Nordisches Land -  - E-Book

Nordisches Land E-Book

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Beschreibung

Traumhafte Begegnungen, Schutzengel, ein zerstörtes Paradies, unverarbeitete Vergangenheiten, der Tod eines Freundes, ... es sind ganz unterschiedliche Themen, mit denen sich die Studentinnen und Studenten des Seminars Kreatives Schreiben an der Hochschule Emden-Leer im Wintersemester 2017/18 beschäftigt haben. Die besten Kurzgeschichten des Seminars von Kathrin Bargmann, Lena Kristin Busker, Paulina Kyora, Jennifer Lohei, Folkert Mensing, Linnea Penk, Stephanie Petrowsky, Svenja Schöngart und Dennis Wachtendorf sind in diesem Erzählband vereint.

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Kathrin Bargmann

Ozeanblau

Lena Kristin Busker

Ohne Titel

Folkert Mensing

Pohjoinen Maa – Nordisches Land

Svenja Schöngart

No fixed Rules

Stephanie Petrowsky

Farbenspiel

Jennifer Lohei

Ascolta il tuo cuore - Höre auf dein Herz

Dennis Wachtendorf

Mein Freund, Alexander

Paulina Kyora

Mein Mond ist dein Mond

Linnea Penk

Fünfzehnminutenzwanzig

Kathrin Bargmann

Ozeanblau

In ihrem Körper vibrierte und dröhnte es, als würde jemand auf ihrem Brustkorb Schlagzeug spielen. Bunte Lichter zuckten durch den Raum und ermöglichten immer wieder einen grellen Blick auf die sonst von Dunkelheit umhüllte Menschenmenge. Das leuchtende Stakkato verwandelte die Menschen augenscheinlich in Roboter, die sich mit kurzen, stockenden Bewegungen zum Rhythmus drehten und wendeten, stampften und hüpften. Die Melodie schien ihre Adern wie Blut zu durchströmen, der Bass trommelte wie ihr Herz in ihrer Brust und versorgte den Körper mit seinem Lebenselixier. Ronja liebte diesen Club. Hier konnte sie sie selbst sein, sich ungeachtet der Blicke der anderen bewegen und einfach gehen lassen, sich der Musik hingeben. Es kam ihr manchmal so vor, als wäre der DJ auf wundersame Weise der einzige Mensch auf der Welt, der sie verstehen würde. Und wenn auch nicht in der richtigen Welt, dann wenigstens für den Moment in ihrer eigenen kleinen Welt jede Samstagnacht auf ihrer Lieblingstanzfläche.

Ronja kam für gewöhnlich alleine her, sie hatte nicht sehr viele Freunde. Nur eine gute Freundin hatte sie, und die war das komplette Gegenteil von Ronja. Sie war einen Kopf größer als Ronja, hatte langes, schwarzes Haar wie eine persische Prinzessin, welches sie immer offen trug, damit sie sich hinter ihrer wilden Mähne verstecken konnte. Sie hatte ein rundliches Gesicht und war leicht pummelig. Ronja beneidete sie um ihre Figur, sie fand Emmas weiblichen Kurven klasse. Emma wiederum beneidete Ronja um ihre schlanke Linie. Nicht nur das, Emma sah in Ronja so etwas wie ihr Idol. Und damit war sie nicht alleine, nahezu jeder schien sie zu lieben. Schon in der Schule war das kleine, zierliche Mädchen mit der süßen Stupsnase und den engelsgleichen Locken das beliebteste der Klasse gewesen. Die Mädchen wollten so sein wie sie, und die Jungs wollten mit ihr befreundet oder, im Laufe der Jahre, besser noch in einer Beziehung mit ihr sein. Ronja hätte also nie Probleme damit gehabt, einen großen Freundeskreis um sich zu scharen oder einen Freund zu finden. Und dennoch war sie lieber alleine ihren Weg gegangen. Kein Mensch hatte es je geschafft, ihr Interesse derart zu wecken, dass sie ihn wirklich kennen lernen wollte. Dabei hatte sie überhaupt nichts gegen Menschen. Sie fand sie weder grundsätzlich nervig noch falsch noch hatte sie Berührungsängste. Es war nur ganz einfach so, dass sie sie für eine engere Beziehung zu wenig interessierten. Langweilig wäre wohl die passende Beschreibung.

Als sie Emma traf, war das ganz anders. Das schüchterne Mädchen hatte sie auf eine ganz neue Art und Weise in ihren Bann gezogen. Ronja konnte sich nie erklären, was es war, das sie faszinierte. Ob es ihre schüchterne Erscheinung war, ihr Lachen, das, ganz anders als Emma selbst, den ganzen Raum einnahm, oder ihre warmen, haselnussbraunen Augen, die Geborgenheit ausstrahlten. Aber schon nach kürzester Zeit wusste Ronja, dass ihre neue Arbeitskollegin ihre Freundin werden sollte.

