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Alles kam ganz anders. Eigentlich war der Morgenthau-Plan schon zu den Akten gelegt. Dann trafen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mehrere deutsche Giftgas-Raketen verschiedene europäische Großstädte. Als Rache wurde Deutschland in ein Agrarland verwandelt. In diese Welt kommt 20 Jahre nach Kriegsende ein amerikanischer Pfarrer? und wird gleich mit einem Mord konfrontiert. Einer der amerikanischen »Spinner« aus der Nachbarschaft, sie selbst nennen sich Hippies, wurde umgebracht. Sein Tod bedroht die Sicherheit der kleinen Gemeinde im Nürnberger Umland, denn die Besatzungsmächte verstehen bei Übergriffen auf Amerikaner keinen Spaß. Schon gar nicht, wenn diesem eine Nummer in den Arm tätowiert ist, die ihn als KZ-Überlebenden ausweist.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2013
Titelseite
Impressum
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Namen
Tilman Weigel
Ein fast historischer Kriminalroman
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto: Björn Láczay.
Foto unterliegt der Creative Commons Lizenz
www.engelsdorfer-verlag.de
eISBN: 978-3-86268-782-4
Ruinen. Überall nur Ruinen. Hamburg war zerstört. Immer noch. Dabei war der Krieg jetzt fast 20 Jahre vorbei. Thomas Gartner war heute Morgen mit dem Schiff aus den USA angekommen. Sein Zug nach Nürnberg fuhr erst morgen, deshalb hatte er beschlossen die Zeit zu nutzen um sich die Stadt oder das was noch davon übrig war anzusehen.
Schon beim Verlassen des Hafenbereichs hatte ein großes Schild ihn gewarnt: »Sie verlassen das internationale Hafengelände. Weitergehen auf eigene Gefahr.« Er hatte ärmliche Viertel erwartet, so wie auf der West Side in New York. Aber auf das hier war er nicht gefasst gewesen.
Fast alle Häuser hatten Kriegsschäden. Einige waren ganz zerstört, andere standen als unbewohnte Ruinen und wieder andere waren teilweise wieder instand gesetzt, so dass Leute darin leben konnten.
Eine Frau mittleren Alters bot am Straßenrand Kirschen feil. Zwei etwa acht bis zehn Jahre alte Kinder beäugten schüchtern den Stand, wurden aber gleich darauf von der Verkäuferin verjagt. Thomas überlegte kurz, ob er den beiden eine Tüte mit Kirschen kaufen sollte, ließ es dann aber schnell wieder sein. Ohnehin sahen ihn alle an als käme er von einem anderen Stern. Und im Prinzip war das auch so. Er war in den letzten Tagen nicht nur mehrere tausende Kilometer nach Osten gereist, sondern auch mehrere hundert Jahre zurück.
Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg verloren. Als Rache für den Holocaust und die Giftgasangriffe auf London und Moskau hatten die Siegermächte das Land deindustrialisiert: Industrieanlagen, Eisenbahnen, Telefonleitungen und Strommasten wurden abgebaut, Autos, elektrische Geräte und sogar Fahrräder wurden beschlagnahmt oder zerstört.
Mittelalterlich war allerdings nicht der richtige Ausdruck für das, was Thomas hier sah. Was an Häusern noch stand war überwiegend im 20. Jahrhundert gebaut worden. Ein halb verfallenes und halb bewohntes Haus trug die Jahreszahl 1932 und der Eimer, in dem die Kirschenverkäuferin ihre Ware anbot war aus Plastik und trug die Aufschrift »US Army«. Auch die Kleidung der Menschen war keineswegs wie aus einem Historienstück. Sie entsprach im wesentlichen der aktuellen Mode, zumindest soweit man sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln kopieren konnte.
Zwei Jahre lang würde dieses sonderbare Land jetzt Thomas Heimat sein. Er war Pfarrer und sollte eine kleine Gemeinde in der Nähe von Nürnberg übernehmen. Vor rund 15 Jahren hatte er diese Stadt verlassen und war mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert. Jetzt hatte ihn die American Lutheran Church als Missionar zurück in das Land geschickt, aus dem einst die Kirchenväter gekommen waren um Amerika zu missionieren.
»Schmeckt Ihnen der Fisch nicht?«
Thomas sah von seinem Teller hoch. Es war Caroline, eine amerikanische Juristin, die er bereits auf der Fahrt von New York nach Southampton kennen gelernt hatte. Auf der Überfahrt von Southampton nach Hamburg hatten sie sich wieder getroffen und verabredet, im Zug gemeinsam zu reisen. Dort saßen sie nun, im Speisewagen zweiter Klasse.
»Doch, doch. Ich dachte nur gerade darüber nach, was mich erwartet. Ich war lange weg und habe fast verdrängt, dass ich hier geboren wurde. Nach den deutschen Raketenangriffen auf England war es für uns wichtig, nicht als Deutsche aufzufallen. Ich bin 1938 von den Nazis in Deutschland fast tot geprügelt worden, weil meine Familie angeblich nicht deutsch genug dachte. Ich wollte nicht drei Jahre später in Amerika erschlagen werden, weil meine Familie zu deutsch war.«
»Das verstehe ich.«
Im Frühjahr 1945 war es der Wehrmacht gelungen, eine Reihe von mit Giftgas gefüllten V3-Rakten auf England zu schießen. Neben zahlreichen zivilen Zielen wurde auch ein Krankenhaus mit verletzten amerikanischen Soldaten getroffen. Die Bilder der amerikanischen Giftgastoten, die über die Leinwände der Wochenschauen flimmerten, gingen in die Geschichte ein und ließen die Stimmung gegenüber Deutschland hochgradig feindselig werden.
