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Noch herrscht trügerische Ruhe im Pax Imperia. Die Zivilisationen der Galaxis wiegen sich in Sicherheit, geschützt von der Ordnung des Imperiums. Doch im Schatten dieser vermeintlichen Stabilität mehren sich unheilvolle Berichte, die den Imperator und das Flottenkommando beunruhigen. Gerüchte über eine Macht, älter als das Imperium selbst, flüstern von einem Feind aus mythologischer Vorzeit – einer Bedrohung, die das Gefüge der bekannten Welt zu zerreißen droht. Mächte, deren Einfluss jenseits aller Vorstellungskraft liegt, greifen nach dem Thron. Inmitten dieser aufziehenden Dunkelheit lebt Nea, eine unscheinbare Arbeiterin auf einer Raumhafenwelt. Noch ahnt sie nicht, dass sie bald im Zentrum von Ereignissen stehen wird, die das Schicksal der Galaxis für immer verändern könnten.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2025
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In dieser Reihe bisher erschienen:
5201 Allen J. Stark Der eiserne Planet
NOMADS LEGACY
BUCH 1
1. Ein langes Gespräch und viele Überraschungen
2. Christana Taroo
3. Nea Diehl
4. Träume und Visionen
5. Samuel Blumfeldt
6. Slynn Deckhart
7. Das Dock
8. Pierre Lavalle
9. Abenteuergeschichten
10 Raynand Skorw
11. Cade Haylon
12. Große Pläne
13. Im Fadenkreuz?
14 Ankunft des Kaisers
15. Rollende Köpfe
16 Zusammenhänge
17. Doppeltes Spiel
18. Besucher
19. Kimberly Lago
20. Geistergeschichten
21. Alte Freunde – Angst und Schrecken
22. Neue Kunden
23. Graf Varan Ganimah
24. Der Gothrek
25. Konflikte
26. Freundschaftsdienste
27. Sira
Allan Joel Stark
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© 2025 Blitz Verlag
Ein Unternehmen der SilberScore Beteiligungs GmbH
Mühlsteig 10 • A-6633 Biberwier
Redaktion: Danny Winter
Titelbild: Andreas Adamus
Logo: Andreas Adamus
Vignette: Ralph Kretschmann
Alle Rechte vorbehalten
eBook Satz: Gero Reimer
www.BLITZ-Verlag.de
ISBN 978-3-689-84260-4
5201 vom 03.02.2025
„Erzähl mir, Muse, die Taten des viel gereisten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der unsrer Welt Zerstörung,
Vieler Menschen Heimstatt hat gesehn, und Sitte dann gelernt,
Und in der Sterne Ozean so viel Leiden hat erduldet,
Seine Seel zu retten und seiner Freunde Zukunft …“
(Homer)
Zeitpunkt: 11.365 pgZ
Die Kaiserliche Behörde für Raumfahrtangelegenheiten verfügte über den größten Gebäudekomplex auf der galaktischen Hauptwelt Vanetha. Eine durchaus angemessene Dominanz, denn die Aufgaben dieser Institution gehörten zu den vielfältigsten, die der imperiale Machtapparat zu bewältigen hatte.
Ihr oblag die Verantwortung, Handelswege zu beschützen, Zölle und Warentransporte zu kontrollieren, Schmuggel und Piraterie zu bekämpfen. Die Leitung von Millionen Sprungpunkten, von denen aus Raumschiffe auf überschnellen Routen durch die Galaxis katapultiert wurden, gehörte ebenfalls zu ihrem Resort und stellte einen ihrer wichtigsten Zuständigkeitsbereiche dar.
Eine gewaltige Herausforderung, die enorme Verantwortung mit sich brachte und durchaus delikate Aspekte besaß. Zum einen konnte ein Fehler in der Logistik zum Erliegen beinahe aller interstellaren Schiffsbewegungen führen. Zum anderen bedeutete die Herrschaft über diese Knotenpunkte ein bedrohliches strategisches Moment, das die Minister der Nominellen Republik auf den Plan rief.
Die Nominelle Republik galt zwar als die eigentliche Gewalt im Sternenreich, doch angesichts der beeindruckenden imperialen Präsenz auf allen Gebieten galaktischer Interaktion, war ihre Macht begrenzt. Im Grunde genommen gestattete ihr der Kaiser, zu regieren, solange er seine Interessen nicht gefährdet sah. Er mischte sich nur selten in die Angelegenheiten der galaktischen Politik ein. Was auch den Ministern der Republik entgegenkam, die gerne bereit waren, beide Augen zuzudrücken und sich dafür angemessen entlohnen zu lassen.
Das Licht der Abendsonne legte sich auf die Fassaden des Häusermeeres, das den ganzen Planeten bedeckte. Der Stahlbeton begann zu leuchten, als bestünde er aus Gold. Die unzähligen Fenster darin glitzerten wie Diamanten. Aus dem Gewirr von Formen ragte die gigantische Architektur der Raumfahrtbehörde heraus wie eine graue Insel. Mit ihren wuchtigen, geschwungenen Linien zog sie alle Blicke auf sich. Diese architektonische Einzigartigkeit unterstrich ihre Bedeutung für Asgaroon oder die Milchstraße, wie das Sternenreich von den Menschen auch genannt wurde.
Herr über die Behörde war Großadministrator Kallen MacEndry. Ein beeindruckender Mann, der lange Zeit als Kommandant eines Flottenverbandes gedient hatte, bevor man ihn bat, diesen Posten zu übernehmen. Aufgrund der langen Erfahrung, die er im Dienst der Flotte sammeln konnte, zweifelte niemand daran, dass er für diese Stellung wie geschaffen war. Auch die Körpermaße des Mannes setzten ein Ausrufezeichen hinter die Wichtigkeit der Position, die er innerhalb der Behörde bekleidete. Ebenso, wie das Gebäude aus dem Ozean abertausender Häuser emporragte, so stach der Großadministrator aus dem Heer seiner Mitarbeiter hervor. Ein hünenhafter, korpulenter Haudegen, den nichts erschüttern konnte. Nach seinem Selbstverständnis hatte die Behörde durch ihn menschliche Gestalt angenommen. Sich in Fleisch verwandelt, damit sie unter den Geschöpfen wandeln und nach dem Rechten sehen konnte.
Mit gelassener Miene beobachtete er, wie der frischgebackene Leiter des Überwachungsbüros gegenüber seines Schreibtisches Platz nahm und in einer Mappe zu kramen begann. Es handelte sich um Ian Anderby, der in Größe und Körperform das genaue Gegenteil von MacEndry darstellte. Anderbys Gesicht war schmal und hager. Auch seine Schultern ließen nicht darauf schließen, dass er eine lange Militärausbildung hinter sich oder je im aktiven Dienst gestanden hatte.
Anderbys Dienststelle beschäftigte sich mit der Sicherung von Routen, die fernab der festgelegten Sprungtrassen und der Katapult oder Sprungstationen lagen. In seine Zuständigkeit fiel es, die Bewegungen von Schiffen zu erfassen, die durch den Hyperraum kreuzten, oder ihn verließen.
„Das ist nun schon der zehnte Vorfall dieser Art“, bemerkte Ian Anderby und nahm damit Bezug auf ein Gespräch, das sie geraume Zeit zuvor geführt hatten. Er förderte eine kristalline Scheibe und zwei, drei transparente Data-Folien zutage, die er auf MacEndrys Schreibtisch ausbreitete. „Ich habe hier die Logbuchaufzeichnungen und die beglaubigten Aussagen der Kapitäne aller betroffenen Schiffe.“
McEndry hob die Augenbrauen. „Beglaubigt? Von wem?“
Anderby lächelte selbstgefällig. „Einer Kommission, gebildet aus fünf meiner Mitarbeiter.“
McEndry versteinerte. Ihm ging der Eifer seines Untergebenen zu weit.
„Es sind hervorragende Leute“, versicherte Anderby schnell, der McEndrys Irritation offenbar bemerkte. „Sehr ambitioniert und fähig.“
„Das will ich hoffen.“
„Ich hatte Ihnen ja bereits vorab die Namen der Kapitäne genannt und im groben geschildert, was wann und wie passiert ist. Hier finden Sie die Details.“ Er tippte auf eine der silbernen Scheiben.
Der Großadministrator lehnte sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück, wobei er sich die Schläfen rieb, als überkäme ihn gerade große Müdigkeit. Er starrte auf die Datenscheiben und die Dokumente, die Anderby noch etwas zurechtrückte, damit sie eine akkurate Formation auf der Tischplatte bildeten.
