Nordirland - Ralf Sotscheck - E-Book

Nordirland E-Book

Ralf Sotscheck

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Beschreibung

Ralf Sotscheck lässt sich 1976 als Aushilfslehrer in Belfast nieder, allein in diesem Jahr fallen 300 Menschen dem nordirischen Konflikt zum Opfer. In außergewöhnlichen Reportagen erzählt der Irland-Korrespondent die blutige Geschichte der »­Troubles«, an denen auch sein Schwiegervater teilnahm. Und er trifft ehemalige Feinde, die sich jetzt um Verständigung und Versöhnung bemühen. Doch selbst nach dem Friedensabkommen von 1998 kommt das Land nicht zur Ruhe. Der Brexit birgt neue soziale und wirtschaftliche Herausforderungen, denen sich Sotschecks Protagonisten auf vielfältige Weise stellen. Peter Lavery zum Beispiel, der eine Whiskeybrennerei in einem ehemaligen Gefängnis eröffnet. Raymond McCord, dessen Sohn von Polizeispitzeln ermordet wurde und der jetzt für Aussöhnung wirbt. Oder Natascha McGrath, die der vom Fluss Termon geteilten Grenzstadt Pettigo zum Aufschwung verhelfen will. Mit einem Vorwort von Dietrich Schulze-Marmeling und Fotografien von Derek Speirs. »Wie wir alle wissen, hat Ralf Sotscheck Irland erfunden.« F. W. Bernstein

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Seitenzahl: 175

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Inhaltsverzeichnis
Nordirland
Vorwort
Troubles
Die IRA als Wahlsieger
14 Leichen in Englands Keller
Das Ende der irischen Showbands
Der Hungerstreik
Das Milltown-Massaker
Auf einem Berg von Leichen
Hoffen auf die nächste Schaufel Erde
Der Sarg blieb zu
Brexit
Ein Geschwür in Nordirland
An der Fähre zum Frieden
Grenze im Fluss
Protagonisten
Der Friedensmacher aus Derry
Der fette Bastard
Der andere Blick
Schauplätze
Paradise lost
Ewige Ruhe an Irlands Grenze
Die britischste Stadt Irlands
Eine Stadt im Aufschwung
Im Unheil das Heile finden
Mit Kinderaugen
Whiskey hinter Gittern
Fängst du nichts, verdienst du nichts
Fotografien von Derek Speirs
Anhang
Glossar
Chronologie
Über Ralf Sotscheck, Derek Speirs und Dietrich Schulze-Marmeling

Nordirland

Zwischen Bloody Sunday und Brexit. Reportagen

Von Ralf Sotscheck

Mit Fotos von Derek Speirs und einem Vorwort von Dietrich Schulze-Marmeling

Umschlaggestaltung von Karsten Weyershausen mit Fotos von Derek Speirs

1. Auflage 2023 © Verlag Andreas Reiffer

ISBN 978-3-910335-40-0, identisch mit der Printausgabe

Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine, www.verlag-reiffer.de

Die hier versammelten Reportagen sind in den vergangenen 20 Jahren in der »taz« erschienen. Sie wurden für dieses Buch überarbeitet und aktualisiert. Das Buch wäre ohne Andreas Reiffer und Frank Schäfer nicht zustande gekommen. Dafür danke ich ihnen. Dank gebührt auch Áine, Jürgen Schneider, Hans-Christian Oeser, Pit Wuhrer, Eckhard Ladner, Astrid Harms, Wolfgang Limmer, Bill Rolston, Noirín Greene, Bobby Ballagh, John Meehan, Therese Caherty, Seán Marmion und Tommy McKearney für viele inspirierende Gespräche und Diskussionen. Dank an die Auslands- und Reportage-Redaktionen der »taz« für ihre Anregungen und dafür, dass sie die Texte gedruckt haben. Bei Karsten Weyershausen bedanke ich mich für die gelungene Umschlaggestaltung. Und zu guter Letzt danke ich Dietrich Schulze-Marmeling für das informative und wohlwollende Vorwort sowie Derek Speirs für die großartigen Fotos.