»Mein Vater wusste gleich, dass etwas Schlimmes passiert war, als im Radio die Sendung plötzlich für einen Sonderbericht unterbrochen wurde. Er sagte zu uns: ‚Sondersendungen sind nie gut. Hoffentlich haben die Nazis nichts angerichtet.’«
»Angerichtet hatten sie ja ohnehin schon genug.«
»Aber das war bisher alles weit weg. Als der Radiosprecher dann von den Giftgasangriffen berichtete, hat mein Vater uns befohlen im Zimmer zu bleiben bis er mit meiner Mutter entschieden hatte, was weiter passiert. Er ist mit ihr in die Küche. Wir haben uns noch nicht einmal getraut zu lauschen.«
»Haben Sie Geschwister?«
»Eine ältere Schwester und drei jüngere Brüder. Der jüngste wurde schon in New York geboren. Heute ist er Polizist in Brooklyn.«
»Ein waschechter Amerikaner also.«
»Ja, er war damals noch kein Jahr und hat also gleich Englisch gelernt. Bis heute kann er nicht mehr Deutsch als ‚Guten Tag’, ‚Danke’ und ‚Ein Bier bitte’«.
»Nicht mehr Deutsch zu sprechen gehörte also zum Plan Ihrer Eltern?«
»Welcher Plan?«
»Sie sagten doch, Ihre Eltern haben sich in die Küche zurückgezogen um zu planen, wie es weitergeht.«
»Ach so, ja natürlich. Zuerst einmal durften wir gar nicht aus dem Haus. Wir haben zwei Tage die Schule geschwänzt und sind am Sonntag noch nicht einmal in die Kirche. Ab Montag gingen wir wieder zur Schule, aber wir durften nur noch Englisch sprechen. Wenn uns jemand auf unseren Akzent ansprach, behaupteten wir, wir wären aus Pennsylvania.«
»Funktionierte das?«
»Einigermaßen. Unsere Nachbarn wussten natürlich, woher wir kamen. Einmal geriet ich an einen Herren, der selbst aus Pennsylvania war. Er sprach mich gleich in Pennsylvania Dutch an. Ich konnte ihn ganz gut verstehen, aber natürlich nicht antworten.«
»Wie hat er reagiert?«
»Er nahm es mit Humor und meinte, seit den Angriffen hätte sich die Zahl der Pennsylvania-Deutschen mehr als verdoppelt. Dann brachte er uns noch das Vaterunser in seiner Sprache bei: ‚Unser Vadder im Himmel, dei Naame loss heilich sei, dei Reich loss kumma, dei Willa loss gedu sei, uff die Erd wie im Himmel’. Weiter weiß ich nicht mehr.«
Carolin musste lächeln. Dann fragte sie:
»Und die Nachbarn? Was sagten die? Haben die Sie nicht beschimpft oder bedroht?«
»Die meisten waren weiterhin sehr nett zu uns. Eine Frau, Mrs. Elliott, schenkte mir sogar alte Spielsachen, die früher ihrem Sohn gehört hatten, obwohl der 1943 im Krieg gefallen ist. Nur Mr. Freyburg aus dem ersten Stock beschimpfte uns als ‚Nazis’. Aber das hatte er vorher schon getan.«
»Und Sie haben nur noch Englisch gesprochen.«
»Selbst mit meinen Geschwistern. Meine jüngeren Brüder sprachen noch manchmal Deutsch, aber meine Schwester hat dann schnell eingegriffen. Irgendwann habe ich wohl selbst verdrängt, dass ich aus Deutschland komme.«
»Wie Sie wissen, gibt es gemäß dem Morgenthau-Plan in Deutschland keine Industrie mehr, keine Autos und keine Eisenbahnen«, erklärte Caroline. »Außer die der Besatzungsmächte. Eigentlich hätte der Plan des amerikanischen Finanzministers Morgenthau nie umgesetzt werden sollen. Als er 1944 an die Öffentlichkeit gelangte, waren die ersten Reaktionen so negativ, dass sich Präsident Roosevelt selbst von dem Plan distanzierte. Er wäre wahrscheinlich nie ernsthaft diskutiert worden, wenn es die Giftgasangriffe auf England nicht gegeben hätte.«
»Oder wenn man zumindest keine amerikanischen Einrichtungen getroffen hätte.«
»Zunächst war geplant, das Land in zwei Staaten zu teilen: Einen Nord- und einen Südstaat. Das Ruhrgebiet und die Nordseeküste hätte internationalisiert werden, das Saarland an Frankreich und umfangreiche Gebiete im Osten an Polen und die Sowjetunion abgegeben werden sollen. Der Plan wurde aber so nie umgesetzt.«
»Wie dann?«, fragte Thomas nach.
»Die Deutschen sollten aus den Küstengebieten und dem Ruhrgebiet vertrieben werden. Dort sollte eine internationale Zone entstehen. Das hätte den Hungertod von vielen Millionen Menschen zur Folge gehabt. Vor allem aber konnten sich die drei und später vier Siegermächte nicht einigen, wer diese Zonen verwalten sollte. Deshalb hat man den Plan deutlich abgeändert.«
»Die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen.«
»Genau. Das Saarland und Teile des Rheinlandes kamen zu Frankreich und die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze zu Polen. Der Rest wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt.«
»Dass Nürnberg in der amerikanischen Zone liegt weiß ich immerhin. Hin und wieder kommt ja auch ein Bericht über unsere Soldaten in Deutschland im Fernsehen. Meistens zeigen sie dann ein paar Bilder vom Nürnberger Reichsparteitagsgelände, aus München oder von Neuschwanstein«.
»Dabei ist die amerikanische Zone deutlich größer als Bayern. Auch Bremen gehört dazu.«
»Hamburg auch?«
»Nein, Hamburg gehört zur britischen Zone. Beide Regierungen arbeiten aber eng zusammen. Unsere Reise durch die britische Zone sollte also kein Problem sein.«
»Und Frankreich und die Sowjetunion arbeiten nicht mit?«
»Die Franzosen führen ihren Teil wie eine Kolonie und die Sowjets haben eine Marionettenregierung eingesetzt. Nur die Briten und die Amerikaner haben den Deutschen Teilautonomie gewährt und die alten Länder wieder hergestellt.«
»Man sollte also meinen, dass wir Amerikaner willkommen sind«, sagt Thomas unsicher.
