedanken lesen, denn als sie mir die Fesseln wieder anlegt, schnürt sie sie doppelt so fest wie zuvor und ich muss mir auf die Lippe beißen, um ein Heulen zu unterdrücken.
Margaret spuckt der Oberin ins Gesicht, die ihr und Elsie die Armbänder vom Handgelenk zieht, aber die Frau reagiert nicht darauf. Ein Schmerz spaltet meine Brust, nimmt mir die Luft zum Atmen.
Sie werden mich nicht kriegen.
Sie werden mich nicht kriegen.
Sie werden mich nicht kriegen.
Eine Oberin reißt eine Bürste durch die Knoten in meinem Haar und fasst es zu einem straffen Zopf zusammen, während mir eine andere die Stiefel auszieht und meine Füße in ein Paar flacher Schuhe presst. Sie wirft die Stiefel auf einen Haufen entsorgter Schuhe und mir wird ganz schwer ums Herz. An Bord des Schiffs haben sie mir sämtliche Waffen abgenommen, als ich bewusstlos war, aber ein Teil von mir hat sich weiter an die Hoffnung geklammert, sie könnten die an meinen Knöcheln versteckten Messer irgendwie übersehen haben. Jetzt wurde mir alles genommen, was ich einmal hatte: die Lightbringer, ein kleines Arsenal, ein Flickenhemd, ein Paar Goldohrringe, ein Lederarmband, ein Bruder. Alles fort.
Wenigstens hat Captain Shade sich seinen Anhänger zurückgeholt – meine wertvollste Beute –, bevor die Oberinnen ihn auch noch konfiszieren konnten. Und dann ist er – mal wieder – verschwunden, zusammen mit meinem geraubten Schatz und meiner einzigen Chance, dem Schicksal zu entfliehen, das mich nun erwartet.
Komm mit mir.
Ob sie nun wussten, dass ich nicht bei ihnen war, oder nicht – meine Familie hat versucht zu entkommen. Und wenn sie Erfolg gehabt hätten, hätten sie mich zurückgelassen. Aber … kann ich ihnen deswegen einen Vorwurf machen? Ich war selbst nur Sekunden davon entfernt, Captain Shades Hand zu ergreifen – Sekunden davon entfernt, die Entscheidung zu treffen, ohne sie alle zu fliehen. In Sicherheit.
Aber ich habe eine andere Wahl getroffen. Ich habe mich entschieden, bei meiner Familie zu bleiben. Was immer auch als Nächstes kommt, eins steht fest: Ich werde niemals in Sicherheit sein. Kein Pirat ist das.
Ich versuche, mir ein wenig von Mutters Würde abzuschauen, als uns eine hart wirkende Frau aus der Zelle führt und uns anweist, vor den Galgen zu warten, aber ich fühle mich zu betäubt, um Stolz zu zeigen. Wird der Oberon-Clan so enden? Aufgeteilt auf die hungrige Meute der Nightweaver in ihren sauber glänzenden Westen, um gekocht und gefressen zu werden? Ich versuche, mich an die Atemtechniken zu erinnern, die Mutter uns beigebracht hat, aber die schwüle Hitze der Stadt ist erstickend und es fällt mir schwer, überhaupt zu atmen.
Duncan hatte recht, was das Publikum betrifft: Die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt strömen in Scharen herbei, um der, wie Wren es nannte, Anhörung beizuwohnen. Ihrer schicken Kleidung und der Art nach zu urteilen, wie sie uns Menschen anstarren – so als hätten wir Flossen statt Füße –, sind sie allesamt Nightweaver, da bin ich mir sicher.
