Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Jo hat ihr Abitur in der Tasche und sieht einem Auslandssemester in den Staaten entgegen. Die 19jährige soll in Purple Beach bei ihrer Tante Diana und deren Mann wohnen. Allerdings liegt Diana seit einem "Unfall" vor drei Monaten im Koma. Aber Jo weiß es besser. Diana hatte keinen Unfall. Sie und ihre Familie sind anders. Sie hüten ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das irgendjemand lüften will. In Purple Beach angekommen, sucht Jo nach Verbündeten. Doch wer ist Freund und wer ist Feind? Und vor allem - wem kann sie vertrauen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ich möchte all denen danken, die von Anfang an an mich und meine Geschichten geglaubt haben, die mir den Mut zugesprochen haben, weiterzuschreiben, die mir mit Fragen und Tipps geholfen haben, die Geschichten besser zu machen. Die nie müde wurden, meine Rechtschreibfehler zu suchen und mir die Kommaregeln um die Ohren gehauen haben. Meine Betaleser und FB – Frauen, die Bloggerinnen und Rezischreiberinnen. Ihr seid das Beste, was mir je passiert ist!
Die Geschichte der Numa ist im Sommerurlaub 2016 in meinem Kopf entstanden und brauchte dann noch einige Zeit, bis ich sie aufschreiben konnte.
Danke Jenny, Alex, Nadine, Simone, Nicole, Lena und den Mädels von Blind Date Books!
Danke, Jeannette, für den Kampf gegen meine Bandwurmsätze.
Danke, Catha, fürs Sortieren von „ns“ und „ms“.
Danke, Vanessa, für all die schönen Cover!
Und natürlich meiner Familie, allen voran meinen Kindern, die mich haben schreiben lassen und sich umeinander gekümmert haben, wenn ich mal wieder in meine Geschichten eingetaucht war.
Vor 3 Monaten
Zur gleichen Zeit, ungefähr 30 km entfernt.
Heute – Flughafen München
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Isaac
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Silas
Julia
Epilog – 6 Monate später ….
Isaac
Er schlug die Tür hinter ihr zu. Dann starrte er mit seinen irren Augen durch die Gitterstäbe zu ihr hinüber:
„Du wirst mir schon zeigen, was ich will. Wir werden allen beweisen, dass es euch gibt und was ihr seid! Einer von euch wird schon schwach werden!“
Dann ging er weg, entlang an einer Reihe weiterer Käfige und machte sich einen Spaß daraus, gegen das eine oder andere Gitter zu schlagen, so dass der jeweilige Insasse erschrocken zusammenzuckte. Und während der eine oder die andere ein unmenschliches Heulen von sich gab, schloss er die Tür zu dem Kellergewölbe hinter sich und trat in sein „Labor“ ein. Die rote Lampe der versteckten Kamera zeigte ihm, dass SIE alles beobachteten. Ob er sich als würdig erwiesen hatte?
Mitch öffnete die Tür zu seinem Haus. Es war ungewöhnlich still. Normalerweise hörte er seine Frau singen oder mit dem Geschirr klappern, gerade, wenn er von einer 24 Stunden Schicht zurückkam. Sie waren seit zehn Jahren verheiratet und abgesehen von dem einen oder anderen Streit waren sie immer glücklich gewesen. Der einzige Wehmutstropfen war, dass sie keine Kinder bekommen konnten. Das hatte sie ihm schon ganz zu Anfang ihrer Beziehung gesagt. Doch wenn er nur sie hatte, dann hatte er alles, was ihn für immer glücklich machen würde.
Er ging von Zimmer zu Zimmer und rief ihren Namen. Zuletzt sah er im Schlafzimmer nach. Es lag ganz nach ihren Wünschen im Erdgeschoss mit einem großen Fenster zur Waldseite.
„Diana – bist du hier?“ Und dann sah er sie, sie lag in ihrem Bett, hatte die Augen geschlossen, so, als würde sie schlafen. Aber er wusste es besser! Ihre Augen bewegten sich hin und her, wie im REM Schlaf üblich. Das Fenster stand offen, der Raum war ausgekühlt. Sie lag genauso da wie vor über einem Tag, als er sie abends noch geliebt hatte, bevor er zu seiner Schicht aufgebrochen war. Er fiel auf die Knie und fing an zu weinen.
„Gott, Diana, bitte nicht, bitte du nicht auch, komm zu mir zurück, hörst du? Du musst zu mir zurück kommen!“
Nach ein paar Minuten hatte er sich wieder soweit im Griff, dass er sein Handy nehmen und die 911 wählen konnte.
„Hallo, bitte schicken Sie einen Rettungswagen, hier spricht Chief Morgan aus Purple Beach. Ich bin gerade von der Schicht nach Hause gekommen und habe meine Frau im Schlafzimmer gefunden. Sie liegt im Koma!“
Dann nannte er noch seine Adresse und setzte sich neben seine Frau. Er nahm ihre Hand, küsste die Innenfläche und betete zu Gott, dass sie wieder zu ihm zurück kommen würde. Soweit er wusste, war sie schon der dritte Fall - und das alleine in seinem Bezirk! Wenn er nur wüsste, wo er suchen sollte …
Jo, mir gefällt das ganz und gar nicht, überhaupt und sowas von gar, gar, gar nicht, allein die Vorstellung, jetzt gleich für Stuuuuuunden in einem Flugzeug eingeschlossen zu sein, was, wenn du einschläfst und ich …
Könntest du bitte aufhören, hier rum zu jammern und mich noch nervöser zu machen? Alles wird gut, ich steige gleich in dieses Flugzeug, wir fliegen nach Amerika zu Onkel Mitch, ich schlafe nicht ein, du hast dich unter Kontrolle, er holt mich am Flughafen ab, wir fahren nach Purple Beach und ich werd dort ein halbes Jahr leben, zur Schule gehen, Leute kennenlernen, offener werden …
Tante Diana helfen …
Nein, ich hab meinen Eltern versprochen, mich da ganz rauszuhalten, ich kann sowieso nichts ausrichten.
