Starchaser - R. M. Gray - E-Book

Starchaser E-Book

R. M. Gray

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Beschreibung

Ein Schicksal, so mysteriös wie die weite See … »Lass mich nicht los«, flehe ich ihn an. Er schließt die Arme noch enger um mich, zieht mich ganz nah zu sich heran, unsere Körper fest aneinandergepresst, während die Wellen uns hin und her schaukeln.  »Niemals«, wispert er, seine Stirn auf meine gedrückt. »Nie wieder.« Aster Oberon, einst Piratin, steht vor einer erschütternden neuen Realität: Eine magische Gabe erwacht in ihr, ungezähmt und gefährlich, und sie hat kaum Zeit, sie zu beherrschen. Denn sowohl sie als auch Will, der geheimnisvolle Nightweaver, der ihr Herz erobert hat, tragen einen grausamen Fluch. In wenigen Wochen werden sie zu willenlosen Unterlingen, Kreaturen im Dienst der erbarmungslosen Morana. Der einzige Weg, den Fluch zu brechen, führt über Moranas Blut. Gemeinsam mit Will und Titus, dem verführerischen Prinzen von Eerie, der die tyrannische Herrschaft seiner Familie stürzen will, begibt Aster sich auf eine gefährliche Reise. Ihr Weg führt sie zur Burg Grim, einem Ort voller glitzernder Täuschungen und tödlicher Geheimnisse, wo niemand das ist, was er zu sein scheint, und jeder Tanz ihr letzter sein könnte. Aster muss sich nicht nur dem Sturm in ihrem Herzen, sondern auch ihrem Schicksal stellen, bevor ihr Fluch sie einholt. Tödliche Flüche, gefährliche Geheimnisse und eine Liebe gegen alle Widerstände – die atemberaubend spannende Fortsetzung von ›Nightweaver‹! Alle Bände der Nightweaver Saga:  Band 1: Nightweaver  Band 2: Starchaser  Band 3: Cursebreaker (erscheint im Herbst 2026) Die Bände sind nicht unabhängig voneinander lesbar.

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Seitenzahl: 649

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Ein Schicksal so mysteriös wie die weite See

 

Aster Oberon, einst Piratin, steht vor einer erschütternden neuen Realität: Eine magische Gabe erwacht in ihr, ungezähmt und gefährlich, und sie hat kaum Zeit, sie zu erlernen. Denn sowohl sie als auch Will, der geheimnisvolle Nightweaver, der ihr Herz erobert hat, tragen einen schrecklichen Fluch. In wenigen Wochen werden sie zu willenlosen Unterlingen, Kreaturen im Dienst der erbarmungslosen Morana. Der einzige Weg, den Fluch zu brechen, führt über Moranas Blut. Gemeinsam mit Will und Titus Anteres, dem verführerischen Prinzen von Eerie, der die tyrannische Herrschaft seiner Familie stürzen will, begibt Aster sich auf eine gefährliche Reise. Ihr Weg führt sie zur Burg Grim, einem Ort voller glitzernder Täuschungen und tödlicher Geheimnisse, wo niemand das ist, was er zu sein scheint, und jeder Tanz ihr letzter sein könnte. Aster muss sich nicht nur dem Sturm in ihrem Herzen, sondern auch ihrem Schicksal stellen, bevor ihr Fluch sie einholt.

 

Tödliche Flüche, gefährliche Geheimnisse und eine Liebe gegen alle Widerstände – die atemberaubend spannende Fortsetzung der Nightweaver Saga!

 

 

Von R. M. Gray ist bei dtv außerdem lieferbar:

Nightweaver (Band 1)

R. M. Gray

Starchaser

Band 2

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Doris Attwood

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Anmerkung

Karte

Stammbaum

I Wut

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

II Verderben

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

III Erwachen

39

40

41

42

43

44

Danksagung

 

 

 

Für euch, liebe Lesende, weil ihr auf dieser Reise mit mir die Segel gesetzt habt.

Anmerkung

Starchaser, Teil 2 der Nightweaver Saga, ist ein intensives Fantasyabenteuer, das in einer düsteren Welt voller Magie, übernatürlicher Wesen und politischer Intrigen spielt. Es zeigt dabei Elemente von Krieg und Gewalt, Kannibalismus, Manipulation, posttraumatischer Belastung, suizidalen Gedanken, Suchtverhalten, familiären Konflikten, Verlust, Tod und Trauer.

Leserinnen und Leser, die solchen Inhalten gegenüber empfindlich sind, mögen dies bitte zur Kenntnis nehmen.

IWut

1

Ich spüre seine Anwesenheit, bevor ich ihn sehe. Sein gleichmäßiger Herzschlag kommt nie aus der Ruhe, als er aus den Schatten tritt, die Kapuze seines schwarzen Umhangs tief ins Gesicht gezogen.

»Du bist gekommen«, sagt Will, seine Stimme dunkel und tief. Die Kapuze verbirgt seine Smaragdaugen, aber ich stelle mir vor, wie sie amüsiert funkeln, als er ein verheerend aussehendes Messer aus seinem Gürtel zieht. »Ich dachte schon, du würdest dich nicht an unsere Abmachung halten.«

Seine Lederstiefel schmatzen im Matsch, als er durch die menschenleere Pflasterstraße schreitet. In einer Lache aus goldenem Laternenlicht bleibt er stehen, gut drei Meter von mir entfernt, seine Schultern von Schneeflocken bedeckt.

»Und mir die Chance entgehen lassen, den großen William Castor zu treffen?« Captain Shades gedämpfte Stimme ertönt direkt hinter mir. Er drückt den Lauf einer Pistole gegen meine Wange und ich zucke zusammen, als sich das kalte Metall in meine Haut bohrt. »Wir sollten nicht unnötig Zeit vergeuden.«

Will neigt den Kopf, ein subtiler Befehl. Zwei Männer in kompletter blutroter Rüstung treten auf die Straße und zerren eine übel zugerichtete Frau zwischen sich her, ihr kurz geschnittenes rotes Haar klumpig verfilzt. Blut tropft stetig aus dem mehr schlecht als recht bandagierten Stummel, dort, wo sich noch wenige Stunden zuvor ihr rechtes Bein befand. Ich habe nicht nur einmal gesehen, wie Margaret eine Amputation durchführen musste – und dieses Bein wurde eindeutig nicht von jemandem mit chirurgischer Fachkenntnis entfernt. Wenn die Frau nicht bald professionelle medizinische Hilfe bekommt, überlebt sie diese Nacht vielleicht nicht.

»Ihr wisst jedenfalls, wie man eine Dame behandelt«, fügt Shade hinzu und ein Hauch von Schärfe färbt seinen heiteren Plauderton.

»Sie lebt noch.« Will fährt mit behandschuhten Fingerspitzen über die Kante seiner Klinge. »So lautete unsere Vereinbarung.«

»Aye.« Shade lacht und presst sich den Pistolenlauf ans Kinn. »Miss Oberon kommt frei und im Gegenzug bekomme ich meine Quartiermeisterin Diana zurück – unversehrt.«

Klick. Er spannt den Hahn der Pistole und schlingt betont lässig einen Arm um meine Mitte, seine gespreizte Hand besitzergreifend auf meinen Bauch gedrückt. Es ist eine räuberische Geste, bei der mir normalerweise ein Schauder über den Rücken jagen würde – hätte ich sie nicht vorgeschlagen.

Ich weiß, dass Captain Shade nicht böse ist. Sein richtiger Name ist Titus Anteres, Kronprinz von Eerie – derselbe Prinz, der sich einer geheimen Rebellion gegen seine eigenen Eltern angeschlossen hat. Wir waren uns jedoch einig, die königlichen Blutritter glaubhaft davon überzeugen zu müssen, dass ich auf seinem Schiff als Gefangene gehalten werde, und Titus’ kalkuliert platzierte Hand gehört ebenfalls zu dieser Scharade. Ich versuche, Wills Blick einzufangen, ihm zu versichern, dass dieser Plan funktionieren wird, aber er starrt mit wütendem Funkeln auf Shades Hand, sein Kiefer angespannt.

Ich widerstehe dem Drang, über ihn die Augen zu verdrehen.

Wir alle haben diesem Plan gestern zugestimmt. Ich war gerade erst erwacht – nachdem ich zwei Wochen bewusstlos an Bord von Shades Schiff, der Starchaser, verbracht hatte –, doch Will verschwendete keine Zeit, mir mitzuteilen, der König hätte vor, mich zu einer seiner Blutritterinnen zu ernennen, um seinen Untertanen klipp und klar zu zeigen, wem meine Loyalität gehört. Doch der König kennt die Wahrheit nicht: Wenn ich erst Blutritterin bin, habe ich die Möglichkeit, am Hof ein und aus zu gehen und herauszufinden, wie weit der König und die Königin mit ihren zutiefst bösartigen Plänen für Menschen und Mythen wirklich zu gehen gedenken. Und mir Zugang zur Burg Grim zu verschaffen, wird mich meinem Ziel, die Flüche zu brechen, die auf Will und mir lasten, einen Schritt näher bringen.

Sobald Will mich in die Burg bringt, werde ich meine Fähigkeiten dazu nutzen aufzudecken, ob Titus recht hat und ob seine Verlobte, die Prinzessin von Hellion, wirklich von Morana besessen ist. Und sollte sich Titus’ Verdacht tatsächlich bestätigen, können wir die Sylkkönigin zwingen, ihre körperliche Gestalt anzunehmen und ihr Blut dazu benutzen, nicht nur Wills und meinen Unterlingfluch zu brechen, sondern auch meinen Bruder Owen aus Moranas Diensten zu befreien.