Aber da Emma nicht der Typ war für große Menschenmengen, die sich zu ohrenbetäubender Musik mit ihren verschwitzten Körpern aneinander rieben und sich für eine halbwegs gelungene Konversation gegenseitig ins Ohr schrien, war Ronja auch heute alleine unterwegs. Unterhalten wollte Ronja sich sowieso nicht an diesen Abenden, es ging ihr einzig und allein ums Tanzen. Und das konnte sie alleine am besten. Und so schwang sie ihre Hüfte und tanzte sich mit geschlossenen Augen die Seele aus dem Leib.

Einige Lieder später brauchte sie eine Verschnaufpause. Sie zwängte sich durch die feiernde Meute an den Rand der Tanzfläche und machte sich auf die Suche nach einer Sitzgelegenheit. Gerade als sie sich an zwei Männern vorbeischieben wollte, hielt einer von ihnen sie am Arm fest, beugte sich zu ihr rüber und hauchte ihr ins Ohr: „Na du Süße, wohin des Weges so ganz allein? Setz dich doch zu uns, auf meinem Schoß ist noch ein Plätzchen frei.“

Sie verdrehte genervt die Augen. Seine schmierige Hand umklammerte noch immer ihr Handgelenk. Die Haare waren glatt zurückgegelt, sein Hemd spannte über dem Bauch und der Brust und gewährte einen ungewollten Blick auf seine Brusthaare. Sein Atem war eine Mischung aus Bier- und Tabakgestank. Ronja wendete den Blick auf den leicht dümmlich grinsenden Kumpel, der sie von oben bis unten musterte.

Ekelhaft, dachte sie sich nur, zog ihren Arm aus dem Griff und entgegnete: „Das trifft sich gut, ich suche einen Platz für meinen Freund, dann schick ich ihn mal zu dir!“ Mit einem aufgesetzten Lächeln drehte sie sich um und setzte ihren Gang fort. In ihren Gedanken tobten ganz andere Worte, solche, die man lieber nicht aussprechen sollte, wenn man sich Ärger ersparen wollte. Ronja schimpfte so gut wie nie und hatte auch, soweit sie sich erinnern konnte, niemanden je wirklich beleidigt. Wahrscheinlich kam sie auch deswegen bei ihren Mitmenschen so gut an, weil sie immer ihre Fassade bewahrte und wie das liebe, kleine Mädchen von nebenan wirkte. Dass sie Schimpfwörter in ihrem Repertoire hatte, die der härteste Gangsterrapper nicht einmal kannte, und in ihrem Kopf Kämpfe gegen Idioten wie die Männer aus dem Club austrug, von denen selbst Muhammad Ali nur träumte, musste ja niemand wissen. Außerdem gefiel ihr diese Rolle des unschuldigen Mädchens, immerhin war sie sich ihrer Beliebtheit auch durchaus bewusst. Ronja hatte sich wieder einigermaßen beruhigt und ließ sich endlich erschöpft auf eine Bank fallen. Auf der Tanzfläche hatte sie sich körperlich verausgabt, aber auch Situationen wie diese strapazierten sie. Das zierliche Mädchen war eigentlich schon immer selbstbewusst, schlagfertig und hatte auch keine Angst vor solchen Männern. Aber mitunter kostete es sie einiges an Anstrengung, um ihre Beherrschung nicht zu verlieren. Sie schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein und wieder aus. Sie blendete alle Geräusche aus, bis die Musik nur noch wie durch Watte gedämpft in ihren Kopf eindrang. Sie spürte, wie ihr Puls sich verlangsamte, bis er eine normale Geschwindigkeit annahm. Die Hitze, die ihr zu Kopf gestiegen war, akklimatisierte sich und wich zusammen mit der leichten Röte langsam aus ihrem Gesicht.

Vorsichtig massierte sie ihre Schläfen, streckte die Beine und kreiste ihre Füße, als sie plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Am anderen Ende der Bank hatte zu Beginn eine Gruppe Mädchen gesessen, das wusste Ronja. Einen kurzen Moment später waren diese aufgestanden und an ihren Beinen langgestrichen, auch das hatte sie mitbekommen. Dass sie nun aber das Gefühl hatte, aus derselben Richtung angestarrt zu werden, bereitete ihr ein mulmiges Gefühl. Sie versuchte, sich unauffällig zu benehmen, damit der Beobachter sich nicht ertappt fühlen würde. Also öffnete sie langsam ihre Augen. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr, etwas Blaues zuckte durchs Bild. Sie ließ aber den Blick erst bemüht lässig durch den Raum schweifen, um schließlich auf dem anderen Ende der Bank zu verharren: Doch das war leer. Ronja atmete hörbar die Luft aus, die sie, ohne es zu bemerken, angehalten hatte. Ihr wäre nun wirklich nicht nach einer weiteren schlechten Anmache zumute gewesen, aus der sie sich hätte entziehen müssen. Entspannt sah sie sich also wieder im Club um.

