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Der Sonntagsgottesdienst gilt traditionell als Mitte und Kennzeichen kirchlichen Lebens, bis heute erscheint er im kirchlichen und öffentlichen Bewusstsein als "Normalfall" des Gottesdienstes. Seit geraumer Zeit aber haben sich das Teilnahmeverhalten und die Gestaltungsformen verändert, die Sonntags- und Wochenendkultur befindet sich im Umbruch. Zugleich hat sich das Feld gottesdienstlichen Lebens weit ausgefächert, Fest-, Kasual- und besondere Gottesdienste sind, auch in der praktisch-theologischen Wahrnehmung der letzten Jahre, in den Vordergrund getreten. Vor diesem Hintergrund fragen die Autorinnen und Autoren dieses Bandes nach der "Normalität" des Sonntagsgottesdienstes, seinen gegenwärtigen Bedingungen und künftigen Perspektiven.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2008
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Der Sonntagsgottesdienst gilt traditionell als Mitte und Kennzeichen kirchlichen Lebens, bis heute erscheint er im kirchlichen und öffentlichen Bewusstsein als 'Normalfall' des Gottesdienstes. Seit geraumer Zeit aber haben sich das Teilnahmeverhalten und die Gestaltungsformen verändert, die Sonntags- und Wochenendkultur befindet sich im Umbruch. Zugleich hat sich das Feld gottesdienstlichen Lebens weit ausgefächert, Fest-, Kasual- und besondere Gottesdienste sind, auch in der praktisch-theologischen Wahrnehmung der letzten Jahre, in den Vordergrund getreten. Vor diesem Hintergrund fragen die Autorinnen und Autoren dieses Bandes nach der 'Normalität' des Sonntagsgottesdienstes, seinen gegenwärtigen Bedingungen und künftigen Perspektiven.
Prof. Dr. Kristian Fechtner lehrt Praktische Theologie an der Universität Mainz. Dr. Lutz Friedrichs ist Leiter der Gemeinsamen Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der EKD (GAGF).
Herausgegeben von Gottfried Bitter Kristian Fechtner Ottmar Fuchs Albert Gerhards Thomas Klie Helga Kohler-Spiegel Christoph Morgenthaler Ulrike Wagner-Rau
Kristian Fechtner/Lutz Friedrichs (Hrsg.)
Normalfall Sonntagsgottesdienst?
Gottesdienst und Sonntagskultur im Umbruch
Verlag W. Kohlhammer
Alle Rechte vorbehalten © 2008 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Data Images GmbH Reproduktionsvorlage: Andrea Siebert, Neuendettelsau Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
Print: 978-3-17-019943-9
E-Book-Formate
pdf:
epub:
978-3-17-028326-8
mobi:
978-3-17-028327-5
Kristian Fechtner/Lutz FriedrichsEinleitung
I. Kultur- und kirchensoziologische Aspekte
Michael N. EbertzWochenenddramaturgien in sozialen Milieus
Susanne Marschall/Fabienne LiptayDie Unterbrechung
Jan HermelinkDer Sonntagsgottesdienst zwischen Individuum und Institution
Martin EngelbrechtDie dogmatische Krise des Gottesdienstes
Bruno Bader/Silke Harms/Ralph KunzSonntagsgottesdienst im Zwiespalt
II. Praktisch-theologische Perspektiven
Michael Meyer-BlanckDer Sonntagsgottesdienst
Wilhelm GräbDer Gottesdienst des kirchlichen Christentums –
Thies GundlachDie Bedeutung des Gottesdienstes im gegenwärtigen Reformprozess der EKD
Friedrich LurzDie Katholizität des Gottesdienstes und die Vervielfältigung der gottesdienstlichen Kultur
Uta Pohl-PatalongGemeindegottesdienst?
