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"Alles. mit scharf"ist eine kleine Sammlung von Predigten, die im Verlauf einer 20jährigen Tätigkeit als Pfarrer im Rotlichtmilieu entstanden sind. Sie geben dem biblischen Text Raum und nehmen die Fragen der Gegenwart an diesen Text ernst. So entsteht ein Gespräch zwischen Menschen und mit dem Himmel, dessen Fokus der Gegenwartsbezug ist. "Es geht immer um alles, aber nie einfach" ist die Maxime, aufgrund der die Predigten entstanden sind. Entsprechend zielen sie nicht auf ein intellektuelles Verstehen oder frommes Erschauern, sondern auf eine existentielle Auseinandersetzung mit der eigenen Spiritualität.
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2021
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für Florina
geliebte Tochter und Seelenverwandte, die mich zuweilen besser versteht als ich mich selbst und mich erdet und meinen Blick auf das lenkt, was wirklich wichtig ist.
1.
Genesis und Exodus
Solange es Menschen mit Keulen in den Händen gibt
Karfreitag in Genesis 4
Der Berg der Sorgen
Unsägliches in Genesis 22
Wo Jakob, wo Esau?
Die beiden Streithähne in Genesis 25
Du sollst nicht – aber du darfst
Das Erste der 10 Gebote in Exodus 20
Nächtlicher Blick über den Zaun
Das letzte der 10 Gebote in Exodus 20
2.
Propheten
Ins Leben sterben
Unappetitliche Heilungen in Hosea 5
Berufung und Selbstzweifel
Nicht wollen und doch müssen in Jeremia 1
Ungerechte Wahlwillkür
Faule Feigen in Jeremia 24
3.
Bergpredigt
Wer sich etwas sagen lässt
Gott ist ganz nah in Matthäus 5
Nicht das Aussergewöhnliche!
Gottes Alltag in Matthäus 5
Sehen wie der Vater
Gottes Nachtsicht in Matthäus 6
Lass den Hammer liegen
Richter, Hämmer und Urteile in Matthäus 7
Die Goldene Regel
Wie es funktioniert in Matthäus 7
4.
Jesus
Ent-Scheidungen
Wir oder unsere Kinder in Matthäus 10
Bist du sauer genug?
Was in uns wachsen soll in Matthäus 13
Bettler, Anfänger und leere Flaschen
Jesu letzte Worte in Matthäus 28
Die Spiritualität des Kochlöffels
Vom Krankenbett in die Küche in Markus 1
Gott kommt in Windeln
Der Anfang von Jesus in Lukas 2
Denn wir wissen, was wir tun
Das Ende von Jesus in Lukas 23
Werkzeug des Geistes
Pfingstpremiere in Apostelgeschichte 2
Mehr Mut!
Armutsbekämpfung in Apostelgeschichte 3
Mit Steinen in den Händen
Ehebruch in Johannes 8
Nicht, was du tust!
Der Weinstock in Johannes 15
5.
Paulus
Ich will nicht gleich sein - aber eins
Was es nicht mehr gibt in Galater 3
Auf den Kopf stellen
Gottes Urbewegung in 1.Korinther 1
Verdichtete Zeit
Gottes Uhr in 1.Korinther 7
Versöhnt und gefordert
Christliche Gleichzeitigkeit in 2.Korinther 5
6.
Zum Schluss
Nicht nur Trost
Freitagsdemonstrationen in Offenbarung 11
maranatha – bitte warten
Zum Schluss den Schluss aus Offenbarung 22
Was es für mich bedeutet, Christ zu sein
Ganz am Ende meine letzten Worte
20 Jahre lange habe ich in der Evangelisch-methodistischen Kirche Zürich 4 und zuletzt auch in der Regenbogenkirche gearbeitet, gewirkt und gepredigt. Letzteres war stets mein Schwerpunkt und hat mich spirituell ausserordentlich gefordert. Es kam mir bei der Predigt nicht darauf an, inhaltlich möglichst präzis, innovativ und klug zu sprechen, denn das ist alles lediglich eine Frage des Handwerks und der sachgerechten Analyse. Was eine Predigt zur Predigt macht, ist ihre Transparenz für das, was sie selbst nicht zu Wort bringen kann. Dass das Wort der Predigt zum Wort Gottes wird für die, die es hören, ist ein wundersames Geschehen, das kein Prediger machen, jeder Prediger aber verhindern kann. Verhindern wird er es nämlich dann, wenn er sich durch seine Worte und Gedanken so sehr ins Zentrum setzt, dass die Predigt nicht mehr von Gott handelt, sondern von ihm selbst. Die Versuchung ist gross, bewusst oder auch nicht, sicher aber an jedem Sonntag von neuem. Ob ich ihr immer habe widerstehen können, bezweifle ich. Lieber Leser, liebe Leserin: Entscheide selbst!
