Nik - Christine Aigner - E-Book

Nik E-Book

Christine Aigner

0,0

Beschreibung

Nik, ein sechsjähriger Bub aus Maohadod, muss aus ganz bestimmten Gründen seine Jugend im Alter von sechs bis achtzehn Jahren auf der Erde verbringen. In einem kleinen bairischen Dorf unter der Leitung einer Fexe geht er zusammen mit anderen Kindern auf eine Zauberschule, um dort seine magischen Fähigkeiten unter ihrem Schutz entfalten zu können. Die Umstellung fällt ihm leicht, da eine Vielzahl vierbeiniger Freunde ihn unterstützen. Allen voran Caro, ein etwas groß geratener Appenzeller Sennenhund, seines Zeichens ein kluger Schattenhund, das Einhorn Resederl, eigentlich ein strafversetztes Brückendings mit Sprachfehler, sowie diverse hochwohlgeborene Katzen. In der Schule lernt er viele neue und auch alte Freunde kennen, und das Leben wäre zauberhaft, gäbe es da nicht den Schwarzen Engel, der mit seinem Hang zur schwarzen Magie sein Unwesen treibt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 578

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1. Wie Pumpernikl zu seinem Erden-Namen kam

Kapitel 2. Blaschinko

Kapitel 3. Sonntag vor der Schule

Kapitel 4. Der erste Schultag

Kapitel 5. Das Geschenk

Kapitel 6. Tod eines Talbeschützers

Kapitel 7. Mittwoch, dritter Schultag

Kapitel 8. Maus

Kapitel 9. Aus der Sicht der Maus Fridolina

Kapitel 10. Das geheime Treffen

Kapitel 11. Schulfreitag

Kapitel 12. Besuch…

Kapitel 13. Und noch mehr Katzen

Kapitel 14. Rosi und der verwilderte Garten

Kapitel 15. Es ist wieder Montag

Kapitel 16. Dienstag und magisches Lesen lernen

Kapitel 17. Ein Engel und etwas Skat

Kapitel 18. Eine grüne Schrift

Kapitel 19. Ein märchenhafter Ausflug und eine

Kapitel 20. Auf dem Weg zur Rabenburg

Kapitel 21. Im Boandlwald

Kapitel 22. Pfauenfedern

Kapitel 23. Um die Burg

Kapitel 24. Resederl ist ein Held

Kapitel 25. Theresa

Kapitel 26. Dohrle und Blasius

Kapitel 1. Wie Pumpernikl zu seinem Erden-Namen kam.

(Dieses Kapitel können Sie getrost überfliegen. Wenn Sie nicht gerade innenarchitektonische Interessen besitzen, birgt es die Gefahr der Langeweile. Andererseits sind die ersten Informationen über Niks Herkunft drin versteckt. Na, ich hab Sie jedenfalls gewarnt.)

Die Mama vom Pumpernikl wusste damals nicht so recht, welchen Namen sie ihrem Buben geben sollte.

Irgendetwas Liebevolles sollte es sein, etwas, das in Bayern nicht allzu negativ auffallen würde.

Bayern war ihre erste Wahl, da sie selber zu ihrer Erdenzeit im Bairischen Wald aufgewachsen war.

Außerdem war dieses kleine Dorf eines der besten magischen Dörfer weltweit, ihrer Meinung nach, wenn es darum ging, Kinder in Sicherheit groß werden zu lassen.

Sie wollte einen Namen, der sich nicht zu nordisch anhören sollte. Lange dachte sie darüber nach, holte sich bei der Familie und den Nachbarn Rat, was denn nun ein guter bairischer Name sein könnte.

Ihr Favorit war eigentlich Franz. Aber da war der Ehemann wieder dagegen. Der wollte was Einzigartiges, was Besonderes, aber eben auch etwas sehr Bairisches.

Seine Jugend hatte er in einer kleinen Stadt mit Stadtmauer und - eine geschichtliche Besonderheit dieser Gegend - einem bairischen Knödel am Rathaus verbracht.

Doch diese Stadt hatte ihren Zauber inzwischen verloren, so wollte und konnte er seinen Sohn nicht dorthin in Obhut geben.

Irgendwann fiel ihr ein, dass ihr in ihrer eigenen Erdenzeit, lang war`s her, einmal das Wort „Pumpernikl“ aufgefallen war. Sie wusste nicht mehr so ganz genau, was das gewesen war, aber der Klang gefiel ihr damals schon sehr gut. Ihr Mann war sich auch ziemlich sicher, dass in Bayern so niemand heißt und so hielt sie es für eine gute Idee, ihrem Sohn diesen Namen zu geben.

Sein eigentlicher Sternname, To-Li-Ma-Jo, wäre in dieser Gegend zwar auch sehr aufgefallen, war aber irgendwie nicht sonderlich bairisch klingend, dachte sie.

So kam es, dass in einem kleinen bairischen Dorf, so um die Zeit des Schulbeginns, plötzlich ein sechsjähriger Bub auftauchte mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Namen Pumpernikl.

Und - mit ein wenig Magie und etwas Zauberei - kam es den ursprünglichen Dorfbewohnern nicht in den Sinn darüber nachzudenken, wo dieser Pumpernikl denn so plötzlich hergekommen war. Außerdem waren sie aus bestimmten Gründen an Ungewöhnliches gewöhnt. Es war schließlich DAS magische bairische Dorf. Und zusammen mit dem Buben entstand auch ein goldiges kleines Häuserl am Dorfrand. Mit blauen Fensterläden übrigens. Auf dieses Blau hatte seine Mama bestanden, warum wusste er nicht, aber er vertraute darauf, dass seine Mama schon wusste, was sie tat.

Wie alle Kinder aus Maohadod war auch Nik von Anfang an möglichst sorgfältig auf diese Welt vorbereitet worden.

Nik hatte schon viel davon gehört, wie es hier auf Erden zugeht und dass nun mit seinem sechsten Geburtstag ein neuer Zeitabschnitt für ihn begann. Seine Eltern hatten ihn so gut wie möglich über alles Wichtige informiert.

So verstand er, dass für Erdenkinder zwei Dinge nicht möglich waren, die ihm so leicht fielen.

Das eine war, dass er problemlos schwere Dinge heben konnte. Sehr schwere Dinge. Kraft und Ausdauer waren ihm einfach gegeben. Ein Haus hochzuheben war für ihn nicht anstrengender als eine Briefmarke in die Hand zu nehmen. Es hatte ja auch nichts mit Muskelkraft zu tun, sondern eben mit Magie.

Auch, dass er sich mit allen Tieren und Bäumen unterhalten konnte, war für ihn normal. Meist lief dies in Gedanken ab, so dass ein Spaziergang im Wald für ihn ein herrliches Geratsche war, auch wenn er nach außen hin stumm erschien.

Und obwohl Nik von einem so ganz anderem Planeten kam, sah man ihm dies nicht an. Er schaute aus wie ein ganz normaler bairischer Bub. Einer mit dunkelbraunen, leicht gelockten Haaren und samtigen tiefbraunen Augen, mit einem von Grün ins fast Schwarze übergehenden feinen Rand. Eher stämmig als schlank und ein bisschen größer als der Durchschnitt der gleichaltrigen Buben.

Schade nur, dass die Eltern nicht mit ihm zusammen sein konnten. Nur eine kurze Zeit, dann mussten sie wieder auf ihren Stern zurück, da sie diese Erdenluft nicht gut atmen konnten. Es schien da allerdings erhebliche Unterschiede zu geben, was die Eltern der anderen Sternkinder anbelangte.

Aufgrund einer genetischen Verwirrung konnten wiederum alle Maohadod - Kinder im Alter von ca. sechs bis achtzehn sich nur in der auf der Erde vorherrschenden Atmosphäre gut entwickeln.

Also mussten die Sternkinder alle weltweit in dieser Zeit zwölf Jahre lang unauffällig gut untergebracht werden.

Nur einmal im Jahr, am Geburtstag, durften sie ihre Eltern dort oben für ein paar Stunden besuchen.

Dort oben. Wenn man in einer klaren Nacht hier von Erden aus in den Himmel schaut, dann kann man diesen Stern sehen, allerdings ist es schwer zu wissen, welcher es denn nun ganz genau ist. Sein Name ist für Irdlinge schwer, nein, eigentlich gar nicht aussprechbar.

Am ehesten kommt noch so etwas wie “Maohadod“ in die Lautsprachennähe.

Mit der Geburt jeden Kindes wurde gleichzeitig ein ganz besonderer Baum geboren. Der wuchs daheim Jahr für Jahr, und wenn die zwölf Jahre vorbei waren, dann war aus dem kleinen Baum ein stattliches Haus geworden.

Jede Nische, jeder Raum, jede Art der Einrichtung war dann genau so gewachsen, wie es dem individuellen Wunsch des dann jungen Erwachsenen entsprach.

Und es war jedes Jahr ein besonderes Geburtstagsgeschenk für die Kinder, oben auf ihrem Stern (eigentlich ein Planet, aber Nik sagte lieber Stern dazu) sehen und erleben zu dürfen, wie ihr Baum mehr und mehr zu einem gemütlichen Haus heranwuchs.

Damit sich die Kinder in ihrer Erdenzeit nicht so alleingelassen fühlten, konnten sie ihre Eltern täglich ein bisschen besuchen.

