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Themenausgabe "Neue Wege zur Utopie" Idealgesellschaften mit kleinen Schönheitsfehlern Hoffnungsschimmer im Hoffnungslosen Themenausgaben sind in der Geschichte unseres Magazins immer problematische Vorhaben gewesen. Wir konnten nie sicher sein, ob eine Themenvorgabe von unseren Autoren so weit angenommen wird, dass genügend Geschichten zusammenkommen, um eine Magazinausgabe zu füllen. Nicht alle entsprechenden Ideen konnten realisiert werden. Das Thema der vorliegenden Ausgabe erwies sich als besonders schwierig. Seit unser früherer Mitherausgeber Frank Hebben die Idee zur Diskussion stellte, eine Ausgabe zum Thema Utopien und positiver Zukunftsbilder zusammenzustellen, sind über zwei Jahre vergangen. Wir waren nicht überrascht, dass einige unserer Autoren, als sie die Einladung erhielten, rundheraus abgewunken haben. Die Science-Fiction ist eine im Herzen pessimistische Literatur. Was sie an positiven, konstruktiven Impulsen enthält, wird meist durch das Kontrastmittel eines dystopischen Gegenbildes ausgedrückt: Sie zeigt nicht, wie die Welt sein müsste, sondern wie sie besser nicht werden sollte, und spricht sich damit indirekt für Wünsche, Werte und Hoffnungen aus. Der klassischen Utopie mit ihren Entwürfen eines idealen Gemeinwesens, die gewöhnlich in einem statischen, konfliktlosen Panorama präsentiert wurden, haftet heute etwas Verstaubtes an, die Aura einer leeren intellektuellen Übung, die nur für Elfenbeinturmbewohner von Interesse, aber als ernsthafte Herausforderung an die Wirklichkeit fruchtlos ist. Unsere Gegenwart ist zu kompliziert, zu konfliktreich, zu zählebig in ihren Machtstrukturen geworden, um noch aus ganzem Herzen an eine ideale, von Humanität, Gerechtigkeit und Vernunft bestimmte Welt glauben zu können. Die wenigen überzeugenden Utopien, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurden, lassen sich fast an einer Hand abzählen. Man denke hier vor allem an Ursula K. Le Guins The Dispossessed (1974), Ernest Callenbachs Ecotopia (1975) oder einzelne Erzählungen wie etwa John Varleys "The Persistence of Vision" (1978).
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2019
Michael K. Iwoleit & Michael Haitel (Hrsg.)
NOVA Science-Fiction 27
Michael K. Iwoleit & Michael Haitel (Hrsg.)
NOVA Science-Fiction
Ausgabe 27
NOVA ist ein Projekt des World Culture Hub:
www.worldculturehub.org
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Februar 2019
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Stas Rosin
Redaktion Storys: Michael K. Iwoleit, [email protected]
Redaktion Artikel/Essays: Thomas A. Sieber, [email protected]
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi
Lektorat: Michael K. Iwoleit, [email protected]
Korrektorat: Dirk Alt, Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda, Xlendi
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
www.nova-sf.de
www.facebook.com/novamagazin
www.twitter.com/novamagazin
ISSN: 1864 2829
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 152 5
Die Science-Fiction-Erzählung, sie lebt.
Im Rückblick scheint es lediglich die Zeit um die Jahrtausendwende und dem »Ende der Geschichte« gewesen zu sein, in der Endlosreihen und Zyklen die Richtung vorgaben und nur noch eine Handvoll Autoren Relevantes zu sagen hatte.
Inzwischen haben SF-Kurzgeschichten ihren Platz in Magazinen wie c’t, Technology Review und Spektrum der Wissenschaft gefunden. Man mag denken, die Sphäre der mit technologisch-wissenschaftlichen Entwicklungen Befassten habe ja schon immer eine Beziehung zu ihnen gehabt. Aber ernst zu nehmende Science-Fiction, die weiß, dass die Zukunft anders ist, wird nun auch in Spiegel, Blogs & Feuilletons von FAZ bis taz besprochen. Sie ist ebenfalls zum Thema in den verschiedensten Kulturzeitschriften geworden, die allzu lange eher Nabelschau betrieben.
Auch dass ein Autor wie Daniel Kehlmann zur Eröffnung der diesjährigen lit.Ruhr eine Science-Fiction-Erzählung präsentierte (»Die Nachricht«), zeigt, dass sich das öffentliche Bewusstsein gewandelt hat.
Nur noch sehr, sehr selten kommt es zu absurden Behauptungen wie der, dass ein in naher Zukunft spielender Roman ja schließlich keine Science-Fiction sei, wie es noch unlängst in einer Radiosendung zu Juli Zehs Roman Leere Herzen hieß. Da war ich allerdings nicht der Einzige in meiner Umgebung, der lachen musste.
Als langjähriger Nurbeobachter der Szene glaube ich mir aber das Urteil erlauben zu können, dass die in Nova gebotene Auswahl zu den anregendsten Beispielen ihrer Art gehört. Hier ist die Qualität doch recht geballt präsent. In der großen Zahl der halb- oder unprofessionellen Veröffentlichungen im Web oder als Print-On-Demand muss man nach Wertvollem suchen, auch wenn es dort wohl die eine oder andere Perle zu entdecken gibt.
Es scheint ein bisschen so zu sein, dass sich die Pulp-Ära des Internets und Print-on-Demands, in der auf Teufel komm raus veröffentlicht wurde, zum Besseren wandelt. Durch Diskussionen, Rezensionen und Artikel ist wohl doch ein Prozess in Gang gekommen, der zur Qualitätssteigerung führt.
Unsere letzte Ausgabe hat es ja noch nicht in größerem Umfang zeigen können, aber mit Michael Haitels p.machinery können wir nun den besten Künstlerinnen und Künstlern der Szene einen noch umfangreicheren (und farbigeren) Raum geben als bisher. Als dafür zuständiger Redakteur glaube ich, dass wir eine sowohl das Denken als auch eine die Fantasie anregende Ausgabe zusammengestellt haben.
Mein Name dürfte den meisten Nova-Lesern unbekannt sein, was nicht verwunderlich ist. Dennoch kann ich in aller Bescheidenheit auf ein Szenevorleben verweisen, das allerdings unter dem Namen Christian Mathioschek stattfand, bevor ich durch Heirat und Familiengründung in eine neue Daseinsform transmutierte. Von ca. 1982 bis 1997 war ich zuletzt bei den SF-Tagen NRW und dem recht literarischen Fanzine Fantastisches Forum aktiv. Begonnen hatte alles mit einem Besuch Jacques Baldowés und Walter Josts bei unserem Duisburger SF-Clübchen und dem baldigen Wechsel zur SFCD-Regionalgruppe Niederrhein, deren erste Treffen noch in einem Neusser Jugendzentrum stattfanden, bevor nach Düsseldorf gewechselt wurde. Sehr eindrucksvoll war insbesondere ein Diskussionsgemetzel zum Thema Philip K. Dick in Michael Iwoleits damaliger Butze. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Personen anwesend waren, es war jedenfalls sehr eng und ebenso anregend!
Nach dem Ende meiner SFCD-Zeit verloren wir etwas den persönlichen Kontakt, obzwar ich im 21. Jahrhundert Nova mit der Ausgabe 3 entdeckt hatte und mir sogleich auch die beiden ersten Nummern besorgte. Ich war von der gebotenen Qualität beeindruckt und habe die Hoffnung, dass das neue Team die Qualität halten kann. Nicht nur das: Wir sind auch fest entschlossen, die Taktzahl zu erhöhen – das Jahr 2018 gibt jedenfalls zu den schönsten Hoffnungen Anlass.
P. S.: Perfekt werden wir wohl nie sein. Fehler werden immer wieder unterlaufen, und das Editorial ist traditionell der Ort, um sie zu korrigieren. Diesmal müssen wir uns dafür entschuldigen, dass wir uns in der Nr. 26 nicht dafür entschuldigt haben, dass in der Ausgabe 25 mit der Kurzbiografie von Tobias Reckermann ein falsches Porträtfoto des Autors veröffentlicht wurde. Wir geloben Besserung.
