Raketen werden fliegen - Ringo Trutschke - E-Book

Raketen werden fliegen E-Book

Ringo Trutschke

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Beschreibung

Kiel, zu Beginn der Zweitausenderjahre: Der chaotische Student Nico träumt davon, mit seiner Band GALAKTIKA die Charts und das Herz der schönen Krissi zu erobern. Doch Kiel-Brunswik ist nicht Berlin-Kreuzberg und schon gar nicht Berkeley, Kalifornien: Statt der ersehnten Rockstar-Karriere erwarten ihn Kleinkonzerte in griechischen Gaststätten und linksalternativen WGs, Bandproben auf Bauernhöfen und peinliche Frustbesäufnisse. Dann aber soll beim Talentwettbewerb auf der Kieler Woche die beste Nachwuchsband der Stadt gekürt werden - Nico und seine Freunde wittern ihre große Chance...

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2020

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DAS BUCH

Kiel, zu Beginn der Zweitausenderjahre: Der chaotische Student Nico träumt davon, mit seiner Band Galaktika die Charts und das Herz der schönen Krissi zu erobern. Doch Kiel-Brunswik ist nicht Berlin-Kreuzberg und schon gar nicht Berkeley, Kalifornien: Statt der ersehnten Rockstar-Karriere erwarten ihn Kleinkonzerte in griechischen Gaststätten und linksalternativen WGs, Bandproben auf Bauernhöfen und peinliche Frustbesäufnisse. Dann aber soll beim Talentwettbewerb auf der Kieler Woche die beste Nachwuchsband der Stadt gekürt werden – Nico und seine Freunde wittern ihre große Chance …

DER AUTOR

Ringo Trutschke wurde Anfang der Achtzigerjahre tief in der schleswig-holsteinischen Provinz geboren und entwickelte schon in frühester Jugend eine Leidenschaft für Deutschrock und Dosenbier. Er studierte in Kiel, spielte in Bands und betreibt seit 2012 den Twitter-Account @Nacktmagazin. Raketen werden fliegen ist sein erster Roman. Er lebt in Hamburg.

Meinen Freunden Ingvar und Daniel

KAPITELÜBERSICHT

RANDALE

THIS LAND IS YOUR LAND

MELANCHOLIEN FÜR MILLIONEN

SMELLS LIKE KIEL SPIRIT

STILLER, SPORTFREUNDE!

BDSM IN BRUNSWIK

SCHWARZES LOCH

URLAUB MACHEN, WO ANDERE STUDIEREN

HÜSKER DÜ, KRISSI?

BUNTE STEINE

MITTLERES TEQUILUM

DORFROCK

EMPIRE OF SOUND

KARTOFFELQUATSCH

DACH DER WELT

WAHNGEMEINSCHAFTEN

KIELER WOCHE IST NUR EINMAL IM JAHR

INTERPLASMA

VOM FERNEN STERN

INKA, DAS IST DOCH NICHT DEIN ERNST

GROUPIES

ANDROMEDA NOTAUSGANG

KLEBRIGE NÄCHTE

SCHALL UND RAUSCH

JURISTENDISCO

DAS SIND DIE NULLERJAHRE

EMOTIONALGALERIE

GRAND PRIX DE DINGS

BIZ KIEL-MITTE

SÜDFRIEDHOF

OFFENER KANAL

WETTBEWERBSVERZERRUNG

PARK FICTION

RANDALE

Das letzte Konzert von Syntax Error geriet wie erwartet zum absoluten Fiasko. Wir machten eine Art Indie-Deutschpunk, merkten aber aufgrund unseres massiven Alkohol- und Drogengebrauchs meist nicht, wie schlimm der sich anhörte. Ich betätigte mich als Sänger, sofern man bei meinem Schaffen überhaupt von Gesang sprechen konnte: In der Hauptsache schrie ich obszöne Parolen ins Billigmikro, zuweilen klang ich, als ob mir ein Lastwagen über den Fuß gefahren wäre oder wie ein schizophrener Schimpanse, bei dem medizinische Experimente fehlgeschlagen waren.

Unsere letzte Bandprobe, die wie üblich in ein brachiales Besäufnis und wüste Streitereien ausgeartet war, lag zudem gut zwei Monate zurück. Für den Auftritt im Jugendzentrum unserer Kleinstadt waren meine Bandkollegen aus ihren Uni-Städten in die schleswig-holsteinische Provinz zurückgekehrt, während ich einen deutlich kürzeren Anreiseweg hatte: Ich wohnte noch immer bei meinen Eltern, keine zweihundert Meter Luftlinie vom Veranstaltungsort entfernt. Nach Abitur und Zivildienst hatte ich meine Zukunftsplanungen weiter und weiter vor mir hergeschoben, bis zu meiner Verblüffung die Bewerbungsfristen für sämtliche Bildungsgänge abgelaufen waren. Seitdem hing ich herum, konsumierte Dithmarscher Pilsener in handelsunüblichen Mengen und unternahm ausgedehnte Spaziergänge zwischen Kinderzimmer und Kühlschrank. Das Jahr 2001 neigte sich dem Ende zu, und ich hatte keinen Schimmer, welchen Auftrag ich in meinem dämlichen Leben haben könnte.

Auf den Bandabend hatte ich mich seit dem frühen Nachmittag gewissenhaft mit einem Kasten Bier vorbereitet, den Soundcheck verpasste ich ärgerlicherweise, weil ich viel dringender die Kloschüssel in der Toilette des Jugendzentrums checken musste. Die Wände des Mehrzweckraums schwankten bereits bedenklich, als Syntax Error die winzige Bühne betraten. Obwohl es Anfang November war, hatte ich eine sommerliche Bekleidung gewählt: Ich trug lediglich eine zerrissene Cordhose und als modisches Accessoire eine Barbiepuppe um den Hals, der ich aus schwarzem Klebeband eine Art Latexkleid gebastelt hatte. Ich begrüßte unsere knapp zwei Dutzend Zuschauer mit rustikalen Beleidigungen, den weiblichen Gästen stellte ich zusätzlich ein paar sexuelle Dienstleistungen in der als Backstagebereich fungierenden Abstellkammer des Jugendzentrums in Aussicht.

