9,99 €
Der Begriff „Alternative Fakten“ ist in aller Munde, doch erstaunlicherweise findet sich kaum ein wissenschaftlich fundiertes und gleichzeitig verständlich geschriebenes Buch zum Thema. In der öffentlichen Debatte sind alternative Fakten meist die Meinung der Anderen. Wie lässt sich der Begriff besser definieren? Und was können wir tun, um faktenbasierter zu diskutieren? Statistiken und Empirie sind gute Möglichkeiten, sich der Wahrheit zu nähern, doch auch sie haben Grenzen. Tilman Weigel bietet dem Leser Abhilfe, indem er sich dem Begriff möglichst verständlich, allgemein und trotzdem wissenschaftlich fundiert nähert. Er zeigt Chancen, aber auch Grenzen der empirischen Sicht auf. Dabei fließen viele Erfahrungen aus seinen Lehrveranstaltungen zur empirischen Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg und an Volkshochschulen mit ein. Er ist außerdem freier Web-Autor und Blogger (z.B. www.statistiker-blog.de) und war bis 2010 Mitarbeiter in der Statistikabteilung der Bundesagentur für Arbeit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2022
ibidem-Verlag, Stuttgart
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Was sind alternative Fakten?
Gibt es Fakten? Angewandter Postmodernismus
Die Idee der Relativität von Wahrheit
Der 2. Weltkrieg lässt den Zweifel an den Wissenschaften wachsen
Das postmoderne Wissen
Was, wenn die Postmodernisten recht haben?
Wem dürfen wir noch glauben?
Problem 1: Unsere Ängste
Problem 2: Unser Gehirn ist faul
Problem 3: Unser Gruppendenken
Problem 4: Wir sind nicht für die Welt von Statistiken und Überschallflugzeugen geschaffen
Sollen wir auf die Wissenschaft hören?
Was ist Wissenschaft?
Theoretische Herangehensweisen
Empirisches Vorgehen: Qualitative Verfahren
Empirisches Vorgehen: Quantitative Verfahren
Probleme der empirischen Wissenschaften
Problem 1: Datenmanipulation und Fehler
Problem 2: Die Messbarkeit
Problem 3: Korrelation bedeutet nicht Kausalität
Problem 4: Der Zufall
Problem 5: Die Interpretation
Warum wir den Wissenschaften nicht blind vertrauen dürfen, sie uns aber helfen kann
Was sind Alternative Fakten – und was sollen wir glauben
Was wir glauben sollten
Was also sind Alternative Fakten?
Fallbeispiele: Impfen und Klimawandel
Die Grenze zu Alternativen Fakten ist schwammig
Leben wir in postfaktischen Zeiten?
Wie glaubwürdig sind die Medien?
Die „klassischen Medien“: Zeitung und Rundfunk
Journalisten lieben das Negative
Journalisten sind auch nur Menschen
Journalismuskritik ist „in!“
Der Feindliche-Medien-Effekt
War es früher anders? Veränderungen im Mediensektor
Ein kurzer historischer Rückblick
Soziale Herkunft und politische Ausrichtung von Journalisten
Abkehr vom Faktenjournalismus?
Lässt sich die Objektivität der Medien messen?
Die Studie der RAND Corporation zur rückläufigen Bedeutung von Fakten in der Berichterstattung
Fallbeispiel Genmücke
Die aktuelle Lage der Massenmedien
Vielfalt immer noch groß
Internet und Soziale Netzwerke
Das Internet: demokratische Alternative zu den Medienkonzernen oder Heimat Alternativer Fakten?
Auch professionelle Medienangebote im Netz sind subjektiver
Neue Formen der Medien: Blogs, Podcasts und Videoblogs
Soziale Medien als neues Problemfeld
Filterblasen und Echokammern
Gefahr durch Machtkonzentration nicht unterschätzen
Zwischenfazit: Dürfen wir den Medien glauben?
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Spaltung
It’s the economy, stupid: die wirtschaftliche Spaltung der Gesellschaft
It’s the society, stupid
Gesellschaftliche Spaltung in Deutschland nimmt zu, aber nur im Vergleich zu den Jahren 1980 bis 2010
Ein Blick in die USA
Zu viel Einigkeit schadet ebenfalls
Ein kurzes Zwischenfazit zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spaltung
Moral statt Fakten? Die These von der Hypermoral
Ruinierten französische „Intellektuelle“ den Westen?
Die empirische Seite
Gegenthese: Experten und Wissenschaft werden wichtiger
Suche nach Eindeutigkeit
Das bedeutet nicht, dass alles besser wird
„Expertokratie“ und Bürgerferne
Aktivismus in den Wissenschaften schadet deren Ansehen
Neue Medien machen Konflikte sichtbarer
Zwischenfazit: Wir leben nicht in einer faktischen, aber auch nicht in einer postfaktischen Welt
Alternative Fakten und die Corona-Pandemie
Die Grenzen sind fließend
Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist hoch
Alternative Fakten benötigen kein Internet
Zensur ist ein doppelschneidiges Schwert
Menschen handeln oft emotional, aber nicht nur
Fazit zu Alternativen Fakten in der Corona-Pandemie
Was können wir tun?
1. Vier Ideen
Idee 1: Open News: Offene Nachrichten
Idee 2: Medienangebote benötigen mehr Diversität
Idee 3: Politische Bildung und Statistical Literacy
Exkurs: Armutsberechnung
Idee 4: Mehr Politik wagen
2. Drei Fragen
Frage 1: Wie können wir journalistische Angebote wirtschaftlich stärken?
Spenden und Staatsfinanzierung allein keine vielversprechende Idee
Die Erträge müssen aus dem Unternehmen kommen
Frage 2: Wie verbessern wir die Diskussionskultur
Fazit: Wir leben nicht in postfaktischen Zeiten, aber auch nicht in faktischen
Frage 3: Wie schaffen wir mehr soziale Gleichheit?
Ab 2020 verbreitete sich nicht nur das Coronavirus mit rasender Geschwindigkeit um die Welt, sondern mit ihm auch Verschwörungstheorien, Alternative Fakten und Fake News. Einmal hieß es, die Homosexuellen seien schuld an der Pandemie, ein anderes Mal wurde der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen als Ursache gesehen und dann wieder ganz allgemein „die Agrarindustrie“.
Die Diskussion um die postfaktische Gesellschaft ist allerdings weit älter. Sie begann bereits um die Jahrtausendwende. Damit gemeint ist ein Umfeld, in dem sich Aussagen nicht mehr auf Fakten, sondern auf Gefühle und Meinungen stützen.
