Nordlicht – Südlicht - Mooses Mentula - E-Book

Nordlicht – Südlicht E-Book

Mooses Mentula

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Beschreibung

Schweine züchten, Rentiere scheiden. Rauhe wortkarge Burschen zu seinen Freunden zählen. Schnee, Sauna, Eis- baden. Weite, leere Landschaft. Nordlicht. Marianne hat sich in den ersten Jahren sehr wohlgefühlt in Lappland, mit ihrem Jouni. Weit weg von ihrer eigenen, gut situierten Familie in Kirkkonummi bei Helsinki. Als dann Lenne geboren wird, scheint ihrer aller Leben perfekt im Gleis zu laufen. Aber dann zerbricht etwas: Lenne bockt in der Schule, weil seine Eltern sich nur noch streiten. Das Leben in Einöde und Eis hat für Marianne nach herben Schicksalsschlägen seinen Charme verloren. Ebenso ihr Mann Jouni, der von materiellen Sorgen gedrückt wird. Für ihn gibt es jedoch keine Alternative zur Existenz eines Rentierzüchters in Lappland, so hart das auch sein mag. Erst igelt Marianne sich ein, kann nicht mehr aufstehen. Dann sucht sie Zerstreuung. Als Lenne einen neuen jungen Lehrer, Jyri, bekommt, dem er sich bald anvertraut, wird es kompliziert. Denn Marianne fühlt sich zu ihm hingezogen. Und auch Jyri ist sie alles andere als gleichgültig. Mentula zeichnet in seinem sehr gelobten Debütroman den aktuellen Konflikt zwischen Norden und Süden, ländlicher und städtischer Existenz sehr feinfühlig nach, mit viel Sinn für Komik. Gleichzeitig vermittelt er ein Bild des Lebens in Lappland, das selbst vielen Finnen nicht mehr vertraut ist, weil es in der zeitgenössischen Literatur kaum geschildert wird. Der Konflikt ist hochaktuell. Gespannt verfolgt man die dramatische Entwicklung der Figuren, den Zerfall einer modernen Familie.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Schweine züchten, Rentiere scheiden. Rauhe, wortkarge Burschen zu seinen Freunden zählen. Schnee, Sauna, Eisbaden. Weite, leere Landschaft. Nordlicht. Marianne hat sich in den ersten Jahren sehr wohlgefühlt in Lappland, mit ihrem Jouni. Weit weg von ihrer eigenen, gut situierten Familie in Kirkkonummi bei Helsinki. Als dann Lenne geboren wird, scheint ihrer aller Leben perfekt im Gleis zu laufen.

Aber dann zerbricht etwas: Lenne bockt in der Schule, weil seine Eltern sich nur noch streiten. Das Leben in Einöde und Eis hat für Marianne nach herben Schicksalsschlägen seinen Charme verloren. Ebenso ihr Mann Jouni, der von materiellen Sorgen gedrückt wird. Für ihn gibt es jedoch keine Alternative zur Existenz eines Rentierzüchters in Lappland, so hart das auch sein mag. Erst igelt Marianne sich ein, kann nicht mehr aufstehen. Dann sucht sie Zerstreuung. Als Lenne einen neuen jungen Lehrer, Jyri, bekommt, dem er sich bald anvertraut, wird es kompliziert. Denn Marianne fühlt sich zu ihm hingezogen. Und auch Jyri ist sie alles andere als gleichgültig.

Mentula zeichnet in seinem sehr gelobten Debütroman den aktuellen Konflikt zwischen Norden und Süden, ländlicher und städtischer Existenz sehr feinfühlig nach, mit viel Sinn für Komik. Gleichzeitig vermittelt er ein Bild des Lebens in Lappland, das selbst vielen Finnen nicht mehr vertraut ist, weil es in der zeitgenössischen Literatur kaum geschildert wird. Der Konflikt ist hochaktuell. Gespannt verfolgt man die dramatische Entwicklung der Figuren, den Zerfall einer modernen Familie.

Über den Autor

Mooses Mentula, 1976 geboren, hat lange in Nordfinnland und Lappland gelebt. Heute leitet er in der Nähe von Helsinki eine Schule. »Nordlicht – Südlicht« (»Isän kanssa kahden«) ist sein erster Roman. Die zuvor veröffentlichte Sammlung von Kurzgeschichten, »Musta timantti« (»Schwarzer Diamant«), wurde vor allem für die Klarheit ihres Stils gerühmt.

Mooses Mentula

Nordlicht – Südlicht

Roman

Aus dem Finnischen von Antje Mortzfeldt

Weidle Verlag

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Weidle Verlag, Göttingen 2025

Wallstein Verlag GmbH

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.

Titel der finnischen Originalausgabe: Isän kanssa kahden

© 2013 Mooses Mentula and WSOY

First published in Finnish by Werner Söderström Ltd. (WSOY)

Die Übersetzung wurde gefördert von FILI - Finnish Literature Exchange

Lektorat: Barbara Weidle

Korrektur: Kim Keller, Christin Schwarzer

Gestaltung, Satz: Friedrich Forssman

ISBN (Print) 978-3-8353-7530-7

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7722-6

Inhaltsverzeichnis

Umschlag
Titel
Impressum
Inhalt
Mooses Mentula: Nordlicht – Südlicht
Anmerkungen

Meiner Mutter und meinem Vater

»Der Hausherr hatte eine wohlschmeckende Fischsuppe bereitstehen, wenn er seine ausgehungerte Ehefrau von dem Felsen heimbrachte. Sie aßen die Fischsuppe, und danach schliefen sie gewöhnlich einmal rund um die Uhr und lagen sich in den Armen. Und dann beschlossen sie, daß darüber nicht mehr geredet wurde.«

Andreas Alariesto

- 1 -

»Hör mal, du Südlicht, beantworte mir eine Frage! Wenn ein Mann allein im Wald ist, ohne daß Frauen in der Nähe sind, hat er dann trotzdem in allem unrecht?«

Ein bärtiger, noch recht junger Mann lehnte sich über den Tisch. Er versuchte Jyri mit seinen braunen Augen zu fixieren, aber die blieben nicht fokussiert. Jyri lachte über den Scherz und nickte. Der Mann lachte nicht, sondern packte ihn am Kragen. Speichel flog Jyri ins Gesicht.