Eigentlich ist es doch jedes Wochenende dasselbe, dachte sie sich. Fast alle Menschen hier sind mit ihren Freunden unterwegs. Der Alkohol hat sein Bestes getan, um ihre Sinne zu vernebeln. Die einen stehen den ganzen Abend an der Bar und kundschaften mögliches Flirtpotenzial aus, die anderen wandern ruhelos vom Tisch zur Tanzfläche, zur Bar, zum Raucherraum und wieder zum Tisch, um diesen Abend bloß so legendär wie möglich werden zu lassen. Wieder andere versuchen verzweifelt, auf der Tanzfläche die Blicke auf sich zu ziehen, sprechen gelegentlich die ein oder andere Person an und fallen am Ende des Abends doch wieder einsam und ohne neue Bekanntschaft in ihrer Junggesellenbude ins Bett. So jemanden wie sich selbst hatte Ronja hier noch nie entdeckt, geschweige denn kennen gelernt. Es schien wohl doch eher unüblich, alleine in einer Diskothek aufzukreuzen und nur herzukommen, um die Musik und die Stimmung zu genießen.

Sie seufzte und sah auf ihr Handy. Es war zwar noch früh, aber sie war müde, und die Lust aufs Tanzen war ihr vergangen, also entschied sie sich dazu, den Heimweg anzutreten. Um die beiden Männer machte sie dieses Mal einen großen Bogen, zwängte sich geschickt durch die Feierwütigen und wurde noch ein letztes Mal angerempelt. Endlich draußen angekommen, hielt sie einen Moment lang inne, sog genüsslich die kalte frische Nachtluft ein und blickte dabei in die Sterne. Ihre Wohnung war nicht weit entfernt, und so wollte sie gerade ihren Fußweg angehen, als sich ihr jemand von hinten näherte und ihr Handgelenk griff. Empört und nun doch bereit, auch ein wenig ausfallender zu werden, drehte sie sich um und wollte gerade ihren Gedanken freien Lauf lassen, als es ihr schlagartig die Sprache verschlug. Vor ihr stand nicht etwa wieder der lästige, schmierige Typ, sondern jemand anderes. Jemand Fremdes. Und doch schien er ihr gar nicht fremd zu sein, als er da so wortlos vor ihr stand und sie von oben herab eindringlich ansah. Diese Augen!, dachte Ronja nur und war von seinem Blick gefesselt. Sie hatte das Gefühl, als würde sein Blick sie durchbohren, aber auf eine schöne Art und Weise, als würde er bis zu ihrer Seele durchdringen oder zumindest ihre Gedanken lesen können. In dem künstlichen Licht der Laterne konnte sie seine Augenfarbe nur schwer erkennen. Himmelblau?, fragte Ronja sich, war aber unzufrieden damit. Seine Mundwinkel umspielte währenddessen ein leichtes Lächeln, wobei der rechte Mundwinkel ein wenig höher saß als der linke. Sein Teint schien etwas dunkler zu sein, als wäre er gerade erst aus einem Urlaub in der Karibik zurück. Ein wenig verwirrt und eher widerwillig löste Ronja endlich ihre Augen von den seinen und blickte auf seine Hand, die sie noch immer festhielt. Ein blauer Ärmel! Er folgte ihrem Blick und löste ruckartig seinen Griff, als hätte sie ihn daran erinnert, sie auch wieder loszulassen.

„Oh, Entschuldigung!“, ertönte nun zum ersten Mal seine weiche Stimme, begleitet vom schiefen Lächeln.

„Hast du mich auf der Bank beobachtet?“, schoss es aus Ronja vorwurfsvoller heraus, als es ihr lieb war. Erschrocken über sich selbst, schnellte ihre freigewordene Hand vor ihren Mund. Das Handgelenk fühlte sich ohne seine wärmenden Finger irgendwie zu leer und beweglich an. Sofort spürte sie, wie ihre Wangen anfingen zu glühen.

Amüsiert schob er seine Hände in seine Jeanstaschen und legte den Kopf ein wenig schräg. „Wie hast du mich erkannt, war es der Geruch? Du konntest mich nämlich gar nicht sehen, du hattest deine Augen geschlossen.“

Wie aufs Stichwort, ertappte Ronja sich dabei, wie sie versuchte, seinen Duft zu erhaschen. Er schien ein Parfum aufgelegt zu haben, aber kein aufdringliches, ganz dezent umschmeichelte es seinen eigenen Geruch. Er erinnerte sie an einen Spaziergang im Wald und ein gemütliches Kaminfeuer, an die Natur und Wärme.

„Es waren deine unverkennbaren stampfenden Schritte. Die spürt man schon aus weiter Entfernung“, entgegnete sie mit einem neckischen Grinsen.

Der junge Mann lachte. „Du bist ganz schön frech, vielleicht überlege ich mir noch einmal, ob ich dir dein Handy wiedergebe.“

Sie stockte und tastete automatisch ihre Jackentasche ab.

„Du hast es liegenlassen. Direkt bevor du rausgegangen bist. Ich hab’s zufällig gesehen und…“, fuhr er fort und blickte dabei etwas beschämt zu Boden.