Du vergisst, meine Liebe, dass ich im Gegensatz zu deinen Eltern deine Gedanken kenne und genau weiß, was du vorhast und mit raushalten hat das ganz und gar nichts zu tun.
Dann ist es ja gut, dass du nicht mit meinen Eltern reden kannst, oder? Und nun tu mir den Gefallen, zieh dich ein bisschen aus meinem Kopf zurück, ich muss mich konzentrieren. Mach es dir gemütlich und entspann dich, es wird schon klappen. Sobald wir Purple Beach erreichen, versprech ich dir, leg ich mich schlafen!
Ich war erleichtert, dass sie auf mich hörte. Das war nicht immer so, vor allem, wenn sie nervös war, dann redete sie immer weiter auf mich ein. Nicht selten war es früher dazu gekommen, dass ich dann laut mit ihr gesprochen hatte. Was mir natürlich von meiner Umgebung mehr als seltsame Blicke eingebracht hatte. Vor allem, wenn man nicht mehr fünf war, denn da sind Selbstgespräche ja vielleicht noch in Ordnung, aber mit zehn dann schon nicht mehr so. Mit ein Grund, warum meine Familie und unsere Verwandten nicht viel mit anderen zu tun haben. Keiner hatte den Schritt in eine andere Welt gewagt, außer meine Tante Diana, der jüngeren Schwester meiner Mutter. Die hatte sich vor 12 Jahren in einen jungen amerikanischen Soldaten verliebt und war ihm in die Staaten gefolgt, die Konsequenzen waren ihnen beiden egal gewesen. Was mich nun hierher führte.
Aber vielleicht stelle ich mich erstmal vor:
Hallo, ich heiße Josephine, kurz Jo, ich bin 19 Jahre alt und habe vor ein paar Monaten mein Abi gemacht. Ich bin mittelmäßig sportlich, gehe gerne klettern, ich liebe es zu lesen, ich habe kurze schwarze Haare, einen Nasenring, bin 1,63 m groß, nicht gertenschlank, aber auch nicht pummelig, ich habe vier jüngere Geschwister und bin unterwegs zum größten Abenteuer meines Lebens. Schon vor dem Abi stand fest, dass ich nicht sofort mit dem Studieren anfangen würde, zumal große Städte nichts für Leute wie mich sind. So entstand die Idee, dass ich erstmal ein Semester am College in Purple Beach absolvieren sollte. Das Kaff war klein, lag inmitten eines Waldgebiets – allein deshalb schon ideal für mich – und Onkel Mitch sollte als Polizeichef in der Lage sein, sich um mich zu kümmern. Er und meine Tante Diana konnten keine Kinder bekommen, dazu waren sie zu … sagen wir mal verschieden, aber das war ihnen egal. Tante Diana war für mich immer sowas wie ein leuchtendes Vorbild, denn sie hatte sich für Mitch und gegen ihr Leben bei uns entschieden. Ich hatte sie lange nicht mehr gesehen, denn wir reisen nicht besonders gerne, aber dank Internet, Skype und Facebook standen wir in regem Kontakt zueinander. Immer, bis zu diesem Tag vor drei Monaten, als sich unser Leben änderte. Seit diesem Tag liegt sie im Krankenhaus, im Koma, ein Rätsel für die Ärzte und dortigen Freunde, denn wieso fällt eine Frau mit Anfang 30 einfach so ins Koma? Nur wenige wissen, warum sie nicht wieder aufwacht, ich weiß, warum sie nicht aufwacht. Und ich will versuchen, herauszufinden, was passiert ist und wie ich ihr helfen kann. Meinen Eltern darf ich davon natürlich nichts verraten und auch Onkel Mitch hat mir mehr als einmal gesagt, dass ich ihn nur dann besuchen kommen kann, wenn ich verspreche, mich rauszuhalten. Also habe ich allen fest zugesagt, dass ich nur studieren und leben werde, dass ich versuchen würde, aus meiner selbstgewählten Muschel ein bisschen herauszukommen, dass ich einen Neustart ohne den Sonderstatus aus einer komischen Familie zu stammen, machen würde. Ich würde einfach nur die deutsche Nichte vom Polizeichef Mitch Morgan sein, die für ein halbes Jahr dort wohnt. Das würde ich schaffen – nach außen hin. Aber insgeheim würde ich mein Möglichstes tun, meine Tante zu finden, oder besser den Teil von ihr, der nicht mehr da war. Ich hatte noch keine Ahnung, wie ich es anstellen würde, aber nach Amerika fliegen war zumindest schon mal der erste Schritt. Und wenn ich dafür alle Erwachsenen um mich herum erstmal anlügen musste, dann war das eben so. Ich hatte keine Ahnung, wie ich helfen oder suchen konnte, aber untätig rumsitzen wollte ich auf gar keinen Fall.
Zum Glück begann nun das Boarding und ich wurde ein bisschen abgelenkt. Nun galt es einen 12-Stunden-Flug von München nach Los Angeles zu überstehen, ohne, dass sie mich zu sehr ablenkte oder störte. Dann noch zwei Stunden Autofahrt bis nach Purple Beach. Machte also 14 oder 15 Stunden, bis ich wirklich schlafen konnte.
14 bis 15 Stunden – sag mal, spinnst du? Du weißt, dass ich da ganz hibbelig werde, oder?
Halt die Klappe und mach dir's bequem, wir können es jetzt nicht ändern, okay?