»Antworte schon! Ihr nehmt uns doch die Frauen weg!«

Jyri wich zurück und riß die Hände des Mannes von sich los. Der plumpste bäuchlings auf den aus einem halben Baumstamm bestehenden Bartresen. Jyris Glas fiel um, Bier floß ihm auf die Hose. Er sprang auf und klopfte seine Jeans aus.

»Helikopter-Korhonen, was randalierst du hier! Laß den in Ruhe!« befahl der Barkeeper, der nun aufgetaucht war, und packte den Mann an einem seiner Segelohren.

»Korhonen ist sonst so sanft wie Mutter Teresa. Ich weiß nicht, was plötzlich mit ihm los ist. Also, was hast du denn, Korhonen?«

Der reichlich beleibte Barmann zog ihn am Ohr, Korhonen fletschte die Zähne und folgte ihm.

»Laß mich los, und mach einen Kossu-Pommac!« brachte er mühsam heraus.

Der Barkeeper ließ sich nicht erweichen.

»Du kriegst hier nichts mehr, höchstens einen Tritt mit dem Rentierlederstiefel in den Hintern!«

»Ist nicht für mich«, sagte Korhonen.

Der Barmann stellte einen Kossu-Pommac vor Jyri hin und gab Korhonen eine Tasse abgestandenen Kaffee. Er postierte sich hinter dem Tresen und machte Jyri ein Zeichen, indem er mit Zeige- und Mittelfinger auf sein Auge und dann auf Korhonen zeigte. Jyri winkte ab; keine Sorge, vor ihm saß ein geläuterter Mann.

Korhonen faltete die Hände um seine Kaffeetasse und rieb den Ring an seinem linken Ringfinger.

»Du bist also verheiratet?« fragte Jyri.

Der Mann trug ein dunkles Hemd und Jeans. Die beiden obersten Hemdknöpfe waren beim Raufen aufgesprungen.

»Na ja, mußte sein«, sagte er.

Jyri wedelte mit der Hand: So was kommt vor.

»Ich müßte es inzwischen besser wissen, aber ab und zu muß man sich einfach mal einen antrinken«, sagte Korhonen.

Vom Auftrumpfen zum Geständnis, als nächstes fängt er an zu heulen, dachte Jyri und beschloß, die Stimmung etwas aufzulockern.

»In Sompio habe ich eine Reklame für diese Kneipe gesehen. Populäre Atmosphäre und faszinierende Spiele preisen sie da an. Was sind denn das für Spiele?« fragte Jyri.

Korhonen zeigte auf den Pokerautomaten, der in einer Ecke stand, hell blinkte und eine Endlosmelodie dudelte. Seine grellen Farben und laut scheppernden Töne paßten nicht zu dieser Stimmung des Stillstands. Jyri stellte belustigt fest, daß er irgendwie Mitleid mit dem Spielautomaten hatte, der so viel Wesens von sich machte, aber keine Beachtung fand. Außer Jyri und Korhonen war nur ein Gast in der Kneipe. Ein verknitterter Alter in hellblauer langer Unterwäsche saß an einem Tisch neben dem Spielautomaten, murmelte vor sich hin und schrieb in ein Notizbuch. Sein dünner Bart hing wie ein Teebeutel im Bierglas, und die Lichter des Automaten flimmerten über sein zerfurchtes Gesicht. An seiner Stuhllehne hing ein ölfleckiger Motorschlittenoverall.

»Nichts ist ihr recht, sie rümpft nur die Nase und sehnt sich nach Süden«, sagte Korhonen.

Der Denker in der Unterwäschegarnitur senkte den Kopf auf den Brustkorb, stellte den Kragen hoch und verschwand darin. Sein dünner Körper bebte, man hörte ihn husten.

»Verdammt, Lauri, hier wird nicht gekotzt, das stinkt bestialisch, verschwinde!« befahl der Barmann. Er gab dem Männchen einen schwungvollen Schubs und warf Overall und Notizbuch hinterher. Kurz darauf heulte ein Motor auf, und Jyri sah durchs Fenster, wie der Alte mit dem Motorschlitten mitten auf der schneelosen Asphaltstraße davonfuhr. Der Anblick wäre auch im Winter eigentümlich gewesen, aber jetzt war August. Das Gerassel war entsetzlich, und es flogen Funken in breiten Strahlen. Der Mann fuhr halb im Stehen, mit einem Knie auf der Sitzbank. Jyri sah den Barkeeper an.

»Der muß nur bis nebenan, zweihundert Meter weit.«

Korhonen zog mit dem Finger die Holzmaserung in der Tischplatte nach und setzte seinen Monolog fort.

»Ihre Fähigkeiten gehen hier vor die Hunde, sagt sie. Na sicher, wenn sie nichts andres macht als meckern.«

Sein Zeigefinger beschrieb einen Kreis und näherte sich dem Mittelpunkt eines Astlochs, blieb dort stehen und klopfte dreimal. Dann hob er den Kopf und sagte zu Jyri:

»Nimm noch ein Bier, ich geb’s aus.«

Jyri hatte sein Glas noch nicht ausgetrunken. Er kippte den Kossu-Pommac auf einen Zug hinunter.

»Nein, jetzt muß ich gehen.«

»Ist ja auch langsam Zeit für einen Lehrer«, stichelte Korhonen. Jyri nickte und überlegte, woher Korhonen bloß wußte, daß er Lehrer war, zumal das Schuljahr noch gar nicht angefangen hatte. Fragen mochte er aber nicht.

Er war schon aufgestanden, als Korhonen ihm mit dem Arm den Weg versperrte.

»Weißt du, warum diese Linien auf dem Tisch sind?«

Auf Jyris Seite hatte der Tisch mehrere mit dem Messer eingeritzte Kerben. Korhonens Miene war so honigsüß, daß Jyri mißtrauisch wurde.