Der erste Song klang eigentlich noch ganz annehmbar, zumindest, bevor ich zu singen begann. Wie ich feststellen musste, hatte mein Gehirn im Laufe der bierlastigen Wochen die Kenntnis sämtlicher Songtexte eingebüßt, worauf ich mit weiteren Publikumsbeschimpfungen improvisierte. Um die Bühnenshow war es nicht besser bestellt: Ich sprang wie ein Schwachsinniger beim Sackhüpfen auf der Bühne herum, umklammerte mit einer Hand das Mikro und mit der anderen das, was sie in den Untiefen meiner Cordhose vorfand. Die Zuschauer hatten sich inzwischen teils angewidert, teils unter höhnischem Gelächter in den hinteren Teil des Saals zurückgezogen. Während des dritten Songs hatte ich einen großartigen spontanen Einfall: Ich würde die Stimmung anheizen, indem ich die Barbiepuppe als Wurfgeschoss einsetzte! Leider erwischte ich einen völlig undienlichen Winkel, die Puppe prallte direkt über mir von der Decke ab und blieb halb nackt und nutzlos vor der Bühne liegen. Seitens des Publikums waren erste »Aufhören!«-Rufe zu hören, meine Bandkollegen warfen mir boshafte Blicke zu. Schließlich entschied ich mich zu einem spektakulären Coup, um den aus allen Fugen geratenen Auftritt mit aller Macht wieder an mich zu reißen: Ich sammelte die ganze Wut und Enttäuschung über meinen missglückten Start ins Erwachsenendasein für einen barbarischen Urschrei, an den man sich in der Geschichte des Jugendzentrums noch lange erinnern würde. Den Mund weit aufgerissen, ließ ich alles, aber auch alles raus. Erst stoppte das Schlagzeug, dann verstummten auch Bass und Gitarre. Der Leiter des Jugendzentrums brüllte irgendwas von wegen »Hausverbot«, dann wurde das Konzert abgebrochen: Ich hatte ins Mikro gekotzt.

Während ich beschämt von der Bühne taumelte, konnte ich aus den Augenwinkeln Maren erkennen. Meine Ex-Freundin lehnte im Arm ihres neuen Freundes, dieses ziegenbärtigen Gothic-Fritzen, und flüsterte dem Drecksack irgendetwas ins Ohr, wahrscheinlich so was wie »Was für ein Verlierer« oder »Keine Ahnung, was ich zwei Jahre lang von dem gewollt hab«. An den weiteren Verlauf der Veranstaltung habe ich keine Erinnerung mehr, aber es bleibt zu vermuten, dass ich nicht mehr allzu viel Ruhmreiches zu ihr beizutragen hatte.

THIS LAND IS YOUR LAND

Am nächsten Tag lag ich schwerstverkatert im Bett meines mit Bandpostern tapezierten Jugendzimmers und überlegte unter den glasigen Augen von Kurt Cobain und Jim Morrison, wie ich meinem überflüssigen Dasein möglichst zeitnah ein Ende bereiten könnte. Bahngleise? Schmerztabletten? Wie genau knüpfte man eigentlich so einen Strick? Mitten in meine finsteren Grübeleien hinein schrillte erst die Türklingel und dann die Stimme meiner Mutter: »Niiicooo, Besuch für dich!«

Besuch? Für mich? Möglicherweise standen die Bullen vor der Tür, um mich wegen Landfriedensbruch und Unzucht in der Öffentlichkeit festzunehmen. Zwei Sekunden später platzte jedoch mein Bandkollege Tobi mit seinem Lockenkopf und seiner abgewetzten Gitarrentasche in mein Zimmer. Offenbar wollte er mich vor seiner Rückkehr nach Berlin noch einmal gepflegt zusammenfalten.

»Okay, Nico«, sagte er, »ich will jetzt nicht lange rumreden wegen gestern. Scheiße gelaufen, Schwamm drüber. War ja wahrscheinlich eh unser letzter Auftritt …«

»Ja, höchstwahrscheinlich …«, murmelte ich.

»Ich bin wegen der Klampfe hier.«

Ich starrte ihn irritiert an. »Was denn für ’ne Klampfe?«

»Jetzt sag auch noch, du hattest wieder ’nen Filmriss. Gestern meintest du noch, du nimmst sie!«

»Hä? Wovon redest du, Alter?«

Tobis sonst so dauergechilltes Gesicht nahm genervte Züge an. »Okay, dann eben noch mal kurz und knapp: Ich hab mit dem Studium so viel um die Ohren, da hab ich echt keine Zeit mehr, Musik zu machen. Außerdem ist Berlin ganz schön teuer, weißt schon, die ganzen Clubs und so. Also, kaufst du mir jetzt die Klampfe ab oder nicht? Zweihundert Eier, dann gibt’s die Tasche, das Stimmgerät und den Übungsverstärker dazu.«

»Moment mal, Mann«, protestierte ich, »was soll ich denn mit ’ner Gitarre?«

Diese Frage hatte ihre Berechtigung. Meine Kenntnisse des Gitarrenhandwerks beschränkten sich auf die anderthalb Akkorde, die Tobi mir in einer betrunkenen Proberaumsession beigebracht hatte. Im Alter von zwölf Jahren war bei mir eine milde Form der Aufmerksamkeitsstörung ADHS diagnostiziert worden, für das Erlernen eines Instruments fehlte mir schlicht die Geduld. In meiner simplen Rolle als Bühnenschreihals war ich immer ausgesprochen zufrieden gewesen. Was also sollte ich mit einer Gitarre?

»Na ja, Nico, ich meine, du hast doch … nicht gerade viel zu tun im Moment. Klampfen lernt man in zwei oder drei Wochen. Hier, nimm sie mal. Fender Mexican Strat, neu zahlst du für so eine locker ’nen Tausender!«

Er holte die E-Gitarre aus der Tasche und überreichte sie mir. Sie sah aus wie neu, die zahlreichen Aufkleber wie Punk’s Not Dead und Mollies und Steine gegen Bullenschweine waren rückstandslos entfernt. Ich hängte mir das Teil um und trat vor den Kleiderschrankspiegel. Mir stockte schier der Atem: Ich sah verdammt gut aus. Warum hatte mir das nie jemand gesagt? Eben noch war ich ein verkaterter Schwächling, der in seinem Möbel-Kraft-Kinderbett vom Suizid auf dem Gleisbett der Regionalbahn fantasierte, jetzt ein kraftstrotzender Rockstar, dem die Mädchen kreischend zu Füßen liegen würden.