Im Austausch für meine Hilfe war Titus einverstanden, mir seinen Anhänger zu überlassen – ein Medaillon, das einst Hildegardes Erbe gehörte –, wobei er mir versicherte, es würde mir und meiner Familie sichere Überfahrt zu dem einzigen Ort auf dieser Erde gewähren, an dem Menschen wirklich sicher sind – vor der Tyrannei der Nightweaver ebenso wie vor Moranas Unterlingarmee: auf der Roten Insel.

Doch bevor ich Eerie endgültig verlasse, habe ich vor, Titus’ Vater, den König, zu stürzen – ihn dafür bezahlen zu lassen, was er mir, meiner Familie und meinem Volk angetan hat.

Heilung.

Freiheit.

Rache.

Endlich fange ich Wills Blick ein.

Und Liebe?

Ich kann alles haben – ich muss nur meinen Teil der Abmachung erfüllen.

Shade lehnt sich vor und seine Maske streift über die Seite meines Kopfs. »Ich habe darum gebeten, Diana wohlbehalten zurückzubekommen, um die Moral meiner Crew zu heben. Sollte sie jedoch verbluten, bevor ich sie wieder nach Hause bringen kann …« Er schnalzt mit der Zunge. »Nun, dann wäre meine Crew ebenso erfreut zu erfahren, dass ich den König seines kleinen Schatzes beraubt habe.«

Er drückt mich noch fester an sich, als wollte er seine Worte unterstreichen. Sein warmer Atem haucht über meine Ohrmuschel und der Geruch von salziger Meeresluft, der an seiner Haut klebt, versetzt mich nach gestern zurück. Zu dem Moment, als er mir offenbarte, dass er Pirat und Prinz ist. Dem Moment, als ich von ihm davonrannte – entsetzt darüber, dass der Pirat, den ich mein Leben lang bewundert habe, die ganze Zeit ein Doppelleben geführt hat und in Wahrheit der Thronfolger einer tyrannischen Nightweaver-Dynastie ist.

Ich sprang ins Meer, meine sichere Zuflucht, tauchte tief hinab. Doch Shade folgte mir, ohne zu zögern, ins Wasser und dann presste er seine Lippen auf meine.

Will zog mich aus den Wellen wieder an Bord der Starchaser und Titus sprach kaum noch ein Wort mit mir. Und heute Abend war er wieder genauso still, selbst als wir gemeinsam an Land ruderten. Jetzt, als Shade, streicht er mit seiner Pistole über meine Wange und ein Schauder jagt meine Wirbelsäule hinunter, während sich Schuldgefühle in mein Herz bohren.

Hat Titus Will erzählt, dass er mich geküsst hat?

Und hat er unter Wasser dasselbe gesehen wie ich: diese Frau aus leuchtendem Goldstaub?

Shades Stimme reißt mich zurück in die Gegenwart. »Vielleicht erlaube ich es Miss Oberon weiterzuleben.« Beinahe kann ich das boshafte Grinsen in seiner Stimme hören. »Doch wahrscheinlich wäre es meiner Crew lieber, sie wäre nicht mehr in der Lage, ein Messer zu halten, denkt Ihr nicht auch?«

Shade weicht einen Schritt zurück und zieht mich mit sich. Die Blutritter lassen Diana beinahe fallen, aber Will hebt eine Hand, ein unausgesprochener Befehl, noch zu warten. Langsam macht auch er ein paar Schritte zurück und streckt sein Messer nach rechts aus, sodass die scharfe Kante der Klinge auf Dianas Kehle ruht.

»Noch einen Schritt weiter«, warnt Will, seine Stimme tödlich ruhig, während in seinen Augen kaum merklich ein goldener Glanz aufflammt, »und das Mädchen verliert mehr als nur ein Bein.«

Shade seufzt. »Werdet Ihr es nie leid, leere Drohungen auszustoßen?« Er nimmt die Waffe aus meinem Gesicht und lockert den Griff um meine Taille, nur um meine Beine unter mir wegzutreten. Ich falle auf die Knie und beiße vor Schmerzen die Zähne zusammen. Er muss die Pistole auf meinen Hinterkopf richten, denn als ich den Blick hebe, ist Wills Gesicht plötzlich leichenblass. »Seid Ihr wirklich bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Ich weiß, wie viel sie Euch bedeutet.«

Mein Herzschlag donnert förmlich in meiner Brust. Als wir diesen Plan ausheckten, gehörte das hier nicht dazu. Captain Shade – Titus – hat mir mehr als einmal das Leben gerettet. Aber kann ich wirklich darauf vertrauen, dass ein Pirat nicht zu weit geht?

Kann ich ihm vertrauen?

Will wendet keine Sekunde den Blick von mir ab, als er die Klinge von Dianas Kehle entfernt. Die Blutritter stoßen sie zu Boden und sie landet in einem Häuflein Elend neben mir.

»Du bist dran, Pirat«, zischt Will und fixiert Shade mit funkelnden Augen.

Ich schaue hinter mich, als Shade seine Waffe senkt und mit den Schultern zuckt. »Sie gehört ganz dir.«

Erneut fange ich Wills Blick ein, während ich meine Kraft zusammennehme, um mich aufzurappeln, und dann sehe ich sie: die Erleichterung, die Besorgnis, die stumme Entschuldigung. Und … noch etwas anderes. Etwas, das keiner von uns je laut ausgesprochen hat. Ich drücke die Handflächen auf die rutschigen, rauen Pflastersteine und hieve mich langsam hoch, als …

PENG!

Der Schuss vibriert in meiner Brust, klingelt in meinen Ohren. Für einen Sekundenbruchteil glaube ich, man hätte mich angeschossen. Aber es ist Will, der ins Wanken gerät und nach links taumelt. Mit der freien Hand berührt er seine Schulter. Seine Finger sind ganz nass vor Blut, als er sie wieder sinken lässt.

Und dann: Chaos.

Ich torkle von der Straße, presse mich flach gegen eine Hauswand, als sich Captain Shades Crew mit blitzenden Schwertern von den Dächern herabstürzt. Blutritter stürmen aus sämtlichen Gassen herbei, um sie abzuwehren, schwingen Klingen aus elysianischem Eisen. Schüsse hallen von den Ziegelmauern wider und für einen Moment verliere ich Will im dichten Getümmel aus den Augen.

Aber dort – dort ist er, in einen Zweikampf mit Captain Shade verstrickt.

Es ist alles nur Show, erinnere ich mich selbst. Titus und Will hassen einander nicht wirklich. Sie stehen auf derselben Seite. Sie würden niemals versuchen, sich gegenseitig umzubringen.

Trotzdem gehörte es nicht zum Plan, Will anzuschießen. Und wenn Shade vom Kurs abweicht …

Mit einem gekonnt getimten Hieb schlägt Will Shade die Pistole aus der Hand und verwandelt ihr Gefecht in einen fairen Kampf. Doch Will verliert stetig Blut und ich habe keine Ahnung, wie lange er noch durchhalten wird.

Ich würde alles für eine Waffe geben. Obwohl ich trotz der um mich herumtobenden Schlacht weiß, dass ich nicht wirklich in Gefahr schwebe. Shades Crew würde es nicht wagen, mich zu verletzen. Und der König hat die Blutritter angewiesen, Will zu unterstützen, indem sie mich unversehrt auf die Burg Grim bringen.

Trotz alledem sehnen sich meine Finger schmerzlich nach meinen Dolchen. Ich kann es nicht ertragen, so untätig zu sein und zusehen zu müssen, wie andere in meinem Namen Blut vergießen. Blut, das sich um meine Füße sammelt. Blut, das zu mir flüstert in einer Sprache, die ich vergessen zu haben scheine, so als würde ich aus einem Traum erwachen …

Ich kneife die Augen zusammen, als der widerlich süße Kupfergeruch meine Sinne überwältigt. Ich kann nicht riskieren, dass irgendjemand den goldenen Glanz sieht, der nun in meinen Iris leuchtet – immer heller, je weiter meine Affinität wächst, die nun deutlich stärker ist als in jener Nacht, als sie sich in dem blutigen Springbrunnen zum ersten Mal manifestierte.

Ich schüttle den Kopf. Erst vor zwei Wochen enthüllte mir Titus, dass ich zur Hälfte Nightweaverin bin – eine Blutlasserin mit der Elementarkraft, Wasser zu beherrschen. Doch dies ist nicht der Zeitpunkt, die Kontrolle zu verlieren. Nicht, solange ich noch nicht einmal annähernd entdeckt habe, über welche Kräfte ich tatsächlich verfüge. Nicht, solange ich mir nicht sicher bin, wie viel Schaden ich anrichten könnte, wenn ich auch nur …

Ein Blutritter schlitzt einem Mitglied aus Shades Crew den Bauch auf und die junge Frau bricht neben mir auf dem Boden zusammen, während sich ihre Eingeweide aus der klaffenden Wunde in ihrem Unterleib ergießen. Ich habe mein Bestes versucht, mir die Namen in Shades Crew zu merken, vor allem angesichts unserer Pläne für heute Nacht, doch als die Frau namenlos neben mir stirbt, krampft sich mir vor Scham der Magen zusammen.

Sie röchelt, hustet Blut auf die Pflastersteine, bevor die Augen in ihren Höhlen nach hinten rollen.

Ich wende den Blick ab.