»Nein, aber vielleicht will ich es auch gar nicht wissen.«

»Da haben wir gemessen, wie lang unsere Schwänze sind. Wer die Rekordlatte auf den Tisch bringt, kriegt den Johnnie Walker da«, sagte Korhonen.

Er zeigte auf eine Fünfliterflasche Whisky, die in einem Ständer auf dem Tresen stand. Jyri maß die Markierungen mit der Handspanne ab. Die längste war schätzungsweise fünfzehn Zentimeter von der Tischkante entfernt. Jyris Hand bewegte sich unwillkürlich zum linken Hosenbein und drückte ein wenig zu.

»Na dann man los, Herr Lehrer, Latte auf den Tisch«, befahl Korhonen.

Jyri kam zur Besinnung, schüttelte abwehrend den Kopf.

»Gut, daß du’s nicht versucht hast, du stehst auf der falschen Seite vom Tisch«, sagte Korhonen.

Die Sonne stieg nach der kurzen Augustnacht empor. Vom Reponen aus ging Jyri auf seine Reihenhauswohnung in der Paarmantie zu. Lapplands Nachtigall, das Blaukehlchen, gab im Wipfel einer Fichte ihre wunderbarsten Kostproben. Sie trat ganz so auf, als wüßte sie, daß ihr Gesang zur schönsten Vogelstimme Finnlands gekürt worden war. Zwischendurch schnalzte sie, drask, drask, holte Luft und tirilierte weiter. Es war kein Mensch zu sehen. Aus dem Jeesiöjoki stieg Dunst auf.

Jyri setzte sich auf einen Betonpoller in der Einmündung eines Fuß- und Radwegs, zog das Handy aus der Jeanstasche und wählte die Nummer seiner Mutter. Sie war sicher nicht wach, aber vielleicht ja doch. Das Telefon tutete fünf Mal, bevor sich der Anrufbeantworter einschaltete. »Hallo, hier Else Hartikainen. Ich bin bestimmt gerade beim Turnen, im Kino, oder ich schlafe. Rufen Sie später wieder an, oder hinterlassen Sie nach dem Piepton eine Nachricht.« Jyri bemerkte, daß das Band schon so lange gelaufen war, daß er nicht mehr einfach auf legen konnte, irgend etwas mußte er sagen.

»Hier ist Jyri. Entschuldige, daß ich um diese Zeit anrufe. Hoffentlich geht’s dir gut ... Also, gute Nacht.«

Ein paar Meter entfernt bewegte sich etwas. Es war ein kleiner Hase. Er schnupperte konzentriert am Boden. Er hatte die selbstverständliche Sicherheit eines Tieres, wuselte einfach herum, tat das, wozu er bestimmt war, suchte Futter, floh vor Feinden, ruhte sich aus. Jyri drückte auf die Anruftaste und hörte sich noch einmal Mamas muntere Stimme an. Jetzt legte er vor dem Piepton auf.

Anmerkungen zu diesem Kapitel finden Sie hier.

- 2 -

»Hier, das ist ein schöner Pulli für die Schule. Guck mal, das ist diese Marke, da werden die Jungs neidisch, und den Mädchen gefällt er«, lachte Mama.

Sie nahm einen karierten Pullover, der an einem Bügel von Mode-Simonen hing, von der Stange und reichte ihn Lenne. Sie wandte sich ihm nicht zu, sondern suchte mit dem Blick noch mehr Kleidungsstücke zum Anprobieren. Lenne schnappte sich die karierte Kreation und legte sie zu dem Haufen, den er im Arm trug.

»Das reicht aber jetzt«, sagte er. »Ist doch egal, ob’s den Mädchen gefällt.«

Mama drehte sich um und lächelte. Auf ihrer rechten Wange entstand ein Grübchen, das aussah wie ein Halbmond, der auf dem Rücken lag. Lenne hatte im Spiegel gesehen, daß er genau so eins auch hatte.

»Jetzt vielleicht, aber nicht mehr lange. Man kann ja nicht ewig im Tarnanzug rumlaufen.«

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und das Lachgrübchen verschwand. Sie schleuderte den langen Pferdeschwanz mit der Hand von der Brust auf den Rücken und ging zum nächsten Kleiderständer.

»Papa hat doch auch fast die ganze Zeit einen Jagdoverall an«, sagte Lenne.

Mamas Hand hörte kurz auf, die Pullis zu durchstöbern. »Allerdings ... allerdings.«

Dann schüttelte sie den Kopf und zog ein Shirt heraus, auf dem giftgrüne und rosa Streifen kreuz und quer verliefen.

»Das hier noch, und dann ab in die Umkleidekabine.«

An beiden Wänden der Kabine hingen große Spiegel. Auf einem war ein Aufkleber angebracht, auf dem stand: »Langfinger sind Verbrecher.« Lenne dachte: Wieso soll jemand mit langen Fingern gleich ein Verbrecher sein? Er hatte das Wort nie zuvor gehört. Hoffentlich war er nicht ein Verbrecher, ohne es zu wissen.

Er zog die Camouflagejacke aus und hängte sie an einen Haken. Die Jacke roch nach Harz und Rauch, vom Sitzen am Lagerfeuer mit Papa. An den Ärmelenden war sie ausgefranst, denn Lenne hatte die Angewohnheit, den Stoff in seinen Fäusten zu kneten. Die Modeklamotten, die verknäult auf dem rosa Hocker in der Kabine lagen, hatten Bonbonfarben und rochen nach Kaufhaus. Lenne nahm sich den am erträglichsten aussehenden Fetzen. Er war himmelblau und hatte keine Schrift drauf. Das Halsbündchen war eng und drückte ihm die Nase platt, als er das Shirt überzog.

»Na?« fragte Mama und riß den Vorhang auf.

