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Nach 10 Jahren kehrt Dana in ihre alte Heimat zurück, ohne Job, ohne Wohnung, betrogen von ihrem Lover. Sie findet Zuflucht im Tattooshop von Micha und David. Dort lernt sie den alleinerziehenden Christian kennen. Doch der hat mehr als ein Geheimnis - wie kann sie ihm trauen? Chris hat auf die harte Tour lernen müssen, dass man Frauen nicht trauen darf - trotzdem fühlt er sich zu Dana hingezogen. Doch genau in dem Augenblick, in dem er sich ihr öffnen will, droht seine Vergangenheit nicht nur ihn, sondern auch sie zu zerstören. Wie kann er sie da mit hineinziehen? "Was auch immer wir hatten" ist der 6. Band der Hier und Jetzt Reihe, alle Bücher sind in sich abgeschlossen, wobei man beim Lesen die Reihenfolge einhalten sollte, da sie zeitlich aufeinander aufbauen! Buch 1: Ich bin das Beste, was dir je passiert ist Buch 2: Was du für den Gipfel hältst ... Buch 3: Die beste Zeit ist genau jetzt Buch 4: Die Antwort ist ganz einfach - eigentlich! Buch 5: Schön, dich gesehen zu haben! Buch 6: Was auch immer wir hatten
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Robin Lang
Was auch immer wir hatten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
- Vorwort -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Michael -
- Dana -
- Chris -
- Juli -
- Dana -
- Chris -
- Dana -
- Juli -
Für meine Leser:
Impressum neobooks
Inhaltsverzeichnis
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Genehmigung!
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit mir … an der einen oder anderen Stelle mit Sicherheit nicht ganz zu vermeiden!
Auch wenn es am Ende des Buches nochmal kommt:
Ich danke allen lieben Frauen (und den wenigen Männern), die mich beim Entstehen meiner Bücher antreiben, unterstützen, ob auf Facebook oder bei einer Flasche Sekt zu Hause.
Ich danke meinen Kindern – meinem Sohn für seine Englischkenntnisse und meiner Tochter fürs Lesen meiner Bücher („Mama – wie kannst du sowas schreiben??“) und meinem Jüngsten fürs Warten, wenn ich mal wieder schreibe.
Ein besonderer Dank geht diesmal an Abbie Zanders, ohne sie wäre mein selbst erfundenes Lied nicht ganz so „very sad in a romantic way“ geworden. (Ihre Worte, nicht meine!)
Ich liebe mein Netzwerk – das musste jetzt mal gesagt werden!!
Und nun viel Spaß mit Dana – ein Buch, das ohne Lena und Catharina wohl nicht geschrieben worden wäre! Ihr beiden ward die, die mich am meisten genervt haben!!
November 2016
Ich stellte meinen Trolley ab, auf Dauer war er wirklich schwer geworden. Ich stand vor dem Eingang des Tattoostudios „Mr. Van T.“ und atmete tief durch. So ganz sicher war ich mir nicht, ob ich willkommen wäre, aber wo sollte ich sonst hin? Natürlich könnte ich zu meinen Eltern zurück, aber die hatten vor ein paar Jahren das Haus verkauft und waren in eine kleine Mietwohnung gezogen. Ich war ihr einziges Kind und mittlerweile 33 Jahre alt. Ich hatte sehr erfolgreich VWL studiert, direkt nach der Uni einen äußerst lukrativen Job in Hamburg angenommen und dieser Kleinstadt den Rücken gekehrt. Die paar Male, die ich seitdem hierher zurückgekommen war, konnte man an einer Hand abzählen. Ich hatte ihnen sogar zu dem Schritt geraten, denn es war finanziell, auch bezogen auf den Aufwand, die beste Lösung. Sie lebten vom Erlös des Verkaufs sowie der Rente meines Vaters und sollte es Probleme mit der Wohnung geben, dann riefen sie den Vermieter und ließen es erledigen. Für wen sollten sie auch ihr Geld sparen? Ich hatte mich für Karriere entschieden und hatte bereits jetzt genug Geld verdient und es so angelegt, dass ich auch eine Durststrecke gut aushalten konnte. So eine Durststrecke war wohl genau jetzt – und das nicht zu knapp!
Ich hatte mich voll und ganz auf meine Karriere konzentriert und mich gegen Familie und Kinder entschieden. Ich hatte in den letzten zehn Jahren zweimal die Abteilung gewechselt und mich jedes Mal verbessert, bis ich zum Schluss die Personalabteilung leitete. Man konnte mich durchaus als Karrierefrau bezeichnen. Immer korrekt konservativ gekleidet, immer bei den richtigen Leuten eingeladen. Doch dann hatte ich einen riesengroßen Fehler gemacht und nun stand ich hier.
