Noch ahnte sie nichts von ihrem Schicksal - Karin Bucha - E-Book

Noch ahnte sie nichts von ihrem Schicksal E-Book

Karin Bucha

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Beschreibung

Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Karin Bucha Classic ist eine spannende, einfühlsame geschilderte Liebesromanserie, die in dieser Art ihresgleichen sucht. »Peter! Warte doch, Peter, lauf doch nicht weg!« Peter Brünell dreht sich halb um und sieht Evi Amballi hinter sich herkommen. Ihre hochhackigen Sandaletten klappern auf dem Marmor der Freitreppe. Atemlos kommt sie bei ihm an. »Was willst du denn?« fragt er barsch. »Wir wollten doch die Bade­szene noch einmal durchpro­ben.« »Du bist verrückt! Die ist abgedreht und damit basta! Und nun halte mich nicht länger auf.« Schnell faßt sie nach seinem Arm. »So warte doch, Peter! Wir könnten dafür eine andere Sze­ne proben.« Sie hat sich nicht einmal Zeit genommen, einen Bademan­tel überzuwerfen. Und das mit Absicht. Sie weiß, daß sie eine sehr gute Figur hat. Es reizt sie, daß ausgerechnet Peter Brü­nell all ihren Verführungskünsten gegenüber kalt bleibt. »Warum läufst du eigentlich immer noch halbnackt herum!« fährt er sie an.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Karin Bucha Classic – 62 –Noch ahnte sie nichts von ihrem Schicksal

Karin Bucha

»Peter! Warte doch, Peter, lauf doch nicht weg!«

Peter Brünell dreht sich halb um und sieht Evi Amballi hinter sich herkommen. Ihre hochhackigen Sandaletten klappern auf dem Marmor der Freitreppe. Atemlos kommt sie bei ihm an.

»Was willst du denn?« fragt er barsch.

»Wir wollten doch die Bade­szene noch einmal durchpro­ben.«

»Du bist verrückt! Die ist abgedreht und damit basta! Und nun halte mich nicht länger auf.«

Schnell faßt sie nach seinem Arm.

»So warte doch, Peter! Wir könnten dafür eine andere Sze­ne proben.«

Sie hat sich nicht einmal Zeit genommen, einen Bademan­tel überzuwerfen. Und das mit Absicht. Sie weiß, daß sie eine sehr gute Figur hat. Es reizt sie, daß ausgerechnet Peter Brü­nell all ihren Verführungskünsten gegenüber kalt bleibt. »Warum läufst du eigentlich immer noch halbnackt herum!« fährt er sie an. »Du willst wohl unter allen Umständen auffal­len?« Er legt Ironie in seine Stimme. »Laß dir einen Diaman­ten in den Nabel montieren, vielleicht zieht das noch mehr. Tschüs.«

Da faßt sie so hastig nach seinem Arm, daß er die Stufe verfehlt und die Treppe hinunterstürzt.

»Peter!« Ihr entsetzter Schrei hallt durch das ganze Haus, und sofort wird es lebendig.

Aus den Seitengängen, die Treppe herab kommen sie gelaufen und knien vor dem regungslos Liegenden.

»Peter! So wach doch auf!«

»Einen Arzt! Ist Dr. Mertens noch im Haus?«

Regisseur Länger sieht sich hilfesuchend um. Ein Beleuchter läuft davon.

Evi Amballi kauert wie ein Häufchen Unglück am Boden. Tränen überfluten ihr Gesicht, sie vermischen sich mit Schminke und Tusche.

Friedrich, Peter Brünells Garderobier, kommt atemlos herbei.

»Herr Brünell soll sofort ans Telefon kommen, seine Frau…«

Er blickt zu Boden, sieht in das wächserne Gesicht Brünells, in die weit geöffneten Augen und wendet sich erschüttert an.

Auch die anderen erheben sich und verharren in Schweigen. Als Dr. Mertens erscheint, bilden sie eine Gasse, damit er zu dem am Boden liegenden Star der Film-Zentra AG gelangen kann.