Zu danken habe ich den Menschen, die bereit waren, mich über all die vielen Jahre zu hören und mich mit ihren kritischen und wohlwollenden Worten begleitet, gefordert und gefördert haben. Eine Predigt entsteht nie im luftleeren Raum, es ist immer ein Zusammenspiel der Vertikalen mit der Horizontalen, ein Gespräch, das mit Gott und zwischen Menschen stattfindet. Ohne Hörer*innen hätte ich nicht nur keine Resonanz gehabt, sondern auch nichts zu sagen. Besonderen Dank möchte ich Jana Klauser aussprechen, die mich bei der Textauswahl kritisch und kreativ beraten hat. Und auch Yves Roth, dem Künstler, durch dessen Hände der Umschlag zur Metapher geworden ist: Wo es um die Wurst geht, gebe ich gerne meinen Senf dazu.
Zürich, kurz vor meiner Abreise nach Reutlingen 2021 csm
4,1 Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Kain, und sie sprach: Ich habe einen Sohn bekommen mit Hilfe JHWHs. 2 Und sie gebar wieder, Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt, und Kain wurde Ackerbauer. 3 Nach geraumer Zeit aber brachte Kain JHWH von den Früchten des Ackers ein Opfer dar. 4 Und auch Abel brachte ein Opfer dar von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett. Und JHWH blickte auf Abel und sein Opfer, 5 aber auf Kain und sein Opfer blickte er nicht. Da wurde Kain sehr zornig, und sein Blick senkte sich. 6 JHWH aber sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt? 7 Ist es nicht so: Wenn dir [dein Leben] gelingt, ist dein [Blick frei] erhoben. Wenn dir [dein Leben] aber nicht gelingt, lauert die Sünde an der Tür, und nach dir steht ihre Begierde, du aber sollst Herr werden über sie. 8 Darauf redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 9 Da sprach JHWH zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiss es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders? 10 Er aber sprach: Was hast du getan! Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. 11 Und nun – verflucht bist du, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. 12 Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir fortan keinen Ertrag mehr geben. Rastlos und heimatlos sollst du auf Erden sein. 13 Da sprach Kain zu JHWH: Meine Strafe ist zu gross, als dass ich sie tragen könnte. 14 Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben, und vor dir muss ich mich verbergen. Rastlos und heimatlos muss ich sein auf Erden, und jeder, der mich trifft, kann mich erschlagen. 15 JHWH aber sprach zu ihm: Fürwahr, wer immer Kain erschlägt, soll siebenfach der Rache verfallen. Und JHWH versah Kain mit einem Zeichen, damit ihn nicht erschlage, wer auf ihn träfe.
Kain und Abel sind die beiden Kinder von Adam&Eva, der eine Bauer, der andere Hirte, der eine Schwingerkönig, der andere Flötenspieler, und das sind letztlich auch wir, je nach Situation mal Täter, mal Opfer. Abel, nb., heisst auf Hebräisch häbäl, was Windhauch, Luftzug bedeutet, und das ist kein guter Name, wenn man Kains Bruder ist. Noch aber sind beide fleissig und fromm und bringen Gott ganz selbstverständlich ein Dankesopfer für die Gaben der Schöpfung. Und es kommt, wie es kommen muss: Fett brennt und riecht besser als Gemüse, und Gott schaut nur auf Abels Opfer an. Weshalb diese Ungerechtigkeit, gäbe es auch nur einen Grund dafür? Es ist letztlich unbegreiflich, dass wir manchmal von Gott nichts hören, nichts merken, ihn nicht verstehen und fast verzweifeln, ohne einen Grund für sein Schweigen zu erkennen. Es gibt Schicksale, die nur unbegreiflich sind. Wie Kain und sein Opfer.
