Null von fünf Sternen - Ringo Trutschke - E-Book

Null von fünf Sternen E-Book

Ringo Trutschke

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Beschreibung

Ringo Trutschke kennt sich aus in der Welt der Verlierer. Die Helden seiner Kurzgeschichten sind versoffene Disco-Aufreißer, Bürosklaven ohne jedes Selbstwertgefühl und Callcenter-Agenten am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was die notorischen Unglücksraben jedoch gemein haben, ist ihre unerschütterliche Hoffnung, dass irgendwo hinter all dem Elend doch noch das Glück auf sie wartet - sei es für das ganze Leben oder wenigstens eine Minute.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Buch

Ringo Trutschke kennt sich aus in der Welt der Verlierer. Die Helden seiner Kurzgeschichten sind versoffene Disco-Aufreißer, Bürosklaven ohne jedes Selbstwertgefühl und Callcenter-Agenten am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was die notorischen Unglücksraben jedoch gemein haben, ist ihre unerschütterliche Hoffnung, dass irgendwo hinter all dem Elend doch noch das Glück auf sie wartet – sei es für das ganze Leben oder wenigstens eine Minute.

Der Autor

Ringo Trutschke wuchs in den Achtzigerjahren in der schleswig-holsteinischen Provinz auf. Er war Student, Musiker, betrieb ein Online-Satiremagazin und arbeitete in verschiedenen Callcenter- und Bürojobs. Seit 2012 twittert er unter dem Account @Nacktmagazin. 2020 erschien sein erster Roman Raketen werden fliegen. Er lebt in Hamburg.

Inhalt

Angst vor Mädchen

Die Pille

Hotel Neptun

Der Wurstmann

Mitarbeiter des Monats

Das Geheimnis einer guten Ehe

Erwachsenenunterhaltung

Jesus von Lagos

Der Endgegner

Angst vor Mädchen

In meinem zweiten Jahr am evangelischen Kindergarten stellte unsere Kindergärtnerin Frau Wölk die ungeheuerliche Behauptung auf, mit Gott sprechen zu können. Jeden Abend vor dem Einschlafen, so berichtete sie, erklinge die Stimme des Allmächtigen in ihrem Kopf, worauf er der zierlichen Erzieherin allerlei gute Ratschläge für ihren Berufsalltag, ihr Privatleben oder knifflige Bibelstellen erteile. Der Haufen Fünf- und Sechsjähriger um sie herum war schwer beeindruckt, so eine hohe spirituelle Gabe hatten wir von unserer kleinen Frau Wölk nicht erwartet. Krönung des religiösen Offenbarungseids aber war ihre Beteuerung, dass jeder, also wir Knirpse eingeschlossen, Kontakt zu Gott aufnehmen könne, einzige Voraussetzungen: Man müsse nur fest an ihn glauben und ihn in sein Herz lassen.

Das klang einfach! Den ganzen Nachmittag über war ich extrem aufgekratzt, die Stunden bis zum Zubettgehen zogen sich hin wie Hubba-Bubba-Kaugummi. Endlich war das Abendbrot eingenommen, die Sesamstraße gesichtet und die kariöse Kauleiste geputzt, in meinem mit Panini-Sammelbildern beklebten Kinderbett machte ich mich bereit zur Kontaktaufnahme. Als ein Bett weiter schließlich mein großer Bruder Erik zu schnarchen begann, schloss ich feierlich die Augen und wartete auf die Stimme in meinem Kopf.

Dummerweise meldete sich niemand. Nur Geduld, dachte ich, vielleicht war Gott noch im Gespräch mit einem anderen Kind aus der Nachbarschaft, in Kürze würde die Leitung frei werden. Als nach ein paar Minuten immer noch nichts in unserem Kinderzimmer zu hören war außer Eriks nasalen Zumutungen und dem gedämpften Geräusch des Fernsehers aus dem nahe gelegenen Wohnzimmer, versuchte ich, der Sache Nachdruck zu verleihen. »Gott?«, hauchte ich zaghaft in Richtung Kinderzimmerdecke. Keine Antwort. Vielleicht muss ich Gott noch mehr in mein Herz lassen, dachte ich in meiner Verzweiflung, hatte aber letztlich keinen Schimmer, wie ich das bewerkstelligen könnte. Bevor ich enttäuscht einschlief, ärgerte ich mich ausgiebig über die blöde Frau Wölk und ihre leeren Versprechungen.