Sie haben ihn alle geliebt und verehrt. Nicht allein, weil er ein großer Könner war, vielmehr noch wegen seiner volkstümlichen Art. Es gab für ihn keinen Unterschied, ob ihm ein anderer berühmter Star oder ein kleiner Elektriker gegenüberstand. Er war zu allen liebenswürdig, freundlich und hilfsbereit. Gegenüber eitlen, hochmütigen und eingebildeten Menschen jedoch konnte er grob werden. Das hatte man nicht nur einmal bei ihm erlebt.

Langsam erhebt sich Dr. Mertens. Den Umstehenden scheinen Stunden vergangen zu sein, ehe der Arzt endlich mit tonloser Stimme verkündet: »Tot.«

Evi Amballi rauft sich das Haar und schreit und schreit. Schaurig hallen diese hysterischen Schreie durch das hohe Treppenhaus. Sie ist wie von Sinnen. Erst als Dr. Mertens ihr rechts und links eine Ohrfeige gibt, hört dieses entsetzliche, nervenaufpeitschende, hysterische Schreien schlagartig auf. Sie sinkt vor Dr. Mertens zu Boden.

»Bringt die Amballi in die Garderobe. Ich gebe ihr eine Beruhigungsspritze.«

Regisseur Länger lehnt mit aschgrauem Gesicht am Geländer. Er kann das alles nicht fassen. Es ist auch nicht zu fassen. Der junge, vor Temperament und Lebensfreude sprühende Peter soll nicht mehr sein?

Friedrich naht sich auf Zehenspitzen.

»Herr Länger, was soll ich der gnädigen Frau antworten? Die Haushälterin ist am Telefon. Sie will unbedingt Herrn Brünell sprechen. Es geht der gnädigen Frau nicht gut. Sie wissen ja, Herr Länger, sie erwartet ihr erstes Baby.«

»Oh, mein Gott, auch das noch!«

Verzweifelt fährt Paul Länger sich mit beiden Händen durch das Haar.

Hilfeflehend sieht Friedrich ihn an. Er zittert am ganzen Körper.

»Ja, Friedrich, irgend etwas müssen wir wohl tun. Sagen Sie – sagen Sie, Herr Brünell dreht im Atelier. Und reißen Sie sich zusammen, Friedrich!«

Schauspieler und Angehörige des technischen Aufnahmestabes stehen vor dem toten Künstler. Auf allen Gesichtern spiegeln sich Fassungslosigkeit und tiefe Trauer.

Peter Brünell hatte wirklich keine Feinde. Sie alle waren ihm irgendwie verbunden, vor allem die alten Schauspieler, für die nur hier und da einmal eine kleine Rolle abfiel. Sie brauchten nicht zu darben. Erfuhr Peter Brünell von ihrem Schicksal, unterstützte er sie, doch stets hatte er sich im Hintergrund gehalten. Er wollte keinen Dank.

Wenn Daniela, seine Frau, manchmal Einhalt geboten hatte – »Peter, du verschenkst dein ganzes Geld«, nahm er sie in die Arme, küßte sie heiß und wiegte sie wie ein Kind.

»Danilein, haben wir nicht alles im Überfluß? Sollen die armen Menschen, die einmal Großes geleistet haben, am Hungertuch nagen?«

Und nun war Peter Brünell tot, mitten herausgerissen aus einem arbeitsreichen, erfüllten Leben.

Wie ein Lauffeuer ging es von Mund zu Mund.

*

»Marthe, bitte ruf noch einmal an. Peter soll kommen, bitte, er soll sofort kommen! Ich habe solche Angst!« Daniela Brünell wimmert vor sich hin.

»Marthe, Marthe!« schreit sie gequält auf.

Die Haushälterin kommt eilig angelaufen.

»Der Herr Brünell ist nicht zu erreichen, gnädige Frau.«

»Versuch es immer wieder, Marthe, ich bitte dich! Ruf auch Professor Hollweg an. Schnell, lauf.«

Stöhnend windet sich Daniela Brünell am Boden. Sie ist nicht zu bewegen, sich ins Bett zu legen. So kauert sie auf dem dicken Eisbärfell.