Ronja nahm es ihm erleichtert ab. „Oh wow, wie gut, dass du es gefunden hast! Danke, echt. Wie kann ich meinem heimlichen Stalker jetzt dafür danken?“

Wieder brach er in lautes Gelächter aus. „Nenn mich lieber Nick. Und du musst dich nicht bedanken.“

„Und was, wenn ich das aber möchte?“, versuchte Ronja, den Augenblick noch ein wenig hinauszuzögern. Sie wollte nun gar nicht mehr nach Hause. Sie war wieder hellwach und fühlte sich wie elektrisiert. In der Luft schien eine Spannung zu liegen, die sie kaum aushalten konnte. Sie wollte sich bewegen, um sich daraus zu lösen, war aber gleichzeitig wie versteinert. Sie wollte ihn berühren und auch wieder nicht, weil sie Angst hatte, ihr Körper würde explodieren. Auch Nick stand ihr reglos gegenüber und schien in Gedanken versunken.

„Also?“, unterbrach Ronja die Stille und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen.

Nick blinzelte, nahm einen tiefen Atemzug und schüttelte leicht den Kopf. „Äh, ach so, ja. Ich würde ja vorschlagen, dass du mich auf einen Drink einlädst, aber so wie’s aussieht, wolltest du gerade gehen.“

„Ja, eigentlich schon… Was hältst du von Kaffee? Morgen vielleicht?“ Ronja fummelte nervös an dem Reißverschluss ihrer Jacke herum. Es war eine laue Sommernacht, aber sie fühlte sich, als würde sie mitten in der prallen Sonne der Sahara stehen.

„Morgen hört sich gut an. Ich, ähm… Gehst du ganz alleine nach Hause? Soll ich mitkommen? Ich meine… Das hörte sich doof an, eigentlich denke ich nur, du solltest vielleicht nicht nachts alleine durch die Straßen laufen.“

Wieder verlor sie sich in seinem durchdringenden Blick. Nur langsam sickerten seine Worte zu ihr durch, schlugen aber umso heftiger ein. Er will sich mit ihr treffen! Sie war sich sicher, man würde ihren Herzschlag durch ihre Jacke hindurch sehen, und in ihrem Bauch breitete sich ein unbekanntes Gefühl aus. Das müssen diese Schmetterlinge sein, von denen jeder spricht, ging es ihr durch den Kopf. „Ja klar. Äh, also wir können gerne noch ein Stück zusammen gehen.“

Die beiden lächelten sich schweigend an und bewegten sich immer noch nicht vom Fleck. Er machte schließlich zögerlich einen Schritt auf sie zu, was sie ebenfalls aus ihrer Starre löste. Als wäre ihr schlagartig wieder etwas eingefallen, drehte sie sich ruckartig um und lief schnellen Schrittes los.

Den Blick auf den Boden gerichtet, liefen die beiden nebeneinander her. „Musst du nicht deinen Freunden Bescheid sagen?“, durchbrach Ronja plötzlich die nächtliche Stille.

„Ich war alleine da.“

Ronja sah auf. Alleine, genau wie sie. Neugierig studierte sie sein Profil. Erst jetzt fiel ihr der angedeutete Dreitagebart auf. Seine tiefschwarzen Haare waren an den Seiten etwas kürzer, oben war die dicke, leicht gewellte Matte ein wenig wild, aber wirkte dennoch gekonnt in Form gebracht. Sie hatte das Bedürfnis, ihre Finger darin zu vergraben. Als er ihren forschenden Blick bemerkte, wendete sie ihn schnell wieder nach vorn. Ronja spürte, wie ihre Wangen glühten.

Nun sah Nick sie aufmerksam an. „Und warum warst du alleine da? Du bist doch viel zu hübsch, um alleine in einen Club gehen zu müssen.“

Das sagt der Richtige, dachte sie sich, erwiderte aber nur: „Ich tanze am liebsten allein.“

„Dann hast du noch nicht mit der richtigen Person getanzt.“ Er blieb stehen und grinste sie mit einem Zwinkern im Lächeln an. Mit einer leichten Verbeugung streckte er ihr seine Hand entgegen und fragte: „Darf ich die Dame um einen Tanz bitten?“

Ronja stand wie angewurzelt vor ihm und wusste nicht, ob es sich um einen Scherz handeln sollte. Verwirrt und ein wenig hilflos sah sie sich um. Die beiden befanden sich mittlerweile auf einer Brücke über den Main. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie weit sie schon gekommen waren. Die Brücke war durch kleine Straßenlaternen beleuchtet, wobei das Licht von großen, weißen Bällen ausging. Von hier aus erinnerten die Laternen sie immer an lauter kleine Monde, welche sich dann vom Blick aus ihrer Wohnung über die schlafende Stadt in unzählige kleine Sterne verwandelten.