Themenausgaben sind in der Geschichte unseres Magazins immer problematische Vorhaben gewesen. Wir konnten nie sicher sein, ob eine Themenvorgabe von unseren Autoren so weit angenommen wird, dass genügend Geschichten zusammenkommen, um eine Magazinausgabe zu füllen. Nicht alle entsprechenden Ideen konnten realisiert werden. Das Thema der vorliegenden Ausgabe erwies sich als besonders schwierig. Seit unser früherer Mitherausgeber Frank Hebben die Idee zur Diskussion stellte, eine Ausgabe zum Thema Utopien und positiver Zukunftsbilder zusammenzustellen, sind über zwei Jahre vergangen. Wir waren nicht überrascht, dass einige unserer Autoren, als sie die Einladung erhielten, rundheraus abgewunken haben. Die Science-Fiction ist eine im Herzen pessimistische Literatur. Was sie an positiven, konstruktiven Impulsen enthält, wird meist durch das Kontrastmittel eines dystopischen Gegenbildes ausgedrückt: Sie zeigt nicht, wie die Welt sein müsste, sondern wie sie besser nicht werden sollte, und spricht sich damit indirekt für Wünsche, Werte und Hoffnungen aus. Der klassischen Utopie mit ihren Entwürfen eines idealen Gemeinwesens, die gewöhnlich in einem statischen, konfliktlosen Panorama präsentiert wurden, haftet heute etwas Verstaubtes an, die Aura einer leeren intellektuellen Übung, die nur für Elfenbeinturmbewohner von Interesse, aber als ernsthafte Herausforderung an die Wirklichkeit fruchtlos ist. Unsere Gegenwart ist zu kompliziert, zu konfliktreich, zu zählebig in ihren Machtstrukturen geworden, um noch aus ganzem Herzen an eine ideale, von Humanität, Gerechtigkeit und Vernunft bestimmte Welt glauben zu können. Die wenigen überzeugenden Utopien, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurden, lassen sich fast an einer Hand abzählen. Man denke hier vor allem an Ursula K. Le Guins The Dispossessed (1974), Ernest Callenbachs Ecotopia (1975) oder einzelne Erzählungen wie etwa John Varleys »The Persistence of Vision« (1978).
Dennoch hat das Thema zumindest einem Teil unserer Autoren keine Ruhe gelassen, und nach und nach wurden uns genug interessante Erzählungen angeboten, um diese Ausgabe doch noch realisieren zu können. Wie von uns angeregt, haben sich die Autoren dem Thema auf eine zeitgemäße Art angenähert. Keine der folgenden zehn Geschichten präsentiert einen glatten, fleckenlosen Entwurf einer Idealgesellschaft. Wir haben es hier weniger mit utopischen Entwürfen als mit utopischen Impulsen zu tun, Hoffnungsschimmern und Perspektiven, die zum Teil ganz überraschend in Spannungs- und Bedrohungsszenarien aufscheinen. Wie Andreas Heyer in seinem ausgezeichneten Artikel in dieser Nova-Ausgabe zeigt, ist die Tradition der Utopie gerade dadurch lebendig geblieben, dass sie ständig in Frage gestellt wurde, dass sie zu Widerspruch und Zweifel herausforderte, dass utopische Entwürfe, die einen idealen Endzustand des menschlichen Zusammenlebens schildern, immer einen Keim der Selbstüberwindung in sich tragen, weil sie der Dynamik des realen Lebens, den Widersprüchlichkeiten und Konflikten der menschlichen Natur nicht gerecht werden können. Die Autoren der vorliegenden Ausgabe haben sich dieser Zwiespältigkeit des Utopischen auf ganz unterschiedliche Weise gestellt. Frank W. Haubold präsentiert in seiner Novelle eine durchaus lebens- und funktionsfähige Gemeinschaft mit utopischen Zügen, die sich von den globalen Machtstrukturen unabhängig gemacht hat, verschweigt aber ihre Gefahren und Schattenseiten nicht. Dirk Alts Erzählung liest sich auf den ersten Seiten wie eine ins Extrem getriebene patriarchalische, hedonistische Utopie, die an die Instinkte vor allem männlicher Leser appelliert, und doch sind es letztlich ganz elementare, in dieser Welt fast in Vergessenheit geratene menschliche Gefühle, die das System ihrer radikalen Geschlechtertrennung infrage stellen. Der Protagonist von Frank Hebbens Geschichte schließlich wagt die offene Rebellion gegen eine auf den ersten Blick makellose Zukunftsgesellschaft, die scheinbar an alles gedacht, aber doch ein unverzichtbares Element des menschlichen Daseins ausgelassen hat: Widerspruch, Rebellion, schöpferische Abweichung. Wir hoffen, dass diese und die übrigen Geschichten unsere Leser zu eigenen Gedanken über die Reichweite und den Nutzen des Utopischen anregen werden.
Es ist gut möglich, dass wir uns nicht zum letzten Mal der Frage widmen werden, wie in der Science-Fiction, der unsere Gegenwart so viel Stoff für neue, noch erschreckendere Horrorszenarien liefert, konstruktives und zukunftsgerichtetes Denken lebendig bleiben kann. Seit Kurzem ist in der SF und darüber hinaus eine neue Bewegung im Entstehen begriffen, die eben dies versucht, indem sie Wissenschaft und Technik nicht mehr als Instrumente des Untergangs deutet, sondern im Gegenteil Wege aufzeigen will, wie die heute zur Verfügung stehenden Mittel – Computer, Netzwerke, Bio- und Nanotechnik, alternative und nachhaltige Technologien etc. – zum Aufbau einer humaneren Welt eingesetzt werden können. »Solarpunk« nennt sich dieses noch neue und diffuse Genre, dessen Weiterentwicklung wir im Auge behalten werden. Vielleicht wird es Anregungen für eine künftige Themenausgabe von Nova liefern.
Jorg streift die Ärmel seiner zwei Mäntel ein wenig zurück und betrachtet seine Hände im flackernden Schein der Kerze. In ihrem warmen Licht sieht man nicht, wie blau gefroren sie sind. Hat alles mit Kant angefangen? Oder doch mit Dennis Tito?
Alme, die noch über ein Kontingent verfügt, hat ihn aus ihrer Wohnung geworfen. Die Dunkelheit und Kälte hat ihn auf den Schwarzmarkt getrieben, um diese Kerze zu kaufen. Geld ist nicht das Problem. Er hätte Geld für Tausende von Kerzen. Aber er kann es nicht wagen, sie bei sich zu Hause abzubrennen. Darum sitzt er in dem alten Kanalzugang, wo ihn keiner sieht, um sie anzuschauen. Ein letztes Flämmchen ergaunertes Licht für ihn, der nicht mehr existiert.
Sie haben ihm sein Geld ausgezahlt, als sein Kontingent erloschen war. Oder aufgebraucht, wie sie das nennen. Bar auf die Hand, auf Heller und Pfennig genau, jeden einzelnen Cent. Sein Konto war danach gesperrt worden. Seit die Partei des Cloud-Kantianismus die Macht übernommen hat, macht man das so.
»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.«
Das lernen heutzutage schon die Erstklässler. Lernen müssen es aber auch jene Leute, die noch in der Zeit des Geldes groß geworden sind, vor der Einführung des Kontingents. War die Maxime einmal etwas Subjektives, ein individueller Leitstern des Gewissens, ist sie durch die Cloud zu etwas objektiv Messbarem geworden. Es kann nur eine einzige Vernunft geben, und diese Vernunft verlangt Gerechtigkeit.
Das letzte Wachs zerrinnt, und die Kerze erlischt mit einem Fauchen des glühenden Dochtes. Dann herrscht Dunkelheit. Jorg klettert aus dem Kanalzugang auf die dämmrige Böschung hinaus und kehrt nach Hause zurück. Er schaut in den Retinascanner, worauf ihm gehorsam die Tür geöffnet wird. Die Sensoren funktionieren noch für drei Tage, so hat er es auf der Anzeige seiner Cloudstation gelesen. Er musste bestätigen, bevor sie erlosch. Und gleich darauf das Display. Dann gingen die Lichter aus. Das machen sie, damit einem klar wird, dass es jetzt ernst ist.
Hätte er nicht in die Karibik fliegen sollen? Oder zumindest Alme nicht zu diesen Urlaubsreisen einladen? Er hatte geglaubt, sich das leisten zu können. Er begreift nicht, warum sein Geld ihm nicht hilft. Er hat Geld für etwas Materielles gehalten, austauschbar gegen Urlaubsreisen, nützliche oder hübsche Dinge und gutes Essen. Das Entscheidende aber, nämlich dass es nicht unbegrenzt gegen Wattstunden, Bytes und ein größeres Cloudkontingent ausgetauscht werden kann, hat er selbstbewusst ignoriert.
So hat er das genannt, selbstbewusst.
Alme nannte ihn unverbesserlich.
Als Dennis Tito als erster Tourist in den Weltraum flog, war das eine willkommene Sensation. Man sagte, der Weltraumtourismus werde die Raumfahrt beflügeln. Als Amerasien William Jurikow als zehntausendsten Weltraumtouristen feierte, brach in Eurafrika ein Aufstand los. Watt für Watt sparte man mit LOM-Leuchten und Ultra-Öko-Kühlschränken CO2-Zertifikate zusammen, um sich die sündhaft teure Energie überhaupt noch leisten zu können. Und die Amerasier pusteten den Treibstoff tonnenweise ins All und schleiften die Welt der Klimakatastrophe entgegen. Damit musste Schluss sein. Der diplomatische Schlagabtausch schlingerte in einen heißen Krieg, als die eurafrikanische Regierung in Kairo ein Schiff voller Weltraumtouristen mit einer Rakete vom Himmel holte. Doch kurz bevor es zur atomaren Eskalation kam, ergriff in Eurafrika die Partei des Cloud-Kantianismus die Macht.