»Was soll ich zuerst tun, gnädige Frau?«

Marthe ist noch nie so hilflos gewesen wie in diesem Augenblick.

»Peter, Peter soll kommen.«

Marthe hetzt davon. Auf dem Flur trifft sie Gertie, das Hausmädchen.

»Geh zur gnädigen Frau, Gertie, und laß sie keine Minute allein, hörst du! Ich telefoniere nur und bin gleich wieder zurück.«

Gertie nickt und verschwindet im Schlafzimmer.

Marthe ist in den letzten zwanzig Minuten nur zwischen Schlafzimmer und Telefon hin und her gehetzt. Ihre Beine zittern, und sie läßt sich erschöpft auf den Stuhl neben dem Telefontischchen nieder.

Wieder wählt sie die Nummer des Ateliers. Diesmal erreicht sie Regisseur Länger.

»Hören Sie, Marthe. Peter hat einen kleinen Unfall gehabt. Seien Sie jetzt diplomatisch. Erfinden Sie irgendeine Ausrede, aber sagen Sie der gnädigen Frau nichts von dem Unfall. Sie müssen sie hinhalten – unter allen Umständen.«

»Ja, ja, natürlich!« flüstert Marthe fassungslos. »Aber ich weiß nicht wie. Die gnädige Frau verlangt immerfort nach ihrem Mann. Sie hat Schmerzen. Ich nehme an, das Kind will kommen.«

»Ach du lieber Himmel!« entfährt es Länger betroffen. Ihm war noch nie so elend zumute wie jetzt. »Sagen Sie der gnädigen Frau nichts, Marthe. Es könnte ihr Tod sein!«

»Ist es denn so schlimm mit Herrn Brünell?« fragt Marthe mit zitternder Stimme.

»Schlimm genug, Marthe. Sie müssen jetzt ganz tapfer sein. Denken Sie nur an Frau Brünell! Haben Sie einen Arzt gerufen?«

»Ja, Professor Hollweg.«

»Es ist gut, Marthe. Sie sind ja mit dem Haus Brünell eng verwachsen. Sie brauchen viel Kraft für die nächste Zeit, Marthe. Reißen Sie sich zusammen! Mit dem Professor spreche ich selbst.«

»Ja, danke«, flüstert Marthe und legt den Hörer behutsam zurück. In ihrem Kopf läuft alles kraus durcheinander.

Marthes Blicke irren hinunter in die prachtvolle Halle. In diesem Haus ist alles prachtvoll, großzügig, schön und harmonisch. Mit wieviel Freude haben die beiden Menschen alles zusammengetragen. Marthe hat es miterlebt, auch die große Liebe der beiden.

Von weitem hört sie Stöhnen und leises Wimmern. Aber sie ist unfähig, sich zu rühren. Was soll sie der gnädigen Frau sagen? Ihr Kopf ist leer. Sie weiß einfach nichts.

Sie weiß auch nicht, wie lange sie zusammengesunken auf dem Stuhl gehockt hat.

Erst als solch die Tür der Halle öffnet und sie die hohe Gestalt Professor Andreas Hollwegs erkennt, kommt Leben in sie.

Sie hastet die Freitreppe hinab und umklammert den Arm des Professors.

»Es ist gut, daß Sie da sind, Herr Professor! Der gnädigen Frau geht es sehr schlecht. Kommen Sie, Herr Professor, kommen Sie schnell.«

»Hören Sie, Marthe!« Der Professor hält die getreue Alte zurück. »Herr Brünell ist tot. Die gnädige Frau darf es vorläufig nicht erfahren. Sorgen Sie dafür, daß niemand es ihr mitteilen kann.«

Professor Hollweg geht allein die breite Treppe hinauf. Marthe umklammert das Geländer. Sie ist einer Ohnmacht nahe. Das kann doch nicht wahr sein! Sie schlägt die Hände vors Gesicht und weint lautlos vor sich hin.

»Peter«, flüstert Daniela, als der Professor sie auf seinen Armen hinüber zu dem breiten französischen Bett trägt.

