Nokomis erzählt -  - E-Book

Nokomis erzählt E-Book

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Beschreibung

Nokomis erzählt Geschichten aus ihren Kindertagen in einer Familie des indianischen Odjiba-Volkes und spricht über die Rolle der Frau und der Kinder. Zahlreiche Illustrationen von der Autorin und einer weiteren indianischen Künstlerin beleben den Text. Hier ist eine deutsche Übersetzung der englischen Originaltexte.

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Seitenzahl: 65

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Wenn du am Morgen aufstehst, dann sage Danke für das Morgenlicht, für dein Leben und die Kraft, die du besitzt, sag Danke für deine Nahrung und die Freude, am Leben zu sein. Wenn du keinen Grund siehst, Danke zu sagen, liegt der Fehler bei dir.

Tecumseh, indianischer Führer vom Stamm der Shawnee

(1768-1813)

Nur für den Weißen war die Natur eine Wildnis, und nur für ihn war das Land von wilden Tieren und wilden Menschen »befallen«. Für uns war es zahm, die Erde war reich und wir waren umgeben von den Segnungen des Großen Geistes.

Häuptling Schwarzer Hirsch der Oglala-Lakota

(1863-1950)

Daphne Odjig: Caring (Liebende Fürsorge)

INHALT

Mein Name ist Nokomis

Mein allererster Zahnarzt-Besuch

Die Geschichte vom neuen Herd

Perlen aufnähen

Wir kampieren heute Nacht hier

Der Sommer geht zu Ende

Ausfegen

Neue Stiefel

Beeren pflücken

Hilfreiche Hände beim Fladenbrot machen

Mehl herstellen

Frauengespräch

In schlechter Laune

Ich war schüchtern

Zeit für einen Schwatz

Eine schöne Tasse Tee

In der Spur

Freunde besuchen

Odjibwa-Kanues

Von Odjibwa-Kanus gehen Lektionen für das Leben aus

Indianische Frauen, ihren Rollen und ihr Einfluß

Heirat und Odjibwa-Frauen

Indianerfrauen waren für den Haushalt verantwortlich

Essen auf den Tisch

Kleidung für die Familie

Die heilende Hand

Ein paar Gedanken zur Frage der Gleichberechtigung

Odjibwa-Kinder

Einige Verpflichtungen hingen davon ab, zu welchem Clan

man gehörte

Die täglichen Aufgaben der Odjibwa-Kinder

Auftgaben am Waschtag

Odjibwa-Kinder und die Disziplin

Zwei Rezepte für indianisches Fry Bread

Ein paar Bemerkungen zuvor

Es war ein Irrtum mit weitreichenden Folgen, als Christoph Kolumbus 1492 annahm, er wäre in Indien gelandet, nicht wissend, daß es sich um einen neuen, den Europäern bis dahin unbekannten Kontinent handelte1. Und so haben wir heute die Westindischen Inseln in der Karibik und die Bezeichnung Indianer für die Ureinwohner des neuen Doppelkontinents. Im Deutschen können wir immerhin noch unterscheiden zwischen Indianern und Indern, im Englischen sind beide Indians. Man behalf sich lange damit, daß man die Indianer manchmal Red Indians (»Rote Inder«) nannte. Heute nennt man sie, zumindest offiziell, in den USA Native Americans (»Eingeborene Amerikaner«) oder in Kanada First Nations (»Erste Völker«). Der Begriff »indigene Völker« (= Eingeborene Völker) hat sich in der deutschen Umgangssprache nicht durchsetzen können. Es ist leider so, daß der Begriff »Eingeborene« im Deutschen immer noch mit der Vorstellung von wilden, unzivilisierten Wesen verbunden ist. Deshalb werde ich hier die Begriffe »Indianer« und »indianisch« verwenden, und ich möchte sie verstanden wissen als eine Bezeichnung für die ursprünglichen, ersten Bewohner Amerikas.

Wenn ihre Zahl auch stetig abnimmt, es gibt in Nordamerika immer noch mehrere Hundert indianische Stämme.2 Von einem Volk, das sowohl im Süden Kanadas als auch im Nordosten der USA lebt, ist hier die Rede. Die Anischinabe werden in Kanada überwiegend als Odjibwe oder Odjibwa oder Odjibway, in den USA überwiegend als Chippewa oder Chippeway bezeichnet.

Die nördlichen Odjibwa lebten in der wald- und wasserreichen Region nördlich des Lake Superior (Oberer See) von der Jagd und dem Fischfang, eine landwirtschaftliche Nutzung war nicht möglich. Deshalb blieben die Ureinwohner dort auch lange Zeit unbehelligt von den europäischen Kolonisten. In den Geschichten erfahren wir, daß Nokomis‘ Vater vor allem als Fallensteller (Trapper) mit dem Pelzhandel Geld verdiente. Das war dann aber schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als einzige Verkehrs- und Transportmittel kamen im Sommer das Kanu und im Winter der Hundeschlitten in Frage.