Sie packte ihn bei den Schultern und zupfte nach oben und nach hinten, arrangierte die Nähte richtig. Sie ging um ihn herum und legte den Kopf schief, hin und her. Sie erinnerte ihn an einen Lapplandhäher. Lenne drehte sich immer frontal zu ihr hin. Sie versuchte ihn zu täuschen, hinter seinen Rücken zu kommen, aber er war zu flink. Da befahl sie ihm stillzustehen. Lenne blieb stehen, aber er zog sich den engen Kragen des Shirts übers Gesicht. Mama lachte und nahm ihn in den Arm. Sie gab ihm einen Kuß auf die Schädeldecke, die aus dem Kragen herausguckte. Lenne empfand Geborgenheit in dem warmen und dunklen Versteck. Er wollte kein großer Junge sein und Kleider tragen, die die Mädchen interessierten. Er fühlte sich hohl, so wie am Heiligabend vor zwei Jahren, als unter dem Bart des Weihnachtsmannes das schwarzstoppelige Kinn von Topis Vater sichtbar wurde. Er wollte gar nicht alles verstehen. Was einfach gewesen war, wurde verworren, wenn man anfing zu verstehen. Es wäre gut, wenn es nur Mama, Papa und Hund Vekku gäbe.

»Gut sieht das aus. Damit bist du zum Schulanfang vorzeigbar«, sagte Mama.

Lenne biß herzhaft in einen Krapfen, und rote Marmelade floß ihm übers Kinn. Mama beugte sich vor, um sie ihm abzuwischen, aber Lenne zog den Kopf weg und leckte sie ab. Dabei schleuderte die Zungenspitze einen Teil der Marmelade auf den Tisch.

»Du bist so still, mein Junge?«

Lenne betrachtete die Lochbrote, die in den Fenstern des Café Pipari hingen. Sie hingen dort, so lange er denken konnte. Die waren sicher künstlich, sahen aber echt aus. Er bekam Lust, sie anzufassen, aber dafür hätte er aufstehen und sich recken müssen.

»Ach, ich bin nicht so gerne in solchen Läden.«

»Na, da bist du aber sehr gut weggekommen. Hier gibt’s ja nur einen Klamottenladen. In der Stadt wären wir vielleicht in fünf verschiedene gegangen«, sagte Mama.

Eine große Hand nahm Lennes Krapfen vom Teller. Lenne packte Papa mit beiden Händen am Arm und versuchte ihn zu hindern, doch Papa schaffte es, ein kleines Stück abzubeißen. Auch an seinem Kinn lief ein wenig Marmelade herunter. Dann zog er sich vom Nachbartisch einen Stuhl heran und setzte sich.

»Was machst du denn hier?« fragte Mama.

Sie schaute aus dem Fenster, obwohl sie mit Papa sprach.

»Es gibt jetzt so viele Kälber zu markieren, also mußte ich bei der Bank Bescheid sagen, damit sie noch vor der Rentierscheidung einen neuen Keller für all das Geld anbauen können«, sagte Papa.

Lenne lachte über sein aufschneiderisches Gerede. Papa hatte noch Marmelade am Kinn. Lenne deutete auf sein eigenes Kinn, und Papa verstand und wischte sie mit dem Ärmel ab. Er schnappte sich Lennes Sprite und trank gluckernd aus der Flasche, ächzte absichtlich laut und stellte sie mit einem Knall auf die gläserne Tischplatte zurück. Lenne machte es auch oft so. Irgendwie schmeckte es einfach besser, wenn man ächzte.

»Hast du einen Kredit aufgenommen?« fragte Mama.

Jetzt starrte sie ihre Nägel an und sah fremd aus.

»Es geht doch mehr Geld für das Benzin für deine Fahrzeuge drauf, als du Gewinn machst. Und rechne mal den Stundenlohn aus. Ständig bist du im Wald.«

Papa machte mit den Lippen einen Schnalzton und stand auf.

»Red nicht von so was, wenn der Junge zuhört«, sagte er.

Er zwinkerte Lenne zu und ging.

Lenne steckte sich den rotweißen Limostrohhalm in die Lücke zwischen den Schneidezähnen, die war wie dafür gemacht. Mama saß schweigend auf der anderen Seite des Tisches und schlürfte süßduftenden Tee aus einem hohen Glas. Sie hatte Eiswürfel im Tee. An Lennes Fingern blieb Zucker von dem halbgegessenen Krapfen kleben. Er steckte die Finger in den Mund und lutschte. Die Wirkung war nicht langfristig, denn an den feuchten Fingern blieb der Zucker noch hartnäckiger kleben. Lenne fühlte sich überhaupt irgendwie klebrig. Warum war Mama die ganze Zeit so ekelhaft zu Papa? Wenn Lenne sie das fragte, bekam sie Falten an der Nasenwurzel und antwortete nicht.

Zwei Tische weiter saßen drei Männer und tranken Kaffee. Einer sprach komisch. Lenne begriff, daß er Ausländer war. Lenne lauschte und fand heraus, daß sie Lkw-Fahrer waren.

»Kalle, mit Milch verschandelst du den Kaffee. Der muß doch schwarz sein wie die Hölle, stark wie der Tod und süß wie die Liebe!«

»Na ja, die will ich alle lieber ein bißchen verdünnen.«

»Wo in Estland bist du denn her?« fragte der, der schwarzen Kaffee trank, den dritten.

»Her? Ich versteh nicht.«

»Okay ... okay. Wo wohnst du?«

»In Pärnu.«

»Ach, da, wo man zum Baden hinfährt.«

Der Este nickte.

»Ich bin von hier, aber Kalle, der macht nur ab und zu die Tour. Holt Holz für die Häfen im Süden. Seine Heimatstadt ist Pori.«

Im Mundwinkel des estnischen Lkw-Fahrers zeigte sich ein Lächeln. Er versuchte es im Schnurrbart zu verstecken, aber der Einheimische griff es auf.

»Irgendwas mit Pori findest du lustig. Bedeutet das was auf estnisch?«

Jetzt strahlte das Lächeln auf.

»Ein Pori, das ist so eine Dreckpfütze, und ein Porier ist ein Insekt, das in der Nähe davon lebt.«

Der Einheimische war begeistert.

»Ha, du bist ein verdammter Mistkäfer!«

Lenne mußte so lachen, daß ihm die Limo aus der Nase kam. Als er den Mund öffnete, steckte der Strohhalm noch in der Zahnlücke fest. Das Strohhalmende zitterte. Auch Mama mußte lachen. Sie versuchte es zu unterdrücken, konnte es aber nicht. Der Mistkäfer stand auf, wandte sich Lenne und Mama zu und verbeugte sich.

