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Die meisten Geschichten in diesem Büchlein sind zwischen 2011 und 2020 im Volkspark Friedrichshain in Berlin entstanden. Diese Miniaturen des Müssiggangs sind Momentaufnahmen eines Lebens abseits der Schnellstrassen des Mainstreams. Sie beschreiben Inseln im hektischen Treiben einer Grossstadt und laden zum Innehalten ein, zum Ausruhen auf dem Kissen der Langsamkeit. Die Natur zeigt in den Texten einige ihrer Wunder, an denen wir oft genug achtlos vorbeigehen. Könnten diese kurzen Einblicke in das Erleben des Autors bei der Leserin oder beim Leser ein Schmunzeln, einen tieferen Atemzug oder ein entspanntes Körpergefühl hervorrufen, wäre die Welt wohl für diesen einen Moment ein wenig friedlicher geworden.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Zeitinseln sind ein Geschenk der Unendlichkeit
Für Pia
Einleitung
Alle meine Entchen
Auf dem Weg zum Wasser
Ein Stoffhund
Der Schrittzähler
Der Stein
Der Stadtritter
Der Versager von Parzelle fünf
Susanne
Die Einstein-Plus-Zeit
Ein Käfighuhn lernt fliegen
Fliegende Pferde
Im Regen
Monikas Tanz
Stillsitzen im Morgengrauen
Sven
Käsekuchen
Zwischen Himmel und Erde
Mit Freunden sein
Die meisten Geschichten in diesem Büchlein sind zwischen 2011 und 2020 im Volkspark Friedrichshain in Berlin entstanden. Diese Miniaturen des Müßiggangs, wie ich sie auch gerne nenne, eignen sich als kurze Lektüre zur Entspannung oder zum Vorlesen kurz vor dem Einschlafen.
Es sind Momentaufnahmen eines Lebens abseits der Schnellstraßen des Mainstreams. Sie beschreiben Inseln im hektischen Treiben einer Großstadt und laden zum Innehalten ein, zum Ausruhen auf dem Kissen der Langsamkeit.
Die Natur zeigt in den Texten einige ihrer Wunder, an denen wir oft genug achtlos vorbeigehen. Könnten diese kurzen Einblicke in das Erleben des Autors bei der Leserin oder beim Leser ein Schmunzeln, einen tieferen Atemzug oder ein entspanntes Körpergefühl hervorrufen, wäre die Welt wohl für diesen einen Moment ein wenig friedlicher geworden.
Es ist einiges los am Märchenbrunnen. Normalerweise renne ich an Dornröschen und Aschenputtel vorbei, umrunde Hänsel und Gretel und trabe auf der gegenüberliegenden Seite an Rotkäppchen und Schneewittchen vorbei zurück in den Park. Heute ist etwas anders, eine Rentnergruppe versperrt mir den Weg. Ich muss schon bei Dornröschen abbremsen. Warum haben sich hier all diese Leute versammelt? Es ist ja noch nicht ausgestanden, das mit Corona - und doch hält schon niemand mehr Abstand, wie es von ganz oben angeordnet wurde. Ich gehe weiter, an Hans im Glück vorbei auf die andere Seite, wo eindeutig weniger Leute stehen.
Eine Wildente schwimmt mit ihren fünf Kleinen, die wohl vor wenigen Tagen erst geschlüpft sind, im untersten Becken des Märchenbrunnens und der Angestellte vom Grünflächenamt legt eben sorgsam ein Brett halb ins Wasser, um der Entenfamilie eine Art Rampe zu bauen, auf der sie den sicheren Brunnenrand erreichen kann. Die Entenmutter scheint ziemlich aufgeregt zu sein und schwimmt kreuz und quer im weißen Schaum herum, der durch das herunterfallende Wasser aus der oberen Stufe und die beiden Springbrunnen im Becken erzeugt wird. Die fünf Kleinen paddeln ihrer Mama hektisch hinterher, alle äußerst wachsam, um den Kontakt nicht zu verlieren. Die desorientierte Ente sieht jedoch das Brett nicht, das für sie bereit liegt und der Brunnenrand ist viel zu hoch für ihre Kleinen und ganz oben sogar etwas überhängend. Warum sieht die Alte das Brett nicht, ein Blinder kann das sehen. Wie sind die bloß hier hineingeraten, frage ich mich und bleibe beim gestiefelten Kater stehen. Die Sonne scheint mir warm ins Gesicht. Von etwas oberhalb schaut die Schwester aus Stein mit den sieben Raben im Schoss wie ich schwitzend und immer noch außer Atem neben dem gestiefelten Kater stehe.