Alle in Shades Crew wussten, worauf sie sich einließen. Sie wussten, dass einige von ihnen diese Straße vielleicht nicht wieder lebend verlassen würden. Dennoch klebt das Blut, das nun in den Ritzen versickert, vor allem an meinen Händen.

Lassen wir sie glauben, der große Captain Shade, Held der menschlichen Rebellion, hätte verloren, schlug ich Will und Titus vor. Und dann, wenn der König glaubt, er hätte gewonnen, greifen wir aus dem Inneren an. Sie werden überhaupt keinen Verdacht schöpfen.

Will zögerte, doch ich bildete mir ein, einen Anflug von Stolz in Titus’ Augen zu erkennen, als ich den beiden meinen Plan erläuterte, in der Burg Grim einzufallen, indem wir die eigenen Machenschaften seines Vaters gegen ihn nutzen. Ein brillanter Plan – wenn Will der Verletzung in seiner Schulter nicht erliegt.

Es muss überzeugend wirken, mahnte Will.

Es muss ein echter Kampf stattfinden, stimmte Titus ihm zu.

Es muss echt aussehen, beschlossen wir.

Nun frage ich mich jedoch, ob ich womöglich falsch eingeschätzt habe, wie weit sie für diese Täuschung zu gehen bereit sind.

»Gib auf«, knurrt Shade so laut, dass ich ihn über das Scheppern von Metall hinweg hören kann. »Du bist am Ende, Nightweaver! Lauf nach Hause zu Mummy und Daddy.«

Will beißt die Zähne zusammen. Funken fliegen, als er seine Klinge auf Shades Schwert herabsausen lässt, mit einem Schlag, der die ganze Straße zum Beben bringt, beinahe so, als würde die Erde selbst auf Wills Wut reagieren.

Vorgetäuschte Wut, korrigiere ich mich selbst.

Aber warum wirkt es dann so echt? Warum blitzen seine Augen vor Hass, wie ich es noch nie bei ihm gesehen habe?

Warum, frage ich mich, während ich beobachte, wie er sich mit übermenschlicher Geschwindigkeit bewegt – so schnell, dass meine Augen ihm gar nicht richtig folgen können –, wehrt er Shades Gegenschlag ab und stürzt sich vorwärts, seine Klinge auf Shades Brust gerichtet? Warum durchbohrt sein Schwert Shades Körper mit einem hörbaren glitschenden Geräusch?

Warum?, ist alles, was ich denken kann, als er Captain Shade – Titus, seinem besten Freund und Bruder in jedem Sinne des Wortes, auch wenn die beiden nicht blutsverwandt sind – seine Klinge mitten ins Herz rammt.

2

Das sollte nicht passieren.

Shade – Titus – erschlafft, durchbohrt von Wills Schwert. Ich will schreien, aber ich finde meine Stimme nicht.

Wills Brust hebt und senkt sich heftig, während er auf seinen besten Freund hinunterstarrt, zusieht, wie das Licht in Shades Augen verblasst. Er flüsterte etwas, so leise, dass niemand es hören kann.

Das hier kann nicht passieren.

Will zieht das Schwert wieder heraus und Shade sackt in sich zusammen. Sein Körper kippt in einem seltsamen Winkel zur Seite, bevor er mit einem dumpfen Schlag auf die Pflastersteine knallt. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, es ist von mir abgewandt, aber als er fällt, rutscht sein scharlachroter Dreispitz von seinem Kopf und enthüllt sein goldblondes Haar in all seiner Pracht.

Der Kampf endet sofort. Shades Crew erstarrt, der Schock steht ihnen deutlich in die entsetzten Gesichter geschrieben. Selbst die Blutritter halten mitten im Schlag inne und drehen sich zu Will um, sehen ihn an, betrachten sein blutbespritztes Gesicht.

»Euer Käpt’n ist tot!«, brüllt Will, seine Stimme seltsam rau – heiser und harsch und vollkommen falsch. Sie klingt wie ein tiefes Krächzen, als wäre es gar nicht seine eigene Stimme. Er räuspert sich, während sich seine Augen von golden wieder zu grün verfärben, und als er weiterspricht, klingt seine Stimme glatt. »Malachi Shade ist tot.«

Er hebt seinen Fuß – und tritt mit voller Wucht auf Shades Maske. Sie kracht wie Knochen unter seinem Gewicht.

Ich vergesse mich. Ich vergesse den Plan. Ich vergesse alles.

Ich stürze los, versuche, Titus’ niedergestreckte Gestalt zu erreichen, während ich mir selbst einrede, dass ich es nur wegen des Medaillons tue – dass ich, wenn Shade wirklich stirbt, womöglich meine Chance verliere, die Rote Insel jemals zu erreichen, und dann war das alles umsonst. Doch im selben Augenblick breitet sich plötzlich roter Rauch in der Straße aus, so dicht, dass ich weder Will noch Titus noch sonst irgendetwas mehr erkennen kann.

Eine Hand legt sich auf meinen Mund.

Und dann werde ich fortgezerrt.

Ich beiße zu, so fest, dass es blutet. Die metallische Flüssigkeit füllt meinen Mund und ein Gefühl der Macht rauscht durch meine Adern. Es verleiht mir beinahe genügend Kraft, um mich aus dem Griff meines Angreifers zu befreien, doch als wäre er darauf vorbereitet, packt er mich noch fester und drückt meine Arme an meine Seiten. Ich trete um mich, verliere beinahe das Gleichgewicht, aber es ist sinnlos – wer auch immer mich festhält, ist viel, viel größer als ich. Offenbar ohne große Anstrengung zerrt er mich rückwärts, nach oben, durch eine schmale Tür und in eine Kutsche.

Auf jemandes Schoß.

»Normalerweise habe ich gar nichts gegen Beißen einzuwenden«, höre ich eine seidige Stimme und sein heißer Atem auf meinem Nacken jagt mir einen Schauder über den Rücken, »aber ich brauche alle meine Finger noch, Kleines.«

Mein Herz setzt einen Schlag lang aus. Beginnt von Neuem.

Er lässt mich los und ich kippe nach vorne und stütze mich auf der Bank ihm gegenüber ab. Ich wirble herum und sehe Titus in prinzlicher Aufmachung vor mir, die schwarze Armeejacke von scharlachrotem Faden eingefasst. Er sitzt mir in einer geradezu abscheulich luxuriösen Kutsche gegenüber, den Kopf zur Seite geneigt, ein seltsam neugieriger Ausdruck auf seinem vertrauten Gesicht. Mörderische Wut ersetzt meine Trauer, als seine Lippen mit einem schelmischen Grinsen nach oben wandern.

»Du Mistkerl!«, tobe ich. »Ich hab dich sterben sehen!«

»Na ja«, erwidert er mit einem lässigen Schulterzucken, das mich nur noch mehr zur Weißglut bringt, »du wolltest doch, dass es echt aussieht, oder?«

Mein Herz hämmert wie wild gegen meinen Brustkorb. Ich empfinde alles auf einmal – Zorn, Schuldgefühle, Verwirrung, Erleichterung? –, so intensiv, so schmerzhaft, dass ich kaum noch atmen kann.

»Mach dir um Rook keine Sorgen«, sagt er mit einem hämischen Lächeln. »William hat sein Herz verfehlt. Meine Crew hat ihn inzwischen längst von hier weggebracht. Einer meiner Knochengebieter flickt ihn und Diana wahrscheinlich bereits in diesem Moment wieder zusammen.«

Rook – er gehört zu den Crewmitgliedern, die dabei waren, als wir den heutigen Angriff an Bord der Starchaser planten. Aber ich bin ihm vorher schon einmal begegnet, als Captain Shade mich vor dem Galgen gerettet und Will meine Familie und mich vor der Anhörung in der Stadt bewahrt hat. Rook war so überzeugend als Shade – als Titus –, dass er mich genauso hereingelegt hat wie alle anderen.

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter und meine Stimme klingt belegt, als ich sage: »Ich dachte, du wärst tot.«

Titus betrachtet mich mit verengten Augen. Sofort wird seine Miene weicher.

»Aster«, murmelt er beschämt. »Verzeih mir …«

»Nein«, presse ich mit glühenden Wangen hervor. »Es gibt nichts zu verzeihen. Der Plan hat funktioniert. Das ist alles, was zählt.«

Titus runzelt die Stirn. Er kneift die Brauen zusammen, seine blauen Augen stechend.

Leise, zärtlich fügt er hinzu: »Bitte nicht weinen, Kleines.«

»Ich werde nicht …« Ich beiße mir auf die Unterlippe, damit sie nicht mehr so zittert. »Es ist nicht deinetwegen. Es ist …«

Und dann, bevor ich irgendetwas dagegen tun kann, brechen sämtliche Emotionen und Erinnerungen der vergangenen paar Monate über mich herein.

Mein Vater, der tot auf dem Küchenfußboden liegt.

Mein Bruder Owen, der versucht hat, mich in ein Ungeheuer zu verwandeln, damit ich so bin wie er.

Der König, der erwartet, dass ich ihm die Treue schwöre und für ihn gegen mein eigenes Volk kämpfe.

Will, der sterben wird, wenn es mir nicht gelingt, die Sylkkönigin dazu zu zwingen, uns einen Tropfen ihres Bluts zu geben – die einzige Möglichkeit, Will von dem Fluch zu heilen, der ihn von einem Nightweaver in einen blutrünstigen Unterling verwandeln wird.

Demselben Fluch, der am Ende auch mich verwandeln wird.

