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In den vergangenen Jahren haben der Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale und andere antisemitische Vorfälle die deutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Es häufen sich die Nachrichten, wonach sich Juden in Deutschland wieder unsicher fühlen und erneut mit dem Gedanken spielen, das Land zu verlassen. Doch nimmt der Antisemitismus in Deutschland und Europa tatsächlich zu? Und wie kann die nichtjüdische Mehrheit einer solchen Entwicklung begegnen? In dem vorliegenden Buch gehen renommierte Wissenschaftler und Journalisten diesen Fragen nach, erläutern die Defizite in der Kommunikationskultur, die einer Verständigung verschiedener Bevölkerungsgruppen im Wege stehen, und entwickeln Vorschläge, wie sie sich überwinden lassen.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertebibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.ddb.de abrufbar.
Kurt Reumann / Thomas Petersen (Hrsg.)
Nirgends scheint der Mond so hell wie über Berlin.
Antisemitismus und die Schwächenunserer Gesprächskultur
Köln: Halem, 2021
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
© 2021 by Herbert von Halem Verlag, Köln
ISBN (Print): 978-3-86962-600-0
ISBN (PDF): 978-3-86962-601-7
ISBN (ePub): 978-3-86962-602-4
Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im
Internet unter http://www.halem-verlag.de
E-Mail: [email protected]
SATZ: Herbert von Halem Verlag
LEKTORAT: Rüdiger Steiner, Volker Manz
DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg
TITELFOTO: Frank Ebeling, Berlin
GESTALTUNG: Claudia Ott, Grafischer Entwurf, Düsseldorf
Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry
Lexicon® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.
Kurt Reumann / Thomas Petersen (Hrsg.)
Antisemitismus und die Schwächenunserer Gesprächskultur
KURT REUMANN
Der Mond ist in der Leipziger Straße am größten. Über das Heimweh vieler Juden in aller Welt nach Berlin
I.ANTISEMITISMUS IN DEUTSCHLAND
HEINRICH AUGUST WINKLER
Die deutsche Gesellschaft der Weimarer Republik und der Antisemitismus
THOMAS PETERSEN
Wie antisemitisch ist Deutschland?
SYBILLE STEINBACHER
Katastrophe, Verderben, Vernichtung. Vom Schweigen über den Holocaust und dem langen Weg zum Begriff
STEFAN LOCKE
Die Gleichgültigkeit ist die größte Gefahr. Über jüdisches Leben in Thüringen, Antisemitismus und die Folgen des Einzugs der AfD in den politischen Alltag. Ein Interview mit Reinhard Schramm, Stephan Kramer und Alexander Nachama
II.ANTISEMITISMUS IN EUROPA UND IN DER ISLAMISCHEN WELT
WOLFGANG GÜNTER LERCH
Über Antisemitismus im Islam
GINA THOMAS
Antisemitismus ausgerechnet in der Labour Party
JÜRG ALTWEGG
Europa ohne Juden? Frankreich im Taumel des Antisemitismus
III.PROBLEME DER KOMMUNIKATION
ZE'EV AVRAHAMI
Über Zwiebeln, Appeasementpolitik und die Lüge als neue Wahrheit
KURT REUMANN
Kämpfen und kochen gegen Rassenhass. Was Ze’ev Avrahami uns zu sagen hat
HANS MATHIAS KEPPLINGER
Vertrauensverlust
KURT REUMANN
Streiten nach allen Regeln der Kunst. Von Abaelard bis Moses Mendelssohn und Nathan dem Weisen
KURT REUMANN
Streit als Leistungssport
KURT REUMANN
Das Internet macht alles schlimmer. Wie die neuen Medien Antisemitismus verbreiten. Ein Interview mit Monika Schwarz-Friesel
Vor und nach Auschwitz. Eine Literaturliste für Jugendliche und Erwachsene
Autorinnen und Autoren
Register
Selten hat mich etwas so getroffen wie Ze’ev Avrahamis Vorwurf: »Ihr habt uns im Stich gelassen!« Mit »ihr« meint der deutsch-israelische Journalist die dritte Generation der ›Post-Holocaust-Deutschen‹, mit »uns« die jungen Juden, die nach Deutschland gezogen sind, weil sie dachten, im inzwischen geläuterten ›Land der Täter und ihrer Enkel‹ könnten sie unbehelligt als Juden leben – freier, geselliger und solidarischer als woanders in der Welt. Avrahamis Anklage muss als Hilferuf verstanden werden. Zweieinhalb Jahre vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle erhoben, klingt er heute umso dringlicher.
Nahezu 2.000 Jahre haben die Juden in der Diaspora als verfolgte Minderheit gelebt.1 Fast immer und fast überall saßen sie in Sorge, ihre neue Heimat verlassen zu müssen, auf ihren Koffern, und Avrahami weiß darüber zu berichten, dass manche seiner Freunde schon wieder ihre Koffer packen. Aber es ist doch sehr die Frage, ob sie auch wirklich fortziehen. Wohin sie sich auch wenden mögen, bedroht sind sie überall – und zwar stärker als in Deutschland. Über den mehrfach wiederholten Aufruf des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an die Juden Europas, nach Israel ›heimzukommen‹, kann Avrahami nur lachen. Bitter lachen. Es ziehen erheblich mehr Juden nach Deutschland, als Juden Deutschland den Rücken kehren. Allein nach Berlin sind im Laufe der Jahre 20.000 Juden aus Israel gekommen. In dem Dokumentarfilm Germans and Jews lässt die New Yorker Regisseurin Janina Quint einen Globetrotter zu Wort kommen, der beteuert: »Ehrlich, ich fühle mich in Deutschland sicherer als in Israel.« Berlin fänden junge Leute inzwischen »heißer als New York«. Dabei gilt es zu beachten, dass der Film, der seit 2020 auch in deutschen Kinos gezeigt wird, bereits 2016 gedreht worden ist.2
Zwar sorgt sich Felix Klein, seit 2018 Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung, dass der Hass auf Juden in Berlin besonders schlimm wüte. Die polizeiliche Kriminalstatistik zählt pro Tag vier judenfeindliche Gewalttaten in Berlin. Aber Klein hat auch Augen für die positive Seite: In der deutschen Hauptstadt sind Juden besonders gut integriert. Alle Provokationen, alle Händel ändern daran nichts. Reicht das aus, um jüdische Globetrotter einzuladen, weiter von Berlin zu träumen? Ja, beteuert die 33 Jahre alte Autorin Deborah Feldman, die nach der Trennung von der orthodoxen Glaubensgemeinschaft der Chassiden mit ihrem damals drei Jahre alten Sohn durch die Vereinigten Staaten, Frankreich, Spanien und Skandinavien vagabundierte, um endlich eine neue Heimat an der Spree zu finden.
Berlin, Berlin! Warum sie sich dort so wohlfühlt? Zitat: »Für jemanden wie mich, einen wurzellosen Wanderer, der nirgends richtig hinpasste, fühlte sich Berlin wie der richtige Ort an. Und wirklich, diese Stadt ist ein Zuhause für diejenigen, die keines haben, ein Ort, an dem sogar diejenigen Wurzeln schlagen, die scheinbar gar keine entwickeln können«, schreibt sie in ihrer hinreißenden Autobiografie Unorthodox. Und: »Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an.« Für die Verfilmung des Bestsellers Unorthodox hat die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader 2020 den US-Fernsehpreis Emmy erhalten. In ihrem zweiten Werk Überbitten schildert Deborah Feldman, wie ihr Leben nach der Befreiung aus den Fesseln der religiösen Ultras weiterging. Sie hat in Berlin neue Freunde gefunden, die ihr Lebensgefühl teilen.3
Auch Avrahami und seine Ehefrau Kirsten Grieshaber genießen die Berliner Luft. Die gebürtige Rheinländerin, Korrespondentin der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press, hat 2019 unter dem Titel Willkommen im Café Zahav. Meine israelische Mischpoke und ich ein Buch über Avrahamis Restaurant ›Sababa‹ geschrieben.4 ›Sababa‹ heißt auf Deutsch: ›Alles in Butter!‹ Aber es ist längst nicht mehr alles paletti. Immer seltener kamen gesprächsoffene arabische und deutsche Gäste, für die Avrahami seine kulinarischen Friedensangebote nach arabischen Rezepten zuzubereiten pflegte. Stattdessen riefen deutsche Rechtsradikale und antisemitisch sozialisierte Araber Hetzparolen ins Lokal. Inzwischen hat Avrahami es geschlossen, um sich ganz auf seine journalistische Arbeit zu konzentrieren.
