NOVA 31 -  - E-Book

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Beschreibung

NOVAstorys Maike Braun: Die Retardierten C. M. Dyrnberg: Fast Forward J. A. Hagen: Am Scheideweg Lars Hannig: Ein Shoppingmall-Sonnenaufgang Karsten Kruschel: Unverbaubarer Blick über die Bucht Dirk Alt: Die Chimäre Thomas Grüter: Der Gast Frank Neugebauer: Biofilm 1983 Iván Molina: Deutsche Einsamkeit Michael K. Iwoleit: Briefe an eine imaginäre Frau NOVAsekundär Wolfgang Asholt: Vom Terrorismus zum Wandel durch Annäherung. Houellebecqs Unterwerfung Manuel Mackasare: Die Natur übertreffen. Ernst Jüngers Gläserne Bienen (1957) aus futurologischer Perspektive Helmut Wenske – ein Kurzporträt

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EPUB
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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2022

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nova 31 magazin für spekulative literatur

NOVA 31

Magazin für spekulative Literatur

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Januar 2022

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Detlef Klewer

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Redaktion NOVAstorys: Michael K. Iwoleit, Marianne Labisch

Redaktion NOVAsekundär: Thomas A. Sieber

Redaktion Grafik: Christian Steinbacher

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

www.nova-sf.de

www.facebook.com/novamagazin

www.twitter.com/novamagazin

ISSN: 1864 2829

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 270 6

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 828 9

Editorial

Gestatten, ich bin Marianne Labisch, die Neue in der Nova-Redaktion.

Meine Kurzgeschichten werden seit 2010 überwiegend in Anthologien veröffentlicht. Seit 2015 bin ich auch als Herausgeberin und Illustratorin tätig. Seit Band 9 lektoriere ich das Horrormagazin Zwielicht, und da ich selbst überwiegend Science-Fiction verfasse, dachte ich, dass Nova mein Spektrum gut ergänzen könnte. Die Arbeit an Zwielicht macht Spaß. Ich habe dort viele neue Autoren kennengelernt und erhoffe mir Ähnliches von Nova.

Warum ausgerechnet Nova? Nun, dieses Magazin gehört den anerkanntesten in der deutschen SF-Szene. Überall kann man lesen, dass die Hürde, es mit seiner Geschichte ins Magazin zu schaffen, hoch ist und die Qualität über die Jahre konstant geblieben ist. Meine Lektüre des Magazins bestätigt diese Einschätzung. Insofern fühle ich mich wirklich sehr geehrt, hier mitmischen zu dürfen.

Das Einzige, was immer wieder moniert wird, ist der niedrige Frauenanteil. Könnte es daran liegen, wird spekuliert, dass die Redaktion ausschließlich aus alten weißen Männern besteht? Nun, Leute, was soll ich dazu sagen? Unsere Leser mögen entscheiden, ob es einen Fortschritt darstellt, dass sich nun auch noch eine alte Schachtel dazugesellt …

Nein, kein Scherz. Ich gehöre mit Baujahr 1959 nicht mehr zu den Jüngsten, aber im Kopf bin ich immer noch zwanzig. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich keine Kinder habe und so nie die Verantwortung für welche übernehmen musste, oder mit meiner mir häufig attestierten überbordenden Fantasie. Ich weiß es nicht. Ich habe die erste Mondlandung live vorm Fernseher erlebt und war maßlos enttäuscht, weil sich nicht mal ein paar langweilige Mondkälber dort blicken ließen. Ich fand den Wasserstrudel, aus dem das Raumschiff Orion emporstieg, genial und habe mit meinen Geschwistern gern Jules-Verne-Filme nachgespielt. Außerdem baute ich im Abstellraum Raketen, um zum Mond zu fliegen und auf der dunklen Seite nach den vermissten Mondkälbern zu suchen. Beam me up, Scotty, hätte ich mir manchmal gewünscht, wenn mir der Rückweg irgendwohin zu lang erschien. All das hat schon darauf hingedeutet, wo ich einmal heimisch werden würde. Dass ich nun in der Nova-Redaktion mitarbeiten darf, freut mich sehr.

Noch einmal zurück zu dem geringen Frauenanteil: Liebe Autorinnen, bitte schickt uns eure Storys. Wir lesen sie, und wenn sie gut sind, schaffen sie es auch ins Heft. Versprochen!

Marianne Labisch

Dezember 2021

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Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Begriff »Feminismus« immer häufiger zur Schmähung verwendet wird. Insbesondere verunsicherte Männer, die Extrempositionen der Genderforschung – häufig lanciert von jungen, privilegierten Sprösslingen der gehobenen Mittelklasse, die selbst noch nie reale Kämpfe auszutragen hatten – zum Anlass nehmen, um über die Rückkehr zu guten alten männlichen Werten nachzudenken, die ihnen vom Feminismus angeblich weggenommen wurden, übersehen dabei zweierlei: Zum einen die enorme befreiende Wirkung, die das Werk klassischer feministischer Autoren und Aktivistinnen wie Simone de Beauvoir, Marilyn French oder die kürzlich verstorbene Ägypterin Nawal El Saadawi – an deren Mut und Risikobereitschaft sich so mancher Machismo ein Beispiel nehmen könnte – auf das Leben von Millionen Menschen hatte; zum anderen, dass Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse, die Vorenthaltung selbst der elementarsten Menschenrechte, unter der Milliarden Frauen weltweit zu leiden haben, noch längst keine Sache der Vergangenheit sind und die Frauenbewegung gute Gründe hat, ihre Aufklärungsarbeit und Kampagnen fortzuführen.

Die Science-Fiction, wie wir sie heute lesen, ist undenkbar ohne die neuen kritischen Perspektiven, die eine Welle weiblicher Autoren um die Wende in die Siebzigerjahre ins Genre eingebracht hat. Insbesondere Alice Sheldon alias James Tiptree, jr. spielte hier eine entscheidende Rolle. Ihre berühmte Erzählung »The Women Men Don’t See« (1973) über zwei Frauen, die lieber mit Aliens von der Erde emigrieren, statt in einer männerdominierten Welt weiterzuleben, verblüffte viele Leser durch ihre Radikalität. Noch interessanter ist vielleicht ihre phänomenale Proto-Cyberpunk-Story »The Girl Who Was Plugged In« (1974), welche die technische und mediale Instrumentalisierung der Frau auf eine bis heute nie wieder übertroffene Weise behandelt hat.

Maike Brauns Debütgeschichte in Nova geht thematisch in eine ähnliche Richtung: Eine technische Neuentwicklung, welche Männern eine anpassungsfähige Gefährtin verschafft, die bei Bedarf auch mal »geparkt« werden kann, stellt sich für die betroffenen weiblichen Hybridwesen als ein Gefängnis heraus, das sie erst nach einer Weile als solches durchschauen. Wir wissen nicht, ob die Autorin ihre Geschichte als »feministisch« einordnen würde – aber vielleicht ist das ohnehin ein unnötiges Feilschen um Begriffe. Sagen wir, es ist die Geschichte eines Ausbrechens, einer Selbstbefreiung, und das ist es, worum es beim Thema Frau in Gegenwart und Zukunft eigentlich geht.

Maike Braun Die Retardierten

»Mehr Kartoffeln?«, fragte Ortrud Eva über die Unterhaltung der Männer hinweg.

Eva wollte nicht unhöflich sein und ließ zwei gelbe Ovale auf ihren Teller rollen. Gleichzeitig versuchte sie, der Unterhaltung von Ralf und Torben zu folgen. Ralf war sichtlich erregt. Es gab Ärger bei der Arbeit, etwas mit dem Neurochip, eine Fehlfunktion. Torben machte Druck, wollte Lösungen, um eine Rückrufaktion zu vermeiden.

Eva wusste, was das für Ralf bedeutete: lange Arbeitszeiten, auch am Wochenende, das Essen meist schon kalt in sich hineingeschaufelt, kaum fünf Minuten, um sich zu unterhalten, und sackte er dann erst einmal aufs Sofa, schlief er sofort ein, als wäre er ein Roboter, dem man den Strom abgedreht hätte.

»Ich dachte, wir beginnen unseren Shoppingtag am Wochenende mit einem Sektfrühstück, was meinst du?«, fragte Ortrud gerade und zog Evas Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Die Augen auf Ortruds fuchsrot geschminkte Lippen geheftet, versuchte Eva, etwas von Torbens Ausführungen aufzuschnappen.

»Wir brauchen eine dauerhafte Lösung, keine Hauruck-Aktion«, sagte Ralf, woraufhin Torben mit der Zunge schnalzte. »Glaubst du, ich weiß das nicht?«, fragte er und schob ein »Aber wenigstens arbeite ich an Lösungen, statt nur rumzujammern« hinterher, als Ortruds Stimme sich erneut in den Vordergrund von Evas Wahrnehmung drängte und alles andere übertönte.

»Suchst du etwas Bestimmtes? Schuhe vielleicht? Ich habe da einen neuen Laden entdeckt«, sagte sie und ratterte Markennamen von Schuhherstellern herunter.

»Mein Gott«, fuhr Torben dazwischen, »manchmal wünschte ich mir, du hättest einen Ausschaltknopf.«

Eva glitt die Gabel aus der Hand und fiel mit einem hellen Klang auf den Teller. Drei Augenpaare richteten sich auf sie. Im Fall von Torben erwartungsvoll, fast schon ein bisschen sensationslüstern, wie sie fand, Ralf hingegen wirkte aufrichtig besorgt, und um Ortruds Mund spielte ein spöttischer Zug, den sie sich nicht erklären konnte.

