Beschreibung

Ajahn Brahm begegnet uns diesmal nicht als Geschichtenerzähler – er berichtet aus seinem eigenen Leben. Das ist zunächst gar nicht so verschieden von unserem, denn selbst der ausgeglichenste buddhistische Mönchs wird von niederschmetternden Ereignissen und unangenehmen Zeitgenossen mitunter gehörig auf die Probe gestellt. Aber die Antworten, die Ajahn Brahm und Master Guojun auf die kleinen und großen Krisen des Lebens geben, können Mut und Inspiration für uns alle sein. Humorvoll und berührend zeigen die beiden buddhistischen Meister, wie wir selbst schwierigste Situationen annehmen, mit ihnen Frieden schließen und sogar an ihnen wachsen können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 152


ADAS BUCH

Auch im Leben buddhistischer Mönche gibt es Schwierigkeiten und Probleme: Ob quälender Schlafmangel, plötzliche Krankheit, Neid, Missgunst oder dass man auch als Vegetarier manchmal eine Kröte schlucken muss – anhand ihrer ganz persönlichen Erfahrungen erzählen Ajahn Brahm und Master Guojun, welchen Herausforderungen sie sich stellen mussten und wie sie diese gemeistert haben. Die beliebten buddhistischen Weisheitslehrer zeigen, wie wir zu innerer Ruhe und Kraft finden und uns – egal, wie die äußeren Umstände sein mögen – ein offenes Herz bewahren. Ihre inspirierende, zutiefst menschliche Art weist uns den Weg zu umfassender Liebe zum Leben, auch und gerade in all seiner Unvollkommenheit.

DIE AUTOREN

Ajahn Brahm, geboren 1951 in London, studierte theoretische Physik an der Universität von Cambridge und ist seit mehr als 40 Jahren buddhistischer Mönch. Neun Jahre lang lebte, studierte und meditierte er in einem thailändischen Waldkloster unter dem Ehrwürdigen Meister Ajahn Chah. Heute ist Ajahn Brahm Abt des Bodhinyana-Klosters in Westaustralien und einer der beliebtesten und bekanntesten buddhistischen Lehrer unserer Zeit.

www.bswa.org

Master Guojun, geboren 1974 in Singapur, ist einer der bekanntesten Zen-Meister im asiatischen Raum. Er studierte tibetischen und Theravada-Buddhismus und praktiziert seit 1997 intensiv Meditation. Gegenwärtig ist Master Guojun Vorsitzender des Mahabodhi-Klosters in Singapur.

Ajahn Brahm

Master Guojun

Nur wer loslässt, kann auch fliegen

Buddhistische Lebensweisheit, um Schwierigkeiten gelassen zu meistern

Herausgegeben von Kenneth Wapner

Aus dem Englischen übertragen

von Karin Weingart

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Falling is Flying. The Dharma of Facing Adversity« bei Wisdom Publications, Somerville, Massachusetts, USA.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © 2019 by Master Guojun

Copyright © 2019 by Ajahn Brahm

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Lotos Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Christine Klell, Wien, unter Verwendung eines Motivs von Roman4 und Christine Klell

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-24891-8V001

www.Integral-Lotos-Ansata.de

www.facebook.com/Integral.Lotos.Ansata

Statt Ihren Geist mit Groll, Gemotze, Schuldzuweisungen,

Bestrafungen und Angst disziplinieren zu wollen,

versuchen Sie es doch einmal mit etwas weit Effektiverem:

er freundlichen Güte, Sanftheit und Versöhnlichkeit,

die das Friedenschließen mit dem Leben nach sich zieht.

AJAHN BRAHM

Im freien Fall ist nichts mehr stabil und

gibt es nichts mehr, woran man sich festhalten könnte.

Keine Chance, den Gang der Dinge noch zu steuern.

Wir müssen uns ergeben, und mit dieser Kapitulation

eht ein Vorgeschmack auf die Befreiung einher.

MASTER GUOJUN

Inhalt

Vorbemerkung des Herausgebers

TEIL I.

NICHT KURIEREN – KÜMMERN!