Und Kain senkt seinen Blick. Wer sein Herz verfinstert, der schaut nicht mehr offen und frei ins Leben, sondern kneift die Augen zusammen, ballt die Fäuste und schaut auf den Boden. Es gibt keine Alternativen mehr, nur noch das eine. Da spricht ihn Gott an: 7 Ist es nicht so: Wenn dir [dein Leben] gelingt, ist dein [Blick frei] erhoben. Wenn dir [dein Leben] aber nicht gelingt, lauert die Sünde an der Tür, und nach dir steht ihre Begierde, du aber sollst Herr werden über sie. Oft wird dies so übersetzt: Wenn du gut tust, darfst du (zu mir) aufschauen, wenn nicht, lauert die Sünde vor der Türe, aber das stimmt nicht und ist viel zu moralisch, denn Gott droht Kain nicht, sondern erklärt ihm die Situation: Solange dein Leben gelingt, ist es einfach. Sobald aber Dinge passieren, die nicht geplant sind oder nur schlecht einzuordnen, beginnt die Versuchung.
Wenn das Leben nicht gut läuft, wenn Frustration sich bildet, hakt die Sünde ein mit schnellen Lösungen: Ohne Konkurrent bist du die Nr.1. – Je schlechter du die anderen machst, desto besser stehst du da. – Diese Lüge, dieser Betrug, dieser Diebstahl ist keine grosse Sache, alle anderen machen das auch. – Wenn du schon nicht darfst, dann soll der andere auch nicht dürfen. Hinter all dem steckt nichts anderes als die nackte Angst, dass wir unbedeutend bleiben, ungehört, wertlos. Wie schon bei Kain schreit auch in uns das kleine Kind nach Beachtung der Eltern, und aus lauter Angst, nicht gehört zu werden, schlägt es wild um sich. Wo wir Angst haben, lauert die Sünde. Lass diese Angst dich nicht beherrschen! rät Gott Kain, nicht als Drohung, sondern als liebevoller Rat. Denn Gott hat ihn nicht vergessen, auch wenn er sich so vorkommt, sondern im Gegenteil: Er traut ihm Schwieriges zu, nämlich Situationen zu meistern, die nicht einfach sind, nicht verständlich, die ungerecht scheinen und unfair. Denn die Welt jenseits von Eden ist eine solche Welt. Es gibt Situationen, die es auszuhalten gilt, auch wenn sie nicht verständlich sind – kannst du das? Willst du das? Leben in einer Welt jenseits von Eden.
Als ob er nichts gehört hätte, schreitet Kain zur Exekution. Und Abel, der Windhauch, liegt in seinem Blut erschlagen auf dem Feld, er, der am wenigsten dafür kann, dass Kain die Welt nicht mehr versteht, dass Gott manchmal nicht mit uns spricht, dass jenseits von Eden die Dinge nicht so eindeutig und klar sind, wie sie diesseits waren. Warum hat er nicht mit Abel gesprochen, ihm seine Frustration anvertraut? Warum hat er nicht mit Gott gestritten, sondern den Bruder erschlagen? Warum greift er zur Keule, wenn er doch hätte fragen können?
Noch fragt Gott: Kain, wo ist dein Bruder? Wir erinnern uns, wie er schon im Paradies gefragt hat: Adam, wo bist du? Noch hätte Kain die Möglichkeit, sich zu erklären und um Gnade zu flehen, aber er lügt: Ich weiss es nicht, und er macht sich über Gott lustig: Bin ich etwa der Hüter deines Schafhüters? Er rennt mit offenen Augen ins Verderben. Aber seine Tat wird er nicht los, der Riss in der Schöpfung, den der erste Mord verursacht hat, schliesst sich nicht wieder, sogar der Erdboden schreit und klagt ihn an. Dieser Schuld wird er nicht entkommen, so geschickt er sich auch versteckt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn einholt.
Und was macht Gott? Es wäre sein Recht, Kain zu töten. Aber er verzichtet und liefert Kain der Konsequenz seines Tuns aus: Wer sich gegen das Leben versündigt, wird vom Leben ausgeschlossen. Der Boden verweigert sich ihm ebenso wie die Menschen, er ist aus der Gemeinschaft verbannt. Aber weshalb nimmt ihm Gott nicht das Leben? Würde das auch nur einen einzigen weiteren Mord verhindern? Rechtfertigt ein Fehler den nächsten? Gott straft, indem er die Menschen die Wege gehen lässt, die sie wählen, mit allen Konsequenzen. Ich stelle mir vor: Gott steht neben diesem Weg und fragt sich kopfschüttelnd und tief enttäuscht, ob dieses Morden je ein Ende nehmen wird.