»Tut mir leid, entschuldigt bitte«, beeilte sie sich zu sagen, rückte den Teller ein Stück zur Seite, zum Glück kein Fleck auf dem Tischtuch, »nichts passiert, alles bestens.«

»Ach, komm schon, Eva«, sagte Ortrud, knüllte die Stoffserviette zusammen und warf sie auf den Tisch. »Tu doch nicht so, als ob alles in Ordnung wäre. Du leidest doch am meisten darunter, wenn keiner mit dir redet.« Sie fixierte ihren Mann. »Und was euch beide betrifft: Wenn ihr über die Arbeit reden wollt, könnt ihr das auch bei Bier und Chips tun. Dafür brauche ich nicht zwei Stunden in der Küche zu stehen.«

»Tut mir leid«, sagte Torben und hob entschuldigend die Hände, »aber musst du ausgerechnet über Schuhe reden? Hast du nicht schon genug?«

»Soll ich vielleicht lieber über die juristische Grauzone dozieren, in die du dich mit deinen nicht angemeldeten Versuchen zu Persönlichkeits-Back-ups begibst?« Ortrud griff sich Weinflasche und Glas und stakste auf ihren Jimmy Choos aus dem Zimmer.

Ralf und Eva tauschten verlegene Blicke. Eva bot an, Ortrud nachzugehen.

»Lass nur, ich geh schon«, sagte Torben und hievte sich umständlich aus seinem Stuhl. »Außerdem hat sie recht: Wir sollten hier nicht über geschäftliche Dinge reden.« Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Sonst wecken wir vielleicht noch schlafende Hunde. Noch funktioniert der Prototyp nicht.«

Eva wollte sich erneut entschuldigen, als sie Ralfs Fingerspitzen an der Schulter spürte. Er schüttelte den Kopf.

»Wir gehen dann besser«, sagte er.

»Ich muss noch kurz wohin«, antwortete Eva und verschwand auf die Toilette. Sie schloss hinter sich ab und klatschte sich etwas Wasser ins Gesicht. Als sie in den Flur treten wollte, hörte sie, wie Torben mit gedämpfter Stimme zu Ralf sagte: »Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Skrupel zu bekommen. Das hättest du dir früher überlegen können. Wir brauchen eine Alternative und zwar schnell. Sonst können wir den Laden dichtmachen.«

Sie fragte sich, von welcher Alternative Torben hier sprach und vor allem: Alternative zu was?

»Von was für einer Fehlfunktion hat Torben eigentlich gesprochen?«, fragte Eva später im Taxi.

»Angebliche Fehlfunktion«, korrigierte Ralf. »Ich halte das für ein Gerücht, das irgendein Konkurrent in Umlauf gebracht hat.« Er tätschelte Evas Hand. »Du musst dir keine Sorgen machen.«

Sie zog ihre Hand zurück. »Ich frage nur, weil ich übermorgen zum Check-up muss.«

»Ach, ja? Davon weiß ich ja gar nichts.« Ralf vergrößerte mit Zeigefinger und Daumen den Terminkalender seiner Smartwatch. Eine holografische Wochenübersicht erschien über seinem Handgelenk.

»Es handelt sich um einen außerplanmäßigen Termin«, sagte Eva. »Ich habe die Aufforderung vor drei Tagen erhalten. Habe ich dir das nicht erzählt?«

Ralf legte die Hände an ihr Gesicht. Die Wärme, die von seinen Händen ausging, strahlte in sie hinein. »Es ist doch alles in Ordnung mit dir? Du wirkst besorgt«, sagte Ralf.

»Schon. Aber was Torben gesagt hat, macht mir Angst. Wenn es ein Problem mit dem Neurochip gibt, müsst ihr ihn dann nicht austauschen oder zumindest umprogrammieren?«

»Dafür gibt es nicht den geringsten Anlass.«

»Und wenn doch?«

»Du machst dir zu viele Gedanken.«

»Eva, Liebes, wach auf!«

Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Die Wärme strahlte in ihren Oberkörper aus, brachte ihren Kreislauf in Schwung. Ihre Augenlider flatterten. Es gelang ihr, sie zu öffnen. »Ralf? Was ist geschehen?«

»Es tut mir leid, ich musste noch mal ins Büro. Torben hat da was Neues am Laufen, irgendetwas mit einem Image-Back-up, und wie immer, wenn es um Torben geht, muss ich mir seine geniale Idee sofort anschauen.« Er strich ihr sanft über den Oberarm. »Ich dachte, du hättest Zeit genug, um dich wenigstens aufs Sofa zu setzen.«

Sie sah sich um. Sie saß am Esstisch. Die Lasagne war kalt, Ralfs Teller leer, in seinem Glas noch ein Schluck Bier. Sie erinnerte sich dunkel daran, dass Torben angerufen hatte.

»Geht es um diese Fehlfunktion?«

»Keine Ahnung. Um Torbens Fehlfunktion vielleicht«, sagte Ralf. »Als ich im Labor ankam, rief er mich ganz aufgeregt an und wollte, dass ich sofort zum 3-D-Drucker auf der anderen Seite des Geländes komme. Und was zeigt er mir da? Eine Katze! Er hat eine Katze gedruckt.« Er warf die Hände hoch. »Ich meine: großartige Leistung! Ich wusste nicht, dass er ganze Tiere drucken kann, aber wie soll uns das bitte weiterhelfen?«

»Was hat er denn gesagt?«

»Nichts. Er ist wie ein Rumpelstilzchen auf und ab gehüpft und hat von einer großartigen Zukunft geschwafelt. Da bin ich gegangen.« Ralf stellte die schmutzigen Teller aufeinander.

»Ich mach das schon«, sagte Eva schnell. »Du bist sicher müde.«

»Danke.« Er küsste sie auf die Stirn. »Ich geh dann kurz duschen.« Nach einem Blick auf die Uhr fragte er sie, wie lang sie durchhalten würde.

Sie überlegte kurz. »Vielleicht sieben, acht Minuten?«

Er nahm sie fest in den Arm. »Und jetzt?«, fragte er.

Sie lächelte ihn an. »Fünf Minuten länger.«

Sie stellte die Teller aufeinander, als ihr die Anordnung des Bestecks auffiel. Die beiden Messer waren mit der Spitze zu einem umgekehrten V aneinandergelegt, die Gabeln hintereinander. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Langeweile? Zufall? Wenn sie es genau bedachte, sah es aus wie ein Pfeil – ein Pfeil, der auf Ralfs Schreibtisch deutete. Eva lauschte in die Wohnung hinein. Die Wasserleitung rauschte. Sie huschte zu seinem Schreibtisch, wischte mit der Hand über den Monitor, der den Firmenslogan zeigte. Kurz verharrte ihr Blick auf einer Frau in Schürze, die einen Sonntagsbraten servierte – »die ideale Ehefrau« stand darüber. Dann wechselte sie zu dem Fenster mit einer geöffneten E-Mail. Sie überflog den Zeitungsartikel. Darin wurde ein Retardierter mit der Behauptung zitiert, von allein aus dem verlangsamten Zustand aufwachen zu können. Was für ein Unsinn! Jedes Kind wusste, dass das unmöglich war.

Vermutlich wollte sich der Kerl nur wichtigmachen, Aufmerksamkeit heischen. So waren manche Retardierten eben. Außerdem handelte es sich um einen Mann. Ganze sieben Prozent aller Retardierten waren männlich. Vielleicht funktionierte bei denen das Biointerface nicht so gut. Oder es gab tatsächlich diese Fehlfunktion, von der Ralf neulich gesprochen hatte. Eine Verunreinigung des Neurochips vielleicht. Der Kerl war schließlich schon ziemlich alt. Das konnte man doch nicht verallgemeinern.

Oder doch?

Bevor sie weitere Details lesen konnte, hörte sie Ralf aus dem Badezimmer kommen. Sie schaltete den PC wieder auf Energiesparmodus und stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Er kam kurz herein, um sie erneut zu umarmen.

Als sie fertig war, sah sie Licht aus dem Schlafzimmer kommen.

Sie blieb vor dem Bett stehen. »Kann ich dich etwas fragen?«

»Hmm«, brummte Ralf und starrte weiterhin auf sein Tablet.

»Du musst mich schon anschauen, sonst tauche ich zwischendrin ab, und wenn ich wieder zu mir komme, habe ich die Frage vergessen.«

Ralf legte das Tablet zur Seite und klopfte mit der flachen Hand auf die leere Bettseite.

Eva setzte sich auf die Bettdecke.

»Nehmen wir nur mal für den Moment an, mein Neurochip wäre defekt.«

Ralf wollte widersprechen, doch sie legte ihm die Fingerspitzen über den Mund.

Sie atmete tief ein, als bereitete sie sich für einen langen Tauchvorgang vor. »Könnte ein defekter Chip dazu führen, dass man von allein aus dem retardierten Zustand aufwacht?«

»Theoretisch ist das denkbar.«

»Wäre das so schlimm?«

Ralf seufzte. »Wenn du mich fragst: nein.« Er strich den Bettbezug glatt, bevor er weitersprach. »Aber die Firma und vor allem Torben hätte ein Problem damit. Nicht umsonst wirbt er mit diesen albernen Klischees vom perfekten Assistenten beziehungsweise der idealen Ehefrau – Immer für Sie da, wenn Sie sie brauchen, niemals aufdringlich. Damit ist unsere Firma groß geworden.«

Eva nahm seine Hand in die ihre. »Und was bedeutet das?«

»Die Chips müssen abgeschaltet oder sogar entfernt werden«, antwortete Ralf leise.