Mein Verhältnis zu Michael und David war … interessant und gespalten. Damals, als ich noch studierte, waren Michael und ich sowas wie ein Paar. Oder besser, ich habe mich ständig an ihn rangeschmissen und ihn genau einmal ins Bett bekommen. Doch ehrlich gesagt war das eine Erfahrung gewesen, auf die ich auch hätte verzichten können. Er war leicht angetrunken gewesen und es war sehr schnell vorbei, nichts, was in Erinnerung geblieben wäre. Wie sich kurz darauf herausgestellt hatte, war Michael nie wirklich glücklich mit seinem Leben gewesen. Er hatte seine wahren Gefühle, seine wahren Empfindungen jahrelang unterdrückt. Als er David kennenlernte, hatte dieser die Geduld und die Liebe, um den Weg mit Michael gemeinsam zu gehen. Es war gewiss nicht leicht für Michael, sich selbst und der Welt (und seinem bekloppten Vater) gegenüber zuzugeben, dass er schwul war. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie er es mir gegenüber zugegeben hat. Ein paar Typen hatten mich total abgefüllt, um mich willig zu machen (nicht, dass das damals besonders schwer war). Michael war schon in einer geheimen Beziehung mit David oder zumindest kurz davor. Aber er rettete mich aus dieser Situation, brachte mich nach Hause, kümmerte sich um mich, blieb sogar die Nacht über bei mir. Das führte fast dazu, dass David die Hoffnung aufgab, aber auch dazu, dass Michael die Augen öffnete und den Mut fand, zu David zu stehen.
Mir hatte dieser Abend auch die Augen geöffnet, ich stürzte mich mit Feuereifer in mein Studium, beendete es mit Bestnoten und verschwand aus diesem Kaff. Und wofür? Um gut zehn Jahre später wieder hier zu stehen, arbeitslos, ohne Zeugnisse, enttäuscht und alleine.
Nun könnte man meinen, dass ich nach einer solchen Karriere doch über Zeugnisse verfügen würde. Aber das Ganze war so frisch, dass ich mit meinem letzten Rest Würde und Selbstbewusstsein mein Büro geräumt und meinem Exchef eine Flasche Rotwein über den Kopf geschüttet hatte, bevor ich gegangen war. In ein paar Tagen würde ich mich dort melden, mir mein Zeugnis selber schreiben – kein unübliches Verfahren, ich war lange genug in der Personalabteilung gewesen – und es dem Vorstand zur Unterschrift zuschicken. Doch bis dahin hieß es den Ball flach halten, die Wunden lecken und sich verstecken. Was mich genau hier hin gebracht hatte. Aber was, wenn die beiden mich nicht aufnehmen würden? Aus der Ferne betrachtet war es eine gute Idee gewesen, Michael und ich hatten immer lockeren Kontakt über Email und seit ein paar Jahren über Whatsapp gehalten. Meine letzten Nachrichten waren mit Sicherheit nicht mehr so positiv gewesen wie in den Jahren davor. Und er hatte mir auch immer Mut zugesprochen und sogar seine Hilfe angeboten. Aber wie weit ging diese Hilfe? Je länger ich hier stand, desto bescheuerter fand ich meine eigene Idee. Was genau hatte mich geritten ausgerechnet bei dem schwulen Paar unterschlüpfen zu wollen, deren Beziehung ich auf eine harte Probe gestellt hatte?
Weil du verzweifelt bist, Dana, eine Schulter zum Anlehnen und einen Platz zum Ausruhen brauchst und deine Eltern nicht beunruhigen willst.
Ich hatte mich in Hamburg in den Zug gesetzt, war hier ausgestiegen und meine Füße hatten wie von selbst den Weg zum Tattoostudio gefunden. Doch im Grunde war es eine Schnapsidee gewesen. Ich seufzte tief und griff nach dem Bügel meines großen Trolleys. Ich sollte mir erstmal ein Hotelzimmer suchen, durchatmen und dann etwas überlegtere Entscheidungen treffen. Eigentlich war ich gar nicht so, normalerweise plante ich meine Züge besser, so kopflos und nur aus dem Bauch heraus hatte ich seit Jahren nicht agiert!
Ich drehte mich zum Gehen, vielleicht würde ich mich in den nächsten Tagen mal bei Michael melden. Ich brauchte ein Hotelzimmer, ich musste aus diesem verschwitzten Businesskostüm raus und die Schuhe brachten mich auch um.
„Dana – bist du das wirklich?“
Ups – ich war wohl zu lange vor dem Laden stehen geblieben. Ich zog den Kopf ein und wagte einen Blick über die linke Schulter. Da stand David – ein Bild von einem Mann, immer noch. Die
Jahre waren sehr gut mit ihm umgegangen. Er wirkte nicht mehr so jungenhaft wie vor zehn Jahren, alles an ihm schien kantiger, männlicher geworden zu sein. Er hatte eindeutig mehr Tattoos als damals, aber seine Liebe zu Farbe war geblieben. Seine blonden Haare waren an den Seiten rasiert, er sah gut aus – kein Wunder, dass Michael sich damals in ihn verliebt hatte.
„David – hallo, ich …“
„Was treibt dich hierher?“, fiel er mir ins Wort und kam auf mich zu.