Noch zu erwarten war, dass Kain um Gnade bittet: Meine Strafe ist zu gross, als dass ich sie tragen könnte, und jeder, der mich trifft, kann mich erschlagen. Überraschend aber ist, dass Gott auf die Bitte eingeht. Weshalb? Hat Kain nicht bereits viel mehr erhalten, als er verdient hätte? Und doch reisst ihn Gott auch noch aus dieser Strafe heraus und beschützt ihn, garantiert ihm Sicherheit, verteidigt den Mörder vor Mord: Das Kainsmal ist das Zeichen des göttlichen Schutzes. Aber weshalb? Realisiert Gott, dass das Morden immer weitergeht, wenn er den Mörder den Feinden ausliefert? Dass es noch gar keine anderen Menschen gibt, interessiert die Geschichte nicht, denn es geht um das existentiell Wesentliche, nicht um historische Details: Gott duldet kein Unrecht, und sei es Unrecht gegen einen Unrechten. Lieber verzichtet er auf sein Recht, als dass er weiteres Unrecht damit zulässt.
Und jetzt, am Ende der Geschichte Kains, sind wir beim Karfreitag angelangt. Mit dem Kainsmals steht Gott dem Täter bei, setzt er den ins Recht, der Unrecht hat. Kommt uns das bekannt vor? Wie kann Gott das Problem Mensch lösen, wenn der Mensch zeitlebens nichts Besseres weiss, als zur Keule zu greifen? Soll er selbst zum Mörder werden? Soll er das Projekt abbrechen und die Menschen beseitigen? Soll er ihnen die Freiheit eigener Entscheidung nehmen und sie zum Tier degradieren? Was soll er denn tun? Will er Menschen, dann muss er Mörder in Kauf nehmen, will er Recht, muss er auf sein Recht verzichten, will er Frieden, müsste er ihn mit Gewalt durchsetzen, will er Liebe, muss er mit Hass rechnen. Solange der Mensch die Möglichkeit hat, andere Menschen zu erschlagen, wird er es auch tun. Hätte er diese Möglichkeit nicht mehr, wäre er kein Mensch mehr. Was soll Gott tun?
Gott wählt: Er lässt dem Menschen die Freiheit und sein Menschsein, und er nimmt in Kauf, dass damit die Menschheit unweigerlich in den Tod marschiert. Nicht nur in den biologischen Tod, sondern in den geistlichen Tod. Wer so lebt wie wir, kann nicht zu Gott zurückkehren, es klebt zu viel Blut an ihm. Er bleibt im Tod gefangen. Und darum wählt Gott das Unmögliche: Er, der Unsterbliche, das Sein an sich, nimmt Sterblichkeit an, wählt das Nicht-mehr-Sein und geht in den Tod. Er wählt das logisch-metaphysisch Unmögliche und stirbt auf Golgatha. Und er ist tot, ganz tot. Aber er bleibt nicht tot, sondern sprengt die Pforten des Todes, um die Menschen, die es nicht verdient haben, zu sich zurück ins Leben zu holen. Wie damals bei Kain: Rettung für den, der es nicht wert ist. Und jetzt wissen wir auch, wie dieses Kainsmal aussieht: Es ist das Zeichen des Kreuzes. Das Zeichen tiefster Schuld und zugleich grösster Erlösung. Wer es trägt, weiss: Ich bin zurecht verurteilt. Und vertraut: Gott lässt auch mich nicht im Stich.
Nichts kann dich, Kain, von Gott trennen, selbst wenn du deinen Bruder erschlagen hast. Nichts könnte ihn hindern, dir selbst bis in deinen selbstgewählten und selbstverdienten Tod zu folgen. Was damals als Zeichen für den Ersten galt, gilt heute auch noch für den Letzten. Solange es Menschen mit Keulen in der Hand gibt, kann Gott das Problem Mensch nicht anders lösen, als dass er sich selbst erschlagen lässt. Und er wird sich durch nichts davon abhalten lassen. Lieber Kain, liebe Kain: Es ist deine Schuld, dass es so weit gekommen ist. Ich sehe die Keule noch immer in deiner Hand. Und die Löcher in seiner. Aber darum auch das Mal auf deiner Stirn. Amen.