MacEndrys Sessel knirschte, während die Masse seines Leibes das Leder, die Polster und die Mechanik darin beanspruchte. „Diese Vorfälle ereigneten sich über einen Zeitraum von vier Jahren?“
„Das erste Tor, welches sich einem imperialen Schiff verweigert hat“, erklärte Anderby, „war das Fayroo im Pentana System. Zeitpunkt: 00:10 Uhr am 2. Februar 11.373 pangalaktischer Zeitrechnung. Das Schiff war eine Fregatte unter …“
„Ich finde diese Angaben wohl auf dem Datenträger, oder etwa nicht?“, unterbrach ihn MacEndry, der zunehmend ungeduldiger wirkte. „Schiffsnamen, Kennungen? Die Namen aller involvierten Kapitäne und Offiziere?“
„Natürlich.“
Der Großadministrator schwieg, lehnte sich wieder vor und nahm die Folien an sich, um sie kurz zu überfliegen. Die Berührung seiner Fingerspitzen aktivierte das ein oder andere Hologramm, das dann einige Momente über das transparente Blatt geisterte.
„Angesichts der Tatsache“, fuhr Ian Anderby fort, „dass so etwas in zehntausend Jahren nicht ein einziges Mal vorgekommen ist, stellen diese Zwischenfälle innerhalb eines so kurzen Zeitraumes eine äußerst bedenkliche Entwicklung dar.“
„Glauben Sie, das wüsste ich nicht?“ Kallen MacEndry widmete sich den Dokumenten, ohne sein Gegenüber anzusehen. „Mir macht es jedoch mehr zu schaffen, dass diese Vorkommnisse einen eklatanten Verstoß gegen das Abkommen mit den Othirim darstellen. Der Kaiser empfängt ständig die Delegationen der Othirim, um sich mit den Sternspringerportalen abzusprechen. Sie gehören nicht gerade zu den angenehmsten Gesprächspartnern, das können Sie mir glauben. Und da diese nicht der Behörde unterstehen - obwohl sie das eigentlich sollten - habe ich auch keine Handhabung gegen sie. Na ja.“ Er rieb sich die Nasenwurzel mit den fleischigen Fingern, als wolle er damit seine Erschöpfung andeuten. „Wer hat das schon? Der Kaiser, oder Skorw womöglich, nach allem, was man so munkelt.“
Skorw war Leiter der Behörde für Altertümer, die in letzter Zeit sehr an Einfluss gewonnen hatte und vom Kaiser mit beträchtlichen Mitteln ausgestattet wurde. Sehr zum Ärger der Militärverwaltung, zu der auch McEndrys Büro gehörte, und die nicht müde wurde, sich über die Einmischungen Skorws zu beklagen.
MacEndry legte die Folien zurück auf den Tisch, wo sie Anderby erneut akribisch in Reihe brachte. „Aber warum erfahre ich erst jetzt davon? Direkt beim ersten Vorfall hätte man mir Bescheid geben müssen, damit ich dem Kaiser berichten kann.“
Anderby setzte eine Miene herablassender Genugtuung auf. „Ich habe gestern erst die Leitung des Überwachungsbüros übernommen“, erklärte er, mit dem Unterton des Bedauerns, „und meinen Vorgänger wiederholt auf besagte Vorfälle hingewiesen. Er versicherte mir, die Angelegenheit an Sie weiterzuleiten, damit sie dem Imperator vorgelegt werden kann. Als ich die Akten durchging, die ich von ihm erhalten hatte, musste ich jedoch feststellen, dass nichts an Sie weitergeleitet worden war.“
„Gratulation im Übrigen zu ihrer Beförderung“, bemerkte MacEndry beiläufig. „Das Ganze hat auch mich überrascht. Der Tod ihres ehemaligen Chefs ist für die Behörde ein schwerer Schlag. Ich hoffe doch, dass Sie nichts damit zu tun haben.“
Anderby schluckte. „Wie, wie meinen Sie das? Ich ...“
MacEndry hob beschwichtigend die Hand. „Verzeihen Sie mir. Manchmal mache ich dumme Bemerkungen. Ich habe Sie unterbrochen. Was denken Sie? Sie halten Durbans Tod nicht für einen simplen Zufall, oder?“
„Ich vermute, er war die Konsequenz aus der Art seines Umgangs.“
„Aha.“ Der Großadministrator sah Ian Anderby erwartungsvoll an. „Welche Art Umgang pflegte er denn?“
„Samuel Francis Durban, der ehemalige Leiter des Überwachungsbüros, war ein sehr umtriebiger Charakter. Und ich habe eine Menge über seine Aktivitäten herausgefunden“, erklärte Anderby weiter, nicht ohne Stolz. „Zu seinen Reisezielen gehörten etliche Welten im Kolius-Sektor. Darunter viele Systeme, die bevorzugt von Piraten und dem Gesindel des Ghost-Konglomerats aufgesucht werden.“
Der Großadministrator rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her. „Alle Himmel!“ Allein den Namen Kolius zu erwähnen war für viele wie eine Einladung, die den Teufel heraufbeschwören konnte. MacEndry legte die Fingerspitzen aneinander. Über den Giebel, den seine Hände formten, betrachtete er Ian Anderby voller Ungeduld. „Wie haben Sie das herausgefunden?“
„Leiter Durban hat zwar gewissenhaft und gründlich darauf geachtet, den Speicher seiner Jacht zu löschen, aber sein Rettungsdingi war ein wahrer Quell an aufschlussreichen Informationen. Der Navcom des Beibootes war immer eingeschaltet und in ständiger Verbindung mit diversen Transferleitstellen. So wurde alles aufgezeichnet. Jedes Ziel, das die Varo angesteuert hat, sowie Flugdauer, Zwischenstopps, et cetera.“
„Sie Fuchs!“, lobte Kallen MacEndry, sein Gegenüber. „Ich wünschte, alle meine Mitarbeiter wären derart talentiert.“
Anderby quittierte die Anerkennung mit einem zufriedenen Lächeln und fuhr dann fort. „Anhand der erwähnten Daten gelang es mir, ein detailliertes Muster seiner Reiserouten zu erstellen. Und es ist in der Tat höchst aufschlussreich. Sprungpunkte hat er so gut wie nie benutzt. Daher taucht die Varo, das ist der Name seiner Jacht...“
„Ist mir bekannt“, winkte MacEndry ungeduldig ab.
„In den Berichten taucht die Varo nicht auf. Sein Schiff verfügt jedoch über einen sehr leistungsstarken Hyperantrieb, was darauf hindeutet, dass er sich gern abseits der Pfade bewegt hat.“
„Ich muss aufpassen, dass Sie nicht bald meinen Platz einnehmen“, scherzte der Großadministrator.
Beide lachten, aber Ian Anderby wirkte dabei ein wenig verlegen. „Ich ...“, setzte er etwas unsicher an. „Ich wollte nicht unverschämt wirken.“
Kallen MacEndry schüttelte den Kopf. „Das sind Sie nicht. Keine Sorge. Zurück zum Thema. Sie legen den Verdacht nahe, dass Durban ein Pirat oder ein Schirku des Ghost-Konglomerats ist, beziehungsweise war?“
„Er gehörte mit Sicherheit zu einer der beiden Parteien“, schlussfolgerte Ian Anderby mit fester Stimme. „Aber gewisse Aspekte seines Vorgehens weisen auf die konspirativen Methoden der Schirku hin.“
„Und die wären?“
„Piraten brechen für gewöhnlich nicht in Netzwerke auf zivilisierten Welten ein. Sie verschaffen sich keine Informationen innerhalb von Behörden. Piraten halten sich von den Stadtwelten fern und meiden gut organisierte Planetensysteme.“
„Sie spionieren nicht. Sie nutzen lediglich Gelegenheiten.“
MacEndry war mit den Methoden der Piraten seit Jahren vertraut und betrachtete die Ausführungen seines Angestellten als unangemessene Belehrung. Er begann ungeduldig mit der Hand in der Luft herumzurühren, um Anderby zu bewegen, endlich auf den Punkt zu kommen.
Der Leiter des Überwachungsbüros kam dieser Aufforderung schließlich nach. „Ich denke, die Piraten und die Schirku haben eine Art von Zusammenwirken gefunden, das es ihnen ermöglicht, bis in die hohen imperialen Kreise einzudringen und die militärischen Strukturen zu nutzen.“
„Sie wissen von dem Vorfall mit der Dyson Flotte?“
Der Offizier wirkte betroffen. „Nun ...“, stammelte er hilflos. „Ich habe dafür keine Worte. Auch wenn das jetzt schon so lang zurückliegt, es gelang mir nie, die Sache zu verarbeiten. Ich war zu dieser Zeit gerade zum Offizier befördert worden und die Befragungen, denen ich unterzogen wurde ...“
„Schon gut“, beschwichtigte Kallen MacEndry, lehnte sich nach vorne und legte die Hände auf die gläserne Schreibtischplatte. „Wir waren alle fassungslos über diesen Vorfall. Jeder von uns musste in peinlichen Verhören Rede und Antwort stehen. Aber Sie haben bestimmt noch mehr herausgefunden.“ Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf dem Glas herum.