Beim Nik geschah das so: Jeden einzelnen Abend, wenn er - schon zähnegeputzt - brav im Bett war, ertönte diese wunderbare Musik: Silbern und schwebend, leise und zart beginnend, vervollkommnete sich der Ton, wurde lauter und reichhaltiger, wie eine wunderbare Ouvertüre, nur für Sternkinder wahrnehmbar. Es schwebte diese Musik in den Raum, verwob sich mit der irdischen Zeit. Und dann kam das Licht. Von einer so himmlischen sanften Farbe, ein bisschen, wie es entsteht, wenn die Sonne untergeht, aber ihre letzten Strahlen noch durch die tiefer liegenden Wolken reflektiert werden.

Dann wusste er, dass sie bald kommen würden. Die Mama nahm sich eigentlich immer für ihn Zeit, sie sorgte dafür, dass er gut und sicher schlafen konnte. Manchmal war auch der Papa dabei, aber meist musste der sich um andere schrecklich wichtige Dinge kümmern.

Seine Mama setzte sich dann zu ihm aufs Bett, und er erzählte ihr was alles geschehen war, auch wenn er wusste, dass sie von daheim aus immer wieder zu ihm hinunterschaute, um sozusagen aus der Ferne auf ihn aufzupassen. Sie hörte ihm geduldig zu, dann wurde noch gebetet, und ein kleiner Schutz - und Schlafzauber dazu und so beschützt konnte er dann meistens recht gut einschlafen.

Da er ja mit sechs Jahren noch klein war, hat ihm seine Mama noch etwas Besonderes mitgegeben. Es schaute aus, wie ein flacher Glasstein, war aber aus einem besonderen Material, eines, das es hier auf Erden nicht gibt. Dieser Stein hatte ein Loch, durch das eine silberne Kette befestigt war, so dass er den Stein bequem um den Hals tragen konnte. Der Stein schimmerte in einem hellblauen Ton und war federleicht.

Wenn er also Sehnsucht nach der Mama oder dem Papa hatte, dann musste er nur den Stein drücken und konnte den Eltern sagen, was er brauchte. Sie würden dann, so schnell es nur irgend ging, vorbeischaun und ihm helfen.

Da der Stein mit ihm magisch verbunden war, konnte er ihn nicht verlieren und es konnte ihm auch kein anderer diesen Zauberstein stehlen.

In der ersten Nacht im neuen Haus allerdings konnte er zuerst lange nicht einschlafen.

Zu neu und so vollkommen anders war es hier auf dieser Welt. Auch wenn er eigentlich sein ganzes Leben auf diesen Moment vorbereitet worden war. Mit Hilfe von Drei - D - Animationen hatte er immer wieder geübt, sich in dieser Welt zurechtzufinden, es war einfach eine vollkommen andere Sache, sie dann in Wirklichkeit zu erleben.

So lag er in seinem großen Bett und konnte durch eine durchsichtige Wand direkt in den Garten sehen. Auch über ihm war freie Sicht. Ein mit glitzerndem Glas gewölbtes Dach gab den Blick frei auf die Welt der Sterne, und Nik war sich sicher, welcher der funkelnden Lichter seine Heimat war. Zumindest so ungefähr. Was Glas war, das wusste er. Denn auf Maohadod waren alle Krankenhäuser aus Stein und Glas gebaut. Riesige, in der Sonne funkelnde Kuppeln, die höher als der Wald von Menschen erbaut wie Wächter über den Bäumen thronten.

Es war aber trotzdem äußerst seltsam, dieses Material in einem Haus zu finden. Auch dass er in so einem Bett lag, war für ihn höchst ungewöhnlich. Daheim bestand das Bett aus dem extra dafür passend gewachsenen Hausbaum. Das kuschelige Laub sorgte für Gemütlichkeit, das leise Summen und Singen des Baumes wiegte ihn jede Nacht mit sanften Schaukelbewegungen sacht in den Schlaf. Und nun auf diesem Bett liegen zu müssen, das so still und starr unter einem war, darauf war er beim besten Willen nicht vorbereitet. Es war ganz einfach fremd.

Vor der Südwand, mehr im Eck, stand ein großer Schreibtisch. Nik zeichnete gerne oder bastelte auch mal was, so dass das für ihn sehr praktisch war. Dazu gab es einen gemütlichen Lehnstuhl, der ihn die ganzen Jahre begleiten sollte. Pumpernikl war so erzogen, dass er auf seine Sachen gut aufpasste, und so war das ganze Haus wunderschön eingerichtet. Wochenlang hatte er mit seiner Mama zusammengestellt, was er haben wollte. Ein besonderer bairischer alter Schrank, traditionell in den Farben weiß und blau gehalten, hatte - dank Magie - unendlich viel Platz. Nik musste nicht nachdenken, sondern konnte so ziemlich alles in ihn hineinstopfen. Und von Schul - bis Anziehsach, sortierte sich der Inhalt ganz von selbst in eine übersichtliche Ordnung. Spielsach, wie es bei den Erdlingen üblich war, hatte er keins. Auf Maohadod spielte man mitnander draußen in der Natur.

Alles war hier so vollkommen anders. Kein vom eigenen Baum entworfenes und gewachsenes Baumbett, kein vom Hausbaum In-den-Schlaf-gesungen-werden, kein wunderbarer Laub - und Waldduft. Keine sanften und lustigen Gespräche von kleinen Tieren, die mit ihm im Baum der Eltern wohnten.

Stattdessen Federbett und Matratze, Möbel aus toten Bäumen, ein seltsam stilles Haus. Und die Gerüche, die ihn umgaben, konnte er teilweise noch gar nicht richtig einordnen.

Sein Schlafzimmer lag im Obergeschoss des kleinen Hauses, zusammen mit einem geräumigen Bad.

Das hatte er sich beim Zähneputzen genauer angeschaut und war sehr zufrieden damit. Verschiedenste Blautöne gaben ihm darin das Gefühl, am Meer zu sein, und kleine Einsprengsel aus Gold, Smaragdgrün und starkem Rot gaben viel Fröhlichkeit in dieses Bad. Seine Mama nannte es ein Hundertwasserbad und dankenswerterweise reinigte es sich selbst.

Auf der Etage gab es noch ein großes Gästezimmer mit kleinem Bad, aber das hatte sich Nik noch nicht genau angesehen, es war ja auch nicht für ihn, sondern für die Gäste. Seine Mama hatte es sicher auch schön eingerichtet, er würde es ein andermal anschaun.

Müde war er, der Nik, und als von seinem Stein ein sanftes liebes Strahlen ausging, fühlte er sich auf einmal wundersam geborgen und konnte am Ende doch noch gut einschlafen.

Voll frischer Energie wachte er am nächsten Morgen auf und sauste hinunter in das Erdgeschoss, das er jetzt mal gründlich besichtigen wollte.

Ein großes Wohnzimmer fand er da, mit anschließender Terrasse, die man durch die Glasfront gut sehen konnte, sie war mit Holzdielen ausgelegt. Dort gab es auch ein Glasdach, so dass man auch bei Regenwetter bequem auf dem Liegestuhl liegen konnte, auf der Hollywoodschaukel schaukeln oder eben nur brav am Tisch seine Hausaufgaben machen.

Die Glaswand im Wohnzimmer zog sich den ganzen Süden und Westen entlang.

Auf der rechten Seite wartete eine gemütliche Sitzgruppe mit einer gelben Couch, einem relativ hohem, zum Kartenspielen und Schreiben geeigneten Tisch aus Kirschholz, vollendet mit zwei bequemen Sessel, einer in türkis, einer mit lindgrünem Stoff bezogen und dazu noch ein blauer Schaukelstuhl mit der dazu passenden Stehlampe.

Auf der linken Seite war die Essgruppe. Vier Stühle um einen runden Tisch, auch der aus Kirschholz, die Sitzflächen der Stühle waren mit dem selben Stoff wie die Couchgarnitur bezogen. Einer in gelb, einer in türkis, einer in hellblau und einer in lindgrün. Farben waren seiner Mama immer sehr wichtig. Es konnte ihr fast nicht bunt genug sein.

Gleich links von der Treppe, war eine kleine Küchenzeile, darüber ein großer Spiegel, damit man beim Kochen den Garten sehen konnte, ohne sich umzudrehen. Was ihm einen Seufzer entlockte, denn es erinnerte ihn dran, dass er irgendwann einmal kochen lernen sollte. Aber in der nächsten Zeit würde ihm seine Mama bei den Abendbesuchen alles notwendige für den nächsten Tag bereitstellen.

Im Erdgeschoss gab es nicht mehr viel zu entdecken. Die Speis hatte er schon gefunden, sie war ja gleich nach der Haustür, wenn man das Haus betrat, auf der linken Seite.

Rechts neben der Garderobe, - seine Mama hatte ihm beigebracht, Schuhe gleich dort auszuziehen, - war noch ein Besucherklo. Der gesamte Vorraum lag zwischen der lila Haustür und der gelben Innentür.

Diese schwere Holzhaustür gefiel ihm am Besten. Mit bunten Glasteilen in pink und gelb wirkte sie einfach zauberhaft zusammen mit dem tiefdunklen Lila.