Lenne und Mama lachten immer noch laut, als sie die Treppe des Cafés hinuntergegangen waren.

»Heißt Porier wirklich Mistkäfer auf estnisch?« fragte Lenne.

»Der Este wollte sicher nur einen Scherz machen, der war doch ein echter Witzbold«, sagte Mama.

Mit Mama Quatsch zu machen machte Spaß. Ihr Lachen begann immer mit einem tiefen Gurren und wurde dann ein helles Kichern. Lenne hatte Mamas Lachen lange nicht gehört, und jetzt wollte er es um keinen Preis wieder entwischen lassen. Er versuchte sich an einen guten Witz zu erinnern. Aber die Gelegenheit war schon wieder vorbei.

»Wir müssen noch vernünftige Schuhe finden«, sagte Mama.

Lenne sah auf seine Schnürboots herab.

»Und sag nichts. Ein Viertkläßler muß schon extra Schulschuhe haben.«

Der Verkäufer bei Schuh-Tekoniemi trug schneller Schuhe herbei, als Lenne sie anprobieren konnte. Alle waren breit wie Entenfüße. Lenne wußte natürlich, daß es Skaterschuhe waren. Sein Nachbar Topi hatte ein Tony-Hawk-Skaterspiel auf der Xbox. Wenn man die Spielsteuerung bediente, brauchte man aber keine Pantoffeln anzuprobieren, und auf den Schotterstraßen war es schwieriger, Skateboard zu fahren.

»Das spielt keine Rolle. Die sind auf jeden Fall leichter, und außerdem sind sie modern«, sagte Mama und fuhr, zum Verkäufer gewandt, fort: »Er behält sie gleich an.«

Das Gehen war schwierig; jeder Schritt geriet ihm etwas zu hoch, denn die Schuhe wogen nichts.

»Jetzt siehst du nicht mehr wie ein Waldmensch aus«, sagte Mama.

Lenne dachte, genau das waren sie doch, Waldmenschen. Von ihrem Haus waren es über fünfzig Kilometer ins Zentrum von Sodankylä, und auch zur Schule mußte er fast eine Stunde lang mit dem Taxi fahren. Lenne hatte es immer irgendwie für etwas Besseres gehalten, abgelegen zu wohnen, hatte gedacht, daß die meisten Leute beengt in mehrstöckigen Häusern in Städten leben mußten. Um in die Natur zu kommen, mußten sie weite Strecken mit dem Auto fahren. Lenne brauchte nur aus der Hintertür zu treten und konnte sofort Blaubeeren und später Preiselbeeren pflücken, oder er konnte mit Papa in die Wildmark gehen, einfach so direkt aus der Haustür. Die Touristen aus dem Süden bezahlten viel Geld, um in den Ferien nach Luosto oder Pyhä zu fahren und dort Waldmensch zu spielen. Warum sollte man also nicht zeigen dürfen, daß man ein Waldmensch war?

Mama war ursprünglich kein Waldmensch, aber sie hatte richtig studiert, um einer zu werden. Sie hatte sogar Joiken geübt und einen eigenen Joik für Lenne gemacht. Er konnte ihn auswendig. Er handelte davon, wie der Sohn Lapplands Sturm und Kälte ertrug.

»Wie heißt eigentlich der neue Lehrer?« fragte Mama.

»Jyri, glaub ich. Hartikainen, oder?«

»Ja, stimmt. Kommt der nicht aus dem Süden?«

»Ja, da irgendwoher.«

Der neue Lehrer war schon der dritte für Lenne innerhalb von vier Jahren. In der ersten und zweiten Klasse hatte er eine giftige alte Lehrerin, die »Mütterchen Pulverfaß« genannt wurde, weil sie auch über ganz kleine Dinge wütend wurde: Sie regte sich immer mehr auf, und dann explodierte sie. Die zweite Lehrerin war ganz jung. Einmal hatte sie angefangen zu weinen, als Eero nicht unter dem Pult herauskommen wollte. Da kam der Rektor in die Klasse und sagte: »Ich zähle bis drei, und wenn du bis dahin nicht herausgekommen bist, dann ...« Er sagte nicht, was geschehen würde, aber die Stimme war so, daß Eero es nicht ausprobierte. Schon bei Zwei saß er auf seinem Stuhl und übte das Schreibschrift-A.

»Dann hast du also zum ersten Mal einen Mann als Lehrer«, stellte Mama fest.

Lenne überlegte, ob der neue Lehrer Skaterschuhe trug. Nach Lennes Erfahrung waren Lehrerinnen streng und oft ärgerlich, aber sie halfen einem und trösteten, wenn man zum Beispiel in der Pause hingefallen war. Würde ein männlicher Lehrer einem ein Pflaster aufs Knie kleben? Wie würde ein Mann aus dem Süden sein? Alle Männer, die Lenne kannte, redeten von Rentierwirtschaft und Jagd. Worüber sollte man mit einem Mann aus dem Süden sprechen?

»Au!«

Lenne trat auf seine lang herunterhängenden Schnürsenkel und fiel auf den Asphalt.

»Hast du dir wehgetan? Wie kam denn das, hast du geträumt?«

Lenne war schon wieder aufgesprungen. Er versuchte vorzutäuschen, daß nichts gewesen war, und ging so rasch weiter, daß Mama zurückblieb. Dann begannen die Handflächen zu brennen. Sie waren ganz zerschrammt, und in den Schrammen steckten Steinchen. Lenne kamen die Tränen, aber er kämpfte dagegen an. Mama nahm seine Hände in ihre und ließ ihn sich auf eine Bank am Straßenrand setzen. Sie kramte aus ihrer Umhängetasche ein Taschentuch heraus und begann, die Wunden vom Sand zu reinigen, zog mit Daumen und Zeigefinger kleine Splitter heraus. Versteckt in Mamas Armen, wagte Lenne, die Tränen fließen zu lassen.