„Ja natürlich“, freute sich Anderby, zu bestätigen. „Es betrifft einen Vorfall, in den ein gewisser Major Breuer, von der Behörde für Altertümer verwickelt ist. Und da Sie zuvor Skorw erwähnten, kann ich mir vorstellen, dass auch er ins Blickfeld geraten könnte. Und Skorw ist eine äußerst mächtige Persönlichkeit, auch wenn ihn kaum jemand kennt.“
Kallen MacEndry rieb sich das Kinn. „Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass man ihn sich besser nicht zum Feind macht.“
Skorw galt als die graue Eminenz hinter dem Thron. Der Kaiser vertraut ihm. Der Mann, war ein Geheimnis, selbst für MacEndry. Und das war, angesichts der Einblicke, über die er verfügte, eine beeindruckende Leistung.
Anderby suchte nach Worten, als sei ihm mit seinem Verdacht gegen Skorw eine Majestätsbeleidigung über die Lippen gekommen.
MacEndry winkte ab. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich bin ganz auf Ihrer Seite. Fahren Sie fort. Es klingt alles sehr spannend.“
„Dieser Fall erwies sich als wahre Fundgrube an erschreckenden Fakten. Ich kann nachweisen, dass es einen sehr stringenten Informationsfluss gibt, der zwischen kaiserlichen Behörden, Ghost-Spionen und den bekannten Piratennestern auf Rulin oder Zepata stattfindet. Bei der Sache, in die Breuer verwickelt war, kamen eine Menge Leute um. Und einer der modernsten Kreuzer unserer Flotte wurde beinahe zerstört. Alles Resultate aus der regen Tätigkeit subversiver Elemente, die sich inzwischen ungehindert Informationen verschaffen können.“
„Und das haben Sie alles allein herausgefunden? Ich bin mehr als beeindruckt.“
Ian Anderbys Gesicht verriet, dass er sich sehr geschmeichelt fühlte. „Das habe ich, Sir. Und Sie finden alles, was ich ermitteln konnte, auf dem Datenträger. Und es gibt in all dem noch einen sehr speziellen Aspekt.“
MacEndry fixierte Anderby mit großem Interesse.
„Ich habe mich besonders auf die Situationen konzentriert“, furh Anderby fort, „die sich in den Wirkungsbereichen der Fayroo Sternenspringertore ergeben haben.“
Kallen MacEndry lehnte sich noch weiter nach vorne, stützte die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und legte erneut die Fingerspitzen aneinander. „Alles, was die Fayroo angeht, interessiert mich. Das ist, in der Tat, ein spannendes Thema.“
„Vor den Fayroo bilden sich große Ansammlungen von illegalen Raumsiedlungen“, führte Anderby weiter aus. „Stützpunkte für allerlei zwielichtiges Gesindel. Die imperialen Behörden vor Ort sind überfordert, bitten regelmäßig um Unterstützung, aber ihre Anfragen verhallen ungehört. Das alles spielt sich in den Randgebieten ab.“
„Ich weiß“, bestätigte MacEndry. Ein Stirnrunzeln verriet seine Skepsis. „Aber ich hielt es für wenig glaubhaft. Haben die Fayroo nicht auf die übliche Art reagiert und die Raumsiedlungen ins Nichts geschleudert?“
„Nein, das haben sie nicht. Ich weiß, es klingt seltsam, aber es sieht nach einer stillen Übereinkunft zwischen den Sprungtorlenkern und dem Gesindel aus. Dieser Aspekt in der ganzen Angelegenheit stellt sich für mich als am bedenklichsten dar.“
„Wollen Sie damit andeuten, ein Kiray, ein Torlenker, ein de facto überirdisches Wesen, würde sich mit dem Abschaum Asgaroons einlassen?“
Der Leiter der Überwachungsabteilung schien dafür keine Erklärung zu haben. Ein, zwei Mal setzte er zu einer Entgegnung an, bevor er schließlich mit den Schultern zuckte.
Kallen MacEndry studierte jede Regung auf Anderbys Gesicht, während er fortfuhr. „Geld, Gold, Ruhm und Ehre bedeuten ihnen nichts. Sie sind Gefangene ihres unendlichen Traumes. Sklaven des Vaseel, einer Parallelwelt. Wie soll man Geschöpfe, die keine Bindung an das stoffliche Universum besitzen, bestechen? Was für ein Angebot könnte man ihnen machen, das interessant für sie wäre?“
„Das ist eine Frage, die mein Wissen übersteigt“, entschuldigte sich Ian Anderby. „Dieser Aspekt war nie Gegenstand meiner Nachforschungen. Sicher, meine Ermittlungen berühren zwar auch diesen Bereich, aber er ist mir zu metaphysisch.“
„Das geht vielen so, die sich mit dieser Materie beschäftigen. Aber wenn Sie sich schon darauf eingelassen haben, wundere ich mich darüber, dass sie diese Thematik dann doch ausgeklammert haben. Damit bleibt das Bild unvollständig. Mutig genug scheinen Sie ja zu sein. Was hat Sie abgehalten, sich dem übersinnlichen Aspekt in dieser Angelegenheit zu widmen?“
Anderby hatte darauf keine Antwort. Augenscheinlich war ihm dieses Thema zu unangenehm. „Skorw wäre vielleicht der richtige Ansprechpartner.“
MacEndry versteinerte ein weiteres Mal. „Ja. Der Exzentriker ist nicht ohne Grund der Leiter der Behörde für Altertümer.“
„Was gedenken Sie zu tun?“, wollte Anderby wissen, der offensichtlich erkannte, wie wenig sein Vorgesetzter auf ein Gespräch mit Skorw erpicht war. „Letztendlich bin ich hier, um Ihre Vorschläge zu hören.“
Kallen MacEndry lehnte sich in seinem Sessel zurück und wippte eine Weile darin hin und her. „Der Kaiser sollte umgehend davon erfahren. Es ist schon zu viel Zeit vergangen.“
„Das steht absolut außer Frage. Da Sie ja direkten Zugang zu ihm haben, dürfe das kein Problem darstellen.“
„Sie überschätzen meine Position“, gab MacEndry zurück und für einen Augenblick meinte er ein irritiertes Stirnrunzeln auf Anderbys Gesicht erkannt zu haben.
Eine lange Pause entstand, in der beide Gesprächspartner augenscheinlich abwogen, ob die Unterhaltung nun beendet war oder nicht. Anderby zeigte sich unschlüssig, ob er aufstehen, salutieren und gehen sollte. Sein Blick wanderte unruhig umher.
„Sie haben noch mehr auf dem Herzen?“, fragte MacEndry mit gereiztem Unterton.