Nun gab es allerdings ein oder zwei Sachen, die ich wirklich ganz gern mit dem lieben Gott ausdiskutiert hätte. Da war beispielsweise Erik. Warum, Herr im Himmel, hattest du ihn erschaffen? Mein zwei Jahre älterer Bruder litt damals enorm unter ADHS, sein ganzer Daseinszweck schien darin zu bestehen, seine Umwelt mit sich in den Abgrund zu reißen. Im Zentrum seiner Rasereien und hysterischen Tobsuchtsanfälle stand ich, der kleine, brave und liebe Bruder. Erik konnte mich nicht ausstehen, hatte ich doch die ihm bis zu meiner Geburt noch vollständig zugeteilte Aufmerksamkeit schlagartig auf mich gelenkt. Nun verübte er grausame Rache, indem er mir das Leben zur Hölle machte. Erik versteckte meine Spielsachen oder zertrat sie, er fraß mir die Süßigkeiten weg, er kritzelte über meine Bilder und zerriss meine Bastelarbeiten, er kratzte, kniff und biss, er schlug mich mit Stöcken und Tennisschlägern, er warf Bälle, Steine und Spielzeugautos nach mir, er riss meinem geliebten Teddybären die Arme und Beine ab. Neiderfüllt blickte ich auf die Geschwisterpaare in der Nachbarschaft, sie alle schienen sich gut zu verstehen und spielten voller Harmonie miteinander. Einmal sah ich die Thews-Brüder, wie sie Hand in Hand lachend durch die Straßen liefen. Hand in Hand! Wenn Erik meine Hand nahm, dann meist in der Absicht, mir mehrere Finger zu brechen. Mein ganzer fünfjähriger Körper war übersät mit Narben, Schürfwunden und Blutergüssen, die der Kotzbrocken mir zugefügt hatte.

Und meine Eltern? Die waren unglücklicherweise der Ansicht, dass harte Strafen einen unverzichtbaren Beitrag zu erfolgreicher Kindererziehung leisten würden. Wenn ich Eriks Schandtaten meldete und meine Eltern ihn nach kurzem Tribunal mit Fernsehverbot, Stubenarrest oder Ohrfeigen bedachten, fachte das seinen brüderlichen Hass umso mehr an. So bewegten wir alle uns in einem Teufelskreis aus Gewalt, Strafe und Rache, die Sonne ging über unserer Vorstadt unter und wieder auf, aber Erik war immer da, jeder Tag wartete mit neuen Schmerzen und Schikanen wie ein böser Traum, und der ach so liebe Gott schien sich einen Scheißdreck darum zu kümmern.

So unglaublich es angesichts dieser Zustände klingen mag, im Nachbarhaus lebte eine Familie, die noch merkwürdiger war als wir. Das Heim der Kromats war sprichwörtlich von allen guten Geistern verlassen, hier hing der Haussegen nicht schief wie bei uns, es hatte nie einen gegeben. Herr Kromat war ein kränklicher Frührentner, der praktisch ganztägig auf dem Sofa im Wohnzimmer hockte und in den Abendstunden klagende, jaulende Laute ausstieß, die durch das halb geöffnete Fenster in die Dämmerung drangen. Außerhalb der vier Wände sah man ihn selten, denn Hof- und Gartenbereich waren der Lebensraum seiner Gattin, einer Frau von nahezu grotesker Hässlichkeit, von der ich mit gutem Grund annahm, dass sie eine Hexe sei. Frau Kromats bulldoggenartiges Gesicht war stets zu einer missgelaunten Fratze verzogen, sie kommunizierte generell in einem schrillkeifenden Tonfall, und nie verließ ein freundliches oder gar liebevolles Wort ihren mit windschiefen gelben Zähnen gespickten Mund. In den Augen der Furie loderte eine unbändige Wut, mit ihrem Blick schien sie Löcher in Wände schneiden zu können, ich war überzeugt, auf der Stelle zu Staub zu zerfallen, falls ich ihr direkt in die Augen schaute. Tagein, tagaus stampfte die Vorstadthexe durch die weitläufigen Gemüsebeete hinterm Haus und rupfte mit wütenden Handgriffen Möhren und Radieschen aus der verdorbenen Erde, als würde sie selbst das unschuldige Gemüse inbrünstig verachten. Dass im Garten der Kromats überhaupt etwas Essbares heranreifen konnte, war erstaunlich genug, vielmehr hatte man das Gefühl, dass alles Lebendige in einem Radius von mehreren Metern um Frau Kromat augenblicklich verdörren und verdampfen müsste.