Thomas Hirsch-HüffellDer Sonntagsgottesdienst im Feld spiritueller Praxis
III. Sonntagspredigt
Wilfried EngemannEin Fall für die Predigt: Gefährdete Freiheit
Albrecht GrözingerNormal predigen? Oder: „Die Form, die uns liest“
Kristian FechtnerPredigt und Gottesdienst als Kunsthandwerk
Ulrike Wagner-RauImmer wieder predigen: Zwischen Verschleiß und Erneuerung
Lutz FriedrichsAnders predigen
IV. Gottesdienstliche Zeiten und soziale Orte
Christian GrethleinPotenziale liturgischer Zeiten heute
Wolfgang RatzmannGottesdienst im ländlichen Raum
Ursula RothGottesdienste in der Stadt
V. Gestaltungsfragen und Bildungsaufgaben
Georg SchützlerMut zur offenen Religiosität
Jochen Arnold/Christine Tergau-HarmsKleine Gemeinde, weiter Raum – ekklesiologische und liturgische Perspektiven
Sabine Zorn/Matthias NagelStrategien der Gottesdienstberatung
Hanna KasparickSpielfreude
Autorinnen und Autoren, Herausgeber
Kristian Fechtner / Lutz Friedrichs
„Evangelischer Gottesdienst: Sonntag 10.00 Uhr“ – so gibt eine fest installierte Tafel am Ortseingang mit der Silhouette eines Kirchengebäudes kund. Traditionell gehört beides zusammen, Sonntag und Gottesdienst. Wer vom Gottesdienst im Allgemeinen spricht, hat zumeist den Sonntagsgottesdienst im Sinn. Dies gilt für jene, die regelmäßig kommen, wie für diejenigen, die sich selten oder nie einfinden. Nun zeichnen sich seit geraumer Zeit in der Wochenendkultur, in die Sonntag und sonntäglicher Gottesdienst eingebettet sind, erhebliche Umbrüche ab. Nicht allein das Muster gottesdienstlicher Teilhabe, sondern auch die Gestaltungsformen des Sonntagmorgengottesdienstes haben sich verändert. Der Kirchgang hat in der Moderne immer stärker seinen Charakter als Sitte verloren, demgegenüber sind Gottesdienste mehr und mehr zu Veranstaltungen geworden, deren Besuch durch einen je besonderen Anlass motiviert ist. Nicht selten tragen die Gottesdienste am Sonntagmorgen einen jeweils eigenen Akzent: im ersten findet eine Taufe statt, der zweite wird durch den Gesangverein musikalisch gestaltet, der dritte wird als Familiengottesdienst gefeiert.
Das Fragezeichen, das im Buchtitel auftaucht, markiert auf mehreren Ebenen praktisch-theologische Herausforderungen. Es lässt danach fragen, ob es angesichts einer mittlerweile breit ausgefächerten gottesdienstlichen Kultur in den evangelischen Kirchen überhaupt angemessen ist, von einem „Normalfall“ zu sprechen. Ist der sonntägliche Gottesdienst „normaler“ als der Heiligabendgottesdienst, und wenn ja für wen? Oder: Ist der Sonntagsgottesdienst, anders als ein Salbungs- oder ein Einschulungsgottesdienst, deshalb „normal“, weil er nichts Besonderes zu bieten hat? Was schwingt „normativ“ mit, wenn von einem Normalfall die Rede ist, ist alles andere dann – geduldete oder erhoffte – Ausnahme? Seit den 1960er Jahren ist der „gottesdienstliche Spielplan“ (Peter Cornehl) insgesamt vielfältiger geworden. Zielgruppenorientierte Gottesdienste im Blick auf unterschiedliche Lebenslagen, -formen, -phasen und -stile fächern die liturgische Praxis hierzulande aus. Dem entspricht, dass sich die praktisch-theologische Diskussion in den letzten Jahrzehnten verstärkt mit denjenigen Gottesdiensten beschäftigt hat, die jenseits des Sonntagstaktes liegen. Längst sind Festtagskirchgängerinnen rehabilitiert, werden alternative Gottesdienstformen begutachtet oder ungewöhnliche Gottesdienste zu besonderen Gelegenheiten erkundet. Wird damit der allsonntäglich gefeierte Gottesdienst ebenfalls zu einer besonderen Gestalt unter vielen?
In der Praxis ist das differenzierte gottesdienstliche Angebot ein Gewinn, es hat neue Zugänge geschaffen und ermöglicht, Gottesdienst in unterschiedlicher Weise zu erleben. Wenn die Zeichen nicht trügen, dann gibt es aber gegenwärtig auch das Bedürfnis, sich zu konzentrieren – die Logik der Vervielfältigung zeitigt nicht selten Ermüdungserscheinungen. Welche Kraft steckt in der Normalität eines Sonntag-für-Sonntag-Gottesdienstes?