Ralf Sotscheck

Vorwort

Von Dietrich Schulze-Marmeling

Von Ralf Sotscheck hatte ich zum ersten Mal aufgrund eines kleinen politischen Reiseführers gehört. Darin ging es um Irland inklusive Nordirland, herausgegeben hatte ihn das Westberliner Irlandkomitee. Das war 1979, dem Jahr, als sich mein Interesse am Konflikt in Nordirland intensivierte. Einige Jahre später begegneten wir uns persönlich und gründeten mit ein paar Freunden die Zeitschrift »Irland Informationen«.

Anfang 1988 zog ich mit meiner Frau Lisa und unserer jüngsten Tochter Friederike nach Nordirland. Ich arbeitete damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag für die Berliner Grünen-Abgeordnete Ellen Olms. Lisa hatte ihr Medizinstudium abgeschlossen und suchte nach einer Stelle in einem nordirischen Krankenhaus. Der deutsche Arbeitsmarkt war schwierig, außerdem wollten wir eine Zeit im Ausland verbringen. Lisa hatte aus einem Ärzteblatt von einem Assistenzarztmangel im Vereinigten Königreich erfahren. Und Nordirland war ja Teil dieses Königreiches.

Ralf war bereits 1985 mit seiner Frau Áine und den Kindern Fionn und Ciara nach Dublin gezogen und wohnte gegenüber vom Friedhof Glasnevin, wo unter anderem die Väter des Irish Free State bzw. der Republik Irland, Michael Collins und Éamon de Valera, begraben sind. Diesen Friedhof habe ich damals nie besucht, wohl aber den benachbarten Pub The Brian Boru, wo Ralf und ich so manches Pint versenkten. Vom Wirtshaus bis zum Stadion Dalymount Park, Heimstätte des Bohemian FC, sind es nur wenige hundert Meter. 1972 spielte hier Pelé mit der Seleção vor 30.000 Zuschauern. 1988 sah ich mit Ralf im Dalymount Park das irische Pokalfinale Dundalk FC gegen Derry FC, das Dundalk mit 1:0 gewann.

Ohne Ralf wäre der Umzug auf die grüne Insel schwierig geworden. Damals gab es kein Internet. Allein an die Adressen nordirischer Krankenhäuser zu gelangen, war nicht einfach. Alle Menschen, Firmen und Institutionen Nordirlands passten in ein einziges, aber dickes Telefonbuch. Später lernte ich dieses Buch »politisch« zu lesen. Wer beispielsweise in Belfast BT11 lebte, war mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ein Katholik. Kombiniert mit einem irischen Namen waren es hundert Prozent. Hingegen war jemand mit einer Adresse in Belfast BT5 in der Regel Protestant.

Ralf riss aus dem Telefonbuch die Seiten mit den Rufnummern und Adressen der nordirischen Krankenhäuser heraus und schickte sie uns. Lisa schrieb fünf Häuser an – in Newry, Dungannon, Omagh, Derry und Belfast. Drei erteilten ihr eine Zusage. Wir entschieden uns für die Grenzstadt Newry.

Die Stadt war nicht schön, aber trotzdem hatten wir die richtige Wahl getroffen. Nach Belfast waren es nur gut 60 Kilometer, nach Dublin etwa 110. Die beiden größten Städte Irlands waren also gut erreichbar, allerdings nicht so schnell wie heutzutage. Im Norden waren die Straßen deutlich besser als im Süden, aber um von Newry nach Dublin zu kommen, musste man sich durch Dundalk, Drogheda und Balbriggan quälen. Lediglich bei Drogheda gab es ein kleines Stück Autobahn.

Newry war für mich der ideale Standort, um tiefer in Politik und Sport einzudringen. Gleich hinter unserer Unterkunft begann South Armagh, das sogenannte »Banditenland«, wo die Irisch-Republikanische Armee (IRA) das Sagen hatte und die britische Armee sich sicherheitshalber mit Hubschraubern fortbewegte. Auf den Hügeln hatte das Militär Beobachtungstürme errichtet.

Trotzdem kam es immer wieder zur Sprengung der Bahnlinie zwischen Dublin und Belfast, die durchs »Banditenland« führte – etwa 300 Meter Luftlinie von unserer Wohnung entfernt. Nach unserer Rückkehr nach Deutschland vermisste ich zwei Geräusche: Das Knattern von tief fliegenden Hubschraubern und die Feuerwehrsirene, die in Newry im Schnitt zehnmal pro Tag heulte.