Mindestens ebenso unerklärlich schien es, dass die Kromats zwei Töchter hatten. Sonja war die ältere und aufgewecktere der Schwestern, sie machte sich sogar leidlich gut in der Schule, aber das half ihr auch nicht weiter. Wenn Sonja zum Beispiel freudestrahlend »Mama, ich hab ’ne Zwei in Deutsch!« in den Garten schmetterte, fauchte die Drachenmutter nur »Und warum hast du keine Eins?« zurück. Sonja kapierte schnell, dass es diesen Außenposten der Hölle so schnell wie möglich zu verlassen galt, daher ließ sie sich, kaum achtzehnjährig, von ihrem arbeitslosen Freund schwängern und zog mit ihm in eine heruntergekommene Sozialwohnung am Stadtrand, was im Vergleich mit dem Kromat- Haus immer noch einem Leben im Paradies gleichkam.

Noch schlimmer war es um Beate bestellt, die etwas jünger als ich war und in die blaue Gruppe des Kindergartens ging. Beate war nahezu krankhaft schüchtern und saß meist abseits und gedankenversunken auf einer der Bänke, während wir anderen übermütig auf den Klettergerüsten herumturnten. In der Tat hatte Beates Dasein wenig Erfreuliches zu bieten, denn Frau Kromat hasste offenkundig so ziemlich alles an ihrer Tochter. Oft hockte ich nachmittags nach dem Kindergarten hinter unserem Klofenster und belauschte mit einer Mischung aus Mitleid und erregender Neugier, wie Frau Kromat ihre apokalyptischen Wutreden auf die Bedauernswerte losließ, meist gefolgt von einer Serie klatschender Geräusche, welche wiederum das unsagbar traurige Gewimmer Beates nach sich zogen.

»Spielt ja nicht mit den Kromat-Schwestern, das gibt nur Ärger«, hatten meine Eltern Erik und mir eingetrichtert, und da wir miteinander schon Ärger genug hatten, hielten wir uns fern von ihnen und ihrem Unglück – bis die Sache auf dem Sandplatz passierte.

In unserer Nachbarschaft gab es seit Kurzem ein Baugrundstück, auf dem nach und nach ein neuer Hort trauten Familienglücks entstehen würde. Trotz (oder gerade wegen) strengster elterlicher Verbote schlichen wir Kinder des Viertels immer wieder auf den Bauplatz, der mit seinen Sandhügeln, Gräben und Schutthaufen unserem Spieltrieb unendliche Möglichkeiten bot. Bald schon traf jeden Nachmittag eine feste Gruppe von etwa einem Dutzend Jungs zwischen fünf und sieben Jahren auf dem Gelände zusammen. Erik hatte sich, nachdem er eine kurzlebige Gegenbewegung unter Christian Thews niedergeschlagen hatte, als Anführer auf unserem neuen Spielplatz etabliert, eine Position, die seinem autoritären und geltungssüchtigen Charakter wie auf den schlaksigen Leib geschrieben war. Bevorzugtes Spiel an den staubigen Nachmittagen war Krieg. Zwei Gruppen wurden gebildet, die in der sozialen Rangfolge höherstehenden landeten in Eriks Kolonne und spielten die Deutschen, die Kleineren und Schwächeren (zu denen auch ich gehörte) mussten sich mit der Rolle der Russen begnügen. Während das deutsche Heer bestens mit Gewehren und Pistolen aus Plastik ausgerüstet war, mussten in den Reihen der russischen Armee Schaufeln oder Stöcke als Bewaffnung herhalten. Stundenlang rannten wir wie im Fieber durch selbst ausgehobene Schützengräben, gingen hinter Erdhaufen in Deckung und warfen imaginäre todbringende Handgranaten. Dass ungefähr die Hälfte der Spielzeit dafür draufging, auszudiskutieren, ob jemand tot war oder nur einen Streifschuss erlitten hatte, tat unserer Freude an dem martialischen Live-Rollenspiel keinen Abbruch.