Von Fake News war etwas später die Rede, als soziale Netzwerke wie Twitter ihren Aufstieg erlebten. Zunächst wurden damit Texte bezeichnet, die sich als Nachrichten ausgeben, aber frei erfunden sind. Donald Trump münzte den Begriff später auf die Meldungen der etablierten Massenmedien um.
Der ehemalige US-Präsident spielt eine große Rolle, wenn es um Alternative Fakten geht, denn der Begriff wurde 2016 nach seiner Amtseinführung geboren. Trump erklärte damals, seine Inaugurationsfeier sei die bestbesuchte in der Geschichte der USA gewesen, eine Feststellung, die sich leicht anhand von Luftbildern widerlegen ließ. Seine Beraterin Kellyanne Conway entgegnete den Kritikern daraufhin, Trump habe eben alternative Fakten zur Verfügung gehabt.
Seitdem steht der Begriff für Aussagen, die als Fakten ausgegeben werden, aber falsch sind. Deswegen schreibe ich die Wörter Alternative Fakten auch beide groß, wenn sie als feststehender Begriff verwendet werden. Wird das Wort „alternativ“ kleingeschrieben, verwende ich es als Adjektiv.
Bis zu seiner Verbannung vom Kurznachrichtenportal Twitter und dem Netzwerk Facebook verbreitete der US-Präsident über die beiden Medien jede Menge Un- und Halbwahrheiten. Kein Wunder, dass vor allem das Internet im Zentrum der Kritik steht – und dort in erster Linie Portale wie Twitter und Facebook, bei denen jeder und jede ohne viel Aufwand Inhalte veröffentlichen kann.
Allerdings wurde in der Corona-Krise auch deutlich, dass es zu kurz greift, die Problematik der Alternativen Fakten auf das Internet zu reduzieren. Denn oft waren Politiker und staatliche Stellen die Urheber. Die Behauptung, Homosexualität sei die Ursache der Pandemie, wurde unter anderem vom türkischen Präsident A Recep Tayyip Erdoğan verbreitet.1
Dass das neuartige Coronavirus eine Folge des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen sei, behauptete wiederum die bekannte Anti-Gentechnik-Aktivistin Vandana Shiva, die sich auf einen „geheimen Brief“ eines chinesischen Wissenschaftlers beruft.2 Und die Verbindung zwischen dem Virus und der „Agrarindustrie“ fand breiten Raum in der linksradikalen Zeitschrift Marx21.3
Gleichzeitig geschah in den vergangenen Jahren aber noch etwas anders. Sowohl in der Corona-Krise als auch in der Debatte um den Klimawandel spielen die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine herausragende Rolle. Die Politik berief sich in vielen Punkten auf ihre Expertise oder übernahm deren Vorschläge gleich direkt.
Nachdem jahrelang vor allem vor einer postfaktischen Gesellschaft gewarnt wurde, melden sich jetzt verstärkt Stimmen zu Wort, die vor einer naiven Wissenschaftsgläubigkeit warnen.
Manchmal verbirgt sich hinter der Kritik nur der Ärger darüber, dass die eigene Position gerade widerlegt wurde. Doch es gibt auch Warner, die man ernst nehmen sollte. „Man spricht gerne von Fakten. Aber die empirische Realität sieht anders aus“, schreibt der Soziologe Armin Nassehi in seinem Buch Klima, Viren, Kurven.4 Darin weist er auf die Grenzen wissenschaftlicher Methodik hin. Denn nur selten ist die Einigkeit so groß wie im Fall der Klimaerwärmung5 oder bei der Existenz von Viren.
Tatsächlich hat die Forschung oft scheinbar gewisse Annahmen umgeworfen. Lange gingen Ökonomen davon aus, dass der Anteil der Kapitaleinkommen am Nationaleinkommen immer gleich bleibe. Der Ökonom John Maynard Keynes sprach von der „am besten gesicherten Gesetzmäßigkeit der Wirtschaftswissenschaft“. Dagegen kommt heute der Pariser Ökonom Thomas Piketty zu dem Schluss, dass die Behauptung durch langfristige Daten widerlegt sei.6
Für einige Autoren ist die Welt der Statistiken und wissenschaftlichen Theorien sogar die eigentliche alternative Realität. Der Autor Oren Cass schreibt in seinem Bestseller „The Once and Future Worker“ von einer „alternate reality“, in die sich die politische Klasse geflüchtet habe und ohne die der Aufstieg Trumps wahrscheinlich nicht stattgefunden hätte.7
Er meint damit allerdings keine „gefühlten Wahrheiten“, sondern falsch verstandene und ungenügende Statistiken und Analysen, konkret die reine Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf das Wachstum des Bruttonationaleinkommens, die den Niedergang der Industrieregionen in den USA und das Leid der nicht akademisch gebildeten Arbeiterschicht nicht wahrnehme.
Wir müssen deshalb die Frage stellen, was Fakten sind und wie wir sie erkennen können. Wie schwierig und gleichzeitig wichtig diese Frage ist, zeigt ein Rechtsstreit zwischen der Zeitschrift „Tichys Einblicke“ und dem von Facebook mit der Überprüfung von Fakten beauftragte Unternehmen Correctiv. Dieses beanstandete einen Post der Zeitschrift „Tichys Einblicke“ in dem es hieß „500 Wissenschaftler erklären: Es gibt keinen Klimanotstand“ als „teilweise falsch“.8
Die Unterzeichner des offenen Briefes an den UNO-Generalsekretär António Manuel de Oliveira Guterres und an die Leiterin des UN-Klimasekretariats in Bonn, Patricia Espinosa Cantellano, bestritten zwar nicht die Erderwärmung und den Einfluss des Menschen darauf, kritisierten allerdings das Ausrufen eines „Klimanotstandes“ und die Fokussierung auf das Problem.
Tatsächlich waren nicht alle 500 Unterzeichner des offenen Briefes Wissenschaftler. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es an der Aussage der Faktenprüfer wenig auszusetzen. Allerdings verfassten die Prüfer auch eine Erläuterung, in denen sie sich mit Inhalten des offenen Briefes auseinandersetzen – und damit in gewisser Hinsicht dessen Inhalt kommentierten. Dabei, so die Kritik von Tichys Einblick, hätten sie die Meinung der Unterzeichner des Briefes und nicht die Fakten geprüft.
Grundsätzlich ist das zulässig, in diesem Fall aber hatte das Unternehmen von Facebook eine besondere Macht bekommen. Der Beitrag wurde durch die Bewertung seltener angezeigt, was einen wirtschaftlichen Schaden für die Zeitschrift bedeutete.
Das Oberlandesgericht Karlsruhe verbot Facebook deshalb die Kennzeichnung des Beitrags als „teilweise falsch“.9
Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, eine Aussage eindeutig als „falsch“ oder „richtig“ zu kennzeichnen. Und dabei sind die globale Erwärmung und der Zusammenhang mit der Emission von Treibhausgasen insgesamt gut dokumentiert.10 Wie sieht es erst bei Themen aus, bei denen weit weniger Konsens besteht als über die Klimaerwärmung?