22,1 Gott sprach zu Abraham...: Nimm deinen Sohn, deinen Einzigen, den du lieb hast, Isaaq, und geh in das Land Morija und bring ihn dort als Brandopfer dar auf einem der Berge, den ich dir nennen werde. 3 Am andern Morgen früh sattelte Abraham seinen Esel und nahm mit sich seine beiden Knechte und seinen Sohn Isaaq. Er spaltete Holz für das Brandopfer, machte sich auf und ging an die Stätte, die Gott ihm genannt hatte. 4 Am dritten Tag blickte Abraham auf und sah die Stätte von ferne. 5 Da sprach Abraham zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel, ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir zu euch zurückkommen. 6 Dann nahm Abraham das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaaq auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaaq zu seinem Vater Abraham: Vater! Er sprach: Hier bin ich, mein Sohn. Er sprach: Sieh, hier ist das Feuer und das Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? 8 Abraham sprach: Gott selbst wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn. So gingen die beiden miteinander. 9 Und sie kamen an die Stätte, die Gott ihm genannt hatte, und Abraham baute dort den Altar und schichtete das Holz auf. Dann fesselte er seinen Sohn Isaaq und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. 10 Und Abraham streckte seine Hand aus und ergriff das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. 11 Da rief ihm der Bote JHWHs vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Er sprach: Hier bin ich. 12 Er sprach: Strecke deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts, denn nun weiss ich, dass du gottesfürchtig bist, da du mir deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthalten hast. 13 Und Abraham blickte auf und sah hin, sieh, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Da ging Abraham hin, nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar an Stelle seines Sohns. 14 Und Abraham nannte jene Stätte: JHWH-sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg, wo JHWH sich sehen lässt.
Die Geschichte der Beinahe-Opferung Isaaqs gehört zweifelsohne zu den Top-3 der unbegreiflichen Erzählungen der Bibel. Gott stellt den, den er auserwählt hat, auf die Probe, indem er das Opfer des eigenen Sohnes fordert. Emotionslos, als ob es zum Picknick auf den Hausberg ginge, wird die Geschichte erzählt. Dabei steht das Leben des einzigen Kindes auf dem Spiel. Was hat Abraham gedacht? Kein Wort davon. Und was Sara und Isaaq, die auch gemerkt haben werden, dass es ums Ganze geht und nicht bloss um ein Gebet, wie Abraham es ihnen vorgaukelt (V4)? Abraham trägt das Feuer und das Messer – und der Junge das Holz des eigenen Scheiterhaufens. Und sie gehen schweigend nebeneinander (V6.8). Noch nie hat man in Israel Menschenopfer dargebracht, und ausgerechnet jetzt, wo das Volk Gottes entstehen soll, soll alles ein jähes Ende nehmen. Isaaq fragt nach dem Opfertier, und Abraham stiehlt sich in Halbwahrheiten: Gott werde es sich selbst erwählen. Gott hat es sich bereits erwählt! (V7f). Dann schweigen beide, denn sie wissen, was kommt, und es gibt keine Worte für das Grauen. Das Kind ist schon gebunden, das Messer gewetzt, der Arm erhoben zum tödlichen Hieb – da endlich greift Gott ein. Es genügt, mehr brauche ich nicht zu sehen. Ein Widder ist Ersatz, das Opfer brennt, Vater und Sohn verlassen den Berg. Und was sehen sie, wenn sie sich in die Augen schauen? Den fanatischen Vater, der seinem Gott selbst den Sohn schlachtet? Das Opfer, das unschuldig einen sinnlosen Tod erleiden soll? Ein Familiendrama, das nie eine Erklärung finden wird?
Was hier geschieht, ist das persönliche Standgericht, das am ahnungslosen Abraham vollzogen wird. Keine Anhörung, kein Rechtsbeistand, und das Urteil steht von Anfang an fest. Nachdem der Gerichtssaal geräumt worden, bleibt nur noch etwas im Raum: Die Frage nach dem Warum.