Eines sonnigen Frühlingstages, wir waren gerade mal wieder mit Begeisterung dabei, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben, erschien zu unser aller Überraschung Beate auf dem Bauplatz. Was um alles in der Welt hatte sie hier verloren? Schüchtern schlich sie an unserem Schlachtgetümmel vorbei, ließ sich in einer Ecke nieder und begann, Sand in einen abgenutzten Plastikeimer zu schaufeln, wobei sie immer wieder neugierig zu uns herüberlugte.

Nach und nach unterbrachen wir unsere Kampfhandlungen. Ein Eindringling auf unserem Kriegsspielplatz, und noch dazu ein Mädchen! Es war klar, dass hier Anführer Erik durchgreifen musste. »Einer muss hingehen und die wegjagen!«, bestimmte der Feldherr. Er hob seinen knochigen, überaus langen Zeigefinger und ließ ihn langsam durch unsere Runde wandern.

»DU!«

Eriks grausamer Finger war auf meine Nasenspitze gerichtet. Niemand von uns mochte Mädchen, und mein geisteskranker Bruder hatte ausgerechnet mich dazu auserwählt, den undankbaren Job zu erledigen. Der kleine Mistkerl wusste ganz genau, dass ich in panischer Angst vor Mädchen lebte und Mühe haben würde, mir vor Scham nicht die Latzhose einzunässen. Mein kraftlos dahingejammertes »Menno!« änderte nichts an der Entscheidung des Sandplatzdiktators. Das Gespött der Gruppe ließ nicht lange auf sich warten: »Na, dann geh mal rüber zu deinem Schatz!« – »Torsten plus Beate, Torsten plus Beaaate …!«

Ich hätte nach Hause flüchten und mich hinter meinen Fix-und-Foxi-Heften verkriechen können, aber es war absehbar, dass der Zweite Weltkrieg in diesem Fall künftig ohne mich stattfinden würde. Außerdem bot sich hier die einmalige Chance, in der militärischen Hierarchie aufzusteigen. Eventuell wäre sogar der Wechsel in die Reihen der Deutschen für mich drin, wenn ich unseren uneingeladenen Gast vertriebe? So ging ich gesenkten Kopfes zu Beates Ecke hinüber, meine Plastikschaufel in den angstverschwitzten Händen.

Die Unerwünschte ließ ihrerseits ihr Sandspielzeug sinken, schaute mich ganz ruhig an und sagte nichts. Jetzt war es still auf dem Schlachtfeld, alle hielten den Atem an. Über uns flimmerte die Sonne. Eine staubige gelbe Luft hing zum Schneiden dick über dem Sandplatz.

»Du … du musst hier weg«, murmelte ich, wobei ich nicht wagte, Beate anzusehen.

Sie sagte immer noch nichts. Schließlich blickte ich sie doch an und sah, dass sie langsam, aber entschieden den Kopf schüttelte. Die Kromat-Tochter widersetzte sich!

»Hau ab!«, zischte ich jetzt und hob, um meiner Forderung Nachdruck zu verleihen, drohend die Schaufel, aber Beate hörte nicht auf, stoisch ihren kleinen blassen Kopf zu schütteln.

Ich war vollkommen ratlos, was nun zu tun war. Aufgeben und zu den Jungs zurückkehren war keine Option: Als Feigling, der nicht mal ein kleines Mädchen von einer Baugrube vertreiben konnte, wäre ich äußerst unehrenhaft aus unserer kämpfenden Truppe entlassen worden. In mir brodelte eine verzweifelte Wut. Wusste Beate eigentlich, in was für eine Situation sie mich brachte? Wie sie so dasaß und die Lippen zusammenpresste, musste ich plötzlich an die Visage von Frau Kromat denken, ihren hassverzerrten Mund, aus dem tausend Schlangen zu kriechen schienen. Die Schlangen mussten weg, Frau Kromat musste weg, Erik musste weg, der Sand und die schwitzende Sonne, alles musste weg. Vor allem musste Beate weg. Die Welt war grausam und gelb wie der Nachmittag, und Erlösung war nicht für uns vorgesehen.