Ich habe das Beispiel auch deshalb gewählt, weil ich selbst die Klimaerwärmung (anders als die 500 Unterzeichner des offenen Briefes) für ein ernst zu nehmendes Problem halte. Wer sich mit Aufstieg und Fall von Staaten in der Vergangenheit befasst, wird immer wieder darauf stoßen, dass Klimaveränderungen blühende Staaten zu Fall gebracht haben.11 Trotzdem kann ich die Entscheidung des Gerichts gut nachvollziehen. Denn die Kennzeichnung eines Beitrags als inhaltlich falsch ist etwas anderes als festzustellen, dass man eine Meinung nicht teilt.
So bleibt das Gefühl, dass die Bezeichnung „Fakten“ oft stellvertretend für die eigene Meinung steht. Daher müssen wir uns zunächst fragen, wie wir Fakten erkennen. Reicht dazu unsere Wahrnehmung? Können uns empirische Methoden helfen? Und wo sind deren Grenzen?
In diesem Buch soll deshalb mehreren Fragen nachgegangen werden:
Gibt es Fakten?
Was sind Fakten? Und was sind alternative Fakten?
Was kann ich tun, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen?
Was haben die Medien damit zu tun? Wie verändert sich der Mediensektor?
Leben wir in postfaktischen Zeiten?
Was können wir tun, um Diskussionen zu fördern, die ohne alternative Fakten und ohne eine vorschnelle Unterstellung alternative Fakten zu verbreiten, auskommen?
Die Fragen sind keineswegs rein akademischer Natur. Wer die Fakten eingrenzen kann, der hat die Debatte fast gewonnen, stellte der Harvard-Philosoph Michael Sandel fest.12 Er hat recht.
1 Wolfsberger, Naima und Kettenbach, Maximilian: Coronavirus wegen Homosexuellen? Erdogan stützt fürchterliche These - und sorgt für Empörung auf Merkur.de, Stand: 4. Mai 2020, abgerufen unter https://www.merkur.de/politik/corona-tuerkei-erdogan-islam-news-homosexualitaet-lirakrise-wirtschaft-news-zahlen-tote-infizierte-zr-13744483.html am 4. Mai 2020
2 Kopton, Johannes: Die Gen-Soja-“Superviren”-Verschwörungstheorie, Stand: 4. April 2020, abgerufen unter Die Gen-Soja-„Superviren“-Verschwörungstheorie - Progressive Agrarwende (progressive-agrarwende.org) am 12. Januar 2021
3 Pabst, Yaak: Coronavirus: Die Agrarindustrie würde Millionen Tote riskieren in Schnell, Lucia: Marx21 1/2020, Berlin 2020, Seiten 36-42
4 Nassehi, Armin: Klima, Viren, Kurven. Was heißt, auf die Wissenschaft zu hören? in Nassehi, Armin (Hrsg.): Kursbuch 202 – Donner.Wetter.Klima., Hamburg 2020, Seite 12
5 Eine prägnante und interessante Zusammenfassung zur Klimaforschung und -entwicklung im Allgemeinen und zum Klimawandel im Besonderen bietet Schönwiese, Christian-D.: Klimawandel kompakt – Ein globales Problem wissenschaftlich erklärt, Stuttgart 2019
6 Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014, Seiten 288 bis 293
7 Cass, Oren: The once and future worker, New York 2020, S. 32
8 Schwarz, Manfred: 500 Wissenschaftler erklären: „Es gibt keinen Klimanotstand“ auf tichyseinblick.de, Stand 26. September 2019, abgerufen unter https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/500-wissenschaftler-erklaeren-es-gibt-keinen-klimanotfall/ am 4. Juli 2020
9 Brause, Christina: Faktencheck bei Facebook muss gelöscht werden auf welt.de, Stand 27. Mai 2020, abgerufen unter https://www.welt.de/wirtschaft/article208479891/Tichy-vs-Correctiv-Faktencheck-bei-Facebook-muss-geloescht-werden.html am 4. Juli 2020
10 Wenngleich der menschliche Einfluss auf die Klimaerwärmung, wie bereits erwähnt, im offenen Brief auch nicht bestritten wurde.
11 Das wurde beispielsweise herausgearbeitet von Acemoglu, Daron und Robinson, James A.: Warum Nationen scheitern, Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut, Frankfurt am Main 2013, im Zusammenspiel mit weiteren Umweltschädigungen auch bei Diamond, Jared: Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt am Main 2014
12 Sandel, Michael: Vom Ende des Gemeinwohls – Wie die Leistungsgesellschaft die Demokratie zerstört, Frankfurt 2020, Seite 118
Wenn der Harvard-Professor Steven Pinker von einer Tendenz zu einer offenen Verachtung für Begriffe wie Wahrheit, Logik oder Beweise spricht, meint er damit nicht Trump-Anhänger oder Verschwörungstheoretikerinnen,1 sondern seine Kolleginnen und Kollegen in den Wissenschaften.2
Die Vorstellung, dass Wahrheit etwas zutiefst Subjektives sei und verschiedene, sich widersprechende Fakten trotzdem alle wahr sein können, ist nämlich keine Erfindung von Donald Trump oder seiner Beraterin Kellyanne Conway. Diese Position wird oft auch als „epistemischer Relativismus“ bezeichnet und ist eine wichtige Denkschule der postmodernen Philosophie. Beliebt war sie bis vor Kurzem allerdings vor allem bei der politischen Linken.
Vereinfacht gesagt wird dabei behauptet, dass der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht auf objektiven Kriterien beruhe, sondern nur sozial festgelegt sei. Falsch ist das, was die Gruppe als falsch definiert. In den modernen Naturwissenschaften wäre demnach die biblische Schöpfungsgeschichte falsch und Darwins Evolutionstheorie (zumindest weitgehend) richtig. Im Kontext einer streng gläubigen Kirchengemeinde wäre es der Theorie zufolge dagegen genau umgekehrt. Beide Aussagen seien gleichrangig, so die These, keine könne von sich behaupten, dass sie objektiv wahr wäre. Denn, so die zentrale Botschaft, alle Wahrheiten sind nur lokal gebunden.
Diese Position ist keineswegs so absurd, wie sie auf den ersten Blick scheint. Natürlich glauben wir, dass die eigene Wahrheit absolut richtig ist. Aber ist sie das auch für andere Menschen? Absolute Objektivität gibt es nicht. Bei unserer Bewertung spielen immer Annahmen, Interpretationen und Vorurteile eine wichtige Rolle. Bevor wir uns der Frage widmen, ob wir in einem postfaktischen Zeitalter leben, müssen wir deshalb erst fragen: Gibt es Fakten? Und wenn ja, wie trennen wir Fakt vom Fake?
