NOVA 37 -  - E-Book

NOVA 37 E-Book

0,0

Beschreibung

NOVA Storys Herbert W. Franke: Rettet uns! Veith Kanoder-Brunnel: Waldgeister Heidrun Jänchen: Die Jahrgangsbeste Christian Endres: Die neue Gedankenschwere von Mäusen in der Schwerelosigkeit Gabriele Behrend: Die singenden Gärten von Floralys Gard Spirlin: Octopodia Ralph Alexander Neumüller: Am Brunnenboden Regina Schleheck: Wurzelgemüse Karin Reddemann: Der hohlköpfige Held Monika Niehaus: Reine Logik Marianne Labisch: Alarm Andreas Flögel: Intelligenz wird überbewertet Susann Obando-Amendt: Die Flüsterhexe von Joschija Wolf Welling: Das Messias-Training Ansgar Sadeghi: Die Intelligenz der Mudru Friedhelm Schneidwind: Klänge weben Achim Stößer: Zwischenstille im Kopf Corinna Griesbach: Brenda Jörg Weigand: Ferne Verwandte Johann Seidl: Synapsen aus Licht Jacqueline Montemurri: Myzelium Detlef Klewer: Hundehirn Maximilian Wust: Metanoq Christian Künne: Die Traurigkeit der Sonnen Christian J. Meier: Silbernetz Arno Endler: Ein Kammerspiel zweier Ungleicher Heidrun Jänchen: Kinder des Waldes Thorsten Küper: Abmaba can fix it Die Gaststory: Nina Munteanu: Der Weg des Wassers NOVAsekundär Dominik Irtenkauf: Die Intelligenz der Honigbienen. Dominik Irtenkauf: Intelligente Bewegungsformen Dominik Irtenkauf: Philosophie & Science-Fiction: Eine zu entdeckende intelligente Beziehung. Dominik Irtenkauf: Sammelinterview zu anderen Intelligenzen Thomas Ballhausen: Fantastisches Erzählen im Zeichen »Künstlerischer Intelligenz«. Eine Wiederbegegnung mit Moebius Zura Jishkariani: Abkömmlinge der Sonne. Die Hypothese des toten Universums Mit Illustrationen von Gabriele Behrend, Uli Bendick, Mario Franke, Frank G. Gerigk, Stefan Junghanns, Veith Kanoder-Brunnel, Detlef Klewer, Andreas Schwietzke, Achim Stößer und Maximilian Wust.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 724

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



NOVA 37

Magazin für spekulative Literatur

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

©dieser Ausgabe: Oktober 2025

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Omar Sahel (Pixabay)

Illustrationen: Gabriele Behrend, Uli Bendick, Mario Franke, Frank G. Gerigk, Stefan Junghanns, Veith Kanoder-Brunnel, Detlef Klewer, Andreas Schwietzke, Achim Stößer, Maximilian Wust

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Redaktion NOVAstorys: Marianne Labisch

Redaktion NOVAsekundär: Dominik Irtenkauf

Redaktion Grafik: Marianne Labisch

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

www.nova-sf.de

www.facebook.com/novamagazin

ISSN: 1864 2829

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 479 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 678 0

Marianne Labisch: Editorial

Herzlich willkommen zur neuen NOVA Ausgabe.

Normalerweise ist NOVA themenungebunden und nun halten Sie mit diesem Magazin schon die zweite Themenausgabe kurz hintereinander in Händen. Die Letzte war die Nummer 35, mit der wir versucht haben, mehr Frauen als NOVA Autorinnen zu gewinnen. Und in dieser Ausgabe geht es nun um Intelligenz. Nein, nicht um KI! Die ist ja momentan in aller Munde und wir wollten einmal darauf aufmerksam machen, dass es weit mehr Intelligenzen gibt.

Ausschlaggebend war die Kurzgeschichte von Herbert W. Franke, »Rettet uns!«, die wir als Erste hier abgedruckt haben, damit die Inspiration zur Themenausgabe ersichtlich wird. In dieser Story geht der Mensch wie selbstverständlich davon aus, dass er die Intelligenz für sich gepachtet hat, und wird überrascht.

Die Geschichte hat mich beim ersten Lesen direkt gepackt und lange nachgewirkt und so sind wir in der Redaktionskonferenz darauf gekommen, dass es sich lohnen könnte, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen.

Aber keiner von uns hat geahnt, dass die Resonanz so groß sein würde. Offensichtlich haben wir uns für ein interessantes Thema entschieden. Deshalb ist diese Ausgabe auch etwas umfangreicher geworden als die letzte. Wir hoffen, dass Sie sich in die verschiedenen Welten entführen lassen und beginnen, über das Thema nachzudenken, dass Sie neue Ideen entdecken und sich bestenfalls an der einen oder anderen Stelle fragen: »Ja, was wäre eigentlich wenn?«

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen gute Unterhaltung.

Marianne Labisch

stellvertretend für das Team NOVA

P.S.: Nein, keine Bange, nun wird es vorerst keine Themenausgaben mehr geben. ;-)

*** NOVAstorys

Herbert W. Franke: Rettet uns!

Der Mensch das einzige Intelligenzwesen auf der Erde? Nicht unbedingt! Schon seit langem kennt man die Intelligenz der Wale; während sich überlieferte Meinungen über Erde und Natur in anderen Fällen meist als unhaltbar erwiesen hatten, so wurden die Geschichten, die man sich beispielsweise über Delfine erzählt, durch die Wissenschaft eher bestärkt. Dann ist es aber auch nicht mehr gerechtfertigt, den Menschen als Prototyp für außerirdische Intelligenz zu nehmen.

Der Verfall ging nun rascher vor sich. Über zwei, drei Generationen hinweg hatte sich das natürliche Gleichgewicht noch halten können, hatte sich gegen die Kräfte der Zerstörung gewehrt, doch nun war es endgültig zerbrochen. In den großen Städten schwelten die nuklearen Brände, nur noch wenige Menschen waren am Leben, und die zogen plündernd durch die wenigen ländlichen Gebiete, die vom letzten Krieg verschont geblieben waren. Doch wenn sie auch hier und dort noch Lebensmittel zu finden vermochten, so hatten sie doch keine Chance – das Wasser war verseucht, die Luft voll giftiger Gase, und es gab keine Möglichkeit, sich davor zu schützen.

Im Vergleich dazu war Reykjavik eine Oase des Friedens. Und speziell die Mitarbeiter des Instituts der Internationalen Piccard-Gesellschaft merkten wenig vom Prozess der Auflösung. Gewiss konnten auch sie sich nur mit Atemmasken ins Freie wagen, doch für Ernährung und Heizung war gesorgt. Die Energie erhielten sie vom nahe gelegenen Kernkraftwerk, dessen Uranvorräte noch zehn Jahre reichen mochten, und die Nahrungsmittel holten sie sich aus dem Meer. Chemiker und Biologen hatten zusammengearbeitet, um die Fische von den schädlichen Spurenelementen zu befreien, und ihre Methode schien zu wirken.

Um so besorgniserregender aber waren die Nachrichten, die sie aus der übrigen Welt bekamen. Gewiss war das Netz der Telekommunikation längst zusammengebrochen, vor einem Jahr hatten sie noch Notrufe aufgefangen, doch diese waren inzwischen verstummt. Nur noch die Beobachtungssatelliten zogen ihre Bahn, als wäre nichts gewesen, darunter auch militärische, die scharfe Bilder von jedem beliebigen Teil der Erdoberfläche bringen konnten. Die Spezialisten des Instituts für die Erforschung hoher Atmosphäreschichten hatten sie angezapft – unter ihre Kontrolle gebracht. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten sich den Anblick der zerstörten Erde erspart.

Leonard stand auf der Plattform, die das Dach seines zum Teil unterirdischen, unter die Meeresoberfläche gebauten Laboratoriums bildete. Die steil abfallenden Felsen waren bis zu einer Höhe von zwanzig Metern mit dichten schmierigen Schichten von Ölrückständen bedeckt. Das Wasser spülte sie immer wieder herab, warf aber zugleich neue Fettschichten dagegen. Die Quelle dieser Verunreinigungen waren die zweifellos noch immer sprudelnden Ölquellen der Nordsee, die Wirkung des in die Tiefen gepumpten Quellschaums mochte noch Jahre anhalten.

Trotz des verschmutzten Wassers und der vom Südosten herandrängenden Schwefelwolken war die Landschaft schön. Die Wellen rollten an wie seit Jahrmillionen, die Berge sahen aus, als seien sie für die Ewigkeit gebaut – unabhängig von dem, was Menschen mit diesem Planeten anstellen sollten. Freilich – es war nicht die liebliche Natur romantischer Ästheten. Als Leonard vor einigen Jahren zum ersten Mal von hier aus aufs Meer hinausgeschaut hatte, war er im Zweifel darüber gewesen, ob seine freiwillige Meldung zu diesem Forschungsprojekt richtig gewesen war. Inzwischen wusste er es: Mit seiner Arbeit, der Erforschung des Kommunikationsverhaltens der Wale, hatte er Erfolg gehabt. Doch abgesehen davon hatte ihm der Aufenthalt in der Kältezone Islands zweifellos das Leben gerettet. Wie lange würde dieser Schutz noch reichen?

Ein schriller Klingelton riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf die Uhr: höchste Zeit für die tägliche Konferenz! Er zog die watteverstärkte Jacke enger um den Hals und machte sich auf den Weg.

Die Besprechung fand im kleinen Versammlungsraum von Direktor Bricksby statt. Vor dem Fenster standen Topfpflanzen, und so konnte man den Eindruck haben, die Aussicht über das in Stufen angelegte Terrain mit den einzelnen Instituten sei mit Palmen, Farnen und Gummibäumen begrünt.