Nun fliegt die verwirrte Mutter auf die geschwungene Einfassung des oberen Beckens direkt vor mir, steht wacklig auf der Kante, über die das Wasser ins untere Becken fließt und quakt zu ihren Küken hinunter, die im weißen Schaum paddeln und ängstlich fiepen. Sie geht hin und her, rutscht auf dem glitschigen Untergrund aus und ruft weiter nach ihrer Brut. Ist die blöd, denke ich, die sieht doch, dass die kleinen piepsenden Wuschelbällchen ihr nicht folgen können. Warum springt die nicht sofort zurück und tröstet ihre Kleinen? Kaum ein paar Tage auf der Welt und schon solche Angst. Eine Mutter hebt ihre Zweijährige auf den Brunnenrand, um ihr die kleinen Entchen zu zeigen. Die Entenmutter watschelt immer noch aufgeregt auf der glitschigen Beckenstufe und ruft. Die Winzlinge im unteren Becken geben Antwort mit ihren feinen Stimmchen, können aber unmöglich folgen. Endlich hebt die Alte ab, ein Flügelschlag und sie ist wieder unten bei ihrem Nachwuchs. Das hektische hin und her schwimmen beginnt von Neuem. Ich frage mich, ob die Kleinen sich nicht müde schwimmen bei dem hohen Tempo und diesen winzigen Flossen. Ertrinken würden sie wohl nicht, denn die Federbällchen schaukeln wie Korkzapfen auf den hochfrequenten Wellen.
Jetzt schwimmt die verstörte Familie direkt unter mir und das rettende Brett ist weit weg. Für einen Moment frage ich mich, ob ich die Initiative ergreifen, spontan den Helden markieren und das rettende Brett holen soll. Der Lange vom Grünflächenamt hat sich nämlich inzwischen zu seiner Kollegin auf die Bank gesetzt und scheint sein Pulver verschossen zu haben, nachdem mehrere seiner Versuche, der Entenfamilie eine ideale Ausstiegsmöglichkeit zu bieten, gescheitert sind. Ich entscheide mich weiter zu beobachten, denn es könnte durchaus sein, dass auch meine kühne Tat als „Entenretter“ von den Enten nicht beachtet und von den umstehenden Menschen mitleidig belächelt würde.
Die Große mit den eifrigen Kleinen im Schlepptau paddelt weiter im weißen Schaum. Über ihnen sitzen stoisch in Stein gemeißelt Hänsel und Gretel auf zwei überdimensionierten Enten von denen sie symbolisch über ein trennendes Gewässer getragen wurden. Im Märchen scheinen Enten immer größer als in Wirklichkeit. Ich schaue weiter gebannt auf das Geschehen im Becken. Den steinernen Müllersknaben mit seinem gestiefelten Kater an der Hand scheint das Geschehen im Wasser direkt unter ihm wenig zu interessieren, im Gegensatz zu den Menschen, die immer zahlreicher stehen bleiben und von dem hageren Angestellten der Parkverwaltung endlich Taten erwarten. Durch viele fragende Blicke bedrängt steht er von seiner Bank auf, nimmt das Brett aus dem Wasser und trägt es zum anderen Ende des Beckens, worauf sich die Ente mit ihrem Anhang schnell von der Planke, die für ihre Rettung gedacht wäre, entfernt. Ich sehe, wie der Mann mit dem Brett unter dem Arm zaudert, wie er sein Brett nur noch halb auf den Brunnenrand legt und nicht ins Wasser schiebt. Das geht ja gar nicht, denke ich, so kommen die Kleinen bestimmt nicht hoch. Soll ich ihm helfen, ihm raten, dass er das Brett, wenn schon, dann ganz ins Wasser schieben soll. Ich schaue mich um, sehe zu viele aufmerksame Blicke. Väter mit ihren Kindern, Joggerinnen, Schulkinder, Fotografen und ältere Ehepaare. Sie alle erwarten, dass diese Rettungsaktion endlich erfolgreich abgeschlossen wird.
In der Zwischenzeit ist im Wasser einiges passiert. Mama-Ente steht nun auf dem Brunnenrand und schon zwei der kleinen Federbündel sind zu ihr hoch gekrabbelt. Das dritte nimmt eben Anlauf und klettert geschickt die senkrechte Wand hoch, überwindet die überhängende Kante, als wäre es bei einem Eichhörnchen in die Lehre gegangen. Das vierte nimmt eben Anlauf, springt hoch und kommt heil oben an. Schließlich schwimmt nur noch das letzte Entlein verlassen und allein im schäumenden Wasser. Es braucht zwei Versuche, bis es oben ist, fällt nach einem Fehltritt noch einmal ins Wasser zurück, versucht es wieder und ist nun ebenfalls oben - dieses Mal in sicherer Distanz zur Klippe.