Und dann ist da Titus. Er hat mich angelogen, mich manipuliert, und selbst jetzt weiß ich, er tut nur so, als würde ich ihm etwas bedeuten, weil er vorhat, meine Fähigkeiten für seine eigenen Zwecke zu nutzen.

Und doch …

Als könnte er meine Gedanken hören, lehnt er sich vor und streckt eine Hand nach mir aus. Doch er lässt seine Finger in der Luft schweben, Zentimeter von mir entfernt, und für einen flüchtigen Moment sehe ich sein Gesicht unter Wasser vor mir, kurz bevor sich sein Mund tief unter den Wellen auf meinen presst …

Es hatte nichts zu bedeuten, schelte ich mich selbst. Er hat nur versucht, mich zu retten, um sich selbst zu retten. Wenn ich ertrunken wäre, hätte er seine einzige Möglichkeit verloren, die Wahrheit über seine Verlobte herauszufinden und seinen besten Freund zu heilen.

Die neuerliche Erkenntnis reißt mich aus meinen Gedanken wie ein Eimer mit eiskaltem Wasser und ich räuspere mich.

Titus zieht seine Hand zurück, als hätte ihn etwas gestochen, ballt die Faust in seinem Schoß. Ein neutraler Ausdruck legt sich auf sein Gesicht, als er sich wieder auf seine Bank auf der anderen Seite der Kutsche zurückzieht und lässig die Beine übereinanderschlägt. Er blickt aus dem Fenster, als würde ich gar nicht mehr existieren.

Noch bevor ich das Quietschen der Angeln höre, öffnet sich die Kutschentür.

Und dann ist Will da und der Duft von Rosen und feuchter Erde umhüllt mich. Er setzt sich neben mich und seine tröstliche Wärme sickert durch seinen Umhang in meinen zitternden Körper, seine Hand auf meiner Wange, während er mich von Kopf bis Fuß begutachtet. Seine Augen sind wieder grün, aber es schimmert noch immer ein letzter Hauch des goldenen Nightweaver-Lichts darin.

Ich betrachte seine Schulter, doch trotz des Bluts, das sein Hemd befleckt, scheint er sich bereits wieder geheilt zu haben.

Bei seiner Berührung schmelze ich dahin, lehne mich vor, meine Lippen geöffnet. Ich wusste in dem Moment, als die Kugel in seinen Körper eindrang, dass auch der letzte Rest der Wut, die ich nach seinen jüngsten Enthüllungen empfand, endgültig verpufft ist. Wir haben uns unter alles andere als idealen Umständen kennengelernt und unsere Partnerschaft mag vielleicht nur geschmiedet worden sein, weil sie uns beiden nutzte, aber ich kann nicht leugnen, was ich für Will empfinde. Und ich kann nicht ignorieren, wie seine Fingerspitzen über meine Haut streicheln, oder den sehnsuchtsvollen Ausdruck in seinen Augen, als er die Lücke zwischen uns schließt, zitternd einatmet und …

»Später, meine Liebste«, flüstert Will mir hastig zu und klingt angespannt. Er richtet sich wieder auf, als die Tür sich erneut öffnet. Ich zucke zusammen, als ein Blutritter neben Titus Platz nimmt, der zur Seite rutscht, um so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Soldaten zu bringen.

»Miss Oberon«, sagt Will in kühlem Tonfall, »ich möchte Sie mit Gabriel bekannt machen. Er und Flynn, unser Kutscher am heutigen Abend, werden für die Dauer unserer Reise als Ihre Wachen dienen.«

Gabriel neigt zur Begrüßung den Kopf, sein Gesicht von seinem kunstvoll gearbeiteten scharlachroten Helm verhüllt.

Ich erwidere nichts, doch all meine Instinkte brüllen mir zu, mir eins von Wills Messern zu schnappen und es in den Schlitz vor den Augen des Blutritters zu rammen. Einem der persönlichen Soldaten des Königs so nahe zu sein, zu wissen, dass er auf royalen Befehl hin höchstwahrscheinlich Tausende Menschen abgeschlachtet hat, und nicht in der Lage zu sein, ihn vom Nabel bis zur Nase aufzuschlitzen, ist für mich kaum zu ertragen. Mein einziger Trost ist es, dass es mir, sobald ich meine Aufgabe erfüllt habe und Will geheilt ist, endlich freisteht, die Blutritter für alles bezahlen zu lassen.

»Fantastisch«, murmelt Titus. »Und nun, da wir alle miteinander bekannt sind …« Er klopft ans Fester und die Kutsche setzt sich mit einem Ruck in Bewegung. »Wir dürfen unseren Zug nicht verpassen.«

3

»Aster«, höre ich Wills tiefe Stimme, die mich sanft aus dem Schlaf lockt, »wir sind da.«

Es dauert einen Moment, bis mir wieder einfällt, dass ich nicht mehr an Bord der Starchaser bin. Das verschwenderische Innere der royalen Kutsche kommt langsam in den Fokus, als ich blinzelnd die Augen öffne und mich frage, wie ich so tief schlafen konnte. Dann sehe ich, dass Wills Hand auf meinem Arm ruht.

Mir stellen sich die Nackenhaare auf. »Hast du …«

Er legt einen Finger an die Lippen. Wir sind allein in der Kutsche – Titus und Gabriel sind bereits ausgestiegen –, aber Will verlangt, dass ich still bin.

»Du hast deine Magie benutzt, damit ich einschlafe«, zische ich, achte jedoch darauf, möglichst leise zu sein.

Er runzelt die Stirn. »Du musstest dich ausruhen«, erwidert er schlicht.

»Es ist nicht deine Entscheidung …«

Stimmen direkt vor der Kutschentür lassen mich verstummen.

Will räuspert sich. »Wenn ich vorausgehen darf, Miss Oberon?«

Und damit beendet er meinen Protest, noch bevor er richtig begonnen hat. Er öffnet die Kutschentür, steigt als Erster aus, dreht sich um und bietet mir seine Hand an.

Ich beiße die Zähne zusammen und ergreife sie, als ich die beiden Blutritter sehe, deren scharlachrote Rüstungen beinahe schmerzlich grell wirken im Vergleich zu dem Schnee.

Schnee. Er bedeckt die Wälder wie ein Meer aus Weiß, so als sei mein geliebter Ozean gekommen, um mich jenseits der Küste zu empfangen. Vater erzählte stets, vor dem Großen Fall vor sechshundert Jahren, als die Nightweaver aus dem himmlischen Reich Elysia ins Exil hierherverbannt wurden, kroch der Winter erst Ende Dezember langsam über das Land. Manche behaupten, es sei ein Teil des Fluchs, den die Menschen über die Bekannte Welt brachten, das frühe Eintreffen des Winters ein Zeichen des Zorns des Wahren Königs. Andere, darunter auch die Nightweaver von Eerie, glauben, die plötzlichen Oktoberwinter seien etwas Heiliges, ein segensreiches Omen des Wahren Königs, weshalb sie das Ereignis mit einem großen Fest feiern, dem Heiligen Wintertag. Unter anderen Umständen hätte ich mich insgeheim vielleicht darüber gefreut, an den Feierlichkeiten teilnehmen zu können – über all die gerösteten Nüsse, den Glühwein, die Geschenke –, aber nun steht das Fest für den Tag, an dem Titus die Prinzessin von Hellion heiraten wird. Und als ich seine schlanke Gestalt sehe, eine elegante Silhouette aus mitternachtsblauem Stoff vor dem frostigen Hintergrund des Waldes, fühlt sich der plötzliche Winter eher wie ein Fluch als wie ein Segen an.

Es ist Prinz Titus, der mich nun ansieht, sein Kinn hocherhoben, seine Miene kalt. Nicht der Piratenkapitän, der mich von der Deathwail gerettet hat.

»Wo sind wir?«, frage ich und betrachte die üppige Vegetation, die den aus Holz erbauten Bahnsteig beinahe erstickt, an dem ein goldener Zug steht und Rauch in die dichten weißen Baumkronen ausstößt. Es muss mitten am Nachmittag sein …

Ich habe den ganzen Vormittag durchgeschlafen, dank Will, doch das spärliche Licht, das durch die Blätter dringt, ist grau.

»Nirgends«, antwortet einer der Blutritter. Sein Helm unterscheidet sich ein wenig von dem seines Kameraden, daher nehme ich an, dass es sich um Flynn handelt, nicht um den schweigsamen, mürrisch wirkenden Gabriel, der in der Kutsche neben Titus saß. Flynns Stimme hat einen seltsam angenehmen Klang – hell und freundlich und beinahe entwaffnend. »An einem der zahlreichen privaten Bahnhöfe des Königs in einem der zahlreichen verlassenen Wälder von Eerie.«

»Verlassen?«, murmle ich. »Wie können die Wälder denn verlassen sein?«

Obwohl ihre Augen größtenteils verdeckt sind, entgeht mir nicht, wie Gabriel und Flynn einen Blick wechseln.