Voll Erbarmen sieht er in das schöne, schweißnasse Antlitz der Frau, von der Peter Brünell immer behauptete: ›Daniela ist eine Madonna.‹ Weiß Gott! Er hatte recht!

Mit geschlossenen Augen ruht Daniela in den Kissen. Sie hält die Hand des Professors umklammert, dabei stöhnt sie tief auf.

Nach kurzer Untersuchung weiß Hollweg Bescheid. Er winkt Marthe herbei, die nahe der Tür steht.

»Ich nehme die gnädige Frau sofort mit in meine Klinik. Richten Sie, was nötig ist, Marthe. Sie fahren mit!« befiehlt er in seiner knappen Art.

Eine Viertelstunde später liegt Daniela Brünell in einem der schönsten Balkonzimmer der Hollweg-Klinik.

Neben ihr sitzt der Professor, um ihn herum stehen zwei Ärzte. Sie unterhalten sich leise. Danielas Zustand ist besorgniserregend. Und dann fällt das eine Wort: »Kaiserschnitt!«

Nach zwei Stunden schenkt Daniela Brünell einem Mädchen das Leben. Die junge Mutter wird zurück in ihr Zimmer gebracht. Noch wirkt die Narkose. Der Professor bleibt bei ihr. Wenn sie erwacht, soll sie ein bekanntes Gesicht sehen. Deshalb hat er auch Marthe mitgenommen, die sich lautlos im Zimmer bewegt und immer wieder in das bleiche, stille Gesicht der gnädigen Frau starrt.

Genau wie der Professor hat auch sie Angst vor dem Augenblick, wenn Daniela sich ins Leben zurücktastet und Fragen zu stellen beginnt.

Marthe bangt auch um das große verlassene Haus. Was werden die Angestellten ohne ihre Anweisungen anfangen? Endlich faßt sie sich ein Herz.

»Herr Professor, darf ich Sie einmal stören?« wendet sie sich leise an den Arzt.

Er dreht sich ihr zu und nickt.

»Ist im Augenblick meine Anwesenheit hier wichtig? Ich werde im Haus dringend benötigt. Es sind so viele Dinge zu regeln, denen die Angestellten hilflos gegenüberstehen.«

»Richtig, Marthe, Sie sind jetzt im Haus unentbehrlich, zumal…«

Er bricht ab. Er kann es einfach nicht aussprechen, daß Peter Brünell jetzt als Toter in sein Heim zurückkehren wird.

»Gehen Sie, Marthe. Mein Chauffeur soll Sie heimfahren. Sagen Sie Oberschwester Magda Bescheid.«

»Und Sie rufen mich, Herr Professor, wenn die gnädige Frau nach mir verlangt?« Das klingt ängstlich und verzagt.

»Ganz gewiß!« verspricht er.

»Danke!« Mit einem gemurmelten Gruß verläßt Marthe das Krankenzimmer.

Sie hat ja das Kind, denkt Marthe, es wird sie über den größten Schmerz hinwegbringen.

Professor Hollweg nimmt sich die Zeit, an Danielas Bett zu sitzen. Er ist es ihrer und Peters Freundschaft schuldig. Es ist eine Freundschaft, die schon zehn Jahre alt ist.

Damals, als Daniela gerade ihren Dr. med gemacht hatte und sich eine eigene Praxis einrichtete, da liebte er sie schon mit aller Leidenschaft. Aber nie wagte er das entscheidende Wort zu sprechen. Ganz tief in seinem Herzen hielt er diese Liebe verborgen. Ihre Freude an ihrer neuen Doktorwürde war zu groß und rührend, so daß er seine heißen Wünsche zurückstellte.

Dann war der erste Urlaub gekommen, den Daniela sich reichlich verdient hatte. Jung, schön, strahlend nahm sie von ihm Abschied. Am liebsten hätte er sie begleitet, doch die Arbeit hielt ihn zurück.