Endlich, zum Glück. Mit letzter Kraft das rettende Ufer erreicht, denke ich.
Die Mutter zeigt den Kleinen nun in aller Ruhe, wie man sich mit dem Schnabel unter den Flügeln und am Bauch gründlich putzt, wie man das Wasser abschüttelt und wie man auf festem Grund hin und her watschelt.
Ich atme auf.
Es ist alles noch einmal gut gegangen.
Die meisten Zuschauer wenden sich zum Gehen und bevor ich meine Joggingtour weiterverfolge, schaue ich noch einmal zurück.
Die Enten-Mutter setzt eben zum Sprung an, fliegt ins schäumende Wasser zurück. Die Kleinen hüpfen freudig hinterher und die Entenfamilie setzt ihre unterbrochene Schwimmstunde fort. Na ja, denke ich. Warum auch nicht. Vielleicht haben mir diese Enten eben eine Lektion erteilt. Vielleicht bin auch ich in Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie zu ängstlich geworden. Vielleicht haben mir eben die kleinen, kaum drei Tage alten Entchen gezeigt, was Vertrauen ins Leben bedeutet. Ja, vielleicht sind diese kleinen Tierchen von etwas getragen, das wir Menschen auch wiederfinden müssen, damit es uns gut geht. Zufrieden und dankbar trabe ich an Schneewittchen vorbei nach Hause.
Nach einem unangenehmen Rippenstoß und einigen zurechtweisenden Blicken verlasse ich fluchtartig das Kleidergeschäft. Ich war nicht lange drin, wollte nur kurz ein Hemd und ein Paar Jeans kaufen, doch ich habe es kaum bis zu den Hemden geschafft. Irgendwie sind alle an diesem dreiundzwanzigsten Dezember verrückt geworden und benehmen sich so, als würde morgen das Kleiderkaufen verboten. Auf dem gefrorenen Asphalt der Friedrichstrasse sitzt ein Bettler und streckt mir einen zerknautschten Pappbecher entgegen. Es ist halb fünf und schon dunkel. Auch der Hund auf der rotkarierten Decke neben ihm scheint zu frieren. Die Menschen gehen vorbei, schauen weg. Auch ich gehe vorbei, schaue weg. Ich will zum Wasser, muss herausfinden, was aus diesem Tag noch werden soll, muss meinen Kopf frei kriegen, muss endlich die rennende Zeit aufhalten. Habe heute noch nicht viel geschafft, ein Buch gekauft, sonst nichts. In meinem Kopf rennt einer immer weiter zum nächsten und von da zum nächsten und kaum ist er da, wieder zum nächsten und wenn es kein nächstes gibt, wächst die innere Unruhe und er sucht hektisch nach dem Übernächsten, als ob es ohne ein Ziel kein Leben gäbe. Ich schaue mir kurz zu, werde dann vom Strudel mitgerissen und hetze durch die Läden, um zu kaufen ohne zu wissen was und warum. Die Menschen auf dem Gehsteig vor und hinter mir hasten, drängeln, versuchen zu überholen.
Ich weiche drei Asiatinnen aus, die in ihre leuchtenden Handys starren, als hofften sie dort das zu finden, was es hier nirgends gibt. Lichter, Gesichter, Tragtaschen, Hausfassaden, Wintermäntel. Ich navigiere in die einzige Richtung, die Ruhe verspricht. Zum Wasser. Am Ufer der Spree hoffe ich endlich mir selber oder zumindest dem, was von mir übriggeblieben ist, zu begegnen. Jeder flüchtig hingeworfene Blick, jede kleine Rempelei, jede abweisende Geste nimmt etwas vom Vorrat an Selbstgefühl mit, das der Morgen mir großzügig zugeteilt hatte. Ich schaue zurück zum bärtigen Mann am Boden, lasse mich von seiner flehenden Gebärde berühren. In seiner zerschlissenen Daunenjacke und den schmutzen Hosen ist er mir für einen kurzen Moment näher als ich mir selber bin, gleichwohl gehe ich nicht zu ihm zurück. Ich rede mir ein, dass der Aufwand des Grabens im Rucksack, die paar Schritte zurück zu viel Zeit verbrauchen würden. Passanten kurven an mir vorbei und scheinen sich über mich, den nutzlos Herumstehenden, zu ärgern. Soll ich mich nicht doch neben den Bettler setzen, das Einkaufsvirus sitzend ertragen? Der Zerlumpte am Boden würde aber wahrscheinlich mein Sitzen als Konkurrenz zu seinem Sitzen empfinden, würde mich wegscheuchen, meine Solidarität falsch verstehen. Ich wende mich ab, spaziere weiter Richtung Spree. Wasser, endlich eine Fläche ohne Menschen, auf der sich meine Augen eine Weile ausruhen werden. Im Grunde genommen ist es zu kalt für Wasser und zu dunkel dort drüben, doch etwas zieht mich weiter. Wo soll ich sonst hin? Ich kurve um einen Mann mit Drehorgel herum, werde von einem in Lederjacke angerempelt, wende mich wütend um. Trottel, murmle ich, doch die Lederjacke ist bereits in der Menschenmenge verschwunden.