Am Anfang gab es den üblichen Situationsreport. Die von Schwelbränden erfassten Waldreste, die Ausbreitung von Chemikalien aus ehemaligen Chemiewerken, die Verschmutzung des Meeres, die mit einer explosiven Vermehrung bisher unbekannter Algensorten verbunden war …

Im Grunde genommen waren es Schreckensmeldungen, aber die Wissenschaftler waren längst abgestumpft, schienen dem Sinn, der in den Worten der Kollegen lag, gegenüber taub.

Dann folgten Zusammenfassungen der wichtigsten Arbeitsergebnisse – was eigentlich genauso überflüssig war wie das Bemühen, einen Überblick über den Stand der Dinge zu behalten; einen Nutzen daraus konnten sie sowieso nicht ziehen. Und ihre wissenschaftlichen Forschungen? Brommann berichtete gerade über seine Messungen in der Nordlichtzone. Er sprach von Ballonen und Miniraketen, von Sensoren und Messsendern und versah seine Ausführungen mit einer Fülle von Daten, die wahrscheinlich nur er allein verstand. Was nutzte ihnen die Erkenntnis, dass unter bestimmten Umständen starke Ionenströme zur Erde heruntergingen? Was konnten sie mit einer genauen Vermessung der Resonanzzone anfangen? Wahrscheinlich war das alles nur ein krampfhafter Versuch, die Gedanken vor der Realität zu verschließen, sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft zu verkriechen. Schließlich erging es ihm, Leonard, nicht anders. Wenig später erzählte er von seinen Versuchen mit den Walen, von den Unterwassermikrofonen, mit denen er ihre akustischen Signale auffing, von seiner These, dass sich die Meeressäuger über das Medium Wasser rund um den Erdball herum verständigen konnten, dass sich einzelne Individuen auf bestimmte Frequenzen einstellten und sich auf diese Weise ungehindert von allen anderen unterhielten. Leonard merkte das gespielte Interesse oder auch die rücksichtslose Gleichgültigkeit seiner Kollegen, und wenn er sich einen Moment lang darüber geärgert hatte, so war das sofort wieder verflogen – denn er verhielt sich auch nicht anders. Zuletzt kam Sören, sein einziger engerer Freund, zu Wort. Er war Astronom, Kosmologe, und damit war sein Arbeitsfeld der täglichen Realität noch entschiedener entrückt als das der andern. Leonard registrierte, dass er Sörens Worten mit Anteilnahme lauschte. Zwar nahm er den Sinn der Ausführungen nur beiläufig auf, was ihn anrührte, war der Eifer des jungen Mannes, der das Zeug gehabt hätte, ein großer Wissenschaftler zu werden – unter anderen Umständen, versteht sich. Er hielt sich nicht an die fünf Minuten Redezeit, sprach in seiner gewohnten Art ein wenig langsam – von irgendwelchen Objekten, die er im Bereich des Sonnensystems, zwischen Jupiter und Saturn, entdeckt hätte. Zu Normalzeiten wäre das eine Sensation gewesen, jetzt hörte keiner hin. Alle waren froh, als die Sitzung beendet war.

Die Zeit verging, kaum dass man es merkte. Höchstens daran, dass die Wolken immer dichter wurden, die Luft immer schlechter, selbst durch die Atemmasken spürte man die säuerlichen Gase und hielt sich möglichst wenig im Freien auf. Das Meer spülte nun gelegentlich auch rötliche Algenlagen heran, die, wenn sie an den Felswänden kleben blieben, braune Krusten bildeten.

Die Sitzungen verliefen eintönig wie immer, so sehr sich Bricksby auch darum bemühte, seine Mitarbeiter durch ein wenig Lob oder Tadel zu aktivieren. Er wies auf die Bedeutung der Forschungen hin – auf Leonards Feststellung, dass der Signalaustausch zwischen den Walen in den letzten Tagen erheblich an Intensität zugenommen habe. Und auf Sörens Beobachtungen der unbekannten Objekte, die sich der Sonne und damit auch der Erdbahn näherten …

Es war Herbst geworden, für Stunden setzte heftiger Schneesturm ein. Die vom Himmel herabfallenden Flocken hatten abenteuerliche Farben – grau, braun und rot. Leonard musste an die »blutigen Regenfälle« denken, die die Bevölkerung früher oft in Angst und Schrecken versetzt hatten. Die Ursache waren winzige rostrote Staubteilchen gewesen, die der Wüstenwind in Afrika aufgewirbelt und über Hunderte von Kilometern nach Norden getragen hatte. Auch die Färbung des Schnees ging auf eingeschlossenen Staub zurück, doch dieser war weit weniger harmlos; Carpentier, der Physiker, hatte merkliche Radioaktivität darin festgestellt.

Leonard entschloss sich zu einem Besuch Sörens, den er – was ungewöhnlich war – einige Tage hindurch nur während der Sitzungen gesehen hatte. Er fand den Kollegen am Teleskop. Er blickte kaum auf, als ihn Leonard ansprach, rückte aber dann zur Seite und bat ihn, seinen Platz einzunehmen. »Schau selbst!«, sagte er.

Da waren sie, die mehrfach erwähnten Objekte! Einen Moment lang vergaß Leonard die Situation und spürte etwas von jener Begeisterung, die jeder Wissenschaftler kennt, wenn er etwas Neues entdeckt hat. Es waren acht oder zehn Objekte – genau konnte er es nicht erkennen, da sie sich teilweise verdeckten –, sie sahen anders aus als jedes bekannte astronomische Gebilde: in mehrere kugelförmige Abschnitte gegliedert.

»Diese Kugeln …«, sagte er, »sollten es Asteroiden sein, die irgendeine Kraft zusammenhält?«

»Keine Kugeln«, sagte Sören. »Das sind Polyeder – ich habe es durch Reflexionsmessungen festgestellt.«

Leonard löste das Auge vom Okular, drehte sich erstaunt zu Sören um. »Aber das gibt es …« Er sprach nicht weiter.

Sören nickte: »Du denkst schon das Richtige! Es sind Raumschiffe!«

Eine Weile diskutierten sie erregt, dann war Leonard plötzlich still – einen Moment lang hatte er die alltäglichen Sorgen vergessen. Sören hatte den Stimmungsumschwung bemerkt. »Was ist mit dir los? Ist dir schlecht?«

»Eine wunderbare Entdeckung«, murmelte Leonard. »Noch vor einigen Jahren …«

»Hast du schon völlig resigniert?«, rief Sören. »Verstehst du nicht: Das könnte die Rettung sein!« Und als er das verständnislose Gesicht seines Freundes sah, erklärte er: »Vielleicht sind sie da, um uns aus dem Schlamassel herauszuholen. Vielleicht haben sie entdeckt, was hier geschieht – das kann doch kein Zufall sein … gerade jetzt …«

Er vergaß, den Satz zu beenden, so intensiv dachte er nach. Dann sprang er auf und sagte eilig: »Wir müssen versuchen, Verbindung herzustellen. Wir müssen um Hilfe bitten. Ich gehe hinüber zur Sendestation. Vielleicht weiß Brommann einen Rat!« Er entschuldigte sich undeutlich, lief hinaus und ließ Leonard im Zimmer stehen. Gedankenverloren streifte dieser seine Atemmaske über und trat zur Tür.

Am nächsten Tag war das ganze Institut in Aufruhr. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Hypothese von den Raumschiffen verbreitet. Ein hastig zusammengestelltes Team hockte oben, im Senderaum, und dann schienen sich die Ereignisse zu überstürzen: Im Kurzwellenbereich hatte man Signale aufgefangen. Und als man begann, auf derselben Frequenz zu senden, gab es eine unbezweifelbare Reaktion darauf. Zum Teil wurden Ausschnitte aus ihrer Sendefolge wiederholt, dann folgten wieder Signale völlig anderer Art, vorderhand nicht zu entziffern.

Man zog Leonard hinzu, der bisher zu jenen gehört hatte, die den Fortgang der Dinge nur von außen verfolgen durften. »Sie sind doch ein Spezialist für nichtmenschliche Kommunikation«, stellte Bricksby fest. Und übereifrig fügte er hinzu: »Sie behaupten sogar, den Gesang der Wale zu verstehen!«

»Es sind nur Vermutungen«, sagte Leonard vage. »Da gibt es einige Modulationen – ich glaube zu wissen, was sie bedeuten.«

»Na sehen Sie!«, rief Bricksby. »Zeigt ihm unsere Aufzeichnungen!« Er drückte ihm ein ganzes Bündel von Papierstreifen in die Hand, die von wellenförmigen Mustern bedeckt waren. Zögernd nahm sie sich Leonard vor, er hatte Angst vor den überzogenen Erwartungen der Kollegen. Er zog einen Streifen nach dem anderen zwischen Daumen und Zeigefinger hindurch, dann ließ er die Papiere sinken und schwieg. Bricksby stieß ihn aufmunternd die Faust in die Rippen. »Nun – was ist?«

Abrupt stand Leonard auf. »Wir sollten uns nichts vormachen«, sagte er hart. Dann besann er sich, bückte sich nach den zu Boden geflatterten Aufzeichnungen. »Lasst mir etwas Zeit – ich will mich in Ruhe damit beschäftigen.«

Das, was ihn so sehr erschütterte, war nicht das, was er befürchtet hatte: die in ihn gesetzte Hoffnung zu enttäuschen. Gerade das Gegenteil war der Fall: Er glaubte, verstanden zu haben! Es war unmöglich, verrückt – aber dieses Auf und Ab der Ausschläge entsprach überraschend dem, was er mit seinen Unterwassermikrofonen aufgefangen hatte. Und ein Abschnitt, der sich mehrfach wiederholte, hieß nichts anderes als: »Wartet ein wenig – wir kommen!«

Er saß in seinem Arbeitsraum, vor sich den Katalog seines phonetischen Vokabulars, er verglich, zählte die Zacken, vermaß die Abstände … Der fragliche Abschnitt war kurz, vielleicht eine zufällige Koinzidenz … eine einfache Folge kürzerer und längerer Zeichen – die Bedeutung konnte eine ganz andere sein. Und doch bestand Aussicht! Er durfte seine Entdeckung nicht verschweigen. Er griff nach dem Telefonhörer und gab sein Resultat bekannt.