Der Flug war interessant gewesen und langweilig zugleich. Denn entgegen meiner und ihrer Angst hatte ich gar nicht schlafen können. Während um mich herum alle Passagiere schnarchten, lag ich wach und spielte 1000 mögliche Szenarien im Kopf durch. Meine Gedanken wanderten von A nach B und über Umwege wieder zurück. Wir hatten viele Fragen im Vorfeld geklärt. Denn mein Leben zu erklären ist nicht ganz einfach. Es ist nicht so leicht, zu erklären, wie ich, wie wir leben. Eigentlich muss oder besser darf ich es ja auch gar nicht erklären, entweder, man weiß es oder man darf es nicht wissen. Aber da ihr nun irgendwie mittendrin seid in meinem Leben, werde ich versuchen, es euch zu beschreiben. Zeigen wäre leichter, aber das geht nicht, wir sind ja nicht im Kino.
Also, sie und ich leben in einer Art Symbiose.
Hallo, du redest über mich, als wäre ich ein Parasit!
Und genau das macht unser Zusammenleben so schwer. Sie redet mir auch immer rein, also in meine Gedanken, so haben wir auch festgestellt, dass sie englisch versteht. Aber das alles nur, solange sie in mir ist, wenn sie mich verlässt, wenn ich schlafe, dann sieht es anders aus.
Wie soll ich mit dir reden, wenn du schläfst und ich frei bin?
Ich sag ja, zeigen wäre echt leichter!
Also, ich bin nie allein, außer, wenn ich schlafe, sonst denke ich für zwei und nicht nur ich, meine ganze Familie und unsere Verwandten. Es gibt keine Aufzeichnungen, wie viele es von uns gibt. Wobei in den letzten Jahren die ersten zaghaften Versuche gemacht wurden, über die sozialen Netzwerke weitere Gruppen zu finden. Aber leider rief das auch Hasser und Neider auf den Plan. Die schlimmste Gruppe sind die sogenannten Hunter und leider haben wir die Vermutung, dass Tante Dianas Tier gefangen wurde.
Wie oft soll ich dir noch sagen, dass wir keine Tiere sind, wir sehen vielleicht so aus, aber wir sind viel mehr. Wir denken, wir fühlen, wir verlieben uns, wir reden mit euch und miteinander …
Sagte ich bereits, dass es kompliziert ist?
Sie sieht bei mir auf jeden Fall wie ein Serval aus, eine mittelgroße Wildkatze. Wir nennen sie unsere Numa, aber eigene Rufnamen haben sie nicht. Sie kann meinen Körper nur dann verlassen, wenn ich schlafe und solange sie nicht zu mir zurückkehrt, schlafe ich … oder liege eben im Koma, für Uneingeweihte. Und das mit dem Einweihen ist so eine Sache, denn wer möchte schon aufgeschnitten werden auf der Suche nach einem inneren Wesen, das man nicht finden wird? Wir dürfen mit Außenstehenden nicht darüber reden. Onkel Mitch ist eine der wenigen Ausnahmen. Aber es war Tante Diana verboten, ihm zu erzählen, wer zu uns gehörte und wer nicht. Wenn sie also in Purple Beach auf andere getroffen wäre, dann hat sie es ihm nicht erzählt. Mir gegenüber hat sie zwar immer mal wieder Andeutungen gemacht, aber nichts Konkretes, trotzdem hatte ich die Hoffnung, dass sie und ich zusammen Anschluss finden würden, Verbündete, irgendwen, der uns helfen kann!
Eines noch zu ihrer Ehrenrettung: normalerweise kommen wir sehr gut miteinander aus und sie hält sich aus meinem Kopf raus, aber mit Stress oder Extremsituationen kommt sie nicht gut klar.
Ich hab dich auch lieb, Jo!
Als ich endlich gelandet und durch die Sicherheitskontrollen war, hätte ich im Stehen einschlafen können. Ich konnte nur hoffen, dass sie die Autofahrt noch durchhalten und nicht im Auto zum Vorschein kommen würde. Wobei – wir säßen dann ja in Onkel Mitchs Auto, da konnte nicht viel passieren!
Onkel Mitch erwartete mich in der Abflughalle. Er war eigentlich ein gutaussehender Mitdreißiger, dessen Augen immer lachten, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, immer bereit war, mit mir und meinen Geschwistern einen Spaß zu machen. Nun sah er einfach nur noch müde aus, müde und traurig. Die letzten drei Monate hatten ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, trotzdem versuchte er sich ein Lächeln abzuringen.
„Hi Kiddo, schön, dass du endlich da bist. Ich hoffe, du hattest einen guten Flug? Ich hab deine Eltern schon informiert, dass dein Flug gelandet ist. Gib mir deine Koffer, die musst du nicht tragen. Ich hoffe … , es gab keine Probleme im Flieger wegen …, du weißt schon?“
Ich musste lachen, er wusste immer noch nicht, wie er darüber reden sollte, dabei war er schon seit so vielen Jahren eingeweiht.
„Alles gut, Onkel Mitch …“
„Nenn mich nicht immer 'Onkel', das macht mich so alt!“
„Du weißt, dass meine Eltern viel Wert auf sowas legen. Aber ich werde mich bemühen, dich nicht mehr so zu nennen, damit du dich nicht so alt fühlst“, entgegnete ich grinsend. Denn wenn man von den Spuren der letzten Wochen absah, sah er echt gut und vor allem jung aus. Ich habe schon seit Jahren für ihn geschwärmt, wie eben junge Mädchen von erwachsenen Männern schwärmten. Er zog mich in eine Umarmung, nahm mir meine Koffer und den Rucksack ab und führte mich zu seinem Auto. Er besaß nur seinen Dienstwagen und war auch mit diesem gekommen. Zwar besaß auch meine Tante ein Auto, aber ich war mir sicher, dass das nicht mehr bewegt worden war, seit …
Mein O …, also Mitch, hatte sich seinen Beruf zunutze gemacht und den Wagen direkt vor der Eingangstür geparkt. Sehr praktisch, so ein Polizeiauto!
„Sollen wir noch an einer Burgerbude vorbeifahren und uns was zu essen holen oder direkt nach Purple Beach und dort was Richtiges essen?“
Hunger hatte ich eigentlich keinen, ich wollte aus diesen Klamotten raus, duschen und ins Bett. Und genau das sagte ich Mitch auch. Der nahm das mit einem kurzen Kopfnicken zur Kenntnis und wuchtete meine Koffer ins Auto, bevor er sich hinters Steuer setzte und losfuhr.