Hilfreich war aber auch die relative Nähe zur Familie Sotscheck. Ihre Unterstützung war gerade am Anfang unserer Zeit wichtig. Wie gesagt: Hätte Ralf nicht ein nordirisches Telefonbuch zerlegt, hätten wir möglicherweise nie den Weg nach Nordirland gefunden.

1988 arbeiteten wir gemeinsam an einem Buch über die Geschichte des Nordirlandkonflikts: »Der Lange Krieg – Menschen und Macht in Nordirland« erschien im Frühjahr 1989, eine zweite aktualisierte Auflage kam 1991 heraus. Die Bundeszentrale für politische Bildung pries unser Buch als mit Abstand beste Veröffentlichung zum Nordirlandkonflikt, was nicht sonderlich überraschte, denn Konkurrenz gab es damals kaum.

Wir widmeten das Buch dem Anwalt Pat Finucane, der am 12. Februar 1989 in seiner Belfaster Wohnung von loyalistischen Paramilitärs erschossen worden war – vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder. Die Mörder hatten dabei eng mit der britischen Armee und nordirischen Polizei zusammengearbeitet. Im Oktober 2011 musste sich der damalige britische Premierminister David Cameron deshalb bei Pat Finucanes Familie entschuldigen.

Im August 1990 bemerkte ich durch eine Zufallsbegegnung in Belfast, dass in Nordirland etwas in Bewegung geraten war, ohne dass die Öffentlichkeit das registriert hatte. Auf der Falls Road, der Hauptverkehrsader im republikanischen Westen der Stadt, traf ich Danny Morrison, der 1972 ohne Anklage interniert gewesen war. Später wurde er Pressesprecher von Sinn Féin. Weltweit bekannt wurde er 1981 als Organisator des Wahlkampfs für den IRA-Hungerstreikenden Bobby Sands, der schließlich ins britische Unterhaus gewählt wurde.

Kurz vor dem 9. August, dem Jahrestag der Internierung in Nordirland, fuhr ich mit Morrison durch das Beechmount-Viertel. Wir passierten ein »Bonfire«, das Jugendliche, darunter Morrisons Sohn, im Vorfeld des Jahrestags angezündet hatten. In diesem Moment fiel ein Satz, der mir in den nächsten Wochen und Monaten nicht mehr aus dem Kopf ging: »Weißt du, Dietrich, ich möchte nicht, dass die nächste Generation unseren Weg gehen muss.«

Es klingt banal, aber dieser Satz von Morrison, den er öffentlich nie geäußert hätte, veränderte und schärfte meinen Blick auf die folgende politische Entwicklung. Ohne diese zufällige Begegnung hätte ich kaum ein Gefühl für das entwickelt, was sich in den nächsten Jahren in Nordirland tat – und schließlich ins Karfreitagsabkommen und das Ende des bewaffneten Konflikts mündete.

Danach ließ das Interesse deutscher Medien an Nordirland – und im Zuge der EU-Erweiterung auch an der Republik Irland – deutlich nach. Ralf gehörte zu den wenigen Journalisten, die weiterhin kontinuierlich aus der Region berichteten. Erst mit dem Brexit geriet die irische Insel wieder stärker in den Fokus.

Ausgangspunkt von Ralfs Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart sind real existierende Menschen und ihr Leben. Das liest sich nicht nur besser als wissenschaftliche Analysen, sondern ohne diese Nähe zu den Akteuren kann man den Konflikt mit all seinen Zwischentönen auch kaum erfassen.

Das vorliegende Buch ist ein gelungener Ritt durch die jüngere und jüngste Geschichte Nordirlands – entlang an Ereignissen, die Meilensteine waren, aber auch anhand kleiner und großer Geschichten sowie persönlicher Begegnungen. Hier ist einer mittendrin, was auch für Derek Speirs und seine Fotos gilt – ein Traum-Duo.