Die Verbindung war hergestellt! Jeder, der die Funkkabine betreten durfte, konnte sich davon überzeugen. Brommann saß am Sender und gab Daten durch: Positionsangaben, aber auch meteorologische und erdphysikalische Daten – wenn die Fremden, die sich aus dem fernen Weltraum näherten, überhaupt verstanden, dann konnten ihnen solche Angaben von Nutzen sein. Immer wieder gaben sie die Position durch – und den Hilferuf: »Rettet uns!«

Mithilfe des Teleskops konnten sie beobachten, wie die Raumschiffe immer größer wurden. Ihre Form war noch weitaus komplizierter, als Sören zuerst angenommen hatte. Die riesigen Körper der Polyeder waren von vielfach ineinandergreifenden Verstrebungen umgeben, die wieder verschieden geformte Aufsätze enthielten.

Fünf Tage später erschienen sie am Himmel. Die Wolkendecke war aufgerissen – man konnte es fast ein Wunder nennen an diesen unfreundlichen Herbsttagen. Oder war es kein Wunder? Es sah so aus, als hätte sich gerade um ihren Ort herum ein Wirbelfeld gebildet, Wolkensträhnen, die mit rasender Geschwindigkeit im Kreis liefen, doch sie befanden sich im ruhigen Kern, und hier kam die Sonne durch.

Eine Stunde später schwebten die Raumschiffe über ihnen. Es sah aus, als befänden sie sich nur wenige Kilometer hoch, doch Sören versicherte, dass es über tausend waren. Da löste sich ein polyederförmiger Körper aus dem Verband; es war einer der kleinsten – zuerst hatten sie es nur durch das Teleskop beobachten können. Einige Minuten später allerdings wurde er mit freiem Auge sichtbar, gewann an Größe, näherte sich mehr und mehr, bis er über ihnen stehen blieb. Sein Hauptteil befand sich über der Bucht, in seinen glatten Seitenwänden spiegelte sich das Bild der Berge.

Die Wissenschaftler waren hinunter zum Meeresufer gerannt, dort, wo eine nur leicht geneigte Felsplatte einen natürlichen Versammlungsplatz bildete. Jene, die Familien hatten, waren mit Frauen und Kindern gekommen, und diese hatten Koffer und Taschen mitgebracht, als handelte es sich um eine Ferienreise.

Eine Weile geschah nichts, doch die gespannte Erwartung riss nicht ab. Dann entfaltete sich eine Verstrebung, eine Art Käfig wurde hinunterbewegt. Langsam senkte er sich bis an die Meeresoberfläche und tauchte dann ein, bis er von den Wellen überspült war. Kurze Zeit danach hob er sich wieder: Darin lag ein über 3o Meter langer Wal – regungslos, als wüsste er, dass es zu seinem Besten geschah. Er wurde ins Schiff gehievt, dann senkten sich weitere Behälter hinunter, fischten die Wale auf, brachten sie im geräumigen Inneren des Schiffes unter.

Nach zwei Stunden waren mehrere Hundert Wale geborgen. Einer der Behälter blieb noch einige Zeit unter Wasser und wurde dann leer eingeholt. Dann faltete sich das Gestänge zusammen, und der Polyeder stieg zuerst langsam, dann immer schneller empor. Zugleich begann die Wolkendecke, sich langsam zu schließen. Die Menschen unten am Meeresufer konnten gerade noch erkennen, wie sich die Raumschiffe wieder entfernten, allmählich kleiner wurden, verschwanden. Dann schloss sich die Wolkendecke vollends und ließ sie in einer düsteren Welt ohne Hoffnung zurück.

Erstveröffentlichung in:

WEIGAND, Jörg (Hrsg.): Rettet uns! Science Fiction. Die grüne Reihe, herausgegeben von Hubert Katzmarz, Band 1. Bonn: Die Mücke Verlag, 1988. 129–137.

Neuausgaben in:

FRANKE, Herbert W.: Der Spiegel der Gedanken. Science-fiction-Erzählungen. Phantastische Bibliothek Band 253. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1990. S. 111–118.

FRANKE, Herbert W.: Spiegel der Gedanken. SF-Werkausgabe Herbert W. Franke, Band 23, hrsg. von Hans Esselborn und Susanne Päch, AndroSF 108, August 2024, Winnert: p.machinery. S. 118–125.

Veith Kanoder-Brunnel: Waldgeister

Die Übertragungsqualität ist wie immer ausreichend. Nichts Weltbewegendes, doch wenn man bedenkt, dass wir weder Funk noch Kabel verwenden, immer wieder beeindruckend. Das Bild von Lasse ist etwas grisselig und hakt manchmal kurz, die Audioübertragung dafür glasklar.

»Genial, dass wir es schon einfach so nebenbei nutzen können«, sagt Lasse gerade, als habe er meine Gedanken gelesen.

»Ja, fast wie Discord. Auch wenn ich noch keinen praktischen Nutzen sehe, ist ja mehr Machbarkeitsnachweis.«

»Sag das nicht. Warst du mal in Deutschland?« Er lacht.

»Nee, wieso?«

»Ich war vorletztes Semester da, kleine Pension irgendwo im Norden, da musste ich mit dem Handy auch immer in den Wald gehen, um telefonieren zu können.«

»Äh … wie jetzt?«

»War dichter an der nächsten Stadt und damit am nächsten Funkturm –«

Das Bild flackert, füllt sich ein paar Mal mit Artefakten, bis es kurz wieder klar wird. Mein Herz scheint ein paar Schläge zu überspringen, mir bleibt die Luft weg. Da steht jemand hinter ihm! Dunkelrotes, robenartiges Gewand, Gesicht verschleiert und ein großes Küchenmesser in der Hand, erhoben zum Zustechen. Dann ist das Bild ganz weg und das Programm meldet ›Video signal lost, decoder error‹.

»Lasse, pass auf!«, schreie ich ins Headset. »Hinter dir!«

Audioübertragung scheint noch zu laufen, ich höre ein Poltern, dann ein Stöhnen. Kurzer Moment Stille, dann Lasses Stimme. »Svea, was soll diese Scheiße? Aua, verdammt, ich glaub, ich hab mir die Hand verstaucht.«

»Alles okay bei dir?«

»Jaja, sehr witzig, danke. Ich hab mich so erschrocken umgedreht, dass ich mit dem Stuhl umgekippt bin. Wenn da keine siebzig Kilometer Wald zwischen uns wären, würde ich jetzt hinter dir stehen und dich übers Knie legen. Scheiße, verdammt, ich hätte mir echt was brechen können, weißt du das?«

»Lasse, das war kein Witz. Da ist jemand bei dir im Zimmer. Mit einem Messer.«

»Das ist nur Michael Myers, den hatte ich zum Tee eingeladen. Kein Grund zur Sorge.«

»Ich hab es auf dem Bild gesehen. Der stand direkt hinter dir.«

»Echt jetzt? Wie kommt der denn nach Norwegen? Den lassen die mit Maske und Messer doch gar nicht ins Flugzeug.«

»Kannst du mal einen Moment aufhören, blöde Witze zu machen?«

»Wer hat denn damit angefangen?«

»Ich weiß, was ich gesehen habe. Hast du wirklich überall nachgeschaut?«

»Svea, da ist niemand. Da schleicht auch niemand im Flur rum, das würde ich hören. Du hast irgendein Störsignal gesehen und dein Gehirn hat dir einen Streich gespielt. Bist du übermüdet?«

»Kann schon angehen.« Möglicherweise hat er recht, war ein langer Tag. Das Bild war auch nur für den Bruchteil einer Sekunde da, vielleicht hab ich wirklich Gespenster gesehen. »Sorry noch mal, ich hab mich auch erschrocken. Vielleicht sollte ich wirklich schlafen gehen.«

»Mach das. Du musst morgen die Anlage durchchecken, warum das Bild ausgefallen ist. Was ist ein ›decoder error‹?«

Oh, wow. Endlich kann ich mal wieder was Qualifiziertes sagen. »Der Videostrom wird nicht mehr als bekanntes Dateiformat erkannt, folglich kann der Codec –«

»Ach, tatsächlich? Ich meinte, woran liegt das?«

»Wenn ich das wüsste. Irgendwie kommt der Strom nicht mehr sauber durch, da scheinen sich irgendwelche anderen Daten mit reinzumischen. Ich schau mir morgen die Anlage an, dann weiß ich hoffentlich mehr.«

Damit beenden wir unser Gespräch und ich komme seinem Vorschlag bezüglich Nachtruhe nach. Gehe noch schnell ins Bad, um mir die Zähne zu putzen, auch wenn ich mich schon zu müde dafür fühle, außerdem ist mir schwindelig. Aber sonst kann ich bestimmt nicht schlafen, weil etwas fehlt und sich falsch anfühlt, das wird eh schon schwer genug. Irgendwas stimmt nicht und das fühlt sich bedrohlich an. Am liebsten würde ich gleich rausgehen und das ganze Interface ausgraben, aber im Dunkeln sehe ich eh nichts. In der Hütte ist alles ruhig, Alex und Liv schlafen schon, und ich werde sie besser nicht wecken, das muss bis morgen warten.