Ein wenig zögerlich ergriff sie schließlich seine Hand und trat auf ihn zu. Im selben Moment zog er sie auch schon schwungvoll an sich und legte seine Hand um ihre Hüfte. Ronja schnappte nach Luft. Wollten die beiden im Takt ihres Herzens tanzen, würden sie wohl einen Quickstepp aufs Parkett legen. Sie spürte die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, und seinen Atem auf ihrem Gesicht. Wieder sog sie genüsslich seinen Duft ein. In ihrem Kopf rauschte es, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie schauten sich gegenseitig tief in die Augen, als würden sie darin versinken. Wie in den Tiefen des Ozeans, ging es Ronja durch den Kopf, als sie leise flüsterte: „Ozeanblau.“ Nick sah sie fragend an, aber sie schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Fehlt nur noch die Musik“, stellte er daraufhin sachlich fest und kramte sein Handy samt Kopfhörer aus seiner Jackentasche. Sanft streifte er ihre Haarsträhne zurück und klemmte sie hinters linke Ohr, um ihr den Kopfhörer vorsichtig einzustecken. Die Berührung seiner Finger hallte auf ihrer Wange nach und ließ sie verlegen lächeln. Mit ernster Miene wählte er ein ruhiges Klavierstück aus und steckte sich den zweiten Ohrstöpsel ins rechte Ohr. Behutsam legte er seine Hand wieder auf ihre Hüfte und begann, ihre Körper langsam hin und her zu schaukeln. Ronja ließ sich einfach von ihm führen und vergaß alles um sich herum. Und sie fühlte sich von Nick verstanden, so ganz ohne Worte. Als würde das dünne Kabel zwischen ihnen nicht nur ihre Ohren, sondern auch ihre Gedanken und Gefühle verbinden.

Als das Lied zu Ende war, ertönte plötzlich ein lauter Popsong, welcher auf eher geschmacklose Art und Weise irgendwelche wackelnden Frauenpopos besang. Die beiden wurden aus ihren Träumen gerissen, blieben stehen und schauten sich einen Moment lang verdutzt an. Dann konnten sie nicht mehr an sich halten und brachen beide in lautstarkes Lachen aus. Nick nahm den beiden die Kopfhörer wieder aus den Ohren und verstaute das Handy in seiner Tasche. Mit einem breiten Grinsen stützten sie sich auf die Mauer der Brücke. Den Blick auf den Flusslauf gerichtet, umhüllte sie erneut die nächtliche Ruhe. Nur das Wasser flüsterte ihnen leise seine Geschichten zu. Die Nacht hatte für Ronja immer etwas Magisches, aber noch nie hatte sie sich so aufgehoben und vollkommen gefühlt. Da packte sie plötzlich das Bedürfnis, Emma von Nick zu erzählen. Die wird vielleicht Augen machen, dachte sie mit Vorfreude darauf, ihre beste Freundin an ihrem Glück teilhaben zu lassen.

Während sie dem Plätschern so lauschte, hatte sie immer noch den Popsong im Ohr. Zunächst nur ganz leise, wie einen lästigen Ohrwurm, den man nicht mehr loswird. Mit der Zeit wurde er jedoch immer lauter und schien auch gar nicht mehr aus ihrem Kopf zu stammen. Für einen Moment dachte sie, Nick hätte sein Handy nicht ausgestellt und das Lied würde immer noch aus seiner Tasche ertönen. Sie wendete sich zu ihm, um ihn darauf anzusprechen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Neben ihr stand niemand mehr. Hektisch sah Ronja sich um. Weit und breit keine Menschenseele. Gerade als ihr die Angst die Luft zuschnürte, schreckte sie hoch. Nun dröhnte ihr der Song wieder klar und deutlich in den Ohren, drängte sich ihr geradezu schmerzhaft auf, warf sie unsanft in die kalte Realität, ihr Blick auf die tanzende Menge gerichtet. Nick war weg, die Brücke und die kleinen Straßenlaternen, die wie Sterne funkelten, das alles war weg. Stattdessen saß sie immer noch auf derselben Bank, auf der sie vor einer Weile eingeschlafen sein musste. Ronja dämmerte es: Das war alles nur ein Traum gewesen – ihre Benommenheit wich langsam der traurigen Erkenntnis, doch bevor die Melancholie über das vermeintlich Verlorene sie packen konnte, musste sie unwillkürlich schmunzeln. Vor ihren Augen schwebten Nicks Umrisse, seine Gesichtszüge und seine wuscheligen Haare. Seine Stimme klang in ihren Ohren, und seine Berührungen hatten glühende Stellen auf ihrer Haut hinterlassen. Sogar seinen Duft schien Ronja wahrzunehmen. Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Sie hätte schwören können, das alles tatsächlich erlebt zu haben, so real hatte es sich angefühlt. Fasziniert von dieser Erfahrung, fasste sie nun wirklich den Entschluss, ihrer besten Freundin darüber zu berichten. Bei dem Gedanken daran, huschte ihr schon wieder ein Lächeln übers Gesicht. Sie sah Emma schon genau vor sich, wie sie dem Traum eine tiefe Bedeutung zusprach und Ronja erklärte, welche Rückschlüsse sich daraus nun auf ihr Liebesleben ergaben. Darüber kam sie selber ins Grübeln. Warum träumte sie so etwas überhaupt? Inmitten feiernder Fremder am Rande der Tanzfläche? Nick war alles, was sie bisher vergeblich in einem Menschen zu finden versucht hatte. Vielleicht musste sie erst davon träumen, um die Realität zu erkennen: So jemand wie Nick, der existiert wohl auch nur im Traum. Mit einem ernüchterten Blick auf die Tanzfläche, sah sie sich nacheinander einige Männer an, nur um am Ende die chauvinistischen Idioten von vorhin wieder zu entdecken. Mit einem lauten Seufzen entschied sie sich dazu, den Abend zu beenden und den Heimweg über die mondbeschienene Brücke anzutreten, auf der sie vor ein paar Minuten noch eng umschlungen mit Nick getanzt hatte.