»Das klingt nach einer komplizierten Operation.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Ohne Chip: Bin ich da noch ich?«

»Ich weiß es nicht«, presste Ralf hervor. »Ich kenne dich nur mit Chip.«

Plötzlich schlang er die Arme um sie, klammerte sich an sie. Es dauerte mehrere Minuten, bis er aufhörte zu zittern. Sie hatte das Gefühl, dass dieses Mal sie ihm Wärme gab.

Die Fußgängerzone war vollgepackt. Der Strom der Einkaufswilligen wurde nur von den Massen an Schaulustigen gebremst, die sich wie die ringförmige Rötung um einen Mückenstich um die Straßenkünstler angesammelt hatten. Innerhalb von wenigen Metern passierte Eva von Gospelsängern über schlecht gesungene Bob-Dylan-Songs bis hin zu besenschwingenden und putzeimerklappernden Junggesellen samt johlender Kumpelschar alles, was das menschliche Stimmrepertoire so hergab. Über allem lag der Geruch von Bratwurst, Zigaretten und Cola.

Ortrud bugsierte Eva geschickt am Stand von Tierversuchsgegnern vorbei, ließ ein paar Münzen in die Sammelbüchse einer Gruppe klimpern, die sich für Waisenkinder einsetzte. Plötzlich verstellte ihnen ein schmächtiger junger Mann in dunkelgrauem Anzug und Umhängetasche den Weg.

Er hielt ihr eine krude Zeichnung unter die Nase, auf der sich eine Frau mit übergroßen Brüsten und Zahnrädern im Kopf mit einer Axt an ihren schlafenden Ehemann heranschlich, und forderte Eva auf, eine Petition für die Abschaffung der Retardierten zu unterschreiben.

Evas Blick fiel auf das Plakat neben dem Stand des Mannes. Gläubige gegen die Gräuel des Habakuk, las sie dort.

»Sie wissen schon, dass Ihre Petition einem Mordaufruf gleichkommt?«, fragte Ortrud und schob den schmächtigen Mann aus dem Weg.

»Seit wann kann man Maschinen umbringen?«, fragte der und hopste um sie herum, als wäre er ein Basketballspieler vor dem Korb des Gegners. Abrupt blieb er stehen. »Sie wollen diese Monster doch nicht etwa auf eine Stufe mit Menschen stellen?«

Ortrud schüttelte genervt die roten Locken, doch Eva blieb stehen.

»Diese Monster, wie Sie die Retardierten nennen, bestehen aus Haut und Haaren wie Sie und ich.« Sie hielt ihm ihren Unterarm hin, zog den Pulli etwas hoch. »Fühlen Sie«, forderte sie den Mann auf, woraufhin der ihr schüchtern über den Arm strich.

»Und?«, fragte sie.

»Sie haben weiche Haut«, sagte der Sektenanhänger sichtlich verwirrt.

»Genau. Und genauso ist es bei den Retardierten. Die haben auch weiche Haut und harte Knochen und alles, was einen Menschen ausmacht.«

»Ach ja?«, rief der Mann. »Und was ist mit dem elektronischen Hirn? Ist es vielleicht menschlich, wenn statt grauer Zellen ein Neurochip das Denken übernimmt?«

Ortrud neigte sich zu Eva. »Lass uns gehen, das bringt doch nichts.« Sie fasste Eva am Ellenbogen, um sie wegzuziehen.

»Darauf fällt Ihnen wohl nichts mehr ein«, rief der Mann, einen Ausdruck von Triumph quer über sein hageres Gesicht geschrieben.

Eva schüttelte Ortruds Hand ab. »Der Chip ersetzt nicht das Gehirn. Er ist eine Ergänzung«, sagte Eva.

Der Mann fixierte Eva. »Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass sich Menschen freiwillig das Hirn ausschaben und in einen Zombie verwandeln lassen?«, fragte er und wischte sich Speichel von den Lippen.

Er deklamierte weiter, sprach von Teufelswerk, von Götzendienern, von Gottes Zorn. »Aber der Herr nutzt sie als Werkzeuge und hetzt sie auf ihre Besitzer.«

»Retardierte haben keine Besitzer«, sagte Eva. »Sie sind keine Roboter.«

Die ersten Passanten blieben neugierig stehen, und der Kerl spürte Aufwind. Er zog sein Tablet aus der Umhängetasche.

»Hier«, sagte er und rief einen Ausrasten statt rasten? betitelten Nachrichtenclip über einen Retardierten auf, der angeblich seinen Partner im Schlaf attackiert hatte. Der Clip schwebte als giftgrünes Hologramm von Weitem lesbar über dem Tablet.

Einige Schaulustige reckten den Hals, um mitzulesen.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Eva, wie jemand ein Handy hochhielt, um zu filmen. Eine Handvoll Neugieriger rückte näher, der Platz wurde enger. Eva hatte das Gefühl, dass sich die Sonne verdunkelte, doch der Himmel war nach wie vor wolkenlos.

»Das reicht«, sagte eine Stimme, die vor Evas innerem Auge das Bild einer Stahlwalze erscheinen ließ und, wie sie erstaunt feststellte, Ortrud gehörte.

»Jetzt hören Sie mal gut zu, junger Mann«, sagte Ortrud und schob sich zwischen Eva und den Sektenanhänger. »Sie packen sofort Ihre Sachen zusammen oder Sie haben schneller, als Sie Habakuk buchstabieren können, einen Klage wegen Volksverhetzung am Hals.«

Als der Mann nicht sofort reagierte, klatschte sie ihm ihre Visitenkarte auf die Brust.

»Hier«, sagte sie. »Merken Sie sich den Namen. Meine Kanzlei hat mit Ihrer Sekte sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen.«

Sie packte Eva am Arm und zerrte sie fort. »Die haben versucht, einem Kollegen sein Menschsein abzusprechen, weil er seit einem Unfall eine Niere und ein Bein aus dem 3-D-Drucker trägt.«

Sie betraten ein Modegeschäft.

»Danke«, sagte Eva, als sie in der Dessousabteilung zur Ruhe kam. »Ich dachte immer, du hast etwas gegen mich.«

Ortrud befingerte gedankenverloren einen BH mit Spitzeneinsatz. »Ich muss zugeben, ich habe ebenfalls ein Problem damit, dass man sich freiwillig einen Chip einpflanzen lässt – auch wenn man sich damit ein auskömmliches Leben finanziert und medizinisch noch ein bisschen optimiert wird.«

Sie hängte den BH zurück.

»Wir haben eine deutlich höhere Lebenserwartung«, erwiderte Eva.

»Ja, weil ihr die Hälfte davon verschlaft«, sagte Ortrud und lachte kurz auf.

»Hinterher ist man immer schlauer«, sagte Eva und ging zu dem Ständern mit den Spaghettitops mit Spitzeneinsatz, die sie gedankenverloren auf der Stange vor und zurück schob.

Ortrud warf ihr einen prüfenden Blick zu. »Du kannst aber doch jederzeit aussteigen?«

»Ich musste mich für zehn Jahre verpflichten«, sagte sie.

»Wir haben ein, zwei Kollegen in der Kanzlei, die sind echt super im Vertragsrecht«, sagte Ortrud und ließ eine Visitenkarte in Evas Mantel gleiten. »Für den Fall, dass du früher aussteigen willst.«

Die Arzthelferin, eine korpulente Mitvierzigerin mit Haaren wie Stahlwolle, setzte Eva die Elektrodenkappe auf, schob eine Strähne, die sich aus der Zwangsumhüllung befreit hatte, zurück unter die Gummihaube und bedeutete Eva, sich hinzulegen.

»Ganz schön herbstlich draußen für Mitte August, was?«, fragte sie, legte ein paar Schalter um und wartete, bis sich die Anzeige des Messgeräts auf einen konstanten Wert eingependelt hatte.

Eva entwich ein Seufzer.

»Was ist?«, fragte die Frau. »Keine Lust, über das Wetter zu reden?«

»Sie sind heute schon die Vierte.«

Die Arzthelferin warf einen Blick auf ihr Klemmbrett. »Ach, richtig. Wir haben ja bei Ihnen die Reihenfolge umgedreht. Gewebeproben, Belastungstest und Sehfeldvermessung haben Sie bereits hinter sich.« Sie legte das Brett zur Seite. »Worüber möchten Sie dann sprechen?«

Eva musterte die Frau. Am liebsten hätte sie sich gar nicht unterhalten, aber das ging natürlich nicht. Das würde die Ergebnisse verfälschen. Sie überlegte krampfhaft, was sie in den letzten Tagen getan hatte, worüber es sich lohnen würde zu sprechen. Was hatte ihr Mentor ihr empfohlen? Wenn niemand mit dir spricht, frage die Menschen einfach über sie selbst aus. Es gibt niemanden, der nicht gern über sich selbst redet, wenn man nur interessiert genug nachfragt. Auf Evas skeptischen Blick hin hatte er hinzugefügt, sie könne nicht von sich und ihresgleichen auf andere schließen.

»Und wie läuft’s so?«, fragte sie daher. »Viel zu tun?«

Die Frau zuckte mit den Schultern. »Nicht mehr als üblich.«

»Dann war das mit der Fehlfunktion also nur ein Gerücht?«

Plötzlich verwandelte sich der bis dahin desinteressierte Blick der Frau in ein Laserskalpell.

Sie schien sich an etwas zu erinnern und überflog Evas Krankenakte. »Ihr Partner ist Ralf Zykov? Der Ralf Zykov?«

Eva nickte.