Troubles

Protestaktion zur Unterstützung der Hungerstreikenden im Gefangenenlager von Long Kesh

Die IRA als Wahlsieger

Mein Nachbar kam nach der Arbeit oft zu mir und bat mich um eine Tasse Kaffee, damit seine Frau den Alkohol nicht roch. Billy McAteer war Katholik, seine Frau Evelyn Protestantin. Wir wohnten in einer Seitenstraße der Ormeau Road in Belfast, in einem katholischen Viertel mit kleinen Reihenhäusern. Die Miete war niedrig, ich zahlte 36 Pfund im Monat, verdiente allerdings als Assistenzlehrer für Deutsch nur knapp hundert Pfund.

Das war 1976, als der politische Konflikt in einer heißen Phase steckte. Fast 300 Menschen wurden in dem Jahr ­getötet, die Hälfte davon von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA). Damals erschien es ausgeschlossen, dass Sinn Féin, der politische Flügel der IRA, 30 Jahre später an der Regierung in Nordirland beteiligt sein würde.

Die IRA war erst Ende der 60er Jahre wieder aktiv geworden, um die katholischen Viertel vor den Angriffen der protestantisch-loyalistischen Milizen zu schützen. Eine dieser Gruppen, die Ulster Volunteer Force (UVF), erschoss Billy McAteer vor seiner Haustür, weil er mit einer Protestantin verheiratet war. Billy war 40, Evelyn war zwei Jahre jünger und mit dem fünften Kind schwanger. Die UVF mochte keine sogenannten Mischehen. Die Mörder standen noch wochenlang im Ormeau Park auf der anderen Seite des Flusses Lagan, an dem unsere Straße endete, und johlten: »Wir haben McAteer getötet.«

Im selben Jahr weigerte sich der inhaftierte IRA-Mann Kieran Nugent, die Gefängnisuniform anzuziehen, und hüllte sich stattdessen in eine Decke. Es war der Beginn des »Deckenstreiks«, der schließlich 1981 in den Hungerstreik mündete, bei dem zehn Gefangene starben.

Bei Sinn Féin setzte sich danach langsam die Erkenntnis durch, dass eine politische Strategie neben dem bewaffneten Kampf erfolgversprechend sein könnte. 1986 beschloss ein Parteitag, den Boykott des Dubliner Parlaments aufzugeben und die Sitze einzunehmen. Der Boykott des Londoner Unterhauses besteht bis heute.

Während meiner Zeit in Belfast lernte ich John Lyons kennen, der später mein Schwiegervater wurde. Er war schon als Jugendlicher in die IRA eingetreten; mit elf machte er Botengänge. 1940 wurde er nach einem Munitionsraub zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt, aber nach acht Jahren vorzeitig entlassen. Danach nahm er seine IRA-Aktivitäten wieder auf. Unter anderem machte er 1973 bei der Befreiung des IRA-Stabschefs Seamus Twomey und dessen Stellvertreters mit, die mit einem gekaperten Hubschrauber aus einem Dubliner Gefängnis entkamen. Freitags gingen John und ich immer in den Pub, manchmal brachte er alte Kampfgefährten mit. »Sinn Féin und IRA haben immer viel zu sehr Fianna Fáil vertraut«, hatte John einmal gesagt. Diese Partei habe ihre Prinzipien stets verraten, es sei ihr immer nur um die Macht gegangen. Fianna Fáil hatte sich zwar von der IRA abgespalten, weil sie den Friedensvertrag mit England nach dem Unabhängigkeitskrieg 1922, der die Insel teilte, nicht akzeptierte, aber schon wenige Jahre später saß sie im Parlament der Republik, die ja ein Produkt der Teilung war. Aus dem Teil der IRA, der für den Vertrag war, entwickelte sich Fine Gael.

Beide Seiten fochten einen Bürgerkrieg aus, der die Nation und sogar Familien spaltete. Am Ende behielten die Vertragsbefürworter die Oberhand. Da die Iren ein langes Gedächtnis haben, wird bei vielen das Wahlverhalten dadurch bestimmt, auf welcher Seite der Opa gekämpft hat, obwohl sich beide Parteien in ihrer konservativen Ausrichtung kaum unterscheiden.