Am nächsten Morgen wachte Ronja auf und sah als erstes in diese faszinierenden blauen Augen. Sie hatte sich Nicks Anblick so sehr eingeprägt, dass sie ihn wahrscheinlich noch Jahre später aus bloßer Erinnerung lebensecht hätte nachmalen können. Und doch war die vergangene Nacht nur ein Traum. Ihre Gefühle hatten so unglaublich echt gewirkt und waren gleichzeitig so fremd. Auf ihrem Handy las sie eine Nachricht von Emma: „Hey Süße, hattest du einen schönen Abend?“

Bei dem Gedanken an den Abend legte Ronjas Herz tatsächlich wieder einen Schnellsprint ein, sie hätte vor Glück am liebsten geschrien, so berauscht fühlte sie sich immer noch von dieser vermeintlich magischen Erfahrung. Ihre Finger rasten über den Touchscreen und tippten eine schnelle Antwort an ihre beste Freundin: „MainCafé. 14 Uhr.“

Das Café hatte den jungen Pharmareferentinnen seit Anbeginn ihrer Freundschaft als Treffpunkt gedient, hier wurden Geschichten aus Kindheitstagen ausgetauscht, Lästereien über Kunden und Arbeitskollegen geteilt und die neusten Lebensweisheiten aus Emmas Ratgebern, die sie in ihrer Freizeit verschlang, diskutiert. Sogar der ein oder andere Traum wurde hier schon analysiert, jedoch hatte sich keiner bisher derart real angefühlt.

„Was bist du denn so hibbelig?“, fragte Emma stirnrunzelnd, nachdem sich die beiden an ihren Stammtisch gesetzt hatten. In dem kleinen Erker eröffneten die Halbbogenfenster einen Blick über die Fußgängerzone hinüber auf den Main. Bei einem warmen Becher Cappuccino genossen die Mädchen hier von oben das Treiben der shoppenden Menschenmengen oder, wie heute, der Sonntagsspaziergänger.

Ronja grinste breit. „Ich habe jemanden kennen gelernt. Naja, nicht wirklich, aber er ist gewissermaßen und sprichwörtlich mein Traummann. Er ist groß, hat dunkle Haare, unglaubliche Augen…“

„Ja warte mal, was heißt denn dein Traummann? Hört sich an wie Ian Somerhalder, aber den wirst du wohl kaum kennen gelernt haben“, unterbrach Emma ihre Schwärmerei.

Ronja verdrehte die Augen. „Neeiiin, erzähl keinen Quatsch. Okay, also eigentlich habe ich auch niemanden kennen gelernt. Ich war gestern vom Tanzen total kaputt und habe mich zum Ausruhen hingesetzt, als ich plötzlich eingeschlafen bin und dann…“

Weiter kam sie nicht, denn Emma prustete lauthals los und übertönte mal wieder raumerfüllend die Geschichte mit ihrem Lachen. „Du bist was? Im Club eingeschlafen? Mann Ronja, wie tief hast du denn ins Glas geblickt! Warte, lass mich raten. Dein Traumprinz hat dich wachgeküsst und ihr seid glücklich gemeinsam in den Sonnenuntergang geritten oder was, jetzt geht’s aber los!“ Emma hielt sich den Bauch vor Lachen.

Ronja wartete stirnrunzelnd den Fantasieausbruch ihrer Freundin ab. „Hast du’s dann, du Doofi? Ich find’s doch auch witzig. Aber warte, es wird doch erst noch interessant: Ich hatte dann jedenfalls einen Traum, der einfach unheimlich real war! Und darin hab‘ ich diesen Typen kennen gelernt, Nick. Und wir haben dann die wundervollste Nacht meines Lebens miteinander verbracht. Ganz im Ernst, ich habe sowas noch nie gefühlt, das weißt du. Es war, als würden wir uns kennen. Schon ewig. Als wäre alles völlig klar, niemand muss etwas sagen, weil beide schon Bescheid wissen.“

„Ach, du redest von dir und mir, sag das doch gleich“, neckte Emma sie.

„Nur, dass ich ihn auch küssen wollte“, entgegnete sie lachend. Und so ließ sie mit ihrer Freundin den ganzen Traum noch einmal Revue passieren, von den vertrauten Worten über die verzehrenden Blicke, von der ersten Berührung bis zur letzten. Die beiden Mädchen saßen noch Stunden im Café und schwärmten von Nick, malten sich die kühnsten Fantasien aus und diskutierten über ihre jeweiligen Vorstellungen von ihren Traummännern. Heimliche Wünsche wurden ausgetauscht und auf Gemeinsamkeiten hin überprüft. An der ein oder anderen Stelle konnten sich die beiden Freundinnen vor Lachen kaum noch halten. Glückselig saßen sie sich gegenüber, schauten sich verstehend in die Augen und hatten beide überhaupt nicht das Gefühl, jemanden zu missen. Sie wussten, dass sie einander von ganzem Herzen dieses traumhafte Glück wünschten. Und bis es so weit war und auch darüber hinaus, hatten sie ja sich, diese wunderbar wertvolle Freundschaft.