Uns war beiden nicht wirklich zum Reden zumute, also hörten wir Musik und ich sah aus dem Fenster und versuchte mir vorzustellen, wie wohl mein erster Tag am College werden würde. Ich hatte zwar schon mit meiner Betreuerin und auch mit dem Schulleiter geskypt, gemailt und alles abgestimmt, aber es war doch ein großer Schritt. Und dann war da noch die Aufgabe, die ich mir selber mit auf den Weg gegeben hatte …
Ich wurde erst wieder wach, als wir vor dem Haus hielten, das für die nächsten Wochen und Monate mein Zuhause werden sollte. Ich streckte mich, versuchte den Schlaf abzuschütteln und wieder Blut in meine Beine zu bekommen.
„Sorry, Mitch, ich wollte nicht schlafen, aber ich war wohl müder als ich dachte … war … ich meine …?“
Mein Onkel sah mich von der Seite an, ich konnte seinen Blick nicht wirklich deuten. Er war amüsiert, aber doch traurig und nachdenklich: „Alles gut, sie ist aufgetaucht, kaum, dass du eingeschlafen warst. Sie hat mich ziemlich neugierig gemustert, aber sich auch vorbildlich verhalten. Sie saß die ganze Zeit auf deinem Schoß und ließ sich den Fahrtwind durch das geöffnete Fenster um die Ohren wehen. Es ist nur so, dass deiner Dianas Numus so ähnlich sieht. Ich musste daran denken, wie gerne deine Tante im Auto geschlafen hat und dann saß ihr Numus auf ihrem Schoß, genauso wie deiner eben gerade, und wir hörten Musik, manchmal redete ich mit ihr … Oh Gott, Diana fehlt mir so. Ich weiß nur nicht, wo ich noch suchen soll. Himmel, ich weiß noch nicht mal, wo ich anfangen soll. Ich habe da zwar so einen Verdacht, aber die Situation ist viel zu schwierig, als dass ich mich trauen könnte, mit irgendwem darüber zu reden!“
Ich konnte ihn gut verstehen, denn im Grunde gingen mir dieselben Gedanken durch den Kopf. Aber ich durfte ihm nicht zeigen, dass ich auch ein riesiges Interesse an der Beantwortung der Fragen hatte. Mitch brachte es fertig und schickte mich mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Deutschland, wenn er den Verdacht hegen würde, dass ich auf eigene Faust ermitteln wollte. Also bemühte ich mich, den sorglosen Teenager zu spielen – etwas, was ich schon seit Jahren nicht mehr war. Denn, wer so groß wurde wie ich, der war ständig auf der Hut, der ging selten zu Übernachtungspartys, der hatte Probleme bei Klassenfahrten – kurz, für den waren alle Dinge, die andere Jugendliche taten, schwierig, um es vorsichtig auszudrücken!
„Oh Mann, Onkel Mitch, es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass dich ihr Anblick so traurig machen würde. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mir mehr Mühe gegeben, um nicht einzuschlafen.“
„Nein, schon gut, ich wusste ja, was es bedeuten würde, wenn du hier her kommst und außerdem fand ich es … schön …, ja, schön, denn es gab mir ein Gefühl von Normalität, als ich sie da sitzen sah. Sie hat mir zugehört, genauso wie Dianas Numus. Es war vertraut.“ Mitch legte mir kurz die Hand aufs Bein und drückte es, bevor er sich abschnallte und aus dem Auto stieg. Noch bevor ich mich selber aus dem Sitz geschält hatte, hatte er schon meine Koffer aus dem Kofferraum gewuchtet.
„Was hältst du davon, wenn du jetzt erstmal deine Eltern anrufst, dich dann duschst und wir was essen gehen? Ich habe mir die nächsten Tage frei genommen, um dich rumzuführen und am College anzumelden.“
Ich schnappte mir zwei der kleineren Koffer und meine Tasche und folgte ihm ins Haus.
„Gute Idee, dann zeig mir mal mein Zimmer …“
Mitch machte eine kurze Hausführung mit mir – ich bekam einen eigenen Bereich im Erdgeschoss, mit kleinem Bad, einem Schlaf- und einem Arbeitszimmer. Laut Mitch hatten sie diesen Bereich angebaut, damit der eine oder andere Besucher sich wohl fühlen konnte. Außerdem hatten auch schon neue Kollegen meines Onkels in der Probezeit hier gewohnt. Diana und er hatten ja von Anfang an gewusst, dass sie keine Kinder haben konnten. Das Haus voller Menschen war ihnen aber wichtig gewesen. Und so kam ich in den Genuss eines Luxus', den ich zu Hause nicht hatte – besagtes eigenes Bad und einen eigenen Bereich zum Lernen und Arbeiten.
Ich skypte mit meinen Eltern, duschte, räumte ein paar meiner Dinge ein und traf Mitch im Wohnzimmer, wo er telefonierte.
Als ich das Zimmer betrat, beendete er gerade das Gespräch und steckte sein Handy in die Hosentasche.