Fianna Fáil und Fine Gael haben Irland seit der Unabhängigkeit abwechselnd regiert. Selbst Korruptionsskandale wurden an der Wahlurne nicht bestraft. Sicher, eine absolute Mehrheit gab es schon lange nicht mehr, aber mithilfe der Grünen oder der Labour Party blieb man an der Macht.

Früher waren es weniger die Parteien, als vielmehr die katholischen Würdenträger, die bestimmten, was erlaubt und was verboten war – bis hin zur Zensur von Büchern und Filmen. In sozialen Fragen hat sich Irland seit den neunziger Jahren stark verändert, auch weil sich die Kirche durch ihre pädokriminellen Machenschaften selbst demontiert und ihren Anspruch als moralische Instanz verspielt hat. Verhütungsmittel sind überall erhältlich, Homosexualität wird nicht mehr bestraft, Scheidung, gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung sind legalisiert. Es gab für uns viele Anlässe, zu feiern.

Nur in der Politik tat sich nicht viel: Die beiden etablierten Parteien stellen noch immer die Regierung. Es gab eigentlich keinen Grund zu der Annahme, dass sich das ändern würde. Das tat es aber, und wie. In Nordirland wurde Sinn Féin bei den Wahlen 2022 zur stärksten Partei. Und in der Republik gewann sie 2020 mehr Erststimmen als alle anderen Parteien und erhielt 37 Sitze – genauso viele wie Fianna Fáil, die aber zusätzlich den Parlamentssprecher stellt, der automatisch gewählt wurde. Um Sinn Féin von der Regierung fernzuhalten, kam es erstmals zu einer Koalition von Fianna Fáil und Fine Gael.

Sinn Féin hatte das eigene Potenzial unterschätzt und nicht genug Kandidaten aufgestellt. So wurde mindestens ein halbes Dutzend Sitze verschenkt, vermutlich sogar mehr. Irgendwann, fürchte ich, wird es eine Koalition von Sinn Féin mit Fianna Fáil geben. Die Worte meines Schwiegervaters, der Sinn Féin vor Fianna Fáil warnte, sind so aktuell wie damals.

Es waren die jungen Leute, die für den Wandel gesorgt haben. Ihnen waren Themen wie Obdachlosigkeit, irrsinnige Mieten und das kaputte Gesundheitssystem wichtiger als Loyalitäten aus Bürgerkriegszeiten. Das macht Hoffnung auf eine mittelfristige Abkehr von den etablierten Parteien. Und trotz Einwanderung, sozialer Missstände und stetig breiter werdender Schere zwischen Arm und Reich hatte es lange Zeit keinen Aufschwung von Nazi-Parteien gegeben. Die Irish Freedom Party, Anti-Corruption Ireland und die National Party kamen zunächst nicht aus den Startlöchern. Das änderte sich Anfang 2023. Seitdem kommt es fast täglich zu Anti-Flüchtlingsdemonstrationen. Noch sind die Gegendemonstrationen jedoch größer, so dass die Hoffnung besteht, dass die rechtsextremen Parteien keinen Fuß ins Parlament oder in die Regionalverwaltungen bekommen werden.

14 Leichen in Englands Keller

Es war der 31. Januar 1972: Eine Teenagerin lief mit ihren Freunden durch die Bogside, das katholische Viertel der zweitgrößten nordirischen Stadt Derry, wo es am Vortag zu einem Massaker gekommen war. Britische Soldaten einer Fallschirmjägereinheit hatten 14 unbewaffnete Bürgerrechtsdemonstranten erschossen.

Das Mädchen, etwa 16 Jahre alt, wurde von einem Mann angesprochen. Er erklärte ihr, dass die Soldaten willkürlich Passanten durchsuchten, und bat sie, ein paar Filmrollen für ihn zu verstecken, weil sie den Soldaten unverdächtig erscheinen würde. Sie packte die Filme in ihren Schlüpfer und gelangte unbehelligt durch die Kontrollen. Später traf sie den Mann in seinem Hotel und gab ihm die Filmrollen zurück. Sein Name war Gilles Peress.