Hast du kurz Zeit? Etwas Blaues steht unerwartet vor mir, bremst mich geschmeidig aus. Das erste freundliche Gesicht seit Stunden, blaue Jacke. Die Stimme gefällt mir. Warm irgendwie und zugewandt. Ich bleibe stehen, scanne blitzschnell von den mit Lammfell gefütterten Winterschuhen über das weiße Logo auf der blauen Jacke hoch bis zum Gesicht. Sie lächelt, scheint auf mich gewartet zu haben. Schönes Gesicht, gerötete Nasenspitze, braune Augen, schulterlange Haare unter einer knallroten Wollmütze. Nein, selbstverständlich hat sie nicht auf mich gewartet und, nein, ich habe keine Zeit und nein, ich gebe heute nichts mehr für Wohltätigkeitsvereine, die in diesen Tagen an jeder Ecke herumstehen. Mein Blick hetzt um die junge Frau herum, will weg, keine Ahnung mehr wohin, bloß weg. Ich kann die Welt auch nicht retten und heute in diesem Konsumwahnsinn schon gar nicht. Warum macht sie so was? Sie ist zu schön, zu verletzlich für diese Straße, für diese achtlosen Gestalten, die aus dem U-Bahnschacht strömen und an uns vorbeiziehen als ginge es in den Kampf. Ich bleibe stehen, weiß nicht warum, schaue weg, stammle verwirrt, dass ich keine Zeit hätte und zu beschäftigt sei, doch die gemurmelten Worte haben keine Kraft. Eigentlich ist sie doch ganz nett.
Schön, dass du dir kurz Zeit nimmst trotz dem Weihnachtsstress. Sie scheint sich von meinem Wegschauen nicht beeindrucken zu lassen. Herrgott ist dieses Mädchen schön und viel zu jung für diesen Knochenjob auf der Straße. Wahrscheinlich macht sie das heute zum ersten Mal, denn aus dem Augenwinkel sehe ich eine etwas ältere Frau in derselben Jacke, die einige Schritte hinter ihr zur Unterstützung bereitsteht.
Ich weiß was jetzt kommen wird, will mir dieses Verkaufsgedöns nicht anhören, nicht von dieser blutjungen und unschuldigen Schönheit, die meine Enkelin sein könnte. Ich muss weiter zum Wasser, fühle mich gleichzeitig von der Aufseherin im Hintergrund beobachtet. Geld für einen guten Zweck in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten droht. Ich habe nichts, gebe nichts, will nichts und brauche nichts. Lasst mich bloß in Ruhe, verdammt noch mal. Die gerötete Nasenspitze und die freundlichen Augen vor mir lassen meiner Empörung keine Chance. Obwohl mir ein eisiger Wind in den Nacken bläst, bleibe ich auf diesem kalten Gehsteig stehen wie bestellt und nicht abgeholt.
Darf ich dir kurz etwas zeigen? Sie rennt weg, zieht zwischen Thermoskannen und Rucksäcken ein Tablet hervor und kommt mit schnellen Schritten zurück. Schön, dass du noch da bist. Es dauert bestimmt nicht lange. Sie aktiviert den Bildschirm, berührt einige Symbole, Seiten tauchen auf und vergehen wieder. Auf der blauen Jacke steht UNO Flüchtlingshilfe. Ich möchte dir etwas zeigen. Sie lächelt, schaut mich an. Sicher kennst du diese Bilder. Dann wird sie wieder ernst, scrollt rasend schnell durch einen Text, den ich ohne Brille eh nicht lesen kann. Selbstverständlich kenne ich diese Bilder, schon hunderttausendmal gesehen. Sie hält inne, schaut irritiert auf den Bildschirm, scrollt weiter. Wahrscheinlich sollten die neuen Bilder schneller erscheinen oder etwas anderes stimmt nicht. Ich spüre meinen Herzschlag schneller werden, schaue wie gebannt auf den eingefrorenen Bildschirm.