»Ich nehm sie«, stammelte ich wie in Trance.

»Fett, Alter. Hast du die Kohle da?«

»Äh … Moment …«

Ich fischte die Scheine aus meiner Simpsons-Spardose, deren Inhalt eigentlich für die Einrichtung meiner ersten eigenen Wohnung bestimmt war, mir in den letzten Wochen aber vor allem meinen Bierkonsum finanzierte. In nächster Zeit würde ich mich in Sachen Dithmarscher etwas einschränken müssen.

Eine halbe Stunde später jedoch war Tobi wieder auf dem Weg in sein Berliner Partyleben, und ich saß ratlos auf meinem Bett, in der einen Hand ein Bier und in der anderen ein Instrument, das ich nicht spielen konnte. Im Spiegel hatte ich ausgesehen wie eine Rocklegende, doch hier in meinem muffigen Jugendzimmer war ich nichts als ein angehender Sozialfall, der mit einem Impulskauf seine existenzielle Leere zu verschleiern versucht hatte und nun Fantasieakkorde durch einen taschenbuchgroßen Übungsverstärker drosch. Schon begann ich, den Kauf zu bereuen.

So stapfte ich am Montag ins einzige Musikgeschäft unseres Provinzkaffs und fragte schüchtern nach einem Gitarrenbuch für blutige Anfänger.

»Das hier ist voll easy, ohne Notenlesen«, verkündete der aufgedunsene Althippie und holte Peter Burschs Gitarrenbuch unter dem Tresen hervor. »Der ist so was wie der Gitarrenlehrer der Nation. Ist ’ne CD mit dabei, da musst du einfach nur mitspielen. Jeder Idiot kann damit Gitarre lernen. Sogar mein Sohn, und das ist der größte Faulpelz in der ganzen Stadt, haha!«

Wenn er sich da mal nicht täuschte, dachte ich. Das Buchcover zierte ein Comicbild, auf dem ein langhaariger Mann mit Blümchenweste eine Handvoll gut gelaunter Menschen aller Altersstufen im Gitarrenspiel instruierte.

»Was für ’ne Klampfe haste denn?«, fragte der Verkäufer.

»Ähm … ’ne Fender Mexican.«

»Oha. Starkes Teil. Aber gleich mit ’ner E-Gitarre anfangen … na dann gutes Gelingen. Willst du noch ’ne Packung Ersatzsaiten mitnehmen? Am Anfang reißen die ja immer schnell. Plektren hast du auch schon? Und ’nen Notenständer?«

Fünf Minuten später hatte der geldgeile Hippie mir einen Großteil meines Biergelds für den Monat November abgeknöpft. Die Sauferei war ja bereits ein kostspieliges Hobby, jetzt hatte ich derer schon zwei. Ich würde meine Eltern beizeiten um frisches Arbeitslosengeld anbetteln müssen.

»Hallo, ich bin der Peter! Willkommen zu meinem Gitarrenkurs!«, verkündete der Gitarrenlehrer der Nation mit feinstem Ruhrpott-Akzent, als ich zu Hause die CD eingelegt hatte. Peter Bursch hörte sich an wie ein etwas spröder Achtundsechziger, der betont lässig rüberkommen wollte und sich bemühte, die Sprache der Jugend zu sprechen. Eines aber musste man dem Gitarrenguru lassen: Er hatte den Dreh raus. Noch am selben Nachmittag beherrschte ich eine Zweiakkordfolge und damit den Woody-Guthrie-Song This Land Is Your Land, einen entsetzlich patriotischen Folk-Gassenhauer. This land is your land, this land is my land, this land was made for you and me … Während ich zur Übungs-CD mit verkrampften Fingern zwischen G- und D-Dur wechselte, bekam ich eine Ahnung, wie der amerikanische Westen wirklich erobert worden war: Höchstwahrscheinlich hatten mit Westerngitarren bewaffnete Pioniere den verdutzten Indianern durch wiederholtes Absingen von This land is your land, this land is my land klargemacht, wer ab sofort in der Prärie Mitspracherecht haben würde.

In den folgenden Wochen arbeitete ich mich wie im Rausch durch die Songs der Gitarrenbibel. Blowing in the Wind, House of the Rising Sun … Mein Repertoire reichte schon bald einmal quer durch die Geschichte der Rockmusik. Als ich mich schließlich eines Tages zu einem Spaziergang aufraffte, spukten mir erste Ideen für eigene Songs im Kopf herum. Kein Wunder, in den letzten Wochen hatte ich mehrere Stunden am Tag Akkordfolgen geübt, mein versoffenes Hirn war randvoll mit Musik. Die Melodien flogen mir zu wie Herbstlaub, ich musste sie lediglich einfangen und durch die tristen Straßen der Kleinstadt nach Hause tragen, wo ich sie mit passenden Akkorden unterlegte.

Schließlich verlangten die Melodien danach, in Worte gekleidet zu werden. Bei Syntax Error hatte ich vorwiegend sinnfreie Spaßtexte zum Besten gegeben, jetzt, in der ersten großen Krise meines Lebens, brachte ich allerlei Weltschmerz und düstere Zukunftsängste zu Papier:

Falsche Heimat

Stadt der toten Träume

Ich fühle den Verrat

Krümme leere Räume

Studiere das Sterben

Für immer eingeschrieben

Ins Grauen eingegraben

Vom Leben abgeschrieben

So weit, so griesgrämig. Das Songschreiben wurde eine regelrechte Manie, ich schrieb nahezu täglich einen neuen Depri-Schlager. Wenn ich allein zu Hause saß, was oft vorkam, sang ich die Songs laut vor mich hin, wobei ich mir stets vorstellte, auf der Bühne einer Großstadt wunderschöne Mädchen und die Talentsucher großer Plattenfirmen mit meiner Kunst zu begeistern. Ich nahm die Songs mit meinem steinzeitlichen Kassettenrekorder auf und kam zu dem Ergebnis, dass ich jenseits von Gebrüll und Gegrunze über eine ganz passable Singstimme verfügte. Um den Jahreswechsel herum begann ich, erste Umrisse einer möglichen Zukunft zu sehen.