Im Bett liege ich noch länger wach und muss immer wieder an dieses Bild denken. Was zum Teufel war das? Ich habe mir das nicht eingebildet, da kann Lasse sagen, was er will. Gestörte Videoübertragung hin oder her, zufälliger Datenmüll ergibt kein sinnvolles Bild, so was passiert einfach nicht. Oder habe ich schon Halluzinationen? Nein, bloß nicht an so was denken. Irgendwann zerfasern auch meine Gedanken wie ein durch den Waldboden geschickter Videostrom und ich schlafe endlich ein.

Alex weckt mich zum Frühstück. Es gibt aufgebackene Brötchen, Marmelade, Kaffee und Rührei – leider mit Pfifferlingen, die Liv frisch gepflückt hat. Wie kann man so was essen? Pilze sind Krankheitserreger oder Forschungsobjekte, aber ganz bestimmt keine Nahrung. Doch für den Kaffee bin ich wirklich dankbar.

»Harte Nacht?«, fragt Liv. »Du siehst wie ein Zombie aus.«

»Ich fühl mich auch so. Hab kaum geschlafen, es gibt ein Problem mit der Anlage.« Schnell fasse ich den beiden zusammen, was gestern Abend passiert ist.

»Abgefahren.« Liv schaut mich mit großen Augen an. »Und der stand wirklich hinter Lasse? Also beide im Bild?«

Hmm, jetzt wo sie fragt, bin ich nicht mehr so sicher. »Ich kann es nicht genau sagen, das Bild war nur für ein paar Sekundenbruchteile da und das von Lasse vielleicht noch auf meiner Netzhaut.«

»Trotzdem verdammt creepy«, kommentiert Alex. »Aber warte mal, dunkelrote Robe sagst du? Mit Kapuze?«

»Nein, eher irgendwelche Binden oder Schals oder so was. Hing hinten runter und flatterte im Wind.« Moment, was? Mir fällt gerade jetzt erst auf, was das für ein Blödsinn ist. Wind in Lasses Zimmer?

»Dann war’s der scharlachrote Messerstecher.« Er lacht. »Ich glaub, du schaust zu viel Fernsehen.«

»Fernsehen mach ich nie, ich kann das Geflimmer und Gebrüll nicht ab, wisst ihr doch. Über Inhalte rede ich mal gar nicht erst. Und was ist das schon wieder für ein alberner Name?«

»Das war nicht nur sein Name, sondern auch Filmtitel. Du hast ja recht, manchmal denke ich auch, man sollte die Kiste besser gar nicht erst anmachen.«

»Aber du hast es getan und den Film gesehen? Und da kam dieses Bild vor? Wehende Gesichtsverschleierung und erhobenes Messer?«

»Gefühlt alle drei Minuten. Das sollte wohl ikonografisch sein.«

»Jetzt ist nur noch die Frage«, wirft Liv ein, »wie kommt das in euren Videochat? Hat da drüben einer getestet, ob man das Fernsehprogramm durchs Netzwerk streamen kann?«

»Ergibt auch keinen Sinn«, wiegelt Alex ab, »der Film lief vor zwei Tagen beim Crime Night Special und nicht gestern Abend.«

»Tja, was sich liebt, das neckt sich halt.« Liv grinst und beschleunigt mein Hirn wieder mal auf Hochtouren.

Wenn ich das richtig verstanden habe, hat sie da gerade zwei Dinge impliziert. Lasse hat das Bild selbst in den Videostream eingefügt und ihn absichtlich zerschossen, um mir einen Streich zu spielen. Und er hat das getan, weil er in mich verliebt ist? Kann das angehen und er chattet deshalb so oft mit mir? Warum bin ich immer die Letzte, die so was mitkriegt? »Ich gehe ihn sofort fragen.«

»Du bleibst hier sitzen«, herrscht Liv mich an.

»Warum das?«

»Weil jetzt erst mal mein Rührei gegessen wird.«

»Aber doch nicht von mir, ich mag das eklige Zeug nicht. Da kann ich doch auch –«

»Und ob du das isst. Ich bin extra früher aufgestanden, um die Pfifferlinge zu pflücken. Und Pilze sind sehr gesund und lecker.«

»Ansichtssache.«

Sie nimmt einen Löffel voll aus der auf dem Tisch stehenden Pfanne und hält mir diesen hin. »Los, Mund auf. Stell dich nicht immer so an.«

Ich presse die Lippen zusammen und schüttle den Kopf. Sie greift mit der anderen Hand nach meinen Wangen, um mir den Mund gewaltsam aufzusperren. Wäre es okay, ihr jetzt eine reinzuhauen? Zum Glück muss ich die Entscheidung nicht treffen, Alex zieht sie schon zurück.

»Sag mal, spinnst du?«

»Nein, es nervt nur langsam. Immer muss sie aus der Reihe tanzen. Ich geb mir Mühe, hier was Leckeres auf den Tisch zu bringen, und dann kommt nur ›Ich mag das eklige Zeug nicht‹.«

Holla, klingt richtig hasserfüllt, wie sie mich nachäfft. Was geht denn jetzt ab? Ich nutze die Zeit, schnell aufzuspringen und mich auf mein Zimmer zurückzuziehen. Auf dem Flur bleibe ich aber noch kurz stehen, um zu lauschen.

»Liv, komm wieder runter«, mahnt Alex gerade. »Sie hat das doch nicht abwertend gemeint. Svea hat es nur nicht so mit angemessenem Sozialverhalten, weißt du doch. Und deins war übrigens auch gerade unter aller Sau.«

»Ja, aber auf sie müssen wir immer Rücksicht nehmen. Nur weil sie psychisch behindert ist.«

»Es reicht jetzt, ja? Svea ist nicht behindert, die ist nur Nerd.«

»Ja, aber ganz oben im Spektrum.«

»Liv, es reicht! Ich schlage vor, wir machen jetzt alle eine Stunde Pause und beruhigen uns wieder. Wir müssen hier ja noch ein bisschen länger miteinander auskommen. Sartre lässt grüßen.«

»Wer? Was hat der damit zu tun?«

Ich habe genug gehört und die Anspielung verstanden. Verdammt, Alex könnte recht haben. Ist das schon ein Hüttenkoller? Menschen machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle, wenn sie zusammen irgendwo festsitzen. Wir sind als geschlossene Gesellschaft zwar nicht wirklich eingesperrt und könnten jederzeit gehen, aber das Experiment ist wichtig. Lasses Doktorarbeit hängt davon ab und meine auch, obwohl seine viel wichtiger ist. Ich hätte ja im Prinzip auch genauso gut Theologie studieren und über Luthers Apfelbaum schreiben können, statt hier im Wald rumzusitzen.

Wir haben sechs von den angesetzten acht Wochen rum – und es sollte verdammt noch mal ein technologisches Experiment bleiben und kein soziales werden. Haben wir die Implikationen der Isolation unterschätzt? Vielleicht sollten wir vorzeitig abbrechen, wir haben ja bewiesen, dass das Konzept funktioniert. Wenn da nicht dieses Rätsel mit dem Fernsehbild wäre, das will ich wirklich noch aufklären. Ja, wie so vieles, was du dir vorgenommen und schon zu den Akten gelegt hast, höhnt eine innere Stimme. Lass mich in Ruhe, mir tut der Kopf weh.

Im Zimmer fahre ich den Laptop hoch, Netz wird als stabil für Datenübertragung angezeigt, auch wenn ich noch gar nicht an der Interface-Anlage rumgebastelt habe. War die Bildstörung vielleicht einfach wetterbedingt? Da unser biologisches Netz noch kein Internet hergibt, nehme ich das Handy zu Hilfe. Tatsächlich, letzte Nacht gab es Gewitter mit stärkeren Regenfällen, nicht bei uns oder bei der Hütte von Lasse, Harald und Wilma, aber irgendwo dazwischen. Ist ja ein riesiges Waldgebiet, durch das die Übertragung läuft. Eigentlich war das Experiment schon ein voller Erfolg. Lasses Hypothese, dass man Wälder als einen einzigen Organismus sehen müsste, in dem die Pilze so etwas wie ein weitverzweigtes unterirdisches Nervensystem bilden, über das die einzelnen Teile des Waldes miteinander kommunizieren, dürfte mit meinem Interface zur eigenen Datenübertragung eindeutig bewiesen sein.

Wenig später habe ich Lasse auf dem Monitor, wieder in gewohnter Bildqualität. »Du hast das Interface repariert?«, fragt er.

»Nein, ich hab noch gar nichts gemacht. Ich denke, das Gewitter war schuld.« Fürchten sich Wälder vor Gewittern, weil die einen Waldbrand auslösen können, überlege ich gerade. Können sie das, also sich fürchten, und daher war das Netzwerk gestört, so wie ich es auch nicht mehr schaffen würde, vernünftig mit anderen zu reden, wenn ich mit panischer Todesangst beschäftigt wäre? Nee, das ist doch unwissenschaftlicher Unfug, ich frag ihn lieber nicht, der lacht mich bestimmt nur aus. Er ist ja der Biologe und ich nur für die Technik zuständig.

»Mich hat auf jeden Fall immer noch keiner abgestochen. Und wie sieht’s bei dir aus? Ich hab letzte Nacht noch ein paar seltsame Textnachrichten von dir bekommen, hab ich gerade vor fünf Minuten gesehen und wollte dich auch anrufen.«

Textnachrichten? »Von was redest du?«

»Ah, dachte ich mir schon. Gehörte wohl auch zur Störung.« Apropos Störung, die ist immer noch nicht ganz weg, fällt mir auf. Bild und Tonspur sind leicht verschoben, das Gesagte passt nicht immer exakt zu den Lippenbewegungen.