„Wir haben uns ja ewig nicht gesehen, wolltest du uns besuchen? Micha wird sich freuen, dich zu sehen.“
„Bist du da sicher?“
„Klar, warum denn nicht, ihr kennt euch doch schon so lange.“
„Und was ist mit dir – hast du ein Problem damit, dass ich hier bin?“
„Wieso sollte ich? Ach, du meinst wegen damals? Dana, das ist ewig her, beinahe schon in einem anderen Leben. Du glaubst doch nicht wirklich, dass mir das noch irgendetwas ausmachen würde? Wir haben tatsächlich erst vor ein paar Wochen noch von dir gesprochen. Aber komm doch erstmal rein, hier draußen ist es ungemütlich. Magst du einen Kaffee? Micha hat noch 'nen Kunden, aber das dauert nicht mehr lange!“
Und so fand ich mich tatsächlich keine fünf Minuten später in der kleinen Küche des Studios wieder, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Die Schuhe hatte ich ausgezogen – ich wusste zwar nicht, wie ich da jemals wieder reinschlüpfen sollte, aber das war mir egal. Ich genoss die Ruhe. David hatte mir kurz Gesellschaft geleistet und Smalltalk gehalten, dann klingelte aber das Telefon und er verschwand mit den Worten: „Sorry, unser Mädel für alles hat gekündigt und wir haben noch keinen Ersatz, es ist im Moment ein bisschen chaotisch!“
Ich nutzte die Zeit, um mich ein bisschen umzusehen. Ich war seit der Eröffnung nicht mehr hier gewesen, ich hatte mich für mein Verhalten geschämt und das trotz Michaels Versicherung, dass ich willkommen wäre.
Die Küche, die wohl auch als Aufenthaltsraum diente, wirkte gemütlich, ein bisschen chaotisch, denn überall lagen Skizzen und Stifte rum, Zeitungen und Zeitschriften. An den Wänden hingen Fotos – aber andere, als im vorderen Bereich des Ladens. Dort hatte ich den einen oder anderen Promi gesehen. Bilder mit Widmungen, es waren wohl Leute, die man kennen musste und die sich im „Mr. Van T.“ hatten tätowieren lassen. Da ich mich aber nie für Klatsch und Tratsch interessiert hatte, waren mir nur wenige bekannt vorgekommen. Außerdem hatte David mich direkt in die Küche gebracht, so dass ich die Bilder nicht wirklich hatte studieren können. Hier in der Küche hingen eher Momentaufnahmen von vielen verschiedenen Menschen. Pärchen, Familien, in ganz unterschiedlichen Situationen. Hier gab es Bilder einer Frau mit zwei Söhnen, scheinbar über viele Jahre hinweg aufgenommen. Die Frau hatte immer einen traurigen Zug um die Augen, ein neueres Foto zeigte diese kleine Familie zusammen mit einem jungen Mann und alle strahlten glücklich in die Kamera. Dann war da ein anderes Bild einer wunderschönen weißblonden Frau, die von einem dieser Modelltypen – getrimmter Bart, man bun, Anzug – umarmt wurde. Daneben hing ein Bild von einem Pärchen, sie saß im Rollstuhl, der tätowierte Mann daneben war verhältnismäßig klein, er hielt ihre Hand. Diese Personen waren alle in unterschiedlichen Bilder zu sehen – eins hatten all diese Menschen gemeinsam: sie sahen glücklich aus. Traurig musste ich mir eingestehen, dass ich in den letzten Jahren nicht viel Zeit in Freundschaften investiert hatte. Wohl mit ein Grund, warum ich jetzt hier bei meiner Exaffäre in der Küche saß.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als die Tür sich öffnete und eine der Frauen, die ich auf den Fotos gesehen hatte, in die Küche kam, oder besser gesagt rollte, denn es war die Frau im Rollstuhl.
„ …ja, ich warte in der Küche auf dich … Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass hier jemand ist.“
Ich weiß nicht, mit wem sie zuerst geredet hatte, der zweite Teil des Satzes galt auf jeden Fall mir. Ich stand auf – stimmte ja, ich hatte die Schuhe ausgezogen – und stellte mich vor: „Hallo, ich bin Dana, eine alte Freundin von Michael, David hat gesagt, ich könne hier warten.“
Sie strahlte mich freudig an: „Endlich mal ein Gesicht aus Michas dunkler Vergangenheit. Cool, da werde ich dich bestimmt mal interviewen. Ich bin Lucca und mein Freund Sascha arbeitet hier als Tätowierer. Er hat noch einen Kunden, dann wollen wir zusammen Mittag essen. Ich hab Reste von gestern dabei – hast du auch Hunger?“
In diesem Moment knurrte mein Magen wie als Antwort und mir fiel ein, dass ich seit meinem Abgang gestern Mittag wirklich nichts gegessen hatte. „Hunger habe ich, wie du hörst, schon, ich möchte euch aber nicht stören oder zur Last fallen!“
„Quatsch, wenn du hier sitzt, dann kannst du auch mitessen, so funktioniert unsere Familie nun mal!“
„Wieso Familie? Ich gehör doch nicht zu Michas Familie, ich bin nur eine alte Bekannte.“
Lucca lachte: „Das ist egal, die beiden Oberglucken Micha und David haben so die Eigenschaft, ihre Frauen um sich zu scharen und uns als ihre Familie zu bezeichnen – und wenn du hier sitzt, dann wird das einen Grund haben. Das hat mich das letzte Jahr gelehrt! Also, keine falsche Bescheidenheit, wenn du Hunger hast, bist du herzlich eingeladen. Wir haben genug, selbst, wenn mein Freund wie ein Scheunendrescher essen kann. Zur Not gibt es bestimmt noch andere Reste im Kühlschrank.“