Eines Winterabends soff ich mir einen stabilen Dithmarscher-Rausch an, kramte mein spärlich bestücktes Adressbuch hervor und wählte die Nummer, die »Klaas & Anja Kiel« zugeordnet war. Neben Klaas hatte ich im Deutsch-Leistungskurs gesessen und großspurige Pläne für das Leben nach der Schule entworfen. Jetzt studierte er in Kiel irgendwas auf Lehramt.

»Meine Schwester ist immer noch vergeben, falls du deswegen anrufst«, belehrte er mich gleich zu Beginn.

»Hör mal, deine dumme Schwester interessiert mich doch gar nicht. Also, jedenfalls im Moment nicht.«

Ich lockerte lieber noch einmal gründlich Zunge und Kiefer, denn Klaas hegte eine fast schon inquisitorische Abneigung gegen übermäßigen Alkoholkonsum. Sogar auf unserem Abschlussball war unser Jahrgangsbester der so ziemlich einzige nüchterne Mensch gewesen, während ich schon gegen halb neun mein Abiturzeugnis angezündet und den Rest des unrühmlichen Abends versucht hatte, seine kleine Schwester zu küssen.

»Ich bin grad am Überlegen, ob ich zum Sommersemester auch studiere«, verkündete ich. »Tja, da wollte ich mich mal bei ein paar Leuten umhören.«

Klaas’ Stimme erhellte sich. »Mensch, Nico, warum denn nicht gleich so! Also, Anja und ich finden es super hier in Kiel. Kleine Uni, nette Leute, nette kleine Cafés. Alles sehr familiär. Viel Natur, viel Wasser, der Strand ist nur zwanzig Minuten entfernt. Und was für dich interessant sein dürfte: Kiel hat die höchste Kneipendichte Deutschlands.«

Das war für mich interessant. »Hört sich gut an. Und gibt’s bei euch hübsche Mädchen?«

»Aber hallo, jede Menge. Das macht die Nähe zu Skandinavien.«

»Klingt wirklich gut. Ach, und sag mal, wie ist die Kieler Musikszene so? Also, gibt’s viele Konzerte und Bands? Ich würd halt gern bisschen Musik machen neben der Uni.«

Klaas klang sofort wieder skeptisch. »Ach, daher weht der Wind. Du willst wieder mit so ’ner drittklassigen Punkband im Suff von der Bühne kotzen? Ich hab von eurem letzten Auftritt gehört …«

»Quatsch, nee, keine Punksachen mehr. Ganz brav, bisschen Deutschrock, so Singer-Songwriter-Sachen. Aber eher so als Ausgleich zum Feierabend, ich will das mit dem Studium schon ernst nehmen …«

»Also, Musik macht hier irgendwie jeder. Ich fühl mich schon ganz aussätzig, weil ich kein Instrument spiele. Aber was willst du studieren? Bevor du fragst – die schönsten Mädchen gibt’s in der Skandinavistik.«

»Nee, so was jetzt vielleicht nicht unbedingt …«

»Was denn dann?«

»Puh, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Also, schon was Geisteswissenschaftliches. Am besten ein Fach, was … na ja, was nicht ganz so schwer ist.«

»Okay, fassen wir mal zusammen: Du willst in Sachen Studium ’ne möglichst ruhige Kugel schieben und dich lieber mit wichtigeren Dingen beschäftigen, also Partys, Mädchen und deiner komischen Musik?«

»Na ja, wenn du es so ausdrücken willst …«

»Ja, genau so will ich es ausdrücken. Und ich glaube, da wüsste ich genau das richtige Fach für dich. Ein Fach, dass jeder Idiot schafft, mit niedrigen Anforderungen, und das Wichtigste: Frauenüberschuss!«

»Und welches Fach soll das bitte schön sein?«

»Germanistik, Nico.«

MELANCHOLIEN FÜR MILLIONEN

Zu Beginn des Jahres 2002 hatte ich die Zusage der Uni Kiel im Briefkasten. Die Aussicht auf ein spannendes Studentenleben in der Musik- und Mädchenmetropole beflügelte mich, während der finstere Winter sich endlich vom Acker machte. Ich hatte mir vorgenommen, bis zum Umzug mehr oder weniger trocken zu bleiben, also nicht mehr als vier oder fünf Bier pro Tag und nicht vor vierzehn Uhr. Die neu gewonnene Energie nutzte ich, um weiter an meinen Songs zu schrauben. Ich erweiterte meine Peter-Bursch-Bibliothek um Gitarrenbuch 2 sowie Rock Guitar und saugte zu Forschungszwecken eifrig MP3s von Tocotronic, Blumfeld und Tomte über halblegale Downloadportale herunter. Schließlich kam ich zu dem Urteil, dass meine Kompositionen denen der großen Vorbilder in nichts nachstanden, mit ein paar Dithmarschern in der Birne beschlich mich sogar das Gefühl, ihnen überlegen zu sein.