Gelegentlich begegnet die Hoffnung, man könne sich wieder neu auf eine einheitliche Form des (sonntäglichen) Gottesdienstes konzentrieren, der dann noch einmal die Mitte der Gemeinde darstellen soll. Praktisch-theologische Reflexionen sind an dieser Stelle nüchterner. Der Sonntagsgottesdienst lebt als religionskulturelle Praxis von Bedingungen, die er nicht selbst hervorbringt. Dass an ihm lediglich eine kleine Zahl der Evangelischen (regelmäßig) teilnimmt, gründet einerseits in einer Kirchlichkeit, die moderne Lebensverhältnisse charakterisiert, und andererseits in der Art und Weise, wie heute Wochenende gelebt wird. Die Einsicht in die begrenzte Reichweite des Sonntagsgottesdienstes spricht nicht gegen seine sorgsame liturgische und homiletische Gestaltung. Sie legt aber nahe, ihn nicht mit theologischen Zuschreibungen und kirchlichen Anforderungen zu überlasten, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Der Sonntagmorgengottesdienst ist nicht der Gottesdienst schlechthin. Deshalb wird künftig durchaus darüber zu diskutieren sein, wie das gottesdienstliche Leben am Sonntag zeitgemäß zu gestalten ist, welche Rhythmen und Zeiten angemessen sind, welche besonderen Angebote an einem Ort sinnvoll sind, welche gottesdienstlichen Angebote sich andernorts überlebt haben. Bei allem wird es darum gehen, die geistliche Qualität des Gottesdienstes zu stärken.
Die Beiträge in diesem Band wollen wissen, wie es gegenwärtig um den Sonntagsgottesdienst steht. Sie erkunden und markieren das Feld, formulieren Einsichten und Perspektiven, die sich aus der praktisch-theologischen Diskussion und aus Erfahrungen kirchlicher Gottesdienstpraxis ergeben. Die Artikel gehen zurück auf ein fachwissenschaftliches Symposion, das die Gemeinsame Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der EKD gemeinsam mit dem Seminar für Praktische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz in Verbindung mit der Liturgischen Konferenz im Dezember 2006 ausgerichtet hat. Eine ganze Reihe von Beiträgen ist im Nachgang zu dieser Tagung hinzugekommen. Sie verbindet, dass sie sich jeweils auf bestimmte Aspekte des Themas konzentrieren, um ein eigenes Leitmotiv oder eine These ins Gespräch zu bringen.
Die I. Rubrik versammelt Beiträge, die den Sonntag unter kulturellen Gesichtpunkten und den Sonntagsgottesdienst auf Grund von kirchensoziologischen Studien in den Blick nehmen. Michael Ebertz eröffnet den Band, indem er deutlich macht, wie unterschiedlich sich „Wochenenddramaturgien“ in verschiedenen Milieus gestalten. Sonntagskultur gibt es heute nur im Plural. Susanne Marschall und Fabienne Liptay führen uns ins Kino und zeigen uns dramatische Sonntagsszenen, glückliche und katastrophische, aus Filmen der letzten fünfzig Jahre. Jan Hermelink gibt anhand der jüngsten EKD-Mitgliedschaftsstudie zu erkennen, dass die Teilhabe am Sonntagsgottesdienst und die Erwartungen, die sich an ihn richten, vielschichtiger sind, als gemeinhin angenommen. Vor dem Hintergrund einer wissenssoziologisch angelegten Studie zu gegenwärtigen religiösen und nicht-religiösen Deutungswelten diagnostiziert Martin Engelbrecht eine dogmatische Krise des gegenwärtigen Gottesdienstes. In der Distanz zum gottesdienstlichen Leben spiegelt sich, dass viele Kirchenmitglieder mit Kernaussagen der kirchlichen Lehre nicht mehr übereinstimmen. Einsichten aus einer Schweizer pastoralsoziologischen Studie steuern Bruno Bader, Silke Harms und Ralph Kunz bei. Sie fokussieren ihre Überlegungen auf den Zusammenhang von Gottesdienst und Mission im Zusammenspiel mit anderen wesentlichen Dimensionen gottesdienstlicher Praxis.