In der Speis im dickbauchigen zartgrünen Kühlschrank fand er neben vernünftigen Dingen wie Butter, Eier und Käs auch sein Lieblingseis im Gefrierfach. Eis gabs auf Maohadod auch, wenn auch vollkommen andere Sorten.

Vom Vorraum durch die Sonnentür gings dann wieder zurück ins große Wohnzimmer. Am Anfang fand er das alles etwas verwirrend, aber er war ein gscheider Bub und so dauerte es nicht mal eine Woche, bis er sich mit dem Haus auskannte und der kleine Garten war schnell sein Lieblingsplatz.

Sooo klein war der nun auch wieder nicht.

Da Pumpernikl ja sozusagen mit der Natur aufgewachsen war, kamen ihm die tausend Quadratmeter nur etwas klein vor.

In drei Stufen war man mitten in einer blumenbunten Sommerwiese. Rechts und links der Steintreppe dufteten die verschiedensten Rosen und die herrlichsten Farben wetteiferten um Aufmerksamkeit.

Der ganze Garten war von einer Weißdornhecke umsäumt mit dahinterwohnenden großen alten Bäumen. Ganz unten im Süden waren wunderschöne alte Weiden gewachsen, die sich so nah an dem kleinen Bach recht wohl fühlten.

Eine Trauerweide stand auch dabei.

Die Westseite wurde von den unterschiedlichsten Birkenarten geschmückt, am besten gefiel Nik die Papierbirke. Manchmal zog er vorsichtig ein Stück der schon abstehenden Rinde ab und zeichnete darauf. Das erinnerte ihn an daheim, die Bäume waren ihm wie gute alte Bekannte. Er war schon recht froh, dass wenigstens die Baumblätter genauso waren, wie die in seiner Heimat.

Was ihn allerdings erstaunte war, dass seine grünen Freunde verblüfft waren, dass er sie nicht nur verstand sondern auch mit ihnen reden konnte. Das passierte einem Erdenbaum anscheinend nur äußerst selten.

Im Osten standen dann die Exoten: Ein echter Tulpenbaum mit seinen blassgelben Blüten schenkte ihm manchmal ein Blatt und wenn er dann mit einem Bleistift etwas darauf schrieb, wurde die Schrift mit der Zeit golden.

Ein Gingko, wunderschön groß gewachsen, ein uralter Mammutbaum, beide konnten ihm viel erzählen über uralte Zeiten, da sie von ihren Ahnen noch so einiges an altem Wissen vererbt bekommen hatten.

Sein absoluter Lieblingsbaum war seine Trauerweide. Wer sich unter sie stellte, konnte einen Hauch von Frieden und Geborgenheit verspüren. Sie war brav so gewachsen, dass er ganz leicht hinaufkraxeln und es sich dann hoch oben in der Krone bequem machen konnte. Dort war dann eine Verzweigung, die es ihm erlaubte, sich gemütlich hineinzukuscheln, wie in ein kleines Nest. Auch hier war natürlich etwas Zauberei im Spiel, damit die Äste ihn auch tragen konnten ohne Schaden zu nehmen und ohne dass es für ihn - den Baum - zu anstrengend wurde.

Im Frühling sollte Nik noch einen zweiten Lieblingsplatz finden. Gleich nach den Rosen, unterhalb der Terrasse, stand eine japanische Zierkirsche. Sie war so gewachsen, dass man sich zur Blütezeit direkt unter das duftende, von Bienen umsummte rosa Meer legen konnte um zu träumen.

Der Garten gab dem Buben immer das Gefühl, geborgen und in Sicherheit zu sein, irgendwie fast so, wie er es auf Maohadod halt gewohnt war.

Und so nahte der erste Schultag, auf den er sich schon so sehr freute. Eine Schultüte wartete auf ihn, und, was für ihn das Wichtigste war, jede Menge andere Kinder. Für ihn waren all diese neuen Eindrücke so anstrengend, dass er sich noch nicht ins Dorf hineingetraut hatte und somit noch keiner Menschenseele begegnet war.

Aber bevor die Schule anfangen konnte, musste erst noch etwas ganz anderes geschehen. Seine Eltern hatten beschlossen, ihm noch jemand an die Seite zu geben, der ihm durch die irdischen Seltsamkeiten besser hindurchhelfen konnte. Sie hatten sich mit vielen Freunden gut beraten und dann gemeinsam den Entschluss gefasst, dass es an der Zeit war, Blaschinko auf den Plan zu rufen. Eigentlich hätte dieser schon viel früher im Dorf ankommen sollen, um alles gut für den Buben vorzubereiten, aber manchmal entwickeln sich die Dinge halt nicht so, wie sie sollten.

Kapitel 2. Blaschinko.

Manchmal passierte es nämlich, dass - sehr selten, aber ab und zu eben doch - einer der jungen Erwachsenen sich so sehr auf die irdische Atmosphäre eingestellt hatte, dass er dann doch lieber auf Erden blieb, wenn er denn mit der Atmung zurecht kam. Meist hatte er sich hier mehr oder minder unsterblich verliebt und wollte dann logischerweise lieber hier bleiben, da ja sein Partner nicht mit auf Maohadod konnte.

So wars zwar möglich, ab und zu seine alte Heimat zu besuchen, aber es führte oft zu Unstimmigkeiten in der Beziehung. Und Blaschinko war so einer. Zumindest in der offiziellen Version.

Seine Frau war schon vor langer Zeit gestorben, Kinder hatten sie nie bekommen, sie hatten sich bewusst dagegen entschieden, weil man ja nicht sicher sein konnte, ob diese denn in den ersten sechs Lebensjahren auf Maohadod leben würden oder doch eher hier auf Erden und so verzichteten sie schweren Herzens auf eigene Kinder.

Er selbst war schon im Rentenalter. Eigentlich langweilte er sich und so war er recht froh, dass er nun als

„Großvater“ eine verantwortungsvolle Aufgabe bekommen konnte und sein Herzenswunsch, sich um ein Kind kümmern zu können, ging damit endlich in Erfüllung.

Eigentlich hätte er viel früher da sein sollen, damit Pumpernikl nicht die erste Nacht alleine im großen Haus hätt sein müssen. Aber Blaschinko konnte nichts für seine Verspätung, er hatte alles so schön geplant. Da war Amora mit ihrem Dickkopf daran Schuld. Stuggi war ja von Anfang an brav mitgegangen.

Blaschinko hatte so seine ganz eigene Lebensauffassung.

Er mochte moderne Erfindungen weniger, dafür faszinierte ihn alles, was mit altertümlicher Mechanik zu tun hatte. Die meisten seiner Erdenjahre hatte er zusammen mit seiner Frau einen Bauernhof bewirtschaftet. Durch seine Fähigkeit sich mit den Tieren zu verständigen, konnte er ganz anders und recht harmonisch seine Ziele erreichen. Er hatte sich darauf spezialisiert, seltene Gemüse - und Getreidesorten anzubaun.

Stuggs, ein wunderschöner tiefschwarzer Ochse, war von Natur aus sehr friedlich und sehr brav. Er half ihm beim Pflügen und sozusagen indirekt beim Düngen, und Amora, eine etwas extravagante weißbunte Kuh, war für die Milchproduktion wichtig und natürlich als Gefährtin für Stuggi gedacht.

Beide hatte Blaschinko von einer lieben Bäuerin geschenkt bekommen, sie hatte im Laufe der Jahre gemerkt, wie gut Blaschinko mit den Tieren umgehen konnte und hatte gespürt, dass diese beiden Tiere irgendwie etwas ganz Besonderes waren.

Und Amora konnte - mit etwas Magie und Zauberei - Milch liefern, auch ohne je ein Kalb gehabt zu haben.

Allerdings nur, wenn sie auch wollte und sie wollte eher weniger.

Blaschinko wohnte mit seiner Farm sehr weit im Osten, weit weit weg vom Pumpernikl. Er hatte sich also frühzeitig vorbereitet, den Hof den nächsten Maohadodbewohnern weitergereicht und war mit Stuggs und Amora zu Fuß losgewandert, um dann den Nik in Ruhe willkommen heißen zu können. Direkt neben Niks Häuschen war ein Bauernhof hingezaubert, alles war gut hergerichtet, aber irgendwie hatte keiner mit Amoras Rechthaberei gerechnet.

All die anderen Tiere vom Hof wollten lieber dort bleiben und sich mit den neuen Besitzern anfreunden, da sie sich nicht vorstellen konnten, wieder in so einer herrlichen Gegend wohnen zu können. Manche waren gelinde gesagt auch einfach zu bequem für einen so weiten Umzug. Auch der Gedanke, die ganze Stecke zu Fuß gehen zu müssen, war nicht unbedingt motivierend. Nur die Kuh und der Ochs, diese beiden waren so sehr mit Blaschinko verbunden, dass sie bereit waren, neue Strapazen auf sich zu nehmen.

So wanderten sie eine lange Zeit quer durch Osteuropa und alles wäre wirklich gut gegangen, hätte Amora nicht jeden Tag eine andere Idee gehabt, warum man noch ein bisschen langsamer gehen könnte und warum es viel mehr Sinn machte, sich auf einer sonnigen Wiese auszuruhen, als noch ein paar Meter weiter zu laufen. Jedenfalls musste am End doch noch etwas extra Zauberei eingesetzt werden, etwas, was Blaschinko immer so gar nicht wollte, es ging ihm einfach aus guten Gründen gegen sein Prinzip, und so kamen die drei erst einen Tag, nachdem Pumpernikl schon da war, bei ihrem neuen Bauernhof an.