Meine Lieblingsband dieser Tage aber war das Münsteraner Trio Samba, das melancholische Rocksongs mit abstrakten, schwer durchschaubaren Texten kombinierte. Da mir die Wirklichkeit zunehmend rätselhaft geworden war, fand ich mich gerade in solchen Songtexten wieder, bei denen die Tür zum Interpretationsspielraum sperrangelweit offenstand. Außerdem: Was konnte einen interessanter und unnahbarer erscheinen lassen als kaum fassbare, mysteriöse Poesie? Ich sah schon reihenweise Mädchen fasziniert vor der Bühne stehen: »Oh wow, ich weiß nicht, was es bedeutet, nur, dass es etwas bedeutet! Wer ist dieser geheimnisvolle, zufällig auch noch ziemlich gut aussehende Typ? Ich muss seine Nummer haben …«

Da es außer klampfen und Kladden mit Songtexten bekritzeln nichts zu tun gab, dachte ich viel nach, während ich auf stundenlangen Spaziergängen die Schauplätze meiner Kindheit durchstreifte: Die Kieskuhle, in der wir als Kinder mit Zinnsoldaten brutale Kriegsszenarien nachspielten, den guten alten Bahndamm, an dem ich mir mit am Bahnhofskiosk geklauten Pornoheften einsam, aber glücklich einen runterholte. Das alles war vorbei, etwas anderes würde beginnen. Es wurde März, Tauwetter setzte ein.

Wenn ich erst einmal als Musikgenie in die Geschichte eingegangen wäre, würden auch die Kieskuhle und der Bahndamm endlich einen höheren Sinn ergeben. Alles war eindeutig vorherbestimmt, der Pfad, der mich meinem glorreichen Schicksal als Rockstar entgegenführte, musste nur noch beschritten werden. Ein ganzes Leben voller Musik, Poesie, Liebe, Sex und Erfolg lag vor mir. Vor allem Erfolg, Liebe und Sex würden sich dann von ganz allein ergeben. Nach aufregenden und finanziell ertragreichen Jahren mit meiner bereits zu Lebzeiten legendären Band würde ich eine von den Kritikern wohlwollend begleitete Solokarriere einschlagen. Als alter Mann, so mit Anfang dreißig, würde ich meine Autobiografie schreiben, die in einem Großverlag erscheinen würde. In der Verfilmung würde ich mich von August Diehl oder Daniel Brühl spielen lassen, ich selbst würde mich mit einem Cameo-Auftritt als Gitarrenhändler oder Talentsucher zufriedengeben. Dann vielleicht ein eigenes Plattenlabel, um vielversprechende Talente zu fördern und meinen Reichtum mit ihnen zu mehren (»Du hast dasselbe Feuer wie ich damals, aber in diesem Geschäft gelten gewisse Spielregeln, Junge!«).

Und natürlich Groupies! Glühende Verehrerinnen meiner Kunst und meines Körpers, unbedarfte, wunderschöne Mädchen aus der Kleinstadt, wie sie mir als Teenager unerreichbar waren, aber auch bekannte Schauspielerinnen, Sängerinnen, Models, natürlich alle vollbusig und nicht älter als zwanzig. Champagner und Kokain, jede Menge Kokain! Ein Strandhaus in Portugal! Das Leben voll auskosten, mit spätestens Mitte dreißig den Löffel weglegen. Bloß nicht vierzig werden, Legenden sterben jung! Im Rockstarhimmel mit Rio Reiser um die Wette saufen und Uschi Obermaier vögeln, bis sie zum zweiten Mal stirbt.

So träumte ich ausführlich mein Leben, während ich durch die Naherholungsgebiete der Kleinstadt irrlichterte. Grinsend vor Glück passierte ich arglose Spaziergänger. Wussten sie eigentlich, wer gerade an ihnen vorbeigegangen war? Das Schicksal würde mich reich entschädigen für alles, was ich in meiner trüben Provinzjugend hatte erleiden müssen. Was war ich doch für ein Glückspilz!

Als ich aus dem Wald auf die Straße trat, kreuzte ein junges Pärchen meinen Weg: Meine Ex-Freundin Maren und ihr Gothic-Vogel. Vor dem Abitur waren Maren und ich zwei Jahre lang zusammen gewesen, bis ich mich auf der Abifahrt unsterblich in eine wunderhübsche Wienerin verknallt hatte. Maren hatte zwei Wochen lang durchgeheult und sogar einen dilettantischen Selbstmordversuch mit einer halben Packung Paracetamol unternommen. Das mit der Wienerin wurde natürlich nichts, und als ich reumütig wieder bei Maren angekrochen kam, hatte die mich bereits durch den schwarzledernen Suppenkasper mit den lackierten Fingernägeln und dem albernen Ziegenbart ersetzt. Inzwischen ging es ihr anscheinend ausgezeichnet, sie hatte ein paar Kilo zugelegt und etwas mehr Farbe im Gesicht als früher.

»Hallo, Nico.«

»Äh, ja, hallo.«

Es war eine peinliche Situation für uns alle.

»Thorsten kennst du ja.«

»Ja, hallo.«

»Hi«, sagte der Lackaffe und grinste blöd.

»Und, was machst du jetzt so?«, fragte Maren. »Meine Mutter sagte, du studierst jetzt?« Ihre Stimme klang tief und schwer. Maren wirkte merkwürdig erwachsen.

»Ja, also ich fang jetzt in Kiel an.«

»Und was noch mal?«

»Äh, Literatur- und Medienwissenschaften.«

Das machte doch wesentlich mehr her als Germanistik. Selbst meine Mutter nutzte diese Umschreibung inzwischen für die Berichterstattung im Bekanntenkreis, oft in allerlei absurden Variationen: »Nico studiert Medienliteratur«, »Er fängt jetzt Literaturmarketing an …«.

Maren kräuselte ihren Mund zu einem spöttischen Lächeln. »Hm, okay. Und was wird man da später?«

Da diese Frage im Zusammenhang mit meinem Studienfach so gut wie immer gestellt wurde, war ich auch hier vorbereitet. »Ich bin noch nicht festgelegt, da gibt es verschiedene Richtungen … Vielleicht Journalismus, Kulturmanagement … oder PR, Kommunikationsbranche. Durch das Internet werden da in Zukunft ganz neue Branchen erschlossen …«

»Und zur Not gibt es ja noch die Taxibranche«, unterbrach mich der Gothic-Gockel. Wer zum Teufel hatte Mr. Totengräber nach seiner überflüssigen Meinung gefragt?

»Haha, ja, genau«, lachte ich und gab mich betont gelassen.