Ich blickte von ihr zu den Bildern an der Wand. Das war es, was mich an diesen Bildern so angesprochen hatte, sie wirkten tatsächlich wie eine Familie, vor allem auf den Gruppenbildern. Als Einzelkind und besonders in den letzten Jahren hatte ich einen solchen Zusammenhalt nicht kennengelernt. Ich hatte auch keine Zeit dafür, ich lebte für die Firma und wenn ich nicht in der Firma war, dann trieb ich Sport. Natürlich lernte man da Menschen kennen, aber die hatten alle ähnliche Ziele wie ich, gut aussehen, sportlich, erfolgreich sein. Lauter „Dinks“ - (double income no kids), wenn sie überhaupt in einer Beziehung gewesen waren. Wir trafen uns in den richtigen Lokalen, gingen in die richtigen Clubs, hatten Sex mit den richtigen Menschen (oder, so wie ich, auch schon mal mit den falschen), trugen die richtigen Klamotten, sagten die richtigen Dinge, kannten die richtigen Personen. Aber echte Freundschaften, tiefe Gespräche oder gar Schwächen zeigen? Fehlanzeige! (Und wenn ich ehrlich war, dann wurde mir das alles erst jetzt klar, ich hatte bisher nie darüber nachgedacht!) Im Gegenteil, würden die meisten meiner sogenannten Freunde aus Hamburg mich hier jetzt so sehen, dann würden sie sich naserümpfend wegdrehen. Apropos naserümpfend – ich glaube, ich müffelte tatsächlich ein bisschen. Verstohlen versuchte ich an mir selber zu schnüffeln. Gott, hoffentlich hatte diese Lucca keine besonders gut ausgebildete Nase. Ich schielte zu ihr hinüber. Sie beobachtete mich ganz offensichtlich und lächelte mir nun freundlich und offen zu: „Lass mich raten, du hast ein paar echt harte Tage hinter dir, oder? Aber glaub mir, es gibt nichts, was eine gute Tasse Kaffee, eine Flasche Rotwein, ein heißes Bad und ein bisschen Zeit nicht wieder in Ordnung bringen können. Wie viel Zeit das ist, liegt an jedem selbst …“
Sie wurde unterbrochen, als ein junger Mann den Kopf zur Tür reinsteckte. Er schien ihren Satz gehört zu haben. „Süße, hast du in deiner Aufzählung nicht etwas vergessen? Zum Beispiel den besten Freund der Welt?“ Er wirbelte sie in ihrem Rollstuhl herum und küsste sie ausgiebig auf den Mund, bevor er sich mir zuwendete und sich vorstellte: „Hi, ich bin Sascha, und du bist Dana?“
Als ich ihn fragend ansah erklärte er, dass David ihm eben kurz Bescheid gegeben hätte, dass eine Freundin von Micha und ihm in der Küche säße.
„Hat er diese Worte benutzt?“, wollte ich wissen. „Hat er gesagt, dass ich eine Freundin von ihm und Micha sei?“ Ich konnte das gar nicht glauben!
„Lass mich kurz überlegen … 'Sascha, benimm dich, wenn du in die Küche gehst, da sitzt eine Freundin von Micha und mir und wartet, bis wir Zeit haben, so 'n Scheiß, dass wir ausgerechnet jetzt ohne jemanden am Empfang auskommen müssen' … ja, das waren seine Worte, wieso?“ Ich war etwas erschlagen von der Genauigkeit seiner Wiedergabe und musste erstmal nachdenken. Diese Worte lösten eine Sehnsucht in mir aus, die ich jetzt erstmal besser nicht hinterfragte.
„Ich war nur neugierig, ich habe die beiden lange nicht gesehen und da wundert es mich ein bisschen, dass sie mich als ihre Freundin vorstellen.“
Sascha wurde ernst: „Auf eins kannst du dich verlassen – die beiden gehen mit diesem Wort echt vorsichtig um. Und wenn sie mir sagen, dass du eine Freundin bist, dann meinen sie das auch so.“ Damit wandte er sich wieder seiner Freundin zu: „Und nun fütter' mich, Frau, ich muss nachher noch als Kurier los und heute Abend habe ich Bandprobe, da brauche ich Kraft – von heute Nacht ganz zu schweigen.“ Bei diesen Worten wackelte er so übertrieben mit den Augenbrauen, dass sowohl Lucca als auch ich laut auflachen mussten.
- Michael -
Als ich die Tür zur Küche öffnete, hörte ich Danas Lachen. Dieses Lachen würde ich wohl überall wiedererkennen, denn unabhängig von allem, was so zwischen uns passiert war, wir hatten damals als Freunde viel Spaß miteinander gehabt. Sie saß mit Lucca und Sascha in der Küche und unterhielt sich offensichtlich gut. Als ich sie dann sah, war ich geschockt – das war nicht die Dana von damals. Diese Frau hätte ich auf der Straße nicht erkannt. Sie war viel dünner, ein regelrechter Hungerhaken, die Schminke war zwar verwischt oder verschwunden, aber Dana schminkte sich eindeutig anders als damals. Die Klamotten waren elegant, spießig, teuer. Diese Frau strahlte (außer Müdigkeit) vor allem Unnahbarkeit, Kälte und Distanz aus. Ich war gespannt, wie viel von der alten Dana noch in ihr steckte. Von der Frau mit Feuer, Liebe, Leidenschaft, Verrücktheit, Coolness, einem Hang zu dramatischen Auftritten und zum Teil fragwürdigen Entscheidungen. Aber vor allem war ich gespannt, wieso sie mit Koffer und eindeutig zu wenig Schlaf scheinbar direkt vom Bahnhof aus hierher gekommen war. Laut David hatte sie einige Minuten vor dem Studio gestanden, bevor sie sich zum Gehen abgewendet und er sie aufgehalten hatte.
