Nur ein Moment im Leben - Michelle Reznicek - E-Book

Nur ein Moment im Leben E-Book

Michelle Reznicek

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Beschreibung

Ein Mann wird von einem einfahrenden Tram erfasst und stirbt. Niemand kennt ihn, niemand scheint es zu treffen. Der Geschäftsmann Tom ist von dem tragischen Unfall eines völlig Fremden schockiert und stellt sich die entscheidende Frage: Ist sein Tod bedeutungslos? Nur ein Moment im Leben, ist eine tiefgründige Geschichte über die seltenen Augenblicke im Leben. Augenblicke, in denen die verborgenen Verbindungen zwischen den Menschen sichtbar werden.

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Seitenzahl: 82

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ich widme dieses Buch meiner Familie,

Meinem Vater, meiner Mutter Und meiner privaten Lektorin- meiner Schwester

und Anita

Danke für euren Glauben an mich.

Kapitel:

Was, wenn …

Agatha

George

Wir vier

John

Lina

Samantha und Raffael

Edith

Artur

Ted

Der Kreis

Was, wenn …

Über sieben Verbindungen,

sind wir mit der ganzen Welt

verbunden.

Die Menschen gehen Tag für Tag aneinander vorbei.

Manchmal treffen sie aufeinander und manchmal eben nicht. Sie erinnern an Blätter, die im Herbst auf der Oberfläche eines Flusses treiben. Sie treiben willkürlich dahin. Manchmal treffen sie aufeinander, lösen sich sofort wieder und ziehen in verschiedene Richtungen davon; manchmal bleiben sie aneinander hängen, trotz flüchtiger Berührung, und lösen sich nicht; und wieder manchmal treiben sie ganz dicht aneinander vorbei – doch die Strömung verändert unvorhersehbar ihren Weg und sie sind sich ungeahnt nahe und begegnen sich doch nie. Der Strom zieht sie davon. Was Schicksal ist und was Zufall oder ob der Zufall das Schicksal bestimmt, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Zusammenhang ist vom Auge nicht zu erkennen. Doch er besteht. Wir müssen nur genauer hinsehen. Jede Tat bewirkt etwas. Nichts bleibt ungehört oder verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Niemand ist allein.

Denn von der Wiege bis zur Bahre sind wir miteinander verbunden.

Leben

Um mich herum ist ein Rauschen,

wie von Regen,

doch es ist nur das Gewirr von Worten, von

unendlich vielen Menschen

Ich schlage die Augen auf,

jäh und plötzlich

Ich bin in einer Menge von Menschen, sie

gehen alle unter Tausenden bunten Schirmen

im Regen auf einer grauen Straße,

im Halbdunkel der Welt sind die Farben ein

wenig verwischt,

unwirklich wie ein Traum

Ich höre ihre Stimmen rings herum,

doch sehe ich kein einziges Gesicht,

nur graue Gestalten, die gehen, reden, lachen

verborgen unter ihren Schirmen

Regen trommelt auf mich hinunter,

und ich blicke hinauf in den Himmel,

dies hier,

dies hier ist der Strom des Lebens,

Und ich weiß, ich gehe, gehe

inmitten von hunderten Menschen, bin

wie ein Tropfen im Regen, eine von

tausenden,

Der Himmel ist weiß vom Regen,

weit und frei,

dort ist es ganz still,

von hier bis in die Unendlichkeit,

Regen rinnt über mein Gesicht,

wie Tränen, doch Regen,

während die Menschenmenge mich wie ein

Stein auf dem Grund eines Flusses umspült.

Tom

An dem Morgen, an dem das Leben endete, waren ganz zarte Wolken am Himmel. Ein helles Blau und flüchtige Streifen Weiß am Horizont. Eben erst hatten die ersten Geschäfte geöffnet.

Noch war alles still. Noch herrschte Ruhe über den Läden der Bahnhofstraße. Es herrschte kaum Betriebsamkeit, die letzten Rollläden gingen hoch über den makellos polierten Fensterscheiben mit den Goldrändern.

Es war noch kühl vom Morgen.

Doch all das hatte keine Bedeutung mehr.

Denn an diesem Morgen endete das Leben.