„Das war mein Stellvertreter, er hat mir ein kurzes Update gegeben. Alles in Ordnung. Bist du bereit, können wir los? Ich dachte, ich geh mit dir in das Diner, da treffen sich Jung und Alt, vielleicht kann ich dir ja schon ein paar der Jugendlichen hier vorstellen. Ich kenne die meisten ja, denn die Polizei arbeitet bei uns immer eng mit Eltern und Schule zusammen und ich bin hier aufgewachsen. Bei den meisten kann ich dir die gesamte Lebensgeschichte erzählen.“
„Aber du wirst mir nicht den Kontakt zu dem einen oder anderen verbieten, weil du der Meinung bist, dass es schlechter Umgang für mich ist, oder? Ich bin nämlich alt genug, um selber zu entscheiden, wer gut für mich ist und wer nicht …“
Ich musste mir selber eingestehen, dass das genau eines der Dinge war, was mich zu Hause genervt hatte. Nicht nur wegen unserer Numa hatten meine Eltern immer wieder versucht, mir in die Wahl meiner Freunde reinzureden. Sie meinten zwar immer wieder, dass es 'nur zu meinem Besten' wäre und sie einfach mehr Lebenserfahrung hätten. Ich hatte mir geschworen, dass ich meine Zeit hier auch nutzen würde, um Leute kennenzulernen, vor denen meine Eltern mich immer gewarnt hatten. Ob ich das ausgerechnet unter den Augen eines Polizeichefs schaffen würde, fragte ich mich jetzt dann doch …
„Eigentlich hatte ich vor, dir erstmal zu vertrauen, Jo, und nur, wenn ich merke, dass du dich verrennst, dann greife ich ein. Außerdem gibt es in unserer kleinen Stadt nicht allzu viele Jugendliche, die wirklich schlechter Umgang wären. Und nun lass uns fahren!“
Auf dem Weg zur Haustür warf ich einen letzten Blick in den Spiegel – ich war kein Modepüppchen, ich fühlte mich in Jeans und Pullis am wohlsten. Für heute Abend hatte ich mich für eine bequeme Cargohose, ein T-Shirt und eine leichte Strickjacke entschieden. Meine Haare hatte ich leicht nach oben gegelt, ein bisschen Kajal musste an Schminke reichen. Ich war gespannt, wie die anderen meines Alters hier so rumliefen. Ich war eine Leseratte, und hatte in den letzten Jahren viele sogenannte „Young Adult“ Bücher verschlungen. Da wurde oft beschrieben, dass sich junge Amerikanerinnen total aufbrezelten, wenn sie abends loszogen, sie schienen alle über mehrere Kleider zu verfügen, dazu Schuhe mit Absatz und ein Schminkkoffer so groß wie Köln. Ich konnte nur hoffen, dass das nicht auf die Mädchen hier in Purple Beach zutreffen würde, denn dann würde ich eher keinen Anschluss finden. Komplett verbiegen wollte ich mich auch nicht!
Mein Onkel riss mich aus meiner Selbstbetrachtung, indem er mich einfach durch die Tür nach draußen schob, abschloss und mich zum Auto führte.
Die Fahrt zum Diner dauerte gerade mal zehn Minuten, nicht genug Zeit, um mich drauf einzustellen, dass ich gleich zum ersten Mal einen Teil der Bevölkerung meiner neuen Wahlheimat kennenlernen würde. Ob wohl ein paar Jugendliche in meinem Alter dabei waren?
Die Antwort auf diese Frage erhielt ich, kaum, dass wir das Diner betreten hatten. Mein Onkel hatte dieses Lokal wohl bewusst ausgesucht, denn zum einen war es gut besucht, zum anderen war das Publikum ziemlich gemischt. Ich sah einige Familien mit Kindern in jedem Alter, aber auch einen Tisch, der mit einer Gruppe Collegestudenten besetzt war. Und genau diesen Tisch steuerten wir sofort an. Mein Onkel wurde von so ziemlich allen Anwesenden freundlich begrüßt, hier und da schüttelte er eine Hand oder winkte jemandem quer durch den Raum zu. Als wir an dem Tisch angekommen waren, verstummte dort sofort das Gespräch und alle Augen richteten sich auf mich und Mitch. Ich versuchte, mir so viele Gesichter wie möglich einzuprägen. Mir fiel aber zunächst erstmal auf, dass zwei der Mädchen meinen Onkel anhimmelten und bei seiner Begrüßung sogar rot anliefen. Ich glaubte allerdings nicht, dass ihm das aufgefallen war.
Die Gruppe begrüßte uns mit einem vielstimmigen „Guten Abend, Chief Morgan!“ und einem neugierigen Blick auf mich.
„Hallo, Kids, darf ich euch meine Nichte Jo vorstellen? Sie ist mit meiner Frau verwandt und kommt aus Deutschland. Sie wird mit euch zusammen aufs College gehen. Es wäre toll, wenn ihr euch ein bisschen um sie kümmern würdet.“
Nun wurde ich noch ein bisschen neugieriger beäugt und kurz darauf ergriff eines der Mädchen das Wort, allerdings musste ich aufpassen, nicht laut loszulachen, denn sie sprach mit mir, als wäre ich taubstumm – sie sprach extrem langsam und betonte jedes Wort einzeln: „Hallo … Jo … ich … bin … Monica … ich … hoffe … du … kannst … mich … verstehen?“
Ich riss mich zusammen und antwortete ihr in normalem Englisch und normalem Tempo: „Hi, Monica, ich kann dich ziemlich gut verstehen, ich habe mich lange darauf vorbereitet, dass ich hierher kommen würde!“
Das brachte mir einige Lacher am Tisch ein und Monica ein paar lustige Kommentare. Sie versuchte sich zu wehren: „Woher soll ich denn wissen, dass die in Deutschland so gut englisch sprechen?“
Dann begannen alle durcheinander zu sprechen und sich vorzustellen. Da war Monica, die für mich das typische Klischee eines Cheerleaders erfüllt – blond, hübsch, ein bisschen dumm, aber nicht verkehrt. Außerdem Gwendolyn und ihr Bruder Tristan, beide sehr gut aussehend und den Klamotten nach zu urteilen aus reichem Haus, dann noch Xander und seine Freundin Stefanie und deren Freundinnen Anna und Trish … wahrscheinlich hatte ich die Namen bis morgen alle wieder vergessen, aber ich wollte mich bemühen, denn ich brauchte ja irgendwie einen Ansatzpunkt, um Leute kennenzulernen. Und diese Gruppe war besser als nichts, so würde ich in den nächsten Tagen zumindest schon mal jemanden haben, den ich grüßen konnte.