Der französische Fotograf wollte in Derry, das von den probritischen Unionisten Londonderry genannt wird, eigentlich nur die Demonstration fotografieren. Doch plötzlich eröffneten die Soldaten das Feuer. Vielen Opfern wurde in den Rücken geschossen, so auch dem 31-jährigen Paddy Doherty, als er versuchte, vor dem Rossville-Wohnblock aus der Schusslinie zu kriechen. Peress fotografierte ihn wenige Augenblicke, bevor ihn die Kugeln trafen. Das Foto ging um die Welt. Dohertys Sohn Tony war damals neun Jahre alt. Er trat später in die IRA ein, um den Tod des Vaters zu rächen.»Ich fotografierte und weinte gleichzeitig«, sagt Peress. »Ich wollte nicht unsensibel sein, aber ich fühlte mich verpflichtet, die Ereignisse zu dokumentieren.« Es sei das erste Mal gewesen, dass er gesehen habe, was Waffen anrichten können. Kein Ereignis in der blutigen Geschichte des Konflikts hat so tiefe Spuren hinterlassen.

In Creggan, einem katholischen Arbeiterviertel Derrys, hatten sich am 30. Januar 1972 mehr als 15.000 Menschen versammelt, um für Bürgerrechte zu demonstrieren, die in Westeuropa als selbstverständlich galten: gleiches Wahlrecht für Katholiken und Protestanten, keine Diskriminierung bei der Vergabe von Jobs und Sozialwohnungen, keine Internierung ohne Anklage.

Es herrschte Demonstrationsverbot, doch schon in den Wochen zuvor waren in der Krisenprovinz die Menschen auf die Straße gegangen, Derry sollte der Höhepunkt werden. Dort gab es beinahe täglich Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der britischen Armee. Die katholischen Viertel waren von den Bewohnern verbarrikadiert worden, Armee und Polizei wagten sich nach Creggan und in die Bogside nicht hinein.

Die Demonstration sollte an jenem Tag am Platz vor der Guildhall, dem Rathaus im Zentrum der Stadt, mit einer Kundgebung enden, doch die Soldaten hatten die Straße gesperrt. Als Steine flogen, schwärmte das 1. Fallschirmjäger-Regiment aus, die Soldaten eröffneten das Feuer. Eine Stunde später lagen 13 Tote auf der Straße. John Johnston, der als erster von einer Kugel getroffen worden war, starb fünf Monate später. Die Soldaten sagten, sie seien von den Demonstranten beschossen und mit Nagelbomben angegriffen worden und hätten das Feuer lediglich erwidert. »Ich akzeptiere nicht, dass die Opfer unschuldige Zivilisten waren«, sagte der Kommandant der Fallschirmjäger, Oberst Derek Wilford. »Denn wenn das der Fall wäre, würde das bedeuten, dass meine Soldaten im Unrecht waren, und das kann ich nicht glauben. Es war eine Kriegshandlung.« Wilford bekam für seine Rolle am Bloody Sunday von der Armee einen Orden.

Hunderte von Augenzeugen hatten anderes gesehen. Jeder einzelne von ihnen bestätigte, dass kein Schuss gefallen war, als die Armee das Feuer eröffnete. Manche der Demonstranten hatten die Arme gehoben, um sich zu ergeben, als sie von den Kugeln getroffen wurden. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der 17-jährige Jackie Duddy ermordet worden ist, und dieses Wort gebrauche ich bewusst«, sagte Pfarrer Edward Daly, der später Bischof von Derry wurde. »Er hatte versucht, wegzulaufen. Ich habe mindestens zehn oder zwölf Menschen die Sterbesakramente verabreicht, als sie auf der Straße lagen. Keiner von ihnen war bewaffnet.«

Das Bild des Pfarrers, der mit einem blutverschmierten Taschentuch in der Hand versuchte, eins der Opfer zu bergen, ist um die Welt gegangen. Augenzeugen haben gesehen, wie die Soldaten den Toten Nagelbomben und Waffen in die Taschen steckten. »An diesem Blutsonntag haben wir die jungen Leute verloren«, sagt Daly, »sie gingen weg und schlossen sich der IRA an.«

Drei Tage nach dem Bloody Sunday wurde in Dublin die britische Botschaft niedergebrannt. Eine riesige Menschenmenge, die sich aus Protest vor dem Gebäude versammelt hatte, rief in Anlehnung an die Aufstände in Los Angeles im Jahr 1965: »Burn, Baby, burn!« Die Polizei schaute tatenlos zu. Die Beziehungen zwischen Großbritannien und Irland waren auf einem Tiefpunkt.