»Kaum. Das Land konnte so schnell nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Sie müssen überlegen, dass Millionen von Arbeitern und Angestellten zu Bauern werden mussten. Gleichzeitig gab es nun keine Traktoren, keinen Kunstdünger und keine Spritzmittel mehr.«
»Ziemlich viel auf einmal.«
»Das war noch nicht alles. Aus den großen landwirtschaftlich geprägten Gebieten im Osten wurden Hunderttausende vertrieben. Zwischen 1946 und 1948 sind deshalb viele Menschen verhungert.«
»Hatte man daran gar nicht gedacht, als man den Plan ausarbeitete?«
»Morgenthau soll gesagt haben, es sei ihm egal, was mit den Deutschen passiert. Für ihn waren sie Teufel, die man ausrotten oder zumindest so schwächen musste, dass sie nie wieder Krieg führen konnten.«
»Aber Sie fahren trotzdem hin. So schlimm wird es also nicht sein«, machte Thomas sich Mut.
»Ich war in Korea und in Indochina. Da macht mir Deutschland keine Angst.«
Thomas fand das alles wenig beruhigend. Er überlegte, ob es eine gute Idee gewesen war, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen. Seine Kirche hatte auch Missionare in verschiedene afrikanische Länder entsandt. Aber er konnte Deutsch und war in Nürnberg geboren. Seine Vorgesetzten hielten es für eine gute Idee, ihn nach Deutschland zu schicken und hätten sich schwer vom Gegenteil überzeugen lassen. Afrika wäre ihm trotzdem lieber gewesen.
Nach dem Essen ging er zurück in seine Kabine. Draußen regnete es und Thomas suchte nach einem Buch. Zuerst fiel ihm »Deutschland – Ein Expeditionsbericht« in die Hände, ein Buch das die Smithonian Institution herausgegeben hatte. Die Stiftung hatte zwei Expeditionsteams nach Deutschland geschickt, so wie deutsche Expeditionsteams früher nach Afrika, Asien und Südamerika gereist waren.
Thomas entschied sich aber für »Beast in view« von Margaret Millar, das er vor dem Einschiffen gekauft und schon fast fertig gelesen hatte. Eigentlich entschied er sich immer für »Beast in view« wenn es um die Frage ging, ob er sich lieber auf seine Ankunft in Deutschland vorbereiten oder doch einen Roman lesen sollte. Thomas liebte Kriminalromane.
Derweil herrschte in Thomas neuer Heimatgemeinde schon Hochbetrieb. Vor rund einem halben Jahr war Pfarrer Helmbrecht an einer Lungenentzündung gestorben. 20 Jahre vorher hätte er die Krankheit wahrscheinlich überlebt. Zwar erlaubte die Militärregierung den Import von modernen Medikamenten, aber wie alle Importe waren sie fast unerschwinglich. Und mit dem Morgenthau-Plan verschwand auch die Krankenversicherung. Pfarrer Helmbrecht hatte sich die teure Behandlung nicht leisten können.
Nach seinem Tod hieß es erst, die Gemeinde werde aufgelöst. Es fehlte nicht nur das Geld. Den einen Teil der Pfarrerschaft hatten die Nazis ermordet. Der andere Teil war in das Regime verstrickt gewesen. Damit war ein großer Teil der Geistlichkeit entweder tot oder nicht mehr tragbar. Die Auswirkungen dieses Aderlasses waren bis heute zu spüren.
Vor etwa einem Monat kam aber ein Brief der Kirchenleitung in München, dass die amerikanische lutherische Kirche einen Pfarrer nach Deutschland schicken und auch zum größten Teil finanzieren wolle.
Bürgermeister Fecher war gerade dabei, eine kleine Übersicht für den neuen Pfarrer zusammenzustellen, als seine Frau das Zimmer betrat um ihm einen Tee zu bringen.
»Was schreibst Du da?«
»Ich erstelle eine kleine Übersicht über unsere Gemeinde.«
»Die Kirchengemeinde oder unsere Gemeinde?«
»Natürlich die politische Gemeinde. Ich bin ja kein Kirchenvorsteher, sondern Bürgermeister. Etwas über die Geschichte, ein bisschen Statistik und eine kleine Übersicht über unsere Einwohnerschaft.«
»Auf Deutsch?«
»Soll ich auf Englisch schreiben? Dann beschränkt sich der Brief auf die zehn Wörter, die ich kann.«
»Die amerikanische Kirche wird doch sicher niemanden als Pfarrer nach Deutschland schicken, der kein Deutsch kann, oder?«
»Hoffen wir es.«
Damit war die Unterhaltung beendet und der Bürgermeister wandte sich wieder seiner Übersicht zu. Den ersten Jahrhunderten schenkte er nur zwei Zeilen. Schließlich war der Ort bis in das 19. Jahrhundert nur ein kleiner Weiler gewesen. Dann kam die Eisenbahn und mit ihr ein erster Aufschwung. Das nächste größere Dorf lag zu weit von der geplanten Strecke entfernt. Als Standort für den Bahnhof kamen deshalb drei günstiger gelegene Weiler in die engere Auswahl. Der damalige Bürgermeister war über Umwege mit dem leitenden Eisenbahnbaumeister bekannt und so kam der Bahnhof nach Lichtenbühl. Der zweite Wachstumsschub kam paradoxerweise mit der Stilllegung der Eisenbahn, genauer mit dem Morgenthau-Plan vor fast 20 Jahren. Damals wurden zahlreiche Nürnberger nach Lichtenbühl umgesiedelt. Durch die Deindustrialisierung gab es in ihrer Heimatstadt keine Arbeit mehr für sie.