»Der Wald hat dir was geschrieben?«

»Was? Nein, Unsinn. Das waren zusammenhanglose Textschnipsel aus älteren Nachrichten von uns, aus den ersten Testübertragungen. Ergab auch keinen Sinn. Die Störung muss irgendwie ein Echo verursacht haben oder so.«

Ein Echo? Es gibt keine Echos in Netzwerkübertragungen, dass manche Leute auch keine Ahnung von Computern haben! Daten müssten dafür irgendwo gespeichert werden, sonst können die nicht einfach so zurückkommen. Hat der Wald ein Gedächtnis? Kann man den nicht nur zur Datenübertragung nutzen, sondern vielleicht sogar als eine Art organische Festplatte? Deutet fast darauf hin, auch wenn ich ihr Dateisystem noch nicht verstehe – oder noch nicht einmal gefunden habe. Mir fällt dieser scharlachrote Messerstecher wieder ein. Ja, den saublöden Titel habe ich mir gemerkt, ich weiß, warum ich Fernsehen hasse. Memetische Umweltverschmutzung, so ein Müll brennt sich gleich ins Gedächtnis ein und man wird ihn nicht wieder los. Weil so viel menschlicher Schwachsinn ja schon wehtut. Ich muss nur einen Blick ins Fernsehprogramm werfen und denke sofort, ich gehöre hier nicht hin, ich muss ein Alien sein und wurde bei der Geburt vertauscht. Transdimensional irgendwie, keine Ahnung, wie das gehen soll. So, Schluss jetzt mit diesen blöden Gedanken, fokussieren!

»Ich weiß, woher das Bild stammt, das ich gestern gesehen habe. Laut Alex war das aus irgendeinem abstrusen Fernsehkrimi, der vor ein paar Tagen lief.«

»Ah, also auch ein Echo.«

»Wenn du es so nennen willst. Aber wie kommt das ins Netz?«

»Harald hat vor ein paar Tagen versucht, das Fernsehprogramm durchzustreamen, also das komplette für ein paar Stunden, ob ihr die einzelnen Sender wieder rausfiltern könnt, wie mit einer Satellitenanlage. Ihr habt doch sicher auch eine mitgebracht, oder?«

»Und warum hat er mich nicht informiert? Ich mach die Technik hier. Wie soll ich da irgendwas rausfiltern, wenn ich gar nicht weiß –«

»Nun reg dich nicht auf, es war nur ein erster Test, ob er die Daten da überhaupt reinkriegt. Hat aber nicht funktioniert, die Übertragung hat sich irgendwo verlaufen und kam gar nicht bis zu euch durch.«

»Nur dass es anscheinend irgendwo gespeichert wurde. Warum erfahre ich davon nichts?«

»Reg dich ab, was ist denn los?«

»Ach … darf ich dir ne blöde ganz direkte Frage stellen?«

»Es gibt keine blöden Fragen. Also los.«

»Lasse … äh … liebst du mich?«

»Was?«

»Ob du in mich verliebt bist. Liv deutete so was an.«

Verdammt, dass ich so schlecht in Körpersprache bin, aber ich hab den Eindruck, er wirkt etwas verlegen.

»In welchem Kontext denn?«

»Was weiß ich. Wie man verliebt ist halt.«

»Nein – in welchem Kontext hat sie das gesagt?«

»Streit, weil ich ihr Essen nicht mochte. Sie wollte mich sogar zwingen, das zu essen, aber Alex hat interveniert, bevor ich ihr eine zimmern konnte.«

»Eine zimmern bringt doch nichts. Du solltest dir ein Messer holen, sie erstechen und im Wald verscharren. Bevor sie das mit dir tut.«

Mir fällt die Kinnlade runter, hat er das wirklich gesagt? »Das ist ein Witz, oder?«

»Bin mir nicht sicher. Ich glaub, die ist stutenbissig.«

»Was?«

»Sagt man das nicht mehr? Eifersüchtig. Weil wir so oft reden. Die ist in mich verknallt und sieht dich als Konkurrenz. Ist zwar nur einseitig, aber das scheint sie nicht zu begreifen. Da werden Frauen doch immer gewalttätig.«

Ich glaub, ich hör nicht richtig. »Wann bist du denn Sexist geworden?«

»Ist das sexistisch?«

»Ja. Definitiv. Wir sind doch nicht alle verkappte Furien.«

»Okay, dann vergiss es. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Was ist nur los mit ihm? Er ist doch sonst nicht so drauf.

Plötzlich lacht er los. »Hey komm, war nur ein Witz.«

»Arschloch!«, schnaube ich. »Ich dachte, ich könnte mit dir reden.«

»Und ich dachte, das heitert dich auf.«

»Ach ja? Mir noch mal vorzuführen, dass ich Ironie nicht begreife? Nachdem Liv mich schon behindert nennt?«

»Oh, wow. Das muss ja richtig gekracht haben bei euch.«

»Ich merk Streit ja immer erst, wenn die Hütte brennt. Und beim Frühstück dachte ich, es ist kurz davor.« Ich atme tief durch. »Hier fühlt sich alles irgendwie total bedrohlich an.«

»Dir hat doch keiner wirklich was getan, oder?«

»Noch nicht. Aber das ist eine meiner größten Ängste. Irgendwo mit anderen zu sein, die ich immer weniger verstehe, und das alles eskaliert immer mehr. Bis wir wirklich irgendwann bei Messern sind.«

»Sorry, das wusste ich nicht.«

Jemand bollert gegen meine Zimmertür. »Wenn du uns beim Frühstück schon keine Gesellschaft mehr leisten willst, könntest du wenigstens den Abwasch machen.« Livs Stimme.

»›Fick dich doch selber‹«, raunt Lasse ins Headset. »Würde ich an deiner Stelle antworten.«

Ich antworte geringfügig anders. »Ja, mach ich. Kleinen Moment.«

»Lass dich nicht unterkriegen.« Lasse wieder.

»Ich muss mit der noch zwei Wochen auskommen«, erkläre ich ihm. »Da kann ich nicht ständig auf Konfrontation gehen und muss ihr auch mal entgegenkommen.«

»Ich weiß nur nicht, ob das helfen wird.« Sein Blick ist jetzt echt finster. »Svea, eine Sache noch. Ich halte deine Ängste für absolut gerechtfertigt. Pass bloß gut auf dich auf und dreh ihr nie den Rücken zu.«

Damit legt er auf – und lässt mich mit Schnappatmung zurück. War das wieder ein geschmackloser Scherz? Oder macht er sich wirklich Sorgen? Zum Teufel noch mal, ich muss meine eigenen Entscheidungen treffen und darf mich nicht immer auf die Meinung von anderen verlassen. Liv mag eine eingebildete Zicke sein, aber sie ist doch keine Killerin.

Zum Glück begegne ich ihr beim Abwasch nicht, sie hat sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Dafür gesellt sich Alex bald zu mir, als er mich mit Geschirr klimpern hört.

»Kannst du dir mal eben was ansehen? Ich hab hier eine Mail von Harald, aus der ich nicht schlau werde.«

Er auch, wie bei Lasse? »Kam die über das Waldnetzwerk oder Handy?«

»Ersteres natürlich, die haben da doch gar keinen Empfang. Und sonst würde ich dich nicht fragen, sondern auf Spam mit falschem Absender tippen.«

»Das scheint es bei uns aber auch zu geben. Was steht denn drin?«

Er kramt nach dem Handy, anscheinend hat er die Nachricht auf dem Bildschirm abfotografiert. Nein, ich weise ihn besser nicht darauf hin, dass das auch einfacher ginge.

»Also … hier steht: ›die stadt in fahren. haben keine genehmigt. dann stille. ist sonst du immer‹.« Er schüttelt den Kopf. »Kriegst du da einen Sinn rein?«

Mir läuft ein Schauer den Rücken runter. Ist das ein Kommunikationsversuch? Zusammen mit dem Messerstecher-Bild vielleicht sogar eine Drohung? Völlig zufällig erscheint mir das jedenfalls nicht. Ich hab mich nie mit KI-Sprachmodellen beschäftigt, aber für mich klingt das wie etwas, das ein solches in einem ganz frühen Trainingsstadium schreiben könnte. Lernt der Wald unsere Sprache? Anhand der Nachrichten, die wir da durchschicken?

Ich schüttle den Kopf. »Ich glaub, mir geht gerade die Fantasie durch, aber für mich steht da: ›Fahrt in die Stadt zurück, dann haben wir wieder Ruhe. Sonst werdet ihr die ewige Ruhe finden‹.« Ich muss noch einmal schlucken. Steht da wirklich eine Intelligenz hinter? Was maßen wir uns eigentlich an! Pumpen unseren Datenmüll ungefragt durch ihr Nervensystem und stören damit ihre eigene Kommunikation. Wäre ich ein intelligenter Wald, würde mir das auch nicht passen. Geht ja für mich schon als Mensch nicht klar, wenn jemand Fernseher oder Radio anstellt. Vielleicht wäre es besser, ein Wald zu sein?