Anderby holte einige kleine Bildfolien aus seiner Aktentasche und legte sie auf den Schreibtisch. „Das hier sind Aufzeichnungen über eine illegale Bergung“, erklärte er. „Und Sie wissen, dass unser Kaiser sehr viel Wert auf die Registrierung archäologischer Aktivitäten legt. Skorw macht jedem die Hölle heiß, der sich in dieser Hinsicht Nachlässigkeiten erlaubt.“
„Ist mir bekannt. Und manchmal wundere ich mich über unseren guten Kaiser. Er sollte sich mehr mit der Gegenwart beschäftigen.“ MacEndry nahm eine der Folien an sich und eine Abfolge von Bildern wurde darin sichtbar, als seine fleischigen Finger darüberglitten. „Er hält die Mythen für real, aber ich muss seine Ansicht ja nicht unbedingt teilen.“
„Wenn Sie diese Aufnahmen hier betrachten, werden Sie Ihre Meinung vielleicht ändern.“
MacEndry unterzog die Bilder einer eingehenderen Betrachtung, während Anderby weitere Fakten offenbarte, die er zutagegefördert hatte. „Der Kurator einer Reihe nicht unbedeutender Museen auf Vanetha ist in diese Sache verwickelt. Er ist einer der Leute, mit denen Major Breuer zusammengearbeitet hat. Aus irgendeinem Grund hat er die Ausgrabung abgebrochen und ist verschwunden. Ich vermute einen Zusammenhang mit dem Ereignis, in das Breuer hineingeraten war. Der Bergungskran, den Sie auf dem Bild hier erkennen können, wurde übrigens aus einer imperialen Werft gestohlen. Offenbar für den Einsatz, den Sie hier auf den Bildern sehen.“
„Und was ist das für ein Ding, das er da aus dem Wasser gezogen hat?“
„Ein Schiff.“
„Sieht uralt aus.“
„Es stammt mit Sicherheit aus dem Alten Reich.“
„Wer sagt das?“
„Die Schrift auf der Unterseite des Objektes.“
MacEndry kniff die Augen zusammen, legte die Finger auf die Folie und vergrößerte den Bildausschnitt, indem er die Fingerspitzen spreizte. „Altfarandi. Tatsächlich. Der Schiffsname, nicht wahr?“
Ian Anderbys Stimme wurde feierlich ernst. „Die Achilles.“
Der Großadministrator konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und legte die Bildfolie zurück auf den Tisch. Danach rieb er sich die Nasenwurzel, als würde ihn die Unterhaltung allmählich ermüden. Er musterte sein Gegenüber skeptisch. „Sie offenbaren einen Höhepunkt nach dem anderen und arbeiten sich langsam dem Finale entgegen. Sie hätten Dramatiker werden sollen.“
„Die Unterseite des Wracks lag im Schlamm begraben“, fuhr Ian Anderby unbeirrt fort. „Darum ist der Name noch lesbar. Die Details der Konstruktion sind ebenfalls erstaunlich gut erhalten. Ich wünschte, ich würde noch mehr Material darüber bekommen.“
„Das Schiff mag alt sein und Achilles heißen“, wandte MacEndry ein. „Aber warum sollte es die Achilles sein? Es hat bestimmt viele Schiffe gegeben, die diesen Namen trugen.“
„Ich wäre daran interessiert, die Sache weiter zu untersuchen“, entgegnete Ian Anderby, sammelte die Folien wieder ein und steckte sie zurück in seine Tasche. „Sollte es doch die besagte Achilles sein, müssen die Geschichtsbücher neu geschrieben werden. Darüber hinaus sollten wir unsere Beziehung zu den Othirim überdenken und noch etliches mehr.“ Nachdem er die Daten endlich in seiner Tasche verstaut hatte, äußerte er einen Vorschlag. „Ich würde in der Sache Kurator gern aktiv werden. Meiner Meinung nach steckt viel mehr dahinter, als es den Anschein hat. Bisher ist noch nichts in die offiziellen Kanäle eingeflossen. Und ich gehe davon aus, dass mein Vorgänger die Sache so erfolgreich vertuscht hat, dass niemand außer uns davon Kenntnis besitzt. Hätte Skorw von der Bergung Wind bekommen und wüsste um die Verbindung zu Durban, bei dem viele Fäden zusammenlaufen, wäre er hier schon aufgetaucht, um alles auf den Kopf zu stellen.“
„Ich habe nichts gegen Ihre Unternehmungen einzuwenden“, sagte MacEndry. „Und ich könnte Sie wohl auch nicht davon abhalten. Jetzt, da Sie so viel Einsicht in die Sachlage erlangt haben und darauf brennen, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Und all das, ohne die zuständigen Leute zu kontaktieren und um Hilfe zu bitten. Ihr Ehrgeiz ist beachtenswert.“ MacEndrys Tonfall besaß offenbar etwas Zwiespältiges. Schwankend zwischen Bewunderung und Ablehnung. Anderbys Unsicherheit zeigte sich abermals in seinem Blick und dem zögerlichen Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte.
„Sie wirken zielstrebig genug, um den Fall allein abzuschließen“, fuhr MacEndry fort. „Sie wollen die zuständigen Schnüffler vor vollendete Tatsachen stellen, um sie zu beschämen. Um einen schnellen Aufstieg zu absolvieren. Ohne die lästige Arschkriecherei. Habe ich recht?“
Anderby sah gewiss ein Lob in diesen Worten und seine zufriedene Mine ließ keinen Zweifel daran, dass MacEndrys Schlussfolgerungen zutrafen.
„Diese Nachforschungen sind zu wichtig und ich bin eigentlich hier, um Ihre offizielle Genehmigung zu erhalten“, sagte er und legte die Mappe auf seinen Schoß. „Und auch um die entsprechenden kommissarischen Vollmachten zu bekommen, die es mir gestatten umfangreicher tätig zu werden. Ich kann mir vorstellen, dass der Kurator jemand ist, den der Kaiser kennt. Jemand in seinem unmittelbaren Umfeld womöglich. Jemand, auf den es das Gesindel entweder abgesehen hat, oder mit dem sie zusammenarbeiten. Schlimmstenfalls. Sollte meine Vermutung zutreffen, wäre ich froh, ihre vollumfängliche Rückendeckung zu haben.“
„Es sind gefährliche Zeiten“, seufzte der Großadministrator. „Sie müssen vorsichtig sein.“
„Ich stimme Ihnen zu.“
„Wenn ich genehmige, Sie all diesen Angelegenheiten offiziell nachgehen zu lassen, würde ich Sie gern ausgerüstet wissen. Haben Sie eine Dienstwaffe? Sind Sie im Training?“
„Selbstverständlich. Ich besitze eine Gemma und bin ausgesprochen gut in ihrer Handhabung.“
„Eine Gemma?“ MacEndry zeigte sich verblüfft. „Ziemlich selten und geradezu antik. Nicht gerade imperialer Standard. Eine private Anschaffung?“
„Ich habe eine Genehmigung“, beeilte sich Anderby zu sagen. „Und sie ist in einwandfreiem Zustand.“
„Kann ich sie mal sehen?“
Als Ian Anderby seine Waffe aus dem Holster holte, krachte ein Schuss. Mit ungläubigem Gesichtsausdruck sank der Leiter des Überwachungsbüros vor MacEndrys Schreibtisch zusammen.
Der Großadministrator hielt seinen Strahler in der Faust, den er aus einem Fach unter der Tischplatte hervorgezogen hatte und betätigte mit der anderen Hand den Schalter der Kommunikationsanlage an seinem Schreibtisch.
„Sicherheitseinheit!“ Seine Stimme klang kühl und beherrscht. „Ich wurde angegriffen!“
MacEndry legte seine Waffe auf die Glasplatte und nahm anschließend Anderbys Mappe an sich, um sie in einer Schublade seines Schreibtisches verschwinden zu lassen.
Christana Taroo stand am breiten Fenster im Wohnbereich ihres Schiffes und sah auf eine verregnete Landschaft unter tief hängenden grauen Wolken hinaus. Ein Ausblick, geprägt von den dunklen Kegeln erloschener Vulkane und Bereichen mit schroffen Basaltfelsen. Die ausgedehnten Wiesen waren von satter grüner Farbe und bildeten einen starken Kontrast zum schwarzen Gestein des Talkessels, dessen Hänge und Gipfel das große Schiff in weitem Bogen umgaben. Sie liebte es, an stürmischen Tagen über die Grasebenen zu wandern und den Wind in ihren schwarzen, lockigen Haaren zu spüren. Der launische, Planet, mit seinem rauen, wechselhaften Klima passte zu Christanas Charakter. Sein Wetter änderte sich von einer Sekunde zur anderen. Der blaue, freundliche Himmel war trügerisch. Schnell hüllte er sich in dunkle Sturmwolken ein, tauchte das Land in tiefen Schatten und schüttete heftige Regengüsse auf das Land aus. Eine wunderbare Welt, um in Form zu bleiben. Christana war stolz auf ihren athletischen Körper und ließ keine Gelegenheit aus, an der Küste entlangzulaufen, wenn die Stürme am heftigsten wüteten, oder im eiskalten Wasser zu schwimmen.
Christana hatte den Namen Janeera Dokan angenommen und sich auf diesem kargen Planeten inmitten des mysteriösen Koliussektors niedergelassen. Seit nunmehr zwei Jahren spionierte sie im Auftrag des Kaisers geheime Kulte und Gesellschaften aus, die diesen Sektor so gefährlich machten. So gefährlich, dass Republik und Imperium es vorzogen, ihre Truppen von den Kolius-Sternsystemen fernzuhalten. Es waren nicht nur Piraten und ähnliches Gesindel, die zum schlechten Ruf von Kolius beitrugen. Die launischen Sternspringertore, welche die Systeme des Kolius-Clusters miteinander verbanden, spielten dabei eine ebenso große Rolle. Sie übten einen nicht unerheblichen, negativen Einfluss auf die Raumfahrt aus, die hier betrieben wurde. Scheinbar willkürlich verweigerten sie den Reisenden sie zu transportieren, oder setzten sie an Orten ab, die eigentlich nicht auf deren Kurs lagen. Nur den Angehörigen diverser Kulte und Klans standen sie uneingeschränkt zur Verfügung, ohne Probleme zu machen. Gruppierungen, die offenbar eine geheime Abmachung mit den Lenkern der Tore hatten. Die Angehörigen der Kulte und Klans von Kolius nannten sich Okany, was so viel wie die Bewahrer bedeutete. Oder Brücke, wie Christana ebenfalls gehört hatte. Irgendein uraltes Geheimnis verband diese Leute, hieß es. Okkultes Wissen, wie es die Priesterschaft in einer Art Kirche oder Sekte besaß.
Wie auch immer, dachte Christana. Sie hatte sich in diesen Kreisen etabliert. Genauer gesagt gehörte sie jetzt dem Klan der Skelper an, der zu den einflussreichsten Fraktionen innerhalb der Okany zählte. Sie konnte ungehindert durch die Tore reisen und hatte ein paar interessante Informationen zutage gefördert. Seit einigen Wochen gab es Unruhe in den obersten Ränge der Okany. Immerhin konnte Christana herausfinden, dass es nichts mit ihr zutun hatte und sie nicht befürchten musste, ihre Tarnung sei aufgeflogen. Es ging um jemanden, der offenbar große Bedeutung für die Kolius Kulte besaß. Eine Person, die lange im Verborgenen blieb und nun ins Licht der Öffentlichkeit trat. Bisher hielten sich die Bosse der einzelnen Klans bedeckt. Die Reaktionen, die das Auftauchen - von wem auch immer - unter den Mitgliedern diverser Kolius-Sekten hervorgerufen hatte, waren zwiespältig.