»Mythen«, erklärt Will mir, seine Miene neutral. »Sie sind vor Hunderten von Jahren aus diesen Wäldern geflohen.«

Titus lässt den Blick über den Wald schweifen und verzieht mit einem angewidert wirkenden Ausdruck den Mund. »Oder zumindest diejenigen, die meine Vorfahren nicht ausgerottet haben.« Er spielt die Rolle des grausamen, arroganten Prinzen mit solcher Leichtigkeit. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass alles nur Show ist. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, setzt Titus sich auf dem Bahnsteig in Bewegung und befiehlt Will mit einem simplen Nicken, ihm zu folgen. »Wartet hier«, weist er Gabriel und Flynn an. »Passt auf sie auf.«

Ich stehe zwischen den beiden Blutrittern auf dem alten, verrottenden Bahnsteig, die Arme um meine Brust geschlungen, um nicht zu zittern. Man hat mich angewiesen, dreckige Lumpen zu tragen und nicht zu baden, bevor die Starchaser an der Cutthroat Coast vor Anker ging. Ich sollte wie eine verstörte Gefangene aussehen. Und ihr unbehagliches Schweigen verrät mir zweifelsfrei, dass diese beiden Blutritter nie und nimmer glauben, der König hätte vor, mich zur Ritterin zu schlagen, weil er der Ansicht ist, ich hätte es verdient. Ich – ein schwaches, verängstigtes kleines Mädchen, das gerettet werden musste. Eine verräterische Gaunerin, die man stets im Auge behalten muss, nur für den Fall, dass sie zu fliehen versucht.

Gut. Ich liebe es, unterschätzt zu werden.

»Miss …« Das Wort hat Flynns Lippen gerade erst verlassen, als ein Pfeil an meinem Ohr vorbeisaust.

Gabriel schiebt mich hinter sich und die beiden Blutritter ziehen ihre scharlachroten Waffen. Flynn nimmt die Armbrust von seinem Rücken, während Gabriel zwei riesige Schwerter aus blutroten Scheiden an seinen Hüften zückt.

»Bring sie rein!«, brüllt Gabriel und seine raue Stimme dröhnt in meinen Ohren, als er mich zu Flynn stößt.

Flynn reißt an derselben Tür, durch die Titus und Will erst vor wenigen Minuten in den Zug gestiegen sind, aber sie rührt sich nicht. »Sie ist abgeschlossen!«

»Verdammt«, knurrt Gabriel. Ein Pfeil prallt von seiner Schulter ab. »Gib mir Deckung!«

Gabriel stürmt in den Wald, bewegt sich überraschend schnell und leichtfüßig, trotz seiner Rüstung, und schon einen Moment später verliere ich ihn in dem wild wuchernden Dickicht aus den Augen.

Der Pfeilhagel verebbt sofort, als Gabriel zwischen den Bäumen verschwindet, die unheimliche Stille des Waldes nun ohrenbetäubend. Flynn schiebt sich vor mich. Er dreht den Kopf nach links, nach rechts. Laub raschelt ganz in der Nähe und er zielt mit seiner Armbrust in die Richtung, in der Gabriel verschwunden ist, aber der Blutritter taucht nicht wieder auf. Flynn macht einen Schritt auf das Dickicht zu und instinktiv halte ich die Augen für ihn offen, konzentriere mich auf das undurchdringliche, schneebedeckte Unterholz, in dem Schatten aus der Dunkelheit zu sickern scheinen …

»Hinter …!«, will ich ihn warnen, doch es ist zu spät.

Flynn wirbelt herum, seine Armbrust erhoben, doch die dunkle Gestalt ist bereits an ihm vorbei und schlägt ihm die Waffe aus der Hand und auf den Boden. Der Angreifer stürzt sich auf den Blutritter, aber ich kann sein Gesicht nicht sehen. Eigentlich kann ich ihn überhaupt nicht sehen. Die Gestalt scheint aus Schatten zu bestehen – eine Manifestation der Dunkelheit selbst.

Was ich jedoch sehen kann, ist der unheilvoll aussehende Dolch in ihrer verschwommenen Hand, seine Klinge, graviert mit uralter Schrift, schwelend vor grüner Energie, die beinahe … lebendig wirkt. Die Waffe flüstert etwas, zu leise, als dass ich es hören könnte, mit einer Stimme, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Angreifer ein Unterling ist, aber er sieht anders aus als die Sylks und Shifter, die ich bisher gesehen habe. Sie hatten stets von einem Wirt Besitz ergriffen oder eine menschliche oder tierische Form angenommen, aber diese Schattenkreatur scheint etwas völlig anderes zu sein. Ich kann das Böse spüren, das sie ausstrahlt, und begreife instinktiv, dass dies eine andere Art von Unterling ist. Voller Entsetzen beobachte ich, wie die Gestalt ihren Dolch in einen der schmalen Schlitze über dem linken Auge des Blutritters sticht.

Flynns Schrei ist ohrenbetäubend.

Der Unterling richtet seine glühend roten Augen auf mich. Neigt seinen schattenhaften Kopf zur Seite.

Flynns Armbrust ist nicht weit von meinen Füßen gelandet, aber ich wäre nicht schnell genug, um sie mir zu schnappen, deshalb verharre ich absolut still. Atme tief ein. Versuche, mein wild rasendes Herz zu beruhigen.

Das in meinen Ohren rauschende Blut übertönt Flynns qualvolle Laute.

»Hat mein Bruder dich geschickt, um mich zu holen?«, flüstere ich so leise, dass der Blutritter es nicht hören kann.

Der Angreifer richtet sich mit einer fließenden Bewegung auf und legt den Schleier aus Schatten ab, als sei er nichts weiter als ein Umhang, der sich in Luft auflöst. Vor mir steht ein schlanker Mann. Seine Kleidung scheint aus schwarzen Bandagen zu bestehen. Dieselbe schwarze Gaze verhüllt sein Gesicht, bedeckt alles bis auf seine nun goldenen Augen.

Er umschließt den glühenden Dolch mit seiner behandschuhten Faust und die grüne Energie züngelt über seine Finger, sein Handgelenk, seinen Unterarm.

»Verlass Eerie«, ertönt eine tiefe, harsche Stimme, »oder finde den Tod.«

Meine Handflächen jucken vor Verlangen, Metall auf meiner Haut zu spüren. Verdammt seien Will und Titus, weil sie darauf bestanden haben, dass ich unbewaffnet bleibe!

»Du kannst mir nicht wehtun«, erwidere ich langsam und blicke auf seinen Dolch hinunter.

Seine Augen verengen sich. »Eine gefährliche Annahme«, krächzt er, seine Stimme rau wie Schotter.

»Ich bin beschützt.« Ich schlucke schwer, passe auf, nicht mein Armband zu berühren und seine Aufmerksamkeit auf den Talisman zu lenken – auf das Band aus geflochtenem Leder, das alle in meiner Familie tragen und das mit einem mächtigen Zauber belegt wurde, der stark genug ist, einen Unterlingangriff abzuwehren. »Durch Magie. Kein Unterling kann mir Schaden zufügen.«

Seine goldenen Augen blitzen amüsiert auf. »Wer hat denn irgendwas von Unterlingen gesagt?«

Die Zugtür scheppert, so als würde jemand versuchen, sie von innen aufzuschließen.

»Macht das verdammte Ding auf!«, höre ich Titus’ gedämpfte Stimme durch das Metall.

»Sie klemmt!«, ruft eine andere Stimme aus dem Inneren des Zugs.

Der Angreifer macht einen weiteren Schritt auf mich zu und schließt die Lücke zwischen uns.

»Geh«, krächzt er, »oder stirb.«

Die Zugtür kracht so laut, als würde sie aus den Angeln gerissen. Mein Angreifer wirbelt herum, nun wieder in Schatten gehüllt, und noch bevor ich die Bewegung wirklich wahrnehme, ist er verschwunden.

4

Titus steht in der Tür des Waggons, seine Augen geweitet, während er die Szene aufnimmt. Sein Blick schweift über die Gleise, landet zuerst auf Flynn, der sich vor Qualen windet, dann auf Gabriel, der kurz nach dem Verschwinden des Angreifers wieder auftauchte und nun um Hilfe ruft, über seinen verwundeten Kameraden gebeugt. Dann sieht Titus mich und ein wilder Ausdruck blitzt in seinen Augen auf.

»Rein hier«, zischt er heiser. Er packt mich am Arm und zieht mich in den Waggon, zerrt mich halb den Gang hinunter, vorbei an einer Gruppe dort versammelter Offiziere. Ich nehme meine Umgebung kaum wahr, erkenne nur, dass eine Seite des Waggons von Türen gesäumt ist und wir uns offenbar in einem Schlafwagen befinden.

Titus bleibt erst stehen, als wir den nächsten Waggon erreichen – wie es aussieht, ebenfalls ein Schlafwagen. Er blickt über seine Schulter und schaut sich um, bevor er die Tür zu einer kleinen Privatkabine öffnet und mich hineinzieht.