Die postmoderne Philosophie wurde vor allem ab den 1960er-Jahren populär. In den 1990er-Jahren galt sie als tot, doch von vielen unbemerkt hat sich eine vereinfachte Fassung der Philosophie vor allem an den US-Universitäten verbreitet, die oft als „angewandter Postmodernismus“ bezeichnet wird.3
Fakten und empirische Ergebnisse sind den radikalen Vertreterinnen und Vertretern dieser Philosophie zufolge nur ein Ausdruck von Machtverhältnissen, nicht von Wahrheit. Der an der Harvard University lehrende deutsch-US-amerikanische Philosoph Yascha Mounk berichtet davon, dass Studierende in den USA explizit eine Ablehnung der Werte der Aufklärung beigebracht werde und diese, beispielsweise im Literaturstudium, als rassistisch, kolonialistisch und heteronormativ „dekonstruiert“ würden.4
Der Begriff der Dekonstruktion stammt aus dem Vokabular der Postmodernisten, die Ablehnung empirischer Fakten oder gar der Idee der Aufklärung als Ganzes beginnt aber schon weit früher. Die deutsche Romantik lehnte die Aufklärung oft als herz- und gefühllos ab. Sie sei schuld an einem moralischen und kulturellen Niedergang, die sie das mythische, religiöse Fühlen durch ein kaltes, rationales Denken ersetzt habe.5
Auch Friedrich Nietzsche kritisierte die moderne, auf empirische Überprüfung setzende Wissenschaft, die er seelenlos fand. Wissenschaft und Liberalismus hatten in seinen Augen, zusammen mit dem Christentum, die europäische Kultur zerstört.6
Anders als spätere Philosophen lehnte Nietzsche die Idee einer umfassenden Wahrheit nicht ab. Sie war aber für ihn nicht in der Wissenschaft und schon gar nicht in der Empirie zu finden. Erst recht konnte ihm die Idee nicht behagen, dass viele wissenschaftliche Entdeckungen nicht auf der Arbeit Einzelner beruhen, auch wenn einzelne Forscher oft mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Meist bauen diese aber auf der Arbeit anderer, oft unbekannte Denker auf. Für Nietzsche dagegen war das Ideal der Übermensch, der allein Großes vollbrachte.
Der Erste Weltkrieg befeuerte die Kritik an Aufklärung und Wissenschaft weiter, vor allem in Deutschland und Frankreich.
Deutschland hatte allein im Hungerwinter 1917 aufgrund der britischen Seeblockade so viele zivile Opfer zu beklagen, wie Großbritannien militärische und zivile Opfer im gesamten Krieg. Der Frieden von Versailles und die Zuweisung der alleinigen Kriegsschuld wurden als ungerecht empfunden, die Weimarer Republik als ihren Aufgaben nicht gewachsen.
Frankreich hatte, im Gegensatz zu Deutschland, den Krieg zwar gewonnen, doch trotzdem steckte die Nation in der Krise. Auch dieses Land hatte im 1. Weltkrieg einen hohen Blutzoll gezahlt. Französische Generäle hatten den jungen Soldaten völlig sinnlose Sturmangriffe auf deutsche Stellungen befohlen. Die kaiserlichen Truppen hatten zu diesem Zeitpunkt längst Maschinengewehre im Einsatz, was ein furchtbares Blutbad zur Folge hatte.
Zehn Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung Frankreichs waren gefallen. Bedenkt man, dass vor allem die jüngeren Jahrgänge eingezogen und gestorben waren, wird klar, welchen Blutzoll die jungen Männer gezahlt und wie viele Eltern ihre Söhne verloren hatten. Nicht mitgezählt sind dabei die vielen Verstümmelten – auch seelisch.7
Möglicherweise ist das mit ein Grund dafür, dass kulturpessimistische Strömungen zunächst in Frankreich und Deutschland so erfolgreich waren. Wenngleich schon vorher Unterschiede in den Denktraditionen zwischen Großbritannien und dem Kontinent festzustellen waren.
Noch kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs galt eine kriegerische Auseinandersetzung als wenig wahrscheinlich, da die Nationen durch Handel und Kommunikation viel zu eng verbunden seien. Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein zum Beispiel lebte seit 1908 in Großbritannien. Trotz Globalisierung und Technik kam es aber zum Krieg, Ludwig Wittgenstein kehrte in sein Heimatland zurück, um gegen seine Wahlheimat Großbritannien zu kämpfen.8
Nicht nur, dass der Krieg durch den Fortschritt nicht verhindert worden war, Technik und Wissenschaft wurden nun zum Töten eingesetzt, im Zweiten Weltkrieg dann sogar zur gezielten Ermordung von Zivilisten, darunter vielen Kindern.
Kein Wunder, dass die Kritiker der Moderne lauter wurden. Martin Heideggers Philosophie wand sich gezielt gegen den Fortschrittsoptimismus und gegen die Vorherrschaft des auf den Ideen der Aufklärung beruhenden, rationalen Denkens. Seine Ablehnung der Moderne führte Heidegger zu den Nationalsozialisten. Schon 1933 trat er in die NSDAP ein. Dort war er keineswegs nur eine Karteileiche, sondern machte auch mit antisemitischen Hetzschriften von sich reden.
Heidegger formulierte viele Ideen, die später Kern der postmodernen Philosophie werden sollten. Einer seiner Studenten war ein junger Franzose namens Jean-Paul Sartre , der 1933/34 in Berlin studierete. Dort lernte er die Theorien von Martin Heidegger und Edmund Husserl kennen. Beide beeindruckten den jungen Mann nachhaltig. Trotz seiner Begeisterung für den rechten Heidegger wurde Sartre Marxist. Seine Ablehnung von Moderne und Wissenschaft war deswegen nicht weniger scharf.
Aber nicht nur die Politik erschütterte den Glauben an den Fortschritt, sondern auch die Wissenschaft selbst. 1905 hatte Albert Einstein zunächst die spezielle Relativitätstheorie veröffentlicht, 1916 die allgemeine. Sie stand in vielen Punkten im Gegensatz zur bisherigen Physik Newtons, die so lange als unverrückbar wahr gegolten hatte.