Die Stimme der Arzthelferin verlor etwas an Schärfe. »Er hätte Ihnen nichts davon erzählen sollen. Wir führen dazu gerade ein paar Tests an Probanden durch. Wollen Sie vielleicht daran teilnehmen?«

»Ich weiß nicht«, sagte Eva. »Was muss ich denn dabei tun?«

»Niemand weiß wirklich, was bei Ihnen da oben«, die Frau tippte an Evas Stirn, »im retardierten Zustand vorgeht. Die Tests sollen Licht in dieses Dunkel bringen.«

Sie beugte sich über Eva, um die Elektroden auf ihrem Kopf zu fixieren. Dann stöpselte sie die Kabel der Elektroden, die wie ein Zopf in Evas Nacken zusammenliefen, in das Messgerät.

»Die verantwortliche Ärztin ist heute im Haus. Ich kann sie rufen«, meinte die Arzthelferin betont beiläufig und richtete sich auf.

»Ich muss erst mit Ralf darüber sprechen«, meinte Eva.

Eva hörte das Klicken eines Schalters und kurz danach ein leises Brummen. »Die kann dann auch gleich alle Fragen zum Ablauf erklären.«

»Das geht mir jetzt ein bisschen schnell«, sagte Eva.

»Wie Sie meinen«, sagte die Arzthelferin, und ihre Stimme klang wieder so gelangweilt wie zu Beginn der Untersuchung. Sie wies Eva an, sich ab jetzt möglichst wenig zu bewegen. Eva hörte das Rücken eines Stuhls, dann das Klackern einer Tastatur.

Da sie den Kopf nicht drehen konnte, blickte sie nach oben. Sie fragte sich, ob der Anblick von Deckenflächen nicht längst so etwas wie einen Pawlowschen Reflex bei ihr auslöste. Sie hatte schon so viele Stunden damit zugebracht, auf die Decke von Untersuchungsräumen zu starren, auf Decken mit Struktur und ohne, aus Holzlatten und aus Lochblech, mit runden und quadratischen Deckenleuchten, mit toten Motten im Lampenglas und ohne. So viele Decken hatte Eva angestarrt, dass sie zunehmend schneller abtauchte, wenn sie eine leere, helle Fläche sah. Sie spürte, wie sich auch jetzt ihre Gedanken verlangsamten. Als Nächstes würde sie die Zehen nicht mehr fühlen, dann die Finger, eisige Kälte würde die Beine hochkriechen, und ihr Körper würde sich anfühlen, als wäre er in flüssigen Stickstoff getaucht worden und würde bei der geringsten Bewegung in Millionen Einzelteile zersplittern, und dann wäre sie schneller weg, als sie »Hilfe« rufen könnte.

»Erzählen Sie mehr über diese Versuchsreihe«, drängte sie daher die Arzthelferin, die sie auf dem Stuhl neben den Messinstrumenten vermutete. »Versuchen Sie herauszufinden, wie man den Chip wieder entfernen kann?«, fragte Eva und hoffte, die Frau würde ihr mehr verraten als Ralf.

»Das ist nicht das Problem«, meinte die Arzthelferin.

»Ach, ich dachte, es sei riskant, so tief im Gehirn zu operieren.«

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen«, sagte die Arzthelferin. »Dafür dienen ja diese Aufnahmen der Persönlichkeitsmuster. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es tatsächlich mal zu einer Miniläsion kommt, kann man das relevante Gehirnareal anhand der Persönlichkeitsmuster rekonstruieren.«

Für eine Weile hörte Eva nur noch das Klackern der Tastatur.

Sie erzählte der Arzthelferin von ihrer Begegnung in der Fußgängerzone, um das Gespräch am laufen zu halten. »Die bezeichnen Menschen wie mich als Gräuel des Habakuk«, sagte Eva.

»Diese Leute wissen gar nicht, was sie damit anrichten«, sagte die Arzthelferin. »Die denken, sie köcheln ein bisschen Milch, alles ganz harmlos, und plötzlich schäumt das Ganze auf, und hinterher sind Leute wie ich Stunden damit beschäftigt, den eingebrannten Dreck wieder abzukratzen.«

Außerdem ließen diese religiösen Fanatiker dabei völlig die Vorteile des Neurochips außer Acht, fand Eva. Er kontrollierte ein mit dem Chip implantiertes Reservoir an Botenstoffen, die im Wachzustand das Gehirn des Trägers fluteten und ihn oder sie empfindsamer, einfühlsamer für die Stimmung des Partners machten, dessen Bedürfnisse, Sorgen und Gefühle. Gerade diese Zusatzfähigkeiten machte sie und alle anderen Retardierten so menschlich! Man brauchte sich nur Typen wie Torben anzusehen. Dem würde hin und wieder eine Dosis empathiesteigender Neurotransmitter bestimmt nicht schaden.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte die Arzthelferin.

»Alles bestens, warum?«

»In Ihrem Gehirn tobt ein Tornado.« Die Stimme der Frau klang plötzlich gedämpft.

Eva nahm an, dass sie sich abgewandt hatte, um etwas zu justieren.

»Vielleicht sollten wir besser über etwas anderes reden.« Jetzt hörte Eva die Stimme wieder dicht am Ohr.

»Nein, bitte, erzählen Sie mir mehr über diese Tests. Ich bleibe auch ganz ruhig, versprochen.«

»Es gibt eigentlich nicht viel mehr dazu zu sagen«, erklärte die Frau. »Der Ethikrat hat sich der Sache angenommen, also muss den Vorwürfen nachgegangen werden. Dafür werden jetzt Versuchspersonen gesucht.«

Eva überlegte. Eine Versuchsreihe bedeutete Austausch mit anderen Retardierten, gemeinsame Treffen, Freigang von zu Hause, vor allem aber bedeutete es: Aufmerksamkeit, ständige, wohlwollende, fürsorgliche Aufmerksamkeit. Bei dem Gedanken wurde es Eva ganz warm in der Brust, und erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihre Beine waren. Bis zum Knie hoch fühlte sie tausend eisige Nadelspitzen.

Sie verspürte einen leichten Luftzug und schloss daraus, dass die Arzthelferin kurz aufgestanden war.

»Und?«, fragte Eva. »Halte ich mein Wort?«

Doch sie bekam keine Antwort. Hatte die Frau den Raum verlassen? Das war nicht erlaubt. Das würde die gesamte Messung durcheinanderbringen. Die Arzthelferin durfte sie in diesem Zustand nicht länger als fünf, maximal sieben Minuten sich selbst überlassen. Eva benötigte die Ansprache, den Kontakt, insbesondere, wenn sie so fixiert war wie hier auf dieser Pritsche.

Sie bemerkte eine Bewegung an der Decke. Eine Kassette schien sich zu verformen, aus dem Quadrat wurde eine Raute, die sich streckte wie ein Tier, das nach dem Winterschlaf die Muskeln rekelt. Das Weiß der Raute leuchtete heller, tropfte herab, brannte auf Evas Haut vor Kälte. Immer schneller trafen sie die eisigen Lichttropfen. Immer tiefer zog sich Eva zurück, schnurrte zusammen auf einen Punkt. Zehen, Finger existierten bereits nicht mehr, hatten sich aufgelöst, waren wie Trockeneis verdampft. Jemand öffnete ein Fenster, Winterluft klatschte ihr ins Gesicht. Dann war sie weg.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einer Pritsche in einem gefliesten Raum und in ihrer Hand steckte ein Venenkatheter. Sie riss sich die Kanüle heraus und drückte die andere Hand darauf, bis die Blutung gestillt war. In der Zwischenzeit sah sie sich um. Ein Metallspind, zwei Reihen Glasbausteine statt Fenster, ein Waschbecken nebst Spiegel und ein blauer Müllsack. Sie stellte die Füße auf den Boden und stand auf, testete ihre Balance, noch ein bisschen wackelig, und ging dann auf den Spiegel zu. Mit einer Hand hielt sie sich am Bett fest, die andere streckte sie zum Waschbecken aus. Sie blickte in den Spiegel. Heilige Hühnerscheiße! Sie war völlig kahl rasiert. Sie fuhr sich mit der Hand über den blanken Schädel und spürte keine Stoppeln. Also ganz frisch. Genauso wie die Narbe rund um ihren Kopf, als hätte ihr jemand die Kopfhaut abziehen wollen. Was war passiert? Das Bild eines untersetzten, schon älteren Typen tauchte vor ihrem inneren Augen auf, der besorgt auf sie einredete. Sie kannte den Mann irgendwoher. Sie drehte das Wasser auf und benetzte sich das Gesicht. All dies hatte sie schon einmal durchlebt, vor ein paar Jahren. Sie erinnerte sich. Die Narbe hatte damals einen roten Wulst auf ihrer sonnengebräunten Haut gebildet.

Ihr wurde schwindelig. Sie krallte sich an dem Keramikbecken fest, bis der Anfall vorüber war. Dann griff sie nach dem Müllsack. Darin befanden sich Kleider. Sie kamen ihr seltsam vertraut vor und irgendwie altmodisch, aus der Zeit gefallen. Sie zog sich an und betrachtete sich erneut im Spiegel. Sie konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Sie sah aus wie die sprichwörtliche Unschuld vom Lande, von dem sie auch kam. Bilder von einem Dorf tauchten vor ihrem inneren Auge auf, von Ziegen hinter einem Haus, von einem bunten Kleid, das auf einer Wäscheleine im Wind flatterte. Sie blickte an sich hinunter. Es war dieses Kleid gewesen.

Und dann kamen die Erinnerungen so schnell, dass sie sich setzen musste. Nicht jetzt, mahnte sie sich. Jetzt gab es Wichtigeres zu tun.

Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit, spähte auf den Korridor. Stille. Aus Angst, ihre Schuhe würden auf dem Linoleum zu laut quietschen, lief sie barfuß den Gang hinunter bis zum Treppenhaus. Hinein schlüpfte sie erst, als sie Stimmen hörte. Sie duckte sich hinter der Tür. Ein Pfleger und ein Mann in Anzug und mit einem Klemmbrett unter dem Arm betraten ein Zimmer. So wie damals.