Und als sie wiederkam, war sie verheiratet – verheiratet mit Peter Brünell, diesem jungen Naturburschen. Er liebte Daniela über alles und war auf Gott und die Welt eifersüchtig. Daniela lachte nur darüber. Sie harmonierten prächtig miteinander, diese beiden schönen Menschen.

Daniela verstand es, aus Peters Talent etwas ganz Großes zu machen. Er nahm Schauspielunterricht, er ließ seine Stimme ausbilden. Er las viel, und aus allem lernte er für seinen Beruf, der ihn bis auf die Höhe hinauftrug.

Hollweg muß ehrlich zugeben, daß Peter Brünell hart, sehr hart an sich gearbeitet hat, um das zu werden, was er geworden ist: ein großer Künstler.

Er hatte es durchgesetzt, daß Daniela ihre Praxis aufgab, was sie nicht einmal schweren Herzens tat. Sie wußte, Peter brauchte sie, jede Stunde brauchte er sie. Selbst wenn er im Studio war, rief er bei ihr an, nur um ihre Stimme, ihr Lachen zu hören.

Und nun ist alles aus, alles vorbei. Hollweg tut das Herz weh. Noch nie war er von so tiefer Traurigkeit umfangen. Und – einmal muß sie es auch erfahren. Man kann sie nicht immer mit leeren Reden abfertigen.

Diese Mission zu erfüllen fällt ihm unsagbar schwer.

Endlich spürt er die ersten Anzeichen des Erwachens bei ihr. Die Lider zucken, die Hände bewegen sich. Mit angehaltenem Atem beobachtet er, wie sie die Augen aufschlägt, wie sie sich besinnt und ihn erkennt.

»Du, Andreas?« fragt sie ungläubig. »Wie kommst du denn an mein Bett?« Die Blicke der großen veilchenblauen Augensterne wandern im Zimmer umher. »Aber warum bin ich denn nicht zu Hause? Und ich fühle mich so leicht, Andreas. Habe ich etwa…«

Andreas Hollweg neigt sich tiefer zu ihr.

»Ja, Daniela, du bist in der Klinik und hast einer kleinen Prinzessin das Leben geschenkt.«

Ihre Augen leuchten. »Oh, An­dreas, ein Mädchen? Wir haben uns so sehr ein Töchterchen gewünscht. Was sagt Marthe dazu? Wo ist Peter überhaupt? Warum ist er nicht an meinem Bett?«

Hollweg hat plötzlich das Gefühl, als sei sein Herz eine Trommel.

»Tja, das ist so eine Sache, Daniela, hoffentlich hast du Verständnis dafür. Peter wird im Studio aufgehalten, es ist, es handelt sich…«

»Warum stotterst du, Andreas? Was verheimlichst du mir? Willst du mir nicht lieber die Wahrheit sagen? Gelt, Peter ist wieder zu schnell gefahren. Er sitzt sicher bei der Polizei.«

»Nein, Daniela, nicht bei der Polizei.«

»Dann ist er verunglückt«, sagt sie, und jedes Wort kommt langsam wie ein Wassertropfen.

Hollweg erwidert nichts. Er sieht sie nur ernst an.

Mit einem Wehlaut dreht sie den feinen Kopf zur Seite. Das tiefschwarze Haar liegt wie ein Gitter über ihrer Wange.

»Tot«, sagt sie nur, und dann herrscht unheimliche Stille, die auch der Professor nicht zu durchbrechen wagt.

Auf einmal ist ihm, als greife eine eiskalte Hand nach seinem Herzen.

Er sieht die Totenblässe, die sich auf Danielas Antlitz ausgebreitet hat, faßt nach ihrem Puls und schlägt Alarm.

Im Nu ist das Zimmer voller Ärzte und Schwestern. Dr. Schreiber reicht dem Professor die bereits vorbereitete Spritze, doch dieser winkt ab. Da injiziert Dr. Schreiber selbst.

»Das war zu erwarten«, raunt er dem Chef zu. Dann geht er mit den anderen. Professor Hollweg nimmt seinen Platz an Danielas Bett wieder ein.

Und seine Gedanken wandern weit, weit in die Vergangenheit…

*

Vierzehn Tage sind vergangen.