Nach demselben Muster sollen auch andere jüdische Gastwirte zum Aufgeben gezwungen werden. Im Dezember 2018 stand ein alter deutscher Mann vor Yoray Feinbergs Restaurant im Berliner Gründerzeit-Viertel Schöneberg und rief ihm (vor laufender Kamera) zu, Juden sollten in die Gaskammern zurückkehren. Weil Feinberg mit Anzeigen keinen Erfolg hatte, sammelte er die Schmähbriefe an ihn und die Morddrohungen auf Facebook: 31 Seiten Hass. Im September 2018 bewarf ein Dutzend schwarz gekleideter Vermummter das koschere Restaurant ›Schalom‹ in Chemnitz mit Steinen, Flaschen und einem abgesägten Stahlrohr. Als der Besitzer des Lokals, Uwe Dziuballa, von den Geräuschen alarmiert, vor die Tür trat, drangen die schwarzen Gesellen mit den Worten »Hau ab aus Deutschland, du Judensau« auf ihn ein und verletzten ihn durch einen Steinwurf an der Schulter. Die Ermittlungen gegen die Täter sind eingestellt worden. Das verstehe, wer will.
Ich kehre zu den Liebeserklärungen an Berlin zurück – aber mit einem Kloß im Hals. Womöglich noch stärker fühlen sich diejenigen Juden von der deutschen Hauptstadt angezogen, die dort alte Freunde haben, weil sie mit Spreewasser getauft worden sind. Sophia Mott hat in ihrem Buch über Martha Liebermann geschildert, wie die Treue zu Berlin der Tochter eines jüdischen Kaufmanns zum Verhängnis wurde. Ihr Mann, der jüdische Impressionist Max Liebermann, war in seinen letzten Lebensjahren antisemitischen Angriffen ausgesetzt gewesen und musste als Ehrenpräsident der Akademie der Künste zurücktreten. »Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte«, schimpfte er berlinernd über die Nationalsozialisten. Schon die Ermordung seines Verwandten und Weggefährten Walther Rathenau, des deutsch-jüdischen Außenministers, im Juni 1922 hatte Liebermann tief erschüttert. Trotzdem liebte er Berlin, was er mit den Worten eines Malers und Augenmenschen so ausdrückte: »Der Mond ist in der Leipziger Straße am größten.« 1935 starb der Künstler. Seine Witwe konnte sich trotz wachsender Gefahr nicht von Berlin und vom Grab ihres Mannes trennen. Als sie, ihrer Habe beraubt, 1943 zur Deportation nach Theresienstadt abgeholt werden sollte, nahm sie sich das Leben.5
Max Liebermann gehörte zu den Juden, die sich im August 1914 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs für ein Zusammenstehen aller Deutschen eingesetzt hatten. Auf einem Flugblatt zeichnete er die Volksmenge, die im Lustgarten des Berliner Schlosses einer ›Balkonrede‹ Kaiser Wilhelms II. lauscht. Kurz darauf beschwor der Kaiser vor den im Stadtschloss versammelten Reichstagsabgeordneten die nationale Einheit und appellierte an die ›Liebe und Treue‹ der Abgeordneten wie der Bevölkerung. Legendär geworden ist sein Ausspruch: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.« Die meisten deutschen Juden verstanden diesen Satz wie Liebermann als Aufruf an sich selbst. Sie sahen in der Mobilisierung die Chance, Bürger unter Bürgern mit den gleichen Rechten und Pflichten zu werden. In ihrem Pflichteifer und ihrer Opferbereitschaft wollten sie sich von niemandem übertreffen lassen.
An Patriotismus und Einsatzbereitschaft haben es die Juden seit jeher nicht fehlen lassen. 1817 hat Goethe vorgeschlagen, die Feier des 300. Jubiläums der Reformation nicht allein den Protestanten zu überlassen. Vielmehr möge man sie auf den 18. Oktober verlegen, den Gedenktag an die Leipziger Völkerschlacht. Dieser Tag, an dem sich Russland, Preußen, Österreich und Schweden vom Joch Napoleons befreiten, verdanke seine Glorie nicht etwa nur Christen, sondern auch den Juden, Mohammedanern und Heiden, argumentierte Goethe: Die Juden hätten bei Leipzig als Deutsche mitgefochten.6
Im Ersten Weltkrieg sind Zehntausende deutscher Juden gefallen oder verwundet worden.7 Die Nationalsozialisten haben die Erinnerung daran systematisch gelöscht, und auch heute ist wenig darüber bekannt, weil sich unsere Aufmerksamkeit auf den Zweiten Weltkrieg und die Bewältigung des Nazi-Erbes konzentriert. Aber wer die Chancen und die Tragik des Zusammenlebens von Deutschen und Juden verstehen will, darf dieses Kapitel nicht vergessen. Das meint auch Avi Primor. Der Diplomat und Publizist, der von 1993-1999 israelischer Botschafter in Deutschland war, erzählt den Ersten Weltkrieg in seinem faktenprallen Roman Süß und ehrenvoll realitätsnah aus der Perspektive zweier jüdischer Frontsoldaten, nämlich der Ludwig Kronheims aus Frankfurt und der Louis Naquets aus Bordeaux, die unversehens aufeinander schießen sollten. Der Titel spielt auf Horaz an: »Dulce et decorum est pro patria mori« – »Süß und ehrenvoll ist, fürs Vaterland zu sterben.«8 Auch Primor berichtet von der Kriegsbegeisterung deutscher Juden bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, von der Hoffnung, endlich für voll genommen zu werden, und von der anschließenden Enttäuschung.9
Erschütternde Zeitdokumente über die Treue der Juden zu Deutschland und insbesondere zu Berlin, über jüdisch-deutschen Patriotismus, Vertreibung und Trennungsschmerz sind auch Lion Feuchtwangers Roman Die Geschwister Oppermann,10 Roman Fristers Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland11 und Gabriele Tergits fulminanter Familienroman Effingers. Gabriele Tergit ist das Pseudonym für Elise Reifenberg, geborene Hirschmann. Die ehemalige Gerichtsreporterin und Feuilletonistin erzählt die Geschichte dreier Familien über vier Generationen hinweg – von 1878 bis 1948.12 Juliane Sucker beleuchtet in ihrem Buch Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm Leben und Werk von Elise Reifenberg, die 1931 an den Effingers zu schreiben begann.13 Der Roman erschien allerdings erst zwanzig aufregende Jahre später: 1951. Schon die Titel dieser Bücher künden vom Trennungsschmerz und einer sentimentalen Schwäche für das bessere Deutschland.