Er packt meinen anderen Arm und dreht sich zu mir um, lässt den Blick über jeden Zentimeter meines Körpers gleiten. »Bist du verletzt?«

Ich schüttle den Kopf, nicht in der Lage, seinen bohrenden Blick zu erwidern. »Mir geht’s gut«, versichere ich und hasse die Hitze, die mir in die Wangen steigt. Ich winde mich aus seinem Griff. »Wo ist Will?«

Er schluckt und seine Kehle zittert vor Anstrengung. »Er bringt die Passagiere aus diesem Waggon in den vorderen Teil des Zugs.«

»Warum?«

»Damit wir ungestört sind.« Titus weicht einen Schritt zurück und steckt die Hände in die Hosentaschen, aber seine Augen schweifen weiter über mein Gesicht, mein Haar. »Es hat sich herumgesprochen, dass du an Bord dieses Zugs bist. Und du bist ziemlich … populär.« Er runzelt die Stirn. »Wir hätten dich nicht allein lassen sollen.«

»Ich war nicht allein«, entgegne ich und ziehe eine Augenbraue hoch. »Du hast mich mit zwei Blutrittern zurückgelassen. Du konntest nicht …«

»Wir hätten es besser wissen müssen.« Er presst einen zischenden Atemstoß zwischen seinen Zähnen hervor und fährt sich mit den Händen durchs Haar. Lose blonde Strähnen fallen herab und umrahmen sein Gesicht. »Ich hätte es besser wissen müssen.«

Es grummelt säuerlich in meinem Magen. »Ich kann auf mich selbst aufpassen. Und davon abgesehen, falls mir irgendwas passieren sollte, bin ich sicher, es ist noch nicht zu spät für dich, dir eine neue verfluchte Piratin zu suchen, die Sylks spüren kann.«

Er sieht mich an, seine Miene angewidert verzerrt. »Was?«

»Du kannst dir das Theater sparen, Titus – Shade –, wie immer du auch heißt.«

Er spannt den Kiefer an, kneift die Augen zusammen. »Theater?«

»Sprechen wir jetzt nur noch in Ein-Wort-Sätzen?« Ich verdrehe die Augen. »Ja, Eure Hoheit, das Theater. Ich habe keine Ahnung, wer du wirklich bist, aber es ist schon schwer genug, den aufgeblasenen Prinzen und den mitfühlenden Piratenkapitän voneinander zu unterscheiden. Sicher, wir haben eine Abmachung getroffen, aber dafür ist es nicht nötig, so zu tun – auch nur für eine Sekunde –, als würden wir uns für das Wohlergehen des anderen interessieren, solange es nichts damit zu tun hat, wozu wir einander verhelfen können. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Er verzerrt die Lippen zu einem giftgetränkten Lächeln. »Glasklar.« Er wendet sich ab, als wollte er gehen, hält dann jedoch inne und seine Schultern zittern mit einem kaum unterdrückten Kichern.

Zorn brennt in meinem Rachen wie Säure. »Habe ich vielleicht irgendetwas Amüsantes gesagt?«

Er dreht sich wieder zu mir um, ein spöttisches Grinsen auf dem Gesicht. »Na ja, du schienst dich durchaus für mein Wohlergehen zu interessieren, als du dachtest, Will hätte mir eine Klinge ins Herz gerammt.«

Meine Ohrenspitzen fühlen sich an, als stünden sie in Flammen. »Ja, na ja, ich war verwirrt. Das ist alles.«

Er bohrt die Zunge gegen die Innenseite seiner Wange und schnaubt höhnisch. »Verwirrt.«

»Verwirrt«, bekräftige ich und spanne herausfordernd die Schultern an. »Ich musste zusehen, wie Will eine Klinge in Shades Herz rammte. Du musst mir schon nachsehen, dass ich mich noch immer nicht ganz daran gewöhnt habe, dass ihr ein und dieselbe Person seid, Eure Hoheit.«

»Ach?« Er zieht eine Augenbraue hoch. Mit einem blitzschnellen Manöver klemmt er mich zwischen sich und der Wand ein und stützt sich mit einer Hand über meinem Kopf ab. Er türmt sich vor mir auf, ebenso bedrohlich, wie er in all den Geschichten beschrieben wird. »Dann interessiert es dich also nur, ob Captain Shade stirbt«, sagt er mit tiefer Stimme. Ich erhasche einen Blick auf den bösartigen Prinzen, für den alle ihn halten, als er mich mit grausamem, berechnendem Blick beäugt. »Nicht ich.«

Die Luft scheint elektrisch geladen, knistert rings um uns, als könnte sie jeden Moment Feuer fangen. Nicht ich. Nicht Titus, der Prinz, der mich in meinen Albträumen heimsucht, seit wir Kinder waren. Nicht der Prinz, der angeblich Menschenblut trinkt, ihre Herzen verspeist und ihre Köpfe auf den Burgmauern aufspießt. Nicht der Prinz, der sich als Captain Shade maskiert, Held meines Volks.

Langsam dämmert mir, dass ich keinem von beiden wirklich vertrauen kann.

Ich lehne mich vor, am ganzen Körper zitternd vor Wut. »Korrekt.«

Er grinst, seine Augen funkelnd. »Wer spricht jetzt in Ein-Wort-Sätzen?«

Sein Atem haucht über mein Gesicht und der salzige Meeresgeruch erinnert mich an diesen Kuss unter Wasser. Nur mit größter Anstrengung gelingt es mir, den Blick nicht zu seinem Mund zu senken, als seine Zunge zwischen seinen Lippen hervorschnellt und sie befeuchtet, so als wollte er etwas sagen und …

»Oh!«, ist eine zarte Mädchenstimme zu hören.

Wir reißen die Köpfe zu der offenen Tür herum, in der ein Mädchen in schwarz-weißer Uniform steht, schwere Taschen in beiden Händen. Sie starrt uns mit heruntergeklappter Kinnlade an.

»Du bist hier falsch«, presst Titus knurrend hervor, lässt seinen Arm sinken und weicht einen großen Schritt zurück. Er funkelt das Mädchen an und sein ganzes Wesen vibriert praktisch vor Zorn, seine Miene finster.

Sie klappt den Mund zu und die Überraschung in ihren Augen verwandelt sich schnell in Angst. »M-mein Prinz«, stammelt sie. »V-verzeiht mir … ja, ja, ich bin hier falsch … ich suche …«

Sie vollführt einen Knicks und verliert dank der schweren Taschen beinahe das Gleichgewicht, bevor sie wieder in die Richtung verschwindet, aus der sie gekommen ist.

»Du glaubst doch nicht, dass sie …« Mir schlägt das Herz bis zum Hals. »Du bist verlobt! Wir sollten nicht allein zusammen gesehen werden. Was, wenn sie …«

»Was, wenn sie es der ganzen Bekannten Welt verkündet?« Titus schnaubt verächtlich und rollt mit den Augen. Er grinst schief und die aufgeladene Spannung zwischen uns flaut zu einem müden Brummen ab. »Machst du dir Sorgen, du könntest einen Skandal verursachen?«

»Du bist so ein Arschloch«, fauche ich ihn an und haue ihm auf die Brust. Leiser zische ich: »Es wird alles umsonst gewesen sein, wenn es mir nicht gelingt, mich bei deiner Verlobten beliebt zu machen. Ich muss nahe genug an sie herankommen, um wirklich sagen zu können, ob sie von Morana besessen ist, schon vergessen?«

Titus zuckt bei dem Wort Verlobte zusammen. Oder vielleicht bilde ich es mir nur ein.

»Glaub mir, es wird dir nicht schwerfallen, der Prinzessin nahe genug zu kommen, um die Sylkkönigin zu entdecken«, erwidert Titus mit barschem Tonfall. »Morana hat sich gewiss Leos ganze Persönlichkeit angeeignet.«

»Leo?«, frage ich. Es ist das erste Mal, dass ich höre, wie jemand die Prinzessin von Hellion bei ihrem Namen nennt, und für einen Moment durchdringt er den Nebel der Wut, die ich für Titus empfinde.

Er lässt ein wenig die Schultern sinken, sein Mund zu einer dünnen Linie verzerrt. Dann nickt er. »Leo«, sagt er, »ist eine unglaublich liebenswerte Person. Es ist nicht schwer, sich mit ihr anzufreunden. Noch nicht mal für dich«, fügt er hinzu und um seine Lippen zuckt ein verspieltes Grinsen.

Scham krampft mir den Magen zusammen. Ich war so darauf fokussiert, Morana zu enttarnen, dass ich kaum an die junge Frau gedacht habe, von der sie Besitz ergriffen hat – an die junge Frau, die sterben muss, wenn wir Morana dazu zwingen wollen, ihre körperliche Gestalt anzunehmen. »Sie klingt wundervoll«, flüstere ich.

Erneutes Nicken. »Leo und ich kennen einander schon, seit wir Kinder sind.« Er seufzt. »Und sie hat ein vielleicht noch größeres Talent dafür, Unfug zu stiften, als ich.« Wieder taucht der Anflug eines Lächelns um seine Augen auf, aber er verschwindet sofort wieder. »Sie hatte so ein ansteckendes Lachen.«

Hatte.

Ich weiß nicht, warum, aber ich kann nicht verhindern, dass die Worte über meine Lippen purzeln. »Was, wenn die Prinzessin nicht besessen ist …«

»Ist sie.« Seine Miene verhärtet sich. »Ich wusste es von dem Moment, als sie eintraf. Leo ist nichts weiter als ein Kostüm, in das Morana geschlüpft ist. Das Mädchen, das ich einst kannte, gibt es nicht mehr.«

Ich erkenne den Schmerz in seiner Stimme, in seinen Augen.