»Ja, also … wir müssen dann mal weiter«, sagte Maren und glotzte ihren Grufti-Lover verliebt an, wobei sie mit der rechten Hand kreisförmig über ihren Bauch streichelte. Was sollte mir das sagen? Wollten die beiden in ein Restaurant? Erst als wir nach einer knappen Verabschiedung unserer Wege gingen, schnallte ich endlich: Meine erste richtige Freundin würde ein Kind mit diesem Zombie-Clown haben!

Alles richtig gemacht, versuchte ich mich zu beruhigen, alles richtig gemacht. In ein paar Jahren würde Maren in ihrer Doppelhaushälfte zwischen der großen Wäsche und den Schulaufgaben ihrer missratenen Bälger meinen aktuellen Top-Ten-Hit im Radio hören und sich fragen, wieso um alles in der Welt sie einen hochtalentierten Ausnahmemenschen wie mich gegen ihren Vollpfosten von Ehemann eingetauscht hatte. Die im Wind ächzenden Eichen wussten es, der schweigende Himmel wusste es sowieso, und Maren wusste es insgeheim auch. Zu Hause betrank ich mich in aller Ausgiebigkeit und schrieb einen besonders bösartigen Song über Maren und ihre elende Kleinstadthölle. Herrgott, es wurde so was von Zeit, dass ich endlich nach Kiel kam.

SMELLS LIKE KIEL SPIRIT

»Dein Vater hat’s mit dem Kreislauf«, erklärte mir meine Mutter, als wir am Umzugstag den Passat Kombi mit meinem Krempel beluden. Mein Vater hatte es zu dieser Zeit ziemlich oft mit dem Kreislauf, vor allem wenn er am Vorabend in der Kneipe gewesen war. Ein unerhört blauer Frühlingshimmel machte sich über der schleswig-holsteinischen Tiefebene breit, während wir über die A1 nordwärts bretterten. Es fühlte sich an wie eine Fahrt in den Urlaub.

Meine Mutter nutzte die gut anderthalbstündige Tour, um mich auf ein strebsames Studium ohne Müßiggang einzunorden. »Denk daran, Nico: Neun Semester ist die Regelstudienzeit. So lange unterstützen wir dich und kein Semester länger, haben wir uns verstanden? Wenn du darüber hinaus noch weiterstudierst, wirst du nebenher arbeiten müssen.«

»Ja, Mama, hab ich verstanden. Und ich hab ja auch extra zwei leichte Nebenfächer gewählt, da kann ich mich besser aufs Hauptfach konzentrieren.«

Ich hatte mich beim Einschreibetermin relativ spontan für Geschichte und Europäische Ethnologie entschieden. Geschichte klang machbar, Ähnliches galt für Europäische Ethnologie, wenngleich ich keinen Schimmer hatte, was genau das eigentlich sein sollte. Es klang irgendwie weltmännisch und kultiviert, und ich hegte die Hoffnung, dass man sich als Student der Europäischen Ethnologie nicht unbedingt totarbeiten würde.

Inzwischen hatte ich als Antwort auf die Frage nach meiner Fächerkombination sorgfältig eine klangvolle Langversion eingeübt: »Neuere deutsche Literatur und Medien, Geschichte und Europäische Ethnologie«. Welch intellektuelle Weltgewandtheit lag in diesen Worten! Ich würde nur noch mein »… und ich bin Sänger und Gitarrist in einer Band« hinterherschicken müssen, und sämtliche Frauen wären im Handumdrehen beischlafbereit.

»Ach, ich weiß ja nicht«, seufzte meine Mutter, während sie uns vorbei an Weltmetropolen wie Bad Oldesloe und Reinfeld in Holstein nordwärts kutschierte. »Vielleicht hättest du einfach eine Ausbildung machen sollen. Der Harald Böckelmann lernt ja bei der Sparkasse. Der verdient jetzt schon gutes Geld!«

»Ach Mama«, unterbrach ich ihre Tirade, »das hab ich dir doch schon tausendmal erklärt. Wenn ich mit dem Studium fertig bin und einen Job in der Medienbranche habe, werde ich dreimal so viel verdienen wie dieser Schwachkopf Harald Böckelmann.«

Meine Mutter schien nicht überzeugt. »Ich hoffe ja mal, dass du überhaupt eine feste Anstellung findest später.«

»Da mach dir mal keine Sorgen. Es entstehen grad überall Jobs in den Neuen Medien. Und außerdem … außerdem will ich mein Leben nicht damit vergeuden, dass ich von morgens bis abends in einem kleinen Büro sitze.«

»Dein Vater hat sein Leben lang im Büro gesessen, damit du was zum Essen und zum Anziehen hast!«, zischte meine Mutter zurück.

»Ach Mama, nun komm nicht wieder damit.«

»Beinah die Hälfte unseres Monatsbudgets geht für dein Studium drauf! Wenn wir dich schon durchfinanzieren, erwarten wir wenigstens, dass du dich anstrengst und nicht dauernd in die Kneipe gehst.«

»Papa könnte ja damit anfangen, selbst weniger in die Kneipe zu gehen.«

»Das ist ja wohl was ganz anderes! Dein Vater arbeitet seit dreißig Jahren vierzig Stunden die Woche, da wird er sich am Wochenende ja wohl ein bisschen entspannen dürfen.«

Diesmal war es meine Mutter, die Unfug erzählte. Als Beamter in der Stadtverwaltung hatte mein alter Herr schon immer keinen übermäßig anstrengenden Job gehabt, und seit seiner Beförderung rührte er in seinem eichholzvertäfelten Einzelbüro kaum noch einen Finger. Während eines Schülerpraktikums in der elften Klasse hatte ich mich persönlich davon überzeugen können, wie es in dem verschlafenen Laden zuging. Nein, der Sohn von Abteilungsleiter Jensen war zu Höherem bestimmt! Statt verschimmelter Büros warteten gewaltige Bühnen darauf, von ihm erobert zu werden!