Christana tat sich schwer sie zu interpretieren. Manche sprachen von einer Bedrohung, die wieder aktuell geworden sei, oder von einer diffusen Hoffnung auf Rum und Ehre. Die Aussicht auf Herrschaft und Macht. Die Okany waren allesamt Anhänger Sargons, des einstigen Herrschers der Galaxis. Sie sehnten die alten Tage vergangenen Glanzes herbei. Viele versprachen sich wohl diverse Posten in einem künftigen Königreich. Andere fabulierten über eine Maschine, die in der Lage sein sollte, das Universum zu zerstören oder neu zu erschaffen. Wie die Anhänger anderer Kulte, hofften sie, das Kommen einer neuen Ordnung, das immer auch einen Weltuntergang voraussetzte, würde ihnen neue Möglichkeiten eröffnen. Egal vielviel Opfer das auch bedeutete.
Sie strich über ihr rotes Abendkleid, das mit seinem weit ausgeschnittenem Dekolleté mehr von ihrer Weiblichkeit enthüllte, als vielleicht schicklich war. Sie richtete ihre Gedanken auf die bevorstehende Party, zu der sie eingeladen war. Womöglich würde sie dabei weitere Einzelheiten erfahren. Immerhin war es ihr nicht nur gelungen, sich dem Klan anzuschließen, sondern auch bis in die obersten Kreise der Skelper Gemeinschaft vorzudringen. Sie genoss sogar das Vertrauen von Makkan Gabara, der diese Gruppierung anführte und bereit gewesen war, viele Informationen mit ihr zu teilen, die Außenstehenden nicht zukommen durften.
Inzwischen hatte sich der Himmel weiter zugezogen. Die dunklen Wolken hingen jetzt tief und entließen Sturzbäche eisiger Regengüsse auf das kalte Land. Es war finster wie in der Nacht. Christana konnte ihr Spiegelbild im Fensterglas betrachten. Was sie sah, gefiel ihr. Ihr Gesicht hatte attraktive Züge, die eine gewisse Härte besaßen. Die braunen Augen groß und aufmerksam. Die Lippen nicht ganz so voll, wie sie es sich wünschte. Ihr Kinn besaß ein kleines Grübchen, das man aber nicht sofort erkennen konnte. Ihre Nase war weder klein noch groß und von jener klassisch, markanter Form, wie man sie oft bei antiken Büsten fand. Ihretwegen nannte sie der Kaiser oft seine schöne Hellena, in Anspielung auf eine mythologische Figur aus der hellenistischen Epoche, der alten Erde. Christanas schwarze Haare waren streng zurückgekämmt und fielen in einem langen Pferdeschwanz über ihren Rücken. Ihre Schultern, die das rote Kleid frei ließ, besaßen knabenhaft athletische Konturen und waren ein Zeichen regelmäßigen, harten Trainings. Abgesehen davon hatte Christana Taroo sehr weibliche Rundungen, die in ihrem Kleid entsprechend zur Geltung kamen und an denen sie nichts auszusetzen hatte. Womöglich trugen gerade diese Gegensätze zu ihrer einzigartigen Attraktivität bei, mit der sie eine Vielzahl von Geschmäckern bedienen konnte. Vielleicht hatte sie es ausschließlich diesem Fakt zu verdanken, dass sich ihr so viele Türen öffneten. Türen, die hauptsächlich von Männern besetzt waren und üblicherweise verschlossen blieben. Jetzt war sie eingeladen, die Welt Horeek zu besuchen, wo sie erneut Makkan Gabara begegnen würde, der sie mit weiteren bedeutenden Skelpern bekannt machen wollte.
Sie wandte sich vom Fenster ab und verließ den luxuriösen Wohntrakt der Athina, die nichts weiter war, als ein riesiger Frachter, angefüllt mit Schätzen aus dem alten Reich. Artefakte, die eher in ein Museum gehörten als in den Laderaum eines Raumschiffes. In gespielter Andächtigkeit schritt Christana durch die Reihen uralter Skulpturen und antiker Maschinenteile. Sie hatte nichts übrig für das alte Zeug, das von vielen ihrer neuen Gefährten mit abergläubischen Staunen bewundert wurde. Sie musste sich darin üben, Ehrfurcht und Respekt zu zeigen, um ihre sogenannten Freunde weiterhin zu überzeugen, eine der ihren zu sein. Und das fiel ihr schwer.
Sie hatte eine natürliche Abneigung gegen alles, was mit Glauben und irrationalem Denken zu tun hatte. Als Agentin durfte sie nichts glauben. Sie hatte zu wissen und sich an die Fakten zu halten. Aber Motive schufen oft ihre eigenen Fakten. Das musste sich Christana eingestehen. Niemand war je ganz objektiv. Es war gut möglich, dass sie sich selbst blind machte, für Wahrheiten, die sie nicht ertragen konnte und es deshalb vorzog, sie einstweilen zu ignorieren. Der Kaiser sagte, indem er irgendeinen Philosophen zitierte, wie er das gern tat: Es gibt keine Fakten. Nur unsere persönliche Wahrnehmung davon.
Christana versuchte, wieder zu klaren Gedanken zu kommen. Der heutige Abend trug, wegen der vielen Gerüchte, eine gewisse schicksalhafte Schwere in sich. Instinktiv spürte sie, dass sie es sich nicht leisten konnte leichtsinnig zu werden, nur weil bisher alles so glattgegangen war. Ein Faktum, das sie, neben ihren natürlichen Talenten, auch einem Mann Namens Thomas Conrad zu verdanken hatte, der bereit gewesen war, seine Kontakte für sie spielen zu lassen.
Ein attraktiver, undurchsichtiger Mann, der sich nicht in die Karten blicken ließ. Nach allem, was sie wusste, glich sein Lebenslauf unter den Klans von Kolius dem ihren. Wie sie war er als Niemand gestartet und hatte sich Respekt erworben. Vielleicht war diese Gemeinsamkeit eines seiner Motive gewesen, Christana bei ihren weiteren Schritten behilflich zu sein. Immerhin war es ihm bisher nicht in den Sinn gekommen, sie in sein Bett zu locken. Er hätte es zumindest versuchen sollen, überlegte sie. Aus reiner Freundlichkeit. Sie dachte darüber nach, ob sie es als Kompliment auffassen sollte, dass er es nicht getan hatte, aber das wollte ihr nicht gelingen. Wie dem auch sein mochte, Christana begegnete Conrad, aller positiven Erfahrungen zum Trotz, mit Misstrauen.
Eine Sphinx, die aus einem Wall undefinierbarer Artefakte emporragte, starrte auf Christana herab. Der dämonische Blick verfolgte sie, als die Agentin an ihr vorbeiging und nicht das erste Mal lief Christana in Gegenwart der monströsen Statue einen Schauer über den Rücken. Aller Nüchternheit zum Trotz. Der Künstler, der das Ding gestaltet hatte, schien es geschafft zu haben, mit seinem Werk einen Panikmodus in einem uralten Teil des menschlichen Gehirns zu triggern.
In den letzten Monaten war das Lager kleiner geworden. Es war ihr gelungen, etliche Gegenstände zu verkaufen. Sie hatte interessante Kunden und Händler kennengelernt und sich Zugang zu den exklusiven Kreisen von Kolius verschafft. Bestimmt hatte sie viele Azzamari, wie man die Relikte aus dem Alten Reich nannte, unter Preis verkauft. Sie war keine gute Händlerin, so viel musste sie sich eingestehen.
Die Sphinx, die sie noch immer grimmig beobachtete, wäre sie nur zu gern losgeworden. Doch seltsamerweise war bisher niemand bereit gewesen, sie zu kaufen. Und das lag nicht allein an ihren mangelnden Fähigkeiten sich als Händlerin zu behaupten. Jemand bemerkte einst, dass ein Fluch auf dem Kunstwerk lastete.