»Aber wenn sie nicht besessen wäre«, beginne ich erneut, »würdest du dann …«

»Würde ich dann anders dabei empfinden, sie zu heiraten?« Titus’ Miene wird weicher. Er zwickt seine Nasenwurzel und atmet tief durch. »Ich habe stets geahnt, dass meine Eltern versuchen würden, eine Allianz mit Hellion zu schließen – das haben wir beide –, aber weder sie noch ich wollte das hier. Leo war meine Freundin. Nichts weiter. Darum habe ich auch sofort Verdacht geschöpft, als sie nicht mehr sie selbst war.« Er verzieht das Gesicht. »Diese Leo könnte gar nicht begeisterter über unsere bevorstehende Hochzeit sein.«

Ein Knoten bildet sich in meiner Kehle. »Glaubst du«, frage ich zögernd, »Leo könnte möglicherweise anders empfinden als du? Vielleicht hat sie sich verändert. Vielleicht …«

»Nein«, unterbricht er mich bestimmt. »Da bin ich mir ganz sicher.«

»Aber Titus …«

»Nein, Aster«, fährt er mit zusammengebissenen Zähnen dazwischen. »Leo ist fort. Und es ist auch nicht nur die Hochzeit! Es ist …« Er zögert, spricht dann mit flüsternder Stimme weiter. »Als Leo in der Burg Grim eintraf, bat sie darum, die Blutrosen sehen zu dürfen.«

Vor Monaten hat Will mir alles über die Blutrosen beigebracht und mir erklärt, dass ihre Blüten Manan produzieren, eine glitzernde goldene Substanz, die auch als »Staub der Schöpfung« bekannt ist. Manan verleiht Nightweavern wie Menschen magische Kräfte, sofern sie es in die Finger kriegen können, und der letzte noch verbliebene Blutrosengarten befindet sich angeblich in der Burg Grim. Damit ist Manan eine ebenso seltene wie hochbegehrte Ressource und selbst für Adlige schwer zu beschaffen.

»Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht«, fährt Titus fort. »Leo hatte den Garten schon oft gesehen, auch wenn sie immer eine gewisse … Abneigung dagegen geäußert hat. Sie mochte das Gefühl nie, das Manan in ihr auslöste – hasste es sogar. Doch an jenem Abend im Garten sagte sie etwas zu mir – etwas sehr Eigenartiges.«

Ein Muskel zittert in seinem Kiefer und er presst die Lippen zusammen, als versuche er zu verhindern, dass die Worte aus seinem Mund sprudeln – ein letzter Versuch, seiner Freundin diese weitere Anschuldigung zu ersparen.

»Was hat sie gesagt?«, flüstere ich, dränge ihn fortzufahren, auch wenn ich es hasse, das tun zu müssen.

Titus rümpft die Nase und räuspert sich. »Sie hat gesagt: ›Denk doch nur mal darüber nach, was wir erreichen könnten, wenn wir die Blutrosen nicht mehr als Manan-Quelle bräuchten.‹ Sie fing an, von ›unserer Herrschaft‹ zu reden und davon, alternative Manan-Quellen zu suchen – menschliche Quellen.« Er verzieht angewidert die Lippen, und während ich sein Gesicht betrachte, fallen mir Wills Worte von vor langer Zeit wieder ein: Blut ist die reinste Quelle für Manan – und Menschenblut ist am mächtigsten.

»Die Leo, die ich kannte, hätte so etwas niemals gesagt. Es war, als … als sei sie eine völlig andere Person.« Er nickt, so als würde er noch immer versuchen, sich selbst davon zu überzeugen. »Sie ist besessen und das Einzige, was ich jetzt noch tun kann, um ihr zu helfen, ist, ihr einen würdevollen Tod zu geben – sie von Moranas Kontrolle zu befreien.«

Einen würdevollen Tod. Dasselbe hatte Owen auch mir versprochen, als wir von den Nightweavern umzingelt waren, die uns aus unserem Leben auf See rissen und in ein Leben an Land verschleppten. Ich wusste, was er zu tun bereit war – dass er, wenn er mich nicht retten konnte, derjenige sein würde, der meinem Leben ein Ende bereitete.

Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob Titus sich nicht doch irrt, was Leo betrifft, aber wenn auch nur die winzigste Chance besteht, dass er recht hat und dass Morana zu enthüllen, wirklich die Heilung für Will und mich bedeuten würde, dann bleibt mir keine andere Wahl, als zu hoffen, dass er richtigliegt.

»Falls Leo besessen ist …«, erwidere ich leise, »woher willst du dann wissen, dass es Morana ist und keine andere Sylk?«

»Ich …« Er schaut aus dem Fenster, blickt in weite Ferne. »Ich spüre es einfach. Ich habe schon viele Sylks gesehen – gegen sie gekämpft, sie verbannt. Aber in jener Nacht mit Leo im Garten habe ich etwas anderes gespürt. Etwas Uraltes und Böses und …« Er schüttelt den Kopf. »Es ist Morana, da bin ich mir ganz sicher. Und mit deiner Fähigkeit, Sylks zu sehen, können wir es auch beweisen.«

Ich zögere. »Falls es Morana ist«, beginne ich und spreche hastig weiter, bevor er mich korrigieren kann, »wie willst du sie dann dazu zwingen, ihre körperliche Gestalt anzunehmen?«

Angespannt atmet er aus, zwickt erneut seine Nasenwurzel. »Daran arbeite ich noch.«

Mir bleibt der Mund offen stehen. »Daran arbeitest du noch?«, erwidere ich. »Willst du mir etwa sagen, ich habe das alles auf mich genommen – ich werde den Eid als Blutritterin ablegen, verdammt –, obwohl du noch nicht mal einen Plan hast?«

»Ich habe einen Plan«, presst er durch zusammengebissene Zähne hervor. »Aber über die Einzelheiten … musst du dir nicht den Kopf zerbrechen.«

Ich schnaube verächtlich und recke den Hals, um ihm direkt in die Augen zu schauen. »Es ist meine Aufgabe herauszufinden, ob sie wirklich besessen ist. Und das kann ich nur wegen meines Fluchs tun – du weißt schon, der Fluch, den nur Morana brechen kann?«

Er spannt den Kiefer an. »Es ist kompliziert«, sagt er, seine Stimme überraschend weich. »Dein Volk glaubt schon seit Langem, es gäbe ein Ritual, mit dem man Morana dazu zwingen könnte, ihre körperliche Gestalt anzunehmen. Aber dazu ist eine immense Kraft nötig und …«

»Und?«, hake ich nach, doch meine Stimme bricht.

Titus kneift die Augenbrauen zusammen. Sein Blick wirkt plötzlich leer, so als sei er in Gedanken weit entfernt. »Und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich wirklich dazu in der Lage bin zu tun, was getan werden muss, um unser Ziel zu erreichen.«

Eine böse Ahnung senkt sich in meinen Magen. »Sag es mir«, erwidere ich und versuche es mit einem gelasseneren, sanfteren Tonfall, doch meine wachsende Frustration sickert hinein und färbt meine Worte. »Ich kann helfen. Ich will helfen.«

Er schaut mich an und es liegt eine solche Traurigkeit in seinen Augen – ein solcher Herzschmerz –, dass ich das Gefühl habe, nicht Captain Shade vor mir zu sehen, nicht Prinz Titus, sondern jemand völlig anderen. Einen Moment später räuspert er sich und seine Miene verhärtet sich, seine Augen nun kalt und leer, so als hätte ich mir den Kummer nur eingebildet, der ihn noch vor wenigen Augenblicken so völlig verändert hat.

»Du hilfst bereits«, versichert er mir. »Du wirst deine seltsame, einzigartige Fähigkeit dazu benutzen, die großen bösen Schattenkreaturen zu entdecken«, fügt er hinzu und wackelt mit den Fingern. »Und ich werde das Ritual vollführen und Morana dazu zwingen, ihre körperliche Gestalt anzunehmen, um der Sylkkönigin ein paar magere Tropfen ihres Bluts abzuzapfen und es dazu zu benutzen, dich und unseren armen Freund William zu heilen. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Bevor ich irgendetwas erwidern kann, zieht er seine Jacke mit einem wütenden Ruck glatt und ergänzt: »Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, es ist jemand hier, der die ganze Zeit sehr geduldig darauf gewartet hat, dich begrüßen zu dürfen.«

Ohne ein weiteres Wort stürmt er aus der Kabine und aus dem Waggon.

Ich lasse mich auf das schmale Bett fallen und in meinem Kopf dreht sich alles. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Minuten verstreichen, bevor mich eine vertraute Stimme aus meiner Trance reißt.

»Ich glaube, wenn Lewis dich in diesen Lumpen sehen könnte«, bemerkt Margaret, »würde er einen Schlaganfall kriegen.«

5

Meine Schwester Margaret erdrückt mich fast mit ihrer Umarmung.

»Oh, Marge«, sage ich und Tränen brennen in meinen Augen. Ich löse mich von ihr und fädle meine Finger zwischen ihre. »Was tust du denn hier? Wie …«

»Lord William hat das arrangiert«, erklärt sie mir mit einem nervösen Kichern. »Ich bin deine Zofe, bis wir in Ink Haven eintreffen.«

»Ink Haven?« Allein die Erwähnung der Ortschaft, die sich in das Tal unterhalb des Anwesens der Castors schmiegt, erfüllt mich mit Sehnsucht. »Ich wusste gar nicht, dass wir …«

»Dort anhalten? Es war eine kurzfristige Entscheidung. Eigentlich sollte ich dich bis nach Jade begleiten, aber ich vermute, Lord William wollte sein Zuhause noch einmal sehen, bevor ihr alle zur Burg Grim weiterreist.« Sie schenkt mir ein wässriges Lächeln und mir wird ganz flau im Magen, als ich an die Hauptstadt denke – an Jade, wo ich zur Ritterin geschlagen werden soll. »Oh, Aster, er war ganz außer sich vor Angst. Er wollte nicht eher ruhen, bis er dich wiederhatte.«

Mein Magen schlägt Purzelbäume. Obwohl ich weiß, dass die Rettung nur vorgetäuscht war, ist die Vorstellung, dass Will alles darangesetzt hat, mich zu finden, mich wieder nach Hause zu bringen …