Bürgermeister Fecher hatte sich von der Gemeindesekretärin eine Auswertung des Einwohnerbuches machen lassen. Demnach hatte Lichtenbühl aktuell 273 Einwohner, rund 150 mehr als vor Umsetzung des Morgenthau-Planes. Die meisten der 71 Familien und Alleinstehenden lebten von der Landwirtschaft. Einige hielten sich jedoch nur mit Nebenverdiensten über Wasser, etwa indem sie durch die Dörfer zogen, um Gegenstände aus der Vorkriegeszeit aufzukaufen und in Nürnberg auf dem Markt weiterzuverkaufen. Fünf taten das sogar hauptberuflich. Daneben gab es im Ort einen Schreiner, einen Schuster, einen Arzt und drei Schmiede. Natürlich brauchte das Dorf keine drei Schmiede. Vor dem Krieg hatte es keinen einzigen gegeben. Aber mehrere der aus Nürnberg zugezogenen Arbeiter hatten in der Industrie das Schmiedehandwerk gelernt. Nach dem Krieg hatten es sogar fünf Männer als Schmied probiert, doch zwei hatten gleich wieder aufgeben müssen. Die Arbeit unterschied sich zu sehr von der in der Industrie und die Konkurrenz war zu groß.
Ganz unten in der Sozialstruktur Lichtenbühls standen fünf Familien und sechs Alleinstehende, die überwiegend als Gelegenheitsarbeiter ihren Unterhalt verdienten.
Sie waren bei der Umverteilung des Landes nach Umsetzung des Morgenthau-Plans leer ausgegangen, weil sie so tief in das Regime verstrickt gewesen waren, dass die amerikanische Militärregierung den Gemeinden sogar verbot, ihnen Land zu verpachten. Die übrigen Dorfbewohner beobachteten die Geächteten – je nach politischer Ausrichtung – mit Verachtung, Bewunderung, Gleichgültigkeit oder Mitleid.
Dann waren da noch Dr. Zöllner, der Arzt, und Szoltysik, ein Künstler, der im ehemaligen Sägewerk sein Atelier eingerichtet hatte.
Am nächsten Morgen beim Frühstück saß Thomas einem jungen Soldaten gegenüber. Caroline war in Frankfurt ausgestiegen und trat dort ihre Stelle im Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht an.
»Grotesk, finden Sie nicht?«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Thomas.
»Na, schauen Sie doch aus dem Fenster! Da zieht das Mittelalter an uns vorbei. Und hier drinnen haben wir das 20. Jahrhundert. Das Zeitalter des Atoms.«
Thomas fand nicht, dass der Wagen besonders modern aussah. Ganz offenbar war er noch aus Beständen der Deutschen Reichsbahn. Aber es stimmte, draußen war das Mittelalter.
»Ich lese gerade ein Buch. Es heißt: ‚Amerika im Jahr 2000’. Der Autor behauptet, dass wir dann unsere gesamte Energie aus der Atomkraft gewinnen. Flugzeuge, Autos, Eisenbahnen – alles wird mit Atomkraft betrieben werden. Selbst unsere Heizungen und Backöfen werden einen kleinen Atomreaktor haben. Nur in Deutschland nicht.«
Wie zum Beweis fuhr der Zug gerade an einem Ochsengespann vorbei. Der Bauer sah kurz hoch. Vielleicht dachte er an die Zeit, als er selbst noch mit dem Zug reisen konnte. Heute waren die wenigen verbliebenen Linien ausschließlich dem Militär vorbehalten. Alle zwei Wochen fuhr ein Zug für Zivilisten, aber Deutschen war das Mitfahren verboten.
»Aber es wirkt doch alles ganz idyllisch«.
»Lassen Sie sich davon nicht täuschen«, antwortete der junge Soldat scharf. »Diese Deutschen warten nur darauf, dass wir weich werden. Und dann rüsten sie wieder auf und zack, sind sie wieder irgendwo einmarschiert. Aber ich rede und rede und habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Keith Miller. Und Sie?«
»Thomas Gartner. Waren Sie schon öfter in Deutschland? Ich bin das erste Mal hier.«
Das war natürlich gelogen. Aber irgendwie auch nicht. Es war ein anderes Deutschland, in dem er aufgewachsen war. In diesem Deutschland war er noch nie gewesen.
»Ja, ich bin seit einem Jahr hier stationiert. Mein Vater ist gestorben. Deswegen hatte ich einen Monat Sonderurlaub.«
»Das tut mir leid«.
»Schon gut. Vielleicht ist es so besser für ihn. Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?«
»Ich bin Pfarrer. Das gehört zu meinem Beruf.«
»Darf ich fragen, was Sie dann in Deutschland machen?«
»Ich werde Gemeindepfarrer in einem Dorf bei Nürnberg«, antwortete Thomas.
Dann herrschte fünf Sekunden Stille, bis Keith antwortete: »Ich bewundere Ihren Mut. Ich habe wenigstens mein Gewehr immer dabei, wenn ich übers Land fahre. Und Sie wollen mitten unter diesen Monstern leben.«
»Es sind doch auch Menschen«, warf Thomas ein.
»Haben Sie die Bilder aus den Konzentrationslagern gesehen? Oder Bilder von den Giftgasangriffen? Ich habe ein Foto von einem Kindergarten gesehen, der getroffen wurde. Ich sage Ihnen, die beste Entscheidung der US-Regierung seit Jahren war der Morgenthau-Plan. Wenn ich daran denke, dass er beinah in der Schublade verschwunden wäre. Ich weiß, Sie sind in Deutschland geboren.«
»Woher wissen Sie das?«, unterbrach Thomas.