- 3 -

Jouni riß an der kupfernen Türklinke der Bank. Die Tür ging leicht auf, aber sie fühlte sich schwer an. Niemand grüßte, als er eintrat. Obwohl keine Kunden da waren, sahen die Angestellten beschäftigt aus. Die hellen Lampen in dem großen, öden Foyer blendeten ihn. Instinktiv suchte Jouni Schutz, aber es gab keine einzige Grünpflanze, hinter der er sich hätte verstecken können.

Er drückte auf den Knopf »Kreditangelegenheiten«, und der Apparat spuckte einen Zettel mit der Nummer zweiundzwanzig aus. Jouni setzte sich auf eine grüne Bank in der hintersten Ecke des Foyers. Er zog aufs Geratewohl ein Heft aus dem Kunststoffkasten neben seinem Sitz. Es war eine zwei Jahre alte Reisezeitschrift. Auf dem Umschlag waren Nordlichter abgebildet, und eine Überschrift verkündete: »Lapplands Zauber reißt Sie mit.« Da schritt Lauri in seinem Motorschlittenoverall durch die Tür, der Dorftrottel, der sommers wie winters Motorschlitten fuhr und an einem Buch schrieb. Es war stets dasselbe Buch, seitdem er im Suff seinen Bruder mit der Axt erschlagen hatte. Als er jünger war, trug er Jeans, die mit einem Spinnennetzmuster verziert waren, und er ging in seinen eigenen Fußstapfen rückwärts, damit der Teufel ihn nicht kriegte. Der hatte ihn offenbar doch erwischt, denn inzwischen ging Lauri vorwärts. Er trug eine Spardose in Form eines Nilpferds im Arm.

»Ich wollte ein bißchen Nokia kaufen. Das Buch sagt, daß die am Steigen sind«, sagte Lauri und rasselte mit dem Nilpferd.

Jouni schmerzte der Kopf, und in seinem Bauch rumorte es. Ihm schoß ein Erinnerungsfetzen des gestrigen Abends in den Kopf. Warum hatte er nur auspacken müssen? Ausgerechnet gegenüber Lennes neuem Lehrer. Er erinnerte sich nur bruchstückhaft, hoffentlich verbarg sich nichts Grauenhaftes in dem Dunkel. Oh, verdammt. Ihm fiel ein, daß er dem Lehrer die Kerben im Tisch gezeigt hatte.

Auf der Anzeigetafel erschien die Nummer dreiundzwanzig, und ein Gong ertönte. Er hatte seinen Aufruf verpaßt. Er brüllte seine Wartenummer, um sich nicht übergehen zu lassen, aber Lauri stand auf und ging direkt zum Schalter.

»Korhonen, komm einfach hierher, du hattest ja einen Termin«, sagte Kirsti.

Sie streckte den Kopf durch die Glastür und winkte Jouni zu sich.

Auf Kirstis Tisch standen künstliche Rosen und ein Bild im Goldrahmen, auf dem ein Paar und drei Kinder in Lappentracht posierten. Kirsti und ihr Mann waren die gesamte Schulzeit mit Jouni in derselben Klasse gewesen.

In der Oberstufe hatte sie in der Bank vor Jouni gesessen, und in ihrem Nacken wuchs dünner Flaum. Schwedische Präpositionen und die chemische Formel für das Speisesalzmolekül rauschten vorbei, während er diesen Nacken anstarrte, der in der Mitte ein wohlgeformtes Grübchen hatte. Jouni beugte sich über seinen Tisch, bis er bäuchlings darauf lag, und pustete vorsichtig, dann etwas stärker, bis der schmale Nacken eine Gänsehaut bekam und zitterte. Sie drehte sich nicht um.

»Na, Korhonen, wie habt ihr den Sommer verbracht?« begann Kirsti.

Jouni schämte sich. Sicher würde sie zu Hause am Kaffeetisch erzählen: »Der Korhonen hat schon wieder um einen Kredit gebettelt.« Denen ging es ja gut, sie hatten die größte Rentierherde in der ganzen Gemeinde und so viel Grundbesitz, daß sie nie den Fuß auf Staatsland zu setzen brauchten.

»Ach, wie üblich, mit Mücken-Totschlagen.«

»Ja, davon gab es wirklich genug. Immerhin hat die Mückenplage die Herden vernünftig zusammengehalten«, sagte Kirsti.

Jouni hatte den Antrag online gestellt und gehofft, daß er elektronisch durchkäme. »Also, wegen dem Kredit«, begann Kirsti.

Jouni preßte seine Schirmmütze in den Händen zusammen. Er versuchte sich einzureden, daß sie locker über dieses und jenes plauderten.

»Du hast deinen Kreditbedarf nicht begründet«, sagte Kirsti.

Sie nahm eine Plastikhülle mit Papieren aus einer Schublade. Dann leckte sie ihren rechten Zeigefinger an und zog die Papiere aus der Hülle. Zugleich war in ihrer linken Hand ein Tintenstift aufgetaucht. Sie schien etwas mit den Papieren zu machen.

»Du weißt doch, wie der Gewinn beim Rentierfleisch im letzten Winter aussah«, sagte Jouni.

Diese Antwort geriet ihm zu einem heftigen Auffahren. Die Forderung, den Bedarf zu begründen, war dasselbe, als hätte sie gefragt: Auf welcher Seite trägst du normalerweise deinen Schwanz? Na ja, nicht ganz dasselbe, denn die letztere Frage wäre sehr leicht zu beantworten.

»Ich weiß ja, daß du das Geld ganz einfach zum Leben brauchst«, sagte sie. Hatte sie ihn nicht allmählich genug gedemütigt, mußte er auch darauf noch antworten? Sie dachte bestimmt: »Wie gut, daß ich damals nach der Party auf Villes Motorschlitten gestiegen bin, obwohl Jouni ebenfalls angeboten hatte, mich zu fahren.«

»Ihr habt doch voriges Jahr die Wildschweinfarm eingerichtet. Frißt die das Geld auf?« fuhr Kirsti fort.

Machte ihr das Spaß? Jouni wurde verhört, wie damals zu Schulzeiten, als er heimlich drei Delphinbilder aus dem Aufkleberheft der Lehrerin genommen hatte. Doch diesmal war es nicht Nazi-Natunen, die ihn ausfragte, sondern eine Klassenkameradin.