Übrigens ist auch Frankfurt am Main ein Sehnsuchtsort, dem eine Jüdin ein literarisches Denkmal gesetzt hat, nämlich Silvia Tennenbaum. Sie war die Tochter von Erich Pfeiffer-Belli und Charlotte Stern. Mit ihrem Roman Yesterday’s streets schuf sie ein ›Frankfurt aus der Ferne‹.14 Benno Reifenberg, von 1924 bis 1930 verantwortlich für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung, hatte ihren Vater 1938 als Kulturredakteur zum liberalen Herzensblatt der bürgerlichen Intelligenz in Frankfurt geholt, das 1856 von den Bankiers Leopold Sonnemann und Heinrich Bernhard Rosenthal gegründet worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Pfeiffer-Belli in München als Kunst- und Theaterkritiker, vornehmlich für die Süddeutsche Zeitung. 1986 erschien seine Autobiografie Junge Jahre im alten Frankfurt und eines langen Lebens Reise.15
Silvia Tennenbaum erzählt die Geschichte der Familie Wertheim seit deren Emanzipation aus der Frankfurter Judengasse bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung deportierter Juden aus den Konzentrationslagern. Moritz Wertheim pflegte seinen Enkeln zu erzählen: »Alle Welt spricht von den Rothschilds, aber sie sind nicht die einzige bedeutende Familie, die aus dem Frankfurter Ghetto (in der Judengasse) stammt. Sie sind die reichste, gewiss, aber auch einigen anderen von uns ist es nicht gerade schlecht ergangen.« Weiß Gott nicht! Silvia Tennenbaum lässt das erste Kapitel mit Helenes Geburt im Jahr 1903 beginnen. Lenchen ist die Enkeltochter von Moritz. Sie kam in einer Villa zur Welt, die es heute nicht mehr gibt, weil dort inzwischen die stolzen Doppeltürme der Deutschen Bank aufragen. Wer denkt noch an die Wertheims, wenn er in der Mainzer Landstraße zu den Doppeltürmen hinaufblickt?
Eduard (Edu) Wertheim, Sohn von Moritz und Onkel von Lenchen, war von 1918 an Offizier im Dragonerregiment des Großherzogs von Hessen, das an der Ostfront stand. Im Frühherbst 1918 mit seinem Regiment nach Deutschland zurückgerufen, kam er nach Berlin. Spree-Athen war damals »eine Stadt, die zwischen verzweifelter Fröhlichkeit und immer spürbarer werdender Bedrohung schwankte«. Nicht einmal dass er dort ein magisches Gemälde von Nolde erwerben konnte, einem Maler, von dem man in Frankfurt noch nichts gehört hatte, konnte Eduard mit der verlotterten Hauptstadt versöhnen. Heimat war und blieb für ihn nur Frankfurt. An dieser Stelle höre ich auf, aus Tennenbaums Buch zu referieren. Schließlich will ich dem Leser nicht die Spannung rauben, sondern ihn zum Weiterlesen verführen. Stattdessen wende ich mich jüngeren Arbeiten zu.
In seiner Familiengeschichte Wo wir zu Hause sind (2019) schildert der Berliner Kolumnist Maxim Leo, warum manche seiner aus Deutschland vertriebenen Verwandten an Rückkehr denken. Wenigstens für geraume Zeit. Wenigstens an Weihnachten. Kerzen, Rosinenstollen, »Stille Nacht, heilige Nacht«, Gerüche, Geschmack und der Mond über der Spree. Leo zitiert seine Tante Michal: Nirgendwo sei die Weihnachtszeit so schön wie in Berlin. Die meisten Juden, auch die Wertheims in Frankfurt, feierten Weihnachten nach christlichen Bräuchen mit Tannenbaum und Dresdner Christstollen. Leos Tante Micha malt sich aus, wie es wäre, nicht nur in der Adventszeit, sondern auch im Sommer zurückzukommen. Ja, sie sagt: Zurückkommen. »Wenn es einen Ort gibt, an dem der Faschismus bestimmt nicht wiederkommt, dann doch den, wo er seine schlimmsten Siege feierte«, begründet sie ihre Haltung und fügt nachdenklich hinzu: »Ist es nicht interessant, wie sich die Dinge verändern?«16
Haben sie sich nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle etwa wieder zum Schlechten verändert? Nein. Was sich verändert hat, sind nicht die Fakten, sondern die Wahrnehmung der Tatsachen und deren Bewertung.
1. Bundesinnenminister Horst Seehofer bezeichnet den Rechtsextremismus als »die größte Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands«. Das war schon immer so. Aber vor 25 und auch noch vor drei Jahren konnte ich das nicht sagen, ohne ausgelacht zu werden.
2. Das Attentat von Hanau auf deutsche Staatsbürger mit türkischen Wurzeln zeigt, dass Antisemitismus nur eine Spielart des Fremdenhasses ist. Aber schon beim Wörtchen ›nur‹ sträubt sich einem die Feder. Antisemitismus ist der Prototyp des Ressentiments gegen Bevölkerungsgruppen, die ausgegrenzt und im schlimmsten Fall ausgemerzt werden.17
3. Jede Region hat ihre eigene Geschichte mit einer besonderen Ausprägung des Antisemitismus, einer eigenen Dynamik und typischen Folklore. Daher ist immer häufiger die Rede davon, dass der Antisemitismus ›viele Gesichter‹ habe. Wir begegnen bei uns drei Erscheinungsformen: Es sind dies (A) der rechtsradikale Antisemitismus, der seine Wurzeln noch am deutlichsten im Nationalsozialismus hat; (B) die hochtrabende linke Melange aus Antizionismus und Antiimperialismus, die sich als ›ehrenwerter Antisemitismus‹ brüstet; und (C) der von antisemitisch sozialisierten Immigranten importierte Judenhass.
4. Die Floskel von den vielen Gesichtern des Antisemitismus täuscht darüber hinweg, dass es sich immer um dieselbe Visage handelt, die allerdings verschiedene Fratzen schneidet. Die Konstante: Dieses Gesicht ist geprägt vom Hass auf ›die‹ Juden. Also nicht vom Hass auf einzelne Personen, sondern auf ein ganzes Volk. Wir müssen uns klar darüber werden, was das denn ist: ein Antisemit. Wie so oft erhellt das ein jüdischer Witz besser als jede wissenschaftliche Definition. Ein Antisemit ist jemand, der Juden mehr hasst, als absolut notwendig ist. Die Nationalsozialisten haben den ›ewigen Juden‹ zum Untermenschen degradiert. Wir sollten dagegen besser vom ›ewigen Antisemiten‹ reden. Er brandmarkt die Juden als das absolut Böse in der Welt. Sie dienen als Sündenböcke für jede Art von Brunnenvergiftung. Der Attentäter von Halle ist, nach seiner Selbstdarstellung zu urteilen, ein typischer Antisemit.
5. Es ist höchste Zeit, dass wir uns auf eine Arbeitsdefinition über Wesen und Wirken des Antisemitismus einigen. Mir gefällt die des israelischen Politikers Natan Sharansky am besten. Der in der Sowjetunion geborene Autor, der neun Jahre lang in einem sibirischen Gulag gedarbt hat und 1986 auf der Glienicker Brücke gegen einen sowjetischen Spion ausgetauscht worden ist, war von 2009 bis 2018 Leiter der Migrantenorganisation Jewish Agency for Israel. Mit seinem 3-D-Test hat er beschrieben, wie man legitime Kritik an Israel von Antisemitismus unterscheiden kann. Dabei filterte er drei Merkmale heraus. 1. D: Dämonisierung der Juden als Urheber allen Übels. 2. D: Doppelmoral und Doppelstandards (Was man sich herausnimmt, dürfen Juden noch lange nicht). 3. D: Delegitimierung des Staats Israel.18
6. Noch vor kurzem diente der ›neue Antisemitismus‹ vielen dazu, den alten zu verschleiern. Jetzt sollten wir nicht ins andere Extrem verfallen und so tun, als spiele der importierte keine Rolle mehr. Ich plädiere dafür, jeden Ausländer, der ein Bürger dieses Landes werden will, zu fragen, ob er das Existenzrecht Israels anerkennt. Wer das nicht tut, sollte gar nicht erst bei uns aufgenommen werden.