»Ihr Akzent verrät Sie. Sie leben sicher schon lange in Amerika. Aber Ihren Akzent haben Sie nicht ganz verloren. Doch das ist etwas anderes.«
»Etwas anders als was?«
»Als dazubleiben. Sie und Ihre Eltern haben erkannt, dass es keinen Sinn macht, weiter unter diesen Mördern zu leben. Sie sind gegangen. Deshalb gehören Sie zu den guten Deutschen. Aber die gibt es in Deutschland nicht mehr. Wer ist denn nach 1933 freiwillig hier geblieben?«
»Woher wissen Sie, dass ich nicht erst nach dem Krieg eingewandert bin?«
»Dann gehören Sie trotzdem zu den guten Deutschen. Bis 1961 durften ja nur Deutsche einwandern, die sich gegen die Nazis gestellt haben. Und später sind Sie nicht eingewandert. Dafür sprechen Sie zu gut Englisch. Sie haben sogar einen kleinen New Yorker Akzent.«
»Einen New Yorker und einen deutschen Akzent?«
»Sagen Sie, dass ich Recht habe.«
»Ja es stimmt, ich bin in New York aufgewachsen und meine Familie ist bereits vor dem Krieg ausgewandert.«
»Sehen Sie. Die guten Deutschen sind alle in Amerika. Wussten Sie, dass die Deutschen die größte Einwanderergruppe in den USA sind?«
»Ich dachte die Iren.«
»Nein, die Deutschen. Ich wette, Sie essen manchmal auch heimlich eine Dose Sauerkraut.«
Damit hatte Keith nicht völlig Unrecht. Zwar aß Thomas nie Sauerkraut, doch sein Brot kaufte er immer bei einem ebenfalls aus Deutschland eingewanderten Bäcker. Er hasste amerikanisches Weißbrot.
»Wir sind bald in Nürnberg. Passen Sie auf sich auf Thomas. Und wenn Sie Probleme haben, kommen Sie zu mir. Sie finden mich bei den Panzeraufklärern in den Merrell Barracks. Fragen Sie einfach nach Sergeant Keith Miller.«
Geradezu gespenstisch wirkte der Bahnhof von Gemünden, den sie gerade durchfuhren. Früher war es einmal ein großer Umsteigebahnhof gewesen. Jetzt waren alle Bahngleise bis auf dieses eine abgebaut. Die Bahnsteige und das Schotterbett der Gleise waren noch zu sehen, aber sämtliche Gleise fehlten. Der Zug hielt auch nicht, denn es gab keine Kaserne am Ort.
Keith hatte sich in der Zwischenzeit in sein Buch über Amerika im Jahr 2000 vertieft. Thomas gingen zahlreiche Gedanken durch den Kopf. Waren die Deutschen wirklich alle noch Nazis? Selbst die Jüngeren? Und was war mit ihm selbst? Keith sagte, er gehöre zu den guten Deutschen. Aber er wäre 1938 ohne zu zögern in die Hitlerjugend eingetreten, wenn seine Eltern es ihm nicht verboten hätten.
Nicht nur Bürgermeister Fecher war fleißig gewesen. Die Frauen im Dorf hatten Kuchen gebacken und den Pfarrsaal geschmückt, die Männer das Pfarrhaus wieder auf Vordermann gebracht und die Kinder Blumen gepflückt.
Seit Wochen war der neue Pfarrer Dorfgespräch, selbst bei den Dorfbewohnern, die sonst nicht in die Kirche gingen. Man sprach darüber im Kirchenvorstand, beim Frauenbund, am Stammtisch und auf der Straße. Und wie meistens in Deutschland waren die Pessimisten in der Überzahl.
»Was mich besonders beunruhigt ist, dass er Amerikaner ist.« Dr. Zöllner war ein dunkelhaariger, mittelgroßer Mann von etwas über 50 Jahren. Seine hohe Stirn hatte er bereits seit seinem 30. Geburtstag, aber in seinem Beruf als Arzt hatte er davon eher profitiert. Sie machte ihn seriöser. Kurz nach dem Krieg war er nach Lichtenbühl gekommen und seitdem hier als Dorfarzt tätig. Er war wie mehrere andere Dorfbewohner auch zum Dorfplatz gekommen, wo heute ein fliegender Händler allerhand Trödel – überwiegend Überreste aus der Kriegs- und Vorkriegszeit – anbot.
»Sagen Sie das nicht, Herr Doktor«, widersprach Bürgermeister Fecher. »Ich sehe gerade darin einen Vorteil. Die Amerikaner wollen Deutschland mehr Rechte geben. Dieser Ire, Mc Enndy oder so...«
»Kennedy.«
»Dieser Mc Kennedy...«
»Ohne Mc. Nur Kennedy.«
»Nun, dieser Kennedy will doch Deutschland mehr Rechte geben. Es wäre nützlich, wenn wir dann einen guten Botschafter bei den Amerikanern hätten. Wer wäre ein besserer Mittler als ein Amerikaner, der die Interessen unseres Dorfes vertritt?«
»Woher wissen Sie, dass er die Interessen unseres Dorfes vertritt? Vielleicht fährt er auch gleich nach Nürnberg zum Hauptquartier, wenn ihm irgendetwas nicht passt. Und an dieses Gerede von der politischen Neubesinnung glauben Sie doch nicht wirklich?«
»Sie malen wie immer zu schwarz. Der alte Baumgartner, der nach Ihrer Prognose schon vor fünf Jahren hätte sterben sollen, lebt immer noch.«
»Vielleicht kann er ja bei den Amerikanern zumindest eine Kaffeespende für das nächste Gemeindefest bewirken. Echten Kaffee. Das wäre doch was, wenn wir beim Gemeindefest echten Kaffee ausschenken könnten«, schaltete sich Fechers Frau in das Gespräch ein.