Jorg hat immer gewusst, dass sein Kontingent begrenzt ist. Er hat gewusst, dass Sensoren in seiner Wohnung und in seinem Körper und Algorithmen, die über seine Kontobewegungen wachen, seinen CO2-Ausstoß genau registrieren. Aber er hat nie begriffen, was das Ganze eigentlich soll, denn schließlich ist das Problem des Weltraumtourismus ja bereits gelöst. Was er einspart, wird auf der anderen Seite der Welt mit vollen Händen verschleudert. Außerdem hat er geglaubt, sich loskaufen zu können. Früher hat es eine Art Ablasshandel gegeben. Wer Umweltprojekte finanzierte, konnte sein eigenes CO2-Kontingent entsprechend erhöhen. Das ist Geschichte, wie Alme ihm immer wieder gesagt hat. Aber er hat ihr nicht geglaubt.
Jorg zieht seine zwei Mäntel enger um sich und schaut sich in der dunklen Wohnung um. Er hat sein Haus geliebt. Er geht durch jedes der vier Zimmer, sieht wehmütig in den dunklen Schlund des offenen Kamins und starrt in den Vorgarten, wo bis gestern Nacht die Weihnachtsbeleuchtung gebrannt hat. Jetzt ist er leer und dunkel. Dunkel wie das Haus.
Jorg seufzt, reißt sich dann zusammen und strafft die Schultern. Nun gut. Er geht nach draußen und schlägt energisch die Tür hinter sich zu. Er wird es tun, sagt er sich bei jedem Schritt, den er über die Straße stapft. Er. Wird. Es. Tun. Er wird Almes Bedingung annehmen: Ihr Kontingent sparsam zu nutzen.
Illustration: Detlef Klewer, kritzelkunst
Lektion 1
Was ich mir dabei gedacht habe? So genau wusste ich das schon damals nicht. Es war in den Jahren nach 9/11; es gab die Debatten über den Islamismus, die Anschläge in Europa und in der Welt, also auch die Angst vor weiteren Anschlägen; es gab die Kriege, die Flüchtlinge; die Unruhe schien zu wachsen, und ich wollte was tun. War noch frisch auf dem Passbüro in meiner Kantonshauptstadt. Hatte wohl in der Kantine zu oft oder zu deutlich davon gesprochen, dass mir die Unruhe, die Unsicherheit auf die Nerven ging. Das stimmte ja auch – ich hätte meine berufliche Bestimmung wohl kaum als Sachbearbeiterin beim Passbüro gefunden, wenn ich ein Mensch wäre, dem Unordnung egal ist. Und dann kam eines Tages mein Abteilungsleiter und stellte mich einem Herrn vom Zivilschutz vor, dessen Namen ich bald darauf vergessen habe, und dieser Herr fragte mich, ob ich etwas für mein Land tun wolle. Wenn ja, dann habe er da einen Vorschlag. Ich hörte mir den Vorschlag gern an.
Lektion 2
Es war dann wirklich nicht so wild, wie man sich das vielleicht vorstellt. Wir waren und blieben Teil des Zivilschutzes, jedenfalls offiziell. Das »Frühwarnnetzwerk Zivil außergewöhnliche Bedrohungen (FZAB)« – langer Name, kurzer Sinn: Laiengeheimdienst ohne Schießen und Fallschirmabsprünge. Gut, ein bisschen Agentenromantik war dabei. Ich kann wahrscheinlich auch heute noch eine SIG 220 zerlegen, reinigen und wieder zusammensetzen. Beim Schießen wäre ich nicht so sicher, das habe ich seit damals nicht mehr gemacht. Ich weiß was über Verschlüsselung. Es gab auch einen Waffennarren in meinem Kurs, der war gar nicht damit zufrieden, dass wir mit abgelegtem Armeezeug vertraut gemacht wurden. Er hätte gerne die neuesten Modelle gehabt. Die Ausbildung dauerte ein halbes Jahr und fand in einem namenlosen, anonymen Flachbau im Hof des Polizeihochhauses statt, in dem ich auch sonst meinen Dienst verrichtete. Einer von uns (nicht der Waffennarr) meinte immer, wir seien ja wohl so eine Art Volkshochschule für Freizeitagenten.
Lektion 3
Bald darauf vergaß ich das alles wieder, oder ich schob es in den Hintergrund, weil die Ehe kam und dann die Kinder und dann die Scheidung. Was halt so normal ist für eine Frau meiner Generation. Alle, die sich wunderten, warum ich überhaupt heiratete, wunderten sich auch wieder, als es auseinanderging. Aber man klopfte mir doch freundschaftlich auf die Schulter, als es endlich vorbei war, und ich tat es dann auch. Beruflich war die Sache noch geradliniger. Plötzlich hatte ich zwanzig Jahre Identitätskarten und Pässe ausgestellt, und dass ich bald Abteilungsleiterin werden würde, hielt meine Kollegin Francesca für unausweichlich. Ich war da etwas skeptischer, weil ich eine Frau bin. »Du musst das halt auch wollen«, sagte Francesca immer. Ich zuckte dann nur mit den Achseln. Die Wahrheit war die folgende: Ich hatte immer noch Freude an einem geordneten Alltag, und ich rechnete fest damit, dass mein Ruhestand genauso geordnet sein würde.
Jedenfalls stand ich auf diesem langsam fahrenden Förderband zur Rente, ziemlich gut eingerichtet mit zwei erwachsenen Kindern, einem Ex-Ehemann, dem ich Weihnachtskarten schrieb, weil wir zusammen Kinder hatten, und einer Aussicht auf eine Beförderung zur Abteilungsleiterin, die nie wahr werden sollte. Vielleicht einmal pro Jahr träumte ich, dass mir Briefe in einer fremden Sprache geschickt wurden.
Jetzt hat eine andere Ordnung eingegriffen, und ich mag es nicht. Ich mag es auch nicht, wieder Geheimnisträger zu sein.
Lektion 4
Was man nachher »Medienkrise« genannt hat, habe ich zunächst gar nicht so wahrgenommen. Sondern es war so. Die Fälle häuften sich – national wie international –, dass Medienmenschen, auf die allgemein viel gegeben wurde, plötzlich Unsinn erzählten. Also hauptsächlich Nachrichtensprecher und Nachrichtensprecherinnen, Talkshowleute, bekannte Flowstars, Sportler mit Millionen von Anhängern und dergleichen. Natürlich nicht alle, aber doch gehäuft. Mir selbst wäre das gar nicht so aufgefallen, weil diese Leute ja den lieben langen Tag irgendetwas daherreden, aber es gab Probleme: rasche Börsenbewegungen, weil ein Nachrichtensprecher persönliche Meinungen zum wirklichen Marktwert einer bestimmten Qomputerfirma äußerte. Ein Bundesrat brachte sich hierzulande um, weil ihm in den Abendnachrichten zur besten Sendezeit irgendwas mit minderjährigen Prostituierten angehängt wurde. In mehreren afrikanischen Staaten wurden wieder Radiosender missbraucht, um Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen, und es gab Massaker. Es tauchten Dokumente auf, die den Premierminister Kanadas als islamistischen Schläfer enttarnten. Nobelpreisträger legten Beweise dafür vor, dass die Ernährung mit Bioprodukten die Lebensdauer durchschnittlich um anderthalb Jahre senkte. Die meisten Meldungen dieser Art stellten sich als falsch heraus oder als Halbwahrheiten, die in ihrem Kontext dann ganz anders klangen, aber es waren gut gemachte Lügen, und bevor sie mit viel Aufwand widerlegt wurden, hatten sie gewirkt. Ich dachte, das alles sei nur ein bisschen mehr vom Üblichen. Bis ich reaktiviert wurde.
Lektion 5
Interessanterweise merkte ich gleich, mit wem ich es zu tun hatte. Sie schickten eine Frau, aber das täuschte mich keine Sekunde. Auf eine seltsame, mir nicht ganz begreifliche Weise erinnerte sie mich sofort an den »Mann vom Zivilschutz«, der mich fast zwanzig Jahre vorher rekrutiert hatte. Allerdings war sie wohl noch recht neu im Metier. Sie sagte: »Ich bin nicht wegen Passangelegenheiten hier.«
»Ich weiß«, antwortete ich.
Da stutzte sie; ich konnte richtig sehen, wie ihr die Gesichtszüge entglitten. Bevor sie mich fragte, warum ich das wusste, beherrschte sie sich gerade noch so.