7. Im nächsten Schritt gilt es, strenger zwischen Schuld und Verantwortung zu unterscheiden. Offen gestanden, fühle ich mich durch unseren Schuld-und-Scham-Präsidenten Walter Steinmeier nicht angemessen repräsentiert, und was sollen erst unsere Kinder und Enkelkinder zu diesem Schuld-und-Schande-Habitus sagen? Sie waren doch noch gar nicht geboren, als die Generation der Groß- und Urgroßväter so unvorstellbare Schuld auf sich lud. Viel stärker spricht mich Israels Staatspräsident Reuven Rivlin an, der klar zwischen Schuld und Verantwortung trennt. Die junge Generation trägt keine Schuld an den Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten. Aber sie hat Verantwortung für die aus diesen Gräueln folgenden Aufgaben zu übernehmen. Von jungen Leuten hört man heute immer öfter, sie wollten nach Möglichkeit allen Menschen helfen, die ohne ihr Verschulden in Bedrängnis geraten, also auch Israelis – und Juden sowieso. Das ist 75 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs eine ebenso unaufgeregte wie geziemende Haltung.
8. Aber daraus darf keine lässige Attitüde werden. Die Demokratie ist kein Selbstläufer. Wir Bürger müssen für andere Bürger (welcher Herkunft und welchen Glaubens auch immer) bürgen. Ihre Freiheit ist unsere Freiheit. Deutscher Michel, nimm deine Schlafmütze ab! Wer als Demokrat einschläft, läuft Gefahr, als Untertan aufzuwachen.
9. Es genügt nicht, uns als wackere Kämpfer gegen Rassenhass zu verstehen. Wir müssen auch sagen, was und wofür wir sind. Deutsche sind alle, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, also auch die Türken in Hanau und die Juden in Berlin. Blödsinnig, ihnen an den Kopf zu werfen, sie sollten abhauen aus Deutschland. Ihr Zuhause ist dort, wo wir zu Hause sind, und sie sind auch nicht die einzigen, die einen Migrationshintergrund haben. Vor wenigen Wochen befragte mich meine Enkelin Merle im Auftrag ihrer Schule nach unseren Wurzeln. Ihre Mutter ist Vietnamesin; sie wurde von der Cap Anamur aus dem Chinesischen Meer gefischt. Das weiß Merle natürlich; aber sie war erstaunt, als sie erfuhr, dass auch ihre Vorfahren väterlicherseits Einwanderer waren – die meisten kamen aus Schweden.
Wenn Sie, liebe Leser, ihren Stammbaum studieren, werden Sie vermutlich feststellen, dass Sie ebenfalls ›Deutsche plus‹ sind. Hat Jan Plamper nicht recht, wenn er schreibt: »Jeder ist Migrant, fast überall, fast immer – besonders die Deutschen«? Der Historiker Klaus J. Bade definiert den Menschen daher auch nicht als homo sapiens, sondern als homo migrans.
Die meisten kamen aus dem Osten zu uns. Von 1944 bis 1948 nahm Westdeutschland 8 Millionen deutsche Vertriebene und Flüchtlinge auf und die SBZ/DDR weitere 4,5 Millionen. Zusammen waren es 12,5 Millionen. Das war eine andere Dimension als die übliche Binnenmigration. Außerdem fanden 4,5 Millionen Aus- und Spätaussiedler aus der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten in Deutschland eine neue Heimat. Von beklemmender Aktualität sind Arno Surminskis Bücher Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland? und Kudenow oder An fremden Wassern weinen.19 Die Deutsche Nationalbibliothek hat davon deshalb soeben gekürzte Hörfassungen hergestellt.
10. Umso befremdlicher, wenn selbsternannte ›Volkslehrer‹ und Hobby-Eugeniker Deutschland den Deutschen vorbehalten wollen. Müssten wir dann nicht alle auswandern? Der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin sollte sich endlich fragen, ob er nicht als Stichwortgeber für solche Verschwörungstheoretiker dient, wenn er beklagt: »Das Deutsche an Deutschland verdünnt sich immer mehr«.20 Bezeichnenderweise stand das Buch vom 13. September 2010 an bis zum 6. Februar 2011 auf Platz 1 der Spiegel-Beststellerliste.
11. Eine bunte Gesellschaft, wie wir sie heute bilden, braucht einen festen Kitt, der sie zusammenhält. Wir müssen darüber diskutieren, ob unser Verfassungspatriotismus als soziales Bindemittel ausreicht. Wie stark muss die Durchlässigkeit der einzelnen Bezugsgruppen sein, damit vermieden wird, dass wir in Parallelgesellschaften leben? Schließen die Kulturen der Herkunftsländer und unsere Lebensart und unser Geistesleben einander aus, oder können sie einander befruchten?
Die stärkste Bindekraft entwickeln die gemeinsame Arbeit und das gemeinsame Feiern. Vom Kochen und Essen bis zum Singen und Musizieren, vom Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen bis zum Wandern und Tanzen, von Sportveranstaltungen und Karnevalszügen bis zu Schulfesten und Klassenfahrten fördert alles den Gemeinschaftssinn und das gegenseitige Vertrauen, was wir mit anderen planen und durchführen.21 Die Corona-Pandemie führt uns das schmerzlich vor Augen.
12. In ihrem Eifer für reines Deutschtum gehen der inzwischen aus dem staatlichen Schuldienst entlassene Berliner Grundschullehrer Nikolai Nerling und seinesgleichen so weit, zu bestreiten, dass Werke jüdischer Dichter und Musiker zur deutschen Kultur gehören. Heinrich Heine, Rahel Varnhagen von Ense, Franz Kafka, Alfred Döblin, Ernst Toller, Erich Mühsam, Franz Werfel, Kurt Tucholsky, Paul Celan, Hilde Domin, Lion Feuchtwanger, Friedrich Torberg, Hannah Arendt keine deutschen Schriftsteller und Dichter? Felix Mendelssohn Bartholdy, Gustav Mahler, Kurt Weill, Friedrich Hollaender keine deutschen Komponisten? Moritz Daniel Oppenheim, Max Liebermann, Ludwig Meidner, Eva Hesse keine deutschen Maler?22 Dass die Bevölkerung darüber so wenig weiß, hält Ze’ev Avrahami für viel ärgerlicher als alle Gehässigkeiten.
Es genügt nicht, Juden zuzubilligen, dass sie bei uns nach ihrer Façon selig werden: Macht doch, was ihr wollt, und damit Schluss! Wir müssen begreifen, was Juden seit dem Mittelalter und zumal im 19. Jahrhundert und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts für uns geleistet haben. Zwischen Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Sigmund Freud und Albert Einstein haben deutsch-jüdische Philosophen, Politologen, Ärzte, Bakteriologen, Physiker, Psychologen, Juristen und Schriftsteller Deutschland in aller Welt einen Namen gemacht. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs deutet es sich zum ersten Mal, wenn auch zart, an, dass Juden wieder zur Hefe in unserem Geistesleben werden könnten. Das dürfen wir uns nicht von Fanatikern und Irren kaputtmachen lassen.
13. In einer Welt, in der sich so viel verändert, muss die Familie Ankerplatz und Umschlagshafen sein. Die Bücher, die hier vorgestellt worden sind, verraten, dass unsere Kraft viel stärker, als uns bewusst ist, aus der Familie fließt. Und sie beweisen, dass wir reif dafür sind, in der Familie mehr miteinander zu reden und zu diskutieren, auch über unsere Vorfahren. Wieviel wir daraus lernen können, haben uns Wibke Bruhns, Maxim Leo und Kirsten Grieshaber gezeigt.23 Auch in diesem Zusammenhang sind Maxim Leo: Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte und sein zweites Buch: Wo wir zu Hause sind hervorzuheben.24 Desgleichen Kirsten Grieshaber: Willkommen im Café Zahav. Meine israelische Mischpoke und ich.25 Es sind nicht Gedichte, die typisch sind für die jüdische Literatur seit der Schreckenszeit von 1933 bis 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern diese Familienromane, aber auch Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungsberichte aus den Konzentrationslagern sowie Romane darüber. Die Juden suchten den Frieden mit sich selbst und mit der Welt. Shalom!