Ein oder zwei Momente vergingen, in denen ich wie weggetreten war, dann plötzlich erklang dieses Wimmern, das ich schon so oft vernommen hatte. Ich sah, wie etwas hinter Beates Ohr hervorkroch. Es sah aus wie ein dunkelroter Wurm, der sich über ihre Wange nach vorn wälzte. Ich hatte es gar nicht richtig mitbekommen, aber offenbar hatte ich ausgeholt und Beate mit der Schaufel geschlagen. Während sie weinend und blutend über den Bauplatz davonlief, hörte ich in meinem Rücken ausgelassenes Jubelgeschrei. Anscheinend hatte ich mich absolut korrekt verhalten. Und wirklich: Für den Rest des Nachmittags bekam ich eine richtige Spielzeugpistole ausgehändigt und durfte bei den Deutschen mitkämpfen. Nach und nach vergaß ich Beates Gewimmer und den roten Wurm, während ich mich in den Schützengräben mit Feuereifer ins Zeug legte.

Am Abend jedoch, Erik und ich kauten gerade bei unserer Lieblingssendung Knight Rider üppig belegte Wurstbrote, klingelte es an der Haustür, und die zeternde Stimme von Frau Kromat schallte durch unser Haus. Erik grinste mich schadenfroh an. Natürlich, Beate hatte gepetzt! Meine Eltern waren keine große Hilfe, sie ließen sich kurz Bericht erstatten und lieferten mich ohne lange Diskussion an den Feind aus. Ich musste der Hexe ins Hexenhaus folgen, der größte anzunehmende Albtraum. Nicht einmal heulen konnte ich, so taub war alles in mir. Dass ich aus dem Haus der Kromats wieder lebendig zurückkehren würde, schien mir außerhalb aller Wahrscheinlichkeiten. Ich erwartete, dass mich die Kromat-Sippe in Mehl wenden, in ihren Backofen schieben und in einem wüsten Gelage aufessen würde.

Herr Kromat stand schon mit galliger Miene im dunklen Flur, als ich im Schlepptau seiner Gattin zum ersten Mal das verwunschene Anwesen betrat. Feucht und muffig roch es hier, nach Tod und Verwesung. Die Kromats bewohnten einen Sarg, der von außen als Einfamilienhaus getarnt war. Ich musste hinter Frau Kromat eine schmale Treppe hinaufsteigen, deren schwarzes Messinggeländer eiskalt war. Die Kälte kroch in meine kindlichen Glieder und schien sie von innen auszuhöhlen.

Oben jedoch bot sich mir ein unerwarteter, seltsamer Anblick: Beate lag am Ende des Flurs auf einer Art Matratzenlager. Wieso war sie dort aufgebahrt worden? Warum lag sie nicht in ihrem Zimmer? Möglicherweise hatte es hier bereits regen Besucherverkehr von Ärzten oder Verwandten gegeben. Die Verletzte war dick eingemummelt in eine Wolldecke und hatte einen Verband um den Kopf, der mich an einen Turban erinnerte, auf Höhe ihres linken Ohres schimmerte ein kleiner Blutfleck durch. Zu meiner größten Verblüffung hielt sie einen Monchhichi umklammert, eine bei Kindern sehr beliebte Affenpuppe, der man ihren eigenen Plastikdaumen in den Mund stecken konnte. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass Herr und Frau Kromat ihrer Tochter Spielzeug kaufen würden, und ein niedliches kleines Äffchen schon gar nicht. Während mich Beate aus ihren verweinten Augen nur stumm anschaute wie vorhin auf dem Sandplatz, legte mir Frau Kromat eine Entschuldigungsformel vor, die ich im Wortlaut wiederholen musste: »Entschuldige bitte, Beate, ich mache es nie wieder!« Atemlos stolperte das Geforderte aus mir heraus. Nach ein paar keifenden Einschätzungen bezüglich meines offenbar restlos verdorbenen Charakters durfte ich schließlich das Horrorhaus verlassen, worauf ich die frische Luft gierig einsog wie jemand, der um ein Haar erstickt wäre.