Da war sie ebenfalls kahl geschoren zu sich gekommen, und eine Tussi in grauem Kostüm hatte mit irgendwelchen Papieren gewedelt und von rechtsgültigen Verträgen, von Verpflichtungen und hohen Vertragsstrafen bei frühzeitigem Ausstieg gefaselt. Sie erinnerte sich noch genau, wie sie die Tussi hatte anschreien und zum Teufel schicken wollen, aber auf dem Weg vom Sprachzentrum zur Zunge hatte sich die Wut bereits verflüchtigt, und herausgekommen war ein Lächeln und ein freundliches Nicken.

Mit ihrem spinnenbeinigen Finger hatte die Frau immer wieder auf die Stellen gedeutet, wo Eva angeblich unterschrieben hatte. Der Pfleger hatte derweil in einer Zeitschrift über Kampfsport geblättert. Schließlich hatte ihr die Tussi eine laminierte Karte mit einem Datum in die Hand gedrückt. Das solle sie sich gut merken. Bis dahin stehe sie für die Klinik in der Pflicht. Im Gegenzug dazu hatten die Ärzte ihre genetische Disposition für Diabetes korrigiert und eine Alzheimer-Prophylaxe durchgeführt.

Eva hatte sich zwar damals nicht ans Datum erinnern können, aber dass der 3. Februar 2035 in der Zukunft lag, hatte sie sofort begriffen. Der lag immer noch in der Zukunft, dachte sie und fluchte.

Halb erwartete sie, dass nur ein Gurgeln aus ihrem Mund kommen würde und sie stattdessen lammfromm lächelte, aber sie hörte sich tatsächlich »Gottverdammte Scheiße« sagen.

Sie nahm die Treppenstufen nach unten.

Sie fühlte sich anders. Ein Pfropf hatte sich gelöst in ihrem Gehirn, ließ ihre Gedanken wieder frei fließen, verstopfte nicht länger ihren Kopf mit zuckersüßer Freundlichkeit.

Das machte sie glücklich. Schwungvoll stieß sie den Querbalken der Tür am Ende der Treppe auf und trat ins Freie und in einen strahlend blauen Nachmittagshimmel. »Arschloch«, rief sie und noch einmal: »Arschlöcher, ihr seid alle gottverdammte Arschlöcher.« Dabei hüpfte sie die Straße hinunter und jauchzte, bis sie an eine Bushaltestelle kam.

Eine ältere Frau, die sie wohl schon von Weitem gehört hatte, warf ihr einen bösen Blick zu.

»Ich bin einfach nur glücklich«, sagte Eva und da fiel ihr ein, dass sie das letzte Mal so glücklich gewesen war, als ihre Mutter sie aufgeregt in die gute Stube gerufen hatte. »Eli«, hatte die gerufen, »Eli, komm mal. Da sind ein Herr Doktor und eine Krankenschwester aus der Stadt, die haben vielleicht einen Job für dich.«

Sie hieß Eli, nicht Eva. Eleonora Rusu. Sie kam sich vor, als wäre sie aus einem hundertjährigen Schlaf aufgewacht.

Kurz darauf hielt der Bus schnaubend vor ihr an.

Sie durchsuchte ihre Manteltasche und fand genügend Kleingeld, außerdem eine Visitenkarte von einer Rechtsanwältin. Eine Straßenszene tauchte vor ihr auf, ein wütender Kerl, der sich ihr in den Weg stellte. Sie hatte Angst gehabt, daran erinnerte sie sich noch genau – aber dann hatte diese Rechtsanwältin sie in Sicherheit gebracht. Vielleicht sollte sie der Frau einen Besuch abstatten, um das Loch in ihrem Hirn zu stopfen.

Eva blickte um sich. Sie saß mit einem Mann an einem gedeckten Tisch beim Abendessen. Der Mann hieß Ralf, soviel wusste sie. Die Wand vor ihr war minzgrün gestrichen, alle anderen Wände weiß. Die Vorhänge zierte ein Blättermuster in verschiedenen Grüntönen. Sie erinnerte sich daran, die Vorhänge selbst ausgesucht zu haben, zusammen mit Ralf. Sie war Eva. Eva und Ralf.

Sie griff nach dem Glas Rotwein vor ihr, drehte den Stiel zwischen den Fingern hin und her und betrachtete das Steak, das auf ihrem Teller lag, und den Klumpen Kräuterbutter in der Form eines Mini-Eishockey-Pucks. Ralf reichte ihr das Gemüse. Sie nahm davon.

»Ist alles okay?«, fragte er. »Was haben die heute mit dir beim Arzt gemacht? Du bist so abwesend, obwohl ich so viel mit dir rede.«

Eva versuchte sich zu erinnern, Habakuk schoss ihr durch den Kopf, aber sie brachte nicht mehr zusammen, was das bedeutete.

»Nichts Besonderes, glaube ich«, sagte sie und sortierte das Gemüse auf ihrem Teller, die Karotten auf die linke, die Erbsen auf die rechte Seite. In dem Moment brummte Ralfs Handy. Er warf einen Blick darauf und rollte mit den Augen. »Tut mir leid, das ist Torben. Da muss ich dran. Ich versuche seit Tagen, ihn zu erreichen, aber seit der Sache mit der Katze geht er mir aus dem Weg.«

Er nahm ab.

»Ja, natürlich ist sie hier«, sagte er. »Nein, alles gut.«

Eva schob eine Kartoffel hin und her.

»Nein, du brauchst nicht vorbeizukommen. Wenn ich es dir doch sage. Alles bestens.«

Er legte auf und ließ das Handy in seine Gesäßtasche gleiten.

»Sehe ich anders aus als sonst?«, fragte sie.

»Nein, wunderschön wie immer. Deine neue Frisur gefällt mir.« Er legte den Arm um sie, drückte sie an sich. »Warum fragst du?«

Sie fuhr sich durch das kurze Haar. Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wie sie ihr Haar zuvor getragen hatte, aber es wollte ihr nicht einfallen. »Weil ich mich anders fühle«, sagte sie.

In dem Moment klingelte es.

»Wenn das Torben ist …«, sagte Ralf und ging zur Tür.

»Hast du jetzt auch noch das Beamen erfunden?«, hörte Eva Ralf fragen, als sie zwei Frauenstimmen ausmachte. Eine davon erkannte sie wieder. Sie gehörte einer Frau mit roten Haaren. Ortrud. Eine Freundin, zumindest glaubte sie das.

Ralf führte die beiden Besucherinnen ins Esszimmer. Sie spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ralf hatte normalerweise einen festen Schritt. Jetzt trat er leise auf, als ginge er über brüchiges Eis. Eva blickte auf. Vor ihr standen Ralf, Ortrud – und sie selbst. Nur kahlrasiert und mit einer frischen Naht rings um den Schädel.

Sie blickte zwischen Ralf, Ortrud und ihrer Doppelgängerin hin und her. »Wer ist das?«, fragte sie schließlich.

»Ich bin Eli und wer bist du?«, fragte die Kahle zurück.

»Setzen wir uns erst einmal«, schlug Ortrud vor und zog der Kahlen einen Stuhl heran. »Du auch«, sagte sie zu Ralf und bat dann Eli zu berichten, was vorgefallen war.

Die Stationen ihrer Odyssee waren schnell erzählt: Die Anwerbung im Ort, die tagelange Fahrt in einem fensterlosen und kalten Minibus, das Krankenhaus, in dem niemand ihre Sprache sprach, die aufwendige Gentherapie, das Gefühl, als würde ständig jemand versuchen, sie aus ihrem eigenen Kopf zu vertreiben.

»Wusste Torben, woher die Freiwilligen stammen?«, fragte Ralf Ortrud, als Eli mit ihrem Bericht fertig war.

»Wusstest du es?«, erwiderte Ortrud.

»Ich habe mich nicht darum gekümmert«, sagte er zerknirscht. »Ich war so mit der Programmierung der Chips beschäftigt, dass ich alles andere Torben überlassen habe.« Nach einer kurzen Pause hakte er nach: »Wo hat er sich überhaupt die letzten Tage versteckt?«

Ortrud hob entschuldigend die Hände. »Er hat vor drei Tagen von einer Rückrufaktion gemurmelt und ist abends noch mal ins Labor gegangen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Es klingelte erneut. »Wenn man vom Teufel spricht.« Ralf ging zur Tür.

Torben drückte sich an ihm vorbei ins Esszimmer. Als er die beiden Frauen sah, stieß er einen Fluch aus. Er ging zur Kahlen und blaffte sie an. »Wieso sitzt du nicht längst im Bus nach Sofia?«

»Ich komme aus Rumänien«, erwiderte Eli und drehte eines der Steakmesser zwischen den Fingern hin und her.

»Rumänien, Bulgarien, das ist im Moment völlig egal. Hauptsache, du verschwindest. Eine ist genug«, sagte er und deutete auf Eva.

»Ich will jetzt sofort wissen, was hier los ist«, sagte Ralf.

Torben schien klein beizugeben, denn er ging zu dem leeren Stuhl neben Eva. Doch statt sich zu setzen, schnappte er sich das Steakmesser neben Evas Teller und ratschte ihr damit über den Unterarm.

Eva schrie auf, aber nicht weil es so sehr geschmerzt hätte, sondern weil sie nichts spürte, absolut nichts. Sie blickte auf ihren Arm, auf den Schnitt in ihrem Fleisch, auf die Wunde, die nicht blutete, auf die Schmerzen, die sich nicht einstellen wollten.