14. Wir dürfen Erziehung nicht vollends an die Schule delegieren. Die Lektüre der hier vorgestellten Bücher greift auch Jugendlichen ans Herz. Für Kinder ist nach wie vor Judith Kerrs Als Hitler das rote Kaninchen stahl am besten geeignet.26 Die im vergangenen Jahr in London verstorbene Autorin war die Tochter des legendären jüdischen Theaterkritikers Alfred Kerr. Annemarie Böll, die Ehefrau von Heinrich Böll, hat es aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Empfohlen sei außerdem Tahar Ben Jellouns Papa, was ist ein Fremder?27 Der marokkanische Schriftsteller und Psychotherapeut beantwortet seiner Tochter Fragen wie: »Sind Ausländer anders als wir?« und »Ist Rassismus normal?«
15. Alle diese Bücher sind erfüllt von Familienstolz. Die beschriebenen Väter und Großväter haben sich bei allen Schwächen bravourös geschlagen. Die Bestseller sind daher vorbildlich, aber nicht typisch für deutsche Familiengeschichten. In der Regel wird viel mehr beschönigt und beschwiegen. Wer das vermeiden will, lese das Buch der Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte sowie den von Alexandra Senfft herausgegebenen Band Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte.28
Wären wir nach den traumatischen Verletzungen durch den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Verbrechen wieder normal, hätten wir einen anständigen Geschichtsunterricht und einen Literaturkanon, und an der Spitze des Kanons stünde neben dem unvermeidlichen Goethe Lessings Toleranzdrama Nathan der Weise. Im fächerübergreifenden Unterricht würde erörtert, warum Lessings Freund Moses Mendelssohn ein so treffliches Vorbild für Nathan den Weisen abgegeben hat. An der Geschichte der Familie Mendelssohn würde illustriert, warum Juden konvertierten, um gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Und dass Moses Mendelssohns Enkelsohn Felix Mendelssohn Bartholdy und seine kongeniale Schwester, die geliebte Fanny, uns nicht nur um unsterbliche Lieder, Sonaten und Sinfonien bereichert, sondern auch Johann Sebastian Bach für uns wiederentdeckt haben. Womöglich würde ohne diese Bach-Renaissance der Jubel des Weihnachtsoratoriums gar nicht unsere Kirchen erfüllen: Jauchzet, frohlocket …
Doch weil wir nicht normal sind, provozieren wir Herausgeber unsere Leser mit Thesen, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sind.
1 Vgl. BERND MARTIN; ERNST SCHULIN (Hrsg.): Die Juden als Minderheiten in der Geschichte. München [Deutscher Taschenbuch Verlag] 1983; PETER SCHÄFER: Kurze Geschichte des Antisemitismus. München [Beck] 2020; WERNER BERGMANN: Geschichte des Antisemitismus. 6. überarb. Aufl. München [Beck] 2020.
2 Vgl. https://germansandjews.wfilm.de [30. Juni 2020].
3DEBORAH FELDMAN: Unorthodox: The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots. New York [Simon & Schuster] 2012. Deutsch: Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. München [Beck] 2019.
4KIRSTEN GRIESHABER: Willkommen im Café Zahav. Meine israelische Mischpoke und ich. Köln [Bastei Lübbe] 2019; Kritik und Entsetzen nach Angriff auf jüdisches Restaurant. In: Der Tagesspiegel vom 9. September 2018; Ermittlungen nach Angriff auf jüdisches Restaurant eingestellt. In: Jüdische Allgemeine vom 14. Dezember 2020.
5SOPHIA MOTT: Dem Paradies so fern. Martha Liebermann. Berlin [Ebersbach & Simon] 2019.
6 Vgl. URSULA HOMANN: Juden in Goethes Werken. http://www.ursulahomann.de/GoetheUndDasJudentum/kap006.html [30. Juni 2020].
7 Vgl. MICHAEL BERGER: Eisernes Kreuz und Davidstern. Die Geschichte jüdischer Soldaten in deutschen Armeen. Berlin [trafo] 2006.
8HORAZ: Carmina 3,2,13.
9AVI PRIMOR: Süß und ehrenvoll. Köln [Quadriga] 2013.
10LION FEUCHTWANGER: Die Geschwister Oppermann. München [Langen Müller] 1960.
11ROMAN FRISTER: Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland. Berlin [Siedler] 1999.
12GABRIELE TERGIT: Effringers. Hamburg [Hammerich & Lesser] 1951. Neuausgabe München [Beck] 2020.
13JULIANE SUCKER: »Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm«. Gabriele Tergit – Literatur und Journalismus in der Weimarer Republik und im Exil. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2015.
14SILVIA TENNENBAUM: Yesterday’s streets. New York [Random House] 1981. Deutsch: Straßen von gestern. Hamburg [Knaus] 1983. Neuausgabe München [Beck] 2013.
15ERICH PFEIFFER-BELLI: Junge Jahre im alten Frankfurt und eines langen Lebens Reise. Wiesbaden [Limes] 1986.
16MAXIM LEO: Wo wir zuhause sind. Die Geschichte einer verschwundenen Familie. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2019.
17 Vgl. auch STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM: Ein politisch aufgeheiztes Feld. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. März 2020, S. 11.
18 Der Begriff ›Antisemitismus‹ ist erst im 19. Jahrhundert geprägt worden, um die rassistische Theorie vom ›ewigen Kampf‹ zwischen der ›arischen‹ und ›semitischen Rasse‹ zu festigen. Vgl. PETER SCHÄFER: Kurze Geschichte des Antisemitismus. München [Beck] 2020. Vgl. auch WOLFGANG BENZ: Was ist Antisemitismus? München [Beck] 2004. MONIKA SCHWARZ-FRIESEL: Judenhass im Internet. Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl. Berlin [Hentrich & Hentrich] 2019, S. 31-32.
19ARNO SURMINSKI: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland. Stuttgart [Gebühr] 1974. ARNO SURMINSKI: Kudenow oder An fremden Wassern weinen. Hamburg [Hoffmann & Campe] 1978.
20THILO SARRAZIN: Deutschland schafft sich ab. Stuttgart [Deutsche Verlagsanstalt] 2010.
21 Vgl. BERTELSMANN-STIFTUNG (Hrsg.): Der Kitt der Gesellschaft. Perspektiven auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Gütersloh 2016.
22 Vgl. EDWARD VAN VOOLEN: 50 jüdische Künstler, die man kennen sollte. München [Prestel] 2011.
23WIBKE BRUHNS: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie. Berlin [Econ] 2004.
24MAXIM LEO: Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte. München [Heyne] 2019. MAXIM LEO: Wo wir zuhause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2019
25GRIESHABER 2019.
26JUDITH KERR: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Ravensburg [Ravensburger] 1973, Neuausgabe 2008. Zur Rosa-Kaninchen Trilogie gehören außerdem: JUDITH KERR: Warten bis der Frieden kommt. Ravensburg [Ravensburger] 2004 und JUDITH KERR: Eine Art Familientreffen. Ravensburg [Ravensburger] 2004.
27TAHAR BEN JELLOUN: Papa, was ist ein Fremder? Reinbek b. Hamburg [Rowohlt] 2018.
28ALEXANDRA SENFFT: Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte. Berlin [List] 2009. ALEXANDRA SENFFT (Hrsg.): Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte. München [Piper] 2016.