Das Verständnis dieser Geschichte ist seit jeher schwierig, und auch wenn wir keine Erklärung finden, so wissen wir, dass wir zu solchem Gehorsam nicht fähig wären – und dass ein solches Erlebnis unser Gottesbild nachhaltig schädigen würde. Es scheint mir geraten, einen anderen Zugang zu wählen, und zwar den der Retrospektive. Wir gehen die Geschichten von hinten her an und fragen, welche Erfahrungen in ihnen verarbeitet werden. Können wir sie nachvollziehen? Gibt es Anknüpfungspunkte, die uns helfen, diese Geschichte besser zu verstehen und damit auch unser eigenes Leben?
Ich sehe drei Erfahrungshorizonte: Den historischen, den familiären und den spirituellen. Zum historischen: Die atl. Wissenschaft nimmt an, dass sich in dieser Geschichte die Praxis des kanaanäischen Opferkultes spiegelt. Die Kanaanäer sind die Ureinwohner Israels und brachten in Jerusalem, das sie gegründet hatten, auf dem Berg ihren Göttern Menschenopfer dar. Das hebr. Wort für sehen (jarah) kommt häufig vor (7x), und es klingt ähnlich wie Jerusalem, und so wird der Berg Morija zum Berg Jerusalem, dem Ort der Opfer. Die Geschichte nimmt das Opfer auf, zeigt aber, wie der neue Gott und Herr über Jerusalem diesen Ritus abschafft: Jetzt braucht es keine Opfer mehr, JHWH sucht sich sein Opfer selbst, nicht aber unter den Menschen. Eine interessante, allerdings lediglich historische Erklärung, aber immerhin ein Anfang.
Im Horizont der eigenen Familie kommt hier die Erfahrung zur Sprache, ein eigenes Kind zu verlieren: Krankheit, Unfall, plötzlicher, unzeitiger, sinnloser Tod. Es gibt für Eltern kaum Schlimmeres. Gerade für uns Christ*innen, die an die gute Hand Gottes glauben und nicht an das gleichgültige Schicksal, ist es nicht verständlich, wenn uns unsere Kinder genommen werden. Wie kann Gott das zulassen – oder sogar wollen? Hätte er es nicht verhindern können? Es ist oft mein Gebet, dass ich vor meinen Kindern sterben darf und nicht nach ihnen sterben muss. Die Geschichte von Abraham nimmt etwas davon auf: Das Unsägliche eines solchen Todes, das im Glauben an den guten Gott noch schlimmer wird. Hier wird als Geschichte verdichtet erzählt, wofür sonst die Worte fehlen. Und es wird bei aller Dunkelheit auch erzählt, dass Gott rettend eingreift, dass er unsere Kinder nicht zum Opfer will, sondern zum Leben. Gott ist ein Gott des Lebens und nicht des Blutes. Auch wenn immer wieder Blut fliesst in dieser Welt und wir darin keinen Sinn sehen, so ist dies nicht der Wesenskern Gottes. Tu dem Knaben nichts! – das ist das Wesen Gottes.
Und schliesslich der Erfahrungshorizont der Spiritualität: Wer würde tun, was Abraham tat? Niemand. Aber wer hätte sich noch nie auf einem solchen Berg der Sorgen und der Verzweiflung befunden? Wem hätte es noch nie die Sprache verschlagen, weil das Leben sich von seiner garstigen Seite gezeigt hat? Der Lebensweg führt steil hinauf, aber rings um uns nur Mauern ohne Perspektiven. Was wir als Antwort auf unsere Fragen hören, ist nichts als das Echo unseres Schreis. Solche Stunden sind uns nicht unbekannt: plötzliche Arbeitslosigkeit oder Krankheit, das jähe Ende einer Beziehung, der Unzeitige Tod einer geliebten Person. Jetzt zu vertrauen und Gott nicht verzweifelt den Rücken zu kehren: Was für eine Aufgabe! Und an ebendiesem Vertrauen arbeitet die Geschichte von Abraham, der nicht aufgab und auch in schwerster Stunde auf die Liebe Gottes vertraute. Und wenn ich auch gehe im Todesschattental, wie es der Ps 23 sagt. Vertrauen in einen Gott, der so verborgen scheint.
Bevor wir diese Erfahrungshorizonte konkretisieren, möchte ich zwei Missverständnisse klären: Erstens geht es in der Geschichte nicht um die Frage, ob Abraham Gott mehr liebe als seinen eigenen Sohn. Es geht darum, ob er auch in tiefster Dunkelheit bereit ist, ihm zu vertrauen. Das ist ein Unterschied, und wer den nicht macht, kommt mit seinem Gottesbild in Teufels Küche.