„Na, da sieh mal einer an, wen die steife Hamburger Brise nach Hause geschickt hat!“, machte ich auf mich aufmerksam.
Dana hörte auf zu lachen und sah mich an. Mehrere Emotionen auf einmal spiegelten sich in ihrem Gesicht: Überraschung, Freude, Angst und noch mehr Müdigkeit. Dann sprang sie auf und warf sich mir in die Arme. Zuerst war ich etwas überrascht, aber als sie anfing zu zittern und sich an mir festklammerte, konnte ich nicht anders, ich drückte sie an mich, streichelte ihr über den Rücken. „Hey, Kleines, so schlimm wird’s schon nicht sein.“
Sie schluchzte – weinte sie etwa?
Nach ein paar Minuten löste sie sich von mir.
„Warum seid ihr alle so nett zu mir?“
„Warum sollten wir das nicht sein, Dana?“
„Ich war so lange weg, ich war nicht gerade eine treue Freundin, ich habe nicht viel für den Kontakt getan … und nun spricht hier jeder von Familie, Freundschaft und zu Hause – womit hab ich das verdient?“
„Dana, Freunde und Familie erkennt man doch nicht daran, wie oft sie sich melden, sondern wie man sich mit ihnen fühlt, oder? Und nun setz dich, Lucca und dem Grünschnabel hier wird die Szene unangenehm, außerdem ist das Essen fertig und so dünn wie du bist, müssen wir dich erstmal füttern, damit wieder was an dich dran kommt, oder?“
Während unseres kurzen Gesprächs hatten Lucca und Sascha sich bemüht, möglichst wegzuhören und sich um das Essen gekümmert, außerdem hatten sie den Tisch für vier gedeckt. Es sah aus wie ein Sammelsurium von Resten, aber das war okay für mich. David und ich brachten immer Reste vom Wochenende mit und es sah so aus, als hätte Lucca auch etwas mitgebracht.
Ich rückte Dana einen Stuhl zurecht und packte ihr eine ordentliche Portion auf ihren Teller. Sie winkte zwar schon nach der Hälfte ab, aber ich machte einfach weiter. An diesen Körper musste ein bisschen was dran, denn es sah schon ungesund aus – und ich hatte schon viele nackte und halbnackte Frauen beim Tätowieren oder Piercen gesehen, ich durfte mir ein Urteil erlauben!
Nach dem Essen nahm ich Sascha kurz zur Seite und bat ihn, mich für die nächsten zwei Stunden zu ersetzen. Dies war möglich, weil ich nur ein Vorgespräch und eine kleine Arbeit auf dem Terminplan hatte, das konnte er auch erledigen oder verschieben.
Dana saß wie betäubt am Tisch, es wirkte, als würde sie gleich im Sitzen einschlafen – zumindest hatte sie alles gegessen, was ich ihr gegeben hatte.
Lucca verabschiedete sich und deutete an, dass wir telefonieren würden, so jung dieses Mädel auch war, sie war eine Glucke und wollte sich um alle kümmern.
Ich setzte mich wieder neben Dana und legte meinen Arm um sie.
„Du musst mir jetzt erstmal gar nichts erzählen, beantworte mir nur eine Frage – weißt du, wo du als nächstes hin willst?“
„In ein Hotel? Bei meinen Eltern ist nicht genug Platz und so will ich da auch nicht hin!“
„Darf ich dir einen Vorschlag machen? Zu diesem Gebäude gehört ein kleines Apartment. Nur ein Zimmer mit Bad, Küchenzeile und einem winzigen Schlafzimmer, es ist möbliert und steht leer. Zuletzt hat hier ein Student gewohnt, der ist vor ein paar Wochen ausgezogen. Was hältst du davon, wenn du da erstmal hingehst, duschst und dich ausruhst? Du kannst auch ein paar Tage dort wohnen, oder so lange, wie du willst. Nimm dir die Zeit, die du brauchst – du siehst so aus, als bräuchtest du viel davon!“
Allein die Tatsache, dass Dana mir nur zugenickt und sich ihre Handtasche unter den Arm geklemmt hatte, hatte mir gezeigt, dass sie völlig am Ende sein musste. Ich hatte sie um die Hüfte gefasst und halb die Treppe hochgetragen. Zum Glück war der Schlüssel für die Hintertür des Apartments an meinem Schlüsselbund. Den hatte ich mir bei dem kurzen Weg durchs Studio schnell gegriffen und dabei David ein Zeichen gegeben, damit er Danas Koffer auch nach oben brachte.
Das Apartment war wirklich nicht groß, vielleicht 30 Quadratmeter. Es gab einen separaten Eingang von außen über den Hinterhof, man konnte aber auch über eine kleine Treppe direkt vom Studio aus dort hineingelangen. Was sich die Bauherren dieses Gebäudes damals dabei gedacht hatten, war mir nie klar gewesen, jetzt war ich dankbar, dass wir diesen Raum hatten.
Ich schob Dana in den Raum, David stellte den Koffer neben die Eingangstür und ließ uns kurz allein.