Einstein hatte 1905 außerdem festgestellt, dass die Wellentheorie des Lichts unvollständig war, weil sich Licht auch wie ein Teilchen verhalten kann. Dabei hatte noch rund 20 Jahre zuvor Heinrich Hertz behauptet „An diesen Dingen [der Wellentheorie des Lichts] ist ein Zweifel nicht mehr möglich, eine Widerlegung ist für den Physiker undenkbar. [Sie] ist, menschlich gesprochen, Gewissheit.“9
Vor allem Niels Bohr und Werner Heisenberg zeigten mit ihren Arbeiten zur Quantenmechanik in den 1920er-Jahren, dass die Physiker weit weniger wussten, als sie bisher gedacht hatten. Und das viele scheinbar unumstößliche physikalische Gesetze auf der Eben der Quanten plötzlich nicht mehr galten.
Wenn schon in der Physik scheinbar sichere Annahmen reihenweise aufgegeben werden mussten, konnte es dann so etwas wie wissenschaftlich bewiesene Wahrheiten überhaupt geben? Dieser Frage stellte sich in den 1920er-Jahren auch der junge Karl Popper, der aber zu ganz anderen Antworten kam als Heidegger. Doch dazu später mehr.
Der Zweite Weltkrieg erschütterte den Fortschrittsoptimismus verständlicherweise weiter. Millionen Menschen waren getötet worden, Zivilisten wurden von beiden Seiten gezielt ermordet. Vor allem zwei Ereignisse trugen zu diesem Vertrauensverlust bei. Da war der Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki 1945, der eine neue, noch tödlichere Waffe ins Spiel brachte. Aber noch mehr erschütterte die gezielte Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Behinderten und weiteren Gruppen in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten das Vertrauen in die Rationalität.
Hatte die Wissenschaft mit den Theorien von Vererbung und Auslese nicht den geistigen Nährboden für Rassismus und Euthanasie gelegt? Hatten nicht Physiker die machtvolle Atombombe ebenso entwickelt wie die Giftgase des Ersten Weltkriegs oder das Zyklon B, mit dem in den Vernichtungslagern Menschen ermordet wurden? Nicht wenige zeitgenössische Kommentatoren sahen den Holocaust als unvermeidliche Folge der modernen Industriegesellschaft mit ihrem Streben nach Effizienz und ihrem Einbinden des Individuums in zahlreiche Regeln.10
Dabei wird allerdings übersehen, dass ein wesentlicher geistiger Vater des modernen Rassismus und der These von der Überlegenheit der germanischen „Rasse“, der Franzose Arthur de Gobineau, ein entschiedener Gegner der Aufklärung war. Der Autor von „Die Ungleichheit der Menschenrassen“ verachtete die Moderne und sehnte sich zurück in die Welt des Adels. Zumal er sich selbst für einen Angehörigen eines alten, auf die germanischen Normannen zurückgehenden Adelsgeschlechts hielt. In Wahrheit gehörte er einer Familie von Kaufleuten an, einem Berufsstand, den er verachtete. Erst im 18. Jahrhundert, also kurz vor seiner Geburt, war die Familie geadelt worden. Anders als sein zeitweiliger Arbeitgeber Alexis de Tocqueville, der tatsächlich einem alten normannischen Adelsgeschlecht angehört, aber trotzdem ein Verfechter der Aufklärung war.
Außerdem haben den vergangenen Jahren viele Wissenschaftler gezeigt, dass in vergangenen Jahrhunderten ein weitaus höherer Prozentsatz von Menschen durch Kriege getötet wurde als selbst im blutigen 20. Jahrhundert (ganz zu schweigen von den Todesfällen durch Hunger und Krankheiten).11 Trotzdem galten nicht nur der Fortschritt, sondern auch der Glaube an Rationalität, Wissenschaft und Empirie plötzlich als potenziell mörderisch.
Nicht verschwiegen werden soll aber, dass auch Wissenschaftler wie Gustav Friedrich Klemm die These von der Ungleichheit der Menschenrassen vertraten, obwohl sie nach den Standards ihrer Zeit durchaus wissenschaftlich arbeiteten.
Nach dem Sieg über die Nationalsozialisten wurde die Aufklärung ohnehin nicht mehr gebraucht. Gegen Hitler hatte sie noch die Rechtfertigung für den Krieg geliefert. Denn wenn Wahrheit und Moral völlig subjektiv sind und nur lokal gebunden sind, dann ist auch das massenhafte Ermorden von Unschuldigen nicht mehr verwerflich12.
Aber Hitler war 1945 besiegt worden und der Ostblock galt als weniger verachtenswert, teilweise wurde ihm sogar Sympathie entgegengebracht.
Direkt nach dem Krieg, im Oktober 1945, gründeten Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Maurice Merleau-Ponty die literarische Zeitschrift „Les Temps modernes“, angelehnt an den Titel von Charlie Chaplins Film „Modern Times“. In der „Vorstellung von Les Temps modernes“ wetterte Sartre gegen den falschen Glauben an die Macht der analytischen Vernunft und der Rationalität, die für ihn ein Instrument der Unterdrückung und Zerstörung war.13 Er nahm damit vorweg, was bald eine machtvolle neue Philosophie werden sollte.
Die sogenannte „Neue Linke“ grenzte sich nach 1945 in vielen Punkten von der traditionellen Linken ab. Diese hatten bisher überwiegend positiv in die Zukunft gesehen. Noch 1969 war die SPD-Wahlwerbung voller Optimismus. Klimbim-Regisseur Michael Pfleghar zeigte in einem SPD-Werbefilm Computer, Autobahnen und Hochhäuser als verheißungsvollen Ausblick auf die Zukunft.
Damals war aber längst eine Gegenbewegung in Gang gekommen, die heute als links14 bezeichneten Kreise sehr stark prägt. Sie betrachtet technische Veränderungen zunehmend negativ, kritisierte Rationalität und Empirie, legt Wert auf „Natürlichkeit“ und Gefühl und betont die Bedeutung kultureller Unterschiede. Ansichten, die sonst eher im konservativen Raum zu finden gewesen waren.
Die Kritik nahm vor allem in den 1960er-Jahren stark zu und griff dabei teilweise Ideen von Heidegger und Nietzsche wieder auf.15 Wie schon im 18. Jahrhundert waren es auch diesmal vor allem deutsche und französische Denker, die die Idee von empirisch überprüfbaren, allgemeingültigen Fakten ablehnten.
Der deutschstämmige Herbert Marcuse stellte in seinem 1964 erschienenen Werk „Der eindimensionale Mensch“ die Behauptung auf, dass Wissen immer eine Ideologie sei. Es ist durch die vorherrschenden sozialen Bedingungen geprägt, also ein Spiegel von Macht.
Das erklärt auch, warum der Glaube an alternative Wahrheiten und Fakten nun die Seiten wechselte. Er richtete sich jetzt gegen die Mächtigen und insbesondere die scheinbar übergroße Macht der Europäer und der europäisch geprägten Staaten in Nordamerika und Australien.