»Krass!«, rief ihre Doppelgängerin und beugte sich quer über den Tisch, um ihre Wunde zu begutachten. »Sieht aus wie ein Neoprenanzug, bei dem man den Reißverschluss aufgezogen hat.«

Eva sprang auf und hielt Ralf ihren verletzten Arm hin. »Wer bin ich? Was bin ich?«

»Du bist ein Android aus dem 3-D-Drucker«, antwortete stattdessen Torben, »Hülle aus Silikon, Kern aus Karbonfasern, Persönlichkeit auf einem Chip.« Mit Blick auf Ralf fügte er hinzu: »Nach ein paar Jahren gewöhnt sich das Gehirn an den Neurochip und umgeht den Stand-by-Modus. Wenn man nur die persönlichkeitsrelevanten Teile in einen künstlichen Körper hochlädt, umgeht man das Problem. Unser Geschäftsmodell ist gerettet. Besser noch: Jetzt können wir es richtig skalieren.« Er griff nach einem der Weingläser und kippte den Inhalt in einem Zug hinunter. »Verstehst du? Wir brauchen keine Originale mehr. Wir können die kopierten Persönlichkeitsmuster unbegrenzt oft einsetzen.«

»Was hast du mit Eva gemacht?«, fragte Ralf und seine Stimme klang so matt, dass Eva Angst hatte, er würde wegsacken.

Torben zuckte mit den Achseln. »Ich musste erst sichergehen, dass es funktioniert. Aber jetzt ist alles gut. Die Firma ist gerettet.«

Ortrud mischte sich ein. »Verstehe ich das richtig, dass du ohne Elis Erlaubnis ihr Persönlichkeitsmuster erst kopiert und dann in einen«, sie warf einen Blick auf Evas Wunde, »in einen Zweitkörper hochgeladen hast?« Sie begann, auf und ab zu gehen. »Weißt du eigentlich, wie tief du in der Scheiße steckst?«

»Was denn? Es gibt doch jetzt schon Herzen, Nieren, Beine, sogar Kleinhirne aus dem 3-D-Drucker. Das einzig Neue ist das Hochladen des Persönlichkeitsmusters«, sagte Torben, musterte Eva wie ein Lehrer eine besonders gute Schülerin, und fügte dann hinzu: »Sie ist nur eine Maschine. Eine verdammt gute, aber trotzdem nur eine Maschine. Außerdem vereinfacht das alles ungemein. Kein Anwerben, keine medizinischen Verbesserungen als Gegenleistung, kein unkontrolliertes Aufwachen aus dem Stand-by-Modus. Warum bin ich da nicht früher draufgekommen?«

»Und was ist mit mir?«, fragte Eli.

»Wir machen einen Aufhebungsvertrag, und du und die anderen können vorzeitig aussteigen und in euer altes Leben zurückkehren. Win-win für alle.« Torben verzog das Gesicht zu einem Grinsen.

»Damit kommst du vor Gericht nicht durch«, zischte Ortrud.

Eva entging nicht, wie Elis Finger in der Zwischenzeit nach dem Steakmesser tasteten. Sie tat so, als wollte sie der Doppelgängerin etwas Wasser nachschenken und flüsterte ihr zu: »Überlass ihn mir. Maschinen kommen nicht ins Gefängnis.«

Mit der Wasserflasche in der Hand näherte Eli sich Torben von hinten, zögerte kurz, dann dachte sie an die vielen weißen Decken, die sie angestarrt hatte, an die Kälte, die dann früher oder später ihre Beine hinaufgekrochen war und erst ihren Leib und dann ihre Seele gefror, und wollte gerade die Flasche auf Torbens Schädel krachen lassen, als Ralf dazwischen ging. Er nahm ihr die Flasche aus der Hand und stellte sie ab.

»Und was ist mit Eva?«, fragte er.

Torben zuckte mit den Achseln. »Ein Prototyp. Lässt sich bestimmt noch optimieren.«

Da holte Ralf aus und rammte Torben die Faust ins Gesicht. Der taumelte und ging zu Boden.

»Wenn erst mal herauskommt, dass es zwei von euch gibt«, sagte Ralf zu Eva, »werden sie dich erneut zum Versuchskaninchen machen und genau wissen wollen, wie du funktionierst. Deswegen muss Eli sofort weg.« Er holte sein Portemonnaie, um ihr Geld zu geben.

Ortrud ging auf Eli zu. »Ralf hat recht. Es ist besser, wenn du zumindest fürs Erste nach Rumänien zurückkehrst. Meine Karte hast du, wenn du Hilfe brauchst.«

Eli lief zur Tür. Dort zögerte sie, kam zurück und bat Ortrud um eine zweite Visitenkarte und einen Stift. Auf die Rückseite notierte sie etwas. Mit den Worten »Falls du mich besuchen kommen willst« reichte sie die Eva. Dann ging sie endgültig.

In der Zwischenzeit hatte sich Torben aufgesetzt. Er griff sich an die Nase und betrachtete verwundert seine blutverschmierte Hand. »Du kannst meine Errungenschaften nicht geheim halten«, meinte er zu Ralf.

»Deine Errungenschaften?«, rief Ortrud. »Wohl eher deine Straftaten.«

»Ich hätte das schon viel früher tun sollen«, sagte Ralf und verpasste Torben einen weiteren Schlag. Benommen sackte Torben zur Seite.

»Was wird aus dir und mir, Ralf?«, fragte Eva.

»Ich lass dich nicht allein.« Er trat auf Torben zu und stieß ihn mit dem Fuß an. »Und du erklärst mir, wie ich Evas Stand-by-Modus deaktiviere. Ich weiß, dass du daran geforscht hast.«

»Warum sollte ich das tun?«

»Weil du sonst eine Megaklage am Hals hast«, schimpfte Ortrud.

»Damit ist die Firma tot«, sagte Torben und rappelte sich auf.

»Dafür können die Retardierten ein freies Leben führen«, meinte Ralf. Er fasste Eva bei den Händen. »Und du kannst dich unabhängig von mir und frei bewegen.«

Frei, wie das klang. Sie betrachtete die Visitenkarte mit Elis Adresse in Rumänien. Vielleicht würde sie ihr Vorbild besuchen. Eva fühlte eine heimelige Wärme aufsteigen, sich in alle Glieder ausdehnen und ihr ein Lächeln auf die Lippen treiben, bis sie dieses wohlige Gefühl schließlich als Empfindung von Glück identifizierte.

Sie genoss den Moment.

Der Rest würde sich finden.

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Mit seiner 1962 in Amazing erschienenen Erzählung »Thirteen to Centaurus« begründete J. G. Ballard das SF-Subgenre der kritischen Raumfahrtgeschichten. In einer Ära, als sich insbesondere durch das US-Raumfahrtprogramm Apollo alle Zukunftshoffnungen der Golden-Age-SF zu erfüllen schienen, erhoben eine Reihe junger Autoren kritische Gegenstimmen, indem sie Raumfahrer als Opfer von psychischer und physischer Überlastung, die Raumfahrt selbst als Anmaßung einer größenwahnsinnigen Menschheit oder schlicht als aufwendigen Schwindel entlarvten. Einige der eindrucksvollsten Werke in der SF der Sechziger- und Siebzigerjahre, von Barry N. Malzbergs albtraumhaften Raumfahrer-Psychogrammen The Falling Astronauts (1971) und Beyond Apollo (1972) bis hin zu Kurzgeschichten wie Carter Scholz' »The Eve of the Last Apollo«, gehören zu diesem Themenkreis. J. G. Ballard hat das Thema noch bis in die frühen Neunzigerjahre beschäftigt, und er hat der Spaceshuttle-Ära Bilder von melancholischer Schönheit abgewonnen.

C. M. Dyrnberg bewegt sich in seiner neuen Geschichte, thematisch wie ideenmäßig, also durchaus auf vertrautem Terrain, indem er seinen Helden auf eine Raummission schickt, bei der nicht alles ist, wie es scheint. Er findet aber auch eine persönliche Variante des Themas, indem er sich auf einen Aspekt konzentriert, der – wie Horst Pukallus einmal in einer Diskussion anmerkte – ein heimliches Generalthema der Science-Fiction ist: Menschen in Extremsituationen. Was wird aus unseren Beziehungen, unserer Menschlichkeit, unserem Selbstverständnis, wenn wir aus den gewohnten Zusammenhängen von Raum und Zeit herausgelöst werden?

C. M. Dyrnberg Fast Forward

Als ich aufwache, denke ich nicht gleich an sie.

Der Schmerz kommt erst mit dem dritten, vierten Ringen nach Luft. Das rötliche Licht der Deckenlampen ist gedämpft. An meinem Körper klebt kaltes Gallert. Ich zittere und höre eine Stimme, die mir eine Beruhigungslitanei vorbetet. Sie erzählt mir, wie ich heiße, wo ich bin, was mit mir geschieht. Und wiederholt es immer wieder.

Als sich mein Blick klärt, sehe ich meinen Aufwecker. Er ist jung, jünger als ich. Ich denke zuerst, er wäre es, der mich da beruhigt, aber die Litanei kommt vom Band. Er blickt mich nur stumm an.

Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Wir wissen, dass Sie verwirrt sind. Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Sie sind an Bord …

»Kann ich abschalten?«, fragt er nach dem fünften Durchlauf.

Mir gelingt ein Nicken. Ich habe die Worte gehört. Ob ich sie verstehe, weiß ich nicht. Es ist, als wäre ein Teil meines Gehirns nicht bei mir. Ich bin wach, aber nicht ganz ich. Die erste wirkliche Bewegung, die ich schaffe, führt meine rechte Hand zum Kopf. Er ist kahl. Sie rasieren uns, bevor sie uns aufwecken.

»Ein Jahr?«, bringe ich mühsam hervor.