Christana erreichte den kleinen Hangar und kletterte in einen schnittigen Raumgleiter. Einem Luxusmodell aus den Beständen des Geheimdienstes. Sie machte es sich im Pilotensessel bequem und warf einen letzten Blick auf die Frachthalle und das Museum, das sie beherbergte. Auf Befehl des Kaisers, hatte Raynand Skorw zähneknirschend zugestimmt, den Bauch der Athina mit den vielen Altertümern zu füllen, um ihre erfundene Vita zu unterfüttern. Er würde nicht begeistert sein, sollte er das geschrumpfte Sortiment je wieder zurückbekommen. Das kleine Vermögen, das auf Christanas Konto geflossen war und das er gewiss einfordern würde, konnte kaum in der Lage sein, seinen Schmerz zu lindern. Skorw interessierte sich nicht für Geld oder Reichtümer im üblichen Sinne. In dieser Hinsicht war er den Okany ählicher, als er womöglich glaubte. Skorw war ein bleichgesichtiger Oponi-Mensch Mischling. Seine Behörde für Altertümer verfügte über weitaus mehr Macht, als ihre sperrige Bezeichnung vermuten ließ. Er galt als Graue Eminenz im Imperium. Seine Treffen mit dem Kaiser waren geheim und auch der Imperator, der sonst keine Geheimnisse vor Christana hatte, hielt sich bedeckt über die Themen, die sie hinter verschlossenen Türen besprachen. Ob sie wollte oder nicht, sie empfand ein irrationales Gefühl von Eifersucht auf Skorw.
Zu viele Gefühle, schalt sich Christana selbst. Sie musste sich wieder mehr unter Kontrolle bringen. Emotionen hatten in ihrem Beruf nichts verloren. Sie trübten die Sicht und verlangsamten die Gedanken.
Die Agentin fuhr den Computer des Gleiters hoch und startete die Maschinen, während sich die gläserne Kanzel schloss. Für einen Moment fiel ihr Blick auf die kleine goldene Kugel, die in einer Vertiefung der Konsole ruhte. Ebenfalls eine Leihgabe von Skorw. Das winzige Ding war bedeutsamer, als es den Anschein hatte. Ohne diesen Responder, wie ihn die Okany nannten, war es fast unmöglich, die Fayroo Sprungtore im Kolious Sektor zu benutzen. Er diente als Passierschein, der die Torlenker von Kolius davon abhielt Spielchen mit den Raumfahrern zu treiben, die nicht selten tödlich endeten.
Christana verließ die Athina mit dem Raumgleiter und jagte durch die niedrige Wolkendecke in das helle Sonnenlicht hinein. Das Blau des Himmels verblasste und wandelte sich in das tiefe Schwarz des Weltalls, in dem unzählige Sterne glommen. Schon bald tauchte der goldene Reif eines kleinen Fayroo im Sichtfeld des Gleiters auf. Der Ring, der im Sonnenlicht glänzte, hatte einen Durchmesser von gut zwei Kilometern. Er war beeindrucken, aber nichts im Vergleich zu den sehr viel größeren Fayroo, die man in den Zentren der galaktischen Sektoren fand. Ganz egal, ob Christana es bevorzugte sich an schlichten, materialistischen Tatsachen zu orientieren, die erstaunlichen Kräfte der Tore waren Fakt und bisher unerklärlich. Sie hatte das immer hingenommen ohne viele Fragen zu stellen. Sie hatte diese Kräfte seit ihrer Jugend genutzt und deren Dienste in Anspruch genommen, wie jeder Bewohner der Galaxis Asgaroon. Die Tore, die sie kannte, bevor sie nach Kolius kam, zeigten sich gefällig, wenn man das so ausdrücken mochte. Zuverlässig wie programmierte Maschinen, beugten sie sich dem Willen der Reisenden, auch wenn sie keinen Responder mit sich führen, der für eine Verbindung zu den Fayroo nötig war. Gewiss eine Folge der Absprachen und Verträge, des Kaisers mit den Othirim.
Die Fayroo von Kolius hingegen waren das genaue Gegenteil. Unberechenbar und launisch. Sie hatten Persönlichkeit und machten Christana bewusst, es mit Lebewesen zu tun zu haben, die über Möglichkeiten jenseits aller Vorstellungskraft verfügten.
Während sie sich auf das Planetensystem konzentrierte, das sie anfliegen wollte, berührte sie geflissentlich den goldenen Ball auf der Konsole. Eine unwillkürliche Geste. Ein Ritual. Das Betasten eines Amulettes, vor dem Beginn einer schicksalhaften Reise. Sie ärgerte sich abermals über sich selbst. Offenbar schlummerte in jedem Menschen der Hang zum Aberglauben. Im Moment, als ihre Fingerspitzen das goldene Metall berührten, fühlte sie, wie der Lenker nach ihren Gedanken tastete. Es war nicht unangenehm. Sie empfand es wie die zarte Berührung eines Geliebten. Wie den Hauch seines warmen Atems auf ihrer Haut. Wohlige Schauer jagten über ihren Körper. Ihre Lippen bebten in Erwartung des ersehnten Kusses.
„Horeek“, wisperte Christana, als würde sie den Namen des Geliebten in dessen Ohr flüstern und wurde in die Dimension zwischen den Welten gezogen.
* * *
Horeek war ein kleiner Planetoid in der stählernen Umarmung einer gewaltigen, stillgelegten Förderanlage, die sich an seine Oberfläche klammerte wie ein grauer Krake.
Christana registrierte eine Menge Bewegung um die obersten Ausleger der Anlage, in der Makkan Gabara sein Domizil bezogen hatte. In den Decks darunter befanden sich Schiffe und Werften. Gabara besaß die größte Flotte unter den Kolius-Klans. Ein weiterer Machtfaktor, der die Stellung des Gangsterbosses sicherte.
Christana konnte sehen, dass die Landeplätze des Hangars schon gut belegt waren. Sie erkannte die Barkassen hochrangiger Skelpers und die Jachten der Bosse befreundeter Klans. Draggers, Stinger, Miners und Trapper. Christana sah Schiffe, die ihre Zeichen trugen.
Nachdem sie gelandet war, brachte sie ein Bediensteter Gabaras in seinem Gleiter zum Portal der großen Lounge, wo Makkan Gabara seine Gäste empfing. Christana stieg aus, durchschritt den massigen Torbogen, dessen industrielles Design auf den einstigen Zweck des Gebäudes verwies. Laute hämmernde Musik empfing die Agentin, als sie sich der Halle näherte, in der sich die vielen Gäste im Rhythmus durchdringender Bässe und skurrilen Melodien wanden. Verchromte und vergoldete Roboter, mit weiblichen Formen, tänzelten lasziv durch die Menge und servierten Getränke. Ihre künstlichen Augen ließen lüsterne Blicke über Christanas Körper wandern. Ein synthetisch erzeugter Seufzer drang an das Ohr der Agentin.
Auf einer Empore im hinteren Teil der Halle, die von einem silbernen Baldachin beherrscht wurde, thronte Makkan Gabara auf einem großen, roten Diwan. Umringt von Bediensteten und Beratern, sog er an einer Wasserpfeife und beobachtete, wie sich seine Gäste amüsierten. Der dicke, glatzköpfige Mann hatte sichtliches Vergnügen daran, den Gastgeber zu spielen und sich in all seiner Pracht zu präsentieren, die das gewaltige Industriedenkmal ausstrahlte, das er als sein Domizil gewählt hatte. Mit seinen dunklen, wachen Augen, aus denen nicht nur Freundlichkeit sprach, betrachtete er seine Gäste ganz genau. Mit vielen von ihnen hatte er Streit gehabt oder war gerade dabei ihn wieder zu schlichten. Diese Feier diente auch dazu, den Frieden wiederherzustellen und gutes Wetter für neue Beziehungen zu machen. Dies war, angesichts der bevorstehenden Zeitenwende, umso wichtiger, für Gabara. Dennoch, so viel wusste Christana inzwischen, wer Gabara einmal unangenehm aufgefallen war, dem haftete ein Makel an, den er niemals völlig übersehen oder vergessen wollte.
Christana hegte nicht den Wunsch, sich auf der Tanzfläche zu vergnügen. Sie fühlte sich noch immer unwohl. Das Gefühl war sogar stärker geworden. Sie ließ ihren Blick über die Sitzgruppen schweifen, die der Raumdesigner rings um das Parkett in die vorhandenen Vertiefungen gesetzt hatte. Andere schwebten wie künstliche Inseln unter der Glaskuppel und waren mittels geschwungener Stege und Treppen zu erreichen. Aber egal, wo Christana auch hinsah, entdeckte sie Clanchefs und deren Gefolgschaften, denen sie heute nicht nahekommen wollte. Sie beschloss, sich etwas abseits an die Bar zu setzen, und wäre beinahe mit jemanden zusammengestoßen, als sie ihren Blick von den Inseln unter der Kuppel abwendete und sich umdrehte.
„Ich hätte Sie vermisst, wenn Sie heute nicht hergekommen wären“, sagte Thomas Conrad, augenscheinlich amüsiert über Christanas Missgeschick. „Ich freue mich, Sie hier zu sehen.“
Der durchdringende Blick seiner blauen Augen machte Christana verlegen. Oder lag es an der unbeabsichtigten Nähe des großen, blonden Mannes, zu dem sie aufsehen musste.