Empirische Wissenschaften und vernunftbasiertes Denken galten als europäisch und männlich. Was insofern falsch ist, als schon kurz nach dem Jahr 800 in der islamischen Welt die Faylasufs den Rationalismus als höchste Form der religiösen Praxis ansahen. Ganz zu schweigen von den zahlreichen philosophischen Strömungen in China. Viele von ihnen setzten auf die Vernunft und die Beobachtung als Quelle des Wissens. Man denke an den Mohismus.16
Nicht alle Kritiker der modernen empirischen Methoden lehnen die Idee von Wahrheit aber komplett ab. In Deutschland ist vor allem der Streit zwischen den Vertretern des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und denen des Kritischen Rationalismus bekannt, der sogenannte „Positivismusstreit“.
Das Institut für Sozialforschung war 1923 auf Initiative von Felix Weil und mit dem Geld seines Vaters an der Universität Frankfurt mit dem Ziel gegründet worden, die marxistische Theorie zu verbreiten. Die Familie Weil hatte viel Geld im Getreidehandel verdient, was der marxistischen Einstellung des Sohnes aber keinen Abbruch tat.
Die Vertreter der Frankfurter Schule kritisierten die auf Objektivität und empirischer Überprüfung basierende Vorgehensweise des kritischen Rationalismus, die in diesem Buch als besonders gut geeignet beschrieben wird, um der Wahrheit näherzukommen.
Für die Kritiker aber verschleierte die von Karl Popper und anderen Vertretern des Kritischen Rationalismus geforderte Objektivität nur das wahre Erkenntnisinteresse. Die empirischen, quantitativen Ideen erschienen den Vertretern als ungeeignet für die Sozialwissenschaften. Außerdem forderte die Frankfurter Schule die stärkere Berücksichtigung von „Erfahrungswissen“, also der individuellen Lebenserfahrung. Für Karl Popper dagegen war dieses Erfahrungswissen zwar ein legitimer Ausgangspunkt für Theorien und Überlegungen, ersetzte aber keine empirische Überprüfung. Eine Behauptung, die auch ich unterschreiben würde.
Allerdings schrieben die Autoren, dass sie selbst keineswegs die Ideen der Aufklärung verwerfen wollen. Auch der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi, der in Frankfurt am Main bei Adorno und Horkheimer studierte hatte, weist diesen Vorwurf zurück. Bei aller Kritik hätte die Frankfurter Schule die Ideale der Aufklärung immer bejaht.17
Unbestreitbar aber sahen sie sich im Gegensatz zu Karl Poppers kritischem Rationalismus, auch wenn einige Autoren zu dem Ergebnis kommen, dass es den „Positivismusstreit“ nie gab. Der Begriff geht zurück auf mehrere von Adorno und Habermas veröffentlichte Beiträge in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ sowie Adornos Buchveröffentlichung „Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ von 1969. Wie Manfred Geier feststellte, griffen sie dabei „dialektisch alles Mögliche an[…], nur nicht Poppers Wissenschaftstheorie und Sozialphilosophie.“18 In jedem Fall ist der Begriff falsch, weil Karl Popper kein Positivistwar.
Viel radikaler als die Frankfurter Schule war eine Bewegung, die später als Postmodernismus bezeichnet wurde und vor allem von französischen Philosophen geprägt wurde. Auch der Begriff selbst stammt von einem Franzosen, nämlich von Jean-François Lyotard. Meine Beschreibung der postmodernen Philosophie in diesem Kapitel ist sehr stark vereinfachend. Natürlich gibt es innerhalb dieser philosophischen Schule deutliche Unterschiede, etwa zwischen Michel Foucault und Jacques Derrida. Allerdings interessieren uns in diesem Buch weniger die Postmoderne als philosophisches System, als vielmehr ihre Auswirkungen auf unser Verständnis von Fakten. Es geht also um das, was die Wissenschaftlerin Helene Pluckrose als „angewandten Postmodernismus“ bezeichnet (im Original: „applied postmodernism“).19
1979 veröffentlichte Lyotard „Das postmoderne Wissen“. Dort fordert er, „den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr zu schenken“. Solche Meta-Erzählungen sind auch die Aufklärung und der Glaube an die Wissenschaften.
Gelebte Erfahrungen sollten über empirische Belege gestellt werden, so eine Forderung Lyotards. Vertreter von Pseudowissenschaften argumentieren damit bis heute gerne, wenn es etwa darum geht, warum Gedankenlesen oder Zauberei doch möglich seien.
Wissen ist bekanntlich Macht. Und für den Franzosen Michel Foucault war Macht generell etwas Schlechtes. „Wissen ist Macht“ wird hier nicht so gedeutet, dass wer viel weiß viel Macht hat, sondern dass der, der Macht hat, das Wissen bestimmt.
Sein Landsmann Jacques Derrida entwickeltes schließlich das Konzept der Dekonstruktion, womit eine von Heidegger als Abbau bezeichnete Idee aufnahm. Unterschiede sind für Derrida stets Gegensätze, was deutlich der Idee der Aufklärung widerspricht, nach der es das Ziel ist, verschiedenen Gruppen gleiche Rechte zu bieten. Vieles von dem, was wir als angewandten Postmodernismus bezeichnen, geht auf Derrida zurück.
Der angewandte Postmodernismus lehnt das Konzept einer empirisch überprüfbaren, wissenschaftlichen Wahrheit weitgehend ab. In vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen hat diese Denkweise seitdem Einzug gefunden. David Detmer, Autor des Buches „Challenging Postmodernism: Philosophy and the Politics of Truth”20, beschreibt etwa eine Begegnung mit der Philosophin Laurie Calhoun. Er fragte sie, ob eine Giraffe denn nun tatsächlich größer sei als eine Ameise, woraufhin diese antwortete, dass es sich dabei nur um einen Glaubenssatz unserer Kultur handele.21
Tatsächlich hatten die postmodernen Kritiker einen wichtigen Punkt angesprochen (wobei wir sie dafür nicht gebraucht hätten, weil vorher schon andere Denker darauf hingewiesen haben): Unsere Beobachtung ist subjektiv, kontextabhängig und fehlerhaft. Und natürlich spielt Macht auch im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle.
Schon Kant wies darauf hin, dass „objektive“ Sinneswahrnehmungen nicht möglich sind. Alle Eindrücke werden blitzschnell und ohne dass wir uns dessen bewusst sind, in ein vorher in unserem Kopf bereits vorhandenes Raster eingeordnet.22 Die moderne Forschung zeigt, dass Kant die Bedeutung des Rationalen sogar noch überschätzt hat.