Stuggs und Amora trabten freudig auf ihre neue Sommerwiese, einen Zaun brauchte es ja nicht, Blaschinko konnte ihnen ja in Ruhe erklären, wo die Weidegrenzen lagen.

Er ging, obwohl er noch müde war, zum Pumperl, wie er ihn für sich gerne nannte, um sich mit ihm bekannt zu machen.

Nik war schon von seiner Mama auf diesen Neuzuwachs vorbereitet worden, und so war er nicht überrascht, als es so um elf in der Früh, na gut, eher am Vormittag, an der lila Haustür schellte.

Neugierig öffnete er die Tür und vor ihm stand ein großer kräftiger Mann mit etwas wild verwuscheltem weißen Haar, glatt rasiert, der ihn mit einem sehr liebevollen Blick aus grünblauen Augen anstrahlte. Zuerst sagte der gar nichts, aber dann gab er sich einen Ruck und meinte:

„Grüß dich, ich bin dein Großvater Blaschinko und pass auf dich hier unten auf Erden auf. Ich hoff, deine Eltern ham dir von mir erzählt? Du musst der Pumpernikl sein, stimmts?“

Nik legte den Kopf etwas schief und spürte, dass er diesem Mann vertrauen konnte und das Herz wurde ihm leicht, grad nach dieser für ihn so ungewöhnlichen Nacht in der neuen Umgebung.

„Ja, dann komm doch rein, dann zeig ich dir mein neues Haus. Darf ich Blasi zu dir sagen?“

Er durfte.

Gemeinsam wanderten sie durchs Haus und Blaschinko bewunderte die wunderschönen Tiffanylampen, die dem Haus zu einem zusätzlichen Flair verhalfen und es irgendwie zum schimmern brachten. Von der Deckenlampe bis zur kleinsten Tischlampe waren dadurch Farben aller Art ins Spiel gekommen, und es tat der Seele gut, die Farbharmonie auf sich wirken zu lassen.

Nach erfolgreicher Besichtigung gingen sie zurück nach unten in die Küche und Blaschinko bereitete ein Frühstück vor, mit Kakao für Nik und Kaffee für sich und er hatte ein selbstgebackenes Schwarzbrot mitgebracht, sowie Butter und Marmelade. All dies trugen die beiden mit zwei großen Tabletts auf die Terrasse, der runde Tisch war schnell gedeckt.

Es gab ja so einiges zu besprechen. Und es war ja auch nicht mehr so viel Zeit bis zum ersten Schultag. Bis dahin musste noch manches erledigt werden.

Mitten im Gespräch bazte sich plötzlich ein dicker Kopf durch Niks Gartenhecke und die tiefe Stimme von Stuggs brummte ein friedliches „Hallo“ zu den beiden hinüber.

„Du, Blasi? Schau doch mal rüber, die Amora und ich, wir finden des Wasser nicht.“

„Oh! Das hab ich doch glatt vergessen, ich komm gleich zu euch!“

„Darf ich mit?“

„Ja freilich, Pumperl, komm nur, dann zeig ich dir meinen Hof, allerdings muss ich mir den selber erst anschaun, ich hab noch kaum Zeit dafür gehabt.“

Bei dem Wort „Pumperl“ zuckte Nik kurz zusammen, aber er wollte seinen neuen Großvater nicht verärgern, so ließ er sichs halt gefallen, auch wenn er es unmöglich fand und er der Meinung war, dass Nik viel besser zu ihm passte.

Andererseits passte dann auch „Blasi“ besser. Er hatte ihn eigentlich damit tratzen wollen. Mitnander räumten sie den Tisch ab und spülten das Geschirr, die vorhandene Geschirrspülmaschine wurde von Blasius geflissentlich ignoriert.

„So geht’s eh viel schneller und des Geschirr wird viel sauberer und ich brauch des Glump ned“, brummelte er vor sich hin.

Dann gingen die zwei rüber, sich den Bauernhof anschaun, der ja für beide ein Novum war.

Amora und Stuggs warteten schon mehr oder minder geduldig.

Da die Tiere eine sogenannte Offenstallhaltung hatten, war auch im Innenhof bald die automatische Tränke gefunden.

Blaschinko fand diese Einrichtung zwar praktisch, aber eine alte Badewanne, die man halt regelmäßig mit frischem Wasser auffüllt, hätts für ihn auch getan.

Das Problem war nur gewesen, dass die kleine Tür zum Hof zugesperrt gewesen war. Und bei aller Gscheidheit, Türen öffnen war doch ein bissl zuviel verlangt von den beiden Großen.

Während also Stuggs und Amora sich um die wichtige Entscheidung stritten, wer denn nun als erster die ersehnte Tränke benutzen darf, - eine Diskussion, die dank körperlicher Durchsetzungsunhöflichkeit Amora gewann - konnten sich Blaschinko und Pumpernikl in Ruhe umschaun.

Das Hauptgebäude lag im Norden. Es war ein für einen Bauernhof ungewöhnliches Energieplushaus. Von außen mit großen, bodenlangen Fenstern und Türen versehen, hatte es einen die ganze Südseite entlanglaufenden drei Meter tiefen Balkon mit einer in den Innenhof reichenden Wendeltreppe.

Zur linken, also im Osten war der Winteroffenstall. Im ersten Stock lagerte jede Menge gutes Getreide, das man durch die dafür vorgesehene Schütte gleich in die darunter gebauten Futtertröge streuen konnte.

Dort waren auch das Stroh und das Heu gelagert, damit wurden durch die dafür gebauten Luken die Futterrauffen aufgefüllt.

Im Süden war dann der Sommeroffenstall. Dort gabs kein Futter, dafür aber jede Menge kühlen Schatten.

Im Westen war alles vorbereitet für die noch erwartete Hühnerschar und wer da sonst noch später vielleicht mal wohnen würde.

Und da war auch die Werkstatt für den Tüftler und Bastler, beinahe schon Erfinder. Eine große Werkbank stand schon darin, und an den Wänden ordentlichst aufgereiht hingen alle Arten von Werkzeug, die man vielleicht mal brauchen konnte.

Da die beiden Tiere nun zufrieden waren, Amora, weil sie rundum satt und nicht mehr durstig war und weil sie wieder mal ihren Dickkopf durchgesetzt hatte, und Stuggs, weil sie ihn endlich in Ruhe ließ, gingen Blaschinko und Nik ins Haupthaus, voller Neugier, was sie darin erwarten würde.

Da sie alle Zeit der Welt hatten, und noch ein bisschen mehr, fingen sie erst einmal mit dem Keller an. Dort waren interessante Warmwasserspeicher, aufgeheizt mit Solar vom Dach, eine Regenwassernutzungsanlage, eine große vollautomatische Pelletsanlage mit einem sehr großen Pelletsspeicher, ein großer Vorratsraum für alles, was später in der Speis keinen Platz finden wollte, ein extra Raum für ordentlich aufgeschichtetes Holz für den….

Und schon waren sie im Parterre und entdeckten in einer großen Stube den herrlichen Kachelofen. Um den Ofen herum war eine sehr bequeme Holzbank. Eine wundergemütliche Sitzgruppe mit Esstisch und eine große Kuchl. Ansonsten gab noch ein sehr praktisches großes Bad und drei Garagen, in einer stand tatsächlich ein alter Opel Kadett Caravan in himmelblau, als Solarauto umgebaut, den Strom lieferten die auf allen vier Gebäuden, teilweise der Sonnenrichtung angepassten Photovoltaikanlagen. In den beiden anderen Garagen standen allerlei Geräte, die wiederum der Großvater für seine etwas seltsame Art der Landwirtschaft gebraucht hatte.

Im Haus führte eine schöne breite helle Holztreppe zu einem kleinen Flur mit 4 Türen hinter denen vier verschieden große Räume lagen. Das größte Zimmer nach Nord-Osten gelegen, war eine Bibliothek. Die Wände waren bis zur hohen Decke gefüllt mit Büchern, soweit das Auge reichte. Im Raum verteilt standen bequeme Sessel und in gutem Winkel angebrachte Leselampen. Und jede Menge gemütliche kleine weitere Sitzgelegenheiten, deren Sinn und Zweck sich erst später offenbaren würde.

Eine Bogentür verband den Leseraum mit einem Musikzimmer, ein wunderbarer Flügel als zentraler Blickfang war so gestellt, dass man spielenderweise in den grünen Innenhof blicken konnte. Eine Harfe stand zugedeckt in einer Ecke, eine Notenbank verbarg die teilweise schon antiquarisch anmutenden aus aller Welt gesammelten Noten. Eine Geige ruhte im Geigenkasten, eine Trompete träumte im blauen Samt.

Dieser Raum nahm die Ostecke und über die Hälfte der Südseite ein. Auch hier gab es eine Bogentür, die in die südwestliche Hausecke führte.