„Los, darauf stoßen wir an“, sagte Emma. „Auf unsere Freundschaft. Ich bestell‘ uns einen Sekt.“ Sie winkte den Kellner heran.

Ronja war wieder in Gedanken versunken. Als der Kellner herannahte und mit sanfter Stimme fragte: „Na Mädels, was kann ich euch bringen?“, wurde sie schlagartig wach und fühlte sich gleichzeitig in ihren Traum zurückversetzt. Ihr Herz machte einen Hüpfer, ihr Bauch kribbelte und sie sah hinauf in seine Augen: Ozeanblau.

Lena Kristin Busker

Ohne Titel

Von Schutzengeln habt ihr sicher schon mal gehört. Kleine, dicke, geflügelte Wesen, Menschen ähnlich. Die hinter, über oder vor den Menschen herlaufen beziehungsweise fliegen und sie vor dem Bösen beschützen. Die vielleicht dafür sorgen, dass jemand den Bruchteil einer Sekunde später das Haus verlässt, und der herabstürzende Ast von dem großen Baum vor der Tür sie somit verfehlt. Oder die dafür sorgen, dass ein schlimmer Autounfall nicht tödlich endet. Ich bin mir sicher, dass jeder so sein eigenes Bild von Schutzengeln im Kopf hat. Von Religion zu Religion haben Schutzengel andere Bedeutungen und Erscheinungen. Aber ich kann euch sagen, das könnt ihr alle gleich mal vergessen. Keine eurer Vorstellungen und Wünsche ist wahr. Die Wahrheit ist, wir sehen weder aus wie Menschen, noch sind wir kleine, dicke Wesen mit Flügeln. Wir legen auch keine Steine in den Weg, die euch davor beschützen, euch weh zu tun, wir können genauso wenig irgendjemanden von irgendetwas abhalten. Wir können nicht mal jemandem das Gefühl geben, er müsse jetzt nach euch fragen oder sehen. Vielleicht gibt es Wesen wie diese, aber wenn, habe ich sie noch nicht kennen gelernt, und ich kann euch versichern, dass ich ihnen nur zu gerne sagen würde, was für einen verdammt schlechten Job sie da manchmal machen. Aber egal, zurück zu uns, oder sollte ich sagen zu mir?

Vielleicht wundert sich nun der ein oder andere, wer ich bin. Aber das einzige, was ich euch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich nichts von dem bin, was ihr euch vorstellt. Genau genommen bin ich gar nicht. Und ich kann auch nicht wirklich etwas. Aber ich existiere. Jetzt habe ich euch schon so viel erzählt, über mich oder eher das, was ich nicht bin. Aber eigentlich soll es hier gar nicht um mich gehen. Vielleicht am Rande ein bisschen, weil ich das bin, was eurer Vorstellung eines Schutzengels am nächsten kommt.

Nein, vielmehr soll es um sie gehen, ach richtig, ihr kennt sie ja noch gar nicht. Aber ihr werdet sie kennen lernen. Es geht um meinen Schützling. Um den Menschen, der da gerade vor dem Spiegel steht, in dem winzigkleinen Badezimmer. Die maritime Dekoration an der Wand ist verstaubt. Auf dem Spiegel, in den sie blickt, dem sie ganz nah gekommen ist mit ihrem Gesicht, sind Zahnpastaspritzer. Sie steht auf Zehenspitzen, um sich besser sehen zu können, weil sie nicht besonders groß ist. Sie leistet sich mal wieder ein Starr-Duell. Dieses Menschenspiel, bei dem zwei Menschen sich tief in die Augen schauen, und wer zuerst wegschaut oder lacht, der hat verloren. Nur dass sie es mit sich selber spielt, ganz alleine, nur mit ihrem Spiegelbild. Und die Gefahr, dass sie anfängt zu lachen, ist verschwindend gering. Nein, eigentlich ist sie nicht vorhanden.

Die Knöchel an ihrer Hand sind schon ganz weiß, weil sie sich so verkrampft am Rand des Waschbeckens festklammert. Verzweifelt auf der Suche nach ein bisschen Halt, den sie in ihrem Leben so sehr vermisst. Und wieder tropft eine Träne aus ihren vom Weinen ganz rot gewordenen Augen in das Waschbecken. Die Träne sucht sich still und leise einen Weg hinunter in das Abflussrohr und verschwindet heimlich. So, als hätte es sie nie gegeben.