»Und dafür wollen Sie die ständige Überwachung in Kauf nehmen? Die dauernde Präsenz des Militärs? Und stellen Sie sich vor, der neue Pfarrer stürzt beim Reiten vom Pferd und bricht sich das Genick. Sofort wird eine Untersuchungskommission eingerichtet, ob nicht jemand aus dem Dorf ihn getötet hat. Nein, ich sage Ihnen, besser wir hätten weiter gar keinen Pfarrer als einen aus Amerika.«
Es war kurz nach Mittag, als Thomas in Nürnberg ankam. Einen richtigen Bahnhof gab es nicht mehr. Im alten Bahnhofsgebäude und dem angrenzenden Posthochhaus waren jetzt das Hauptquartier der amerikanischen Militärpolizei sowie der Kontrollbehörde untergebracht, die die Arbeit der untergeordneten deutschen Behörden streng überwachte. Nur ein Nebengebäude diente noch dem Reiseverkehr.
Der Vorplatz wimmelte von Pferde- und Ochsengespannen, doch die meisten Nürnberger waren zu Fuß unterwegs. Viele davon mit schweren Lasten auf dem Rücken. Gegenüber dem Bahnhof stand ein Hotel der Streitkräfte, geschmückt von einer großen amerikanischen Flagge. Aus einem Zimmer konnte man das Flimmern eines Fernsehers erkennen, das einzige Stück Gegenwart in dieser Welt des Mittelalters, wenn man mal von dem Schützenpanzer absah, der inmitten des Gewimmels stand. Auch Rundfunk gab es selbstverständlich nur für die Amerikaner. Sie unterhielten für ihre Soldaten einen Radio- und einen Fernsehsender, wobei letzterer nur abends von 18.00 bis 22.00 Uhr sendete. Aber heute war Samstag, da begann das Programm bereits um 12.00 Uhr. Auf dem Panzer saßen zwei junge Soldaten, die das Treiben eher gelangweilt als wachsam verfolgten und vermutlich in Gedanken bei ihren Familien oder Freundinnen in den Staaten waren.
»Sind Sie Pfarrer Gartner?« Vor ihm stand eine junge Frau. Sie trug einen grässlichen Rock, der wahrscheinlich so aussehen sollte wie die Röcke, die in den USA vor zehn Jahren modern gewesen waren. Gleiches galt für ihre Bluse. Dafür hatte sie ein bezauberndes Lächeln, ein nettes Gesicht und wunderschöne dunkle, lange Haare.
»You Pfarrer Gartner?« Sie deutete auf ihn, dann auf sich. Ganz offensichtlich war sie der Meinung, er habe sie nicht verstanden, weil er nicht gleich geantwortet hatte.
»Danke, ich kann ganz gut Deutsch. Ich bin hier aufgewachsen. Aber ja, ich bin Pfarrer Gartner. Sie sind das Empfangskomitee?«
Sie lächelte etwas verlegen. »Wir beide, um genau zu sein.« Sie deutete auf einen jungen Burschen, der auf dem Kutschbock einer offenen Kutsche saß. »Es tut mir leid, dass nicht mehr Leute kommen konnten. Aber zurzeit ist im Dorf viel zu tun und es ist eine weite Strecke. Ich bin die Agnes, Ihre Haushälterin und das ist der Martin, der Sohn vom Vorsitzenden vom Kirchenvorstand.«
Thomas merkte deutlich, wie sich Agnes – nur teilweise erfolgreich – um eine möglichst korrekte und akzentfreie Sprache bemühte.
Ganz offensichtlich hatten die beiden die Fahrt nach Nürnberg genutzt, um auf dem Markt einzukaufen, denn im Wagen lag eine Reihe von Waren. Thomas setzte sich in Fahrtrichtung in die Kutsche, Agnes ihm gegenüber.
Über notdürftig ausgebesserte Straßen fuhren oder besser rumpelten sie nach Süden. Nicht weit von hier war Thomas aufgewachsen. Fast zehn Jahre hatte er hier gelebt. Doch er erkannte seine Heimatstadt kaum wieder.
Auf das Mittelalter war Thomas vorbereitet gewesen, doch dieses Nürnberg hatte nichts von einer mittelalterlichen Stadt. Es erinnerte ihn eher an eine apokalyptische Vision. Die meisten Häuser waren nur noch Ruinen, einige sogar ganz verschwunden. Auf ein bewohntes Haus kamen zehn zerstörte. Die ehemals breite Allersberger Straße war nur noch ein schmaler Weg, denn wo früher Bürgersteige und Straßen gewesen waren, wurde jetzt Gemüse angebaut. Gerade als sie an einer Ruine vorbei fuhren, löste sich dort ein Stück Mauerwerk. Glücklicherweise waren sie weit genug weg, so dass die Salatköpfe, die ein Nürnberger dort anbaute, die einzigen Opfer waren. Agnes und Martin nahmen von dem Spektakel noch nicht einmal Notiz.
»Sagen Sie, Agnes, warum stehen hier überall Ruinen?«
»Weil die Amerikaner die Häuser zerbombt haben«, antwortete Agnes leichtfertig. Dann besann sie sich der Tatsache, dass der neue Pfarrer ja aus New York kam und schränkte ein: »Damit möchte ich natürlich nicht die Amerikaner kritisieren und Sie natürlich schon gar nicht, Herr Pfarrer. Nur weil Sie doch gefragt haben.«
»Sie können mit mir ganz offen reden. Ich finde auch nicht alles gut, was meine Regierung tut. Sehen Sie mich doch als einen von Ihnen an.«
»Ja natürlich, Herr Pfarrer.«
»Warum hat man die Häuser denn nicht wieder aufgebaut?«
»Warum denn? Was sollen die Leute hier? Es gibt überhaupt kein Land, wo man was anbauen kann. Mein Vater hat früher in der Industrie gearbeitet, aber die gibt es ja auch nicht mehr. Wegen dem Morgenthau-Plan. Hat Ihnen das niemand gesagt?«
»Doch Agnes, ich habe nur im Moment nicht dran gedacht.«
Der Kutscher warf Agnes einen bösen Blick zu, den sie aber nicht sehen konnte, da sie mit dem Rücken zu ihm saß. Er sollte vermutlich heißen: »Wie kannst Du unserem Pfarrer gegenüber so dreist sein.« Als Pfarrer war er es gewöhnt, dass die meisten Menschen ihm distanzierter und vorsichtiger gegenüber traten. Thomas hoffte, dass nicht alle im Dorf ihm gegenüber so unterwürfig sein würden. Sonst würde es eine einsame Zeit in Deutschland werden.