Tom erreichte gerade die Traminsel am Paradeplatz. Er hatte einen Becher mit Kaffee in der einen Hand, seine Aktentasche in der anderen; er trug einen beigen Mantel und schwarze Schuhe.

Er eilte zum Kiosk, um noch eine Zeitung zu kaufen, ehe sein Tram einfuhr. Noch war alles, wie es immer war. Alles war friedlich. Bald würde ein geschäftiger Tag folgen, der sich in nichts von den anderen unterschied, und bald schon wäre er vergessen. Selbst die Kioskverkäuferin, die jeden Tag dieselbe war, ohne dass es jemand bemerkte, hätte wohl nichts Besonderes an dem Tag entdecken können. Doch an diesem Tag endete alles.

Tom versuchte, seine Zeitung zu bezahlen, ohne etwas von seinem Kaffee zu verschütten, und kramte aus seinem Portemonnaie Kleingeld. Er hatte angestrengt die Brauen zusammengezogen, weil er Mühe hatte, alles in Händen zu halten. Er kniff die Augen zusammen, weil er das gewünschte Kleingeld nicht fand oder nicht erkennen konnte. Vielleicht wurde es doch einmal Zeit für eine Brille, dachte er wieder einmal bei sich. Jemand ging nahe an ihm vorbei. So nahe, dass er ihn beinahe angerempelt hätte.

Es war laut und Tom fühlte sich von dem Lärm gestört und blickte auf.

Er wusste nicht einmal, warum er aufsah. Er blickte einfach auf, als spürte er, dass etwas kommen würde. Als hätte er es gewusst, als hätte er es schon immer gewusst – doch sich erst in diesem Moment erinnert. Er sah auf – einen Moment früher, als die Menschen um ihn herum, und blickte dorthin, wo die Welt stehen blieb.

Es war nur ein flüchtiger, ganz kurzer Moment, in dem er nur dastand, in den Händen das Portemonnaie, die Aktentasche unter den Arm geklemmt und den Kaffee zwischen den Kaugummis des Kiosks abgestellt.

Gerade eben sah er noch den Mann, wie er loslief, ohne sich umzusehen. Vielleicht fiel er Tom auf, weil dieser Mann den gleichen Mantel trug wie er selbst. Vielleicht irritierte es ihn.

Doch alles, woran er sich erinnerte, war, dass er überhaupt nichts sagte. Es war, als gäbe es in diesem Moment keinerlei Ton. Er stand da und sah zu, wie der Mann mit dem beigen Mantel einen Schritt von der Haltestelleninsel hinunter machte, den Blick nach links gerichtet und geradewegs vor das heranschnellende Tram trat.

Und die Zeit stand still. Es sah fast so aus, als wäre der Mann verschwunden. Spurlos. Als hätte er sich in Luft aufgelöst, wie ein Zauberer. Als wäre er nur eine Einbildung gewesen.

Doch das Blut, das ohrenbetäubenden Quietschen waren keine Einbildung. Doch der Mann selbst schien verschwunden. Tom hatte Mühe, aus dem Etwas, das geblieben war, noch den Menschen zu erkennen, den er zuvor gesehen hatte. Sein Hirn wollte diese Information nicht zulassen. Es hatte sich einfach ausgeschaltet und es existierte nichts mehr, was vorher war, und nichts mehr, das danach kommen würde. Es gab nur diesen Moment, in dem die Welt stillstand, den Moment, in dem der Mann spurlos verschwand.

Es war ein Polizist, der als Nächstes mit Tom sprach. Er stand vor ihm, zusammen mit einem Sanitäter und der Kioskverkäuferin. Der Polizist schien schon eine ganze Weile dort zu stehen und Tom schien sich schon eine ganze Weile mit ihm zu unterhalten, doch er konnte sich nicht erinnern, worüber sie gesprochen hatten.

Die Kioskverkäuferin war ziemlich aufgelöst und sprach wie ein Wasserfall. Sie hatte den Unfall nicht direkt gesehen und schien es nicht recht zu verstehen. Ihr Gesicht war verweint.