Er nickt.

»Die ersten Aufweckprozesse sind nur ein Testlauf. Ob Ihre Kapsel einwandfrei funktioniert. Ob Ihr Körper mit dem Kryoschlaf zurechtkommt.« Er spricht langsam. Mit Pausen zwischen den Sätzen. »Allem Anschein nach ist beides der Fall. Haben Sie wirklich verstanden, wo Sie sind?« Er wäscht meinen Körper mit einem Schwamm, den er immer wieder in ein kleines Becken tunkt, und zwar ohne jegliche Eile, als wäre das Waschen Teil eines Rituals. Erst dann hilft er mir aus der Kapsel, hievt mich auf einen Rollstuhl und reicht mir weites Gewand. Eine Unterhose, eine Hose, ein Oberhemd, Socken. Danach werde ich – an Hunderten Schlafkapseln vorbei, von denen man nur die Schubladengriffe sieht – durch einen menschenleeren Gang in einen ebenso menschenleeren Raum gebracht, den mein Aufwecker den Wachraum nennt.

Er gleicht einem spartanisch eingerichteten Hotelzimmer. Statt eines Betts steht eine grau bezogene Couch auf der rechten Seite, auf ihr Decken, wie man sie Menschen mit Unterkühlung umhängt. Davor ein kleiner Tisch mit Glasplatte, leer. An der gegenüberliegenden Wand steht ein kleines Kästchen, auf ihm Handtücher, daneben ein metallener Kühlschrank mit einem Magneten, der ein FF-Logo zeigt. Das Ganze sieht aus, als stammte es aus einem scheiß IKEA-Katalog. Hinter all dem aber ist das, was ich erwartet habe, weil ich es seit meiner Kindheit von Bildern kenne: ein Panoramafenster, das den Blick in die Leere freigibt. In die tiefe Dunkelheit des Alls, in der sich die wenigen, kleinen Lichter fast vollständig verlieren.

Ich möchte fragen: Ist das echt? Oder nur eine Bildschirminstallation, die mir zeigen soll, was ich erwarte? Ist auch der Ausblick eine Art Beruhigungslitanei? Es muss doch Hunderte von diesen Wachräumen auf dem Schiff geben. Es können doch nicht alle ein Fenster nach draußen haben. Und überhaupt … warum bringen sie uns nicht zusammen? Warum wacht jeder für sich alleine? Fürchten sie die Gefahr eines Aufstands, wenn sich die Schlafenden wach treffen?

Aber ich bleibe stumm.

Sie müssen mir etwas gespritzt haben. Meine Muskeln erholen sich erstaunlich schnell. Mühelos gelingt es mir, aufzustehen. Und wenig überraschend habe ich nicht das Bedürfnis, mich sofort wieder hinzusetzen.

»Sie haben nun einen halben Tag für sich«, erklärt mir mein Aufwecker. »Danach schicken wir Sie zurück in die Hibernation.«

»Und Sie?« Auch meine Stimme ist nun wach. Das Sprechen strengt mich kaum noch an. »Sie bleiben die ganze Zeit bei mir?«

»Wenn Sie wollen.«

»Das ist Ihr Job?«

Er zuckt mit den Schultern. Ein entschuldigendes »Ja«, nehme ich an.

»In all der Zeit soll ich einfach nur dasitzen und warten, bis ich wieder eingeschläfert werde?«

»Mehr oder weniger«, ist seine Antwort. »Ihr Körper erhält zwölf Wachstunden. Nutzen Sie die Zeit. Vertreten Sie sich etwas die Beine. Nehmen Sie eine Dusche. Die Tür da hinten führt in ein Badezimmer.«

»Das ist alles?«

Er nickt, als würde er genau wissen, wonach mir ist.

»Bevor Sie fragen: Nein, es gibt hier kein Netz. Nicht mal einen Bildschirm. Sie können keine Serie streamen. Um ehrlich zu sein: Es gibt nicht einmal etwas zu lesen. Die Ärzte halten es für klüger, wenn sich die Wachen nicht zu sehr ablenken können. Fokus auf sich selbst und so, verstehen Sie?« Er wartet meine Antwort gar nicht erst ab. »Wenn Sie einen Druck verspüren, gehen Sie auf die Toilette. Ist kein Muss, aber auch kein Schaden. Haben Sie Hunger? Manche haben Hunger. Trotz der Infusionen. Wenn Sie Hunger haben, oder auch Durst, finden Sie Kleinigkeiten im Kühlschrank.«

Ich habe keinen Hunger.

»Vielleicht später. Ach ja, noch zwei Dinge. Wenn Sie in der Kapsel Albträume hatten, versuchen Sie die Erinnerungen nicht zu verscheuchen. Lassen Sie sie zu. Kann in der nächsten Kryophase helfen.«

»Gut«, sage ich, ohne zu wissen, wie man Erinnerungen verscheucht. Wüsste ich es, wäre ich ein glücklicher Mensch. »Und die zweite Sache?«

»Na ja«, sagt er, als würde er sich die folgenden Worte erst zurechtlegen müssen. Dabei dürfte er dieses Gespräch schon ungezählte Male geführt haben. »Wir empfehlen Ihnen, zu onanieren. Am besten zwei- oder dreimal. Hilft Ihnen und Ihrem Körper.«

»Gut«, sage ich erneut, ohne wirklich zu verstehen, wobei mir das Onanieren helfen soll.

Er hatte auf einen Gesprächseinstieg gehofft. Dass ich irgendeinen Witz über seinen Appell zur Selbstbefriedigung mache. Oder zumindest blöd grinse. Ich sehe es an seinem Gesicht. Er aber sieht in meinem nichts.

»Ich werde Sie jetzt einige Stunden allein lassen«, sagt er in die Stille hinein. »Dort neben dem Tisch ist ein Knopf. Wenn Sie ihn drücken, bin ich wenigen Augenblicken da. Haben Sie verstanden?« Er sagt es so eindringlich, als würden sie einen Suizid befürchten. Er geht zur Tür, dreht sich aber noch einmal um. Wie in einem dieser alten Filme.

»Es ist gut, dass Sie die Reise trotzdem angetreten haben«, sagt er.

Ich sage nichts.

»Ich habe Ihre Akte gelesen. Ihre Frau hätte eigentlich auch reisen sollen, richtig?«

Ich sage nichts.

»Diese Geschichte hören wir immer wieder, wissen Sie: Ein Paar meldet sich an, und dann bleibt doch einer zurück.«

Du bist zu jung, Bürschchen, um mit mir über diese Dinge sprechen zu dürfen, denke ich.

»Es ist gut, dass Sie die Reise angetreten haben«, wiederholt er.

»Ach wirklich?« Ich kann nicht anders, als mein Schweigen doch zu brechen. Ich presse die Worte hervor, dass es wie ein Schnauben klingt. Weil alles in mir diese Aussage anzweifelt.

»Ja«, sagt er bestimmt.

»Warum?« Meine Frage klingt wie ein Bellen.

Er deutet in eine Richtung, als würde er wissen, wohin wir fliegen. »Weil ein neues Leben vor uns liegt«, sagt er.

Ich frage mich, ob es Teil seines Jobs ist, pathetische Kalendersprüche von sich zu geben. Vielleicht aber meint er es tatsächlich ernst. Immerhin ist auch er unterwegs. Immerhin hat auch er alles zurückgelassen.

Aber sicherlich keine Frau, mit der er acht Jahre lang verheiratet war.

Als er endlich gegangen ist, wasche ich meinen Kopf mit kaltem Wasser. Ein rituelles Überbleibsel des alten Lebens. Als müsste ich mich frisch machen. Als hätte ich im Kryoschlaf nicht genug gefroren. Das Badezimmer ist winzig und schmucklos. Der Spiegel so klein, als wollte man unbedingt verhindern, dass wir Wachen unser fremdes Chemotherapiegesicht sehen können. Ich versuche dennoch, mir in die Augen zu blicken: Wer bin ich, und wer bin ich geworden? Ich betaste die ungewohnte Leere meiner Kopfhaut und begreife, dass ich, literarisch gesehen, eine tragisch schöne Figur bin: traurig, verlassen, allein, am Scheideweg. Das Herz zu schwer, die Gefühle zu groß, die Welt zu klein. Aber den Kummer zu betrachten und der Kummer zu sein, in diesen wenigen Zentimetern zum Spiegelglas hin – darin liegt der Unterschied zwischen Ästhetik und echtem Leben.

Ich habe ein Jahr geschlafen.

Sie ist nun einunddreißig.

Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Wir wissen, dass Sie verwirrt sind. Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Sie sind an Bord des Kolonieschiffes Fast Forward. Sie haben fünf Jahre lang geschlafen. Sie sind gesund und am Leben. Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Wir wecken Sie regelmäßig auf …

Mein neuer Aufwecker ist so etwas wie das Gegenmodell zum ersten. Er ist wesentlich älter als ich, hat bereits graue Haare und einen dichten Bart. Für einen kurzen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, dass ich belogen werde, dass ich doch länger geschlafen habe, als sie mir sagen und dass es dieselbe Person ist, derselbe Aufwecker. Nur als alter Mann. Aber das ist Bullshit. Ich habe nur fünf Jahre geschlafen. Und außerdem hibernieren die Aufwecker zwischen ihren Diensten ebenso, wenn nicht, würde sich niemand für diesen Job melden.

Der Alte verliert kaum ein Wort. Keine halbe Stunde nach der Litanei stehe ich bereits allein am Panoramafenster des Wachraums. Die Aussicht hat sich nicht verändert. Und auch sonst ist alles wie beim ersten Mal: Sobald ich allein bin, fallen die Erinnerungen wie aus dem Nichts über mich her. Hier in der Leere bin ich meinem Gedächtnis noch mehr ausgeliefert als auf der Erde. Eine Erinnerung nach der anderen springt mich an. Als gäbe es da einen Berg, den ich Stück für Stück abzuarbeiten habe.