Ajahn Brahm

1 Auf das Leben zugehen – so schwierig es auch sein mag

2 Nicht kurieren – kümmern!

3 Der Wind des Wollens

4 Güte vor allem anderen

5 … nichts ist …

6 Freiland-Frosch: ein einfaches Leben in Dankbarkeit

7 Geben

8 Hahayana: ein schneller Tritt in den Hintern von Glück und Weisheit

9 Nach der Entscheidung spielt die Musik

TEIL II.

FLIEGENDES WEISS

Master Guojun

10 Adlerholz: die Transformation der Gifte

11 Fliegendes Weiß: einzigartig und nicht reproduzierbar

12 Heheyana: nur bitte keine Erwartungen!

13 Nichts Besonderes

14 Kommen lassen … gehen lassen

15 Das geistige Feld bestellen

16 Fluss und Salzfisch

17 Begrüßen wir das Ungewisse

18 Himmelspoem III

19 Die sieben Chan-Wunder: genau hier, genau jetzt

20 Viele Gerichte – eine Mahlzeit

21 Alles gut so, wie es ist

22 Provoziertes Wachstum

23 Angemessen? Einfach angemessen

24 Höllensaat: Blick unter die Oberfläche

25 Die Welt aufwecken

Über die Autoren

Vorbemerkung des Herausgebers

Im Rahmen seiner »Happiness Every Day«-Tour durch Indonesien im Jahr 2016 trat Ajahn Brahm gemeinsam mit Chan-Meister Guojun vor ein großes Publikum. Auf den dort gehaltenen Lehrvorträgen sowie Gesprächen, die ich anschließend mit den beiden spirituellen Meistern führen durfte, beruht das vorliegende Buch.

Es war die Zeit einer großen Kontroverse. Ajahn Brahm hatte Frauen ordiniert. Dies führte zu seinem Ausschluss aus der thailändischen Waldtradition seines Lehrers Ajahn Chah und auch dazu, dass die Bande seiner australischen Organisation zum Mutterkloster Wat Nong Pah Pong in Thailand zerschnitten wurden.

Master Guojun seinerseits war zum Ziel einer Schmutzkampagne geworden. Sein Fall war sehr kompliziert und hatte ebenfalls mit den traditionellen Ordensregeln zu tun. Nicht zuletzt die Frage, was im Buddhismus als rechtes Tun gelten sollte, und der Umgang religiöser Gemeinschaften mit Geld und Macht spielten eine Rolle. Für beide Lehrer stellten solche Ereignisse bedeutsame Bewährungsproben dar: Wie reagieren Dharma-Meister, wenn es hart auf hart kommt? Genau dies war meine erste Frage, als die Planung für das Buch begann.

Sobald ich aber die beiden Mönche interviewte und tiefer in die Thematik einstieg, erweiterte sich mein Blickwinkel entscheidend. Von jetzt an ging es weniger um die äußeren Konflikte, in denen sich Ajahn Brahm und Master Guojun aktuell wiederfanden, als vielmehr um innere Herausforderungen, vor die das Leben sie stellte, speziell ihre Beziehung zum eigenen Lehrer. Die Geschichten von früher, die sie erzählten, sprachen mich sehr an, vor allem wenn es dabei um das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ging. Es berührte mich, wenn die beiden in bewegenden Worten über die isolierte, gleichsam insulare Sphäre des waldklösterlichen Buddhismus sprachen, die sie in ihrer Jugend kennengelernt hatten. Unsere globalisierte Mediengesellschaft kennt diese einzigartigen Gemeinschaften nicht mehr. Deren verlorene Kostbarkeit wenigstens in Ansätzen wieder aufleben zu lassen, wurde mir zum persönlichen Anliegen.

Zu erfahren, wie Ajahn Brahm und der Ehrenwerte Guojun sich stets allen Situationen und Prüfungen des Lebens stellten, gereicht uns als Vorbild, damit auch wir angemessen mit unseren eigenen Problemen umgehen können. Wir alle wohl wünschen uns, dass das Leben anders sein sollte, als es nun einmal ist. Wir können nun aber nicht selbst darüber befinden, welche Schwierigkeiten es uns in den Weg wirft.