Die Fahrt war gemächlich. Immerhin sah alles weniger trostlos aus, als sie die Ruinen des zerstörten Nürnberg hinter sich gelassen hatten. Jetzt konnte man dem Land fast etwas abgewinnen und verstehen, dass es Amerikaner gab, die auf der Suche nach Selbstfindung nach Deutschland kamen. Der Fluch der Autobahnen, Shopping-Malls und Einfamilienhaus-Viertel mit Doppelgarage war an Deutschland vorbei gegangen. Stattdessen eröffnete sich Thomas eine Bilderbuchlandschaft. Sommerliche Wiesen reihten sich an Obstbäume und Kornfelder, unterbrochen nur von Wäldern und Karpfenteichen.
Thomas hatte sich so in die Betrachtung der Landschaft vertieft, dass er das Gefühl hatte, gerade aus Nürnberg herausgefahren zu sein, als der Kutscher sagte: »In einer Viertelstunde sind wir da. Sehen Sie dahinten die Kirchturmspitze? Da müssen wir hin.«
Es dauerte dann doch etwas länger. Zeit hatte in Deutschland ohnehin eine andere Bedeutung als in Amerika. Eine Fahrt von 100 Kilometern, die in Amerika etwas mehr als eine Stunde dauerte, dauerte hier fast einen Tag.
Etwa 500 Meter vor dem Ortsbeginn stand eine Reihe von Jungen am Weg. Kaum hatten sie die Kutsche gesehen, rannten sie schon los. Zuerst dachte Thomas, sie würden weglaufen. Doch dann wusste er, dass sie ins Dorf rannten, um von der Ankunft des »amerikanischen Pfarrers« zu berichten. Jeder wollte der erste sein, der die Nachricht ins Dorf brachte. Insofern unterschieden sie sich nicht von den Kindern in New York oder San Francisco.
Fast das gesamte Dorf war zu seiner Begrüßung gekommen. Jeder wollte den neuen Pfarrer sehen, über den schon so viel diskutiert worden war. Thomas liebte dieses Spektakel ganz und gar nicht. Am liebsten wäre er gleich in sein Bett. Aber jetzt hieß es tapfer sein. Er durfte nicht gleich am ersten Tag einen schlechten Eindruck machen. Zumindest heute musste er durchhalten, Hände schütteln, freundlich sein und genau die richtige Menge Bier trinken. Nicht zuviel, damit es nicht hieß »Der neue Pfarrer trinkt zu viel« und nicht zuwenig. Sonst hieß es: »Schaut her, der Neue ist sich zu fein, mit uns ein Bier zu trinken«.
Nach ein paar offiziellen Worten unterhielt er sich kurz mit einigen Dorfbewohnern. Meistens wollten sie wissen, warum er so gut Deutsch konnte. Schnell kam man auch auf das Thema »Nürnberg vor 1945.« Offenbar war er nicht als einziger dort aufgewachsen. Und so verging der Tag immerhin doch einigermaßen annehmbar.
Thomas überstand seinen ersten Tag. Er überstand auch die folgenden Tage. Mittlerweile war er drei Monate in Deutschland, doch er fühlte sich noch immer fremd. Das lag nicht daran, dass die Deutschen ihn schlecht behandelt hätten. Aber er war »der Herr Pfarrer« und er war ein Amerikaner. Beides brachte ihm Privilegien, von denen seine Nachbarn nur träumen konnten: Bohnenkaffee, Fleisch und vieles andere, das aus dem Ausland importiert werden musste und für die meisten Deutschen deswegen unbezahlbar war. Er verzichtete freiwillig auf Bohnenkaffee und den täglichen Braten, um den Neid nicht zu groß werden zu lassen. Trotzdem blieb eine fast unüberbrückbare Distanz. Er fühlte sich alleine.
Aus Amerika hatte Thomas nur zwei Bücher mitgebracht. Aber mittlerweile wurde das Bücherregal langsam zu klein. Lesen war die einzige Freizeitbeschäftigung, die ihm blieb. Fernsehen und Kino gab es nicht. Bücher waren auch nur schwer zu bekommen, aber fast jede Woche nahm er einen Spaziergang nach Nürnberg auf sich, um sich mit neuen Büchern zu versorgen.
Heute musste er jedoch seinen Gottesdienst vorbereiten. Es war schon Samstag und er hatte immer noch nicht mit der Predigt angefangen. Normalerweise war sie schon immer am Donnerstag fertig. Er kannte Kollegen, die sogar schon eine Woche vorher ihren Gottesdienst vorbereitet hatten, aber Thomas wollte die Möglichkeit haben, auf aktuelle Ereignisse einzugehen. Immerhin hatte er bereits ein paar Zeilen geschrieben. Vielleicht würde ein Spaziergang ihm neue Ideen bringen.
Auf der Straße war Hochbetrieb. Thomas machte etwas Platz, um ein Ochsenfuhrwerk vorbei fahren zu lassen. Wirkten die Pferdefuhrwerke schon antiquiert, so schien dieses Gefährt direkt aus einem historischen Roman zu kommen.