Wir können die Welt nicht objektiv wahrnehmen und schon gar nicht aus einer „Gottesperspektive“, sondern immer nur aus unserer „Froschperspektive“. Ein Thema, mit dem wir uns später noch eingehender beschäftigen werden. Auch empirische Forschung kann nämlich nicht vermeiden, dass subjektive Vorstellungen der Forscherinnen und Forscher eine Rolle spielen. Zumal ohnehin meistens nur das entdeckt wird, nach dem auch gesucht wird. Wer daraus aber eine völlige Relativität des Wissens ableitet, geht einen Schritt zu weit.
Außerdem hat das Ablehnen jeglicher Fakten ganz praktische Nachteile. Es gibt nichts, wie wir in Streitfragen eine Antwort finden. Natürlich, oft können auch die empirischen Disziplinen keine eindeutige Antwort geben. Das gilt vor allem für moralische Fragen. Aber bei ein paar Problemen können sie schon helfen.
Wenn es beispielsweise heißt, man könne sich heute nicht mehr auf die Straße trauen, weil selbst im kleinsten Dorf alle paar Minuten ein Mord passiert, dann können wir dem die Statistik entgegenstellen. Im Gegensatz zu vielen anderen Delikten werden Mord und Totschlag fast vollständig erfasst. Die Statistik zeigt, dass heute weniger gemordet wird als früher – und es relativ unwahrscheinlich ist, auf der Straße von einem oder einer Fremden ermordet zu werden. Denn Mord ist nicht nur selten, sondern geschieht oft auch im trauten Familienkreis.
Die empirischen Wissenschaften funktionieren, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich. Flugzeuge fliegen, auch wenn die Erkenntnisse, auf denen ihre Technik beruht, angeblich nur soziale Konstrukte sind. Menschen werden heute älter und älter, eine Erfolgsquote, die keltischen Druiden oder germanische Heiler nicht vorweisen konnten.
Wir gehen auch kein Risiko ein, wenn wir die Empirie zur Richtschnur machen. Postmoderne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen teilweise die Moral zum entscheidenden Kriterium. Doch die moderne Forschung zeigt, dass moralische Werte kein Ergebnis von philosophischen Überlegungen über Recht und Unrecht sind, sondern überwiegend emotional gefällt werden. Im Kopf sind bei moralischen Entscheidungen vor allem Hirnregionen beteiligt, die Emotionen verarbeiten. Meistens gehen Aktivitäten in (für Emotionen zuständige) Regionen wie dem ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC), der Amygdala und dem Insellappen der Aktivierung des (für rationale Abwägung zuständigen) dorsolateralen präfrontalen Cortex (dlPFC) voraus. Wir fällen also emotional unser Urteil und rationalisieren es später nur.23
Nun könnte man argumentieren, dass wir eben emotional wissen, was richtig und was falsch ist. Doch unsere Moral folgt vor allem Nützlichkeitsüberlegungen. Darauf aber kommen wir später noch zurück.
Wir machen also nichts falsch, wenn wir versuchen uns an empirische Fakten zu halten. Zumal der angewandte Postmodernismus ein logisches Problem hat. Denn wenn alle Wahrheit nur lokal gebunden und völlig subjektiv ist, dann gilt das auch für die Theorie der Postmoderne selbst.
Außerdem haben der angewandte Postmodernismus und seine Anhängerinnen und Anhänger heute selbst längst jene Macht, die sie eigentlich ablehnten. Deshalb schreibt Helen Pluckrose: „Der Postmodernismus ist [selbst] zur Lyotard’schen Metaerzählung, zum Foucault’schen System diskursiver Macht und zur Derrida’schen repressiven Hierarchie geworden.“24
Allerdings ist es richtig, die Kontextabhängigkeit von Wissen zu berücksichtigen. So falsch wie der totale Relativismus ist der naive Glaube, die eigene Wahrnehmung sei objektiv.
Vereinfacht gesagt sind drei Vorstellungen von Wissen denkbar:
Wissen ist klar und objektiv erkennbar.
Jedes Wissen ist nur lokal gebunden und gilt innerhalb eines bestimmten Systems.
Der Zwischenweg: Eine absolute Wahrheit kann nicht von uns Menschen erkannt werden. Wir können uns ihr aber annähern oder zumindest festlegen, welche Optionen mit größerer Wahrscheinlichkeit wahr sind.
Ich bin klar ein Anhänger der dritten Variante. Bleibt die Frage: Was sind Fakten und was können wir noch glauben?
Gehen wir also davon aus, dass es Fakten gibt. Aber was sind Fakten? Üblicherweise befürworten die meisten Menschen es, wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Thesen unterstützen und berufen sich gerne auf sie. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dann gerne akzeptiert.
Das ändert sich aber, wenn die Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft zur eigenen Ansicht konträre ist. Glücklicherweise findet sich dann meistens ein anderer Experte, der die eigenen Ansichten stützt. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang Claudia Roths Aussage: „Es gibt so’ne Wissenschaft und so’ne Wissenschaft“, als sie darauf angesprochen wurde, warum ihre Partei nicht der überwältigenden Mehrheit der Mediziner folgt und anerkennt, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus keine Wirkung hat.25
Tatsächlich wäre es auch hochgefährlich zu fordern, dass Menschen blind der Wissenschaft folgen sollen. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind Menschen, eine objektive und ideologiefreie Forschung ist einfach nicht denkbar. Es bemühen sich auch gar nicht alle Forscherinnen und Forscher darum, viele Anhänger der Postmoderne oder auch der Frankfurter Schule sind der Meinung, dass der Anspruch von Objektivität nur der Verschleierung des eigentlichen Standpunkts und Interesses diene.
Stattdessen sollten wir die Grenzen unserer Wahrnehmung kennen, aber auch die der empirischen Wissenschaften. Fangen wir mit unseren eigenen Intuitionen und Erfahrungen an. Dürfen wir ihnen wirklich so blind vertrauen, wie einige Ratgeber aus dem Bereich der Lebenshilfebücher es von uns fordern?
Sollen wir unserer Intuition und unserer Erfahrung trauen?
Es ist ein Rat, der in fast jedem zweiten Epos dem Helden gleich zu Beginn des Filmes oder Buches gegeben wird: „Trau niemandem außer Dir selbst“. Eine Ausnahme darf er (in neueren Filmen auch sie) höchstens bei seinem Schwert oder seinem Pferd machen.
Die meisten Menschen halten sich an diesen Ratschlag. Niemandem vertrauen die Menschen mehr als sich selbst. 69 Prozent der US-Amerikaner halten sich für überdurchschnittlich intelligent.26 In Deutschland dürfte es nicht viel anders aussehen. Dabei können nur 50 Prozent schlauer sein als der Durchschnitt.27 Paradoxerweise glauben Menschen umso mehr an ihre eigene Stärke, je weniger sie über ein Thema wissen.