Zwei sehr besondere Menschen zeigen uns hier, wie wir selbst zu innerer Stärke und Kraft finden und – egal, wie die äußeren Umstände sind – ein offenes Herz bewahren können. Ihre inspirierende, zutiefst menschliche Art weist uns den Weg zu umfassender Liebe zum Leben, auch und gerade in all seiner Unvollkommenheit.

Kenneth Wapner

Teil I

Nicht kurieren – kümmern!

Ajahn Brahm

Auf das Leben zugehen – so schwierig es auch sein mag

2009 baten mich vier hochqualifizierte Bhikkhunis, voll ordiniert zu werden. Unerwartet kam dieses Anliegen nicht; in unserer Tradition wurde schon länger über die ungleiche Behandlung von Mönchen und Nonnen diskutiert. Denn im Theravada-Buddhismus hatte es seit circa tausend Jahren keine volle Bhikkhuni-Ordination mehr gegeben. Und wie man mir gesagt hatte, war es aus rechtlichen Gründen unmöglich, diese Praxis wiederaufzunehmen. In Asien stellte das kein großes Thema dar, ganz anders dagegen in der westlichen Welt, wie etwa in Australien, wo ich lebe.

Das Problem bei der Ordination von Bhikkhunis: Es gab zu wenige. Denn im thailändischen Theravada sind fünf voll ordinierte Bhikkhunis erforderlich, um weitere ordinieren zu können. Für den Fall, dass diese Zahl nicht erreicht wurde, schloss der Vinaya, die Sammlung buddhistischer Ordensregeln, in der die Zeremonie behandelt wird, eine Ordination aus – was ein echtes Dilemma war: Diese Regel brachte viele Mönche in große Verlegenheit. So auch mich. Denn wann immer ich erwähnte, dass »allen Lebewesen« Mitgefühl gebühre, kam ich mir wie ein Heuchler vor. Es war ganz so, als würde ich die Frauen absichtlich ausschließen. Als ob mein Mitgefühl nur selektiv wäre.

Die Nonnen in den Klöstern trugen die gleichen weißen Roben wie die Anagarikas, also jene Mönche, die noch am Anfang ihrer klösterlichen Laufbahn standen. Sie übten auch die gleichen Pflichten wie diese aus, was westliche Buddhistinnen und Buddhisten in der Regel als zu hart und als herabsetzend empfanden. Darüber hinaus mussten die Frauen acht zusätzliche Regeln einhalten. Und während die Männer die Chance einer höheren Ordination hatten, blieb dies den Frauen versagt – bloß wegen ihrer Geschlechtszugehörigkeit.

Zwar wurden auch Orden gegründet, in denen die Nonnen braune Roben trugen und zehn Regeln zu befolgen hatten. (In Myanmar heißen diese Nonnen Sayalays und im Westen Siladharas.) Auch sie wurden aber als Ordenspersonen zweiter Klasse betrachtet, die nicht denselben Respekt genossen und nicht die Höflichkeitsbezeugungen erwarten durften, wie sie den Männern zustanden, weil es dafür in den Texten des Theravada-Buddhismus keine Grundlage gab.

Einmal kam mir auch zu Ohren, dass Mönchsälteste einer Sangha von Siladharas, die in ein und demselben Kloster lebten, überfallartig die folgenden fünf Punkte aufzwangen, ohne sie vorher davon in Kenntnis gesetzt, geschweige denn nach ihrer Meinung gefragt zu haben:

Der jüngste Bhikkhu ist der ältesten Siladhara übergeordnet. Dieses grundsätzliche Verhältnis ist so im Vinaya definiert und kann niemals geändert werden.Bei öffentlichen Anlässen wie dem Segnen, Chanten oder Halten eines Lehrvortrages obliegt die Leitung stets dem ältesten anwesenden Bhikkhu. Dieser darf, sollte er es für richtig halten, die infrage stehende Aufgabe an eine Siladhara delegieren. Daraus lässt sich aber unter keinen Umständen der Anspruch auf eine über den Einzelfall hinausgehende geteilte Leitung ableiten.Für die Ordination und Führung der Siladharas ist nicht deren Älteste verantwortlich, sondern die Sangha der Bhikkhus. Die Kandidatinnen sollten die Zustimmung der Siladhara und die Billigung der durch die Mitglieder des Ältestenrats vertretenen BhikkhuSangha erhalten.Am Pavarana-Tag anlässlich des Endes der Regenzeit ist die Siladhara-Sangha in Übereinstimmung mit dem Vinaya gehalten, der Bhikkhu-Sangha eine Einladung auszusprechen.Die Siladhara-Ausbildung gilt in unserer Tradition als geeignetes Fahrzeug zum Erreichen der Befreiung. Sie ist in ihrer gegenwärtigen Form vollständig; eine Weiterentwicklung, etwa hin zur Bhikkhuni-Ordination, ist INDES nicht vorgesehen.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass die Siladharas außerhalb des Vinaya stehen und die Klosterregeln des Theravada-Buddhismus nicht auf sie angewendet werden können.

Diese diskriminierenden, erniedrigenden Vorschriften, die unsere Bhikkhunis zu ewiger Zweitklassigkeit verdammten, hatten zur Folge, dass weibliche Ordenspersonen immer wieder das Klosterleben aufgaben. Manche zogen in ein anderes westliches Land, und eine Reihe lang gedienter Laienunterstützer wandte sich ganz vom Buddhismus ab, so empört waren sie.

Als mich die vier Nonnen also formell baten, ordiniert zu werden, sagte mir mein Herz, dass es darauf nur eine Antwort geben konnte: Ihnen die Ordination zu verweigern wäre ethisch unvertretbar. Und das trieb dann den Deckel vom Topf.

Sechs Monate nachdem mein Meister Ajahn Chah mich und den mir vorgesetzten Ajahn Jagaro nach Australien geschickt hatte, gründeten wir das Mönchskloster Bodhinyana. Der Aufbau eines Nonnenklosters war unsere nächste Aufgabe. In allen mir bekannten gemischten Klöstern dominierten die Mönche, während die Frauen in eine untergeordnete Rolle gedrängt wurden. Aus diesem Grund hielt ich es für wichtig, dass die Bhikkhunis einen eigenen Ort für ihre Praxis erhielten – außerhalb von Bodhinyana.

Auf der Suche nach einem Grundstück fanden wir zunächst gut 61 Morgen unwirtliches Land, umgeben von Farmen und leider ohne die ruhige Einsamkeit, die für die kontemplative Praxis erforderlich ist. Bodhinyana war herrlich, mit seinen 485 Morgen Land inmitten ursprünglicher Wälder auf abwechslungsreichem Hügelland. Die Frauen nun an einen so viel weniger geeigneten Ort zu verbannen fühlte sich zutiefst respektlos an – nicht anders, als sie sonst auch behandelt wurden. Ging gar nicht! Dann allerdings erfuhren wir von 871 Morgen hügeligen Waldlandes in Gidgegannup, etwa achtzig Minuten von Bodhinyana entfernt. Und um es kurz zu machen: Wir konnten das Gelände erwerben und Dhammasara auf den Weg bringen …

Unsere Bhikkhunis bauten das Kloster auf. In den ersten fünf Jahren erbrachten Ayya Vayama und neun andere Novizinnen Höchstleistungen, allen Widrigkeiten – miserablen Wohnverhältnissen und geringer Unterstützung – zum Trotz.

Eine gewisse Unabhängigkeit hatten sie nun gewonnen, die volle Ordination aber konnten sie immer noch nicht nehmen. Und ihr Status blieb auch weiterhin dem der Mönche unterlegen – in Übereinstimmung mit der alten Theravada-Tradition, die vor tausend Jahren die volle Ordination von Bhikkhunis abgeschafft hatte.