Sie ist neu, macht das vielleicht zum ersten Mal. Ich schaue mir zu wie mein Blick gebannt am Bildschirm hängt und hoffe, dass diese Präsentation nicht abstürzen möge. Meine Hände in den Jackentaschen werden kalt. Ich sollte mich bewegen. Ihr Blick fliegt über den Bildschirm. Die Bilder sind verschwunden. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Tief durchatmen. Mein Herzschlag beschleunigt sich weiter. Ich möchte sie ermuntern. Kein Problem. Zusammen schaffen wir das, doch die Betreuerin ist schon da, tippt kurz auf ein kleines Symbol unten rechts. Ein, zwei Klicks und auf dem Bildschirm erscheinen die gewünschten Bilder. Ich hoffe, dass die andere bald wieder geht, wünsche mir die unbeholfene Leichtigkeit zurück. Unsichere Menschen erlauben auch mir, unsicher zu sein.
Endlich ein Mensch, denke ich, lasse mir Flüchtlingscamps im Jemen zeigen, eine Stadt aus Zelten, die sich wie eine riesige Herde zusammendrängen. Siebenhunderttausend, siebzigtausend, siebentausend? Ich kann mich nicht mehr an die Zahl erinnern, die sie eben erwähnt hat. Du hast sicher schon gehört, dass es im Jemen ganz schlimm ist. Der Bürgerkrieg, seit Jahren. Sie hat ihre Stimme wiedergefunden. Diese Zelte, diese Menschen, dieses Elend und plötzlich sitzt mir dieser Kloss im Hals. Furchtbar, sage ich, wende mich ab. Und sicher weißt du auch, dass das UNHCR die einzige Hilfsorganisation ist, die noch im Jemen arbeiten darf. Wir stellen Zelte und Nahrungsmittel für die Soforthilfe zur Verfügung.
Was kostet das, murmle ich und endlich löst sich auch der Kloß in meinem Hals. Eine leichte Übelkeit bleibt. Diese Menschen ohne Heimat, die mich normalerweise kaum berühren, scheinen für einen Moment fast greifbar nah. Ein bisschen Geld für ein bisschen mehr Menschlichkeit. Sie spricht von Nähmaschinen für Frauen, die mit meinem Geld eine Existenz aufbauen und ihre Familien ernähren könnten. Zehn Euro im Monat, also Minimum hundertzwanzig im Jahr. Normalerweise macht man das ein Leben lang. Sie sagt das so selbstverständlich. Der Zeigefinger ihrer rechten Hand wischt über weitere Flüchtlingscamps, von lachenden Kindern zu Überschwemmungen, über dürre Felder zu Ladeflächen voller Nahrungsmittel. Der blaue Ärmel der zu großen Jacke rutscht über ihr Handgelenk, während sie über den Bildschirm wischt. Ich möchte nächstes Jahr mit einer Freundin nach Asien reisen und dort in einem Kinderheim oder einem Flüchtlingslager arbeiten und dann werde ich Kulturkontakt und Kommunikation studieren. Ihre Augen sprühen vor Begeisterung.
Ich doziere etwas von kolonialer Vergangenheit und Rechnungen, die die reichen Länder nun zahlen müssten, von Kontakt und Mitgefühl, merke wie ich mich zwischen den eigenen Worten verirre, versuche den lehrerhaften Ton durch ein Lächeln abzumindern. Nicht der richtige Ort für einen Vortrag über den Zustand der Welt. Sie lächelt, wirkt für einen Augenblick unsicher. Ich darf dich doch duzen? fragt sie verlegen, geht einen kleinen Schritt zurück, als hätte sie eben in mir einen ihrer alten Lehrer erkannt.
Es ist kalt und die Menschen auf dem kleinen Platz treten mit hochgezogenen Schultern von einem Fuß auf den andern. Ich buchstabiere meinen Namen und verpflichte mich, bis an mein Lebensende Geld von meinem Konto abbuchen zu lassen. Meine Unterschrift auf dem Bildschirm gleicht der krakeligen Linie eines Kleinkindes.
Vielen Dank für deine Spende. Sie lächelt.
Gerne. Auch ich lächle, drehe mich um, gehe weiter. Nach ein paar Schritten merke ich, dass ich noch immer lächle, dass ich richtig gut drauf bin, dass ich eben einen Menschen getroffen habe, der es gut meint mit der Welt und dass auch ich es gut meine mit der Welt. Ihr letzter Satz klingt in mir nach. Vielen