Nach einer kurzen Unterhaltung, in der Tristan auch noch zum Ausdruck brachte, dass ich mich immer an ihn oder einen der anderen wenden könnte, wenn ich Fragen hätte und dass es für mich mit Sicherheit schwer wäre, jetzt, wo meine Tante im Krankenhaus wäre, setzten wir uns an einen freien Tisch und widmeten uns der Karte.
„Mit diesen Kindern …“ - ich rollte mit den Augen, Mitch sprach tatsächlich von Kindern, dabei waren alle in meinem Alter oder sogar älter - „ … machst du nichts falsch. Alle durch die Bank aus guten Elternhäusern. Gwendolyn und Tristans Eltern gehören hier einige Geschäfte, Ferienwohnungen und das Hotel. Ihre Familie gehört quasi zu den Gründungsmitgliedern dieser Gemeinde. Mit denen gab es noch nie Probleme und so, wie Tristan dich gerade angesehen hat, Jo, … wer weiß, vielleicht sehe ich den ja in Zukunft öfter?“ Dabei zwinkerte Mitch mir übertrieben zu.
„Mitch, ich glaube nicht, dass ich Tristans Typ bin, außerdem kenne ich ihn doch gar nicht!“ Vorsichtig schielte ich über meine Schulter zu der Gruppe hinüber und fing tatsächlich Tristans Blick auf. Er sah neugierig zu mir hinüber und sein Mund verzog sich zu einem leichten Grinsen, als sich unsere Blicke trafen. Dann – immer noch meinen Blick haltend – beugte er sich zu seiner Schwester hinüber und flüsterte ihr etwas zu, woraufhin auch Gwendolyn zu mir schaute und mir zuwinkte. Ich war wirklich neugierig, was Tristan wohl zu seiner Schwester gesagt hatte, dass sie so reagiert hatte.
Ein paar Minuten später verabschiedete sich die Gruppe von uns, Tristan blieb noch kurz bei uns stehen, reichte mir die Hand und sah mir in die Augen: „Auf Wiedersehen, Jo, ich denke, wir sehen uns ja dann in Zukunft öfter.“ Dabei führte er meine Hand an seinen Mund und gab mir tatsächlich einen Handkuss. Ich war viel zu überrumpelt, um mich dagegen zu wehren. Als ich aber die zum Teil fragenden, zum Teil spöttischen und auch fast feindseligen Blicke der Gruppe auffing, zog ich meine Hand schnell zurück.
„Warum sollten wir uns in Zukunft öfter sehen?“, fragte ich irritiert und auch ein bisschen überrumpelt nach.
„Na, wenn du in Zukunft hier das College besuchst, dann laufen wir uns doch mit Sicherheit das eine oder andere Mal über den Weg, oder? Außerdem ist es wichtig, dass du von Anfang an die richtigen Menschen hier kennst. Den Anfang dazu hast du heute Abend ja schon gemacht.“
Na, der ist ja mal von sich überzeugt, was?
Da muss ich dir recht geben. Aber irgendwie ist er auch süß, oder?
Wenn du auf Schleimer stehst, Jo, bitte, ich mag ja die etwas bodenständigeren Typen… eben das Tier im Manne.
Sehr witzig!
„Jo, hörst du mir zu, oder hat der Junge dich so beeindruckt, dass du mir nicht mehr zuhören kannst?“
„‘tschuldigung, Mitch. Was hast du gesagt?“
„Ich wollte nur wissen, ob du immer noch davon überzeugt bist, dass du nicht Tristans Typ bist. Für mich sah das jetzt etwas anders aus.“
„Ach Quatsch, der wollte nur höflich sein. Außerdem, wenn dessen Eltern die halbe Stadt gehört, warum geht er dann hier aufs örtliche College statt ein teures Elitecollege zu besuchen?“
„Ich glaube, die Familie legt viel Wert auf Zusammenhalt und Gemeinschaft. Und es würde wohl auch nicht gut aussehen, wenn die Eltern das heimische College sponsern, die eigenen Kinder aber dann nicht dort hinschicken. Aber soweit ich weiß, werden sowohl er als auch seine Schwester nach dem College eine der besten Universitäten besuchen können, da ist die Wahl des Colleges eher zweitrangig. Du könntest es auf jeden Fall schlechter treffen als mit dieser Clique, alles gute Kinder, die nie Ärger machen …“
Das glaubte ich jetzt persönlich nicht, denn die Erfahrung hatte mir gezeigt, dass gerade die reichen Jugendlichen aus den ‚guten Elternhäusern‘ es faustdick hinter den Ohren hatten. Aber vielleicht irrte ich mich ja auch! Vielleicht war das in Amerika ja anders? Und im Grunde war ich ja froh, dass ich an meinem ersten Tag am College auf ein paar bekannte Gesichter treffen würde. Ob diese Freundschaften oder besser Bekanntschaften Bestand haben würden, würde sich ja auch erst noch zeigen müssen!
Der Rest des Abends verlief ereignislos, wenn man davon absah, dass so ziemlich jeder Besucher des Diners bei uns am Tisch Halt machte, mich begrüßte, sich mit Mitch unterhielt, sich nach Tante Dianas Zustand erkundigte und ansonsten Smalltalk hielt. Die meisten Frauen – egal welchen Alters – versuchten dabei mit Mitch zu flirten. Es war schon fast lustig, wie sie versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erhalten und er völlig ahnungslos zu sein schien. Ich nahm mir vor, ihn irgendwann mal darauf anzusprechen. Für heute war ich allerdings zu müde. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es in Deutschland wegen der neun Stunden Zeitunterschied mittlerweile fast fünf Uhr morgens war und bis auf die knapp zwei Stunden im Auto hatte ich seit über 24 Stunden nicht geschlafen. Kein Wunder, dass ich die Augen kaum aufhalten konnte. So unaufmerksam Mitch gegenüber den Flirtversuchen war, so aufmerksam schien er mich zu beobachten. Er gab der Kellnerin einen Wink (und auch die schien dabei zu erröten) und bat um die Rechnung.