Alex sieht aber eher verständnislos aus, scheint meine Einschätzung nicht zu teilen. »Na, sag’s schon«, fordere ich ihn auf. »Spinn ich? Lasse hat auch so was gekriegt und meint, es seien nur Schnipsel aus alten Nachrichten von uns, willkürlich zusammengesetzt.«

»Hmmm …« Er streicht sich am Kinn entlang, überlegt einen Moment. »Was deine da raus gelesene Drohung angeht, … da muss man schon paranoid sein.«

»Findest du? Wir sind die Eindringlinge hier und stören den Wald. Wenn der wirklich ein Nervensystem hat, vielleicht gar im übertragenen Sinne etwas wie ein Gehirn, und wir fuhrwerken darin herum …«

»Droht er uns ewige Ruhe an? Du kannst einem Wald kein menschliches Verhalten unterstellen. Oder menschliche Denkweise, falls er denn wirklich denken kann.«

Okay, ich versuche, mich zu beruhigen, wahrscheinlich bin ich wirklich nur paranoid. »Da ist aber noch was«, fällt mir wieder ein. »Lasse hat sich beim Chat äußerst seltsam verhalten. Ich glaub, da stimmt irgendwas nicht.«

»Ich muss morgen eh über hundert Kilometer in die Stadt fahren und Vorräte aufstocken, dann fahre ich auch noch bei der Hütte der anderen vorbei und schau da persönlich nach dem Rechten. Wenn dich das beruhigt.«

»Ja, das wäre gut. Aber pass auf dich auf. Wenn Lasse mir schon Mord als Streitschlichtungsmethode vorschlägt, hat der vielleicht einen richtigen Koller.«

»Hat er das ernsthaft getan?«

Ich nicke. »Er sagte, es sollte ein Scherz sein. Aber kam mir so vor, als hätte er es doch ernst gemeint. Zumindest halbwegs.«

Der Rest des Tages verläuft ziemlich ereignislos. Liv bleibt in ihrem Zimmer, hoffentlich hat sie sich bis morgen wieder beruhigt. Meine Datenchecks, mit denen ich den Rest des Tages beschäftigt bin, offenbaren nichts Neues. Das Netzwerk scheint zu funktionieren wie immer, keine Abnormalitäten. Ich überlege schon, ob ich mich vielleicht wirklich nur in etwas hineinsteigere, als ich auf dem Flur Liv in ihrem Zimmer reden höre. Seltsam, sie chattet sonst nie mit den anderen. Ich stelle mich an die Tür und lausche. Sie scheint nur selten was zu sagen, und das klingt auch nicht gerade zusammenhängend.

»Ramuh macht die Hirschkuh? Ja, das hab ich auch schon oft gedacht … Oha, so sieht Dunkelheit also wirklich aus … ein organischer Transponder, da würde ich Svea vorschlagen … wir buddeln-buddeln Fische aus, die meine Katz’ vergraben hat …«

Hat die jetzt komplett einen an der Waffel? Nun muss ich doch einen Blick riskieren, egal, ob ich ihre Privatsphäre verletze. Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spaltbreit und hoffe, dass sie nicht quietscht.

Tut sie nicht, aber hätte wahrscheinlich auch keinen Unterschied gemacht, denn Liv sitzt apathisch vor ihrem Monitor und starrt auf psychedelische Farbeffekte. Gelegentlich für Sekundenbruchteile unterbrochen von tiefschwarzen, kruden Kohlezeichnungen von entstellten schreienden Gesichtern, die so verstörend aussehen, dass ich jedes Mal zusammenzucke, wenn eins erscheint. Liv scheint mich gar nicht wahrzunehmen, ihre Augen sind weit aufgerissen und ich sehe sie nicht ein einziges Mal zwinkern; ihr Mund ist halb geöffnet und Speichel rinnt ihr am Kinn herab. Die Bildschirmmaske erkenne ich sofort, es ist das von mir geschriebene Videochatprogramm für unser Waldnetzwerk.

»Liv, was tust du da?«, schreie ich entsetzt.

Sie reagiert gar nicht und brabbelt wieder etwas vor sich hin. »Ich spüre euren Schmerz, verstehe eure Wut.«

»Liv!«, schreie ich noch einmal.

»Die Schänder Gottes in den Augen der Vögel müssen –« Dann zuckt sie zusammen und schreckt hoch. »Svea?«

»Ja. Ich hab dich reden hören und mir Sorgen gemacht.«

Sie stellt den Bildschirm ab und dreht sich zu mir. »Es ist alles in Ordnung.«

»Mit wem hast du da gerade gechattet?«

»Gechattet?« Sie scheint kurz zu überlegen. »Das war kein Chat, sondern eine emulierte Mindmachine. Die Dinger sind nicht mehr in Mode, ich weiß, aber mir hilft das immer zum Abschalten und runterkommen. Es geht mir schon viel besser jetzt. Sorry wegen heute Morgen, da war mir eine Sicherung durchgebrannt.«

Sie hört sich jetzt tatsächlich wieder normal an. Aber seit wann zeigt eine Mindmachine solche Bilder? Die soll doch durch Farbmuster und binaurale Töne zu Tiefenentspannung führen. »Was ich da gesehen habe, würde mehr zum Induzieren von Horrortrips taugen, zumindest bei mir.«

»Ist ein Programm zum Abbau von Ängsten und Aggressionen, mit Ansatz von Konfrontationstherapie. Und lief als Plug-in über die Emulatorschnittstelle der Chatkonsole, bevor du dich wunderst.«

Soll ich ihr das glauben? Eine Emulatorschnittstelle hatte ich tatsächlich eingebaut, um damit zwischendrin alte Arcadespiele zocken zu können, wenn man auf einen Chatpartner wartet. Die Schnittstelle ist offen und da könnte sie auch einen anderen Emulator für eine Mindmachine drüber laufen lassen. Liv hat zwei Semester Informatik studiert, bevor sie zu Biotechnologie gewechselt hat, und müsste das können. Klingt also zumindest halbwegs plausibel. Auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, sie hätte mit dem Wald selbst geredet. Wir haben irgendwas in diesem Pilznetzwerk getriggert und eine bisher unbekannte Intelligenz auf uns aufmerksam gemacht, die möglicherweise tatsächlich schon Kommunikationsversuche unternommen hat, wenn ich an diese Textnachrichten denke. Nur waren diese, wenn es nicht nur Datenmüll war und tatsächlich von einer Intelligenz des Waldes kam, noch so unbeholfen, dass ich eine Fremdsteuerung des Chatprogramms wohl ausschließen kann. Also bloß nicht wieder anfangen, mir was zusammenzuspinnen, die Situation ist bei uns allen einfach angespannt. Und was Liv sich da für ein krudes Zeug zur Psychohygiene reinzieht, geht mich nichts an. Zumal es ihr tatsächlich zu helfen scheint.

»Dann gute Nacht. Sorry für die Störung, ich hab mich nur erschrocken.«

»Keine Ursache, geh einfach schlafen. Und morgen machen wir einen Neustart. Kein Streit mehr, okay?«

»Nichts lieber als das.«

Mein Harmoniegefühl ist wiederhergestellt, im Bett fühle ich mich zuerst entspannt, doch dann kommen die Zweifel zurück. Ja, ein Harmoniebedürfnis habe ich auf jeden Fall, stecke ich dafür möglicherweise den Kopf in den Sand? Livs angebliche Mindmachine und ihr Verhalten dabei war mehr als verstörend – was, wenn der Wald noch wesentlich intelligenter ist, als ich mir in den schlimmsten Befürchtungen ausmale? Könnte er diese Textnachrichten nicht vielleicht auch absichtlich so unbeholfen geschrieben haben, um mich in falsche Sicherheit zu wiegen? Damit ich ihm nicht mehr zutraue, einen Videochat zu hacken, jemanden damit in Trance zu versetzen und unterbewusst zu manipulieren oder sogar gehirnzuwaschen? Okay, stopp jetzt, ruft die Stimme der Vernunft beziehungsweise die von William Ockham. Man sollte keine Gespenster sehen, wenn es für alles eine rationale Erklärung gibt. Verdammt, mein Kopf pocht schon wieder. Es gibt überhaupt keinen Beweis dafür, dass dieser Wald über eine nennenswerte Intelligenz verfügt. Meine Software ist bestenfalls auf Beta-Level, von der Interface-Hardware mal ganz zu schweigen. Lasse hatte bestimmt recht und was da zu uns zurückgekommen ist, war wirklich nur ein Echo. Daten, die noch in irgendwelchen übergelaufenen Puffern lagen und ab und zu in den aktiven Programmspeicher geblutet sind. Notiz an mich selbst: Solche Anwendungen zukünftig in Rust programmieren, da sind Speicherüberläufe ausgeschlossen und man sieht keine Gespenster mehr, wo keine sind. Damit kann ich erst mal schlafen. Die bösartige innere Stimme, die mir sagt, es lohne gar nicht, noch eine weitere Programmiersprache zu lernen, ignoriere ich.

Alex macht sich am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück mit dem Pick-up in die Stadt auf. Liv hat wieder Rührei gemacht und mir zuliebe auf Pfifferlinge verzichtet. Das esse ich doch gern. Dann stellt sie mir noch einen großen Becher frischen Kaffee mit Sahne hin. »Entschuldigung wegen gestern noch mal.«

Innerlich muss ich jetzt fast über meine Ängste lachen. Da hat der Wald ihr doch höchstens ins Gewissen geredet, nicht mehr so zickig mit ihren Mitmenschen umzugehen, wenn sie mal einen schlechten Tag hat. Meine Entspannung wird aber schnell getrübt, als selbiges mit meinem Bewusstsein passiert. Schwindelig wird mir auch und meine Arme und Beine fühlen sich an, als hätte jemand kiloschwere Gewichte drangebunden. »Hast du mir was in den Kaffee getan?«, bringe ich mühsam hervor, höre meine Stimme lallen.