Die Abhandlung über den Antisemitismus in der Weimarer Republik war Heinrich August Winklers Beitrag zu einer Ringvorlesung im Wintersemester 1980/81 an der Universität Freiburg. Sie begann mit der Feststellung, die Erforschung dieses Themas stecke noch in den Anfängen. Das gilt heute, 40 Jahre später, nicht mehr. Trotzdem ist Winklers Studie, die Bernd Martin und Ernst Schulin 1981 in ihrem Sammelband »Die Juden als Minderheit in der Geschichte« veröffentlichten, alles andere als überholt. Das gilt sowohl für seine Erkenntnisse als auch für seine Vorgehensweise.
Winklers Arbeit verschafft einen Überblick über die politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik. Dagegen konzentrieren sich andere Arbeiten auf Teilaspekte. Dafür seien einige Beispiele genannt:
Michael Brenners Studie Jüdische Kultur in der Weimarer Republik2aus dem Jahr 2000 ist eine faszinierende Einführung in die deutsch-jüdische Literatur, Wissenschaft und Kultur. Außerdem schildert sie die Veränderung des jüdischen Gemeindelebens und stellt dabei Menschen vor, die auf dem Wege sind, ihre Identität zu finden. Aber Brenner befasst sich nicht mit Politik und Wirtschaft in der Weimarer Zeit.
Cornelia Hechts Dissertation Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, erschienen 2003,3erinnert im Titel an Winklers Arbeit. Hecht weist nach, dass es schon in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre zu Ausschreitungen gegen die Juden kam. Das musste die Juden verunsichern, zumal es in der Öffentlichkeit kaum Stimmen gab, die sie nachdrücklich verteidigten. Hecht wertet neun jüdische Zeitungen aus, die sich ausschließlich an einen jüdischen Leserkreis wandten. Zwar gelingt es ihr damit, die subjektive Befindlichkeit dieser (nicht aller!) Juden herauszuarbeiten. Aber die Klärung einer Einzelfrage wirft weitere Fragen auf: Wie verhielt sich die konservative, wie die liberale Presse? Welchen Einfluss übte die Presse überhaupt auf die Gesamtstimmung aus?
Dirk Walters Werk Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik aus dem Jahr 1999 konzentriert sich auf die Darstellung von Gewalt.4 Selbst die Arbeiten von Wolfgang Benz5machen Winklers Darstellung nicht überflüssig.
Winklers Ansatz erinnert an die Lasswell-Formel: WER sagt WAS in welchem KANAL (Medium) zu WEM (mit welcher ABSICHT und) mit welcher WIRKUNG?6 Mancher publizistisch-politische Text und manches Forschungsvorhaben gerieten besser, wenn sie die erweiterte Lasswell-Formel benutzten. Ferner beantwortet Winkler die Frage, welchen Einfluss das Auf und Ab der Konjunktur auf den latenten und den offenen Judenhass ausübte. Schließlich geht der Professor für Neueste Geschichte der Frage nach, welche Rolle der Antisemitismus beim Aufstieg der Nationalsozialisten spielte.
Winkler ist seit 2007 emeritiert; aber seiner Produktivität tut das keinen Abbruch. So ist sein vierbändiges Werk Geschichte des Westens7erst nach seiner Emeritierung erschienen – quasi als Fortsetzung seines Bestsellers Der lange Weg nach Westen.8Daher war es konsequent, dass der Deutsche Bundestag ihn am 8. Mai 2015 einlud, zum Gedenken aus Anlass des Endes des Zweiten Weltkriegs vor (damals) 70 Jahren die Festrede zu halten.
Bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit bleibt Winkler auch für den interessierten Laien verständlich. Das gilt auch für sein jüngstes Buch Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen, erschienen im August 2020 bei C.H. Beck in München.
Zum besseren Verständnis der Weimarer Zeit empfiehlt Winkler die Lektüre der Tagebücher Victor Klemperers aus den Jahren 1918 bis 1932 Leben sammeln, nicht fragen, wozu und warum?9Ähnlich erhellend ist Gabriele Tergits Familiengeschichte Effingers.10Siehe dazu die Literaturübersicht am Ende unseres Buches.
Kurt Reumann
Die sozialhistorische Forschung des Antisemitismus in der Weimarer Republik steckt noch in den Anfängen. Die einschlägigen Studien informieren uns zwar zuverlässig über antisemitische Organisationen und Aktionen, auch über die Reaktionen ihrer Gegner. Aber einige wichtige Probleme sind bisher nicht ausreichend geklärt worden. Dieser Beitrag wendet sich einigen dieser Fragen zu:
1. Was waren die auslösenden Momente der antisemitischen Agitation?
2. Wie verbreitet war der Antisemitismus in der damaligen deutschen Gesellschaft?
3. Welche Rolle spielte der Antisemitismus beim Aufstieg des Nationalsozialismus?
Es versteht sich von selbst, dass die Antworten auf diese Fragen beim gegenwärtigen Forschungsstand nur vorläufig sind und bruchstückhaft sein können.
Was waren die auslösenden Momente der antisemitischenAgitation?
Zunächst also die Frage nach den auslösenden Momenten der antisemitischen Agitation. Für das deutsche Kaiserreich lässt sich die These erhärten, dass die parteilich organisierten Judenfeinde Hochkonjunktur hatten, wenn die wirtschaftliche Konjunktur sich in einer Abschwungphase befand – und umgekehrt. Prüfen wir, ob diese Faustregel auch für die Weimarer Republik gilt. Die Jahre 1918 bis 1923, in denen wir ein starkes Anschwellen antisemitischer Aktivitäten beobachten, stellten keine Depressionsphase dar. Vielmehr erlebte Deutschland, anders als die übrigen Industrieländer, von 1920 bis zum Sommer 1922 sogar einen inflationsbedingten Boom, und nur im Jahr 1923 könnte man einen Zusammenhang von Rezession und Antisemitismus konstruieren. Aber diese Aussagen müssen sogleich wieder eingeschränkt werden. Eine typische Hochkonjunkturphase bildeten die Jahre 1920 bis 1922 gewiss nicht; dazu waren die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen von 1919, an denen der Produktionszuwachs gemessen wird, zu niedrig, und überdies fehlte dieser von politischen und sozialen Krisen erschütterten Zeit auch psychologisch alles, was ansonsten zu einem Boom gehört. Auf der anderen Seite hatte der Produktionsrückgang von 1923 nicht bloß ›normale‹ wirtschaftliche, sondern vorrangig politische Ursachen, obenan den ›passiven Widerstand‹, mit dem Deutschland auf die französisch-belgische Ruhrbesetzung antwortete. Der Frage, ob nach 1918 weltweit eine langfristige Abschwungphase (mit dem Tiefpunkt nach 1929 und dem Ende erst um 1950) einsetzte, können wir an dieser Stelle nicht nachgehen. Die gewohnten Begriffe und Periodisierungen der Konjunkturtheoretiker werden der deutschen Nachkriegszeit von 1918 bis 1923 jedenfalls kaum gerecht.
In den Jahren relativer Stabilität von 1924 bis 1928 traten die engagierten Antisemiten sehr viel weniger hervor als im turbulenten ersten Jahrfünft der Republik. Es liegt also nahe, die rückläufige Erfolgskurve der Judenfeinde der wirtschaftlichen Beruhigung zuzuschreiben. Erst recht scheint auf den ersten Blick die These von der Konjunkturabhängigkeit des Antisemitismus wieder in Kraft gesetzt, wenn wir die Jahre 1929 bis 1932 betrachten. Der Vormarsch der radikal antisemitischen NSDAP folgte der schweren wirtschaftlichen Depression auf dem Fuße, und auf die ersten Anzeichen einer gewissen konjunkturellen Erholung reagierten über zwei Millionen Wähler im November 1932 damit, dass sie der Partei Hitlers wieder den Rücken kehrten.