Was ist es anderes, das in einem Trauernden wütet, wenn nicht Erinnerung?

Nummer 2216: Ein Badeausflug an einem namenlosen Augusttag. Wir kannten uns erst wenige Wochen. Wassermelonen und Wodka. Sie trug ein blaues Sommerkleid. Und roch noch in der Nacht nach Sonnencreme.

Das Ganze gleicht einer Zeremonie nach strengem Protokoll: Die jäh aufgerufene Erinnerung zwängt sich durch mein zu enges Gedächtnis, gibt meinem Herzen zuerst einen Stich und reibt es dann mit ihren rostigen Spitzen blutig, bevor sie sich auf das Häuflein der abgearbeiteten Erinnerungen legt – ein Häuflein, von dem sie jedoch jederzeit aufs Neue aufgerufen werden kann, um noch einmal durch meinen Kopf und meine Eingeweide zu kriechen, wenngleich: Ist der Schmerz vertraut, geht es meist schneller.

Natürlich wirkt das alles auf Außenstehende peinlich. Das weiß ich. Denn letztlich nimmt den Liebeskümmerling niemand Ernst. Die Kunst nicht: Sie verklärt ihn zur tragisch schönen Figur. Die Mitmenschen nicht: Stirbt deine Frau an Krebs, bekommst du dein restliches Leben mitleidige Blicke. Fickt deine Frau einen anderen und packt ihre Koffer, bekommst du nur Kalenderweisheiten.

Es gibt auch andere Frauen.

Das wird wieder.

Die Zeit heilt alle Wunden.

Ich blicke in mein Gesicht in den zu kleinen Spiegel. Fünf Jahre. Und ich bin keinen Tag gealtert.

Du aber bist nun sechsunddreißig. Bist du noch mit ihm zusammen? Mit diesem Eduard? Habt ihr Kinder? Wie ist es dir ergangen? Ich will dir schreiben. Mit dir sprechen. Dich fragen, wie es dir geht. Vor allem aber will ich, dass du mir zuhörst. Was aber würde ich dir erzählen? Möchte ich dir erklären, dass du einen Fehler begangen hast? Sicher. Möchte ich dich beschimpfen? Auch. Vor allem aber spüre ich den Drang in mir, dir Grundsätzliches über das Leben, die Liebe und die ganze Scheiße zu erzählen. Dinge, die ich verstanden habe. Und du nicht.

Ach.

Wärst du doch bei mir geblieben. Nicht aus Liebe. Liebe trägt nur ein Stück weit, dann bricht sie weg – das weiß ich, denn ich bin nicht so naiv, wie du immer gedacht hast. Wir werden verführt von Möglichkeiten. Wir hoffen auf Besseres. Wir langweilen uns. Wie soll man bei alldem zusammenbleiben? Und vor allem: warum? Aber es gäbe da etwas, das trägt. Nicht Liebe. Nein: Trotz. Eine Beziehung kann nicht auf einem »Ja, ich will« aufbauen. Das ist ein romantisches Missverständnis. Aber auf einem »Trotzdem«. Für eine echte Beziehung braucht es Rebellion. Man muss sich gegen die Gesetze auflehnen wollen. Aber dazu warst du nicht bereit. Du bist den billigen Weg gegangen. Den bequemen.

Sprich nicht mit der Krankheit, unterbreche ich mich. Davon wird niemand gesund.

Sätze wie dieser fallen mir zu Dutzenden ein. Jede Minute. Der Verlassene ist eine Fabrik schlechter Metaphern.

Da! Schon wieder.

»Den Rest holt mein Bruder«, hatte sie gesagt. Das war ihr letzter Satz gewesen. Auch er eine Lüge.

Nach einigen Stunden kommt der alte Aufwecker zurück. Er fragt das Übliche. Ob alles in Ordnung sei. Ob ich etwas wünsche. Ob ich Hunger oder Durst habe. Ob ich duschen möchte. Ob ich mehr Handtücher brauche. Hotel-Small-Talk. Nur, dass man nicht über das Wetter reden kann.

»Sie erinnern sich daran, was man Ihnen empfiehlt, im Badezimmer zu tun?«

Ich nicke.

Wenn es mir gelingt, zu kommen, ohne sie vor meinem geistigen Auge zu sehen, fühlt es sich fast therapeutisch an.

Die rechte Hand als Sigmund Freud.

Damals habe ich dir oft geschrieben. Nach deinem Auszug. Du warst bei ihm und ich war allein. In unserer Wohnung. Ich habe dir elend lange Nachrichten geschickt. Immer wieder. Auch mitten in der Nacht. Vor allem dann. Aber es kam nichts zurück, das es wert gewesen wäre, es nicht zu löschen. Bloße Postkartensätze.

Ich hoffe, es geht dir gut.

Ich wünsche dir das Beste.

Ich will dich nicht leiden sehen.

»Dieser Bescheid ist automationsunterstützt erstellt worden und bedarf daher keiner Unterschrift (§ 18 Abs. 4 AVG).«

Das ist die Tragik des Verlassenwerdens: Der, der geht, versteht die Tragik nicht. Und wie sollte es auch anders sein? Du warst verliebt, bist es vielleicht immer noch, und Verliebtsein stumpft einen ab. Höhlt einen aus. Es ist eben nicht so, dass Verliebte besonders intensiv fühlen würden. Im Gegenteil: Verliebte sind unsensibel, dumpf und kalt.

»Sie haben noch fünf Stunden«, sagt mein Aufwecker. »Dann beginnt der erneute Vitrifizierungsprozess.«

Der Rest? Wurde nicht vom Bruder geholt.

Der Rest war ich.

Und ich bin hier.

Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Wir wissen, dass Sie verwirrt sind. Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Sie sind an Bord des Kolonieschiffes Fast Forward. Sie haben vierzig Jahre lang geschlafen. Sie sind gesund und am Leben. Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Wir wecken Sie regelmäßig auf, damit Ihre biologischen Funktionen aktiv bleiben. Sie haben sich für unser Programm gemeldet, um ein neues Leben zu beginnen. Wir reisen zu dem Exoplaneten Omnianova. Alles ist gut. Ihr Name ist Carver. Wir wissen, dass Sie verwirrt sind …

»Haben Sie Fragen?«

»Fragen?«

»Zu unserer Reise. Die meisten Wachen wollen wissen, wo wir sind. Ob alles glatt läuft. Wie lange es noch dauert. Wie alt der Kapitän mittlerweile ist.« Das Letzte soll ein Witz gewesen sein, glaube ich.

»Okay. Gut. Also: Läuft alles glatt?«

»Ja.«

»Wie lange dauert es noch?«

»Noch zweimal schlafen, dann ist Neutaufe.«

»Was heißt das?«

»Das sagt Ihnen nichts? Mit der Fast Forward sind wir gestartet. Da die Systeme aber ständig gewartet und überarbeitet werden, stellt sich die Frage, ab wann es quasi ein neues Schiff ist, verstehen Sie? Nach der Hälfte der Reise wird das Schiff daher neu getauft. Mit einem großen Fest der Crew und so. Ist auf Schläferflügen Tradition.«

»Und eine Metapher«, sage ich leise. Man kommt in einem anderen Schiff an als in dem, mit dem man losflog.

»Was?«

»Nichts.«

Ich esse eine Packung Astronautennahrung aus dem Kühlschrank, oder eher: ich würge es – was immer es ist – hinunter, denn obwohl mein Magen vor Hunger rumort, ekelt mich vor jedem Bissen. Während ich in der Nähe des Fensters auf- und abmarschiere, mich zwinge, die gräuliche Substanz zu kauen und zu schlucken, lehnt der Aufwecker neben der Badezimmertür, darum bemüht, ein Gespräch in Gang zu halten. Vielleicht ist er auch nur gelangweilt. Er fragt mich, was ich über Omnianova weiß – natürlich nicht mehr als er – und wie ich mir das Leben dort vorstelle. Aber obwohl er viele Worte gebraucht, spricht er nie über Konkretes. Welchen Job er dort machen will. Wie er sich die Vegetation vorstellt. Die Landschaft. Die Siedlungen. Nein. Er spricht immer nur über sich.

»Ich fange noch mal von vorne an«, sagt er. »Ganz von vorne. Ich bin zwar älter als Sie, aber für einen Neuanfang ist man nie zu alt, richtig?« Ich dürfte damals recht gehabt haben: Die Aufwecker werden für kitschige Kalendersprüche bezahlt. »Natürlich ist es schmerzhaft, das alte Leben hinter sich zu lassen«, fährt er fort. »Wie auch nicht? Es war ja meistens ein gutes Leben, oder? Aber es fällt auch Ballast ab. Jede Menge Ballast. Dinge, die einen runterziehen.« Er schaut mich an, als würde ich nur allzu gut wissen, wovon er spricht. »Früher war alles vorgegeben. Was man so macht. Wer man so ist. Alles war fix, oder? Und man hatte das Gefühl, nichts mehr ändern zu können. Ein bloßer Passagier zu sein. Aber dort, wohin wir unterwegs sind, dort ist alles noch neu. Unverbraucht. Vor allem wir.«

Ich weiß nicht, ob ich ihm folgen kann. Nehme ich mich selbst nicht mit ins neue, unverbrauchte Leben? Aber vielleicht höre ich ihm auch nicht aufmerksam genug zu, um seine Argumentation beurteilen zu dürfen. Immerhin muss ich kauen. Immerhin springen mich wieder die Erinnerungen an.