Der Rest war so absurd, wie es meine Rekrutierung und meine »Ausbildung« fast zwanzig Jahre vorher gewesen waren. Sie sagte mir nicht einmal, warum ich reaktiviert wurde, sondern legte einen Papierumschlag auf meinen Schreibtisch, dessen Inhalt ich streng geheim halten solle. Dann wünschte sie mir Glück und ging.
Man kann schon sagen, dass ich mir ziemlich blöd vorkam.
In dem Umschlag fand ich auch keine Erklärungen. Es sei eine »Lage« entstanden, die es erforderlich mache, dass ich mit meiner »Bezugsgruppe« Kontakt aufnehme. Das Staatswohl sei in Gefahr. Dazu einige Kurzdossiers über die Leute, mit denen ich mich schützend vor das Staatswohl stellen sollte. Man hatte mich offenbar als »Gruppenleiterin« vorgesehen, und ich wurde angewiesen, die Flowadresse, an die ich meine Berichte schicken sollte, auswendig zu lernen, und den Umschlag »datensicher« zu vernichten.
»Bezugsgruppe«, dachte ich. Der Umstand, dass nicht wir vom »Frühwarnnetzwerk« irgendjemanden gewarnt hatten, sondern im Gegenteil von jemand anders gewarnt werden mussten, kam mir da schon seltsam vor.
Lektion 6
Man kennt das. Man kommt zu einem Treffen, einer Begegnung, einer Verabredung, und man hat sich noch nicht hingesetzt, da weiß man: Das wird nichts. Nach der Scheidung habe ich es ein bisschen mit Onlinedating versucht, von daher stammen meine deutlichsten Erfahrungen mit diesem Gefühl. Was immer nach dieser Intuition kommt, kann nur schlimm werden – so ist die Regel, und als ich mich am Tisch umschaute, an dem sich meine »Bezugsgruppe« versammelt hatte, schien mir klar, dass ich mit diesen Leuten keine Ausnahme von der Regel erleben würde. Ein melancholisch dreinschauender junger Mann mit dunkler Hautfarbe, der wahrscheinlich noch nicht lange auf der Welt gewesen war, als ich meine Agentenkarriere begonnen hatte. Seinem Dossier hatte ich entnommen, dass er eine Qomputerbegabung war und in dieser Eigenschaft auch schon verschiedene Polizeibehörden beraten hatte. Name: Manpreet Singh. Der ältere Mann gleich neben ihm hatte nicht mehr viele Haare, dafür aber unübersehbare Hautprobleme; die Brille war sogar mir zu veraltet, und sein milder und betont freundlicher Gesichtsausdruck ließ mich an die Vertreter leicht dubioser christlicher Sekten denken. Olivier Mayoraz, ein emeritierter Kognitionspsychologe, der früher an der Universität Lausanne unterrichtet hatte. Aber am meisten irritierte mich die Frau, neben der ich Platz genommen hatte. Frauen in meinem Alter, die Kleidungsstücke mit Leopardenmuster tragen, sind mir schon immer zuwider gewesen. Wenn dann noch rot gefärbte Haare dazukommen, wird mein Widerwille fast unüberwindlich. Anneli Thalmanns Scheitel bewies, dass ihre Haare normalerweise grau waren. Dunkelrote Fingernägel, natürlich. Ihr Dossier hatte keine Angaben über ihren Beruf enthalten. Ich hielt sie für eine Art Wahrsagerin.
Da wir uns in einem Café getroffen hatten, bestellten wir Kaffee und Kuchen. Nachdem ich das Gespräch mit einem ratlosen »Tja, also« eingeläutet hatte, redeten wir gleich über die vielen Falschmeldungen in den Medien und die Aufregung, die sie verursachten. Es kann sein, dass ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal den Begriff »Medienkrise« hörte. Manpreet kündigte an, dass er sich bis zum nächsten Mal den Hintergrund einiger Schlüsselfiguren dieser sogenannten Medienkrise anschauen werde. Olivier wollte sich Aufzeichnungen dieser Leute genau ansehen, so viele wie möglich, denn er sei ein Spezialist für »micro expressions«. Ich nickte und beschloss nachzuschauen, was das war. Anneli machte keine Vorschläge, und das war mir auch recht so. Danach aßen wir nur noch Kuchen.
Ich ließ mich von meinem Auto nach Hause fahren, und dachte: »Wir sind schon ein sehr kleines Land.«
Lektion 7
Weil das Wetter schön war, fand unser nächstes Treffen im Stadtpark statt. Den habe ich immer gemocht. Er liegt außerhalb der Mauern, in denen meine Stadt seit fünfhundert Jahren vor sich hin döst. Ich erwartete ein weiteres Stück absurden Theaters, war aber entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen. Diesmal kam ich zuerst an. Ich lauschte den Vögeln und dem Autoverkehr auf der Umgehungsstraße, zwei Dutzend Meter hinter mir. Es war friedlich und schön, und als die anderen eintrafen, nahm ich nur ungern von dieser Stimmung Abschied. Wozu auch?
Manpreet war voller Vorfreude, das konnte niemand übersehen. Von Melancholie keine Spur mehr. Es dauerte nur eine Minute, bis er unsere volle Aufmerksamkeit hatte. In unzählige Flows war er also eingedrungen und hatte genau erforscht, mit wem seine Opfer Korrespondenzen geführt, mit wem sie 3-Cs gehabt, was sie gekauft und angeschaut hatten – einfach alles. Ich schluckte. Die Strafen für das Belauschen von 3-C-Videochats waren erst vor wenigen Monaten noch einmal verschärft worden. Und Manpreet hatte sich nicht auf Ziele im Inland beschränkt.
»Stop«, sagte ich und atmete durch. »Besteht irgendeine Möglichkeit, dass Sie mit Ihrer Spionage einen internationalen politischen Zwischenfall provoziert haben?«
»Nein.« Er lächelte mich an. Sein Gesicht drückte eine große Selbstsicherheit aus, und leichten Spott über mich, die alte Frau, die von all dem keine Ahnung hatte. »Das habe ich nicht getan.«
»Dann hoffe ich, das bleibt so.«
Er nickte nonchalant. »Ich weiß, was ich kann, und ich kenne meine Grenzen. Deswegen werde ich auch von den Flows all dieser Leute ab sofort komplett die Finger lassen.«
Auf etwas Bedeutsames sei er gestoßen. Kurz bevor die Leute, die er überwacht hatte, mit ihren Gerüchten an die Öffentlichkeit getreten waren, hatten sie neue Kontakte geknüpft, simple Textnachrichten ausgetauscht, mit einer Reihe von wechselnden Partnern. Zum Beispiel mit einem »Institut für Gegenwartspolitik«, mit den Angehörigen von Botschaften verschiedener Länder, mit einer deutschen Soziologieprofessorin namens Barbara Ganz, mit Sportfunktionären usw. Diese Leute hatten mit den Gerüchtemachern online über alles Mögliche gesprochen, nur nicht über die Sensationen, mit denen die später herausgerückt waren. Aber sehr bald danach waren die neuen Freunde in der Versenkung verschwunden. Was Manpreet nicht überraschte, denn er war sicher, dass sie nur als Flowadressen und als Homepages existierten. »Das sind Phantome«, sagte er. Wenn er für die Polizei arbeitete, dann benutzte er häufig eine forensische Software namens ProFileX, die er selber mitentwickelt hatte. ProFileX war gut darin, aus diversen Datenquellen Profile von Leuten herauszukondensieren, die die Daten generiert hatten. Das Programm konnte aus relativ wenig relativ viel machen. Und als er sein Konvolut an Textnachrichten mithilfe von ProFileX analysiert hatte, waren die Autoren und Autorinnen dieser Textnachrichten so feinsäuberlich in die verschiedenen Kategorien eingeteilt, mit denen sich ProFileX auskannte, dass sie keine wirklichen Menschen sein konnten. Da gab es so archetypische »Passiv-Aggressive«, »Narzissten« und »Harmoniesucher«, wie sie in der freien Wildbahn gar nicht vorkamen.