Wenige Meter weiter krachte es heftig, als das rechte Hinterrad durch ein Schlagloch donnerte. Die Straße war in einem erbärmlichen Zustand. An ihr konnte man die Geschichte des Dorfes ablesen. Ursprünglich war sie gepflastert gewesen. Im Krieg hatte man einige Schlaglöcher ausgebessert. Weil Kopfsteinpflaster nicht mehr zeitgemäß schien und für eine Generalüberholung das Geld fehlte, hatte man einige Stellen mit Teer geflickt. Nach dem Krieg war man dazu übergegangen, Löcher nur noch mit feinem Schotter und Lehm auszubessern.
»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie so direkt anspreche. Sie sind doch der neue Pfarrer, habe ich recht?«
Vor Thomas stand ein etwa 50 bis 60 Jahre alter Mann, den er bisher noch nicht in der Kirche gesehen hatte. Anders als die Dorfbewohner, die Thomas auf der Straße begegnet waren, trug er einen dunklen Anzug mit Weste und einer Uhrenkette. In der rechten Hand hielt er eine große dunkle Tasche, etwas zu groß für eine normale Aktentasche. Er wechselte sie in die linke Hand und streckte Thomas die rechte hin.
»Mein Name ist Dr. Zöllner. Ich bin der örtliche Arzt.«
»Sie arbeiten für die Militärbehörde?«
»Nein. Es gibt zwar einen Militärarzt und auch eine Station für Einheimische im Militärhospital in Nürnberg, aber die meisten Leute ziehen es vor, zu den lokalen Ärzten zu gehen.«
»Warum gehen die Leute nicht zum Militärkrankenhaus? Die Behandlung dort ist doch kostenlos.« Über das Gesundheitswesen hatte Thomas einen kurzen Abschnitt in seinem Buch über Deutschland gelesen.
»Herr Pfarrer, Sie müssen noch viel über Deutschland lernen. Sie sind doch der Pfarrer?«
Thomas hatte ganz vergessen, die Frage des Arztes zu beantworten. Er bejahte sie und Dr. Zöller – oder war es Zöllner? – sprach weiter.
»Wo wollen Sie denn hin?«
»Ich gehe nur etwas spazieren.«
»Wenn Sie Lust haben, begleiten Sie mich doch ein bisschen. Ich habe einen Hausbesuch oben im neuen Teil des Dorfes. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Das Militärhospital ist weit weg und Hausbesuche werden nur in Notfällen gemacht. Und dann ist es meistens zu spät, bis sie jemanden nach Nürnberg geschickt haben um Hilfe zu holen. Es gibt ja kein Telefon mehr.«
Das hatte Thomas schon wieder vergessen. Der Arzt war jetzt in Schwung gekommen und redete weiter.
»Am Anfang sind noch nicht einmal die Nürnberger dahin gegangen. Wegen des Kaufman-Plans.«
Dr. Zöllner sprach das Wort Deutsch aus, so wie Kaufmann-Plan. Thomas hatte vom Morgenthau-Plan gehört. Auch dass es einen Marshallplan gab, mit dem Deutschlands Nachbarländer gefördert wurden, hatte er gehört. Aber einen Kaufman-Plan?
»Sagen Sie bloß Herr Pfarrer, Sie haben noch nie etwas von dem Kaufman-Plan gehört?«, harkte Zöllner nach. »‚Deutschland muss vernichtet werden’. So hieß es.«
»Kaufman war ein Deutscher?«
»Nein, Amerikaner. In Amerika hieß das Buch natürlich anders. Es wurde in Amerika in Millionenauflage verkauft. Kaufman war doch ein Vertrauter von Roosevelt, oder?«
Thomas hatte weder von dem Buch noch von einem Vertrauten des Präsidenten mit dem Namen Kaufman je etwas gehört. Dann erinnerte er sich dunkel an einen Artikel im Time-Magazin. Darin hatte sich ein Journalist über ein Buch mit dem Titel »Germany must perish« lustig gemacht.
»Ich erinnere mich an ein Buch mit einem ähnlichen Titel, das ein Verrückter im Selbstverlag herausgegeben hatte. Das sah tatsächlich die Sterilisierung der deutschen Bevölkerung vor. Allerdings hat das Buch in Amerika nie jemand ernst genommen oder gar gekauft. Und ein Berater des Präsidenten war Kaufman auch nicht gewesen. Nur ein erfolgloser Ideologe.«
Thomas hatte den Artikel nur deshalb im Gedächtnis behalten, weil seine Mutter daraufhin gesagt hatte, die Juden seien doch genauso rassistisch den Deutschen gegenüber wie umgekehrt. Daraufhin hatte es einen Riesenkrach mit seinem Vater gegeben, der ein überzeugter Antifaschist war.
»Es war also kein erfolgreiches Buch?«
»Nein, man hat nur darüber gelacht. Kaufman hatte offenbar eine Schwäche für Sterilisationen. Ein andermal hatte er sogar die Sterilisierung der amerikanischen Bevölkerung gefordert, wenn sich das Land schon nicht aus dem Krieg halten wolle.«
In der Zwischenzeit waren sie im neuen Teil des Dorfes angekommen. Um die Diskussion nicht weiter zu vertiefen, wechselte Thomas das Thema.
»Schöne Häuser sind das hier.« Thomas dachte an die verfallenen Häuser im Altort.
»Schön schon, aber viel zu klein.«
»Die Häuser?«
»Die auch, aber vor allem das Land. Die Familien können davon kaum leben. Bisher haben sich die meisten in schlechten Jahren noch retten können, indem sie Teile des Familienerbes verkauft haben. Aber jetzt ist alles weg. Bald werden wir wieder Hungersnöte haben.«
»Die Häuser sehen alle gleich aus. Hat das einen Grund?«
»Ja. Das sind die Häuser der Neubauern, die aus Nürnberg, dem Sudetenland, Schlesien oder dem Rheinland hierher vertrieben wurden.«