Und zweitens ist ein Opfer nicht eine sinnlose Schlachtung. Im Opfer tritt der Mensch vor Gott und gibt ihm etwas von dem zurück, was er von ihm erhalten hat. Ein Brandopfer wie hier zB. drückt Dankbarkeit gegenüber Gott aus, aber auch dessen Anspruch auf alles Leben: Von ihm kommt es, zu ihm geht es. Gott ein Kind zu opfern ist undenkbar, aber es hiesse dennoch nicht, es zu schlachten, sondern, es Gott als dem Herrn des Lebens zurückzugeben. Auch das ist ein Unterschied, den man machen muss. Damit ist die Geschichte noch nicht erklärt, aber der Verständnishorizont weitet sich.
Nun zur Konkretisierung: 1. Es gibt Texte, bei denen viele Fragezeichen bleiben, und für die weder blindes Vertrauen („ich glaube an die Bibel“) noch scheinbare Allwissenheit („Die Bibel muss man nur lesen, dann versteht man sie auch“) hilfreich sind. Das gilt es zu akzeptieren. Die Bibel ist kein Kochbuch, sondern ein Buch zum Leben, und nicht immer ist alles verständlich. Es gibt Erklärungsversuche, und wir brauchen nicht dumm vor solchen Geschichten zu stehen. Aber es gibt Texte, die sich unserem Verstehen entziehen. Sicher heute, vielleicht immer. Das heisst nicht, die Bibel nicht ernst zu nehmen, im Gegenteil: Es heisst, die Bibel so ernst zu nehmen, dass wir sie nicht vereinnahmen, sondern ein Buch sein lassen, das uns auch fremd ist, weil es nur so kritisch zu uns sprechen kann. Wer immer alles weiss, lässt sich nichts mehr sagen.
2. Es gibt Erfahrungen, bei denen viele Fragezeichen bleiben. Erfahrungen, die einem das gute Leben ohne Vorwarnung aus der Hand schlagen. Für solche Erfahrungen ist diese Geschichten geschrieben, denn sie zeigt: Du bist nicht der einzige, der solches erlebt, und du wirst auch nicht der letzte sein. Gerade in diesen äusserst schwierigen Situationen hast du die Möglichkeit, dich in jenem Text zu finden und dir von ihm sagen zu lassen, was er zu sagen hat. Die Geschichte von Abraham und Isaaq ist keine Geschichte für das normale Leben, sondern eine extreme Geschichte für Menschen in extremen Situationen. Erst hier, erst jetzt beginnt sie zu sprechen. Und erst jetzt verstehen wir.
3. Und sie hat vieles zu sagen: Das Leben mit Gott führt dich zuweilen auf Wege, die unheimlich sind: beengende Tiefen – schwindelerregende Höhen. Weshalb Gott dir das zumutet, weiss ich nicht, aber dass er es dir zumutet, zeigt, dass er dir vertraut. Brauchte Gott einen Beweis für Abrahams Glauben? Ich glaube nicht, aber vielleicht musste Abraham bereit werden, seine Hände zu öffnen und loszulassen, woran er sich zu sehr geklammert hat. Und dann, erst dann konnte er zum Verheissungsträger einer Jahrtausende währenden Geschichte werden. Vielleicht musste er ganz persönlich einsehen, dass Gott keine Menschenopfer will und auch keine Menschen, die sich ihm opfern. Sondern Menschen, die ihm so vertrauen, dass sie auch das loszulassen bereit werden, was sie nie loslassen wollten und sich darum im Leben festgekrallt haben, bis es tödlich wird. Gott sucht Menschen, die zwar nur den Berg vor sich sehen, ihn aber trotzdem besteigen, weil sie Gott rufen hören. Und darauf vertrauen, dass sie keinen Weg alleine gehen, so ausweglos er auch scheinen mag. Wie damals Abraham mit seinem einzigen, geliebten Kind.
Und wie damals jener Sohn, der den hoffnungslosen Weg ans Kreuz ging, weil er darauf vertraute, dass er ihn nicht ohne den Vater gehen wird. Und erfuhr, dass gerade hier, in der tiefsten Hoffnungslosigkeit, die grösste aller Hoffnungen geboren wurde.
Amen.