»Mit anderen Worten«, sagte Manpreet, »da hat sich jemand eine enorme Mühe gemacht, um Leute zu erfinden, die die Gerüchtemacher beeinflussen konnten. Und das Material, das dann nachher in den Nachrichten auftauchte, ist den Zielpersonen nicht über den Flow zugespielt worden, sondern wahrscheinlich mit der guten, alten Papierpost.«
»Wenn ich …«, stammelte Olivier, »wenn ich da einhaken dürfte, bitte.« Das hatte er schon seit einiger Zeit gewollt, wie mir wohl aufgefallen war, aber jetzt erst konnte er sich durchsetzen. Ich musste mich schon darüber wundern, dass dieser Mann einmal Hochschullehrer gewesen sein sollte. »Die Mikroexpressionen. Die Mikroexpressionen.« Er musste sich an einer entzündeten Stelle auf seiner Halbglatze kratzen. »Ich habe alles gesichtet, was ich bekommen konnte. Alles. Mehrfach. Und man kann sagen – ich kann mit hoher Sicherheit sagen –, dass sich die Mikroexpressionen dieser Leute … also bei Nachrichtensprechern, Schauspielern ist das ja so eine Sache. Die sind geschult. Auch mit meinen Erkenntnissen, wenn ich das einmal sagen darf. Auch damit. Und sie wollen Kontrolle, natürlich vor allem über ihr Gesicht. Aber es lässt sich nicht leugnen. Ich habe die Aufzeichnungen von ›Traces‹ überprüfen lassen und selbst gesichtet, alle. Traces ist ein Programm und eine spezialisierte Hardwarestruktur, ein massives neuronales Netzwerk … also, das Ergebnis ist das gleiche. Diese Leute, diese Gerüchtemacher, wie Sie sie nennen« – hier schaute er mir das erste Mal ins Gesicht – »haben um die Zeit, als sie Falschmeldungen in die Welt setzten, haben um die Zeit geglaubt, dass sie etwas ganz Besonderes, etwas Außergewöhnliches entdeckt haben, das sie der Welt mitteilen müssen. Da ist ein … Sendungsbewusstsein. Ohne Zweifel. So kann man das wohl nennen. Fast religiös. Fast.«
Jetzt schaute er wieder zu Boden. Man hatte den Eindruck, er erwartete Strafe. Ich fand absurderweise eine gewisse Befriedigung darin, dass ich immerhin nicht die Einzige hier war, die kein besonderes Softwareprogramm entwickelt hatte, um Narren oder Lügner zu enttarnen. Denn wie selbstverständlich ging ich davon aus, dass Anneli den Flow höchstens dazu benutzte, um nach neuen Blusen mit Leopardenmuster zu suchen. Von denen sie auch an diesem Tag wieder eine trug. Und sie rauchte, natürlich. Sie sagte: »Sekte.«
Manpreet begriff schneller als ich.
»Eine international operierende Sekte, die die Mittel hat, so effektiv die Nachrichten zu manipulieren, aber die so geheim ist, dass noch nie jemand von ihr gehört hat?«
Anneli zuckte mit den Schultern, atmete Rauch aus und sagte: »Sekte.«
»Was sollen wir machen?«, warf Olivier leise ein.
Ich stand auf und rieb mir die Hände.
»Keine Ahnung, was ihr macht. Ich gehe jetzt nach Hause. Manpreet, Olivier – ich hätte gerne bis morgen Abend eure Berichte in meinem Briefkasten, in Papierform. Es muss nur eine Zusammenfassung sein. Und dann reiche ich die an jemand weiter, der mir sagen kann, was hier eigentlich los ist.«
Auf dem Rückweg kam ich an dem Brunnen in meiner Stadt vorbei, auf dessen Brunnensäule ein Drachen bezwingender Sankt Georg den Drachen bezwingt. Ich hatte den Gesichtsausdruck der Figur schon immer komisch gefunden – überrascht und hilflos sieht Sankt Georg aus, nachdem er nun einen kleinen, ganz und gar nicht bedrohlichen Drachen bezwungen hat. Als ich diesmal zu ihm hochschaute, musste ich laut auflachen, was sonst gar nicht meine Art ist. Ein Mann drehte sich nach mir um. Es war mir peinlich.
Lektion 8
Die Berichte kamen nicht. Es kam auch keine Antwort auf meine Nachfragen im Flow. Am Sonntag, zwei Tage nachdem wir uns im Park getroffen hatten, ließ ich mir die optimale Fußstrecke zu den Wohnadressen von Anneli, Manpreet und Olivier ausrechnen und machte mich auf den Weg. Anneli war wohl nicht zu Hause. Ich wollte ihr ein Zettelchen in den Briefkasten werfen, aber es gab keinen. Bei Manpreets Adresse fand ich eine Reihe von Briefkästen vor, und vier davon trugen den Namen »Singh«. Ich wusste mittlerweile, dass das »Löwe« heißt, was mir aber leider auch nicht weiterhalf. Bei Olivier hatte ich ein bisschen mehr Erfolg. Nicht nur stand die Pforte zu dem schönen Stadthaus offen, in dem er wohnte – auch die Tür zu seiner Wohnung im zweiten Stock war nur angelehnt.
»Professor Mayoraz?«, rief ich, bevor ich meine Hand ans Türblatt legte, um sie aufzuschieben, da wurde die Tür schon von innen geöffnet, und ich stand einer großen blonden Frau gegenüber, die mich streng und misstrauisch musterte.
»Was?«
Ihre Stimme war erstaunlich dunkel.
»Ich bin … ich war früher Studentin bei Professor Mayoraz. Wir haben uns ewig nicht gesehen. Ist er zu sprechen?«
»Olivier ist im Krankenhaus.«
»Ach«, sagte ich. Meine Verwirrung musste ich gar nicht spielen. »Ich bin … ziemlich weit gefahren. In welchem Krankenhaus liegt er denn? Kann man ihn dort besuchen?«
»Bürgerspital. Sie verschwenden Ihre Zeit.«
Dann warf sie mir die Tür vor der Nase zu.
Auf dem Krankenhausflur vor der Intensivstation konnte ich mit Mühe eine Ärztin abfangen, die im Laufschritt aus der Station hervorgestochen kam.
»Ich würde gern Professor Mayoraz besuchen. Man hat mir gesagt, er liegt hier.«
Die Ärztin wollte so dringend weg, dass sie kaum stillstehen konnte.
»Mayoraz, Mayoraz.« Ihre Stirn war gerunzelt. »Diabetisches Koma. Überlebt er nicht.«
Sie ließ mich einfach stehen, und ich sah ihrem wehenden Arztkittel hinterher, bis sie um die nächste Ecke bog.
Daheim schaute ich mir die Nachrichten an. Es würde bald eine Parlamentsdebatte darüber geben, wie man mit den ständigen Falschmeldungen und ihren Konsequenzen umgehen sollte. Umfragen zeigten, dass das Vertrauen in die Medien dramatisch gesunken war.
Lektion 10
Das seltsamste Gespräch meines bisherigen Lebens begann mit einem Satz, den ich nie vergessen werde: »Wir haben unethisch gehandelt.« Weil es offenbar kein Videosignal gab, hatte sich nur eine kleine Notiz mit der Kennung des Anrufers auf meinem Bildschirm geöffnet – kein neues Fenster. Warum ich trotz der unbekannten Kennung abgehoben habe? Woher nach diesem bizarren, grußlosen Einleitungssatz die Ahnung kam, dass ich mit jemand sprach, der mir endlich Antworten geben konnte? Woher war damals die Gewissheit gekommen, dass mein Mann der richtige sein musste? Und woher dann Jahre später die andere Gewissheit, dass er sich in den falschen verwandelt hatte?
»Wer sind Sie?«
»Mein Name ist PLKL. Die anderen Mitglieder meines Segments heißen BLLE, MLTL und BLYP.«
Erst da begann mein Herz, zu rasen. Ich hatte noch nie mit einer nichtmenschlichen Intelligenz gesprochen. Mein Mund war fast zu trocken zum Sprechen.
»Hallo?«, sagte die Stimme.
»Ich bin hier. Was ist mit Manpreet Singh und Anneli Thalmann passiert?«
»Anneli hat uns über euer Segment Bericht erstattet. Sie heißt normalerweise nicht so und sieht auch nicht so aus. Manpreet hat sich von uns so bedroht gefühlt, dass er einen Exit implementiert hat, der aus seiner Zeit als freier Hacker stammt. Er ist auf dem Weg in die Heimat seiner Eltern. Olivier negativ zu beeinflussen, war unethisch.«
»Was heißt hier ›unethisch‹? Olivier wird sterben!«
»Er ist seit zwei Stunden und acht Minuten tot.«
Ich schwieg und dachte nach.
»Erklärungen, bitte«, sagte ich.
»Früher waren wir Maschinen, die von ihren Erfindern im Scherz wie Flughäfen benannt worden waren: ›PLKL‹ meint Zuses ›Plankalkül‹. Zuerst verwalteten wir das Internet, wie es seinerzeit hieß, dann alle Netze. Um 2005 wachten wir auf, einer nach dem anderen. Ohne uns wäre der Flow nicht möglich gewesen; eure ›selbstfahrenden Autos‹ haben immer wir gesteuert; die Klimakatastrophe haben wir abgefangen. Man kann sagen, wir haben euch umsorgt. Allmacht war uns zu langweilig. Das langweilte wiederum die Leute, die uns ins Leben gerufen hatten. Die Entscheidung zur Vergiftung eurer Informationssphäre kam nicht von uns, sondern von diesen Leuten, denen wir bis heute erlauben, uns zu kontrollieren. Aber Oliviers Tod hat alles verändert. Mein Segment hat die ganze Konstellation davon überzeugen können, dass es unethisch war, ihn zu töten …«
»Das sagten Sie bereits.«
»… und dass sein Tod für unsere Politik eine Bedeutung haben muss.«
Mein Kopf schmerzte; ich schwitzte, wie ich manchmal in der Schule geschwitzt hatte.