Daniela Brünell liegt in völliger Apathie. Da sie auch jede Nahrung verweigert, wird sie künstlich ernährt. Auf ihr Kind hat sie noch nicht einen Blick geworfen, obgleich man es ihr täglich bringt.

Professor Hollweg und seine Ärzte sind ratlos. Die Patientin in Zimmer 111 ist augenblicklich ihr größtes Sorgenkind.

»Bist jetzt bin ich so schonend wie möglich mit ihr umgegangen«, erklärt der Professor seinen Mitarbeitern. »Nun versuche ich es mit Härte.«

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, macht er kehrt und verschwindet im Zimmer Danielas.

Teilnahmslos wie immer liegt sie in den Kissen.

Der Professor betrachtet sie mit innigen, liebevollen Blicken. Was ist aus dem strahlendschönen Geschöpf in der kurzen Zeit geworden. Ihm tut das Herz weh. Aber er ist an der Grenze angekommen, da das Mitleid aufzuhören und die Vernunft zu sprechen hat.

Er setzt sich zu ihr, nimmt die schmale weiße Hand auf und umschließt sie fest.

»Daniela, bitte, jetzt hör mir genau zu. Was du treibst, ist Selbstmord. Du bist Mutter eines süßen Mädchens. Es ist das Vermächtnis deines geliebten Peters. Was würde er zu dir sagen? Er, der Mann, der vor Lebendigkeit sprühte, der eine lachende, strahlende Daniela sehen wollte, würde entsetzt sein. Ja, Daniela, das würde er. Und was würde er erst dazu sagen, daß du nicht einmal sein Kind ansehen willst? Oh, Daniela, wie kann ein Mensch wie du sich so fallenlassen! Dir hat der Herrgott so viele Talente in die Wiege gegeben. Nimm nur eines davon und nutze es. Finde zu dir selbst, finde zu deinem Beruf zurück! Mache kranke Menschen gesund. Alles liegt jetzt an dir. Du solltest dich schämen. Schließlich bist du nicht die einzige Frau, der ein grausames Geschick den geliebten Mann genommen hat. Es gibt unendlich viele Menschen, die das gleiche durchleben müssen. Aber es gibt darunter Frauen, die man bewundern muß. Zu denen gehörst du jedoch nicht, Daniela. Verzeih, daß ich dir das sage, aber es muß sein.

Du bemitleidest dich selbst. Das ist das schlimmste. Und du wirst an dieser Selbstbemitleidung zugrunde gehen, sofern du dich nicht endlich aufraffst. Denke an dein Kind, das die Mutter braucht, keine bezahlten Pflegerinnen. Ein Kind braucht Nestwärme. Die kann ihm nur die Mutter geben. Aber du mußt deinem Kind gleichzeitig den Vater ersetzen. Auch daran solltest du denken. Du hast eine herrliche Aufgabe vor dir, Daniela. Mach einen Strich unter das Gewesene, denk an die berauschend schöne Zeit mit deinem Peter. Aber vergiß darüber nicht das Leben und vor allem nicht dein Kind.«

Professor Hollweg erhebt sich.

»So, Daniela, denke über meine Worte nach. Ich werde dich nicht eher wieder besuchen, bevor man mir berichtet hat, daß du von nun an die Mahlzeiten einnimmst und dich um dein Kind kümmerst. Ich mußte so zu dir sprechen, Daniela, denn ich bin dein Freund.«

Mit harten Schritten verläßt Hollweg das Zimmer, und er schließt die Tür hinter sich auch nicht gerade sanft.

Er atmet ein paarmal tief durch, während er über den Flur geht. Werden seine Worte Erfolg haben? Sind sie überhaupt in ihr Bewußtsein gedrungen? Nun heißt es wieder abwarten. Es ist eine harte Nervenprobe, der er ausgesetzt ist, denn er liebt Daniela mit ganzer Seele.

*

In einem anderen Zimmer liegt Evi Amballi mit Nervenfieber. Dr. Mertens hat sie in die Klinik Professor Hollwegs eingewiesen.