Liv grinst. »Nur ein Betäubungsmittel, keine Sorge. Wir haben ja noch viel vor mit dir.«

Und mit diesen Worten drifte ich auch schon in die Dunkelheit.

Beim Aufwachen merke ich als erstes, dass mir der Kopf wehtut. Dann, dass ich mich kaum bewegen kann. Dunkelheit um mich herum, etwas Licht fällt in regelmäßigen Abständen durch irgendwelche Holzritzen. Meine Hände hängen auf dem Rücken fest, Fußgelenke lassen sich nicht auseinanderbringen. Instinktiv will ich schreien, aber da steckt was in meinem Mund und was anderes ist stramm darübergespannt, vermutlich Klebeband. Ich fass es nicht – hat die mich jetzt ernsthaft hinterrücks betäubt und dann gefesselt und geknebelt im Wandschrank verstaut, nur um den Tag Ruhe vor mir zu haben? Nein, das geht jetzt weit über entgleiste Zickigkeit hinaus. Shit, sie sagte noch etwas, sie hätte irgendwas mit mir vor. Mein schlimmster Albtraum scheint gerade Realität geworden zu sein. Hilflos anderen ausgeliefert, deren Verhalten ich nicht mehr verstehen kann. Lasse hatte recht, und ich habe seine Warnungen ignoriert. Wusste er, dass die irgendwas plant? Aber was hätte ich denn tun sollen? Sie erstechen, solange ich noch konnte? Nein, es hätte schon gereicht, nicht auf die ebenso gezielte wie plumpe Ausnutzung meines Harmoniebedürfnisses reinzufallen. Großer Kaffee mit Sahne als Entschuldigung und du bist meine beste Freundin, schon klar. Wenn mir die Hände nicht auf den Rücken gefesselt wären, könnte ich mich ohrfeigen. Wie konnte ich nur so dumm und naiv sein?

Ärgern und Jammern hilft nicht, fokussieren! Ich muss hier so schnell wie möglich raus. Bloß nicht von der Angst lähmen lassen, Überlebensmodus an und alles weitere ausblenden. Spektrum-Power go und fuck you, Liv, dir werd ich’s zeigen!

Ich wälze mich auf den Bauch und ziehe die Beine zum Po hoch, um sie mit den Händen erreichen zu können. Schnell hakt mein Fingernagel in die Klebenaht an den Fußgelenken. Es dauert ein paar Minuten, das Klebeband aufzupulen, aber dann gibt es nach und wenig später sind meine Füße frei. Du dumme Nuss hättest mir auch die Finger bandagieren oder brechen müssen, um mich festzusetzen. Jetzt erst mal alle Skrupel aus. Wenn ich Liv überraschend begegne, trete ich sie sofort um und werde nachtreten, bis sie sich nicht mehr bewegt, bevor ich ihr hilflos mit gefesselten Händen gegenüberstehe. Das hat sie sich dann selbst zuzuschreiben und ich kann das ethisch vertreten.

Die Schranktür lässt sich problemlos mit den Füßen aufdrücken und nach ein paar Verrenkungen gelingt es mir, auf die Beine zu kommen. Ich bin allein im Vorratsraum. Klar hat sie den Schrank genommen, der war ja leer und Alex in die Stadt, um ihn wieder zu füllen. Was mache ich jetzt? Mich irgendwo verstecken, ausharren und ruhig verhalten, bis er zurückkommt und mir helfen kann? Nein, Liv wird mich irgendwann suchen und im Haus findet sie mich, ich muss zumindest nach draußen und mich im Wald verkriechen. Und besser vorher noch die Hände freikriegen, ich brauche ein Messer oder eine Schere. Beides in der Küche. Gehe ich das Risiko ein, ihr dort zu begegnen, oder verzichte ich erst mal auf weitere Bewegungsfreiheit und kümmere mich später darum? Das Fenster hier müsste ich auch mit den Händen auf dem Rücken aufkriegen und einigermaßen unbeschadet hindurchzukommen sollte auch kein großes Problem sein. Das Klebeband kann ich dann an einem Baumstamm aufscheuern, dauert zwar etwas länger – und verdammt, die Haut daneben ist bestimmt vorher durch. Also besser mit Messer. Kurz kichere ich über den Reim, bis mich eine innere Stimme zur Vernunft mahnt. Ich bin voll auf Adrenalin und darf die Situation nicht unterschätzen, Liv ist alles zuzutrauen und ich bin in Lebensgefahr, das darf ich nicht vergessen. Jetzt also nicht größenwahnsinnig werden, nur weil ich meine Füße freigekriegt habe, ich bin immer noch so gut wie hilflos und meine Gegnerin möglicherweise bewaffnet.

So leise ich kann, schleiche ich zur Tür und lausche. Alles ruhig im Haus. Hängt Liv wieder apathisch vor ihrer ›Mindmachine‹ und lässt sich vom Wald weitere Instruktionen geben, was sie mit mir anstellen soll? Anbetracht der Situation muss ich froh sein, dass sie mir nicht gleich die Kehle durchgeschnitten hat. Auch wenn es natürlich impliziert, dass sie später wesentlich Schlimmeres mit mir vorhat.

Ich öffne die Tür, was problemlos mit Umdrehen gelingt. Niemand im Flur zu sehen. Mein Herz schlägt auf Hochtouren, während ich zur Küche schleiche. Gott sei Dank, Liv ist nicht dort. Die Messer aber auch nicht, verdammt. Die Schubladen sind leer, selbst die Gabeln fehlen. Shit, Liv geht anscheinend auf Nummer sicher, ich soll keine Waffe in die Hand kriegen, falls ich mich befreien kann. Was jetzt? Nach draußen, ab in den Wald. Einen schlammigen schleimigen Tümpel finden, davon gibt es hier einige. Wenn ich mich da reinlege und die Hände stark bewege, kann ich das Klebeband langsam lösen und irgendwann abstreifen. Es wird eine Weile dauern, aber solange Liv mich nicht findet …

Wenn man vom Teufel spricht, ich sehe sie, sobald ich auf der Veranda stehe. Sie hat mich zum Glück noch nicht bemerkt, denn sie ist mit einer Schaufel beschäftigt. Hat das Interface schon ausgegraben und erweitert das Loch. Sieht schon fast wie ein Grab aus. Verdammt, das ist für mich! Das meinte sie mit ›organischer Transponder‹ und sie würde mich vorschlagen. Sie will mich hier begraben und direkt ans Netz des Waldes anschließen. Meine Gedanken laufen Amok. Ich atme ein paar Mal tief durch, dann gehe ich zu ihr. Sie zieht sofort ein Küchenmesser, als sie mich kommen sieht. Ich drehe mich zur Seite, damit sie meine immer noch gefesselten Hände sehen kann. Ich will sie ansprechen, aber erst jetzt bemerke ich den Knebel wieder, den hatte ich auch ausgeblendet. Wild werfe ich den Kopf hin und her, um anzudeuten, dass ich reden will. Sie zögert einen Moment, dann kommt sie auf mich zu und hält mir das Messer an den Hals. Oh Gott, hoffentlich habe ich keinen Fehler gemacht und sie ersticht mich jetzt.

»Du machst keine Dummheiten?«, fragt sie.

Ich nicke vorsichtig, hab ja immer noch das Messer am Hals. Sie lässt es auch dort, während sie mit der anderen Hand die Schere aus ihrer Jackentasche holt und das Klebeband über meinem Mund durchschneidet und dann abzieht. Endlich kann ich das Ding ausspucken. Einer meiner Socken, wie ich sehe.

»Warum bist du nicht abgehauen?«, fragt sie überrascht. Das Messer hat sie runtergenommen, hält es aber noch in der Hand.

Jetzt könnte ich zutreten, aber ich will wirklich lieber mit ihr reden. »Weil ich ein paar Fragen an dich habe.«

»Warum ich das tue?«

»Nein. Ich will wissen, ob du sicher bist, dass es funktionieren würde.«

»Der Wald ist verwirrt. Wir haben ihn fast um den Verstand gebracht. Mit den Fernsehkrimis haben wir ihm beigebracht, was Täuschung und Mord ist. Wir haben ihm mit unseren Datenströmen Schmerzen zugefügt. Und er hat von uns gelernt. Wir haben eine Verantwortung und müssen ihn wieder besänftigen. Der Wald fordert ein Opfer.«

Hat sie mir nicht zugehört? »Das konnte ich mir schon selbst zusammenreimen, aber das war nicht meine Frage.«

»Ich war ja auch noch nicht fertig. Heute ist der letzte Tag, wo ich das durchziehen kann. Wenn Alex zur anderen Hütte fährt, wird er merken, dass Lasse und Wilma bereits tot sind.«

»Was?« Ich reiße die Augen auf. »Wie ist das passiert?«

»Sagte ich doch schon. Wir brachten dem Wald mit unseren Krimis Konzepte wie Mord, Täuschung und Anstiftung bei, und er passte sich an. Mimikry. Er hat Harald angestiftet, die anderen beiden zu erstechen und im Wald zu verscharren. Ein paar Pheromone werden geholfen haben, ihn so paranoid zu machen, dass er glaubte, er müsse ihnen mit einem geplanten Mord zuvorkommen.«

Genau, was Lasse auch zu mir sagte. Ich solle Liv erstechen, bevor sie das mit mir tut. »Wann ist das passiert?«

»In der Nacht, als das Bild ausgefallen ist. Damit du nicht siehst, was wirklich im Zimmer passiert.«

»Ich hab danach doch noch mit Lasse geredet.«

»Hast du nicht. Der Wald hatte genug Daten über ihn, ihn dir vorzuspielen. Und hat es am nächsten Tag sogar geschafft, dir passendes gemerktes Videomaterial zu zeigen.«

Mir läuft ein eisiger Schauer den Rücken runter. Deshalb war er so anders. Und die Lippenbewegung asynchron.