Sie machte einen Schritt zurück. „Ich will mich nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen“, sagte sie und deutete mit einem Kopfnicken zur Bar hinüber. „Ich werde vom Rand aus zusehen.“
„Sie vermuten also auch, dass wir heute spannende Neuigkeiten erfahren werden.“
„Ich habe alle Sinne beisammen“, antwortete Christana leicht pikiert. „Natürlich gehe ich davon aus, dass diese Veranstaltung aus einem bedeutenden Grund stattfindet.“ Sie setzte sich in Richtung Bar in Bewegung. „Können Sie mir genauer sagen, was dahinter steckt?“
Conrad wich nicht von ihrer Seite. „Was haben Sie gehört?“
Sie stellte sich an den Tresen und orderte ein Glas Wasser. „Ich habe zuerst gefragt.“
Er quittierte ihre sonderbare Bestellung mit Verwunderung. „Sie wollen Ihre Sinne auch für die nächsten Stunden beisammen halten, wie ich sehe. Rechnen Sie mit Problemen?“
Die Bemerkung versetzte Christana in Alarmbereitschaft. Sie mochte zwar nichts zu bedeuten haben, aber Conrad war kein Mann unbedachter Worte. Was er sagte, war immer gut kalkuliert. Christana überlegte sich eine Antwort. „Mir geht es nicht gut. Ich will meinen Magen nicht reizen.
Conrad folgte ihrem Beispiel und bestellte sich ebenfalls ein Glas Wasser. „Ich erkläre mich hiermit solidarisch. Genießen wir, was auch immer kommen mag, mit klarem Geiste.“
Inzwischen trafen weitere Gäste ein. Bald war die Elite der Okany vollständig anwesend. Die Nervosität stieg, das konnte Christana feststellen.
„Ich erkenne einige der Sicherheitsleute“, sagte Conrad, leerte sein Glas und bestellte sich ein Weiteres. „Sie tragen zivil.“
„War nicht anders zu erwarten“, kommentierte Christana. „Die Gäste sind und bleiben eben gefährlich, auch wenn sie scheinbar unbewaffnet sind.“
Conrad ließ seinen Blick über die Menge schweifen. „Macht Sie die Anwesenheit dieser Leute nervös?“
Natürlich machte sie das nervös. Aber das allein war es nicht, was sie beunruhigte. Ihr schien die Ankunft all der Gauner und Verbrecher nur wie eine Ouvertüre zu weitaus Bedrohlicherem. Was das jedoch sein mochte, bereitete ihr Kopfzerbrechen. Es ärgerte sie, dass Thomas Conrad von ihrer Anspannung Notiz genommen hatte.
Schließlich erhob sich Makan Gabara von seinem Diwan und die Musik verklang. Die Tänzer auf dem Parkett richteten die Aufmerksamkeit auf den Boss der Skelper. Alle anderen unterbrachen ihre Gespräche oder wandten sich von ihren Speisen und Getränken ab, um Gabaras Worten zu lauschen.
Als Stille eingekehrt war, begann er mit seiner Begrüßungsrede. „Ich heiße euch alle willkommen.“ Seine Stimme war hell und klar. Sie passte eigentlich nicht zu seiner Körperfülle und der strengen Miene, die er offenbar nie ablegte. „Willkommen alte Freunde und ehemalige Feinde. Der heutige Abend kennzeichnet den Beginn einer neuen Allianz.“
Applaus brandete auf, obwohl noch niemand genau wissen konnte, was es mit dieser Information eigentlich auf sich hatte und ob sie so begrüßenswert war.
„Wir erwarten einen Gast, der erhebliche Macht in unsere Hände legen wird. Bisher war er nur wenigen von uns bekannt, da er seinen Geschäften außerhalb von Kolius nachgeht. Ist es einem Zufall zu verdanken, dass er seinen Weg in unsere Reihen gefunden hat?“
Die Menge schwieg und auch Christana war gespannt, was Makkan Gabara zu verkünden hatte. Thomas Conrad hingegen schien völlig entspannt. Christana meinte zu glauben, er höre nur mit halbem Ohr zu und studierte stattdessen die Reaktionen auf dem Gesicht der Agentin. Er wusste offensichtlich schon Bescheid und wollte wissen, wie Christana sich verhielt, wenn Gabara die Katze aus dem Sack ließ.
„Ich glaube nicht an Zufälle“, fuhr Makkan Gabara fort. „Alles geschieht nach dem Willen Sargons. Und wir sind seine Diener. Nachdem unser geschätzter Peter Dorhem das Zeitliche gesegnet hat, musste es zu einem Ausgleich kommen. Und wie immer ist dieser Ausgleich mit beachtlichen Zugaben ausgestattet.“
Christana wusste, dass Dorhem ein gefragter Lieferant für spezielle Relikte gewesen war. Ein Dealer, der Verbindungen in hohe imperiale Kreise gehabt hatte. Viele der Okany sprachen in den höchsten Tönen von ihm und lobten seinen Sachverstand, der ihnen jetzt sehr fehlte. Bei der Nennung seines Namens klingelte etwas in Christanas Gedächtnis. Ein Alarmsignal.
Conrad musterte Christana skeptisch. Ihm schien keine ihrer Emotionen verborgen zu bleiben.
Sie ging in die Offensive. „Es geht mir gut, wenn Sie das fragen wollen.“ Es war nicht schwer zu erkennen, dass er ihr nicht glaubte.
„Janeera Dokan.“ Die Art, wie er ihren falschen Namen aussprach, signalisierte Christana, dass er ihre Täuschung durchschaut hatte.
Sie vermied den Reflex, die vergiftete Nadel zu aktivieren, die an der Hüfte in ihrem Kleid eingenäht war. „Viele hier haben falsche Namen“, verteidigte sie sich. „Das ist nichts Ungewöhnliches.“
Der oberste Skelper fuhr mit seinem Vortrag fort. „Aber der gute Peter brachte uns einen neuen Verbündeten“, erklärte er weiter. „Jemanden, der über weitreichende Verbindungen in Asgaroon verfügt. Und er kommt nicht mit leeren Händen.“
Christana hörte Schritte, die anzeigten, dass sich eine Schar weiterer Gäste durch das Portal näherte. Ein Mann und eine Frau traten ein, gefolgt von einer kleinen Eskorte, die am Eingang stehenblieb. Die Leute auf der Tanzfläche machten Platz und bildeten eine Gasse, durch die das Paar weiterging, bis es vor dem Boss der Skelper stand. Die Neuankömmlinge waren in graue Uniformen gekleidet, die Christana nicht zuordnen konnte. Sie erkannte den Mann wieder, noch ehe Makkan Gabara seinen Namen nannte.
„Begrüßt mit mir Zig Maldoon“, rief der glatzköpfige Clanchef. „Und seine Gefährtin Dolea Taran.“
Beifall brandete auf und Christana schnappte nach Luft. Sie hatte vor einigen Jahren mit dem Anführer des Ghost-Konglomerats zu tun gehabt. Er wusste, wer sie war.
Thomas Conrad baute sich vor Christana auf und sah ihr ernst in die Augen. „Sie kennen diesen Mann?“
Christanas Hand glitt hinunter zu ihrer Hüfte. Ihre Finger betasteten die Nadel im Gewebe ihres Kleides.
Conrad packte ihr Handgelenk. „Ich tippe auf eine Giftnadel“, flüstere er. Es klang wie das Zischen einer Schlange. „Gegen wen wollen Sie die benutzen? Gegen mich? Und was ist danach? Wollen Sie sich der Folter aussetzen, Christana?“
„Was?“
„Ich weiß, wer Sie sind. Aber in Ihrem Fall hat es mehr Bedeutung als bei jedem anderen hier. Aber keine Angst. Ich werde Sie nicht verraten.“
Einer der Gäste, der neben ihnen an der Bar saß und nicht mehr ganz nüchtern war, lehnte sich zu Christana hinüber. „Tragt Euren Streit im Schlafzimmer aus“, lallte er. „Gibt doch nichts Besseres als ’ne heiße Versöhnung.“ Er hob sein Glas und zwinkerte den beiden zu.
Conrad ließ von Christana ab und lehnte sich entspannt gegen den Tresen. „Hören wir Mak zu“, sagte er beiläufig. „Dürfte spannend sein zu erfahren, was er zu sagen hat.“
Gabara fuhr fort zu erzählen, was er an Neuigkeiten hatte. „Dank der Informationen, die wir von Peter Dorhem und Zig Maldoon erhalten haben, gilt es eine Prinzessin wach zu küssen, die noch nicht weiß wer sie ist.“ Alle lachten.
Christana konnte mit der ironischen Bemerkung nichts anfangen. Vielleicht entgingen ihr gerade wichtige Details, die zum Verständnis seiner Bemerkungen nötig waren, weil ihre Gedanken mit Conrad beschäftigt waren. Panik keimte in ihr auf, die sie mühsam unterdrückte.
„Sie glauben, Simna sei wieder da“, erklärte Conrad lapidar. „Sargons Feuerkind.“
Christana hatte davon gehört, aber für sie waren das alles Märchen und Legenden, denen sie bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Mystisches Beiwerk, um der nüchternen Gier der Klans ein wenig Würde und antiken Glanz zu verleihen. Womöglich eine Fehleinschätzung.