Hier war ein Schlafzimmer, ganz aus Birkenholz gezimmert, durch das man dann zum vierten Zimmer gehen konnte, jetzt im Nordwesten. Das war nun ein reines Arbeitszimmer, mit Regalen voller Ordner und Papiere, sogar eine alte Schreibmaschine, eine Adler, stand darin. Zu Blaschinkos Leidwesen war es mit auch allem, was mit PC zu tun hatte, ausgestattet. Zu diesem Thema hatte er sich nie durchringen können, sodass es nur mit Hilfe von Magie und etwas Zauberei überhaupt möglich gewesen war, dass er sich in diese Materie einarbeiten konnte, und auch nur weil er wusste, dass er musste :-(

Um in die einzelnen Räume zu gelangen, war entweder ein Rundgang notwendig oder man konnte auch durch je eine Tür von der mittig gelegenen kleinen Diele die Zimmer betreten. Beheizt wurden die Räume mit einer sehr modernen Wandheizung, die ihre Energie aus der im Keller wohnenden Pelletsheizung bezog.

Vorhänge gabs, wie auch in Niks Haus, keine, wer hätte da auch schon hereinschauen können. Und so waren die Räume herrlich hell und man konnte wunderschön ins Grüne schaun.

Die dichte Hecke, durch die vorhin der Stuggs seinen dicken Kopf gebazt hatte, verband die beiden Grundstücke, und im Norden lief die wenig befahrene Dorfstraße vorbei und führte hinunter zum Dorfplatz.

Der war in der Mitte mit einem Brunnen besetzt um den herum sich wichtige Häuser gruppierten.

Etwas erhöht stand die wunderschöne kleine Barockkirche, in sanftem Gelb vom nicht mehr ganz jugendlichen, recht sympathischen Herrn Pfarrer höchstpersönlich angestrichen. Das ganze Dorf hatte Angst um ihn gehabt, er könnte vom Gerüst fallen. Ferner sah man ein um Aufmerksamkeit ringendes sehr rotes Rathaus und die Dorfschule, deren blauen Wände man nur im Winter erkennen konnte, so dicht war sie mit wildem Wein und Efeu umrankt.

Auch der Bio-Bäcker und eine sehr gute Metzgerei waren mit am Platz. Nicht zu vergessen ein seltsamerweise etwas ungemütliches, eigenartiges Wirtshaus.

Die Dorfstraße entlang siedelten sehr individuelle Häuser, immer auf den Besitzer hin abgestimmt, und gerade dadurch von einem hinreißenden Charme.

Dass es hier keine Gleichmacherei gab, war mit ein Grund, warum Pumpernikls Mama dieses Dorf so sympathisch fand. Und auch, dass es schon immer ein - sagen wir mal - etwas verzauberter Ort war.

Blaschinko und Pumpernikl waren fertig mit ihrem Rundgang und setzten sich nun gemütlich auf die Terrasse im Innenhof. Jeder mit einem großen Glas selbstgemachter Brombeerlimonade ausgestattet.

Blaschinko war sehr stolz auf seine Koch - und Backkunst. „Kann ich dich mal was fragen?“, eröffnete Nik das Gespräch.

„Freilich, was willst denn wissen?“

„Warum genau kommst denn erst jetzt? Die Mama hat mir gesagt, eigentlich hättest schon viel früher da sein sollen.“

Blaschinko dachte erst eine Weile gründlich nach, wie er das jetzt am besten erklären konnte.

„Ja weißt, des is aso.“, fing er an.

„Ich wollt halt zu Fuß hierher kommen und weil die beiden Küh, also die Amora und der Stuggs des ganze Sach getragen ham, also, so wars geplant. Die Amora hat aber dann gestreikt und der arme Stuggi kann ja ned alles so einfach schleppen, auch wenn er recht stark ist, wenn auch ned so stark wie ich...“ Blasius verstummte und dachte wieder erst eine Weile nach.

„Die Amora is halt was Bsonders. Wenn man der was sagt, dann macht die des ned unbedingt.“

„Stimmt gar ned“, mischte sich da die sanfte Stimme der Amora ein, die gaaanz zufällig gleich vor der Terrasse das saftige Gras vom Innenhof vertilgte.

„Ich hab nur kei Lust ghabt, dauernd sinnlos vor mich hin zu wandern, wenns doch unterwegs so ganz anders geartete Wiesen gegeben hat. Die nicht auszuprobieren wär einfach dumm gewesen.“

„Du warst einfach zu faul, des Gepäck zu tragen“, hörte man den Stuggs im Hintergrund leise brummeln.

„Das hab ich gehört!“ Betont empört wanderte Amora nach draußen und verschwand durch die kleine Hoftür nach Süden um dort in Ruhe weitergrasen zu können.

„Ähm, ja“, nahm Blaschinko das Gespräch wieder auf.

„Naja, jedenfalls haben wir dann doch länger gebraucht als gedacht, aber jetzt sind wir ja da :-)“

„Die Mama hat gesagt, dass du mir hilfst, mit der Schule und auch, dass du sehr gut kochen kannst“, meinte Nik.

„Das mit dem Kochen stimmt auf alle Fälle“, überlegte Blaschinko nachdenklich. „Und das mit der Schule, des krieg ma auch noch hin.“

„Wie war denn die Schule bei dir?“, wollte Nik aufgeregt wissen, war er doch schon recht nervös, weil dieser für ihn so große Tag ja recht bald, genauer gesagt am nächsten Montag beginnen sollte, und er so gar keine Ahnung hatte, was da alles auf ihn zukommen würde.

„Bei mir?“, überlegte Blaschinko. „Bei mir war des eher blöd.“ Und damit verstummte er erstmal.

Mehr sollte Nik vorerst auch von ihm zu diesem Thema nicht erfahren, so sehr es ihn auch interessierte.

Wenn es ein Thema gab, über das Blaschinko gerne und lange redete, war es so ziemlich alles, was mit Tieren und Bäumen und Blumen zu tun hatte. Und über die Faszination alter Geräte. Ein alter mechanischer Handbohrer konnte einen halbstündigen Vortrag auslösen.

Durch ihrer beider Fähigkeit mit diesen Wesen zu kommunizieren, hatten sie ein ganz anderes Verständnis zur Natur als manche Menschen dies so im Allgemeinen bewerkstelligen.

Den Rest des Tages verbrachten die beiden damit, die Wiesen zu umrunden, damit Stuggs und Amora wussten, wo genau sie sich aufhalten durften. Auch gabs eine genaue Abgrenzung für den Misthaufen zu besprechen, der durch Amoras Vetorecht genau zwischen Sommer - und Winterstall angesiedelt wurde. Dank der Klugheit der beiden musste nie ausgemistet werden, sie gingen brav selbst aufs Klo, was die Arbeit für Blaschinko sehr erleichterte.

Zum Essen, das es an diesem Tag erst so um 5 Uhr Nachmittag geben sollte, zauberte Blaschinko einen Grießauflauf mit Käse und Tomatensalat, der dem Nik nach anfänglichem Misstrauen hervorragend schmeckte und zum „Regelmäßigen Gericht“ erklärt wurde, und damit mindestens einmal im Monat auf dem Speiseplan stehen würde.

Gekocht wurde gemeinsam in der herrlichen Küche in Blaschinkos Bauernhaus, wobei gemeinsam bedeutete, dass Nik die in heißem Wasser abgebrühten Tomaten abschälen und unter Anleitung in kleine Scheiben schneiden durfte.

Gedeckt wurde mit Gmundner Geschirr. Der Tisch bekam dadurch und mit seiner tiefblauen Tischdecke etwas sehr gemütliches.

Nach dem Essen brachte Blaschinko den Buben in sein eigenes Häuschen hinüber, sie ratschten noch ein wenig, und spielten eine Art Memory, bis es Bettgehzeit wurde.

Dann verzog sich der Großvater auf seine Farm, denn Zähneputzen, sich für die Nacht zurecht machen, all das konnte Nik schon recht gut selber. Außerdem würde La - Elle ja bald dazukommen und übernehmen.

Nik war jetzt auch entsprechend müd und legte sich gern ins Bett, um auf seine Mama zu warten.

Und dann dauerte es gar nicht lang und es erklang dieser wunderbar himmlisch anmutende Ton, zuerst ganz ganz leise, dann immer lauter werdend, reichhaltiger, irgendwie voluminöser, bis man ihn fast greifen konnte und das goldene Licht schimmerte im Zimmer. Und schon war die Mama da.

Sie setzte sich zu ihm aufs Bett und hielt ihn ganz fest und er sie, am liebsten würde er sie nie wieder loslassen, aber er wusste ja, sie hatten maximal nur eine Stunde.

Nein, er weinte auch nicht vor Erleichterung, höchstens ein ganz kleines bisschen.

„Mama! Der Blaschinko war da! Er hat den Stuggs und die Amora mitgebracht und er kann genau so gut kochen, wie du es mir versprochen hast. Und es war wegen der Amora, dass die alle erst heut kommen ham können. Die is nämlich ganz stur, hat der Blasi gesagt. Die folgt nie!

Nur wenn sie mag. Der Stuggs is lieb, den darf man schmusen, des mag der. Und dick sind die beiden! Und der Blasi ist ein so ein lieber, nur redet der ned so gern, glaub ich. Und dem sein Hof, hast den schon gesehen?“ Er musste erst mal tief Luft holen.

„Ja freilich, ich schau doch von da droben immer a bissl mit runter, damit ich weiß, wie‘s dir geht, des weißt doch.“ Sie streichelte ihm lieb übers Gesicht und hielt seine Hand, während sie redeten.