Er versuchte auf dem Heimweg noch ein bisschen das Gespräch aufrecht zu erhalten, sah aber ziemlich schnell ein, dass das bei mir wohl keinen Sinn mehr hatte. So fuhren wir schweigend heim. Im Haus angekommen, drückte er mich schnell an sich, bevor er mir in die Augen sah und einen Moment nach Worten zu suchen schien.
„Ähm, sie wird heute Nacht raus wollen, oder? Wir haben in der Küche eine Katzenklappe einbauen lassen, damit die Tür nicht über Nacht offen stehen muss. Ich hoffe, sie verläuft sich nicht und es passiert auch sonst nichts, seit Dianas … Zustand habe ich kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache, aber einsperren kann ich dich … sie … auch nicht. Sag ihr nur, sie soll gut aufpassen. Ich wüsste nicht, wie ich es deiner Mutter erklären sollte, wenn du auch …“ Er schien mit sich zu kämpfen, also nahm ich ihn in den Arm.
„Mitch, ich kann deine Bedenken verstehen, aber ich verspreche dir, dass nichts passieren wird.“ Er rieb sich über das Gesicht, wenn ich mich nicht täuschte, dann glitzerten seine Augen auffällig feucht. Wenn er jetzt anfangen würde zu weinen, wäre ich verloren. Wie sollte man einen erwachsenen Mann trösten? Und ich konnte ihm ja schlecht sagen, dass ich versuchen würde, das Geheimnis zu lüften, dann würde er mich wahrscheinlich in den nächsten Flieger zurück nach Deutschland stecken!
Aber er riss sich zusammen und schob mich in Richtung meines Zimmers und wünschte mir eine gute Nacht: „Ich werde dich morgen früh nicht wecken, meld dich einfach, wenn du wach bist, dann planen wir den Tag, ich zeig dir alles und wir schauen uns schon mal auf dem Campus um. Ich hab zwar frei, aber es kann nichts schaden, wenn ich mich da mal mit dir zusammen in Uniform zeige, dann wissen ein paar der Studenten zumindest schon mal, dass du zu mir gehörst.“
Das klang in meinen Ohren fast wie eine Drohung, denn wen schreckte es nicht ab, wenn jemand mit ‚Polizeischutz‘ zum College kam. Wenn ich allerdings darüber nachdachte, wie die weibliche Bevölkerung auf meinen Onkel reagiert hatte, vielleicht gab es auch den einen oder anderen Pluspunkt?
Guten Morgen, du Schlafmütze! Wird auch langsam mal Zeit, dass du wach wirst! Dein Onkel war schon bestimmt zehn Mal hier drin, um nachzusehen, ob du noch lebst oder ich wieder da bin. Ich glaube, er macht sich ziemlich viele Sorgen, auch, wenn er das nie sagen würde.
Guten Morgen! Wie war deine erste Nacht hier?
Im Gegensatz zur Meinung deines Onkels bin ich von Natur aus vorsichtig und nicht wagemutig. Ich habe mich ein bisschen in der Gegend umgesehen, aber dabei bin ich nicht allzu weit in den Wald reingegangen. Es ist schon ein bisschen gruselig, hier so alleine rumzulaufen. Alles riecht anders, sieht anders aus, fühlt sich anders an. Keine bekannten Numa in der Nähe. Ich hab ein paar Tiere gesehen, aber ich glaube, das waren wirklich nur Tiere. Wir wissen ja auch gar nicht, welche Numa hier leben – deine Tante hat auch gar nichts erzählt. Das wird noch spannend, bis ich hier Anschluss finde. Ich kann ja nicht einfach so wie du in ein Restaurant spazieren und mit seltsamen Schnöseln flirten.
Tristan ist kein seltsamer Schnösel, er wollte gestern nur höflich sein, mehr nicht. Wenn er mich in Zukunft grüßt, dann wird das schon viel sein. Hast du die Mädchen, die Frauen gesehen, mit denen er zusammen war? Die mögen alle in meinem Alter gewesen sein, aber sie sahen bedeutend älter aus, waren gestylt und geschminkt – was sollte er von mir wollen?
Vielleicht ist er einfach nur neugierig auf das unschuldige Mädchen aus Deutschland …
Ich bin nicht unschuldig, das weißt du ganz genau!
Ja, ich weiß das, er aber nicht – und nun raus aus den Federn, bevor dein Onkel nochmal hier reinschneit!
Also schwang ich die Beine aus dem Bett und stellte mit einem Blick auf mein Handy fest, dass es tatsächlich schon fast zehn Uhr war. Ich hatte also ungefähr zwölf Stunden geschlafen. Das sollte doch eigentlich reichen, um den Jetlag besiegt zu haben, oder?
Ich schlüpfte in eine Jogginghose und ein T-Shirt und machte mich auf den Weg in die Küche. Ich fand meinen Onkel gedankenversunken mit einem Kaffee vor sich auf ein Bild an der Wand starrend. Auf dem Bild sah man ihn und Tante Diana lachend und Arm in Arm vor seinem Auto stehen. Ein Schnappschuss, der zeigte, wie glücklich die Beiden waren. Wieso musste das Schicksal solch eine Liebe so auseinanderreißen? Das war doch einfach nicht fair. Die meisten Menschen erfuhren ein solches Glück gar nicht – Diana hatte mir mal gesagt, dass sie in Mitch ihren Seelengefährten gefunden hätte, obwohl er keinen Numus hatte. Ich fragte mich, ob ich jemals einen Menschen finden würde, über den ich sowas sagen könnte. Gut, ich war noch jung, aber meine bisherige Erfahrung mit Männern ließ sich mit einem Wort beschreiben: Katastrophe. Meine Exfreunde hatten sich alle als totale Idioten herausgestellt und das unabhängig davon, ob sie ‚normal‘ waren oder so wie ich. Wobei ich mich nur einmal auf einen meiner Art eingelassen hatte. Unsere Gemeinschaft in Deutschland war so klein, da war die Auswahl nicht gerade groß. Aber auch bei den Normalos hatte es keinen gegeben, der mich lange beeindruckt hatte. Ich hatte mit 15 meinen ersten Freund gehabt, mit 16 zum ersten Mal mit ihm geschlafen und ein paar Monate später die Nase voll gehabt von ihm. Er war mir zu langweilig oder ich ihm zu schwierig, denn das mit dem Übernachten oder gemeinsam Wegfahren war ja, wie gesagt, ein Problem. Auch die Typen, mit denen ich mich danach eingelassen hatte, waren nichts, worauf ich heute stolz wäre oder die mir lange im Gedächtnis geblieben wären.