Nachdem ich beschlossen hatte, die Bhikkhunis zu ordinieren, bemühte ich mich um eine Lösung, die nicht gegen den Vinaya verstieß. Im Selbststudium brachte ich mir Pali bei, eine mittelindische Sprache, die ganz ähnlich strukturiert ist wie das Latein, das ich in der Schule gelernt hatte. So konnte ich mich in den ursprünglichen buddhistischen Kanon vertiefen. Es überzeugten mich die Schlussfolgerungen, zu denen die sogenannte Konvergenztheorie kommt. Deren Vertreter haben die Texte unter dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen untersucht – linguistisch, archäologisch, geschichtlich, politisch – und herausarbeitet, welche Teile davon tatsächlich zu Lebzeiten des Buddha aufgeschrieben wurden und seine Worte beziehungsweise Lehren mithin authentisch wiedergeben, und welche später hinzugefügt wurden. Das war insofern von Bedeutung, als es die Behauptung stützte, aufgrund bestimmter Lehren in den Hauptbüchern der Dhamma-Vinaya-Tradition sei eine Wiederaufnahme der Ordination von Bhikkhunis durchaus möglich.

Sorgfältige Recherchen ergaben, dass um das Jahr 1200 herum Bhikkhunis von Sri Lanka nach China segelten, um dort die Frauenordination einzuführen. Ihre Überlieferungslinie war, wie es der Vinaya vorsah, ungebrochen. Die Chinesen gelten zu Recht als hervorragende Archivare. Und die dort entstandene Tradition der Ordination von Bhikkhunis war zweifellos authentisch.

Im Buddhismus sind wir zunächst einmal Mönche; demgegenüber ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule von untergeordneter Bedeutung. Und für Nonnen gilt dasselbe. Mönche und Nonnen zogen von Kloster zu Kloster, und wo immer sie auch blieben, wurden sie als Brüder und Schwestern betrachtet.

Die Rechtmäßigkeit einer Ordination beruht auf den folgenden vier Faktoren:

Die Zeremonie findet in klösterlichem Rahmen statt, und alle Mitglieder der Sangha sind anwesend oder haben eine Vertretungsperson bevollmächtigt, in ihrem Namen zu sprechen.Der für die Ordination vorgesehenen Person ist es – etwa aus Altersgründen – nicht verboten, sich ordinieren zu lassen.Formal folgt der Akt der Ordination – durch die Sangha, einen Antrag sowie drei Ankündigungen – dem im Vinaya niedergelegten Prozedere.Bei der Zeremonie sind mindestens fünf beziehungsweise in Mittelindien (entspricht in etwa dem Gangestal) zehn Bhikkhunis anwesend.

Wohlbemerkt: In der vierten Voraussetzung ist nicht die Rede davon, dass die genannte Mindestmenge der Bhikkhunis aus einem Kloster, einer Überlieferungslinie oder Sekte beziehungsweise Schule oder Strömung stammen muss. Solange es sich um legitime Bhikkhunis handelt, erfüllen alle das Quorum.

Die Idee der verschiedenen Sekten wird im Vinaya nana-samvasa genannt. Für die Spaltung einer Sangha in zwei Sekten gibt es im Buddhismus nur zwei legitime Gründe: entweder die Exkommunikation aus der Sangha durch einen formalen Akt namens ukkhepaniyakamma oder freiwilliges Verlassen der Gemeinschaft. Auch für das neuerliche Zusammenfinden gibt es nur zwei legitime Gründe: Entweder die Sangha hebt die Exkommunikation auf oder die Betreffenden beschließen, sich (wieder) zu vereinigen. Demnach können dem Vinaya zufolge fünf Bhikkhunis gleich welcher Tradition zusammenkommen und eine Zeremonie durchführen, in der eine Bhikkhuni neu ordiniert wird. Die Farbe der Roben und die Rituale im Anschluss an die Zeremonie sind für die Rechtmäßigkeit der Ordination vollkommen irrelevant.

So ordinierten vor etwa achthundert Jahren Theravada-Bhikkhunis aus Sri Lanka Frauen aus China und begründeten auf diese Weise die Überlieferungslinie in dem Land. Die sri-lankischen Bhikkhunis kehrten vermutlich irgendwann in ihre Heimat zurück; ihre Schützlinge in China arbeiteten weiter an sich und bildeten im Laufe der Zeit die speziellen Rituale, Kleidervorschriften und Interpretationen heraus, die heute für den Mahayana-Buddhismus charakteristisch sind.