Ein paar Tage vergingen, ohne dass der Vorfall weitere Ereignisse nach sich zog. Interessanterweise hielten es meine Eltern nicht für nötig, mich ihrerseits zu bestrafen: Möglicherweise erachteten sie meinen Besuch im Haus der Kromats als Buße genug, vielleicht waren sie insgeheim auch stolz darauf, dass ihr sonst so zartbesaiteter Sprössling dem Kromat-Balg ordentlich eins übergebraten hatte.

Dann aber trommelte Frau Wölk morgens zu Kindergartenbeginn unsere Gruppe zusammen. Sie wirkte ernst und streng, was eigentlich nur dann der Fall war, wenn einer von uns Rabauken etwas ausgefressen hatte. »Kinder«, rief Frau Wölk in die Runde, »ich möchte mit euch über Gewalt sprechen. Wer kann mir sagen, was Gewalt ist?«

Unsere Streberin Doris Felgenhauer meldete sich. »Das ist, wenn man einem anderen wehtut!«

»Genau, Doris«, sagte Frau Wölk, »zum Beispiel wenn man ein anderes Kind schlägt oder tritt oder schubst. Ihr habt vielleicht gesehen, dass Beate aus der blauen Gruppe einen Verband auf dem Ohr hat. Jemand war sehr böse und hat sie mit einer Schaufel geschlagen, und dieser jemand war einer von uns – Torsten war das!«

Was für eine Bloßstellung! Am liebsten wäre ich geschmolzen und in einer Ritze im Boden versickert. Doch die erbarmungslose Pädagogin ließ nicht locker. »Ihr erinnert euch ja noch, was ich euch neulich erzählt habe, dass Gott alles sieht, was hier auf der Erde passiert, er sieht alles, was wir machen, und auch, wenn wir etwas Böses tun. Gott mag es gar nicht, wenn wir Gewalt anwenden, und er ist jetzt sehr böse auf Torsten, weil er Beate mit der Schaufel geschlagen und sie verletzt hat.« Da saß ich nun, mit gesenktem Kopf inmitten der Kindergartengruppe, die nun ein Gerichtssaal war, zweiundzwanzig vorwurfsvolle Augenpaare auf mich gerichtet. Ich hatte bereits arge Mühe, meine Tränen zurückzuhalten. »Torsten, damit Gott nicht mehr böse auf dich ist, wirst du dich bei ihm entschuldigen müssen. Sprich mir nach: Bitte, lieber Gott, entschuldige, dass ich Beate mit der Schaufel geschlagen habe!«

Seltsam, aber nun, da ich mich zum zweiten Mal für meine Tat entschuldigen sollte, verwandelte meine Scham sich plötzlich in pure Wut. Wie ungerecht das alles war! Ich hatte doch gar nichts dagegen gehabt, dass Beate auf dem blöden Bauplatz abhing, das alles war Eriks Idee gewesen. Ich konnte ja nicht einmal sagen, warum ich Beate geschlagen hatte, es war einfach irgendwie passiert, so wie die Sonne schien oder Wind wehte oder Vögel tot vom Himmel fielen. Wozu waren die ganzen Entschuldigungen gut? Wem war damit geholfen? Von ihrer Mutter wurde Beate in aller Regelmäßigkeit verdroschen, ohne dass Frau Kromat sich vor irgendwem rechtfertigen musste. Fahrig murmelte ich also mal wieder meine Entschuldigung zusammen, vor allem, damit endlich Schluss mit dem Schwachsinn war. Frau Wölk aber durchschaute mich natürlich. »Noch einmal, Torsten. Das kam noch nicht aus tiefstem Herzen!«

Ich brauchte drei weitere Anläufe, bis Frau Wölk beziehungsweise ihr himmlischer Komplize meine Entschuldigung annahm. Dann bekam ich bescheinigt, dass Gott mir verziehen habe, und wir kehrten zur gewohnten Tagesordnung zurück. Heute standen Fingerfarben auf dem Programm, wobei ich mit viel Wut in den Fingern einen dicken dunkelroten Wurm malte.