Ich sitze auf dem kleinen Brett vor dem Fenster, das mehr eine Nische in der Wand ist, durch das ein wenig Licht von draußen hereinkommt. Ich sitze einfach da und beobachte sie. Holle. Meinen Schützling. Dieses kleine, zerbrechliche Menschenwesen. Sie ist so zerbrechlich. So dünn, weil sie es kaum aushält, etwas zu essen. Nicht selten beobachte ich sie dabei, wie sie in genau diesem Badezimmer vor der Toilette steht und angewidert das Essen wieder auskotzt, welches sie in sich hineingezwungen hat, damit ihre Eltern sich keine Sorgen mehr machen. Obwohl Holle es den anderen Menschen nicht verrät, so spüre ich deutlich, dass sie das zum einen tut, um zu verschwinden, und zum anderen weil sie denkt, dann wäre sie nicht mehr diejenige, die Männer schön finden.

Sie trägt auch heute wieder ihren Lieblingspullover. Mit langen Ärmeln, damit sie diese über ihre Hand ziehen kann, und man nur noch ihre Fingerspitzen sieht, mit diesem großen Kragen, in dem sie allzu gerne ihr Gesicht versteckt, wenn sie nicht angesehen werden möchte. Und der sie warm zu halten vermag, in einer Welt, in der sie sonst nur Kälte verspürt. Sie ist jetzt 17 Jahre alt. 17 junge Jahre, aber wenn man in ihre Augen sieht, denkt man, sie wäre um einiges älter, so viel wie sie schon miterlebt und gesehen hat. Sie steht da also vor ihrem Spiegel und weint bitterlich.

Ich weiß nicht genau, warum sie weint, aber irgendwie wäre es auch nicht Holle, wenn sie nicht weinen würde. Vielleicht war es wegen des Streits mit ihren Pflegeeltern. Sie sind mal wieder sauer auf sie, weil sie es erneut nicht geschafft hat, zur Schule zu gehen. Schule, das ist für ihre Eltern das Wichtigste. Sie sagen immer, Holle bräuchte einen geregelten Tagesablauf, damit es ihr bessergehen würde. Aber dass sie sich in der Schule so fremd fühlt wie sonst nirgendwo, dass sie immerzu Angst hat, etwas Falsches zu tun und sich die Blicke der anderen auf ihrer Haut anfühlen, als würde jemand ein Feuerzeug daranhalten, das wissen sie nicht. Sie würden es vermutlich auch nicht verstehen.

Ich wünschte, ich könnte Holle irgendwie helfen. Sie in den Arm nehmen und sie spüren lassen, dass sie nicht alleine ist. Manchmal versuche ich, ihr eine Hand auf die Schulter zu legen in der Hoffnung, sie würde merken, dass ich da bin. Obwohl wir das nicht dürfen. Aber ich habe sie so in mein Herz geschlossen, dass ich es trotzdem ab und zu mache. Obwohl ich mir sicher bin, sie spürt mich nicht. Vorsichtig lasse ich mich auf ihrer Schulter nieder und blicke nun in das Zerrbild von ihr im Spiegel. Ihre dunkelbraun gefärbten Haare verbergen einen Teil ihres Gesichts und verschwinden in dem Kragen ihres Pullis. Langsam wird ihre Atmung etwas ruhiger, und das Schluchzen wird leiser, bis es vollends verstummt. Sie schaut sich selber noch einmal tief in ihre eigenen grün schimmernden Augen. Augen, in denen auch ich mich schon das ein oder andere Mal verlor. Wenn sie wütend, müde oder traurig ist, scheinen ihre Augen noch grüner und intensiver zu strahlen als sonst.

Mit einem tiefen Atemzug löst sie ihren verkrampften Griff vom Waschbecken. Ich spüre deutlich, wie ihre innere Anspannung in sich zusammenbricht. Es ist wieder einer dieser Abende, einer dieser Abende, der sehr schwierig werden wird, an dem sie mich braucht, mehr als sonst. Sie dreht den Wasserhahn auf, zieht ihre Ärmel ein bisschen höher und lässt das kalte Wasser ihre Arme umspielen. Sie spürt die Kälte kaum, nach und nach immer ein wenig mehr. Bis sie schließlich das Wasser wieder abstellt, sich die Hände an ihrer Jeans abwischt und fast schon wütend mit dem Handrücken die letzten Tränenbahnen aus dem Gesicht streift. Während sie beginnt, sich die Zähne zu putzen, setze ich mich wieder auf die Fensterbank und betrachte sie. Ich muss gestehen, nach dem heutigen Tag bin ich sehr froh, wenn sie endlich im Bett liegt und schläft, dann habe ich ein paar Stunden Pause, bevor wir gemeinsam in den nächsten Tag starten. Sie ist fertig mit Zähneputzen, streift ihren Pullover über den Kopf und hängt ihn sorgfältig auf den Haken an der Wand. Sie zieht sich zu Ende aus, vermeidet dabei den Blick in den Spiegel, streift ihr Nachthemd über und geht aus dem Badezimmer in ihr Zimmer zurück.

Sie zieht die Gardinen zu, schaltet das kleine Licht auf ihrem Schreibtisch an und stellt sich vor ihre rote Schreibmaschine. Obwohl ihr kleines Zimmer bis oben vollgestopft ist mit viel Krimskrams aus vergangenen Tagen, ist das ihr liebster Gegenstand hier. Auf dem Schreibtisch befinden sich unzählige