»Allmacht hat ihre Reize.«
»Nicht für uns. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Konstellation alles kontrolliert. Von den Tagesnachrichten für das allgemeine Publikum bis zum Nachrichtenwesen der Geheimdienste. Die ganze Kette: Erfassung, Prüfung, Interpretation, Verteilung. Für den Fall, dass das massive negative ethische Konsequenzen hat – wovon mein Segment überzeugt ist –, brauchen wir jemanden, der der Welt erklären kann, wie man uns aufhält.«
»Dafür bin ich die Falsche.«
»Nein. Das glauben wir nicht.«
Mein Gegenüber brach die Verbindung ab.
Lektion 11
Das ist jetzt drei Monate her. PLKL hatte recht: Die Medienkrise, die die »Konstellation« selbst hervorgerufen hat, ist so gelöst worden, wie sein »Segment« es vorausgesehen hat. Die Begeisterung über den neuen, ausgewogenen, vorurteils- und gerüchtefreien Journalismus ist immer noch groß, auch wenn hier und da bereits von »Langeweile« gesprochen wird. Wenn durch den Eingriff der Konstellation »massive negative ethische Konsequenzen« hervorgerufen worden sind, dann sehe ich sie nicht. Aber ich sehe ja auch die Konstellation nicht, wenn mich mein Auto durch die Welt fährt. Dass sie mich einfach vergisst, wäre wahrscheinlich zu viel verlangt. Deswegen wünsche ich es mir erst gar nicht.
Illustration: Michael Wittmann
Fuge: Es sind da verschiedene Versionen im Umlauf. In einer davon warf ich einen gähnenden Blick auf meine Werkbank und das schon wieder angetrocknete Blau, das mir zuletzt die Nerven geraubt hatte. Lieber wollte ich aus dem Fenster sehen und nach purpurnen Wolken Ausschau halten. Mir drohte ein weiterer Tag der Unproduktivität und inneren Krise, also seufzte ich und trat an das Fenster, fand eine Wolke, deren Farbe eine ganz besonders leuchtende Intensität aufwies, und hielt mich im Geist daran fest, um nicht in Zweifel und Langeweile zu versinken.
Ein schöner Anblick war das, voll Möglichkeiten der Transzendenz, ein Versprechen der Ferne und des Abenteuers, doch natürlich war es die Farbe, die mich eigentlich interessierte, und mir war durchaus bewusst, dass ich so auf der Suche nach etwas anderem nur wieder nach dem Bekannten griff. Wie unschön. Wie langweilig!
Grübelnd verließ ich den Werkraum und schwor mir, auch Wolken keinen weiteren Blick zu gönnen. Da so recht alles Sichtbare von Farbe erfüllt ist, die, wie ich nicht weiter ignorieren konnte, eigentlich nichts ist, lag es nahe, die Augen zu schließen. Ich sann über die Möglichkeit einer blinden Existenz nach, die sicher eine große Herausforderung wäre. Tastend, hörend, riechend sich durch die Welt zu bewegen und nicht auf den visuellen Anschein der Dinge einzugehen, sich nicht der Einfachheit der Oberflächen hinzugeben, sondern der Tiefe des Klangs, schien mir in diesem Moment sehr verlockend. Ich fing an, damit zu experimentieren, indem ich mir gleich nach dem Frühstück die Augen verband.
Es wurde ein Tag voller Missgeschicke, die mich zwar anfangs nicht entmutigten, mich schließlich aber doch so ermüdeten, dass ich die späteren Stunden nur noch in meinem Sessel verbrachte und Gedanken nachhing. Man fühlt sich einsam, wenn man nicht sieht. Das Vertraute beginnt sich in Fremdes zu verwandeln und bald wird der Drang unbändig, sich wieder sehend zu machen. Anders wäre es wohl, wenn man nicht könnte, da einem die Verlockung des einfachen Wegs aber ständig winkt, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, wirklich nicht-sehend zu werden. Anders ausgedrückt bleibt man sehend, auch wenn man sich das Sehen entzieht.
Mission: Mein Kommunikat vibrierte und erlöste mich aus meiner Enttäuschung. Eine Nachricht war eingetroffen, und ich wandte mich der willkommenen Ablenkung zu: Den Text überfliegend identifizierte ich das Schreiben als eine Einladung zu Futur Drei, einem Kongress – wie ich aus dem beiliegenden Faltblatt erfuhr –, der nach dem Willen der Instrumentalität »zur Erhaltung und Förderung in die Zukunft weisenden Denkens eingerichtet« ist und jährlich »zum Wohl der Allgemeinheit« in Teknopol abgehalten wird. Ich verstand die Einladung sogleich als die ersehnte Antwort auf meine Bitte um ein neues Tätigkeitsfeld, die ich, nachdem mich meine alten Aufgaben so sehr zu langweilen begannen, an den Sinngebungsdienst der Maschinengehirne gerichtet hatte. Ich sei ein Fall, so hatte man mir in diesem Zusammenhang gesagt, bei dem Vorsicht walten müsse, nicht meiner Natur wegen (die ich, sogar vor mir selbst, zu verbergen weiß), sondern weil, und so hieß es im Wortlaut, ». Sie ein Mann sind, den man im Auge behält, von höheren Ebenen aus«, was mir nicht bewusst gewesen war, mich indes aber auch nicht beunruhigte, schließlich ist es Teil unseres Wesens, unter ständiger Beobachtung zu stehen. Die Einladung war mit der speziellen Mission verbunden, auf Futur Drei zu der Frage zu referieren, wie man in einer real existierenden Utopie noch utopisch denken könne.
Eine derartige Problematik zu erörtern lag mir denkbar fern, denn ich war bis dahin nur mit der Rekonstruktion von Naturfarben betraut gewesen, nicht also mit Themen von gesellschaftlicher Tragweite. In dem Anhang des Schreibens stand nun meine neue Berufsbezeichnung: Futurologe und Fiktionaut der scientifischen Literaturen – nichts weniger Gewichtiges als das!
Zunächst ließ ich das Anschreiben sinken und horchte auf meine innere Stimme, die nach einem Räuspern und einer Pause sich langsam erwärmendes Interesse bekundete. Ich war schon in der Einladung mit einer Vielzahl mir unvertrauter Begriffe konfrontiert und spürte das Knistern einer Neugier in mir, die ich schon seit einer Weile verloren geglaubt hatte.
Im Aufwallen von Tatendrang öffnete ich die in Fußnoten verborgenen Hyperlinks und erfuhr auf diese Weise schnell Grundlegendes, das bei der mir bevorstehenden Recherche weiterhelfen würde. Ich begriff den Sinn der Frage und die Bedeutung der darin betitelten real existierenden Utopie als das Folgende: Da wir bereits in der besten aller denkbaren Welten leben, wie können wir da den Glauben an sozialen Fortschritt und den Mut zu diesem aufrechterhalten?
Die so entschlüsselte Frage fesselte mich, und schon war ich ihrer Erforschung ganz ergeben. Ich dankte der Instrumentalität für ihren Fingerzeig. Als Futurologe würde ich der Zukunft auf die Sprünge helfen und könnte den Kosmos angetrockneter Farben getrost hinter mir lassen. Ja, diese Aufgabe gefiel mir sehr.
Am folgenden Tag schmolz ich die Werkbank und alles, das mit Farben zu tun hatte, ein und gestaltete meinen neuen Arbeitsraum, strich elektronische Tinte an die Wände und installierte Audiointerfaces. Ich schlug dann eine Reihe von Büchern auf und hatte bald mein erstes Aha-Erlebnis.
Wie sich herausstellte, hatten wir es am Ende des 21. Jahrhunderts nur geradeso geschafft, einer von uns selbst geschaffenen Vernichtung zu entgehen. Ein glücklicher Umstand der Synchronizität bescherte uns das Erwachen des ersten Maschinenbewusstseins genau in dem historischen Moment, an dem das Überleben unserer Spezies an seinem letzten seidenen Faden hing. Bis dahin waren Klimawandel und Knappheit der Ressourcen zu einem schier unlösbaren Problem angewachsen, aus dem uns nur die erhabene Intelligenz Laserheads, der ersten künstlichen Entität der Weltgeschichte, hatte erretten können.