„Dann geht’s dir einigermaßen gut, hier in dem Haus mit dem Blaschinko als Großvater?“, erkundigte sie sich zärtlich.

„Mei“, meinte er, „du fehlst mir halt und es is hier alles schon sehr sehr anders als wie daheim.“

„Schau, ich komm jeden einzelnen Abend zu dir, bis du 18 bist. Mehr geht halt jetzt nicht. Da müssen alle Sternenkinder durch, da kann man leider nix machen.

Aber ich weiß noch aus meiner Zeit, dass man sich gut daran gewöhnt. Du hast ja auch viele Begabungen, die Erdenkinder nun mal nicht haben. Du hast magisch viel Kraft und kannst mit den Tieren reden, und die mit dir, und noch einiges mehr, des wirst mit der Zeit schon verstehen. Ich soll dir an schönen Gruß ausrichten vom Papa und von der Li - Elle - Ma, vom Ma - Wo und vom Jo - Co - Hei. Die kommen auch bald auf die Erde, allerdings wahrscheinlich nicht in dieses Dorf. Genauer weiß man das noch nicht. Dann wird’s leichter, wirst sehen.“

Diese drei waren Freunde, sehr gute Freunde vom Nik. Sie waren aber teilweise noch nicht so weit, es schon auf Erden aushalten zu können, beziehungsweise konnten auf Maohadod weit besser atmen. Ma - Wo war schon länger mit seinen Eltern auf Weltenreisen unterwegs. Aber schon bald würden sie nachziehen.

Sanft kuschelte sich Nik an seine Mama. „Kannst noch dableiben, bis ich sicher eingeschlafen bin? Bitte, Mama, bitte!“, sagte er mit etwas mehr Not in der Stimme, als eigentlich notwendig war, in der Hoffnung, noch ein wenig mehr Zeit rauszuholen.

„Ich bleib solang ichs derschnauf“, meinte die Mama mit lieber Stimme, und so konnte Nik recht ruhig und zufrieden einschlafen. Ein kleiner Schutzzauber und ihr übliches Abendgebet taten ihr übriges.

Kapitel 3. Sonntag vor der Schule.

Eigentlich wollte er doch noch gar nicht aufstehen. Er hatte grad so schön geträumt. War mit seinen Freunden in den Bäumen gekraxelt, alles war grad so lustig gewesen.

Aber dann weckte ihn doch die Sonne auf, und so lag er erst mal da und wartete, bis er ganz wach war.

Ach ja, stimmt. Er war ja jetzt auf der Erde. Und es war Sonntag und das hieß, morgen war Montag und somit der allererste funkelnagelneue Schultag.

Also stand er auf, eine kleine Katzenwäsche tats ja auch, dann ging er zu seinem Schreibtisch und bewunderte seine neuen Schulsachen. Der Schulpack hatte ein Zauberfach, in dem würde von nun an jeden Tag genau das drin sein, was er in der Pause am liebsten essen würde. „Die Pausen sind das wichtigste im Leben“, sagte sein Papa immer.

Im Schulpack war ein Mapperl mit allerlei Stiften und einem schönen blauen Schulfüller. Was er sonst noch brauchte, würde sich ja bald herausstellen.

Er sauste die Treppe hinunter und gleich hinüber durch die Hecke zum Blaschinko.

Drüben fand er erst mal den Stuggs.

„Du? Stuggs? Wo ist denn der Blasius?“

Stuggs lag gerade gemütlich in der Vormittagssonne auf der Wiese und kaute langsam vor sich hin.

„Guten morgen Nik, ja, des weiß ich auch nicht, musst halt suchen, oder frag die Amora, die is im Innenhof.“

Nik kraulte den großen schwarzen Ochsen noch ein bisschen hinterm Ohr, da an der Stelle, an der Stuggs so schlecht selber hinkam, dann lief er hinein in den Hof.

Dort lag Amora sehr zufrieden auf dem warmen kurzen Gras und schlief ein bisschen.

Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, näherte er sich ihr.

„Brauchst gar ned so schleichen“, murmelte Amora, „weiß eh, dass du da bist.“

„Ja, guten morgen Amora, ich such den Blasius, weißt du vielleicht, wo der grad ist?“

„Der is drin. Frag ihn gleich, ob ich noch a weng Extra-Futter haben kann, von dem bissl Gras da wird man ja ned satt.“

„Ja is gut, mach ich!“ rief Nik und lief ins Haus.

In der Küche duftete es nach frischen Pfannkuchen. :-)

Blaschinko stand am Herd und zauberte vergnügt vor sich hin.

„Ja bist auch schon auf?“, begrüßte er den Buben.

„Bin ich! Und ich soll dir von der Amora ausrichten, dass sie ein Extrafutter möcht.“

„Ja des glaub ich, dass die schon wieder was Extra möcht“, schmunzelte Blaschinko. „Die soll erst mal des Gras vom Innenhof abgrasen, vorher gibt’s nix. Aber jetzt setz dich erst mal hin, dein Frühstück ist fertig.“

Und so wurde dem Nik, sehr zu seinem Vergnügen, ein herrliches Frühstück mit Pfannkuchen, Birnenkompott , Himbeermarmelade und Kakao serviert.

Er versuchte, kauend deutlich zu reden, eine Art Kompromiss, weil eigentlich mochte das seine Mama gar nicht, wenn man mit vollem Mund spricht.

“ Du, Blasius? Was machma denn heut?“

Blaschinko, der die Kurzform Blasius ganz gern hörte, schaute den Buben nachdenklich an.

„Heut? Heut geh ma in d´ Kirch.“

Damit hatte Nik nun gar nicht gerechnet. Auf seinem Heimatstern brauchte man nicht in die Kirche. Dort gabs auch keinen Pfarrer, man war dort viel mehr mit allem in Verbindung, wie es hier üblich war. Und seine Mama hatte ihm, so gut sie es konnte, so einiges vom Himmelpapa erklärt. Er wusste natürlich, dass hier in Bayern die Leute an einem Sonntag in die Kirche gingen, aber er hatte gehofft, dem zu entkommen.

„Und warum machen wir des?“, fragte er vorsichtig, und belegte den nächsten Pfannkuchen mit einer extra dicken Portion Himbeermarmelade.

„Genaugenommen“, meinte Blasius, „aus strategischen Gründen.“ Er konnte ein leises Lächeln nicht verbergen, wusste er doch, dass Nik einfach nachfragen musste.

„Aus strategischen Gründen“, wiederholte Nik nachdenklich. „Und was genau meinst jetzt damit?“

„Schau“, erwiderte Blaschinko.

„Freilich wissen die im Dorf mit ein bisserl Zauberei, wer du bist und dass du und dein Haus und ich und mein Hof mit allem Drum und Dran da sind, so als wären wir schon immer da. Aber trotzdem ist so ein Sonntagskirchgang eine feine Sache, da lernen wir die vom Dorf gut kennen.

Weil hier geht a jeder in d´ Kirch. Das liegt an dem Herrn Pfarrer. Den will keiner kränken, der is so ein Wuzl, da traut sich keiner daheim bleiben.“

„Magst noch an Pfannkuchen?“, fragte er den nachdenklich wirkenden Nik.

„Ja, mag ich, aber wann geh ma denn los?“

„Na in einer guten halben Stund, aber vorher hilfst ma no abspülen und die Küch wieder schön ordentlich machen.“

Das machte Nik eigentlich ganz gern, zusammen bis dem Blaschinko war sogar Abspülen eine runde Sach. Er trocknete zwar nicht so gut ab, wie mans hätte machen können, aber manchmal muss der gute Wille reichen.

Und so kam es, dass in der 11Uhr Messe an diesem Sonntag Nik und Blaschinko ordentlich gekleidet ins Dorf gingen, um die für den Nik erste Sonntagsmesse zu besuchen.

Dass in die Kirch ein jeder gehen würde, stimmte so nicht ganz. Die beiden ersten Reihen waren spärlich besetzt, dahinter versteckten sich ein paar Leute und des wars auch schon.

Der Pfarrer hingegen faszinierte den Buben. Ein eher kleiner, zierlicher alter Mann, der mit einer so feinen Stimme sprach, dass man trotz des Mikrofons am Anfang glauben mochte, dass sich ein Vogerl in die Kirch verirrt hatte. So sehr zwitscherte seine Rede. Sämtliche s und z Laute begleiteten die leise gehauchte Stimme und klangen wie ein kleine Melodie. Die ersten paar Sätze hatte Nik tatsächlich versucht das Vogerl ausfindig zu machen.

Sie hatten sich in die dritte Reihe gesetzt und Nik versuchte, aus all dem klug zu werden, was es da zu bestaunen gab.

Am besten gefiel im ein kleiner Schmetterling, der sich in die Kirche verirrt hatte, und dem er mit leisen gezielten Hinweisen den Weg hinaus zeigen konnte. „A bissl weiter links, da is ein kleines Fenster offen, links! Na, des andere links!“ Woher sollte so ein kleiner Schmetterling auch wissen wo links ist...

Die kleine Barockkirche hatte ein wunderbares Gemälde aufzuweisen, das die Auferstehung Christi zeigte, wie ihm später Blaschinko erklärte. Die bunten Farben und die beschwingt gemalten Gewänder faszinierten Nik.