Peggy Deery war die einzige Frau, die am Bloody Sunday verletzt wurde. Sie verbrachte vier Monate im Krankenhaus, litt danach unter chronischem Nierenversagen und war für den Rest ihres Lebens mehr oder weniger ans Haus gefesselt. Ihr Mann war wenige Monate zuvor an Krebs gestorben, er war 37, die Kinder waren zwischen 8 Monaten und 16 Jahren alt. Margaret, die älteste Tochter, musste fortan ihre Geschwister versorgen.

Die Kugel hatte Peggy Deery ins Bein getroffen. Der britische Soldat, der den Schuss abgefeuert hatte, stand dicht vor ihr und spannte den Hahn seiner Waffe erneut. »Schieß nicht nochmal auf mich, Junge«, sagte sie. »Ich bin eine Witwe und habe 14 Kinder.« Der Soldat ließ sie am Leben, aber sie wurde nie mehr richtig gesund.

Sie war 38 Jahre alt damals, am 30. Januar 1972. Man brachte sie in ein nahegelegenes Haus in der Chamberlain Street. Eine Gruppe Soldaten folgte ihr. Einer beschimpfte sie, ein anderer sagte, sie habe es verdient, und ein dritter meinte: »Lasst die Fotze verbluten.« Der Mann, der sie hineingetragen hatte, war Michael Kelly. Kurz darauf wurde er von den Soldaten erschossen. Er war 17.

Peggy Deerys Tochter Margaret erinnert sich, dass ihre Mutter häufig über den Bloody Sunday gesprochen habe: »Sie sagte, sie werde niemals das Gesicht des rothaarigen Soldaten vergessen, der auf sie aus nächster Nähe geschossen hat. Nach dem Bloody Sunday war unsere Mutter vollkommen verändert. Sie konnte sich nicht mehr um uns kümmern, wir mussten uns um sie kümmern. Sie verfiel in eine tiefe Depression. Ich musste sehr schnell erwachsen werden.« Peggy Deery starb 1988, sie wurde nur 54 Jahre alt. Im April 2021 sprach ein Gericht ihrer Familie 270.000 Pfund Schadenersatz zu.

Eine Kommission unter Lord Widgery hatte nur zwölf Wochen nach dem Bloody Sunday einen 36-seitigen Bericht vorgelegt, der voll und ganz der Version der Soldaten folgte, die ja die Beschuldigten waren. Die Aussagen von Augenzeugen ließ Widgery nach Absprache mit dem damaligen Tory-Premierminister Edward Heath außer Acht.

Es dauerte 40 Jahre, bis die teuerste Untersuchung der britischen Geschichte zu dem Ergebnis kam, dass sämtliche Opfer unschuldig und unbewaffnet waren. Die britische Regierung hatte 1998 auf Druck des Dubliner Kabinetts, das 1997 einen eigenen Bericht vorlegte und darin vom »absichtlichen Töten unbewaffneter Zivilisten« sprach, eine neue Untersuchung unter Leitung von Lord Saville eröffnet.

Das Verteidigungsministerium sabotierte die Untersuchung von Anfang an. 40 Prozent der Namen beteiligter Soldaten, die das Verteidigungsministerium der Untersuchungskommission genannt hatte, waren falsch. Die Soldaten erstritten das Recht, nicht in Derry aussagen zu müssen, weil das für sie lebensgefährlich sei – stattdessen kam die Kommission nun zu ihnen nach England.

Das Ministerium ordnete kurz nach Beginn der Untersuchung die Zerstörung von zwei Armeegewehren an, die am Bloody Sunday zum Einsatz gekommen waren, obwohl Lord Saville die Waffen ausdrücklich als Beweismittel angefordert hatte. Ein Computerfehler, entschuldigte sich das Ministerium. Selbst Seamus Close von der gemäßigten Alliance Party tobte: »Entschuldigungen sind nutzlos. Wenn das Verteidigungsministerium nicht mal zwei Gewehre verteidigen kann, wie will es dann eine Nation verteidigen?«