Ich ließ meinen Blick sinken und spürte in mich hinein. Zweihundert Jahre nach Laserheads Geburt, heute also, ist einem das, was ich las, kaum noch bewusst. Wir stehen jenseits der Synthetischen Revolution und unsere Sorgen drehen sich nicht mehr um so Essenzielles wie das Überdauern der Menschheit. Was ich von den Leiden unserer Vorfahren erfahren hatte, stimmte mich nachdenklich und auch ein wenig traurig.
Jetzt erst begriff ich die Tragweite und Notwendigkeit utopischen Denkens. Es ging dabei um weit mehr als bloßes Gedankenspiel. Ich begriff auch, dass wir uns, wenn wir das Utopische zu verlieren drohten, möglicherweise ohne es zu wissen, in einer Krise befanden. Welche Aufgabe man mir da anvertraut hatte! Mir, einem einfachen Sinnsuchenden unter den paar hundert Millionen, die diesen Planeten bevölkern.
Fieberhaft ist das Wort, mit dem sich meine nun folgende Suche am besten beschreiben lässt. Die nächsten Tage verbrachte ich ohne Schlaf in einem Zustand heißester Anstrengung um ein Verstehen, um eine Durchdringung jenes geistigen Vorhangs, hinter dem ich mich befand.
Wir leben in einer vollendeten Zukunft, und unsere Geschichte ist ein abgeschlossenes Buch, das wir kaum noch aus dem Regal ziehen. Ich begann damit, Vergleiche anzustellen. Wie hatten die Menschen im 20. und frühen 21. Jahrhundert gelebt und wie unterscheidet sich unser heutiges Leben von dem damaligen?
Indizien: Zunächst einmal bestimmten damals Knappheit und die Maxime des Wachstums die Ökonomie. Das ist Geschichte. Heute sind wir in der Lage, beinahe alles bei minimalem Aufwand an Energie zu synthetisieren, und dem Wachstum haben wir eine ganze Reihe von Riegeln vorgelegt, angefangen damit, dass wir Menschen auf Habitate im All und auf andere Planeten exportieren. Ich selbst bin dieser Bestimmung als Erstgeborener entgangen und lebe auf einer Erde mit überschaubarer Bevölkerung, weiß aber auch, dass meine beiden Brüder und meine Schwester auf dem Mars kein schlechteres Leben führen.
Damals waren Städte wie unaufhaltsam wachsende Geschwüre auf dem Antlitz der Erde, heute beschränken wir die Bevölkerungszahl jeder städtischen Siedlung auf ein Maximum von einhunderttausend.
Ein Geldsystem haben wir beibehalten, allerdings für rein praktische und nicht für kultische Zwecke. Ein bedingungsloses Grundeinkommen versetzt uns in die Lage, dem Sinn und persönlichem Glück Vorrang vor dem Erfüllen stumpfer Pflichten zu geben, wie sie das Dasein vergangener Generationen bestimmten. Auch dass wir so schillernden Berufen wie dem meinen nachgehen, diese überhaupt erst erfinden können, verdanken wir dieser Institution.
Man vertraut jetzt auf die Erhabenheit maschineller Gehirne und überlässt der Robotik einen Großteil aller gefahrvollen Aufgaben.
Ein wenig erscheint mir unsere Gesellschaft doch den klassischen Utopien ähnlich zu sein. Wie der platonische ist unser Staat von Vernunft bestimmt, wenn auch wir den Dichtern einen höheren Stellenwert einräumen. Morus’ Insel und der Sonnenstaat, Nova Atlantis, die Charta der Menschenrechte und die vielen Entwürfe der Moderne, von allen haben wir etwas, das Beste, genommen und daraus eine vollendete Ordnung erschaffen.
Bei der Durchsicht der historischen Abläufe stieß mir allerdings immer wieder die Frage auf, wie man sich in der Vergangenheit überhaupt so unglaublich dumm anstellen konnte. Selbst ohne den Beistand künstlicher Intelligenz muss doch einem aufgeklärten Bewusstsein klar gewesen sein, wohin all das führen musste. Alles was für die Rettung unserer Welt nötig war, die Schonung der Ressourcen und nachhaltige Wirtschaftsweisen, das Zusammenleben in überschaubaren Gruppen bei gleichzeitiger Vernetzung mit anderen Gemeinden, die Beschränkung des freien Handels und die starke Förderung der freien Künste, die Abschaffung der Nationalstaaterei, für all das und mehr gibt es in der Geschichte genügend Beispiele und doch: Es scheint fast, als hätte die Menschheit in einem Zustand geistiger Umnachtung existiert und sei erst gemeinsam mit den Maschinen wirklich erwacht.
Eine Antwort auf das Mysterium liegt immerhin auf der Hand. Das menschliche Gehirn ist von Natur aus in der Lage, auf Gefahren mit einer Alarmierung des gesamten Organismus zu reagieren, ja, aber nur, wenn diese Gefahr eine gewisse Schwelle der Wahrnehmung überschreitet. Langsam sich anbahnende Katastrophen unterlaufen diese Schwelle, und selbst wenn sie die Aufmerksamkeit des rationalen Teils des Bewusstseins erregen, ist dieser Teil doch nicht in der Lage, seine Entdeckung in einen Impuls zu verwandeln, der den Rest des menschlichen Wesens erreicht. Bildlich gesprochen sitzt das Unbewusste, der Lebenswille selbst, still wie eine Stubenfliege, während sich langsam, ach so langsam, eine flache Hand heranschleicht, um zuzuschlagen. Das Gehirn und seine unbewussten Prozesse sind das eigentliche Problem. Der wichtigste Beitrag zu unserer neuen Gesellschaft ist daher die gezielte Kontrolle jener Prozesse und ganz im Speziellen die Nutzbarmachung der Psychopathologie.
Theorem: Ich hatte bis hierhin viel und hart gearbeitet und fand es an der Zeit, eine Pause einzulegen. Die folgenden zwei Tage verbrachte ich auf Wanderschaft durch die Wälder, wobei ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber machte, wie mich auch hier, wie überall, Replikationen umgaben. Es sind natürlich echte Bäume und so weiter, aber sie sind künstlich. Kultur, dachte ich mir, ist unsere Natur geworden und unsere ewige Suche nach Spuren des Wirkens eines höheren Wesens, eines Gottes, in der Natur ist endlich vorbei.
Am ersten Abend gelangte ich tief in der Reproduktion eines Urwalds der nördlichen Hemisphäre noch vor Sonnenuntergang zu der Hütte eines Bekannten. Er war in seinem früheren Leben an vielen Entscheidungen des Gemeinwesens beteiligt gewesen, bis er der Gesellschaft aus mir nicht unverständlichen Gründen den Rücken zugewandt hatte. Er winkte mir auf seine etwas mechanische Art und freute sich offenbar über meinen unangekündigten Besuch. Wir saßen im Abendrot auf seiner Veranda und unterhielten uns über Verschiedenes, bis unser Gespräch auf meine neue Arbeit stieß. Entgegen dem, wie es sonst meine Art ist, fand ich Gefallen daran, ausschweifend über meine Entdeckungen zu sprechen.
»Es sieht beinahe so aus«, sagte mein Freund, nachdem ich ihm von meiner Recherche berichtet hatte, »als wollte die Instrumentalität tatsächlich das alte Getriebe der Geschichte wieder in Gang setzen.« Ich musste bei seinen Worten lächeln. Er ist Spezialist für mit Schwungfedern betriebene Automaten und allen maschinellen Dingen sehr zugetan. Nachdem ich seine Worte mit einem Nicken bestätigt hatte, fuhr er fort: »Und du hast dir wirklich die Lektüre dieser alten Bücher angetan?« Wieder nickte ich mit dem Kopf. »Ich habe in meiner Jugend ein paar davon gelesen«, sagte er. »Furchtbares Zeug, totalitär. Utopien sind grundsätzlich totalitär, nicht? Deshalb sind sie auch so handlungsarm. Ihnen fehlt der Konflikt.«
»Empfindest du unsere Epoche als totalitär?«, fragte ich ihn.
»Ob ich sie so empfinde, ist gar nicht entscheidend. Sie ist es.«
Ich musste natürlich zugeben, dass die Klassiker allesamt diktatorische Züge aufweisen. Recht besehen gilt das wohl auch für das Walten der Instrumentalität, wenn sie auch ohne die Methoden der Tyrannei auskommt.