Allerdings wär ihm ohne den kleinen Schmetterling bald fad geworden, weil man ja die Predigt so schlecht verstand. Die Kirchenbesucher warens gewohnt und sie wussten eh auswendig, wann was zu sagen war. Am End der Kirche fand der Pfarrer seine Stimme wieder und erklärte mit strengem Blick, dass dem Huber Bauern der Sturm wieder ein paar Bäume umgerissen hatte und dass

„er alle beim Aufräumen und Helfen sehen will. Alle! Ned immer die gleichen!“

„Alle“ zogen die Köpf ein wenig ein und schon war die Messe mit einem Wettersegen beendet.

Draußen standen dann noch ein paar zum Ratschen herum und Blaschinko wanderte umher und sprach ein paar Worte mit den Leuten.

Der Pfarrer gesellte sich bald hinzu und nun konnte man ihn plötzlich gut verstehen.

„Wo wohnt denn der Huber Bauer?“ wollte Nik gleich wissen und „warum versteht man Sie so schlecht?

Nuscheln sie vielleicht? Die Mama sagt, des liegt oft an den dritten Zähnen. Wenn die ned gscheid passen, dann is des so.“

Der gebrechlich wirkende Mann warf Nik einen nachdenklichen Blick zu. “ Ach, du bist der Neue, gell?

Der Huber Bauer, da geht’s heut Nachmittag um drei mit mir mit, da helf ma alle zam zum Wald aufräumen. Und ich nuschel ned, du vorlauter Bub, musst halt besser zuhören, dann verstehst mich schon.“ Leise gekränkt wandte er sich dem Blaschinko zu.

„Und Sie sind auch neu hier, stimmts?“ Anscheinend hatte der Zauber beim Pfarrer nicht so ganz gewirkt, was Blaschinko etwas nervös machte. Aber vielleicht stimmte das mit dem Zauber ja auch gar nicht.

„Ja, wir müssen uns noch ein wenig zurechtfinden“, meinte er vorsichtig.

Aber da war der Herr Pfarrer - wie er hieß, wusste keiner, er war halt schon immer „der Herr Pfarrer“- schon wieder abgelenkt und eilte einer älteren Dame, einer Schwester vom Huber Bauern, entgegen, die um die Lesung eines Rosenkranzes bat, für den kürzlich verstorbenen Mann, in der Hoffnung, dass der sie von nun an in Ruh lassen würde.

Da man ihrer Meinung nach nicht schlecht über Verstorbene reden durfte, traute sie sich nicht, sich über den Toten zu beschweren. Alle im Dorf wussten, was für ein Lap ihr Mann gewesen war und ein jeder gönnte ihr von Herzen das bisschen Frieden, das sie seitdem haben durfte.

Der Herr Pfarrer versprach den Rosenkranz und Blaschinko und Pumpernikl wanderten gemütlich wieder heim. Dort beschlossen sie einen sonnigen Spaziergang zu machen, weil „am Sonntag arbeit ma ned,“ war Blaschinkos Devise.

Gleich hinter dem Haupthaus ging ein alter Bulldogweg nach Süden zu in die leicht hügelige Naturlandschaft.

Wenig von Menschen genervt, da die großen, sich bis zum nächsten Hang hinziehenden Wiesen ja eh dem Blaschinko gehörten und die daran angrenzenden Weiden einem im Dorf als Ökogammler bezeichneten Professor aus München.

Der war dem Dorf sehr suspekt, aber für die Natur ein Segen. Er hatte eine kleine, sehr gemischte Herde aus alten ausrangierten Tieren. So eine Ansammlung Austragler sozusagen. Und an diesem Hof vorbei ging der Weg.

Eingezäunt waren die Wiesen nicht. Damit die Tiere auf der richtigen Weide blieben, hatte der Herr Professor sich zwei Appenzeller Sennenhunde angeschafft, die passten gut darauf auf, was eigentlich nur für die bessere Optik sorgte. Die Tiere wussten ja von selber, wo sie grasen durften und wo nicht.

An diesem Sonntag nun lag der Hofbesitzer auf einer bequemen Liege inmitten seiner Herde und las ein Buch, beziehungsweise das Buch ruhte auf seinem Bauch, er sinnierte sichtlich über das gerade Gelesene.

„Gott zum Gruße!“, rief er den Spaziergängern zu.

„Ja, Grüß Gott!“, riefen Blaschinko und Pumpernikl gleichzeitig zurück.

„Kommens ruhig her, die Tiere tun ihnen nix“, lud der sie ein und so wanderten die beiden zu dem Herrn auf der Liege und setzten sich kurzerhand ins sommerwarme Gras. Es war so gemütlich, dass Nik sich gleich hinlegte, er liebte diesen Duft.

„Was für ein herrlicher Tag“, begann der Professor, „mit wem hab ich die Ehre?“

„Mir sind die Neuen“, begann Pumpernikl, was dem Blaschinko aber nicht passte, würde dies doch dem „die-waren-immer-schon-da“ Zauber eventuell entgegenwirken.

Aber auch hier, wie schon beim Pfarrer war der Zauber anscheinend nicht ganz gelungen.

„Herr Professor“, meinte Blaschinko, nun den Nik unterbrechend, “wir sind doch Nachbarn, ich bin doch der Blasius und des is der Nik.“

„Achja, achja“, brummelte der Professor, „ich hab euch anscheinend ganz vergessen. Passiert mit andauernd.

Heiße ja nicht umsonst, Gagl. Mathias Gagl. Eigentlich Professor Doktor Mathias Gagl, um genau zu sein.“

Nachdenklich schaute er den Pumpernikl an:

„Und du? Gehst du scho in d´Schui?“

Ohne die Antwort abzuwarten, sodass dem Nik nur blieb, eifrig zu nicken, fuhr er gleich fort, „schau, dass d´ was gscheids lernst, damitsd was wirst. Was willst denn mal werden, weißt des schon?“

„Ökotrophologe.“

Der Professor schaute den Buben nun erst einmal genauer an. Mit der Antwort hatte er nicht gerechnet. „Und warum des?“

Tja. Nun konnte ihm Nik ja nicht von Maoadod erzählen und dass er hier alles über diese Zusammenhänge lernen wollte, damit man da oben auf seinem Stern nie die gleichen Fehler machen würde, die hier auf Erden mit der Natur passierten.

Also sagte er gar nix. Eine kleine Stille der Verwunderung machte sich breit.

„Weißt überhaupts was des is, ein Ökotrophologe?“,

erkundigte sich der Herr Professor.

„Vor allem Botanik und Zoologie und Mikrobiologie interessieren mich schon recht. Und im Rechnen bin ich gscheid, sagt die Mama.“

Diese Antwort war dem Professor etwas suspekt bei einem 6jährigen.

„Soso“, murmelte er, „sagt die Mama des.“ Nachdenklich betrachtete er den entspannt im duftenden Gras sitzenden Buben.

Dann wandte er sich an Blaschinko.

„Und Sie? Muss ich vergessen haben, sans ma ned bös. Was machen Sie so?“

„Ich pass auf alles auf“, kam die etwas diffuse Antwort.

„Was genau studieren Sie denn, Professor Gagl?“, lenkte er von sich ab.

Der Herr Professor richtete sich würdevoll auf.

„Ich bin Professor für Psychologie an der Münchner Universität.“

„Ah so“, reagierte Blasius unbeeindruckt. „Na dann, auf weiterhin gute Nachbarschaft, mir müssen weiter, ham noch soviel zu tun.“

Nik wäre noch gern geblieben, er hatte noch vieles zu fragen, aber er wusste, wann er folgen musste, also erhoben sich die beiden und wanderten langsam wieder heim, sie wollten ja noch ins Dorf um dem Huber Bauern im Holz zu helfen.

Da Blaschinko der Meinung war, an einem Sonntag darf man gar nicht richtig kochen und daher das Frühstück reichhaltig gewesen war, fiel Mittagessen sowieso aus.

Und so gingen sie nach einer kurzen Erfrischungspause gleich hinunter ins Dorf zur Kirch, vor der schon ein paar Leute warteten. Pünktlich um drei marschierten sie gemeinsam los, weit hinüber in den großen Wald. Nach einer halben Stunde kamen sie im Waldteil vom Huberbauern an.

Der saß wie ein Häufchen Elend auf einem umgestürzten Baum.

Sein Bulldog war leider nicht da, der war beim Richten und er hatte es sich nicht getraut, dieses kleine Detail dem Herrn Pfarrer mitzuteilen.

Gleich hinter ihm war sein ehemaliger Wald, die Stämme lagen kreuz und quer ineinander verschachtelt. Seinen kleinen Wald hatte es am schlimmsten erwischt. Eine richtige Schneise hatte der Sturm, der schon mehr ein Orkan gewesen war, in den Wald gelegt.

„Griasds enk“, meinte er im Angesicht der paar Männer vom Dorf, genau fünf waren gekommen, den Herrn Pfarrer und den Blaschinko schon mitgerechnet.

„Ja grias de, Huaber, ja wo is denn dein Bulldog?“

„Ned da“, murmelte der Bauer.

„Und wie soll ma jetzt dann dein Wald richten?“, fragte der Herr Pfarrer.

„D´Saag häd I do“, murmelte der Angeklagte.

Die andern schauten sich stumm an, so schlimm hatten sie sich diese Arbeit nicht vorgestellt.