Lassen wir vorerst dahingestellt, inwieweit die Entwicklung des Antisemitismus seit 1924 wirklich nur aus dem Auf und Ab der Konjunktur abzuleiten ist. Für die Frühzeit der Republik müssen wir die Aussagekraft der rein konjunkturellen Erklärung gering veranschlagen. Die auslösenden Momente der antisemitischen Kampagne in jenen Jahren waren ganz überwiegend politischer Natur. Was ein völkisches Blatt aus Bromberg, die Ostdeutsche Rundschau, am 25. Juni 1919 schrieb, war durchaus typisch für das antisemitische Argumentationsmuster: »Die Juden haben unseren Siegeslauf gehemmt und uns um die Früchte unseres Sieges betrogen. Die Juden haben die Axt an die Throne gelegt und die monarchische Verfassung in Stücke geschlagen. Die Juden haben die innere Front und dadurch auch die äußere zermürbt. Die Juden haben unseren Mittelstand vernichtet, den Wucher wie eine Pest verbreitet, die Städte gegen das Land, den Arbeiter gegen den Staat und (das) Vaterland aufgehetzt. Die Juden haben uns die Revolution gebracht, und wenn wir jetzt nach dem verlorenen Kriege auch noch den Frieden verlieren, so hat auch Juda sein gerüttelt Maß von Schuld. Darum, deutsches Volk, vor allem das Eine – befreie Dich von der Judenherrschaft.«11
In der ›Gründerkrise‹ nach 1873, der ersten Welle des ›modernen‹ gegen die emanzipierten Juden gerichteten Antisemitismus (in dem freilich, was man nicht übersehen sollte, der uralte Hass auf die jüdischen ›Gottesmörder‹ untergründig wirksam blieb), war den Juden die Schuld an einer schweren wirtschaftlichen Erschütterung aufgebürdet worden. Nach dem November 1918 waren die Juden die geborenen Sündenböcke für die militärische Niederlage Deutschlands und ihre Folgen. Im alldeutschen Lager war diese Funktion der Juden noch während des Krieges vorgeplant worden. Im Oktober 1918 forderte der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, getreu seinen schon 1914 verkündeten Maximen, die Aktivisten der Organisation auf, »die Lage zu Fanfaren gegen das Judentum und die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht zu benutzen.«12
Die manipulative Absicht, die die Alldeutschen mit ihren Parolen verfolgten, hätte gar nicht deutlicher gemacht werden können. Aber schienen nicht einige Tatsachen die Agitatoren der extremen Rechten zu bestätigen? Sie behaupteten, die Kriegs- und Inflationsgewinnler seien hauptsächlich Juden; Juden hätten die Revolution herbeigeführt und den größten Nutzen von ihr gehabt; die Ostjuden, die unaufhörlich nach Deutschland einströmten, seien Sendboten des jüdischen Bolschewismus und überdies dabei, das deutsche Volkstum zu überfremden. In der Tat war es nicht schwer, Juden zu nennen, die im Krieg oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu Geld und Einfluss gelangt waren; unter den Führern des Spartakusbundes und der Unabhängigen Sozialdemokraten gab es viele, unter denen der Mehrheitssozialisten einige Juden; in den ersten Revolutionsregierungen in Reich und Ländern waren Juden bemerkenswert stark vertreten; auf der äußersten Linken spielten auch Ostjuden eine wichtige Rolle – Rosa Luxemburg, Karl Radek und Eugen Leviné zum Beispiel, um nur die bekanntesten zu nennen.
Was die Antisemiten politisch beweisen wollten, konnten sie doch nur jene glauben machen, die es glauben wollten. Jüdische Spekulanten und Schieber gab es ebenso wie nicht-jüdische. Wenn sich viele jüdische Intellektuelle der Arbeiterbewegung anschlossen, hatte das seinen tieferen Grund darin, dass das Proletariat sich der antisemitischen Propaganda gegenüber weitgehend immun gezeigt hatte und als einzige Klasse jenes System bekämpfte, das Arbeitern und Juden wesentliche Rechte vorenthielt. Als die Sozialdemokratie während des Ersten Weltkrieges ihre Oppositionsrolle und ihren (ohnehin verbal gewordenen) Internationalismus zunehmend aufgab, wandten sich viele Sozialisten jüdischer Herkunft den radikaleren Kräften der Linken zu, die die Kriegskredite und damit den ›Burgfrieden‹ ablehnten. Der Krieg wurde jedoch aus militärischen Gründen verloren, und die Revolution von 1918/19 brach nicht aufgrund irgendwelcher Aktivitäten von Juden aus, sondern weil breite Schichten der deutschen Bevölkerung – keineswegs nur die Arbeiter – Frieden und Demokratie wollten und beides bei Fortbestehen der Monarchie nicht erreichbar schien. Das Gros der Juden unterstützte im Übrigen nicht eine der sozialistischen Parteien, sondern die linksliberale Deutsche Demokratische Partei, die ab 1918/19 ihre Hauptaufgabe darin sah, die Sozialdemokratie von sozialistischen Experimenten abzuhalten.
Die Ostjuden waren das propagandistische Lieblingsthema der Antisemiten. Sie verschwiegen jedoch beharrlich, dass das deutsche ›Ostjudenproblem‹ zu einem guten Teil erst durch die Politik der Obersten Heeresleitung geschaffen worden war. Sie hatte 1914 in den besetzten Gebieten Russisch-Polens den dort lebenden Juden die materielle Existenzmöglichkeit weitgehend genommen und aus derselben Bevölkerungsgruppe dann Arbeitskräfte für die deutsche Rüstungsindustrie rekrutiert. Etwa 35.000 Ostjuden kamen auf diese Weise – unter mehr oder minder großem Zwang – in das Reich. Ungefähr ebenso viele Ostjuden befanden sich unter den Kriegsgefangenen und Ausländern, die vom Kriegsausbruch in Deutschland überrascht und hier interniert worden waren. Die Zahl der in Deutschland lebenden Ostjuden erhöhte sich somit zwischen 1914 und 1918 um etwa 70.000; nimmt man jene 80.000 Ostjuden hinzu, die schon vor 1914 in Deutschland gewohnt hatten, belief sich die Gesamtzahl bei Kriegsende auf etwa 150.000.
Nach dem Krieg verloren die meisten ostjüdischen Rüstungsarbeiter ihren Erwerb; eine rasche Rückkehr in ihre Herkunftsgebiete war aber schon deswegen nicht möglich, weil die neu entstandenen Staaten Ostmitteleuropas zunächst keine Neigung zeigten, die ostjüdischen Arbeitslosen bei sich aufzunehmen. Eine beträchtliche Zahl – etwa 30.000 – gelangte 1920/21 dorthin, wo es viele Ostjuden seit langem hinzog: nach Amerika. Auch in den folgenden Jahren wanderten Ostjuden über Deutschland in die Vereinigten Staaten aus. 1925, im Jahr der stärksten ostjüdischen Einwanderung, gab es in Deutschland knapp 108.000 Ostjuden – rund 30.000 mehr als 1910 auf dem gleichen Territorium gelebt hatten. Bis Mitte 1933 sank die Zahl der Ostjuden auf 98.000. Das waren 9,3 Prozent weniger als acht Jahre zuvor.