Ich drückte Dana einen Kuss auf die Stirn: „So, Kleines, hier kannst du tun und lassen, was du willst. Ich bin noch bis gegen 22 Uhr im Studio, also komm runter, wenn du etwas brauchst. Handtücher und alles andere sind im Wandschrank, das Bettzeug liegt im Bettkasten. Ich bring dir nachher noch etwas zu essen und zu trinken. Okay?“ Wieder nickte sie mir zu und flüsterte: „Danke, ich bin dir so dankbar, ich kann nicht zurück nach Hamburg, ich …“ Ich unterbrach sie, es war weder die Zeit noch der Ort für ernste Gespräche. „Alles gut, Dana, wir klären das nicht heute!“ Ich drückte sie ein letztes Mal an mich und ließ sie alleine.
Als ich die Tür hinter mir zuzog, sah ich David am Treppenaufgang stehen. Er hatte ein wissendes Lächeln auf den Lippen. „Na, du Papabär, setzt mal wieder dein Beschützerinstinkt ein?“
Ich knuffte ihn spielerisch in den Oberarm, ich wusste, dass er es nicht ernst meinte, dazu kannte ich ihn viel zu gut.
„Mensch, David, hast du ihre Augen gesehen? Sie war völlig fertig, müde, traurig, ohne Leben. Ich weiß, du hast Dana damals nicht besonders gut gekannt, aber diese Frau ist so total anders. Wir werden uns ein bisschen um sie kümmern. Ihre Eltern haben nur noch eine kleine Mietwohnung, da kann sie nicht hin und wenn man die Größe ihres Koffers und ihr Äußeres betrachtet, dann ist sie nicht wegen eines geplanten Besuchs hier. Irgendetwas ist mächtig schief gelaufen in Hamburg - warum sollte sie sonst nach Hause kommen?“
„Du bezeichnest gerade unser Studio als ihr Zuhause – du bist süß, weißt du das?“
Ich musste grinsen, nur mein Mann konnte auf die Idee kommen, mich als süß zu bezeichnen, sonst wählten die Menschen immer eher ziemlich gegenteilige Attribute für mich. Ich zog ihn an mich und küsste ihn ausgiebig, bevor wir gemeinsam nach unten gingen und uns um unsere Kunden kümmerten, die von Sascha abgelenkt worden waren.
Ich drehte den Zündschlüssel des Mietwagens und machte damit den Motor aus. Ich hatte mich am Flughafen für einen unauffälligen Kombi entschieden, es musste ja nicht gleich jeder wissen, dass ich wieder im Lande war. Es würde sich leider schnell genug rumsprechen. Wobei hier fast nur noch ältere Menschen lebten und denen war ich zum Glück ziemlich egal. Meine Eltern hatten ihr Haus vor über 30 Jahren in einem Neubaugebiet gebaut. Damals wohnten hier viele Familien mit kleinen Kindern, so auch meine Eltern mit mir und meinen zwei Brüdern. Die meisten waren mittlerweile verrentet, die Kinder natürlich aus dem Haus und nur ab und zu kamen die Kinder von damals zu Besuch. So wie ich heute. Wobei – Besuch konnte man es eigentlich nicht nennen. Immer, wenn es ging und wenn ich Zeit hatte, kam ich hierher zurück. Leider war ich lange nicht hier gewesen. Unsere Tour hatte diesmal fast vier Monate gedauert, wir hatten auf einigen Festivals gespielt, unser letztes Lied war über Nacht in den Top Ten und dann tatsächlich auf Platz 1 gelandet. So mussten wir noch eine Promotour mit gefühlten 1000 Interviews hintendran hängen. Nun war ich einfach nur müde und urlaubsreif. So geil es war, dass wir - also meine drei Bandkollegen und ich - so viel Erfolg hatten, wir spürten bereits jetzt die Schattenseiten des Ruhms. Vorher hielten sich die Groupies noch zurück, es waren auch nicht so viele. Wir hatten vor ein paar Jahren unser Hobby zum Beruf gemacht und es in der näheren Umgebung geschafft, ein paar kleinere Säle zu füllen. Durch einen Wettbewerb eines Radiosenders spielten wir plötzlich überregional und eine Plattenfirma wurde auf uns aufmerksam. Und vor einem Jahr dann änderte sich unser Leben komplett, als unser Studioalbum Goldstatus erreichte, wahnsinnige 100000 verkaufte Scheiben. Wir waren völlig hin und weg gewesen und die anderen drei schwammen auf der Welle des Erfolgs, hingen mit Groupies ab, veranstalteten Partys, machten sich als Bad Boys einen Namen. Ich machte mit, aber im Rahmen, denn ich hatte zu dem Zeitpunkt schon eine große Verantwortung. Natürlich wurde ich mit meinen Kumpel in einen Topf geworfen und ich musste zugeben, dass ich auch nicht alles ausließ, was sich mir anbot. Ich war ja schließlich auch nur ein Mann! Als die Termine mehr wurden und ich immer öfter von zu Hause weg musste, meist für ein oder zwei Wochen, zog ich die einzig logische Konsequenz: Ich kündigte meine Wohnung und bezog die obere Etage bei meinen Eltern, denn alleine schaffte ich das nun nicht mehr. Zum Glück waren sie beide noch fit, mein Vater stand kurz vor der Pensionierung und meine Mutter hatte damals entschieden, dass sie ihren Job als Verkäuferin an den Nagel hängen würde, um mir zu helfen. All meine Argumente, dass sie das nicht müsse und dass ich sie auch bezahlen würde, tat sie mit einem Lächeln ab.