„Dann komm ma wieder, wennsd dein Bulldog da hast“, meinte einer und verschwand, zusammen mit zwei anderen, um im Wirtshaus erzählen zu können, dass ma jetzt noch gar ned helfen kann. Die Idee oder gar den Wunsch, seinen eigenen Bulldog zu holen, hatte erst mal keiner.

Jetzt warens nur noch der Herr Pfarrer, der Blaschinko und der Pumpernikl, die den Huber Bauern nachdenklich betrachteten.

„Ja Wunder kann ich so keine machen“, verabschiedete sich der Herr Pfarrer und stapfte leicht angegrantlt zum Pfarrhaus zurück, um erst mal seinen Nachmittagskaffee zu inhalieren.

„Und es zwoa?“, fragte der Bauer den Blasius und den Nik.

„Mir?“, erwiderte Blaschinko. „Mir räumen jetzt dein Wald auf.“

„Und wia soi des geh?“, wollte der Huber wissen.

„Des sixd nachher gleich. Schau ruhig zu, dass d´ was lernst“, zwinkerte Blasius ihm fröhlich zu. Dann machten sie sich an die Arbeit.

Nik kletterte vorsichtig auf die obersten Bäume und schichtete sie mit seinen enormen Kräften erst einmal ordentlich um. Für ihn war das so einfach wie ein Mikadospiel, was die dazu benötigten Kräfte, und so kompliziert, was das richtige Vorgehen anbelangte.

Blasius leitete ihn an, da doch einige Stämme stark unter Spannung standen, damit nichts schief gehen konnte.

Dann zerteilten der Bauer und er mit der Kettensäge die Stämme in ein Meter lange Teile.

Mit etwas Magie und einem kleinen bisschen Zauberei schafften sie es bis zur Dunkelheit, dass am End das Holz sauber aufgeschichtet so am Wegrand lagerte, dass der Huberbauer alle Zeit der Welt hatte, das Holz irgendwann einmal abzuholen. Wenn halt sein Bulldog wieder gerichtet war.

Freilich hätten sie ihm gleich alles heimzaubern können, aber mit Magie musste man sparsam umgehen, sonst könnte es eine Art Rückkoppelung der ungesunden Art geben, wie Blaschinko das aus leidvoller Erfahrung wusste.

Die Sonne bereitete sich darauf vor, der Nacht die Schicht zu übergeben, da wanderten die drei sehr zufrieden wieder heim, der Huberbauer wohnte am unteren Ende vom Dorf, die unseren beiden am oberen.

„Dankschee“, meinte der eher wortkarge Mann und verabschiedete sich bei der Kirch, um sich nur leise wundernd auf den Weg zu machen.

„Gern gschehn“, erwiderte Blaschinko.

Pumpernikl sagte gar nichts mehr, er war nur noch müde. Er war ja auch noch nicht so sehr an diese irdische Luft gewohnt und für ihn war es auch nicht einfach gewesen, die Trauer des ehemaligen Waldes zu ertragen. Nur ein paar junge Bäume hatten dem Orkan überhaupt trotzen können. Und die warn sehr sehr still gewesen. Schon fast stumm. Sonst war ein Wald immer voller fröhlichem Geblubber, wenn man hinhören wollte. Diesesmal nicht.

So gingen die beiden schweigend heim und jeder hing seinen Gedanken nach.

Es gab dann noch eine Brotzeit mit selbstgebackenem Brot und Butter und Käs, aber so recht Hunger hatten sie nicht. Beide waren ja der Baumsprache mächtig und hatten unter der Stille gelitten. Blasius brachte Nik noch rüber in sein Haus und gleich ins Bett, wo zur großen Freude La - Elle schon auf ihn wartete. Der Bub war so müd, dass ihm die Augen gleich zufielen und so konnten sich die Mama und Blaschinko noch leise unterhalten und das Wichtigste für den morgigen großen Tag besprechen.

„Blaschinko. Du gehst mir morgen mit, sonst wird ihm alles zuviel. Und denk daran, dass er sich zurückhalten soll. Es wär nicht gut, wenn die anderen Kinder gleich am Anfang merken würden, dass er lesen, schreiben und rechnen schon alles kann. Er ist doch nur hier, um diese Welt zu verstehen. Mein Mann und ich haben ihn so gut es geht vorbereitet. Du weißt, was alles auf dem Spiel steht.“

„Ja ich weiß, Ma - Elle“, meinte Blasius. „Mach dir keine Sorgen, ich bin mir sicher, der Bub kriegt des alles gut hin.

Er ist so neugierig, er will alles wissen und am besten gleich.“

„Ja, ich bin so froh, dass du auf ihn aufpasst. Sollen wir ihm sagen, dass du sein Großvater bist?“, fragte sie ihn mit großen Augen und mit einem Seitenblick auf den schon fest schlafenden Buben.

Blasius überlegte.

„Ich war ja schon immer dafür, wegen mir gerne. Aber lass es mich ihm schonend beibringen.“

Da hielt es Pumpernikl nicht länger aus.

„Was bist du? Mein Großvater? Ich hab des nicht nur aus Spaß gesagt? Echt? Wie soll das denn gehen, so alt bist du doch noch gar nicht und warum sagt mir des keiner?“

„Soviel zu schonend“, murmelte Blasius und blickte La - Elle (wie sie korrekterweise hieß) vorwurfsvoll an.

„Ja, des is a bissl kompliziert, Nik“, wandte er sich an den jetzt senkrecht im Bett sitzenden, plötzlich hellwachen Buben. „Ich bin um einiges älter als du meinst, weißt schon Magie und so, damit ich hier für dich da sein kann.

Und dein Großvater bin ich, weil deine Mama meine Tochter ist.“

„Ja und warum sagt mir des keiner?“, jetzt wollte Nik es genau wissen.

„Ganz einfach,“ mischte sich nun La - Elle ein. „Weil du noch nicht verstehen kannst, warum sich dein Großvater nie offiziell um dich gekümmert hat. Und weil ich noch nicht bereit bin, mit dir darüber zu reden. Also frag jetzt bitte nicht nach und versuch zu schlafen. Hast doch genug erlebt für einen Tag. Und morgen ist doch dein erster Schultag.“

Das wollte er nun gar nicht, aber dann konnte seine Mama ihn lieb und leise in den Schlaf hinüberlocken und so träumte er glücklich und zufrieden in den nächsten Tag hinein. Ein bisschen Zauberstaub half mit dazu.

Kapitel 4. Der erste Schultag.

Und dann war er da, der langersehnte erste Schultag.

Dank des Zaubers der Mama hatte Pumpernikl tief und sich gut erholend geschlafen, an seine Träume konnte er sich nicht mehr erinnern.

Aber dann war er wach, aber sowas von wach. Er sauste ins Bad und richtete sich fesch her, seine Lieblingsjeans musste es sein und das gelbe T-Shirt. Beides hatte ihm die Mama am Abend davor schon hergerichtet.

Dann schnappte er sich den neuen Schulpack und geschwind lief er aus dem Haus, durch Stuggs inzwischen gut ausgebaute Lücke der Hecke, hinüber über die Wiese vom Großvater und gleich hinein in die Stube.

Zum Großvater! Was für ein Wort. Endlich hatte er einen echten richtigen Großvater :-)

Er konnte es immer noch nicht fassen, dass ihm sowas Wichtiges keiner zuvor gesagt hatte. Darum also hatte er sich von Anfang an gleich so wohl bei ihm gefühlt.

In der gemütlichen Stube setzte er sich gleich auf seinen Platz und strahlte in die Runde.

„Großvater?“, er musste dieses Wort unbedingt ausprobieren. „Weißt schon, was heut für ein Tag ist?“

Blaschinko richtete gerade für beide den Kakao her und meinte: „Heut? Montag, glaub ich, wenn mich nicht alles täuscht“, und stellte die beiden vollen Tassen zu den Schüsseln auf den mit einer bunten Frühlingsdecke gedeckten Tisch. „Nein!“, rief Nik, „des mein ich doch ned, heut ist doch mein erster Schultag!“

„So? Iser des? Na sowas. Na dann, aber jetzt wird erst mal gefrühstückt.“ Er zwinkerte dem Buben zu und setzte sich zu ihm an den Tisch.

Heut gabs Müsli und Kakao.

„Blasius ich hab kei Zeit, ich muß in die Schule!“, wie wunderbar hörte sich dieser Satz für ihn an. Endlich war es soweit.

„Kann ich eigentlich Großvater zu dir sagen? Ich mein, stört dich des irgendwie?“, wollte er danach wissen.

Blasius schenkte ihm und dann sich eine große Tasse Kakao aus dem blauen Tonkrug ein. Die vom Nik hatte einen goldenen Löwen drauf, der bei Wärme die Farbe veränderte. Immer goldener wurde er, je wärmer die Tasse wurde.

Blasius hatte eine Baumtasse.

„Freilich sagst Großvater zu mir“, meinte er, „du weißt gar ned, wie sehr ich mich da drauf gfreut hab.“

„Ja, und warum hat des mir keiner gsagt? Ich hab gar ned gwusst, dass ich einen Großvater überhaupts hab!“

Pumpernikl wollte einen großen Schluck aus der Löwentasse nehmen, aber dafür war der Kakao dann doch noch zu heiß.

Ein tiefer Seufzer war erst mal die Antwort.