Später spielten wir draußen im Hof, jedoch nicht so ausgelassen wie sonst und ohne die üblichen Schubsereien und Rangordnungskämpfe. Seit ein paar Tagen hatte sich im Kindergarten das Gerücht verbreitet, dass man den Boden nicht berühren dürfe, da irgendwo in Russland ein Ding namens Schernobbel explodiert und der Boden daher verseucht sei. Während wir gelangweilt herumlungerten, saß Beate wie immer als stille Beobachterin auf ihrer Bank in der Ecke. Statt des Turbans trug sie nur noch ein Pflaster auf dem verletzten Ohr. Auch ich lugte immer wieder neugierig zu Beate hinüber, und schließlich trafen sich unsere Blicke zwischen den Pfeilern des verwaisten Klettergerüstes. In ihrem Gesicht lag überraschenderweise kein Groll, keine Bosheit, im Gegenteil: Beate lächelte mir zu! Es war ein eigenartiger Anblick, denn ich hatte sie noch nie lächeln sehen, wer weiß, vielleicht war es das erste Lächeln ihres Lebens, ihr ganzes Gesicht schien zu leuchten vor Zärtlichkeit. Frau Wölk und der liebe Gott hielten jetzt die Klappe, denn Beate sprach zu mir mit diesem Lächeln, das wirklich aus tiefstem Herzen zu kommen schien, und es sagte: Danke, Torsten, danke für alles! Danke für den Schlag mit der Schaufel, für die Gewalt und das Blut, für den kuscheligen, warmen Abend oben auf dem Flur, für den Turban und das Matratzenlager, für die Wolldecke und den Monchhichi, für diesen einzigen Tag Liebe!

Dann riefen uns die Erzieherinnen herein, da es zu tröpfeln angefangen hatte. Man hatte uns ermahnt, auch den Regen zu meiden, da dieser mutmaßlich sauer sei. Die Mutigen von uns streckten tolldreist die Zungen heraus und probierten, wie der Regen schmeckte. Auch bei mir siegte schließlich die Neugier über die Angst, und ich ließ mir ein paar Tropfen in den Mund fallen. Er schmeckte kein bisschen sauer. Wieder so eine Sache, bei der die Erwachsenen uns schamlos belogen hatten.

Die Pille

Der Brechreiz kam überraschend, ließ jedoch keinen Spielraum für Interpretationen. Hastig stellte Malte sein halb volles Astra auf dem Tresen ab, ließ seine Zigarette auf die Tanzfläche fallen und rempelte sich seinen Weg aus dem Ex-Sparr.

Er hechtete an den Koksdealern vorbei, lief einen Slalom um eine Gruppe gackernder Girls und erreichte gerade noch rechtzeitig das vergitterte Tor vor dem Hinterhof des Sexshops, wo er eine vertraute Haltung einnahm: Mit beiden Händen die rostigen Eisenstangen umklammernd, breitbeinig, den Kopf gesenkt. Seine Pose erinnerte an eine öffentliche Auspeitschung, und in gewisser Hinsicht war es das auch.

Alles in ihm krampfte, als die ätzend-scharfe Flüssigkeit, die mal Bier gewesen war, aus den Abgründen seines Körpers hervorschoss. Seine Kehle brannte, als würde er Feuer spucken. Ein großer Schwall ging zwischen den Gitterstäben nieder, es roch augenblicklich nach Fäulnis und Verwesung. Der qualvollen Entleerung folgten drei weitere, dann endlich entspannten sich seine Organe wieder.

Maltes Wahrnehmung kehrte zurück: Zu seiner Rechten vernahm er das höhnische Gelächter der afrikanischen Dealer, links machten ein paar Säufer vor dem Goldenen Handschuh abfällige Bemerkungen bezüglich seiner Alkoholverträglichkeit. Auf der anderen Straßenseite vor dem Lucky Star stellte ein junger Türke lautstark das Paarungsverhalten seiner Freundin infrage. Es war ein durch und durch gewöhnlicher Abend auf dem Hamburger Berg.