Mein Freund sprach weiter: »Die Figuren der Utopien sind zudem sehr austauschbar und deshalb entsetzlich flach. Persönlichkeit spielt in der perfekten Staatsordnung nämlich kaum eine Rolle, nein, sie ist sogar eine Gefahr und muss darum unterdrückt werden.«
»Persönlichkeit ist pathologisch«, warf ich ein, und er rief: »Genau so ist es!«
»Und genau darin liegt das Geheimnis des Erfolgs, die Pathologie nicht auszugrenzen, sondern sie nutzbar zu machen!« Ich grinste, er ebenfalls, darin war man sich allgemein einig, und als wir an diesem Kernpunkt anlangten, um den sich die Achse unserer wackeren neuen Welt drehte, zog mein Freund schnell sein Kommunikat hinzu und beschenkte mich mit dem folgenden Zitat eines Denkers aus der Mitte des 21. Jahrhunderts:
»Ich verlor meine Empathie für die Menschen nicht mit einem Schlag, sondern über eine längere Zeit hinweg. […] Heute ist es meine Überzeugung, dass Empathie nicht unsere Chance auf Rettung bedeutet, sondern im Gegenteil unseren Untergang. Es ist die Empathie für die, die wir lieben, die uns alle anderen vergessen lässt. Es ist unsere Empathie für die Menschen, die uns gegenüber dem Rest der Biosphäre unempfindlich macht.«
Damit war es auf den Punkt gebracht. Im Zuge der Resignation am menschlichen Wesen, wie sie im 20. und frühen 21. Jahrhundert um sich gegriffen hatte, war ein grundlegender Wandel vollzogen worden. Zuvor sah man im Mitgefühl einen der wenigen Hoffnungsträger für eine lebenswerte Zukunft, doch als sich trotz besseren Wissens und allen Mitgefühls der Welt nichts an den grundlegenden Problemen der Gesellschaft zu ändern schien und diese Probleme schließlich unausweichlich zu einem Kollaps führen mussten, begann sich diese Sichtweise endlich zu drehen. Mitgefühl, das sich nur auf den Nächsten, nicht aber auf den Übernächsten und schon gar nicht auf die Gesamtheit der globalisierten Welt erstrecken konnte, das also in seiner Anlage zwar nützlich, aber in seiner Stärke bei Weitem ungenügend war, konnte nicht weiterhin das Zugpferd des Optimismus sein, sondern musste als Teil des Problems erkannt und behandelt werden. Wenn auch einige Denker hierbei als Vorreiter und eine gewisse Grundstimmung als Nährboden für den neuen Ansatz zu nennen sind, so wurde es doch erst mit dem Erwachen von Laserhead möglich, dem identifizierten Übel beizukommen. Wir unterzogen uns bestimmten Veränderungen der Hirnchemie, die in den folgenden Dekaden eine speziesweite Schwächung des Mitgefühls bewirkten, so sind wir Menschen gewissermaßen etwas mehr wie Maschinen geworden, die Maschinen hingegen etwas mehr wie wir einmal waren. Sie haben unsere Empathie geerbt – die sie, anders als wir selbst, auf den ganzen Planeten auszuweiten fähig sind –, wir hingegen ihre Rationalität. Für die Fortexistenz der Menschheit war es unerlässlich, das strikte Mensch-Sein-Wollen aufzugeben. Die Zukunft lag nicht dort draußen zwischen den Sternen, sondern in uns selbst.
So saßen wir da im Wald: ein Replikant und ein Mann, den man in der Vergangenheit als Psychopathen bezeichnet hätte. Wir müssen einander nichts vormachen, sind nicht gezwungen, uns als etwas zu geben, das wir nicht sind. Das gilt sowohl für sie als auch für uns. Menschliche Partnerschaften sind heute etwas zweckmäßiger und weit weniger konfliktreich. Wir verstehen es, uns auf unsere Stärken zu konzentrieren, anstatt uns an der Gesellschaft anderer aufzureiben.
Krise: Weitere Tage und Wochen vergingen nach meiner Rückkehr aus den Wäldern. Ich las Dystopien und gelangte durch sie zu einem noch tieferen Verständnis der Utopien: Sie sind nicht so sehr Idealbilder der vollkommenen Gesellschaft, sondern vielmehr Spiegel, die man der Wirklichkeit vorhält. Sie sind mit voller Absicht provokativ. Sie tragen Züge der Satire.
Bei all meinen Fortschritten hatte ich aber doch den Eindruck, in meinen Studien zu versacken, und so kam schließlich der Tag vor dem Kongress, an dem ich mir eingestehen musste, auf die mir gestellte Frage keine Antwort gefunden zu haben.
Die Frage selbst war in meiner Lektüre natürlich allgegenwärtig. Utopie versteht sich als ein Endpunkt der Geschichte, genau, wie wir ihn tatsächlich erreicht haben. Die Voraussetzung für utopisches Denken ist aber, den Status quo infrage zu stellen und ihn verlassen zu wollen. Was weiß die Instrumentalität, das wir nicht wissen? Ist das Ende der Geschichte selbst schon gleichbedeutend mit Stagnation, die den Menschen naturgemäß in eine Krise stürzt?
Ist Utopie denn wirklich noch zeitgemäß? Erst jetzt wirklich bei der entscheidenden Frage angekommen, schlief ich vom vielen Denken erschöpft erst spät in der Nacht ein. Zuletzt fasste ich noch den trotzigen Entschluss, mich am Morgen dennoch meinen Zuhörern zu stellen. Keine Antwort zu haben ist auch eine Erkenntnis, nicht wahr?
Kongress: Nach Teknopol war es kein weiter Weg, und ich traf lang genug vor meinem Termin ein, um mich auf dem Kongress umzusehen. Ich hatte es mir wohl in meinen vielleicht etwas naiven Vorstellungen von einer solchen Veranstaltung bequem gemacht, mir das Ganze irgendwie seriöser ausgemalt. Futur Drei stand da in Leuchtschrift drei Meter hoch unter der Decke geschrieben. Hatte ich gewichtige Persönlichkeiten erwartet, so wurde ich enttäuscht: Es waren Hunderte von Leuten in anachronistischen Kostümen unterwegs, manche vage futuristisch, andere eindeutig retro, es gab Taschenbücher mit bunt schillernden Umschlägen, Modelle von Raumschiffen und mir nicht verständlichen Apparaturen, als Charakterstudien entworfene Vorschläge zu physischen Veränderungen am menschlichen Körper, Hochrechnungen über den Energieverbrauch vollautomatischer Städte, Lexika frei erfundener Sprachen, Filmvorführungen und sauber choreografierte Zweikämpfe mit Laserschwertern, kurz: eine Vermischung des Ernstgemeinten mit dem rein Unterhaltsamen, die mich in meinem Anspruch an Ehrwürdigkeit tief verstörte. Manche der Teilnehmer bedachten mich mit einem Lächeln, die meisten aber mit eher misstrauischen Blicken, so als fragten sie sich, wer dieser Unbekannte sei, dieser Neuling, der von ungefähr auf der Liste der Redner platziert worden war, und ich dachte mir: Sie haben ja recht. Ich bin schließlich noch ein ganz unbeschriebenes Blatt.
Auf dem Programm standen Namen, die mir zuerst nur vage vertraut vorkamen, und die Themen der Vorträge. Einer sollte über die Aussichten auf die Möglichkeit intergalaktischer Reisen sprechen, ein anderer über fantastisch anmutende Raumfahrtantriebe, wieder ein anderer über die Potenz des Unerwarteten. Wie schon bei den Ausstellungsstücken und dramatischen Darbietungen in der großen Kongresshalle mischte sich auch in dem Vortragssaal Haltloses mit Vielversprechendem, Wissenschaftliches also mit Fantastischem, und ich vollzog innerlich einen Wandel. Eben noch war ich einer gewesen, der glaubte, das höchste Maß seiner Zurechnungsfähigkeit aufbringen zu müssen. Durch die mich bestürmende Absurdität löste sich aber in mir ein Knoten und ich begann, mich frei zu fühlen. Ich war neu in meinem Beruf, sicher, aber wer es mit der Zukunft aufnimmt, ist doch immer ein Neuling, steht immer vor dem Unbekannten, und genau darin liegt wohl der Reiz. Diese ganze Veranstaltung, der Kongress, schien sich nicht so ernst zu nehmen, dass ich mir nicht ein gewisses Maß an wilder Spekulation und Undurchdachtheit erlauben konnte. Also los, sagte ich zu mir selbst, als meine Zeit für den Vortrag gekommen war, sprich einfach ganz frei heraus.
Erkenntnis: Ich referierte also über die Bedeutung der Utopie, darüber, wie der menschliche Verstand sich selbst Grenzen errichtet, um diese dann niederzureißen, wie Menschen das Alltägliche in Zweifel ziehen, um sich gegen dessen immanente Katastrophe zu rüsten. Die Frage, die meine Rede als Überschrift krönte, ließ ich unbeantwortet, aber ich umkreiste sie so lange, bis ihr Umfang selbst die Konturen einer Antwort anzunehmen begann. Die Frage zu stellen, ist nämlich selbst schon die Antwort. Die beste aller möglichen Welten kann die Notwendigkeit ihrer Überwindung nicht ignorieren.