Ratschläge wie „Folge dem Rat Deines Herzens“ oder „Geh, wohin Dein Herz Dich führt“ sind in Mode. Auch beliebt: „Handele einfach ganz spontan“.
Ganz falsch sind solche Hinweise nicht. Tatsächlich ist unsere Intuition nicht entstanden, um uns zu schaden. Wir müssen manchmal auf Basis von sehr wenigen Informationen schnell Entscheidungen treffen. Klassisches Beispiel dafür ist die Frage „flüchten oder kämpfen – oder einfach ignorieren?“. Das Problem trat nicht nur auf, wenn unsere Vorfahren gegen Säbelzahntiger oder Höhlenbären kämpfen mussten, auch wir sind damit konfrontiert. Beispielsweise im Straßenverkehr, wenn es um die Frage geht: Bremsen, Gas geben oder einfach weiterfahren?
Es ist kein Wunder, dass Fahranfänger besonders viele Unfälle bauen, auch wenn sie hervorragende Physikkenntnisse haben. Ein langjähriger Berufskraftfahrer dagegen weiß sich in schwierigen Situationen eher zu helfen, ohne zu wissen, was SB=v02/2a überhaupt bedeutet.28
Kellner und Kellnerinnen wiederum konnten bei einem Test nicht richtig einzeichnen, wie sich der Getränkespiegel in einem Glas verändert, wenn das Glas gekippt wird, nämlich gar nicht. Der Flüssigkeitsspiegel bleibt parallel zur Erdoberfläche. Das ist auch der Grund, warum das Bier oder die Limonade irgendwann herausläuft. Die meisten Bedienungen zeichneten den Flüssigkeitsspiegel aber parallel zum Boden des Glases ein. Das heißt nicht, dass sie ihre Arbeit schlecht erledigen, denn sie verhalten sich intuitiv trotzdem richtig.
Oder ganz praktisch: Versuche Sie mal einen Ball zu fangen, indem sie seine Flugbahn mathematisch berechnen. Wenn Sie sich auf Ihr Bauchgefühl verlassen, werden Ihre Erfolgschancen größer sein.
Die experimentelle Spieltheorie zeigt, dass auf Intuition basierende Strategien sehr erfolgreich sind. Das vermutlich beste Beispiel dafür ist der Erfolg der „Wie du mir, so ich dir“-Strategie, auch bekannt als „Tit for Tat“.
Gezeigt wurde das am Beispiel einer Situation, bei der beide Seiten insgesamt am meisten profitieren, wenn sie kooperieren, aber sich persönlich immer besserstellen, wenn sie sich egoistisch verhalten. Die Situation ist bekannt als Gefangenendilemma, denn die Ausgangssituation wird folgendermaßen definiert: Zwei Menschen werden einer Straftat angeklagt, die aber nicht bewiesen werden kann. Wenn beide nicht aussagen, erhalten sie nur eine geringfügige Strafe, beispielsweise wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Sagen beide aus, erhalten beide eine deutlich höhere Strafe. Sagt aber einer aus, während der andere schweigt, wird der eine als Kronzeuge freigesprochen, der zweite dagegen zu einer noch höheren Strafe verurteilt.
Für das Gesamtergebnis ist es am besten, wenn beide schweigen, doch individuell ist es für jeden besser auszusagen. Denn egal was der oder die andere tut, die Strafe ist bei einer Aussage immer niedriger. Das hört sich sehr theoretisch an, solche Konstellationen kommen in der Realität aber häufig vor. Etwa bei so banalen Fragen, ob man seinen Müll beim Baden am See zum nächsten Abfalleimer bringt oder ihn einfach liegen lässt.
Bei einem Wettbewerb des Politologen Robert Axelrod wurde das Gefangenendilemma mit verschiedenen Strategien gespielt. Es traten dabei Algorithmen gegeneinander an, die jeweils eine andere Strategie spielten, beispielsweise „Immer schweigen“, „Immer aussagen“ oder eben „Tit for Tat“.29 Wie im echten Leben meistens der Fall trafen die Spieler mehrfach aufeinander. Und es gab nicht nur zwei Spieler, sondern unzählige. Wer sich immer kooperativ zeigte, aber den Gegenspieler bestrafte, wenn der in der Runde zuvor nicht kooperiert hatte, war am Ende am erfolgreichsten.30
Der US-Autor Malcome Gladwell kommt deshalb zu dem Schluss, dass wir oft einfach unseren Instinkten folgen sollten.31 Sie seien in vielerlei Hinsicht überlegen, denn „die Intuition kann in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen treffen, die besser sind als das Ergebnis langer Überlegungen oder Studien“, wie es im Klappentext seines Buches heißt.
Einige seiner Beispiele sind allerdings mehr als fragwürdig. So führt er an, dass auf der griechischen Insel Kyros eine Statue gefunden worden sei, die alle erfahrenen Händler korrekt aufgrund ihres Bauchgefühls als Fälschung identifizierten, obwohl es dafür keine wissenschaftlichen Beweise gab.
Nur leider lassen sich gerade zu diesem Thema auch viele Gegenbeweise finden, etwa die gefälschten Hitler-Tagebücher, die erst durch eine ausführliche Analyse als Fälschungen entlarvt wurden. Gladwell räumt in seinem Buch selbst ein, wie sehr unsere Sinne immer wieder in die Irre geführt werden können.
In den vergangenen 20 Jahren ist ein ganzer Berg von Büchern entstanden, die sich mit der Unzulänglichkeit unserer Wahrnehmung befassen, beispielsweise Dan Arielys Besteller „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“32 aus dem Jahr 2008.
Der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling nennt in seinem Buch „Factfulness“33 gleich zehn verschiedene Gründe, warum unsere Beobachtung oft zu falschen Ergebnissen kommt, nämlich
den Instinkt der Kluft,
den Instinkt der Negativität,
den Instinkt der geraden Linie,
den Instinkt der Angst,
den Instinkt der Dimension,
den Instinkt der Verallgemeinerung,
den Instinkt des Schicksals,
den Instinkt der eigenen Perspektive,
den Instinkt der Schuldzuweisung und
den Instinkt der Dringlichkeit.
Dabei geht es Rosling gar nicht allgemein um die Frage, warum unsere Intuition oft falsch liegt, sondern nur darum, warum wir die Gegenwart oft negativer sehen als sie ist. Ein Thema, das wir später noch aufgreifen und dessen sich auch zahlreiche andere Autoren und Autorinnen angenommen haben.
Noch weitaus bekannter ist die Forschung der israelischen Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky. Vor allem Kahnemanns Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ wurde international zum Bestseller.34 Er beschreibt dort verschiedene Heuristiken, derer unser Gehirn sich bedient, um schnelle Entscheidungen zu treffen.