Ich habe einige Zahlen genannt, um die tatsächliche Größenordnung der Judenfrage darzulegen. Die meisten Zeitgenossen haben das Problem, dass die Ostjuden für die deutsche Gesellschaft darstellten, maßlos überschätzt oder bewusst aufgebauscht. Es gab eine soziale Ostjudenfrage – aber nur für die unmittelbar Betroffenen. Ein Teil der alteingesessenen deutschen Juden reagierte auf die Minderheit in der Minderheit erschreckt und feindselig. Die orthodoxen Ostjuden erinnerten viele assimilierte deutsche Juden an ihre eigene Vergangenheit – eine unglückliche Vergangenheit, die sie für überwunden hielten, ja vielfach verdrängt hatten. Überdies schlugen die Ressentiments der nicht-jüdischen Umwelt, die sich gegen die als kulturell fremdartig empfundenen, sozial meist niedrigstehenden Neuankömmlinge aus dem Osten richteten, vielfach bereits in pauschalen Antisemitismus um. Eine öffentliche Distanzierung von den Ostjuden wurde jedoch nur von einer Minderheit der deutschen Juden gefordert und vollzogen. Dem jüdischen Unbehagen an der ostjüdischen Einwanderung zum Trotz übten sich die großen Organisationen des deutschen Judentums in Solidarität mit den diskriminierten Glaubensgenossen: Sie bemühten sich, durchaus nicht erfolglos, um die Beschäftigung arbeitsloser Ostjuden und um die Linderung der sozialen Not derer, die ohne Erwerb blieben.
Wenn die Ostjuden also kein wirkliches soziales Problem für die deutsche Gesellschaft bildeten, wie verhält es sich dann mit jenen Juden, die deutsche Staatsbürger waren? Im Jahr 1925 gab es in Deutschland 564.000 Glaubensjuden. Das entsprach einem Anteil von 0,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis zum Juni 1933 sank die Zahl auf 500.000 oder 0,8 Prozent. In ihrer sozialen Struktur unterschieden sich die deutschen Juden deutlich von ihrer Umwelt. 1925 lebten Juden dreimal so häufig in Großstädten wie Nichtjuden (48 zu 16 %); fast jeder dritte Jude hatte seinen Wohnsitz in Berlin. Juden waren massiv unterrepräsentiert in der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Industrie und im Handwerk, dagegen stark überrepräsentiert in Handel und Verkehr. Es gab kaum jüdische Bauern und nur wenige jüdische Arbeiter. Dagegen waren Juden weit über dem Durchschnitt vertreten bei den Selbstständigen und Angestellten. Allerdings hatten sich gegenüber dem Kaiserreich die Relationen zwischen den selbstständig und den unselbstständig beschäftigten Juden zulasten der Selbstständigen, in der Mehrzahl übrigens kleine Ladenbesitzer, verschoben. Besonders groß war der Anteil der Juden bei Maklern, Rechtsanwälten, Ärzten, Redakteuren und Regisseuren. Für zwei der oben genannten Berufe möchte ich das mit Zahlen belegen: Von 100 Ärzten waren 1933 elf Juden, von 100 Rechtsanwählten und Notaren sogar sechzehn. Juden hatten ferner starke Stellungen in der Textilindustrie und im Eisen- und Schrotthandel, wo um 1930 jeweils etwa 40 Prozent aller Unternehmen im jüdischen Besitz waren; Juden kontrollierten vier Fünftel des Umsatzes der deutschen Warenhäuser und knapp ein Fünftel der Privatbanken.
Die deutschen Juden waren also in den privilegierten Schichten der Gesellschaft überdurchschnittlich, in den minderprivilegierten Schichten unterdurchschnittlich vertreten. Nicht mehr der ›Viehjude‹ und der Hausierer, sondern der Arzt und der Rechtsanwalt waren die gesellschaftlichen Symbolfiguren des deutschen Judentums. Dieser soziale Aufstieg, der im Vormärz begonnen und sich im Kaiserreich beschleunigt hatte, war, so paradox es klingt, nicht zuletzt eine Folge lang andauernder und vielfach verinnerlichter Diskriminierung. Den ausgeprägten Hang zur Selbstständigkeit kann man, zum Teil jedenfalls, aus dem Wunsch erklären, Reibungen mit antisemitischen Arbeitgebern und Arbeitskollegen tunlichst zu vermeiden. Viele Juden bevorzugten wirtschaftliche Betätigungen, in denen es keine überlieferten Zugangsbeschränkungen gab oder die ihnen seit alters her offengestanden hatten. Das starke Engagement in der Textilindustrie lässt sich aus der Tradition des Altkleiderhandels ableiten – einem den Juden seit Jahrhunderten vertrauten Gewerbezweig. Ähnliches gilt für das Gesundheitswesen. Andere freie akademische Berufe wurden oft von Juden gewählt, weil ihnen der öffentliche Dienst im Kaiserreich nahezu völlig versperrt geblieben war. Was vielen als jüdische Machtkonzentration erschien, war, so gesehen, nur die Kehrseite fortwirkender Benachteiligung.
Von einem beherrschenden Einfluss der Juden auf die deutsche Wirtschaft konnte keine Rede sein. Juden waren in den Schlüsselindustrien faktisch gar nicht vertreten, und sie waren weit davon entfernt, das Bankwesen in der Hand zu haben. Verglichen mit der Zeit vor 1914 war die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Privatbanken sogar stark zurückgegangen. In der Politik spielten Juden nach der revolutionären Gründungsphase der Republik keine herausragende Rolle mehr. Groß war dagegen ihr Gewicht in der Presse – man denke nur an die Frankfurter Zeitung, das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung – sowie in allen Zweigen des Kulturbetriebs, darunter dem Kabarett und dem neuen Medium Film. Juden traten also häufig als ›Multiplikatoren‹ und nicht selten als ›Modernisierer‹ auf, und beides trug dazu bei, dass ihre tatsächliche Macht überschätzt wurde. In Wirklichkeit war die soziale Position der deutschen Juden in der Weimarer Republik das Produkt von Emanzipation und Diskriminierung – eine Entsprechung des beschränkten Freiraums, der ihnen real zugestanden worden war.
In der Frühphase der Weimarer Republik spielten, so möchte ich den ersten Abschnitt zusammenfassen, konjunkturelle Bewegungen keine ausschlaggebende Rolle für das Erstarken des Antisemitismus. Vielmehr rief die traumatische Erfahrung von militärischer Niederlage und Revolution, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen und Inflation, kurz, ein allgemeines Gefühl von Unsicherheit und Umbruch, die Suche nach Sündenböcken hervor. Die Juden waren für diese Rolle besonders geeignet, weil sie als privilegierte Minderheit galten. Ostjuden wiederum dienten dem Antisemitismus als ideale Zielscheibe, weil sie in ihrer Fremdartigkeit dem negativen Klischeebild vom Juden viel mehr entsprachen als die assimilierten deutschen Juden. Das Konkurrenzmotiv blieb in den ersten Jahren der Republik meist verdeckt, aber wir werden noch Sachverhalte zu erörtern haben, die dafürsprechen, dass es vor wie nach 1918 eine wichtige Antriebskraft der Judenfeindschaft bildete.
Wie verbreitet war der Antisemitismusin der damaligen deutschen Gesellschaft?
Von der antijüdischen Agitation unbeeindruckt blieb im Großen und Ganzen auch nach 1918 die sozialistische Arbeiterschaft. Dass für die Proletarier nicht der jüdische Kapitalist, sondern der Kapitalist schlechthin der Gegner war, das war nicht nur ein immer wiederholter marxistischer Lehrsatz, es entsprach auch ganz der alltäglichen Erfahrung der meisten Arbeiter. Die Linksparteien griffen den Antisemitismus als eine Ideologie an, die die Massen vom Kampf für den Sozialismus ablenken sollte. Die Sozialdemokraten suchten beharrlich die Glaubwürdigkeit der Nationalsozialisten zu erschüttern, indem sie ihren antijüdischen Behauptungen Punkt für Punkt entgegentraten. In der Endphase der Weimarer Republik arbeitete die SPD