Besonders wichtig aber: An der Legitimität der Ordination auf Basis der genannten vier Faktoren änderten sie nichts. Sie gilt bis heute.

Ein Hauptargument gegen die volle Ordination von Frauen war jene Passage im Pali-Kanon, in der Ananda den Buddha bittet, seine Stiefmutter Mahapajapati Gotami zu ordinieren. »Wenn wir Nonnen ordinieren, hat der Buddhismus anstelle von tausend nur fünfhundert Jahre Bestand«, soll der Buddha geantwortet haben. Allerdings erfüllte er Anandas Bitte, und zwar nachdem dieser ihn gefragt hatte, ob denn Frauen etwa nicht genauso zur Erleuchtung gelangen könnten wie Männer. Diese Geschichte steht weder in der chinesischen noch in der Sanskrit-Version des Textes. Und ich vertrete keineswegs als Einziger die Überzeugung, dass es sich hier um einen späteren Zusatz zum Kanon handelt und nichts ist, was der Buddha, der ja bekanntermaßen keine Vorhersagen traf, gesagt hätte. Und selbst wenn es aus seinem Mund gekommen wäre: Dann hätte er sich eben getäuscht!

Eine starke Lanze für die Frauenordination wird an anderer Stelle in den Schriften gebrochen:

Kurz nach seiner Erleuchtung bekommt der Buddha Besuch von Mara.

»Tja«, sagte Mara. »Dass du erleuchtet bist, habe ich ja verstanden. Aber warum willst du jetzt auch noch unterrichten? Das bringt dir doch nichts als Kopfschmerzen ein.«

»Bevor ich die vier Säulen des Buddhismus nicht errichtet habe, werde ich nicht sterben«, gab der Buddha zurück, »also die Sangha der Mönche, die Sangha der Nonnen, die Sangha der starken Laien männlichen und die der starken Laien weiblichen Geschlechts.«

Fünfundvierzig Jahre später besuchte Mara den Buddha wieder und erinnerte den Buddha an sein Versprechen.

»Du hast es geschafft«, sagte Mara. »Es gibt jetzt Tausende Mönche und Nonnen sowie Hunderttausende von Laienunterstützern und -unterstützerinnen. Jetzt kannst du in aller Ruhe sterben.« Und tatsächlich, drei Monate später hat der Buddha das Zeitliche gesegnet.

Als seine Mission bezeichnete er nach seinem Erwachen also speziell den Aufbau einer der Gemeinschaft der Männer gleichgestellten Frauen-Sangha. Sie stand mit im Zentrum seiner Lehrtätigkeit.

Meine Sangha und ich waren der festen Überzeugung, dass die Vollordination von Frauen gegen kein Gesetz verstieß. Wir luden fünf Bhikkhunis aus San Francisco ein, die Ordination durchzuführen. Sie hielten eine wunderbare, sehr bewegende Zeremonie ab.

»Endlich! Endlich!«, riefen die Angehörigen unserer Sangha. »Den Theravada-Buddhismus haben wir ja immer geliebt. Aber wie ihr mit den Frauen umgegangen seid … das war ganz schrecklich.«

Manche Mitglieder unserer Traditionslinie hatten ihr ganzes Leben lang darauf gewartet. Und jetzt geschah es tatsächlich. Direkt vor ihren Augen.

Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass wir nun endlich voll ordinierte Bhikkhunis hatten. Und ich empfand es als unglaubliche Bereicherung des Buddhismus.

In unserer Tradition gibt es eine Reihe großer Dhamma-Lehrer weiblichen Geschlechts, auf die wir sehr stolz sind. Ich mag besonders die auch als »Mantelgeherin« bekannte Patacara. Gegen den Willen ihrer aristokratischen Eltern lief sie mit einem guten Mann aus einer niederen Kaste davon. Als sie ihr zweites Kind erwartete, bat sie ihren Gatten, sie in ihr Heimatdorf zurückzubringen, damit ihre Mutter sie bei der Geburt unterstützen konnte.