Verschiedene praktisch-theologische Perspektiven eröffnet die II. Rubrik. Michael Meyer-Blanck formuliert sieben Thesen, in denen er entschieden dafür plädiert, den Sonntagsgottesdienst in seiner kirchlichen und kulturellen Bedeutung als Normalfall wahr- und ernstzunehmen, und dementsprechend auch in den Mittelpunkt pastoraler Ausbildung zu rücken. Wilhelm Gräb zeigt, was es bedeutet, wenn die Aufgabe des Sonntagsgottesdienstes konsequent von dem her verstanden wird, was Kasualgottesdienste ausmacht und was sie an Lebensdeutung leisten. Im Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ kommt der Frage nach der Qualität des Gottesdienstes eine wesentliche Bedeutung innerhalb der gegenwärtigen kirchlichen Reformbemühungen zu. Thies Gundlach konkretisiert Qualitätsbestimmungen homiletischer und liturgischer Praxis. Wie im katholischen Bereich die Situation des Sonntagsgottesdienstes wahrzunehmen ist, skizziert Friedrich Lurz und macht sich für eine theologisch verantwortete Pluriformität der gottesdienstlichen Kultur stark. Uta Pohl-Patalong thematisiert den Sonntagsgottesdienst im Blick auf Gemeinde und diskutiert unterschiedliche Modelle, Gemeindegottesdienste zu profilieren. Thomas Hirsch-Hüffell zeichnet den Sonntagsgottesdienst in das Feld spiritueller Praxis ein, indem er unterschiedliche Dimensionen gottesdienstlicher Erfahrung konturiert.
Die III. Rubrik widmet sich der Sonntagspredigt. Wilfried Engemann bezieht die homiletische Aufgabe auf gefährdete Freiheit als Signum der Gegenwartsgesellschaft und entwickelt Grundzüge eines homiletischen Programms, das Predigt auf christliche Lebenskunst hin auslegt. Ein Plädoyer dafür, die normale Predigt theologisch wie ästhetisch als Klassiker zu begreifen, hält Albrecht Grözinger. Predigt und Gottesdienst als Kunsthandwerk zu verstehen, mithin die Praxis des Sonntagsgottesdienstes zwischen Kunst und Handwerk anzusiedeln, regt Kristian Fechtner an und formuliert kunsthandwerkliche Maßgaben. Ulrike Wagner-Rau lotet pastoraltheologisch und -psychologisch aus, was es für Pfarrerinnen und Pfarrer bedeutet, regelmäßig eine Sonntagspredigt vorzubereiten und zu halten. Lutz Friedrichs analysiert Predigten in sog. alternativen Gottesdiensten und zeigt, wie sie in die Dramaturgie des liturgischen Geschehens verwoben sind.
Die Überlegungen der IV. Rubrik gelten den gottesdienstlichen Zeiten und unterschiedlichen sozialen Orten, innerhalb derer Sonntagsgottesdienste angesiedelt sind. Christian Grethlein weitet den Blick – über den fixierten Sonntagmorgen-Termin hinaus – für unterschiedliche liturgische Zeiten und Zeitrhythmen und deren Potenziale für gegenwärtiges gottesdienstliches (Er-)Leben. Vor welchen Herausforderungen gottesdienstliche Praxis heute im sich verändernden ländlichen Raum gestellt ist, skizziert Wolfgang Ratzmann und stellt vor, nach welchen Modellen sich gottesdienstliche Kultur auf dem Dorf weiterentwickelt. Ursula Roth umreißt demgegenüber, nach welchem Muster sich der Sonntagsgottesdienst in Citykirchen und insgesamt im großstädtischen Kontext gestaltet.
Die V. Rubrik nimmt einzelne Praxisbeispiele und Konzepte der liturgischen und homiletischen Aus- und Fortbildung in den Blick. Georg Schützler schildert das Konzept und die Praxis eines sonntagabendlichen Gottesdienstes in besonderer Gestalt. Der „Nachteulengottesdienst“ ist seit einigen Jahren ein bekanntes Beispiel über Ludwigsburg hinaus. Welche Perspektiven sich mit Gottesdiensten verbinden, die von einer kleinen Zahl von Menschen besucht werden, reflektieren Jochen Arnold und Christine Tergau-Harms und stellen ein eigenes liturgisches Projekt vor. Anhand von Praxisbeispielen erläutern Sabine Zorn und Matthias Nagel Aufgaben und Methoden von Gottesdienstberatung. Hanna Kasparick schließlich skizziert Leitmotive liturgischer und homiletischer Ausbildung im Vikariat – verbunden mit Erfahrungen, die Lust machen, „weiterhin vom Gottesdienst etwas zu erwarten, seine Potenziale zu entdecken, im Spiel zu bleiben“.
Ohne Unterstützung hätte sich dieser Band nicht realisieren lassen. Zu danken ist Sonja Beck und Jana Mitreuter im Mainzer Sekretariat für die umsichtige Korrektur der Manuskripte. Die Veröffentlichung durch finanzielle Unterstützung haben die Liturgische Konferenz, die Evangelische Kirche in Kurhessen und Waldeck und die Evangelische Kirche der Pfalz möglich gemacht. Auch ihnen sei herzlich gedankt.