Unter diesen Bedingungen waren größere Siedlungen kaum anzutreffen, die meisten Familien lebten, häufig in drei Generationen, in einzelnen, abgeschieden gelegenen Häusern.

Nokomis, gesprochen NOH-ko-mis, die indianische Geschichtenerzählerin und Malerin stellt sich vor als Namensvetterin der in vielen indianischen Mythen auftretenden berühmten mythischen Gestalt. Nach diesen Mythen wird Nokomis vom Mond gestoßen und fällt in einen See auf der Erde. Die Menschen begrüßen sie und bauen ihr einen Wigwam.

Nokomis hat eine Tochter, Winona. Und diese wird schwanger von dem Westwind:

Vor langer Zeit, am Ufer des großen Sees Gitchee Gumee, wurde einer schönen jungen Frau ein Junge geboren. Sein Vater war Mudjekeewis, der Westwind. Kurz nach der Geburt des Jungen, flog Mudjekeewis leider zurück in das Königreich des Westwinds und hinterließ seine Frau und seinen neugeborenen Sohn. Die Mutter des Jungen starb an gebrochenem Herzen. Der Junge, dessen Name Hiawatha war, wurde von seiner Großmutter, Nokomis, Tochter des Mondes, die vor langer Zeit auf die Erde gefallen war, aufgezogen.

Als Hiawatha geboren wurde, war Nokomis sehr alt, aber sie war eine wunderbare Pflegerin, Lehrerin und Mutter. Sie schaukelte Hiawatha in einer Wiege aus Lindenholz. Sie stillte sein Weinen mit sanften Worten und Liedern. Sie brachte ihm die Geheimnisse des Himmels und der Erde und aller Kreaturen bei.

In den Wintermonaten erklärte Nokomis Hiawatha das Nordlicht, und im Sommer zeigte sie ihm die Milchstraße und erklärte, daß dies ein breiter weißer Weg im Himmel sei. Sie lehrte ihn, den flüsternden Kiefern und dem plätschernden Wasser zuzuhören und zu erfahren, daß die ganze Erde wundervoll war. . .

»Nokomis« bedeutet in der Sprache der Odjibwa »meine Großmutter«.

Der erwähnte Henry W. Longfellow (1807-1882) verfaßte »Das Lied von Hiawatha« (The Song of Hiawatha, 1855), ein langes Epos auf der Grundlage verschiedener indianischer Mythen. Das Werk war ein großer Publikumserfolg sowohl in Nordamerika als auch in Europa.

Da es bei den indianischen Völkern keine schriftlichen Aufzeichnungen gab, spielten die Geschichtenerzähler eine besondere Rolle. Sie hatten zahlreiche Mythen und Legenden in ihrem Gedächtnis gespeichert, und die Kinder und Enkel lernten sie von ihnen. Die Geschichtenerzähler zogen von Siedlung zu Siedlung, ja von Haus zu Haus, sie waren überall willkommen und hochgeehrt.

Schriftliche Aufzeichnungen der indianischen Geschichten wurden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts von Reisenden und Missionaren angefertigt.

Altefähr auf Rügen, im Januar 2018

1 Es ist vielleicht nicht so bekannt, daß der Name Amerika für den neuen Doppelkontinent auf die willkürliche Entscheidung eines deutschen Kartografen zurückgeht. Martin Waldseemüller wollte den Florentiner Kaufmann und Seefahrer Amerigo Vespucci ehren, indem er 1507 in seinem Weltatlas diesen Namen erstmals verwendete.

2 Offiziell anerkannt sind gegenwärtig in den USA 562 (davon 235 in Alaska) und in Kanada 632.

Mein Name ist Nokomis, und das bin ich da auf der linken Seite.

Es ist ein Bild meiner Namensvetterin, der Großen Mutter der Ojibwa. Sie war das Mädel, das die Welt neu erschaffen hat, als es von den boshaften Wassergeistern überschwemmt worden war. Sie war die Mutter von Manitus Kindern – und in Longfellows Poem »Hiawatha« wurde sie im Guten oder im Schlechten berühmt.

Ich wurde im Busch nördlich des Lake Superior zu einer Zeit geboren, als die spirituellen Traditionen der Anishinaabe (das ist Ojibwa) noch immer in einer kleinen Anzahl von Gemeinschaften praktiziert wurden.

Nach den alten Traditionen erhielten die Kinder ihre Namen nicht von ihren Eltern.

Die Ältesten berieten, und wenn ersichtlich war, wer ein Kind sein würde – das heißt, was dieser Mensch in diesem Leben zur Welt beitragen würde, wurde ein Name feierlich verliehen.

Als ich drei Jahre alt war, haben die Ältesten des Schildkröten-Clans mich Nokomis genannt. Man erwartete von mir, den Ojibwa ebenso zu erschaffen, wie es meine Namensvetterin getan hatte.