Vielleicht schmeichelte deshalb Tristans Aufmerksamkeit meinem Ego, denn er war reich, gutaussehend, scheinbar beliebt und interessant. Er hatte mich mit dem Handkuss beeindruckt, sowas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Aber wer wusste schon, ob er das ernst gemeint hatte und mich in den nächsten Tagen, wenn wir uns im College begegneten überhaupt wiedererkennen würde?
Ungelegte Eier, Jo, du denkst wieder über ungelegte Eier nach! Lass uns lieber frühstücken!
Ich räusperte mich, um Mitch auf mich aufmerksam zu machen, er zuckte leicht zusammen und sah mich an.
„Da bist du ja, Jo. Hast du gut geschlafen? Ich hab dich gestern gar nicht mehr gefragt, ob du Kaffee oder lieber Tee trinkst. Sonst hab ich alles besorgt, worüber wir gesprochen hatten. Warum ihr in Deutschland allerdings keine Erdnussbutter als Grundnahrungsmittel kennt, wird mir ewig ein Rätsel bleiben!“
Ich ging zu ihm hinüber und drückte ihm einen Kuss auf die unrasierte Wange: „Guten Morgen, und Kaffee mit viel Milch ist okay, Tee vielleicht später. Und ich werde schon nicht verhungern. Du hast bestimmt genug für mich im Haus. Was meinst du, sollen wir uns so in einer Stunde auf den Weg machen? Ich würde gerne bei Tante Diana im Krankenhaus vorbeischauen, bevor wir mit der Erkundung des Ortes und des Colleges anfangen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich das tun muss.“
„Aber klar, trink deinen Kaffee, iss was, dann hüpfst du unter die Dusche und wir fahren im Krankenhaus vorbei. Dann kann ich dich auch gleich dem Pflegepersonal vorstellen, damit du ohne mich dort ein- und ausgehen kannst.“
„Sind die Schwestern dort auch alle heimlich in dich verliebt?“, ich konnte es nicht lassen, ihn das zu fragen. Er sah mich an, als wüsste er wirklich nicht, was ich damit meinte. „Warum sollten die in mich verliebt sein?“
„Ach, komm schon, Mitch, du musst doch merken, dass die gesamte weibliche Bevölkerung, die ich bisher kennengelernt habe, dich total anhimmelt!“
„So ein Quatsch, deine Tante behauptet das zwar auch schon mal, aber das müsste ich auch merken, oder? Die sind nur höflich, weil ich der Chief bin. Die wissen doch, dass ich mit deiner Tante verheiratet bin …“
„Meinst du das ernst? Das ist vielleicht ein Grund, aber kein Hindernis, du bist für dein Alter ziemlich gut in Form, siehst gut aus, bist nett und beliebt … wieso sollten die Frauen da nicht bei dir ins Schwärmen geraten?“
Wenn ich mich nicht irrte, dann wurde Mitch sogar ein bisschen rot. „Lass solche Reden, Kleine, das stimmt doch gar nicht. Und außerdem wollen wir gleich los. Also iss was, damit wir ins Krankenhaus kommen. Dann wirst du selber sehen, dass an deiner Vermutung nichts dran ist. Da ist niemand in mich verliebt!“
Was ich allerdings sah, als wir gut zwei Stunden später auf der Wachkomastation ankamen, war, dass so ziemlich alle Schwestern sich darum rissen, Mitch zu trösten, ihm Mut zuzusprechen, ihn in den Arm zu nehmen, ihm einfach was Gutes zu tun. Aber nach ein paar Minuten, die ich diesen ganzen Austausch beobachtet hatte, musste ich Mitch recht geben, er hatte wirklich keine Ahnung, dass die Frauen ihm zu Füßen lagen. Sie umschwärmten ihn, sie bemutterten ihn, sie versuchten seine Aufmerksamkeit zu erhalten und er war völlig ahnungslos. Er war höflich, er lächelte, er antwortete, aber er hielt seine Distanz zu ihnen. Seine ganze Aufmerksamkeit gehörte Diana und den Neuigkeiten über sie. Nur leider gab es keine Neuigkeiten, sie lag da in ihrem Bett, sah aus wie immer, nur dass sie nicht wach war, nicht wach wurde, nicht aufwachen konnte.
Sie fehlt, spürst du das auch? Sie hatte recht, man spürte, dass Dianas Numus nicht da war. Und das wohl schon seit drei verdammten Monaten, denn genau so lange lag Diana angeblich im Koma. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr Numus freiwillig so lange auf sich allein gestellt lebte. Irgendetwas musste mit ihr passiert sein …
Bevor wir die Station verließen, stellte Mitch noch sicher, dass alle mich kannten und jeder wusste, dass man mir alles sagen sollte, was Diana betraf. Ich würde mich hier also problemlos bewegen können. Etwas, was nicht jeder durfte auf dieser Station. Ich würde Diana nun jederzeit ohne Mitch besuchen können, denn der Zugang zu dieser Station war natürlich stark beschränkt, damit die Komapatienten ihre Ruhe hatten und nicht durch Neugierige oder Schaulustige gestört wurden.