Dezember 2007
Kristian Fechtner und Lutz Friedrichs
Michael N. Ebertz
„In den letzten Jahren hat der Ausflugsverkehr und der Sport an den Samstagabenden, an Sonn- und Feiertagen einen gewaltigen Umfang angenommen. Gesellschaften, Vereine aller Art, Familien und Schulen nehmen daran teil. Extrafahrten auf Eisenbahnen und Schiffen, der täglich sich steigernde Auto- und Flugverkehr erleichtern derartige Erholungs- und Vergnügungsfahrten. Dass dadurch die Heilighaltung der Sonn- und Feiertage äußerst gefährdet wird, ist nicht zu verkennen. Viele Ausflügler und Sportteilnehmer setzen sich, das lehrt die Erfahrung, freventlich über die Erfüllung ihrer Sonntagspflicht hinweg“.
Die Klage darüber, dass eine zunehmende – so wörtlich – „Wochenendbewegung“ die Menschen von der Wohnraumnähe in die Ferne und vom Heiligen ins Vergnügen mobilisiert, von den angestammten Räumen der Kirchen weg in die Fremde führt, sie der christlichen Zeitordnung entfremdet und den Kommunikationen der kirchlichen Autoritäten (und damit ihrer sozialen Kontrolle) entzieht, ist gar nicht so jung, wenn man bedenkt, dass wir hier einen 80 Jahre alten Text vor uns haben.1 Nicht viel älter ist die Einführung des staatlichen Sonn- und Feiertagsschutzes (1891; 1919) und die damit einhergehende Einführung der sechstägigen Normalarbeitswoche. Jene Klage über eine ‚entkirchlichte‘ Sonntags-, weil Wochenenddramaturgie gehört inzwischen zu den Ritualen kirchlicher Verantwortungsträger,2 zumal sich die Dezentralisierung des Sonntags bis in unsere Tage hinein fortgesetzt hat:3 Die UNO fasste in den 1970er Jahren den Beschluss, künftig statt des Sonntags den Montag als den ersten Tag der Woche anzusehen;4 die Einführung der fünftätigen Normalarbeits- und Schulwoche – am 1. Mai 1956 bereits gefordert („Samstags gehört Vati mir“) – relativierte den Sonntag ebenfalls, indem sie ihn zum Bestandteil des sog. ‚Wochenendes‘ machte, bevor er allerdings für immer mehr Menschen – auf der Basis liberalerer Arbeitszeit- (seit 1994/1996) und Ladenschlussgesetze (seit 30. Juni 1996) – wieder zum Arbeitstag wurde.5 Inzwischen ist für etwa 36 % der Erwerbstätigen Samstagsarbeit, für 20 % aller Erwerbstätigen Sonntagsarbeit Normalität und für einen höheren Prozentsatz üblich, am Sonntag das zu erledigen, was während der Woche liegen geblieben ist, wozu früher der Samstag diente.6 Und für die Mehrheit aller hierzulande lebenden Generationen ist der sonntägliche Gottesdienstbesuch kein Bestandteil ihrer Wochenenddramaturgie.7 Wurden noch in jenem Erlass von 1927 das auch heute noch gültige Kirchengebot eingeschärft, „dass alle Katholiken streng verpflichtet sind, an Sonn- und Feiertagen der hl. Messe mit Andacht beizuwohnen“, und zugleich Empfehlungen ausgegeben, sich an die neuen Gegebenheiten etwa durch zeitliche Verlagerung der Gottesdienste und durch Werbemaßnahmen strategisch anzupassen, relativieren die heutigen Sonntagsmahner selbst jenes Gebot, indem sie von Sanktion auf Überzeugung umschalten, kommt es ihnen doch „mehr darauf an, dass wir als Christen den Sonntag als einen ‚besonderen Tag‘ [...] neu entdecken“.8 Faktisch hat die Mehrheit der Kirchenmitglieder ihre Einstellung in puncto Sonntagsgottesdienst schon längst von einer norm- und einer überzeugungsbezogenen Grammatik auf eine „erfahrungs- und erlebnisbezogene ‚Plausibilität‘“ umgestellt. Für immer mehr Menschen gehört er nicht zu ihrer regelmäßigen Wochenenddramaturgie, auch nicht mehr für die sog. Kernmitglieder der evangelischen und der katholischen Kirchen.
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