»Die hat natürlich noch nicht viel Gewinn abwerfen können, aber das ist nur eine Frage der Zeit«, sagte Jouni.

Die Schirmmütze hatte er in seinen Fäusten völlig zerquetscht. Er begann sie in Form zu ziehen. Bald würde er sie wieder aufsetzen und gehen.

»Ja, zum Leben brauche ich es, und aus dem Wald kann ich gerade keinen Prot holen, weil im Moment weder Durchforstung noch Langholz dran sind. Also, kriege ich den Kredit oder nicht?«

Kirsti schob ein Formular umgekehrt vor Jouni hin. Er drehte den Bogen zu sich und stellte fest, daß es ein Kreditbescheid war. Er atmete innerlich auf, sah dann aber, daß da mit großen Buchstaben geschrieben stand: ABGELEHNT.

Er setzte die verknitterte Schirmmütze auf und drehte sich abrupt zur Tür. Das war verdammt noch mal der Dank dafür, daß er immer pünktlich seine Abzahlungen geleistet hatte. Schon als kleiner Junge, als er einmal mit der Messerklinge eine Finnmark aus der Spardose gepult hatte, hatte er so ein schlechtes Gewissen bekommen, daß er sie zurückstecken mußte.

»Hör mal, eins noch. Im Januar findet für Mitglieder der Pohjola-Genossenschaftsbank eine Reise nach Teneriffa statt, falls du daran Interesse hast?«

Im R-Kiosk nahm Jouni eine Fußballtotozeitung aus dem Ständer und zapfte sich Kaffee aus einem Thermos-Pumpkanister. Bei jedem Hebeldruck kam nur ein kleines Rinnsal heraus, so daß er im Akkord pumpen mußte, um den kleinen Plastikbecher zu füllen. Der Verkäuferin sagte er, er werde nachher alles auf einmal bezahlen. Er setzte sich an den Lotto-Toto-Tisch und begann die Zeitung zu studieren. Darin wurde er belehrt, daß die sambischen Spieler von der RoPS heute hoch gegen den Fußballverein Vaasa gewinnen würden. Daneben war ein Sambier mit Rastafrisur abgebildet. Vorne auf seinem blauweißen Trikot stand: »Mit der Kraft des Rentiers«. Jouni war ziemlich sicher, daß Godfrey Chibanga noch nie Rentier gegessen hatte.

Zu Anfang des Sommers, als sein Quad zur Inspektion nach Rovaniemi mußte, hatte Jouni sich mit Lenne ein Spiel der RoPS angesehen. Nach einer kräftigen Rempelei brach zwischen zwei Spielern ein Wortgefecht aus. Da sprang ein alter Mann auf der Tribüne auf und rief: »Hey, unser Neger, laß dich da nicht drauf ein!« Der besorgte Ausruf des Alten wurde für Jouni und Lenne zu einer eigenen Redensart, die sie bei passender Gelegenheit wiederholten.

Jouni schlürfte den Kaffee, er war lauwarm und dünn. Daß Kirsti sich unterstanden hatte, nach den Wildschweinen zu fragen! In gutem Finnisch hieß das, daß er lieber keine Frau aus dem Süden hätte heiraten sollen. Bloßes Gras reichte den Schweinen nicht aus, statt dessen verschlangen sie massenhaft Getreide und Kartoffeln. Das Futter mußte gekauft werden, und das brachte Verluste, aber die Wildschweine waren für Marianne da. Sie war begeistert von den Steckdosenschnauzen, las Dutzende von Büchern und zeigte Jouni Bilder im Internet, wo kleine Ferkel mit der Nuckelflasche gefüttert wurden. Nach Jounis Kalkulation lohnte es sich, etwas dafür zu zahlen, daß es mit der Ehefrau gut lief. Die Streitereien hörten auch eine Zeitlang auf, und es ging ihm gut. Die Wirkung war allerdings nur vorübergehend, doch er wollte die Schweine nicht gleich wieder aufgeben, obwohl ihre Aufzucht sicher teurer kam, als wenn man das fertige Fleisch per Post aus dem Ausland bestellte.

Jouni kreuzte auf dem Tippzettel einen hohen Sieg für die Rovaniemier Mannschaft an, kippte den lauwarmen Kaffee herunter und ging an die Kasse. Vor ihm wollten zwei alte Frauen Lose kaufen. Die eine erklärte, man müsse ein Los aus der rechten unteren Ecke nehmen, wo sich nämlich wegen der Schwerkraft die Gewinne sammeln würden. Die andere dagegen war der Ansicht, Geld schwimme oben, weshalb die Gewinne in der obersten Reihe zu finden seien. Die Verkäuferin bestärkte die beiden Mütterchen darin, sorgfältig zu überlegen, damit ihnen der Gewinn nicht entgehe, und wandte sich zu Jouni.

»Sie haben keinen Einsatz angekreuzt«, sagte sie und gab Jouni den Coupon zurück.

Der machte herausfordernd eine Markierung bei 500 Euro und gab den Schein erneut ab. Die Verkäuferin sah ihn fragend an, Jouni nickte. Es war ja anscheinend egal, wie man seine Geldangelegenheiten verwaltete. Normalerweise setzte er zwei Euro.

Er wollte zum Auto gehen, sah aber von der Straße aus Lenne und Marianne im Café Pipari am Fenster sitzen. Lenne wedelte mit der Hand, erzählte etwas, und Marianne führte ein hohes Glas an den Mund. Ihre Gesichter waren ernst. Jouni setzte sich auf eine Bank und betrachtete seinen Sohn und seine Frau. Dort war das Leben – er saß hier und schaute durch die Glasscheibe. Lenne wollte immer alles mit ihm zusammen machen und war ein kleiner Rentierzüchter, aber Marianne ... Wann hatte sie angefangen, sich zu entfernen? War Jouni etwa kein guter Ehemann gewesen? Er versuchte so viel zu arbeiten, wie er nur konnte, damit Marianne es gut hatte. Sie wußte gar nicht, wieviel es kostete, Wildschweine zu halten, aber das brauchte sie auch nicht zu wissen. Gestern hatte sie geschrien, Jouni habe sie unter falschen Versprechungen hergelockt.