„Junge, ich bin 60 und habe im Grunde schon länger darüber nachgedacht, die Stelle zu kündigen, es macht mir nicht mehr so viel Spaß wie früher, es wird auch immer anstrengender, die ganze Zeit auf den Beinen zu sein. Dein Vater verdient gut und ich habe Freude daran, mich um euch zu kümmern, wer weiß, wie lange ihr mich noch braucht und wie lange ich es noch so kann!“ Gesagt, getan und so waren wir bei ihnen eingezogen. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich zu Hause und meine Eltern hatte es geschafft, mich mindestens alle zwei Wochen zu besuchen. Trotzdem war es mir zu selten. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Musik und meinem Leben. Denn das war er, Ben war mein Leben!
Ich war kaum aus dem Auto ausgestiegen, als mein Leben auch schon aus der Haustür gerannt kam – natürlich im Schlafanzug, meine Mutter folgte ihm lächelnd und langsam.
„Paaaaaapaaaaa – da bist du ja endlich! Oma und ich haben dich im Fernsehen gesehen. Das war sooo cool, ich hab es aber nicht im Kindergarten erzählt, Oma hat gesagt, das wolltest du nicht so gerne!“
Woher ein Fünfjähriger seine Energie nahm, war mir nicht immer ganz klar, aber im Moment freute ich mich einfach, ihn sehen und festhalten zu können. Er warf sich in meine Arme und presste sich eng an mich. Ich sog seinen Geruch ein, kleine Kinder rochen wundervoll oder vielleicht empfanden das nur Eltern so. Vielleicht müffeln sie für andere Menschen auch, für mich war es der schönste Geruch der Welt. Ben roch nach zu Hause, nach Sonne und Schokolade und das auch an einem ziemlich trüben Novembernachmittag. Gott, wie ich den kleinen Kerl vermisste, wenn ich unterwegs war. Aber mitnehmen konnte ich ihn auch nicht. So war die Lösung mit meinen Eltern das Beste, was ich ihm bieten konnte. An Bens Mutter konnte ich mittlerweile ohne bitteren Nachgeschmack denken, das war anfangs anders gewesen. Doch jetzt war ich ihr dankbar für diesen kleinen Kerl und ich war froh, dass sie uns in Frieden ließ. Wobei meine Anwältin mich neulich gewarnt hatte, sie befürchtete, dass sie mit meinem Erfolg noch mal von sich hören lassen würde. Bisher war alles ruhig, aber wer wusste schon, was die Zukunft so bringen würde?
Inzwischen hatte meine Mutter uns erreicht: „Hallo, mein Junge, schön, dass du endlich da bist. Ben war kaum zu bändigen seit deinem Anruf vom Flughafen. Komm erstmal rein, du siehst müde aus.“ Bei diesen Worten streichelte sie mir übers Gesicht und schüttelte missbilligend den Kopf, als sie die Bartstoppeln und die dunklen Augenringe wahrnahm.
Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn – war sie schon immer so klein gewesen oder kam es mir nur so vor?
„Hallo, Mama, ich bin tatsächlich müde, aber ich wollte unbedingt heute hier sein und nicht erst morgen. Kannst du bitte die kleine Tasche nehmen, dann nehm ich diesen Klammeraffen und die Gitarre!“
Den Rest konnte ich später holen, wenn Ben schlief, aber nicht die Geschenke und die Gitarre.
Wir gingen direkt in die gemütliche Küche, wo meine Mutter natürlich den Tisch für mich gedeckt und meinen Lieblingskuchen gebacken hatte. Ich war so dankbar, dass ich heulen könnte. Die letzten Monate waren echt anstrengend gewesen!
Ein paar Stunden später und viel später als normal, hatte ich Ben ins Bett gebracht. Er hatte mich gar nicht gehen lassen wollen und ich musste ihm versprechen, dass ich morgen auch noch da sein würde. Wenn alles gut ging, dann würde ich mit wenigen Ausnahmen bis Anfang März zu Hause sein. Dann stand eine neue Tour an, aber solange gab es nur ein paar Promoauftritte und ansonsten hatten wir uns hier ein Musikstudio angemietet und wollten an unserer neuen Platte arbeiten.
Meine Eltern saßen im Wohnzimmer, als ich in den Raum kam, schaltete mein Vater den Fernseher aus.
„Setz dich, Christian, magst du auch ein Bier oder lieber einen Tee?“
„Mama, nur du kannst mich sowas fragen. Du solltest doch mittlerweile mein Image in der Öffentlichkeit kennen, immerhin seid ihr dem Ganzen hier fast noch mehr ausgesetzt als ich. Mir halten ja meine PR-Leute die Pressemitteilungen vom Hals. Zuletzt habe ich gehört, ich würde sogar zum Frühstück Whiskey trinken.“ Ich rieb mir müde übers Gesicht, ich sollte mich tatsächlich mal rasieren. Das hätte den charmanten Vorteil, dass mich auf der Straße auch weniger Leute erkennen würden!