»Woher weißt du das alles?«

»Hast du dir doch auch schon zusammengereimt, oder hast du diesen Mindmachine-Unsinn geglaubt? Ich habe mit dem Wald geredet, auf unterbewusster Ebene. Aber das reichte nicht. Wir können diesen Wald nicht so zurücklassen, der könnte eine riesige Bedrohung werden. Wenn man einen Wald menschlichem Bewusstsein aussetzt, muss man ihm auch einen Babysitter dalassen. Ihn ganz mit einem menschlichen Bewusstsein verschmelzen, damit er Menschen richtig versteht und nicht nur ihre Mordfiktionen.«

»Was würde mit dem Opfer passieren?«

»Du würdest nicht ausgelöscht. Du gehst in eine neue Existenzform über. Du würdest leben, solange der Wald lebt.«

»Und du bist sicher, dass das funktioniert?«

»Absolut. Der Wald hat ein Bewusstsein. Ich habe es in Trance gefühlt. Und es kann sich mit einem menschlichen verbinden.«

Ich atme noch einmal tief durch. »Dann grab weiter. Mir sind ja immer noch die Hände gebunden.«

Jetzt starrt sie mich mit offenen Augen an. »Du willst das machen? Freiwillig?«

»Du hättest mich fragen können, bevor du mich entführst. Ich sehe das als Chance. Erstens hab ich mich der Menschheit noch nie richtig zugehörig gefühlt, und zweitens: Meine Zeit ist stark begrenzt. In spätestens fünf Jahren bin ich eh tot. Noch hab ich keine Symptome bis auf gelegentliche Schwindelanfälle und Kopfschmerzen, aber der Hirntumor ist nicht operabel.«

»Warum hast du nie was gesagt?«

»Meinst du, es reicht nicht, dass mich viele als neurodiverses Alien ansehen? Oder mich sogar behindert nennen, wie du? Da will ich nicht auch noch die arme, bedauerte Tumorpatientin sein, die mit geliehener Zeit lebt.«

»Das tut mir leid.«

»Siehst du?«

»Nein, dass ich das gesagt habe.«

»Das tut dir kein Stück leid. Und jetzt grab weiter. Ich mach deinen Plan mit, aber Freunde werden wir in diesem Leben nicht mehr. Und ich werde dir nicht beim Graben helfen.«

Ich setze mich einfach hin und denke über die Zukunft nach. Zum ersten Mal wirklich. Der Wald ist eine Welt für sich, da ist tatsächlich eine Intelligenz, und ich werde ein Teil davon sein.

»Soll ich dir nicht die Hände mal losmachen?«, fragt sie irgendwann. Hat sie jetzt ein schlechtes Gewissen?

»Nicht nötig, die werde ich eh nicht mehr brauchen. Binde mir die Beine auch wieder zusammen, bevor du mich begräbst. Damit ich nicht Panik kriege und versuche, mich rauszuwühlen, bis sich die Fäden mit meinem Körper verbunden haben und mein Bewusstsein aufnehmen können.«

»Du kriegst noch einen Schlauch zum Atmen. Wenn du sofort erstickst, wird es nicht funktionieren. Damit wirst du lange genug überleben, dass das Netzwerk dein Bewusstsein vollständig absorbieren kann, bis du deinen Körper auch nicht mehr brauchst.«

Hölle, auf was lasse ich mich hier ein? Das wird nicht schön, da unten zu liegen, bis ich verdurstet bin. Aber an einem Tumor zu verrecken ist auch nicht besser. Und das ist meine einzige Chance, weiterzuexistieren. Zum ersten Mal in meinem Leben glaube ich an etwas.

Und wir ziehen es durch. Sie hilft mir, mich in die Grube zu legen. Da unten sind schon eine Unmenge der Pilzfäden, die mit dem Interface verbunden waren. Ich hoffe, das wird mit meinem Körper auch schnell funktionieren. Ich bestehe darauf, dass sie das Klebeband holt und mich komplett einschnürt, damit ich mich nicht bewegen kann und die Pilzfäden nicht störe. »Sag Alex, wir hätten uns gestritten und ich sei zur Straße gelaufen, um nach Hause zu trampen. Und dann willst du sofort mit ihm weg, wenn du offiziell von den Morden im anderen Haus erfahren hast. Nicht, dass er mich noch findet und wieder ausgräbt.«

»Gute Idee.«

Dann ist es so weit, sie gibt mir den Schlauch in den Mund, sichert ihn mit Klebeband und klettert mit dem anderen Ende aus der Grube, ohne ein weiteres Abschiedswort. Schippe um Schippe spüre ich die Erde auf mich fallen, aber ich bin ganz ruhig. Ich glaube – und fühle jetzt schon, dass ich Teil von etwas viel Größerem werde. Eigentlich habe ich dieses Leben, diese menschliche Existenz, eh nie gewollt. Und jetzt bin ich ihr endlich entkommen. Völlig ruhig liege ich da, das Klebeband wäre überhaupt nicht nötig gewesen.

Außer für ein winziges Detail. Wenn sie den von mir zurückgelassenen Körper irgendwann so finden, wird Liv niemand glauben, dass ich mich freiwillig auf das größte Experiment meines Lebens eingelassen habe.

Ich sagte ja schon, wir werden keine Freunde mehr.

Heidrun Jänchen: Die Jahrgangsbeste

Milas Mutter hatte einen Hang zu wohlorganisierter und effizienter Panik. »So etwas wie die MRP-3-Pandemie möchte ich nie wieder erleben«, pflegte sie zu sagen, wenn Vater sie aufzog. Für Mila war MRP-3 so etwas wie die Spanische Grippe oder die Pest im Mittelalter – abstrakt wie die Zombie-Apokalypse. Aber ihre Mutter hatte die Lungenentzündung gehabt, als sie ein kleines Kind war, und alles, woran sie sich erinnerte, war ein drei Wochen langer Albtraum.

Wo immer etwas ausbrach – sie hockte vor dem Bildschirm und sorgte sich. Die Familie war umgezogen, als es die ersten Malariafälle in Deutschland gegeben hatte, aus dem Tal auf den Berg. Aber bis heute war die Malaria nicht bis Thüringen vorgedrungen. Sie hockte noch immer am Oberrhein, argwöhnisch von Mutter beobachtet. Der aktuelle Anlass zur Sorge war eine Seuche in Malaysia, deren Erreger gegen alles Mögliche resistent zu sein schien. Die Channel berichteten von Brechdurchfall. Es starben Leute, kleine Kinder und Alte, die zu schwach waren. Mila hatte nur vage Vorstellungen davon, wo dieses Malaysia war. Sie wusste nur, dass es eines dieser Länder war, aus denen praktisch alles kam – Schuhe, Klamotten, Spielzeug, Küchengeräte …

»Ich würde die Flüge einstellen«, sagte Mutter zum Raum im Allgemeinen. »Sofort. Wie oft muss das noch passieren, ehe sie es begreifen?«

Auch Mila neigte derzeit zu Panik, aber ihre war weitaus konkreter. Sie fürchtete sich vor Vektorrechnung. Sie hatte Angst davor, ein Gedicht interpretieren zu müssen. Alles, was über Reimschema und Versmaß hinausging, ging auch über ihr Verständnis. Aber die absolute Panik befiel sie beim Gedanken an Geografie. Malaysia war nicht der einzige weiße Fleck auf ihrer geistigen Landkarte. Geografie mochte noch angehen, doch der Rest war endloses Auswendiglernen von Worten und ihren Koordinaten auf einem Stück Papier, das die Lehrerin Weltkarte nannte.

»Wozu muss man lernen, welches Gemüse man in Südamerika anbaut, Ma?«

»Damit man sich in der Welt zurechtfindet und mitreden kann.«

»Und wo ist Guinea?«

»Irgendwo in Mittelamerika?«

»Das ist Guyana!«, triumphierte Mila. »So viel zum Zurechtfinden. Ich werde im Leben nie nach Guinea kommen. Also wozu muss ich mich dort zurechtfinden können?«

Mutter wandte dem Bildschirm den Rücken zu und sah Mila an. »Es ist ein Test. Ein Test dafür, wie man mit Dingen zurechtkommt, die man gerade zu nichts brauchen kann. Ein Stresstest. Du schaffst das.«

»Ich würde das schaffen, wenn ich wie alle anderen Indus hätte.«

»Du bist siebzehn.«

»Stell dir vor, das weiß ich. Ich werde am dritten Juli achtzehn, und die Prüfungen sind im Juni. Giga. Aber mit Zustimmung meiner Eltern – das wärest dann unter anderem du, Ma – könnte ich schon seit meinem sechzehnten Geburtstag Indus haben.«

»Nicht schon wieder, Mila. Wir haben doch darüber geredet. Glaub mir, du schaffst das auch ohne, und dann wirst du wirklich stolz auf dich sein, weil du es ohne Mogeln geschafft hast.«

»Was hat das mit Mogeln zu tun, wenn alle, wirklich alle, Indus haben und ich die Einzige bin, die mit allem alleine klarkommen soll?«

»Alle?«

»Lovise wird auch erst in drei Wochen achtzehn, aber hat seit zwei Monaten ihre Indus, und sie sagt, es ist der Hammer. Keine Konzentrationsprobleme, keine Angst, keine Motivationsprobleme – und es ist, als ob alles im Gehirn einen Platz hat, wo man es nur noch hinstellen muss.« Mit zwei mal zwei Fingern deutete sie an, dass das Letzte ein Zitat von Lovise war.