»Du wirst sehen, Mama, ich krieg das schon hin. In Deutsch war ich doch immer gut, in der Abiklausur hatte ich ’ne Drei plus! Und Klaas hat doch auch Deutsch auf Lehramt, der meint, das ist alles kinderleicht.«

»Ich weiß doch, dass du was im Kopf hast, Nico, so ist es ja nicht. Du stehst dir manchmal nur selbst im Weg mit deiner Träumerei. Das haben schon deine Lehrer immer gesagt: Nico ist mit seinen Gedanken ständig woanders …«

»Jetzt studiere ich ja was, das mich richtig interessiert.«

»Na, das hoffe ich auch. Ich meine, Literaturwissenschaft … So viele Bücher liest du ja nun auch nicht. Diesen Charles Bukotzki klammere ich jetzt mal aus.«

»Er heißt Charles Bukowski, Mama, und das ist wichtige amerikanische Literatur.«

»Na, ich weiß ja nicht. Da geht’s doch immer nur ums Saufen und naduweißtschon. Ich meine, wir haben ja nichts dagegen, wenn du eine Freundin hast. Ganz und gar nicht. Die Maren, die hat immer einen guten Einfluss auf dich gehabt. So ein braves, liebes Mädchen. Ich hab immer gesagt: Nico, halt dir die Maren warm …«

Es war vollkommen klar, dass wir irgendwann wieder beim Nico-Maren-Komplex landen würden.

»Mensch, Mama, das haben wir doch schon so oft durchgekaut. Maren und ich passten einfach nicht zueinander. Also, na ja, in manchen Bereichen schon, aber in anderen halt so gar nicht.«

»Na, jetzt ist das auch egal, wo sie weg vom Markt ist. Ausgerechnet dieser komische, schwarz gekleidete Typ … und dann gleich ein Kind …« Sie warf mir einen Seitenblick zu, mitleidig und anklagend zugleich. In ihren Augen hatte ich in der Maren-Sache kläglich versagt. »Na ja, Nico. Du lernst bestimmt ein anderes nettes Mädchen kennen.«

»Bestimmt. Die Uni ist ja voll mit Mädchen.«

Sie warf mir wieder einen Blick zu, diesmal einen prüfenden. »Junger Mann, aber nicht, dass du da durch die Betten hüpfst im Studentenwohnheim. Und pass bloß immer schön auf, wenn du naduweißtschon …«

»Mensch, MAMA!«

»Ich mein ja nur, Nico. Man hört immer so viel …« Wie stellte sich meine Mutter eigentlich ein Studentenwohnheim vor? Wahrscheinlich befürchtete sie, dass es dort zugehen würde wie in einem Freudenhaus in Lloret de Mar, dass nackte Studentinnen mit Zweimeterjoints durch die Gänge rennen würden. Eine Vorstellung, die mir übrigens recht gut gefallen hätte. »Und pass mit deiner Gitarre auf, dass du die anderen nicht beim Lernen störst. Ich weiß eh nicht, wofür du dir auch noch diese komische Klampfe zulegen musstest.«

»Ich spiel doch nur ab und zu mal für mich, Mama.«

»Na hoffentlich. Keine Band, Nico, das hatten wir besprochen. Da geht viel zu viel Zeit für drauf. Dein Abi wäre auch besser ausgefallen, wenn du nicht dauernd im Proberaum rumgehockt und Bier getrunken hättest.«

»Ja, Mama, keine Band mehr. Ist versprochen …«

Klar belog ich meine arme Mutter nach Strich und Faden, aber was blieb mir anderes übrig? Eines Tages würde sie es bitter bereuen, nicht an mich geglaubt zu haben. War ihr eigentlich bewusst, dass sie neben einer angehenden Rocklegende saß? Wenn dann Film und Fernsehen den Eltern von Superstar Nico Jensen die Bude einrennen würden, würde sie natürlich Unsinn absondern wie: »Ich habe es ja immer gewusst, wir haben sein Talent früh gefördert …« und so weiter. Ich hingegen würde in meiner Autobiografie schonungslos und detailliert über mein verschrobenes Elternhaus auspacken …

Gegen Mittag verließen wir die Autobahn und fuhren in die Kieler Innenstadt ein. Gut, das war jetzt nicht New York, statt des Waldorf Astoria gab es das Hotel Astor und statt des Madison Square Garden die Ostseehalle, aber es war immerhin ansatzweise so etwas wie eine richtige Großstadt und besser als mein Heimatkaff allemal. Eine erregende Vorfreude lief mir das Rückenmark hinunter. Kiel, ich komme! Du wilde Stadt am Meer, lass uns zusammen abrocken!

»Ach, weißt du, was wir vergessen haben, Nico? Deine dicken Socken. Ich hab dir extra noch ein paar gestopft. Hier am Meer ist es doch noch mal ein paar Grad kälter als bei uns.«

So verrückt sich das anhörte: Auch Rio Reiser oder Blixa Bargeld hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Mutter gehabt. Und meine hatte nun mal meine Socken gestopft, während ihr Sohn in seinem Kinderzimmer daran feilte, die deutsche Rockmusik zu revolutionieren. Nico Jensen, der Superstar, der sich wie durch ein Wunder niemals erkältete. Das Genie auf gestopften Socken.

STILLER, SPORTFREUNDE!

Das Studentenwohnheim bestand aus einer Reihe vierstöckiger Gebäude, die alle vollkommen gleich aussahen. Eventuell hatten mir amerikanische Collegefilme einen falschen Eindruck von einem Studentenwohnheim vermittelt: Ich hatte mir mächtige viktorianische Verbindungshäuser mit marmornen Torbögen vorgestellt, vor denen glückliche Studenten im saftig-grünen Gras unter blühenden Kirschbäumen ausdiskutierten, wer die Drogen für die nächste Verbindungsparty organisieren würde. Diese sterilen weißen Wohncontainer hingegen erinnerten mich eher an eine Weltraumkolonie oder ein hastig hochgezogenes Flüchtlingsheim. Eine studentische Infrastruktur in Form von Kneipen oder sonstiger Gastronomie schien in der verkehrsberuhigten Einbahnstraße nicht zu existieren. Zum Glück hatte ich an der Kreuzung bereits eine Shell-Tankstelle gesichtet, sodass hier zumindest die Bierversorgung sichergestellt war. Kiel-Brunswik war eben nicht Berlin-Kreuzberg und schon gar nicht Berkeley, Kalifornien.

Den Schlüssel sollte ich im Hausmeisterbüro abholen.