Wie oft nach einer Kotzattacke fühlte Malte sich schlagartig nüchtern, ein Umstand, den er ausgesprochen missbilligte. Außerdem hatte er bisher nicht rumgeknutscht, geschweige denn hatte ihn eine betrunkene Biologiestudentin in einem Hauseingang unter ihr H&MTop gelassen – der Abend war, wenn man so wollte, eindeutig ausbaufähig.

Malte erwog, ins Ex-Sparr zurückzugehen, wo ihn kurz vor dem Zwischenfall eine leider schon grauhaarige Frau ziemlich unverblümt angebaggert hatte, sein Wunsch nach jungen, unverbrauchten Körpern aber zog ihn ins Roschinsky’s. Er steckte sich eine Zigarette an, die er mehr paffte als inhalierte, um den Kotzgeschmack loszuwerden, dann ging er die mit Kneipen und Gratisclubs gesäumte Seitenstraße der Reeperbahn hinunter.

Das Roschinsky’s hatte offenbar einen neuen Türsteher angeheuert: Einen höchstens fünfundzwanzigjährigen Schlägertypen, der wie der aggressive kleine Bruder des gutmütigen Gorillas aussah, welcher sonst den Eingang des Baggerschuppens bewachte. »Na, Kumpel, wie geht’s dir?«, fragte der glatzköpfige Prolet.

»Mir geht’s bestens!«, log Malte und versuchte, mit souveräner Handbewegung die Türklinke zu ergreifen, das Ghetto-Kid jedoch packte ihn an der Schulter: »Guck mich mal an, bitte!«

Da er keine andere Wahl hatte, sah Malte dem Türsteher mit einem bescheuerten Gesichtsausdruck in die Augen. So in etwa hatte er sich den Eingang zur Hölle vorgestellt. Da er sich im Laufe des Abends mehrfach mit Koks aufgefrischt hatte, mussten seine Pupillen astronomische Ausmaße angenommen haben.

»Na gut, benimm dich!«, sagte der Riese zu Maltes Überraschung.

Er macht seinen Job nicht richtig! war das Erste, was ihm durch den Kopf ging, dann schob Malte sich schnell durch die massive Holztür, bevor der Türsteher seinen Irrtum korrigieren konnte.

Im Inneren des Roschinsky’s herrschte eine Gluthitze, Malte empfing ein zum Schneiden dicker Gestank aus Zigarettenqualm, Schweiß und längst verendeten Deos. Der Laden war derart überfüllt, dass sämtliche Gäste zu einer einzigen wabernden Menschenmasse zusammengewachsen schienen, dazu tauchte eine eigenwillige Beleuchtung die Szenerie in ein schmutziges rostbraunes Licht. Malte erfuhr einen kurzen Moment absoluter Klarheit: Das hier war eindeutig die Hölle.

Nachdem er sich mühsam durch den glitschigen Pudding aus Twentysomethings zum Tresen geschoben hatte, waren seine Unterarme klatschnass von den Ausdünstungen anderer, ein Engländer schrie ihm in sperrigem Yorkshire-Akzent eine Drohung hinterher, von der er nur fucking und Bastard verstand.

Die Theke war umlaufend in die Mitte des Raums gebaut, sie ragte wie eine rettende Festung inmitten der Heerschar betrunkener Dämonen auf. Malte bestellte zwei Astra auf einmal und trank das erste sofort in zwei Zügen. Schlagartig wurde die Schwitzgrotte von einem lebensfeindlichen Ort zu einem, an dem es sich durchaus aushalten ließ. Er bediente sich an den Salzstangen, mit denen listige Clubbetreiber den Getränkekonsum der Kundschaft optimierten, und kaute gründlich, um den sauren Geschmack in seinem Mund endgültig zu vertreiben. Die Salzstangen waren Gold wert: Im Rosch hatte noch nie eine seiner Knutschbekanntschaften irgendeinen Verdacht geäußert, wenn er zuvor dem Gittertor einen Besuch abgestattet hatte.