„Wir werden uns auf Sculpa-Trax konzentrieren“, sagte Gabara. „So nennt man die Neun Tore Welt heute. Es dürfte kein Problem sein, das System zu infiltrieren. Die Tore dort sind träge. Gefangen im Schlummer des Vaseel. Des unendlichen Traumes. Es ist mir gelungen, Gothreks dorthin zu bringen. Sie werden finden, was wir suchen.“
Während Christana über die Ausführungen des Skelpers grübelte und mit ihrer Angst kämpfte, kamen zwei der Begleiter Maldoons an die Bar und bestellten Drinks. Zwei große Männer. Der eine blond, der andere dunkelhaarig.
„Ich habe mit Gunur gesprochen.“ Makkan Gabara machte es Spaß, seine Zuhörer zu verblüffen, die bei der Nennung des Namens zu tuscheln begannen. „Er hat lebendige, leibhaftige Gothreks. Sie werden Feuerkind finden und zu uns bringen. Wenn wir ihr erst die Möglichkeiten aufgezeigt haben, die ihr zur Verfügung stehen, wird sie nicht zögern, sich uns anzuschließen.“
Christana entging nicht, dass der Dunkelhaarige von Maldoons Gefolgsleuten sie eingehend betrachtete. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und gelassen zu wirken. Beiläufig ließ sie die Hand auf die Hüfte sinken.
„Na, wenn das nicht die Schlampe des Kaisers ist“, flüsterte der Mann ungläubig.
Conrad, der zwischen ihm und Christana stand gab sich irritiert. „Reden Sie mit mir?“
„Nein“, antwortete der Wachmann. „Außer, wenn das Flittchen zu dir gehört. Dann geht dich das auch was an.“
Auch sein blonder Begleiter schien Christana erkannt zu haben und kam näher.
Unauffällig zog die Agentin die vergiftete Nadel aus dem Stoff ihres Kleides und verbarg sie zwischen Zeige- und Mittelfinger.
„Chef!“, rief der dunkelhaarige Mann über die Köpfe der Gäste hinweg. „Sieh mal, wen wir hier haben.“
Dann überstürzten sich die Ereignisse. Conrad versetzte dem Blonden einen Schlag gegen den Kehlkopf, der ihn röchelnd zu Boden schickte. Der andere packte Christana am Oberarm, aber sie wirbelte herum, entwand sich seinem Griff und stach ihm die Nadel in den Hals. Es dauert keine Sekunde, bis sein Körper erschlaffte und zusammensackte. Der plötzliche Tumult verwirrte die Gäste. Makkan Gabara unterbrach seine Rede.
Auch Maldoon und Dolea Taran sahen jetzt zu ihnen hinüber. Die Frau hatte Christana ebenfalls erkannt.
„Sie ist eine Agentin!“, rief sie durch den Saal. „Eine kaiserliche Spionin. Schnappt sie euch!“
In diesem Augenblick drehte Conrad Christana den Arm auf den Rücken und hielt ihr eine kleine Nadel an den Nacken. „Wenn ihr sie lebend wollt“, rief er Gabara und Maldoon zu, „verlange ich ein Lösegeld.“
Christana schrie auf. Conrad war dabei ihr den Arm zu brechen. Er schob die Agentin dem Ausgang zu. „Tun Sie, was ich sage“, flüsterte er ihr zu. „Dann kommen wir hier heraus.“
Makkan Gabara stand die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. „Tom, was ist nur in dich gefahren?“ Er schritt ein, zwei Stufen die Empore hinunter. „Wer ist die Frau? Was weißt du über sie?“
Dolea Taran hatte eine eigene Meinung dazu. „Das ist ganz egal. Erschießt die beiden.“
„Noch befehle ich hier“, herrschte Gabara die Frau an. „Ich will sie verhören. Ich muss wissen, was Sie weiß.“
Indessen waren Conrad und Christana beim Ausgang angekommen. Auf einen Wink Gabaras hin, nahmen die Sicherheitskräfte Abstand.
Maldoon sah in die fassungslosen Mienen der Okany und lachte. „Verdammt! Die stecken beide unter einer Decke.“ Seine Stimme hallte durch den Kuppelsaal. „Ich wette die zwei arbeiten für das Imperium. Am besten ihr macht sie beide kalt. Scheiß auf die Informationen.“
„Ich kann nicht glauben, dass du mich erpressen willst“, fuhr Gabara fort, ohne Maldoon zu beachten, schritt die letzten Stufen hinab und betrat die Tanzfläche. „Was versprichst du dir davon?“
„Bleib, wo du bist!“, warnte Conrad und Christana schrie erneut vor Schmerzen auf. „Ich meine es ernst.“
„Du hoffst doch nicht wirklich, von hier zu entkommen?“ Gabara schien keine Freude daran zu haben Conrad zu drohen. Er machte auf Christana den Eindruck, als täte ihm diese Entwicklung wirklich leid. Gewiss war er es gewohnt, seine Emotionen zu verbergen oder zu überspielen, was ihm gerade ganz und gar nicht gelang. „Lasst sie gehen!“, befahl der Chef der Skelper schließlich, seinen Blick starr auf seinen Freund gerichtet.
Conrad wich zurück, zog einem der Sicherheitsleute die Waffe aus dem Halfter und ging mit Christana aus dem Saal. Es war so still, dass man förmlich das Fallen der Nadel hören konnte, die er nebenbei aus den Fingern gleiten ließ. Er drückte seiner Geisel stattdessen nun die Mündung der Pistole an die Schläfe.
„Sie sind auch ein Agent“, wagte Christana, zu vermuten und der Griff des Mannes um ihr Handgelenk lockerte sich endlich.
„Ich bin Cade Haylon“, flüsterte er. „Ich bin schon fünfzehn Jahren hier und hatte seit Ihrer Ankunft Anweisung auf Sie aufzupassen.“
„Ich brauche keinen Aufpasser“, versetzte sie beleidigt.
„Doch, tun Sie, und zwar mehr als einmal. Glauben Sie mir.“
Es dauerte unendlich lang, bis sie den kurzen Korridor durchquert und unter dem massiven Torbogen hindurch waren, der das Portal zur Lounge bildete. Die Sicherheitskräfte vor dem Eingang waren offenbar schon über das Geschehen informiert. Auch sie sahen davon ab, Haylon und Christana anzugreifen. Der Zorn ihrer Ohnmacht funkelte in ihren Augen.
„Nehmen Sie sich eine Knarre“, befahl Haylon.
Christana ließ sich das nicht zweimal sagen, entwendete einem der Männer seine Waffe und forderte ihn auf, sich auf den Boden zu legen. „Und ihr anderen auch!“ Sie zielte auf die Wachleute, die langsam in die Knie gingen und dem Beispiel ihres Kollegen folgten.
„Was immer Sie geplant haben, Conrad“, keuchte Christana. „Es ist gescheitert.“
„Wir werden sehen“, antwortete Haylon, griff in die Innentasche seines Anzuges und betätigte irgendein Gerät, das darin versteckt war. Im nächsten Augenblick erloschen sämtliche Lichter. Von irgendwoher hallte der Knall einer Explosion durch die Korridore. Der Boden zitterte und das Schott vor dem Eingang begann sich zu schließen. Ein ungezielter Schuss aus dem Saal zischte knapp an Haylons Kopf vorbei.
„Jetzt nichts wie weg hier“, bemerkte Haylon und schob Christana in einen der Gleiter, die vor dem Eingang standen. Er setzte sich hinter das Steuer, startete die Maschinen und raste los, da peitschen die ersten Energiesalven hinter dem Fahrzeug her. Ein paar Geschosse trafen das Glas der Kanzel und die Heckfinne.
„Ich denke, das wird eine kurze Flucht“, bemerkte Christana. „Die werden uns im Hangar erwarten und fertig machen.“
„Zeit für Phase zwei“, antwortete Haylon und holte das geheimnisvolle Geräte hervor. Ein Sender. Er war flach und klein wie eine Datenkarte. Haylon drückte das Sensorfeld in der Mitte ein weiteres Mal.
„Was passiert jetzt?“, wollte Christana wissen.
Zur Antwort deutete er auf die Rückbank des Gleiters. „Darunter habe ich zwei Raumanzüge versteckt. Die müssen wir anziehen. Ich habe gerade den Hangar entlüftet. Da dürfe uns niemand mehr Probleme machen.“
Christana fand den Schalter, um den Stauraum unter der Rückbank zu öffnen. Das Polster klappte nach hinten und ermöglichte es der Agentin, einen der Anzüge zu greifen und herauszuziehen, während Haylon das Fahrzeug durch die dunklen Gänge steuerte.
„Ich muss gestehen, ich bin verblüfft“, gab Christana zu, während sie sich in den Anzug zwängte. „Woher wussten Sie, was passieren würde?“