Ich drücke ihre Hände. »Ich bin so froh, dass du hier bist.«

Margaret erwidert die Geste. »Ich auch.« Sie sieht mich besorgt an. »Aster, was man sich erzählt, über Captain Shade …«

»Ich weiß.«

»Dann ist er wirklich tot?«

Ich hoffe, Margaret bemerkt mein Zögern nicht, als ich antworte: »Ich glaube schon.«

Sie kneift die Augen ein wenig zusammen. »Aber er hat dich nicht wirklich gefangen genommen, oder?« Sie betrachtet die Lumpen, die ich trage, und garantiert fällt ihr auf, was alle anderen inmitten des Trubels um meine Rettung übersehen haben: Ich bin unversehrt. Keine blauen Flecken, keine Schnittwunden. Und ich sehe auch nicht aus, als hätte man mich hungern lassen. Mit leiserer Stimme fügt meine Schwester hinzu: »Ich weiß, dass er nicht dafür verantwortlich war, was in Bludgrave passiert ist.«

Es kommt mir noch immer vor, als sei es erst gestern gewesen, dass der Sylk, der unseren Bruder Owen getötet hat, am Tag der Rechenschaft mit einer Meute von Unterlingen in Bludgrave Manor einfiel und die Gäste abschlachtete. Das Bild vom Ballsaal der Castors, Leichen auf dem blutgetränkten Boden verstreut, blitzt jedes Mal wieder auf, wenn ich die Augen schließe. Und das von Owen, der im Wald auf mich wartet, ein Dolch in seiner Hand …

Ich stecke den Kopf in den Gang hinaus, um mich zu vergewissern, dass wir allein sind, bevor ich die Kabinentür schließe.

»Was meinst du denn damit?«, frage ich unschuldig.

»Na ja, ich war schließlich dabei. Ich habe die Unterlinge mit eigenen Augen gesehen. Und …« Diesmal ist es Margaret, die zögert. »Jack hat mir alles erzählt.«

Jack. Der Stalljunge der Castors und ich wurden nach unserer Ankunft in Bludgrave Manor schnell Freunde, aber Margaret und er sind mehr als das. Ich hätte wissen müssen, dass er Margaret die Wahrheit über den Angriff erzählen würde, aber ich kann mir trotzdem nicht sicher sein, was genau diese Wahrheit umfasst. »Er hat dir erzählt …?«

Margarets Wangen erröten. Sie schiebt ihren Blusenärmel hoch und die Tintenlinien eines geflügelten Dolchs blühen auf ihrer Haut auf.

Mir gefriert das Blut in den Adern. Margaret trägt das Zeichen des geflügelten Dolchs, eine verzauberte Tätowierung, die symbolisiert, dass sie sich einer gefährlichen Mission verschrieben hat: dem Orden von Hildegarde, einem seit Jahrhunderten bestehenden Bündnis zwischen Menschen, Nightweavern und Mythen, das für Gerechtigkeit und die Befreiung aus der Herrschaft der Nightweaver kämpft. Es ist die gleiche verzauberte Tätowierung, die auch meinen Unterarm ziert.

»Oh, Marge«, stöhne ich. »Das hast du nicht! Das hat er nicht!«

»Jack …«

»Ich werde ihn umbringen.«

»Er wollte nur …«

»Das ist mir egal. Er ist tot.«

»Es war meine Entscheidung!«, erwidert sie, richtet sich gerader auf und zieht die Schultern zurück.

»Und was ist mit unseren Brüdern und unserer Schwester?« Mein Blut beginnt zu brodeln, erreicht seinen Siedepunkt. »Hat Jack sie auch alle rekrutiert?«

»Er hat mich nicht rekrutiert.« Wieder errötet Margaret. »Und nein, er hat es ihnen nicht erzählt. Sie wissen von nichts.«

»Gut.« Ich löse meine Fäuste. »Und dabei wird es auch bleiben.«

Sie nickt, ihre Miene plötzlich ernst. »Einverstanden.«

Die ganze Last von Margarets Geständnis senkt sich auf meine Schultern. Doch sie hebt sich sofort wieder und ich fühle mich so leicht wie seit Monaten nicht mehr. Wenn Margaret sich dem Orden von Hildegarde angeschlossen hat, dann muss ich vor meiner Schwester nicht mehr geheim halten, dass ich auch etwas damit zu tun habe. Wenigstens kann ich jetzt mit einem meiner Geschwister über alles reden.

»Es tut mir leid, dass ich es dir nicht schon längst erzählt habe«, sage ich leise.

Sie winkt ab. »Das konntest du nicht. Vor …« Sie stößt ein tiefes Seufzen aus und ich verstehe, was sie nicht laut aussprechen kann: vor Vaters Tod. »Ich hätte dir sowieso nicht zugehört. Ich hätte Nein gesagt.«

»Und jetzt?«

Ihre Augen funkeln, Feuer und Wut und bittere Trauer brennen in ihren blauen Iris. »Das muss ein Ende haben.«

Einen Moment lang kann ich sie nur anstarren – meine Schwester, die Kriegerin. Und in diesem Augenblick habe ich das Gefühl, dass alles möglich ist. Dass Margaret dem Orden nun angehört, kann alles verändern. Jetzt haben wir wirklich eine Chance.

Das muss ein Ende haben. Aber wenn es endet? Wenn der König und die Königin tot sind? Wenn Morana gefangen ist? Selbst wenn wir Erfolg haben, könnte es wirklich so einfach sein? Könnten wir sechshundert Jahren Krieg und Hass ein Ende setzen?

»Jack wusste, dass du wütend werden würdest«, sagt Margaret und ein Grinsen zuckt um ihre Mundwinkel, ein schelmisches Funkeln in ihren Augen. »Er erwartet das Schlimmste.«

Ich schnaube höhnisch. »Das Schlimmste würde er gar nicht aushalten.«

Wir brechen beide in schallendes Gelächter aus und lassen uns nebeneinander auf das Bett fallen. Gleichzeitig stoßen wir ein Seufzen aus und die kurze Atempause ist ebenso schnell wieder vorbei, wie sie begonnen hat.

Wir setzen uns auf, lehnen uns aneinander wie damals als Kinder, wenn wir uns in ihre Hängematte kuschelten, Geheimnisse miteinander teilten oder von Dingen träumten, von denen wir glaubten, sie niemals haben zu können. Mit einem stechenden Schmerz in der Brust wird mir bewusst, dass wir in all der Zeit, die wir bereits in Bludgrave wohnen, kaum wirklich miteinander gesprochen haben. Margaret begann dort ein neues Leben, während ich mich ganz fest an das alte klammerte, das wir zurückgelassen hatten.

»Also«, flüstert Margaret, »was ist wirklich passiert? Hast du ihn gesehen?«

»Wen? Captain Shade?« Ich zucke mit der Schulter und beiße mir auf die Unterlippe, ein Versuch, Zeit zu schinden, um mir eine Antwort einfallen zu lassen. »Nein«, sage ich schließlich vorsichtig und benutze eine Halbwahrheit, um die Lüge zu verstecken. »Er hat mich an Bord seines Schiffes nie aufgesucht.«

»Du warst auf seinem Schiff?«, quiekt sie beinahe. »Und, wie war es?«

»Wie auf einem Schiff.«

Sie verdreht die Augen. »Du weißt, was ich meine.«

Ich trommle mit den Fingern auf mein Hosenbein und tue, als würde ich darüber nachdenken. »Es war …« Ich spiele mit dem Gedanken zu lügen, aber: »Oh, Marge, es war genau wie in all den Legenden. Seine Crew war richtig Furcht einflößend und das Schiff … Die Starchaser ist so geheimnisvoll und fantastisch, ganz anders als jedes andere Schiff, das du je gesehen hast.«

Margarets Augen weiten sich staunend. »Das ist …« Sie runzelt die Stirn. »Das ist schrecklich traurig.«

Beinahe verlässt ein Warum? meine Lippen, bevor mir klar wird, was sie meint. »Ja«, stimme ich ihr zu und meine Stimme bricht. Ich habe eben erst erfahren, dass meine Schwester das Geheimnis kennt, das ich vor ihr verbergen musste – dass ich dem Orden von Hildegarde die Treue geschworen habe, genau wie sie nun auch –, und doch kann ich ihr nicht die Wahrheit über Captain Shades falsche Identität erzählen, von seinem falschen Tod ganz zu schweigen. Noch ein Geheimnis. Noch eine Lüge. »Es ist furchtbar.«

Einen langen Moment schweigen wir. Dann nimmt Margaret meine Hand.

»Da ist noch etwas, das du wissen solltest. Der König hat seine Männer nach Bludgrave geschickt«, berichtet sie leise und fängt meinen Blick ein. Sie kaut auf ihrer Unterlippe herum, als wüsste sie nicht recht, ob sie weitersprechen soll. »Sie mustern Lewis und Charlie für den Militärdienst. Sie sagten, die beiden würden möglicherweise für den Bund der Sieben eingezogen.«

Ich springe auf und mein Herz platzt beinahe aus meiner Brust bei dem Gedanken daran, meine Brüder könnten gezwungen werden, gegen die Unterlinge in den Kampf zu ziehen. Jack hat mir vom Bund der Sieben erzählt, und auch wenn sich die sieben Reiche der Bekannten Welt zusammengeschlossen haben, um gegen Moranas Armee zu kämpfen, betrachten sie ihre menschlichen Rekruten vor allem als Kanonenfutter. »Das können sie nicht tun! Will würde niemals zulassen …«