»Du willst doch einen guten Eindruck machen, kämm dich noch mal«, befahl meine Mutter.

»Mensch, Mama, ich gehe zum Hausmeister und nicht zum Universitätspräsidenten!«

»Ich mein ja nur. Dass du immer noch mit dieser schrecklichen Matte rumlaufen musst …«

Ich trug meine Haare seit frühester Jugend halblang, mit einem schmissigen Seitenscheitel. Was bitte war daran schrecklich? Als Musiker würde mich ein akkurater Kurzhaarschnitt doch komplett unglaubwürdig erscheinen lassen, aber von diesen Dingen verstand meine Mutter ja nichts.

Hausmeister Katschinsky hatte sein Büro im Keller von einem der Wohnblöcke. Mir öffnete ein ungefähr hundertjähriger Gnom im schmutzigen Blaumann.

»Guten Tag, Nico Jensen«, grüßte ich artig. »Ich wollte den Schlüssel für mein Wohnheimzimmer abholen …«

»Katschinsky«, keuchte das Männlein, das ich vermutlich gerade beim Sterben gestört hatte. »Na, dann kommen Sie mal rein, junger Mann.«

Sein Büro war eher eine Werkstatt, oder besser gesagt: Eine Gruft. Das fensterlose Kellerverlies war feucht und muffig, ein scharfer Geruch von Schimmel und rostigem Metall stand in der kaum vorhandenen Luft. Unfassbar, dass menschliches Leben hier existieren konnte. Überall hingen Schlüsselbretter und Tafeln mit Belegungsplänen. Hausmeister Katschinsky durchwühlte einen Papierhaufen auf seinem Schreibtisch und zog zwischen Bild-Zeitung und Kreuzworträtselheften eine handgeschriebene Liste hervor.

»Wie war das? Jens Nielsen?«

»Jensen, Nico Jensen!«

»Ach ja. Herrje, diese dänischen Allerweltsnamen … Hier gibt’s bestimmt 500 Leute, die so heißen. Und damit mein ich nicht in Kiel, sondern hier in der Straße.«

Allerweltsname? Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Wahrscheinlich würde ich mir früher oder später einen Künstlernamen zulegen müssen. Falco wäre wohl schwerlich Nummer eins in Amerika geworden, wenn es geheißen hätte: »Ladies and Gentlemen, Mister Hans Hölzel …«

»So, da haben wir’s«, krächzte der Hausmeistergnom. »Hausnummer 8, Wohneinheit G. Ganz oben, im vierten Stock. Kein Fahrstuhl! Das ist eine Fünfer-Wohngemeinschaft. Zwei Duschbäder, Küche, Gemeinschaftsbereich. Ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Und das heißt: Alles nur noch Zimmerlautstärke oder eher darunter, keine Musik, keine Trinkgelage, keine wilden Orgien.«

»Habe ich auch nicht vor«, log ich.

»Was studiernse denn überhaupt?«

»Ich?«, fragte ich blödestmöglich, als ob sich in den Ecken des Kellergewölbes noch irgendwelche anderen Studenten verstecken würden. »Äh, Germanistik.«

»Ach Gott«, seufzte Herr Katschinsky, »noch so einer …«

Ich quittierte den Erhalt des Schlüssels und verzog mich zügig, bevor mich Ratten oder Fledermäuse vertilgen würden. Wie meinte dieser schrullige Schlüsselmeister das eigentlich: »Noch so einer«? Egal, wahrscheinlich war ihm in seinem Kellerloch im Laufe der Jahrzehnte einfach sein Hirn weggeschimmelt.

Zurück am Licht der Oberwelt war bereits mein Umzugshelfer Klaas eingetroffen. Er unterhielt sich angeregt mit meiner Mutter, beide eine Zigarette in der Hand. Moment mal, hatte sie nicht gerade mal wieder aufgehört? Gegen Klaas’ Charme war wohl einfach kein Kraut gewachsen. Seit sie ihn auf dem Abiball kennengelernt hatte, liebte meine Mutter Klaas heiß und innig.

»Da ist ja unser Spitzen-Germanist«, feixte Klaas mir entgegen. Mit der smarten Werber-Brille, dem marineblauen Jackett und dem tadellos gebügelten rosa Hemd sah er aus, als käme er geradewegs von einem Workshop der Jungliberalen.

»Hast du jetzt einen Nebenjob als Vertreter für die Tabakindustrie?«, schnauzte ich ihn an.

»Ach Nico, nur eine! Dein Freund Klaas und ich unterhalten uns gerade so nett.« Meine Mutter strahlte. In die ewig zweifelnde, meckernde alte Frau war plötzlich das blühende Leben eingeschossen. Wahrscheinlich hätte sie Klaas am liebsten adoptiert oder noch besser geheiratet. »Ich verstehe ja gar nicht, warum ihr nicht zusammen in eine WG zieht. Der Klaas würde bestimmt einen mäßigenden Einfluss auf dich haben!«

»Aber sicher, Frau Jensen! Leider wohne ich ja bereits mit meiner Freundin zusammen.«

»Was studieren Sie noch gleich, Klaas?«

»Deutsch und Geschichte – auf Lehramt!«

»Auf Lehramt!«, jauchzte meine Mutter, als hätte Klaas ihr soeben verkündet, dass er humanitäre Projekte in Mittelamerika leiten würde. »Das ist doch wunderbar, Klaas. Da können Sie ja nach dem Studium mit einem festen Job rechnen.«

»Und mit einem attraktiven Gehalt noch dazu!«

»Tja, Nico wird es da ja nicht so leicht haben. Man hört ja immer, wie schlecht die Berufsaussichten für Geisteswissenschaftler auf dem freien Markt sind … Vielleicht können Sie da ja noch ein bisschen auf ihn einwirken, Klaas?«

»Unterrichten liegt halt nicht jedem«, blaffte ich.

»Ich sehe Nico auch nicht unbedingt vor einer Klasse. Da muss man gut organisiert und strukturiert sein. Und Nico ist halt von seiner Arbeitsweise, na ja … eher kreativ und spontan.«

»Er ist eben einfach faul!