Tom stand einfach da, unfähig, sich zu bewegen. Es schien keinen anderen Ort mehr auf der Welt zu geben als diese Insel. Er hatte keine Ahnung, wohin er jetzt gehen sollte. Nicht einmal, ob irgendjemand irgendwo auf ihn wartete. Irgendetwas hielt ihn fest, obwohl etwas in ihm diesen Ort möglichst schnell verlassen wollte. Er blickte immer wieder zu der Stelle, an der der Mann verschwunden war. Auf der Straße war Blut. Irgendwelche Arbeiter waren gerade dabei, ein weißes Zelt aufzubauen, um den Toten zu verbergen.

Ein weißes Zelt. Ein schwarzer Wagen. Wie sinnig.

Wäre ein schwarzes Zelt besser? Dachte er bei sich. Oder angemessener? Oder vielleicht doch zu morbide? War Weiß neutraler? Aber das Zelt weckte ohnehin schon so eine dunkle Ahnung, sodass es wie ein Lügner erschien in seiner weißen Farbe. Was darunter war, ahnte man schon. Aber eigentlich war man sich nicht sicher. Oder doch? Warum durfte man es eigentlich nicht sehen? Aus Pietät gegenüber dem Toten?

Oder wurden die Menschen nicht fertig mit dem, was sie sahen? Dabei wusste doch eigentlich jeder, dass er sterben konnte – und eines Tages auch sterben würde. Tom schüttelte den Kopf, um den Kopf freizubekommen.

Was war gerade passiert? Sein Kopf und seine Erinnerung wollten nichts hergeben. Nur die flüchtigen wortlosen Bilder. Der Mann, der verschwand. Wie er sich in Luft aufgelöst hatte. Aber er war doch sicher noch irgendwo. Gleich würde das Tram weiterfahren und er würde auf der anderen Seite des Trams wieder auftauchen. Dort, wo er verschwunden war, sich vor Toms Augen in nichts aufgelöst hatte.

Die Polizei kümmerte sich nun wieder um die anderen Betroffenen. Es hatte viele Zeugen gegeben. Doch Tom war der Einzige, der früher aufgesehen hatte. Weil er etwas gespürt hatte. Irgendetwas das ihm sagte, dass gleich die Welt aufhören würde, sich zu drehen.

Einige Menschen standen rund um den Platz. Man hatte die Insel abgesperrt und sie standen auf der anderen Seite von dem rotweißen Klebeband. Tom durfte hier drin stehen, auf der Innenseite des Klebebands, ebenso wie die Kioskverkäuferin. Sie waren nur vier Menschen, hier auf der Innenseite.

Waren die anderen ausgesperrt? Was hinderte die außerhalb eigentlich dran, einfach unter dem Band durchzulaufen?

Hatte das Band irgendeine Macht? Und sperrte es die anderen aus oder sperrte es sie auch ein? Sie, die dort gestanden hatten, machte sie dieses Innensein, Innensein vom Band zu etwas Besonderem? Zu Mitverschwörern, Mitwissenden, Betroffenen? Dabei wussten sie auch nicht mehr und zugleich wussten sie alles. Sie hatten gesehen, was die anderen nicht gesehen hatten. Sie hatten gesehen, wie die Welt stehen blieb.

Hier auf der Innenseite war ein junger Mann, er wirkte gestylt, trug sein dunkles Haar halblang, steckte in einem Anzug und war wohl sonst sehr attraktiv, wenn ihm der Schrecken nicht gerade ins Gesicht geschrieben gestanden hätte. Dann war da eine blassgesichtige Frau mit rotgefärbten und gelockten Haaren, in einem roten Kostüm, dann die Kioskverkäuferin, klein und rundlich, mit wilden Locken,

Emigrationshintergrund. Und er selbst, Tom. Wir vier standen da, in der alles betäubenden Stille, und starrten an den Ort, an dem der Mann verschwunden war. Tom konnte das Ticken seiner Armbanduhr hören. Das Schlagen seines eigenen Herzens in seinen Ohren. Doch wie konnte anderswo die Zeit weitergehen, wenn sie hier doch stehen geblieben war? Alles erschien sinnlos.

Und sie standen hier, alle, auf der Innenseite des Bandes und wussten nicht recht, waren sie hier eingesperrt? Mussten sie bleiben? Hatte es eine bleibende Bedeutung? Und wenn nicht, wie konnte der Tod eines Menschen denn so wenig bedeuten?