»In meinem Buch steht alles. Dieses Buch ist das Leben«, sagte Lauri.

Jouni hatte nicht bemerkt, daß Lauri sich zu ihm auf die Bank gesetzt hatte. Da saßen sie nebeneinander, die Arme auf die gleiche Weise vor der Brust gekreuzt, und starrten in das Fenster. Lauri hielt ein schwarz eingebundenes Buch in den Händen. War da Jounis Zukunft drin?

»Nein, Lauri, du hast unrecht. Das Leben ist nicht in Büchern«, widersprach Jouni.

Er war nicht gewillt, auf der anderen Seite der Glasscheibe oder zwischen den Buchdeckeln zu bleiben. Er stand auf und ging zur Eingangstür des Cafés.

»In meinem Buch steht auch drin, was dir als nächstes passieren wird!« rief Lauri ihm nach.

Anmerkungen zu diesem Kapitel finden Sie hier.

- 4 -

Jyri saß auf dem Fußboden seiner Reihenhauswohnung zwischen Bananenkartons, Regalteilen und kleidergefüllten Müllsäcken und trank Mineralwasser. Vor ein paar Tagen war er mit einem Anhänger von Tuusula nach Sodankylä gefahren. Der Kilometerzähler des Renaults hatte sich gut tausend Kilometer weitergedreht, ein ganzer Tag war auf der Straße vergangen.

In dem Karton, der neben ihm stand, lag zuoberst ein abgegriffenes Kinderbuch. Auf dem Umschlag waren Rentiere in einer Fjällandschaft abgebildet. Jyri nahm das Buch in die Hand und suchte die Seite mit dem Bild des Lappenjungen, der Fellkleidung trug und so eine Mütze auf dem Kopf hatte wie der Joker im Kartenspiel. Jyri glaubte seit jeher, daß Lappland seine richtige Heimat war. In Mamas Armen war es schön, aber Mama hatte ihn aus seiner Heimat weggeholt. Als Kind fragte Jyri nach seinem Vater, merkte dann aber, daß es Mama peinlich war. Mehr, als daß sein Vater aus Lappland kam, sagte sie ihm nicht. Jyri wäre schon damit zufrieden gewesen, beispielsweise zu wissen, daß er eine große Nase hatte oder einen Kinnbart. Er brauchte Anhaltspunkte, um sich ein Bild von seinem Vater machen zu können. Der Vater von Pekka im Nachbarhaus war der stärkste, und Jarkkos Vater, der eine Weinhandlung führte, der reichste. Jyri fand, sein Vater brauchte keines von beidem zu sein. Seinen Freunden erzählte er trotzdem, sein Vater besitze alle Rentiere in Lappland und könne ein Auto in die Luft stemmen, als wäre es eine Mülltüte.

Jyri blätterte um, hob das Buch ans Gesicht und roch daran. Er spürte den Zitronenduft von Hautcreme und erinnerte sich: Der kleine Jyri hatte durchscheinende Wasserbläschen am ganzen Körper, er saß in der Schlafanzughose am Küchentisch, und Mama strich ihm Salbe auf den Rücken. Ihre Berührung ließ den Juckreiz aufhören. Mama zeichnete ihm Bilder auf den Rücken, und er mußte sie erraten. Die Sonne erriet er sofort, aber die Blume und die Katze erkannte er nicht, statt dessen schlug er einen Roboter und einen Elefanten vor.

Auf dem Herd blubberte ein brauner Wasserkessel mit schwarzen Blumen darauf. Darin war Wasser für Kakao. Jyri wollte abends immer Kakao haben, aber Mama gab ihm nur samstags welchen und wenn er krank war. Als er Windpocken hatte, durfte er so viele Tassen trinken, wie er wollte. Rosinen bekam er aber nicht, denn einmal hatte er sich übergeben, als er zum Kakao Rosinen gegessen hatte.

Mama hatte lange schwarze Haare. Sie sah aus wie eine Indianerin, wie Pocahontas. Jyri stellte sich vor, sie trüge ein Stirnband mit einer weiß-schwarzen Adlerfeder und Mokassins. Er selbst würde mit einem kleinen Bogen das Jagen üben, auf Eichhörnchen zielen. Aber wie konnte Mama eine Indianerprinzessin sein ohne Prinz?

»Mama, wo ist mein Papa?«

Mamas Hand hielt mitten im Eincremen inne. Sie drückte mit dem Finger genau auf ein Bläschen und bewegte sich dann schneller und unsanfter weiter als zuvor. Bevor sie antwortete, nahm sie noch mehr Salbe aus der Tube.

»Wie oft muß ich das sagen? Ich weiß es nicht. Nicht alle Kinder haben einen Vater, aber du kannst vielleicht einmal einen neuen Vater bekommen.«

Mama fuhr sich mit der Hand durchs Haar und bemerkte, daß noch Salbe daran war. Sie schüttelte den Kopf so, daß die Strähnen flogen.

»Aber die Babysamen sind doch aus Papas Pimmel gekommen. Irgendwo muß er doch sein.«

In Mamas Augen stiegen Tränen. Jyri überlegte, ob es falsch gewesen war zu fragen, aber dann flüsterte Mama:

»Dein Vater war in Lappland.«

»Bin ich so wie der Junge in dem Buch?« fragte Jyri.

»In welchem Buch?«

»In dem mit den Rentieren drauf.«

Mama blinzelte und schaute weg. Jetzt sah sie nicht mehr wie eine Indianerprinzessin aus.

»Ja, ja, das bist du. Genau so einer bist du, so ein Lapplandjunge.«

Jyri steckte sich Mamas rotlackierten Fingernagel in den Mund und lutschte daran. Die glatte Oberfläche fühlte sich gut an. Jyri schloß die Augen und strich mit der Zunge über den Nagel, nahm noch einen zweiten Finger in den Mund. An dem Nagel war ein kleiner Riß, die Kante war nicht glatt, piekte unangenehm in die Zunge.

»Kommt Papa irgendwann mal her?«