Meine Mutter stand auf und ging in Richtung Küche, über ihre Schulter hinweg fragte sie mich: „Pfefferminz oder was Fruchtiges?“
Ich musste lachen. „Pfefferminz, bitte!“ Sie kannte mich eben doch am besten!
Kurz darauf kam sie mit einem Tablett mit Tee und Keksen wieder ins Wohnzimmer.
„Nun erzähl mir doch mal, was soll diese ganze Sache mit diesem schlechten Image? Ständig seh ich dich im Fernsehen, neulich beim Bäcker hat mich jemand darauf angesprochen, dass er dich halbnackt mit so einem Model in einer Zeitschrift gesehen hätte.“
Ich stöhnte laut auf, dieses Shooting würde ich am liebsten sofort vergessen. Eigentlich sollte unser Drummer Moritz diese Aufnahmen machen, aber seine aktuelle Flamme fand die Idee von ihm mit einer anderen Frau im Arm wohl nicht so toll, also musste ich herhalten. Es war eine … interessante Erfahrung gewesen, drücken wir es mal so aus. Das Model (Gott, ich hatte sogar ihren Namen vergessen) hatte unser Shooting nur irgendwie falsch verstanden, denn sie blieb auch nach dessen Ende halbnackt an meiner Seite, während ich möglichst schnell mein T-Shirt wieder anzog. Nichts war mir mehr zuwider als so ein Weib, das sich an mich hängte.
„Mama, es war nur ein Shooting, es ging um Werbung für eine Biermarke, mehr nicht. Ich bekomme für sowas Geld, ich kann das nicht ablehnen und außerdem sieht man später auf dem Plakat mein Gesicht nicht. Die Fotos in der Presse waren nur eine Werbeidee um mich und das Produkt bekannter zu machen.“
„Ja, schon, aber findest du das richtig? Ich meine, was denkst du geht in Ben vor, wenn er solche Bilder von dir sieht? Und wenn du mal eine Freundin hast …“
„Mama, das mit der Freundin kannst du dir abschminken. Ich werde bestimmt so schnell keine Freundin mehr haben.“
„Ist das wegen Nadine? Nur, weil Bens Mutter dich enttäuscht hat …“
„Nein, es hat ganz und gar nichts mit Nadine zu tun. Das liegt weit zurück und ich wünsche ihr von Herzen alles Gute in ihrem neuen Leben und hoffentlich ohne Ben und mich. Nein, ich habe in den letzten Monaten so viele Frauen getroffen, und keine von denen sah mich, Christian Möller, den Jungen aus der Vorstadt, der sein Studium abgebrochen und eine Banklehre gemacht hat, der seit er 12 war mit seinen drei Kumpel in der heimischen Garage geprobt hat und es nach harter Arbeit und jeder Menge Mut geschafft hat, erfolgreich zu werden. Nein, sie sehen Chris, den Sänger einer im Moment populären und erfolgreichen Rockband, den Bad Boy mit den Tattoos und den Klamotten, die andere für ihn raussuchen. Ich bin 35 Jahre alt und will was Echtes. Ich dachte, ich hätte es vielleicht mit Nadine gefunden, aber sie wollte ein leichtes Leben. Sie wollte unser Baby abtreiben, weil es nicht in ihr Leben gepasst hat. Sie hat Ben dann doch bekommen und ihn ganz mir überlassen. Dafür bin ich ihr dankbar. Aber wenn die Frauen, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin, mir eins gezeigt haben, dann, dass ich ohne sie echt besser dran bin.“
„Du solltest das nicht so leicht dahinsagen, Christian. Du weißt nie, was noch kommt!“
„Doch, Mama, für mich kommt in erster Linie Ben und dann ganz lange nichts. Ich kann keinen Stress mit Weibern gebrauchen. Ich hab keine Lust auf Groupies, aber sie sind Teil des Geschäfts, genauso wie mein Image. Wir haben diesen Vertrag für zwei Jahre unterschrieben, also noch 18 Monate, so lange muss ich ein bisschen die Füße still halten und mich etwas verbiegen. Dann sehen wir, wie es danach weitergeht.“
„Aber Junge, du hast so viel zu geben, du kannst doch nicht jetzt schon deine Hoffnung auf eine Beziehung, auf Liebe und dein Glück aufgeben.“
„Ihr, du, Papa, Ben und meine Brüder, das sind meine Beziehungen, meine Liebe und mein Glück. Mehr brauche ich nicht – das, ein neues Tattoo von David und eine Mütze Schlaf. Und deshalb geh ich jetzt ins Bett. Gute Nacht, ihr beiden – ich hab euch lieb! Wir sehen uns morgen früh.“
Mit diesen Worten schnappte ich mir das Tablett und brachte es in die Küche. Bevor ich nach oben ging, holte ich schnell meine Sachen aus dem Auto. Dann sah ich meinem Sohn noch fünf Minuten beim Schlafen zu, zog ihm die Decke über die Schultern und ging in mein eigenes Zimmer nebenan.
Ich zog mich aus und schlüpfte in mein Bett. Scheiß auf Zähneputzen, davon würde ich nur wach werden, das konnte ich nicht gebrauchen. Aber die whatsapp an David schickte ich noch ab: „Jungs, ich bin im Lande, bräuchte etwas neue Farbe von euch. Wann könnt ihr mich dazwischenschieben – anonym am besten?“
Die Antwort wartete ich nicht ab. Ich schlief auch fast sofort ein.
